10. Die dritte Reise des Columbus und die Entdeckung Südamerikas.

Wiederum zog der Entdecker, wie bei seiner Rückkehr von der ersten

Fahrt, mit prunkendem Gefolge durch Spanien an den Königshof. Die

vornehmsten Indianer wurden mit goldenem Schmuck behängt, den sie

recht augenfällig zur Schau tragen mußten. Andere zeigten Gewürze und

feine Hölzer. Dadurch sollte der Glaube an den Reichthum der neuen

Länder wieder aufgefrischt und beim Volke verbreitet werden. Durch

die Sicherheit seines Auftretens wußte er selbst seiner Behauptung,

in Haiti das Ophir Salomos gefunden zu haben, Eingang zu verschaffen.

Zwar waren die Zeitverhältnisse seinen weiteren Plänen wenig günstig,

denn einerseits war Aragonien mit Frankreich in Krieg verwickelt und

alle verfügbaren Mittel und Kräfte des Landes wurden gesammelt, um

das Königreich Neapel den Franzosen wieder zu entreißen, andererseits

war die große Gönnerin des Columbus, die Königin Isabella, durch

Familienangelegenheiten, durch die bevorstehende Vermählung ihrer

Kinder, des Infanten Don Juan und der Infantin Dona Juana mit den

Kindern des Kaisers Maximilian, dem Erzherzog Philipp und der

Prinzessin Margarethe von Oesterreich, vollständig in Anspruch

genommen. Trotzdem fanden die spanischen Monarchen noch Gelegenheit,

den Bericht des Admirals anzuhören und ihm die wiederholte Versicherung

ihrer Gunst auszusprechen. Wenn somit auch nicht sofort zur Ausrüstung

eines neuen Geschwaders verschritten werden konnte, so fand Columbus

doch Gelegenheit, sich seine Privilegien von neuem bestätigen und die

Rechte eines Admirals neu verbriefen zu lassen. Auch die eigenmächtig

vorgenommene Ernennung seines Bruders Bartolome zum Statthalter

(~adelantado~) wurde nachträglich bestätigt. Eine neue Verzögerung

erlitt die Vorbereitung zur dritten Reise durch den unerwarteten Tod

des spanischen Thronerben Don Juan, am 4. October 1497. Die bereits

für die indischen Unternehmungen bewilligten Gelder mußten für den

französischen Krieg verausgabt werden, so daß erst im Januar 1498

zwei Schiffe mit Vorräthen nach Haiti, zur Versorgung der Colonie,

vorausgesendet werden konnten. Die fortdauernden Störungen seines

Planes, die in einflußreichen Kreisen offen zu Tage tretende Misgunst

gegen seine kostspieligen Unternehmungen lasteten schwer auf dem

ungeduldig harrenden Admiral und verstimmten ihn tief. Da für eine

neue, auf der Südseite der Insel anzulegende Colonie sich nur mit Mühe

eine hinlängliche Anzahl von Auswanderern freiwillig aufbringen ließ,

so verfiel Columbus auf den gefährlichen Gedanken, sein indisches

Reich mit Sträflingen zu bevölkern. Die spanischen Gerichte erhielten

die Anweisung, alle Verbrecher, welche mit Verbannung bestraft

werden mußten, nach Indien zu verweisen. Auch die portugiesische

Regierung hatte bei den Fahrten Gamas und seiner Nachfolger zu dem

Mittel gegriffen, einige Verbrecher zur Ausführung lebensgefährlicher

Unternehmungen, Kundschaften und dergleichen mit an Bord zu senden;

Columbus ging aber in seinem Plane weiter, und machte die Verbrecher zu

Colonisten, welche in der jungen, nur mühsam zu erhaltenden Ansiedlung

die Elemente der Unzufriedenheit und Gährung verstärkten. Dazu kam der

immer mehr zu Tage tretende Zwiespalt des Admirals mit dem Bischof

Fonseca als dem Leiter des indischen Amts, welcher sich den zu hohen

Anforderungen des Columbus überall widersetzte. In Folge dieser

Misstände und des Miskredits, dem die indischen Angelegenheiten bereits

unterlagen, konnte Columbus erst am 30. Mai 1498 die Rhede von San

Lucar de Barrameda an der Mündung des Guadalquivir mit sechs Schiffen

verlassen und in See gehen.

Um französischen Kaperschiffen, welche ihm vom Cap S. Vicente aus

den Weg verlegen wollten, auszuweichen, steuerte der Admiral auf

einem Umwege nach Madeira, wo er sich sechs Tage aufhielt, und dann

weiter nach den Canarien. Auf der Höhe der Insel Ferro entsandte

er drei Schiffe direct nach Haiti und gebot ihnen denselben Cours

einzuschlagen, welchen er 1493 genommen hatte, und an der Küste

Hispaniolas entlang zu seiner Colonie zu segeln, um derselben neue

Hilfsmittel zuzuführen. Er selbst ging weiter gegen Südwesten nach den

Capverden, indem er ein größeres Schiff und zwei Caravelen bei sich

behielt. Seine Absicht war, die heiße Zone aufzusuchen und in der Nähe

des Aequator über das Weltmeer nach Westen zu steuern, denn hier hoffte

er die kostbarsten Produkte zu finden. In dem allgemeinen Glauben der

Zeit, daß nur die heiße Zone neben den schwarzhäutigen Bewohnern auch

die edelsten Erzeugnisse hervorbringe, wurde er durch die Mittheilungen

eines angesehenen Seemanns bestärkt, welcher auf Anregung der Monarchen

ihm seine Gedanken darüber in einem schmeichelhaften Briefe[248]

mittheilte. Moisen Jaime Ferrer aus Blanes, einem catalonischen

Hafenorte nordöstlich von Barcelona, huldigte in seinem Schreiben

den überschwenglichen Vorstellungen, welche der Admiral von seiner

Sendung selbst hatte. Er nannte die Entdeckungsfahrt mehr göttlich

als menschlich, bezeichnete den Führer als einen Abgesandten Gottes,

welcher ausersehen sei, in den unbekannten Westen das Christenthum

zu tragen, wie einst der heilige Apostel Thomas nach dem Osten,

nach Indien gezogen sei. Er sprach dabei die Hoffnung aus, daß sein

Unternehmen zur Ehre Gottes und zu Nutz und Frommen der ganzen

Christenheit, besonders Spaniens gedeihen werde und behauptete, daß

nach allen seinen Erkundigungen, welche er in Syrien und Aegypten bei

den Händlern über die Herkunft der werthvollsten Produkte eingezogen

habe, Edelsteine, Gold, Gewürze und Droguen größtentheils aus der

heißen Zone stammten, und daß Columbus diese Dinge nur dort erst in

Ueberfluß antreffen werde, wo die Menschen schwarz oder dunkelhäutig

wären.

Diese Ideen waren für den Admiral maßgebend, und er machte sie sich

dergestalt zu eigen, daß er aus ihnen wiederum als aus unanfechtbaren

Lehrsätzen seine seltsamen kosmographischen Folgerungen zog. Wir

besitzen von Columbus selbst einen ausführlichen Bericht über den

Verlauf seiner dritten Reise,[249] in welchem diese merkwürdigen

Ansichten niedergelegt sind. Die eigenthümliche Gemüthsstimmung, welche

diese Erzählung durchweht, und welche die Behauptung Ferrers, daß

auch er den Columbus für das unmittelbare Werkzeug Gottes halte, noch

verstärkte, lernen wir am besten aus den eigenen Worten des Entdeckers

kennen, mit denen er den Verlauf seiner ersten Fahrten und die später

lautwerdende Misgunst berührt. „Ich zog aus,“ schreibt der Admiral,

„im Namen der heiligen Trinität und kehrte bald wieder heim, mit dem

Beweis in der Hand von alle dem, was ich gesagt hatte. Ew. Hoheiten

schickten mich zum zweitenmale und ich entdeckte in kurzer Zeit durch

Gottes Gnade das Festland im äußersten Osten auf einer Strecke von 330

Leguas,[250] und dazu noch 700 Inseln. (!) Ich umsegelte die Insel

Hispaniola, welche größer als Spanien ist.“ Diese arge Uebertreibung

erklärt sich nur daraus, daß Columbus, ohne eigne Berechnung einfach

die auf den Karten (man vergleiche den Globus Behaims) niedergelegte

Größe Cipangus (denn dafür hielt er die Insel Haiti), mit jener von

Spanien verglich und beide Länder ziemlich gleichgroß gezeichnet

fand; denn in Wahrheit ist Spanien mindestens sechsmal und die ganze

pyreneische Halbinsel, welche Columbus wahrscheinlich im Auge hatte,

sogar mehr als siebenmal so groß wie Haiti. „Dann,“ fährt der Admiral

fort, „erhoben sich Klagen und Verdächtigungen, um meine Unternehmungen

zu verkleinern, weil ich nicht gleich mit goldbeladenen Schiffen

heimkehrte. Die Kürze der Zeit und andere Hemmnisse wurden dabei nicht

in Rechnung gebracht. Daher fiel ich, entweder wegen meiner Sünden

oder zu meinem Heile, wie ich glaube, in Misgunst und fand bei allem,

was ich sagte und wünschte, Widerstand.“ Weiter zeigt er dann mit

ausführlichen historischen Belegen, daß er für Spanien das Goldland

Ophir wiedergefunden und in Besitz genommen habe. „Von den Capverden

segelte ich 480 ~millas~ oder 120 Leguas gegen Südwesten (Anfang

Juli), wo ich fand, daß der Polarstern 5 Grad hoch stand. Da trat

Windstille ein,[251] die Hitze war so groß, daß ich fürchtete, Schiffe

und Mannschaften würden versengt. Kein Mann wagte sich unter Deck,

um auf Wasser- und Mundvorräthe zu achten.[252] Diese Hitze dauerte

acht Tage; am ersten Tage war der Himmel klar, am zweiten wurde es

nebelig und regnete es; aber wir fanden keine Erleichterung, so daß

ich glaube, wir wären alle umgekommen, wenn die Sonne wie am ersten

Tage geschienen hätte. Nach acht Tagen sandte mir Gott einen günstigen

Wind und ich steuerte nun nach Westen.“ Columbus gab also den weitern

Cours gegen Südwesten auf, weil er sich von seinen frühern Fahrten

erinnerte, daß er jenseits von 100 Leguas westlich von den Açoren stets

eine merkliche Abnahme der Hitze beobachtet hatte und daher auch jetzt

die Region der milderen Temperatur aufzusuchen beschloß. Unter der

Breite von Serra Leona, wie er meinte, steuerte der Admiral 17 Tage

mit günstigem Winde nach Westen und fand am Morgen des 31. Juli Land.

Es war eine in drei Bergen aufsteigende Inselküste. Unter dem Gesange

des ~Salve regina~ näherte man sich in freudiger Erregung dem Strande.

Die Insel erhielt den Namen +Trinidad+, das zuerst berührte Vorgebirge

wurde Cabo de la Galea (jetzt Cap Galeota) benannt. Man hatte also die

südlichste der kleinen Antillen erreicht, welche nahe an der Küste des

südamerikanischen Continentes liegt. Dieser zunächst gelegene flache

Streifen des Festlandes erhielt den Namen Gracia. Auf Trinidad bemerkte

man Häuser, von gutgepflegten Gärten umgeben und zahlreiche Menschen.

Auch Böte ließen sich blicken, aber scheu vermieden die Schiffer jede

Annäherung an die fremdartigen großen Fahrzeuge. Man suchte sie durch

Lockmittel, auch durch Musik, die vom Verdeck ertönte, zu bewegen,

näher zu kommen; aber vergebens. Man sah nur aus der Ferne, daß sie mit

Bogen und Pfeilen und hölzernen Schilden bewaffnet waren, und bemerkte

mit Staunen, daß diese Indianer eine viel hellere Hautfarbe hatten,

als die früher gesehenen. Ihre Haare waren nach spanischer Art vor

der Stirn abgeschnitten.[253] Als Bekleidung trugen sie nur einen aus

buntfarbigen Baumwollfäden gefertigten Schamgürtel.

An der Südküste Trinidads segelte der Entdecker gegen Westen, erreichte

am 1. August die westliche „Sandspitze“ der Insel, welche sich auf

zwei Leguas dem gegenüberliegenden Orinocodelta nähert. Trichterartig

verengt sich gegen Westen der Ocean zwischen Insel und Festland und

drängt die gewaltigen Massen süßen Wassers, welche sich aus den

Deltaarmen des Orinoco ergießen, unter der Wucht des nordwestlich

flutenden Aequatorialstromes zu der immer enger werdenden Straße nach

dem Pariagolfe. Das Wasser strömte mit solcher Gewalt in den Golf

hinein, wie der Guadalquibir bei Hochwasser, also ungefähr 2½ Meilen

in einer Stunde. „Wenn man weiter nach Norden fahren will,“ schreibt

Columbus, „so trifft man auf eine Reihe von Stromschnellen, welche

den Canal durchsetzen und einen furchtbaren Lärm machen. Ich glaubte,

dies komme von Felsen und Riffen, welche den Eingang sperren. Dahinter

zeigten sich zahlreiche tosende Strudel, wie wenn die Wogen sich über

Felsen brechen.“ Außerhalb des Canals gingen die Schiffe vor Anker,

denn Columbus fürchtete wegen der Strömung nicht zurückkehren und wegen

der vor ihm liegenden Untiefen nicht vorwärts kommen zu können. „Tief

in der Nacht vernahm ich vom Decke des Schiffes aus ein furchtbares

Getöse, welches von Süden her gegen das Schiff kam.“ Die wirbelnden

schiffshohen Wasserberge, welche heranrollten, drohten die Schiffe zu

kentern. Columbus war von Jugend auf mit den mannigfachsten Gefahren

der See vertraut, aber niemals war er durch die übermächtigen Gewalten

des Ocean so in Angst und Schrecken versetzt, als hier.[254]

„Am folgenden Tage,“ erzählt Columbus weiter, „sandte ich unsere Böte

aus, um die Straße zu sondiren. Man fand 6 bis 7 Faden Tiefe, aber in

heftigen Gegenströmungen flutete das Wasser hier in den Golf hinein und

dort wieder aus demselben heraus. Doch gefiel es Gott, uns günstigen

Fahrwind zu geben, und so passirte ich diese Straße glücklich und kam

bald in ruhiges Wasser. Zum Erstaunen der ganzen Mannschaft war das

Wasser im ganzen Golfe, wo man es auch schöpfte, süß und trinkbar.

Columbus steuerte nordwärts über das Becken des Golfs auf die gebirgige

Halbinsel +Paria+ zu, welche die Bucht im Norden abschließt. Hier

zeigte sich ein zweiter, noch engerer und gefährlicherer Schlund,

wo sich thurmartig einzelne dunkele Klippen aus der brandenden Flut

erhoben. Die Küste der Pariahalbinsel zog sich gegen Südwesten, und da

Columbus in dieser Richtung eine ruhige Fahrt hoffte, wendete er sich

nach Westen. Je weiter man kam, desto frischer und gesunder zeigte

sich das Wasser. Das Land schien angebaut, das Geschwader ging vor

Anker, Böte wurden zur Kundschaft ans Gestade geschickt, aber die

Hütten waren verlassen. Weiter im Westen, wo das Land flacher wurde,

hoffte man mehr Menschen zu finden und wünschte mit ihnen in Verkehr

zu treten. Wiederum wurden an der Mündung eines Flusses die Anker

ausgeworfen. Dort waren die Eingeborenen zutraulicher, näherten sich

den Fremden und gaben an, daß ihr Land Paria heiße, und daß dasselbe

weiter gegen Westen noch mehr bewohnt sei. Dies bestätigte sich auch

bald, als man noch weiter an dem Lande entlang segelte. Reizende,

dicht bewohnte Gegenden luden zum Verkehr ein. Die Eingeborenen kamen

an Bord und baten den Admiral, im Namen ihres Königs, ans Land zu

kommen. Sie trugen Goldschmuck auf der Brust und mit Perlen besetzte

Armbänder. Auf die Nachfrage, wo die Perlen gefunden würden, wiesen

sie nach Norden und bemerkten, die Fundstätten lägen nicht allzufern.

Am Lande zeigten sich die Indianer sehr höflich, die Häuptlinge an

ihrer Spitze empfingen sie, führten sie zu großen, geräumigen Häusern,

wo man die Gäste zum Niedersitzen nöthigte und mit Brod, Früchten und

verschiedenen Arten von rothem und weißem Wein bewirthete, welcher

nicht aus Trauben, sondern aus anderen Früchten bereitet war. Leider

konnte man sich nur wenig verständigen, weil man keine Dolmetscher

hatte. Von dem Mais, welchen sie anbauten, nahm Columbus später mit

nach Spanien, um dieses amerikanische Getreide auch nach der alten

Welt zu verpflanzen. Das Gold, womit sie sich schmückten, stammte

aus den Bergen an der Grenze des Landes, doch warnte man die Spanier

durch Zeichen, sich nicht dahin zu wagen, weil dort Menschenfresser

wohnten.[255]

Aber Columbus hatte nicht die Absicht, sich dahin zu wenden, noch auch

die Perlenbänke zu besuchen, denn die Mundvorräthe drohten bei der

längeren Dauer der Reise zu verderben, auch waren die Schiffe für eine

schwierige Entdeckungsfahrt nicht mehr geeignet, und endlich litt er

selbst an den Augen und fürchtete, wie es auf einer der früheren Reisen

schon geschehen war, zeitweilig des freien Gebrauchs des Augenlichts

beraubt zu werden. Da er Paria noch für eine Insel hielt, so hoffte

er sie westlich umsegeln zu können, um sich dann nordwärts zu wenden.

Ein Caravele wurde zur Prüfung des Fahrwassers vorausgesendet, man

fand aber leider, daß sich der Golf westwärts immer mehr verengte,

daß unter dem Einströmen zahlreicher Flüsse das Wasser der Bucht

vollständig Süßwasser werde, daß demnach nach dieser Richtung kein

Ausgang zu finden sei. Man mußte also umkehren, konnte aber der

Strömung wegen nicht an dem bisher besuchten und bevölkerten Gestade

von Paria wieder entlang gehen, sondern mußte, der Wirbelbewegung des

Wassers im Golfe folgend, an den flachen Ufern der Orinocoinseln hin

fast bis zum südlichen Eingang zurücksegeln und dann nordwärts den

einzigen Ausweg durch den gefürchteten Drachenschlund zwischen Trinidad

und Paria wählen. Die Erscheinung der stürmischen Wirbel an den

beiden Ausgängen aus der Pariabucht erkannte der Admiral richtig als

die Folge des Zusammenstoßes der gewaltigen Wassermassen, welche der

Orinoco ergoß, mit der Strömung des Meeres und bezeichnete die Insel

Trinidad als ein durch die abspülende Kraft der Gewässer losgetrenntes

Stück des Continents. Am 13. August gelang es dem Geschwader glücklich

die gefürchtete Straße des Drachenschlundes zu passiren und in das

caribische Meer zu kommen. „Als ich den Drachenschlund verließ,“

berichtet der Admiral weiter, „strömte das Meer so mächtig westwärts,

daß ich in einem Tage 65 Leguas zurücklegen konnte; und dabei blies

nicht etwa ein starker Wind, sondern es wehte ganz gelinde, was mich zu

dem Schlusse führte, daß das Meer gegen Süden beständig ansteigt und

dem entsprechend gegen Norden abfällt. Ich halte es für sicher, daß das

Meerwasser sich mit dem Himmel von Osten nach Westen bewegt und daß es,

weil es in diesem Striche reißender fließt, so viel Land abgespült hat,

woher die große Zahl von Inseln -- Columbus hat die Reihe der kleinen

Antillen im Auge -- entstanden ist. Und in der That bieten diese Inseln

einen weiteren Beweis dafür, da einerseits alle diejenigen Eilande,

welche sich von Osten nach Westen oder genauer von Nordwesten nach

Südosten erstrecken, breit sind, andererseits diejenigen, die sich von

Norden nach Süden oder von Nordosten nach Südwesten ausdehnen, schmal

und kleiner sind. Allerdings scheinen die Wasser in einigen Strichen

nicht dieselbe Strömungsrichtung zu haben; aber man trifft dies nur an

vereinzelten Stellen, wo sie, durch Land aufgehalten, in eine andere

Richtung gedrängt werden.

Neben diesen großartigen Anschauungen über physische Erdkunde begegnen

wir auch den wunderlichsten Vorstellungen über die Gestaltung der Erde,

die jemals ein Seefahrer ausgesprochen. Aus falschen Voraussetzungen,

ungenauen astronomischen Beobachtungen und irrigen Verknüpfungen der

Naturerscheinungen mit ein für allemal bei dem Entdecker feststehenden

Lehrsätzen, die er aus seiner mittelalterlichen Kosmographie geschöpft

hatte, baute er sich ein System von Schlüssen auf, welches in der

ungeheuerlichen Behauptung gipfelte, +die Erde habe nicht Kugelgestalt,

sondern sei wie eine Birne+ geformt.

„Irrige Beobachtungen der Bewegungen des Polarsternes in der Nähe

der açorischen Inseln hatten Columbus schon auf seiner ersten Reise

bei der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse zu dem Glauben an

eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde geführt.“ Dieser

Ausspruch Humboldts[256] findet seine Erklärung in den Bemerkungen des

Columbus über seine dritte Reise. „Ich bemerkte,“ sagt er, „daß ich den

Polarstern während der Nacht in einer Höhe von 5 Grad hatte und seine

Geleitsterne (die Sterne β und γ des kleinen Bären) grade über dem

Kopfe; dann um Mitternacht befand sich der Stern in 10 Grad Höhe und

bei Anbruch des Tages waren die Begleiter zu Füßen, in 5 Grad Höhe. Ich

sah das mit Staunen, beobachtete die Sterne mehrere Nächte hindurch auf

das sorgfältigste und mußte, da ich meine erste Wahrnehmung bestätigt

fand, es für etwas ganz +neues+ ansehen, daß auf einem so kleinen

Raume eine so große Differenz am Himmel vor sich gehen könne.“[257]

Zur Erklärung dieser „neuen“ Thatsache verfiel nun Columbus auf die

Birnengestalt der Erde. Man wird den Trugschlüssen, welche zu diesem

Resultate führten, um so leichter folgen können, wenn wir auch im

Folgenden die eigenen Worte des Admirals wiedergeben, und dadurch

zugleicherzeit die historische Localfarbe des Gemäldes bewahren.

„Ich habe stets gelesen, daß die Welt, Land und Wasser zusammen,

sphärisch sei, und die von Ptolemäus gemachten Beobachtungen, so

wie diejenigen der anderen Gelehrten, welche über diesen Gegenstand

geschrieben, haben durch die Mondfinsternisse und andere Erscheinungen

oder Beweise, welche in der Richtung nach Osten und Westen beobachtet

sind, so wie durch die Erhebung des Poles über den Horizont von Süden

nach Norden, dasselbe dargethan.“

„Ich sah aber eine so große Unregelmäßigkeit (~disformidad~,

Unterschied in der Elevation des Polarsternes), daß ich mir eine

andere Vorstellung von der Welt machte, und daß ich daraus schloß,

sie sei nicht rund, wie man es bisher beschrieben hat, sondern wie

eine Birne gestaltet (~de la forma de una pera~), welche vollkommen

rund ist, mit Ausnahme der Stelle, wo der Stil ansetzt, oder auch wie

ein ganz runder Ball, an dem auf irgend einem Punkte eine Art Warze,

wie die Brustwarze einer Frau, aufgesetzt ist, und daß dieser Punkt

der Warze höher und dem Himmel näher liegt und im äußersten Osten im

Ocean sich unter dem Aequator befindet. Ich nenne den äußersten Osten

jene Gegend, in welcher alles Land und alle Inseln endigen.[258] Zur

Unterstützung dieser Ansicht verweise ich auf die Linie 100 Meilen

westlich von den Açoren,[259] von wo gegen Westen sich die Schiffe

sanft gegen den Himmel erheben und man sich einer milderen Temperatur

erfreut. Die Magnetnadel verändert in Folge dieser Milde ihre Richtung

um einen Viertelswind, und je mehr man westwärts kommt und sich (zu

der Anschwellung der Birnenform) erhebt, um so mehr weist die Nadel

nach Nordwesten. Und diese Erhebung bewirkt die Abweichung des Kreises,

welchen der Polarstern mit seinen Begleitern beschreibt. Je mehr man

sich dem Aequator nähert, desto höher erheben sich die Gestirne über

den Horizont und desto größer wird der Unterschied in den Kreisen sein,

welche die Begleitsterne beschreiben. Ptolemäus und andere Gelehrte,

welche von dieser Welt geschrieben haben, betrachten die Erde als

kugelförmig und meinen, daß sie es überall ebenso sein müsse wie an

jenen Orten, wo sie sich befanden; namentlich auf jener Hemisphäre,

deren Mittelpunkt mit der Insel Arin zusammenfällt,[260] welche unter

dem Aequator (!) zwischen dem arabischen und persischen Meerbusen

liegt. Die Grenzen dieser Hemisphäre laufen im Westen durch das Cap

S. Vincente in Portugal, im Osten durch Cangara (Cattigara) und das

Land der Serer (vgl. oben S. 6. und 7.); und so findet sich keine

Schwierigkeit anzunehmen, daß die Erde auf dieser Hälfte kugelförmig

sei. Aber die westliche Erdhälfte gleicht einer halben Birne mit der

Anschwellung am Stiel. Ptolemäus und die übrigen, welche über die Welt

geschrieben haben, kannten diesen Theil der Erde nicht, der damals

unbekannt war, und so urtheilten sie nur nach der sphärischen Gestalt

auf der ihnen bekannten Seite.“

„Allein auf der von mir entdeckten Erdseite,“ meint Columbus, „liegen

die Verhältnisse anders und nöthigen zu anderen Schlußfolgerungen.

Denn an der Küste Afrikas, unter dem Parallel von Arguin (vgl. oben S.

91) fand ich die Bewohner dunkel und die Erde wie ausgeglüht. Unter

der Breite der Capverden waren die Eingebornen noch schwärzer[261]

und je weiter nach Süden, desto schwärzer dergestalt, daß unter dem

Parallel von Serra Leona, wo der Polarstern sich 5 Grad erhebt, auch

die allerschwärzesten Menschen wohnen.“

„Bei meiner Fahrt von hier gegen Westen stieg anfangs die Hitze noch

aufs höchste; so bald ich aber die Grenzlinie (100 Meilen westlich

von den Açoren) überschritten hatte, fühlte ich, wie die Temperatur

milder wurde, so daß mir bei der Insel Trinidad und dem Lande Gracia,

welche gleichfalls unter dem 5. Grad n. Br. liegen,[262] das Klima so

milde erschien, und Felder und Bäume so schön grün waren, wie im Monat

April in den Gärten von Valencia. Dazu waren die Eingebornen nicht

so dunkel, als ich sie früher in Indien gesehen hatte. Die liebliche

Temperatur rührt nur von der Höhe dieses Theils der Erdoberfläche her.

Folglich kann die Erde hier nicht sphärisch gestaltet sein.“

Wenn schon zu diesen mit großer Zuversicht ausgesprochenen neuen

Lehrsätzen Alexander von Humboldt bemerkt,[263] daß die Hypothese

von der Unregelmäßigkeit der Figur der Erdkugel einen Mangel an

mathematischen Vorkenntnissen und eine Verirrung der Einbildungskraft

verrathe, die uns mit Recht überraschen müsse; so wächst unser

Erstaunen und unsere Verwunderung noch mehr, wenn wir aus dem Munde des

Columbus vernehmen, daß er sich in Bezug auf astronomische Vorgänge

auf den naivsten Standpunkt des Kinderglaubens der Naturvölker stellt.

Um nämlich zu beweisen, daß auf jener birnenförmigen Anschwellung das

irdische Paradies liege, und daß er selbst so glücklich gewesen sei,

in dessen Nähe zu kommen, fährt er in seiner Deduction also fort: „Was

aber noch besonders zur Unterstützung meiner Ansicht beiträgt, ist

dieses: Als der Herr die Sonne schuf, geschah es am +ersten Punkte des

Orients+, wo +das erste Licht erschien+ (!)[264] und wo die höchste

Erhebung der Erde ist. Obwohl nun Aristoteles der Ansicht gewesen, daß

der antarktische Pol oder das Land unter ihm der höchste Theil der

Erde und dem Himmel am nächsten sei,[265] haben doch andere Gelehrte

sich dagegen erklärt und sich für den arktischen Pol ausgesprochen.

Demnach scheint also die Annahme gerechtfertigt, daß +ein+ Theil der

Erde dem Himmel näher sei als der andere. An die äquatoriale Zone

dachten sie nicht, und das ist keineswegs zu verwundern, denn über

diese Region fehlte es an einer genauen Kenntniß, da vor mir noch

niemand zur Entdeckung ausgesendet worden.“ „Dort nun,“ führt Columbus

aus, „in der Nähe des Drachenschlundes rasen die Wasser des Oceans

und kämpfen mit den Ergüssen des Orinoco, welche mit ungeheurer Wucht

nach den Ausgängen des Golfes von Paria drängen.“ Diese gewaltigen

Strömungen lassen sich nach seiner Meinung nicht anders deuten, als daß

die Süßwasserströme aus einer bedeutenden Höhe (von der birnenförmigen

Anschwellung) herabrauschen, auf welcher das irdische Paradies gelegen

ist.

„Die heilige Schrift bezeugt, daß unser Herr das irdische Paradies

schuf, und daß dort vier Flüsse aus einer Quelle entspringen. Ich finde

nicht und habe noch nie gefunden irgend eine Schrift der Griechen oder

Lateiner, welche genau die Lage des Paradieses angebe und habe es noch

auf keiner Karte gefunden, welche nach zuverlässigen Angaben gemacht

ist. Einige verlegen es nach Aethiopien an die Quellen des Nil; aber

andere, welche diese Länder durchzogen, fanden weder die Temperatur,

noch die Sonnenhöhe ihren Ideen entsprechend. Andere wieder haben das

Paradies auf den Canarischen Inseln gesucht.“

„St. Isidor, Beda, Strabon (Walafried Strabo, der Verfasser der

scholastischen Geschichte) und St. Ambrosius, Scotus und alle gelehrten

Theologen stimmen darin überein, daß das Paradies im Osten lag. Ich

nehme nicht an, daß das irdische Paradies auf einem steilen Berge

liege, wie man es uns gelehrt hat, sondern daß dasselbe auf der Höhe

der angedeuteten Anschwellung der Erde gelegen sei, welche sich aus

weiter Ferne in unmerklichem Ansteigen erhebt, und daß niemand auf

den Gipfel kommen kann; daß aber alle die Wasser, welche hier die See

bedecken (am Golfe von Paria), von dort herabkommen. Auch glaube ich

nicht, daß dieser erhabene Ort schiffbar ist oder daß dort Wasser sich

findet, vielmehr halte ich es für unmöglich, dahinanzusteigen, weil

ich überzeugt bin, daß ohne den Willen Gottes niemand zu dem Orte des

irdischen Paradieses gelangen kann.“

„Es sind hier also gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses,

und die Ansichten der heiligen und gelehrten Theologen stimmen mit

meinen Beobachtungen überein. Und wenn die Wasser (des Orinoco) nicht

aus dem irdischen Paradiese kommen, so scheint das ein noch größeres

Wunder zu sein, weil ich nicht glaube, daß man auf der ganzen Welt

einen so mächtigen und tiefen Fluß findet. Und ich glaube,“ fügt

Columbus an einer andern Stelle hinzu, „daß, wenn der erwähnte Fluß

nicht aus dem irdischen Paradiese käme, derselbe in einem ausgedehnten

Lande im Süden entspringen müßte, von welchem wir bisher noch keine

Kunde gehabt haben.“

Las Casas läßt den Entdecker sogar die Worte gebrauchen: „Sollte

es doch ein Festland sein, so wird die gelehrte Welt tief darüber

erstaunen.“[266] Der Verfasser der ~vida del Almirante~ berichtet dazu

noch bestimmter, daß Columbus, nachdem er mehrere Inseln entdeckt

hatte, überzeugt gewesen sei, in Paria das Festland erreicht zu haben,

weil er darin einen mächtigen Strom gefunden, und weil er die Angabe

der Bewohner auf den kleinen Antillen bestätigt gesehen, welche von

einem großen Lande im Süden gesprochen. Um so befremdender erscheint

das Benehmen des Admirals, der schon am zweiten Tage, nachdem er

den Drachenschlund glücklich durchsegelt hatte, mit der Strömung

gegen Nordwesten zwischen den Testigos und der Insel Margarita

hindurchsteuernd, die kaum als continental erkannten Küsten wieder

verließ und, indem er die begonnene Entdeckung kurz abbrach, nach Haiti

segelte.

War der Eindruck seiner Paradies-Hypothese so mächtig, daß er sein

Auge gegen die ermittelte Existenz einer großen Landmasse verschloß,

oder beherrschten seine Autoritäten, welche in diesen Erdstrichen

von einem Festlande nichts wußten und nichts berichteten, auch jetzt

noch seine Ansichten so sehr, daß er ihnen gegenüber und ihnen

entgegengesetzt nicht auszusprechen wagte, was der Augenschein lehrte?

Das Räthsel wird nicht gelöst durch die vorgebrachte Entschuldigung,

es habe seinen Schiffen bereits an Lebensmitteln gefehlt und er selbst

sei von einem Augenleiden befallen gewesen, so daß er sich von den

Piloten habe berichten lassen müssen. Denn wenn er wirklich zu einer

längeren Erforschungsreise ausgerüstet war, konnten doch die Vorräthe

nach Verlauf von 14 Tagen (denn länger weilte er nicht an der Küste

Südamerikas) nicht schon erschöpft sein. Auch auf den früheren Reisen

war er wochenlang durch Krankheiten an der persönlichen Leitung

der Schiffe behindert, ohne seine Unternehmungen deshalb sofort

abzubrechen. Vielleicht war es, wie Peschel angibt,[267] innere Unruhe

über das Schicksal der Colonie, die er seit 29 Monaten verlassen;

weniger wohl Besorgniß, daß die Lebensmittel, welche er zuführte,

verderben möchten, denn der größere Theil seiner Flotte war bereits von

den Canarien aus direct nach Hispaniola gegangen.

Daß er selbst den rein geographischen Werth seiner neuen Entdeckung

weniger würdigte, darf man wohl aus den wunderlichen Theorien

schließen, welche er darauf aufbaute, und daß er gegen die

Weiterführung der Küstenaufnahmen ziemlich gleichgültig geworden war,

spricht auch Humboldt aus:[268] „Columbus legte bei seiner dritten

Reise mehr Werth auf die Perlen der Insel Margarita und Cubagua als auf

die Entdeckung der Terra firma, da er bis zu seinem Tode fest überzeugt

war, schon im November 1492 auf seiner ersten Reise in Cuba einen Theil

des festen Landes von Asien berührt zu haben.“

Möglicherweise wollte er auch den immer lauter werdenden Widersachern

in Spanien nicht neue Veranlassung zu dem schon oft gehörten Vorwurf

geben, daß er in nutzlosen Fahrten viel Geld vergeude, sondern wollte

sich ganz der Pflege und Ausbeutung seiner Colonie widmen, um sie

so bald wie möglich von den Unterstützungen durch das Mutterland

unabhängig zu machen.

In fünf Tagen segelte das Geschwader von der Küste des Continents

über das caribische Meer nach Haiti. Die westliche Abdrift führte

die Schiffe über ihr Ziel hinaus, so daß, als Columbus das Ufer

seines Coloniallandes erreicht hatte, der Cours, nach Osten zurück,

eingeschlagen werden mußte, um den Platz der neuen von Bartolomé Colon

gegründeten Stadt San Domingo zu erreichen, welche an der Mündung des

Ozamáflusses lag.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 86 / 123 题