Inzwischen war aber bereits der Admiral des indischen Meeres mit einer
stattlichen Flotte zum zweiten Male über den Ocean gesegelt, ohne
den Abschluß der Verhandlungen abwarten zu können. Juan Rodriguez
de Fonseca erhielt die Leitung der indischen Angelegenheiten und
mußte, wenn auch widerstrebend, allen Forderungen des Columbus
bezüglich der Ausrüstung einer großen und theuren Flotte nachgeben,
welche aus 14 Caravelen und drei großen Lastschiffen bestand und
1200 Bewaffnete und Reiter mit an Bord nahm. Es waren Vorkehrungen
getroffen, die europäischen Hausthiere in genügender Anzahl nach
Westindien zu verpflanzen, sowie Getreide, Gemüse und Weinreben
anbauen zu können. Es war nicht mehr ein bloßes Entdeckungsgeschwader,
sondern eine Flotte mit Auswanderern; denn es galt die thatsächliche
Besitzergreifung der neuen Welt. Columbus wollte nicht allein Admiral
des Meeres sein, sondern auch den andern Theil seines neuen Titels
„Vicekönig“ durch Gründung von Colonien verwirklichen. Ein großes
Gefolge von Beamten und Soldaten mußte diesen Plan unterstützen. Als
Geistlicher wurde Fray Bernardo Boïl, ein Benediktiner von Monserrat
in Catalonien, mitgegeben, welcher von Rom aus zum apostolischen Vicar
in den neuen Ländern ernannt worden war. Auch war der spanische Adel
in diesem Seezuge vertreten: Alonso de Hojeda, Juan Ponce de Leon,
der Entdecker Floridas, sowie die späteren Statthalter von Cuba und
Jamaica, Diego Velasquez und Juan de Esquivel nahmen an dem Zuge
theil, welcher ebensowohl glänzenden Gewinn als die mannigfachsten
Abenteuer in Aussicht stellte. War dann an geeignetem Platze die
erste Niederlassung, in größerem Maßstabe als bei der ersten Fahrt
in Navidad, begründet, dann wollte Columbus seine an der Küste Cubas
abgebrochenen Entdeckungen wieder aufnehmen und nicht blos bis nach
Cipangu und Katai zu den Weltmärkten Ostasiens vordringen, sondern wo
möglich von da aus, in derselben Richtung weiter steuernd, den Erdball
umkreisen. Es war also auch eine Erdumsegelung geplant, welche der
Admiral um so eher auszuführen hoffte, weil er nach den auf der ersten
Reise gemachten Beobachtungen überzeugt war, die Erde sei nicht so
groß, als die Astronomen und Kosmographen behaupteten.
Am 25. September 1493 brach die Flotte von der Bucht von Cadix auf
und steuerte zunächst nach den Canarischen Inseln. Wir besitzen über
diese Expedition den Bericht eines Augenzeugen, des Doctor Chanca aus
Sevilla, welcher als Arzt die Fahrt mitmachte und in objectiver Weise
seine Beobachtungen aufgezeichnet hat.[235]
Am 2. October erreichte die Flotte Gran Canaria und mußte hier und
später auch in Gomera einlaufen, weil eines der Schiffe leck geworden
war und ausgebessert werden mußte. Erst am 13. October stach man von
Ferro aus in See, durchschnitt in 20 Tagen den atlantischen Ocean,
wobei Columbus einen südlicheren Weg einschlug, als auf der ersten
Fahrt.
Am 3. November, am ersten Sonntage nach Allerheiligen, entdeckte man,
unter dem allgemeinen Jubel des Schiffsvolks, das erste Land. Die
Piloten schätzten die Entfernung von Ferro auf 780 bis 800 Leguas.
Rechts neben der ersten Insel wurde noch eine andere sichtbar. Jene
war hoch und gebirgig, diese flach, aber dicht bewaldet. Als es
heller Tag wurde, erschienen auf beiden Seiten noch andere Inseln.
Die zuerst gesehene erhielt den Namen +Dominica+. Dieselbe liegt in
der Mitte der Reihe der kleinen Antillen, zwischen 15 und 16° n. Br.
Columbus erreichte also auf dieser Fahrt die westindischen Inseln an
einem Punkte, welcher 8 bis 9 Breitengrade südlicher lag, als bei
seiner ersten Unternehmung. Dominica bot aber keinen Hafen, und so
steuerte die Flotte nach der zweiten nördlicheren Insel, welche nach
dem Admiralschiffe den Namen +Maria galante+ erhielt. Hier stieg
der Flottenführer ans Land und nahm, mit dem spanischen Banner in
der Hand, von der Insel Besitz. Dieselbe schien aber unbewohnt. Der
nächste Tag führte die Entdecker nach der Doppelinsel +Guadalupe+.
Einem Versprechen zufolge, welches Columbus den Mönchen des Klosters
von Guadalupe in Estremadura gegeben, erhielt die Insel den neuen
Namen. Von der See aus bot sie einen großartigen Anblick dar: vom
hohen Gebirge stürzte sich ein prachtvoller Wasserfall ins Thal herab.
Die Landung erfolgte bei mehreren verlassenen Hütten, in denen man
Lebensmittel und viel, zum Theil verarbeitete Baumwolle fand, aber
auch Menschenknochen. Die Insel war also von Menschenfressern bewohnt.
„Menschenfleisch ist ihr bestes Essen, Knaben werden verschnitten und
zu Festmahlen aufgemästet.“ Von einzelnen gefangenen Insulanern erfuhr
man, daß die Bewohner Cariben hießen. Man deutete den Namen auf Canib
und dachte sich die Leute als Unterthanen des Großchanes, nach dessen
Lande man suchte. So entstand durch Misverständniß und falsche Deutung
bald die Bezeichnung der Canibalen für die wilden Stämme, welche ihre
Mitmenschen verzehrten. Bei dem Verkehr mit den Indianern leisteten
die auf der ersten Entdeckungsreise entführten Bahama-Insulaner
als Dolmetscher wesentliche Dienste. Leider waren von den sieben
Mitgenommenen nur noch zwei am Leben geblieben. Die Canibalen zeigten
offenbar eine höhere Entwicklung als die an Hilfsmitteln armen
Bahama-Indianer und verstanden auch bessere Häuser zu bauen. Die
einheimischen Freien und die von andern Inseln weggefangenen und zu
Sklavinnen gemachten Weiber unterschieden sich durch Bänder von
gewebter Baumwolle, welche am Knie und Fußgelenke getragen wurden. Die
Sklavinnen ließen sich von den Fremdlingen leicht gefangen nehmen, oder
kamen auch wohl aus freien Stücken zu den Schiffen. Von ihnen erfuhr
man auch, daß die weiterhin entdeckte Insel +Monserrat+ durch die
Cariben erst entvölkert worden sei. Sodann gelangte man zu den Inseln
+Sa. Maria la Redonda, Sa. Maria la Antigua, San Martin+. Sie erhielten
ihre Namen nach den spanischen Kirchen, in denen man besondere Gelübde
gethan hatte. Dann folgte am 15. November die Entdeckung von +Sa. Cruz,
Sa. Ursula+ und +der 11,000 Jungfrauen+, und endlich tauchte die schöne
und fruchtbare Insel +Puerto rico+, die östlichste der großen Antillen,
vor den Augen der Entdecker auf. Die Eingebornen nannten sie Burequen
oder Burenquen,[236] der von Columbus zuerst gegebene Name „San Juan
Bautista“ fand nicht lange Verbreitung. Hier lebten keine Cariben mehr.
Von dieser Insel aus erreichte das Geschwader am 22. Nov. die Insel
Hispaniola; derjenige Theil der Küste, wo man zuerst landete, hieß
Haiti. Aber man verweilte nicht lange, sondern strebte der Ansiedlung
Navidad zu, welche man nach der Meinung des Admirals in blühendem
Zustande und vielleicht auch schon im Besitz reichlichen Goldes,
welches von den Indianern so leicht zu erlangen war, anzutreffen
wähnte. Aber es sollte bald eine furchtbare Enttäuschung eintreten.
Das Vorspiel dazu bot sich ihnen im Hafen von Monte Christi, 12 Meilen
von Navidad, dar. Zuerst fand man zwei Leichen nicht weit vom Strande
im hohen Grase, unbekleidet und bereits unkenntlich geworden; von
denen trug die eine noch einen Strick um den Hals, die andere um die
Füße. Am zweiten Tage wurden noch zwei Leichen entdeckt, von denen
eine durch ihren großen Bart auffiel; ein sehr verdächtiges Zeichen,
weil die Insulaner sämmtlich bartlos waren. Am Abend des 27. November,
kurz vor Mitternacht, kam die Flotte vor Navidad an, aber wegen den
Klippen blieb man die Nacht auf See und landete erst am folgenden
Morgen. Der Admiral ließ zwei Kanonen lösen, um seine Ankunft zu melden
und wartete in höchster Spannung auf Antwort. Aber alles blieb still.
Statt, wie man gehofft hatte, eine fröhliche, jubelnde Menge sich am
Strande versammeln zu sehen, ließ sich in der Nähe des Hafens nur
ein einsamer, indianischer Nachen sehen. Bange Ahnung erfüllte das
Schiffsvolk. Endlich kam das Boot näher und fragte nach dem Admiral.
Die Indianer brachten zwei goldene Masken als Geschenk ihres Königs
mit und erwiderten auf die Fragen nach den zurückgebliebenen Spaniern
in zurückhaltender, dunkler Weise: diejenigen, welche im Kastelle
geblieben seien, befänden sich wohl. Einige seien an Krankheiten
gestorben, andere in einem unter ihnen ausgebrochenen Streite
erschlagen worden. Ihr Land, berichteten die Indianer ferner, sei von
zwei Fürsten, Caonabo und Mayreni überfallen und verheert, die Hütten
niedergebrannt. Ihr König Guacamari[237] sei im Kampfe verwundet und
habe daher nicht kommen können.
Das hölzerne Kastell in Navidad war bis auf den Grund niedergebrannt,
man sollte danach wohl annehmen, es sei von feindlicher Hand
vernichtet. Aber auffällig blieb, daß die Indianer in der Nähe sich
gegen früher sehr scheu zeigten. Nur mit Mühe wußte man einige zu
bewegen, an Bord zu kommen. Hier gestanden sie nun, daß die Spanier
sämmtlich todt seien. Aber man fand in der nächsten Umgebung von
Navidad keine Leiche. Man durchstreifte nun weiterhin das Land und
entdeckte zunächst in einem kleinen aus 7 oder 8 Hütten bestehenden
Dorfe, deren Insassen geflohen waren, mancherlei Gegenstände,
namentlich Kleidungsstücke, welche den Spaniern gehört hatten. Nach
der Stätte der Festung zurückgekehrt, zeigten die inzwischen bereits
dreister gewordenen Indianer die Stellen, wo man von hohem Grase
überwuchert, die Leichen von eilf Spaniern fand. Dann suchte der
Admiral in stärkerer Begleitung den anscheinend kranken Guacanagari
auf. Derselbe lag, mit verbundenem Bein, ausgestreckt auf einem Lager,
das nach Landesart aus einem von starken Baumwollfäden gefertigten
Netzwerk bestand, welches an beiden Enden an die Pfosten der Hütte
befestigt war. Es ist die erste Erwähnung der Hängematte. Der König
beklagte thränenden Auges den Tod der Spanier. Einige seien an
Krankheiten gestorben, andere auf einem beabsichtigten Beutezuge nach
den Goldminen im Gebiete Caonabos erschlagen, der Rest in der Citadelle
angegriffen und bei der Vertheidigung gefallen. Der begleitende Arzt,
Doktor Chanca, welcher über diese Vorfälle ausführlich berichtet
hat,[238] erbot sich, den Verwundeten zu heilen. Dieser schien gerne
dazu bereit; da es aber in der Hütte zu dunkel war, um die Wunde
untersuchen zu können, so mußte er seine Lagerstelle verlassen. Mehr
aus Furcht vor den Spaniern, als aus Neigung begab er sich, auf
den Admiral gestützt, ins Freie. Er wollte durch einen Steinwurf
empfindlich getroffen sein. Als der Verband entfernt war, war keine
Verletzung zu bemerken, trotzdem klagte der Indianer über heftigen
Schmerz. Unbekannt mit dem wahren Verlauf der betrübenden Katastrophe,
konnte Columbus nicht zu einem entscheidenden Schritte bewogen werden.
Mehrere seiner Begleiter glaubten entschieden an die Mitschuld
Guacanagari und riethen deshalb dem Admiral, den Fürsten gefangen zu
nehmen. Aber Columbus lehnte dieses trotz mancherlei Verdachtsgründe
ab. Er suchte so lange wie möglich mit den Eingebornen in Frieden
zu leben. Auf seinen Plan, die niedergebrannte Festung wieder zu
errichten, wollte Guacanagari keine zustimmende Meinung äußern, er
wies vielmehr, und wohl auch mit Recht, auf die ungesunde Lage des
Platzes hin. So entschloß sich denn Columbus, eine geeignetere Stelle
auszusuchen; aber man suchte lange vergeblich nach einer günstigen
Oertlichkeit. Man steuerte an der Küste zurück und kämpfte dabei
mühsam gegen Wind und Wetter. So vergingen drei Monate, ehe man 10
Leguas östlich von Monte Christi den Fuß ans Land setzte und hier sich
zu befestigen beschloß. Die neue Burg erhielt den Namen Isabella.
Daneben wurde der Plan zu einer Stadt entworfen, in welcher die
Hauptgebäude aus Stein errichtet werden sollten. Jetzt finden sich nur
noch einige Trümmer dieser Anlagen, alles ist mit Wald bedeckt; denn
es zeigte sich bald, daß auch dieser Platz ein ungesundes Klima hatte,
welches den dritten Theil der neuen Ankömmlinge aufs Krankenlager warf.
Selbst der Admiral blieb nicht verschont und konnte in Folge dessen ein
Vierteljahr lang sein Tagebuch nicht fortführen.
Von der Willfährigkeit der Indianer äußerte Chanca:[239] „Ich glaube,
wenn wir mit dem Volke sprechen könnten, würde man es leicht bekehren
können, denn sie machen alles nach, beugen die Knie vor den Altären
und machen bei dem Ave Maria sowie bei den anderen Ceremonien das
Zeichen des Kreuzes. Sie sind zwar Götzendiener, denn man findet in
allen Hütten Götzenbilder; aber sie wünschen Christen zu werden.“ Die
Gegend schien reich an werthvollen Produkten, man glaubte mancherlei
Gewürze, Zimmt und Muskatnüsse entdeckt zu haben und sammelte Wachs
und Baumwolle. Besonders aber lockte die Kunde von Goldfeldern, welche
im Innern der Insel, 25 bis 30 Leguas von der Küste entfernt, in einer
Landschaft, Namens Cibao, liegen sollten. Im Januar 1494 machte sich
der muthige Alonso Hojeda mit 15 Begleitern auf den Weg, kam nach 7
Tagen ans Ziel und brachte als besten Beleg für den Erfolg seines
Streifzuges aus den Bächen gesammelten Goldsand mit.
Nachdem Columbus am 2. Februar sodann 12 Schiffe unter Antonio de
Torres nach Spanien zurückgeschickt hatte, theils um die Kranken
heimzubringen, welche bei dem zunehmenden Mangel an guten Lebensmitteln
sich nicht erholen konnten und der Colonie zur Last fielen, theils um
den spanischen Majestäten einen Bericht über den Verlauf seiner Reise
zu überreichen, brach er selbst mit einer größeren Schar nach dem
Goldlande auf. Mit kriegerischer Musik und mit fliegenden Fahnen zog
er durch die Dörfer, erreichte am 16. März das Bergland von Cibao und
ließ dort zum Schutze für die Goldgräber aus Holz und Erde ein festes
Haus anlegen, in welchem eine Besatzung von 56 Mann unter dem Befehle
des Pedro Margarita zurückblieb. Columbus kehrte dann wieder nach
Isabella zurück. Er war der Ueberzeugung, das Ophir Salomos gefunden zu
haben.[240] Den unerwartet reichen Goldfund bestätigt auch Chanca am
Ende seines Berichtes. „Seit Anfang der Welt ist kein solches Wunder
gesehen oder davon gelesen. Man wird Gold in solcher Menge mitbringen,
daß man staunen soll. Man mag mich vielleicht für einen Schwärmer
halten; aber Gott ist mein Zeuge, daß ich auch nicht im mindesten
übertreibe.“
Dann schickte sich Columbus an, nachdem er von den wiederholten
Fieberanfällen genesen war, den Plan seiner ersten Reise wieder
aufzunehmen und den Weg nach Katai zu vollenden. In der Niederlassung
ließ er seinen Bruder Diego als Statthalter zurück und lichtete am 24.
April die Anker, um zunächst nach Cuba zu segeln. Am folgenden Tage
erreichte er mit seinen drei Schiffen Niña, S. Juan und Cardera die
Insel Tortuga und steuerte am 29. April von der Nordwestspitze Haitis,
von dem Cap S. Nicolas, nach der Südküste Cubas hinüber.
Während Columbus an dieser Küste entlang fuhr, näherten sich ihm
die Indianer zutraulich in ihren Böten und brachten Früchte,
Fische, Wasser, oder luden ihn ein ans Gestade zu kommen und ihre
Gastfreundschaft anzunehmen. Wenn sie nach Gold befragt wurden, wiesen
sie in der Regel nach Süden. Ihrem Fingerzeige folgte der Admiral,
verließ am 3. Mai das Gestade von Cuba und steuerte nach Südwesten.
Am 2. Tage erreichte er die Mitte der Nordküste +Jamaicas+, deren
landschaftliche Schönheit ihn über alles entzückte, so daß er sie nur
mit den Wohnungen der Seligen vergleichen zu können meinte, und nannte
die Gegend daher Santa Gloria und den zuerst gefundenen Hafen Santa
Anna. Da er aber zur Ausbesserung seines leck gewordenen Hauptschiffes
einen günstigeren Ankerplatz wählen wollte, richtete er den Lauf
seiner Schiffe wieder nach Westen bis zum Hafen, der noch heute
Puerto bueno heißt. Die Insulaner zeigten sich weit kriegerischer als
auf Cuba, umschwärmten in ihren Kähnen unter wildem Geschrei seine
Schiffe, schossen ihre Pfeile ab und schienen eine beabsichtigte
Landung ernstlich hindern zu wollen. Aber man vertrieb die Indianer
leicht durch einige Schüsse, ganz besonders aber dadurch, daß man
große Bluthunde auf sie hetzte. Als die Einwohner, welche vor solchen
unbekannten Angriffswaffen zurückwichen, in den folgenden Tagen
sich wieder ermannten und allmählich näherten, zeigten sie sich in
ihrer Haltung wesentlich verändert, sie begannen sogar den üblichen
Tauschhandel mit den Spaniern. Man bemerkte mit Vergnügen, daß sie
in manchen Dingen sich weiter entwickelt zeigten als auf Cuba, ihre
großen, bis zu 96 Fuß langen und 8 Fuß breiten, aus einem Stamm
gefertigten Kriegsböte waren an beiden Enden mit Schnitzwerk hübsch
verziert; aber, was man vor allem bei ihnen suchte, Gold, war nirgends
zu finden. Darum verließ Columbus, nachdem sein Schiff wieder in Stand
gesetzt war, die Insel, der er den Namen Santiago gab, und kehrte,
nordwärts steuernd, wieder nach Cuba zurück. Vom Cap Santa Cruz, wo
das Gebirge an der Südostküste jener Insel endigt, drang er in das
Labyrinth von Klippen und kleinen zum Theil grünbewachsenen Inseln
ein, welche den größten Theil der Südküste Cubas umsäumen. In diesem
„+Garten der Königin+“, wie Columbus diesen Theil Westindiens nannte,
hatte er, unter täglich wiederkehrenden Gewittern mit tausend Gefahren
zu kämpfen und mußte die äußerste Wachsamkeit üben, um seine Fahrzeuge
sicher hindurchzuführen. Die unzähligen kahlen Korallenbänke und grünen
Eilande, die er um sich sah, hielt er für jenen Archipel, welcher nach
Marco Polos Erkundigungen östlich von Cim (China) liegen und über 7000
Inseln umfassen sollte.[241] Von diesem wunderbaren Inselgarten erzählt
auch eine Inschrift auf dem Globus Behaims, westlich von Cipango, also
in jener Weltgegend, wo sich Columbus bereits zu befinden glaubte. Er
athmete ja auch die Wohlgerüche, die von den mancherlei Gewürzbäumen
und prächtigen Blumen übers Wasser zu ihm herüberwehten.
In Kreuz- und Querfahrten, bald nach Norden, bald nach Westen steuernd,
tastete der Admiral in dem gefährlichen Wundergarten weiter, ohne die
Küste von Cuba aus dem Gesicht zu verlieren. Unzählige buntfarbige
Fische tummelten sich in den klaren Gewässern, die Muscheln umschlossen
kostbare Perlen, das Meer wimmelte von großen Schildkröten.[242] In
seiner Meinung, in Cuba bereits das Festland von Asien erreicht zu
haben, wurde er von neuem durch die falsche Deutung eines Namens
bestärkt, als er von den Eingeborenen erfuhr, daß weiter im Westen
ein großer Fürst namens Magon wohne. Magon und Mango waren identisch,
und Mango war der König von Mangî (China). Er gelangte endlich zu der
größern Insel de Pinos, nahe dem Westende Cubas. Auf Befragen hatten
die Cubaner erklärt, daß man die Grenzen ihres Landes nicht kenne,
er könne wohl noch 20 Tage weiter fahren, ehe er das Ende erreiche.
Nach seiner Berechnung war er bereits 335 Leguas an diesem großen
Lande entlang gesegelt,[243] welches er mit größter Bestimmtheit für
den Anfang Indiens erklärte. Er wähnte, nur noch 2 Sonnenstunden
(also 30 Meridiangrade) von dem goldenen Chersones -- mit diesem
Namen bezeichnete man seit dem Alterthum die Halbinsel Malaka in
Hinter-Indien -- entfernt zu sein.[244] So schmal dachte er sich
den noch völlig unbekannten, noch nie betretenen Abschnitt auf dem
Erdball. Als er dann der Insel de Pinos gegenüber die Küste Cubas
sich nach Süden wenden sah, war auch der letzte Zweifel gehoben: denn
die asiatische Küste lief nun, nach seiner Meinung, in südöstlicher
Richtung bis zum goldenen Chersones weiter. Bei der Insel Evangelista,
denn so nannte er die Isla de Pinos, nahm er neue Vorräthe an Wasser
und Lebensmitteln ein. Wäre er nur noch einen oder höchstens zwei Tage
weiter gesegelt, so hätte er das Ende des vermeintlichen Continentes
erreicht. Schon von der Höhe des Mastes aus hätte man das freie Meer
westlich vom Cap S. Antonio sehen können. Leider nöthigte ihn der
üble Zustand seiner Schiffe zur Umkehr, so daß er die eigentlich
beabsichtigte Fahrt um Indien, wodurch er eine erstmalige Erdumsegelung
zu beschließen hoffte, aufgeben mußte. Aber er nöthigte auch noch
die gesammte Mannschaft, ein von dem Schreiber Fernan Perez de Luna
aufgesetztes Protokoll zu unterzeichnen, in welchem sie sich alle bei
schwerer Ahndung zu der verkehrten Ansicht ihres Admirals bekennen
mußten, daß man die Provinz Mango vor sich habe.[245] Das geschah am
12. Juni 1494.
Dann wandte sich Columbus wieder nach Osten. Bei ungünstigem Wetter
legten die Schiffe den gefährlichen Weg noch einmal unter steten
Sorgen zurück. Am 6. Juli gerieth die Niña auf den Strand, wurde
zwar mit großer Anstrengung wieder flott gemacht, war aber dabei
dermaßen beschädigt, daß man, behufs der Ausbesserung, in der Bucht
bei Cap S. Cruz landen mußte. Erst nach 10 Tagen konnte die Fahrt
weiter fortgesetzt werden. Am 8. Juli wurde das Cap S. Cruz dublirt
und am 20. Juli ging Columbus nach Jamaica hinüber, um diese Insel
auch auf der Südseite zu erforschen. Das Land entzückte durch seine
Schönheit und Fruchtbarkeit. Von der Menge seiner Bewohner zeugten
die zahlreichen Dörfer an der Küste. Auch hier mit widrigen Winden
kämpfend, gelangten die Schiffe erst am 19. August an die Ostspitze
Jamaicas (das heutige Cap Morante). Am folgenden Tage sah man eine neue
Küste vor sich aufsteigen. Das nächste Vorgebirge erhielt den Namen S.
Michael (jetzt Cap Tiburon); es war die Westspitze von Haiti erreicht.
Gewißheit darüber, daß man die Insel ihrer Niederlassung glücklich
wieder gefunden, gewann man erst am zweiten Tage, als einige Indianer
am Strande den Seefahrern außer einigen spanischen Ausdrücken auch das
Wort „Almirante“ zuriefen.
Bald darauf jagte ein Sturm das kleine Geschwader auseinander, doch
fanden sich die Fahrzeuge nach sechs Tagen glücklich wieder zusammen,
segelten nach der kleinen Insel Beata weiter, welche mitten vor der
Südseite Haitis liegt, entdeckten die reizende Bucht an der Mündung des
Neivaflusses und empfingen hier von den Eingebornen die frohe Kunde,
daß neue Schiffe von Spanien bei der Colonie angelangt seien. Um seine
bevorstehende Ankunft zu melden, sandte Columbus neun Mann mitten durch
die Insel nach seinem Blockhause S. Thomas und setzte dann seine Fahrt
weiter fort. Die Schiffe wurden durch Sturm und Unwetter von einander
getrennt. Der Admiral selbst, der aus gewissen Anzeichen den Ausbruch
desselben vorhergesehen, brachte sein gebrechliches Fahrzeug noch bei
Zeiten in den geschützten Canal, welcher von der Insel Saona (nahe
der Südostecke Haitis) und der Hauptinsel gebildet wird. Aus einer
Mondfinsterniß, welche er hier beobachten konnte (14./15. September),
berechnete er den Abstand von Cadiz bis Saona auf fünf Stunden 23
Minuten[246] (oder 80° 45′). Nach Ablauf einer bangen Woche konnten
sich die drei Schiffe wieder vereinigen. Zwar beabsichtigte der
Admiral noch weiter nach Osten zu gehen, Puertorico und die kleinen
Antillen vollständig zu entdecken und zugleich die unbändigen Cariben
zu züchtigen, allein als er die kleine zwischen Haiti und Puertorico
gelegene Insel Mona am 24. September erreicht hatte, brach seine Kraft
zusammen. Die übermenschlichen Anstrengungen, die steten Aufregungen
der gefahrvollen Reise, (er hatte 32 Nächte nicht geschlafen) hatten
seine Energie übermannt. Er brach zusammen und verfiel in eine
tiefe, einer Ohnmacht ähnliche Schlafsucht. Alle weiteren Pläne
wurden aufgegeben und noch zweifelnd, ob sie ihren Admiral am Leben
erhalten könnten, richteten die Piloten den Lauf der Schiffe gegen
Nordwesten und segelten nach Isabella, wo sie am 29. September
anlangten. Hier erholte sich Columbus bald wieder unter entsprechender
Pflege und konnte nun mit Befriedigung die Resultate seiner zweiten
Entdeckungsfahrt überblicken, auf welcher ein Gesammtbild von den vier
großen Antillen gewonnen war, von denen Haiti und Jamaica vollständig,
Cuba fast ganz umsegelt worden war. Wäre er hier nicht durch seine
kosmographischen Autoritäten irregeleitet und wie in einem Zauberbanne
gefangen, welcher ihn die Inselnatur Cubas nicht erkennen ließ; so
hätte er seine weiteren Entdeckungen an jenem Westende der Insel wieder
aufnehmen müssen, und wäre vielleicht schon nach dem Goldlande Mexiko
gelangt. So aber traute er den Angaben der Indianer zu sehr, welche ihn
bei allen Fragen nach Gold immer nach Süden wiesen, und suchte darum
auf seiner dritten Reise einen südlichern Weg schon über den Ocean
einzuschlagen.
In seiner Colonie fand Columbus eine unerwartete, aber sehr willkommene
Stütze an seinem Bruder Bartholomäus. Derselbe war schon vor Beginn
der ersten Reise in seines Bruders Auftrage nach England gegangen, um
dem britischen Könige Vorschläge behufs einer Fahrt nach Indien zu
machen, und war 1493, ehe ihm selbst sichere Kunde von dem Erfolge
seines Bruders zugekommen war, von dem Könige Heinrich, welcher directe
Nachricht von der Entdeckung der neuen Welt erhalten hatte, mit dem
Versprechen entlassen, die Pläne des Christoph Columbus unterstützen
zu wollen. Bartholomäus eilte über Frankreich nach Spanien, wo er, für
den ihm in England gewordenen Auftrag allerdings zu spät, eintraf, aber
doch bei Hofe sehr wohlwollend aufgenommen wurde und durch sein festes
männliches Auftreten, durch seine gewandte Rede und seine nautischen
Fertigkeiten sich bald einen günstigen Boden bereitete. Man ertheilte
ihm den Titel eines „Don“ und übergab ihm die Führung dreier Schiffe,
welche, mit den von dem Admiral erbetenen Vorräthen und Hilfsmitteln
versehen, nach Haiti abgehen sollten. Columbus erhielt zugleich
Nachricht von dem mit Portugal abgeschlossenen Theilungsvertrage und
fand in dem Briefe der Monarchen vollständige Zustimmung zu den bisher
von ihm getroffenen Maßnahmen. Auch noch andere in demselben Jahre 1494
einlaufende Briefe ließen in schmeichelhafter Weise die ungeminderte
Gunst des Hofes erkennen. Aber neben diesen erfreulichen Zeichen seiner
wachsenden Macht fand der Vicekönig von Indien unter den Spaniern
Mißstimmung, Unzufriedenheit, Aufruhr. Der Geistliche Boïl, dem man
das Seelenheil der Indianer anvertraut, war seines mühevollen Amtes
überdrüssig geworden, der Anführer der Truppen, Margarit, der sich den
Anordnungen des vom Admiral eingesetzten Statthalters nicht gefügt
hatte: beide verließen auf den Schiffen, mit denen Don Bartolome Colon
gekommen war, die Ansiedlung und kehrten nach Spanien zurück. Unter den
spanischen Truppen war die Manneszucht in bedenklicher Weise gelockert.
„Margarit,“ sagt Muñoz,[247] „brachte unter unsere Leute die Pest der
Zwietracht und veranlaßte bei den Indianern einen tödtlichen Abscheu
gegen den spanischen Namen. Er hielt das Kriegsvolk beständig in der
angebautesten und wohlversehensten Gegend der Vega-Real (Königsgau), wo
es schwelgen und sich alle Freiheit erlauben durfte.“ Dieser Uebermuth
der Soldateska trieb die Indianer aus ihrer Schlaffheit auf, die
bedeutendsten und mächtigsten Häuptlinge der Insel traten zu einem
Bunde zusammen, um die fremden Eindringlinge zu vernichten. An der
Spitze der Verschwörung stand Caonabo. Diesen gefährlichsten Gegner zu
beseitigen, übernahm der verwegene Alonso Hojeda, welcher mit einer
Handvoll unternehmender Gesellen den feindlichen Caziken aufsuchte
und unter der Vorspiegelung besonderer Auszeichnung zu bereden wußte,
sich mit glänzenden Handfesseln schmücken zu lassen, an denen kleine
Glöckchen, woran die Indianer ganz besonders Gefallen fanden, befestigt
waren. Der auf solche Weise bereits halbgefangene Häuptling mußte
sich dann zu Hojeda auf sein Roß setzen, um dergestalt, mit den neuen
Abzeichen eines hohen Ranges geschmückt, in der Mitte seines Volkes zu
erscheinen. Statt aber in das Dorf, wie versprochen war, einzureiten,
jagte Hojeda mit seinem Gefangenen der Küste zu; die Indianer aber
wurden durch das kühne Auftreten des spanischen Ritters und durch
das ihnen unbekannte Roß so in Schrecken gesetzt, daß sie zu spät an
die Befreiung ihres Herren dachten. Hojeda kam glücklich, wenn auch
erschöpft und halbverhungert, mit seinem Gefangenen in Isabella an, wo
er den Caziken in die Burg ablieferte. Caonabo blieb hier, sorgfältig
bewacht, bis er von Columbus selbst auf seiner Rückreise mit nach
Spanien genommen wurde; aber er starb auf der See.
Der Admiral sah sich aus verschiedenen Ursachen bewogen, im Frühjahr
1496 nach Spanien zurückzukehren. Zwar war von Seiten der Regierung
ein strenges Verbot ergangen, welches allen privaten Handel mit der
neuen Colonie untersagte, daneben war es aber jedem Spanier gestattet,
dahin auszuwandern, und überdies durften Handelsschiffe zur Aufsuchung
neuer Länder über den Ocean und überall, ausgenommen in Haiti, Handel
treiben. Dadurch wurde offenbar das dem Entdecker der neuen Welt
gegebene Privilegium verletzt. Columbus wollte daher seine Gerechtsame
persönlich wieder in Erinnerung bringen, außerdem aber den Anfeindungen
und Verleumdungen, welche bereits gegen ihn und seine Verwaltung laut
wurden, entgegen treten. Bei dieser Gelegenheit sollten auch mehr als
200 Colonisten, welche dem Lande zur Last lagen und auf Staatskosten
erhalten werden mußten, zurück gebracht werden. So verließ denn der
Admiral, nachdem er die Verwaltung der Insel seinem Bruder Bartolome
als Adelantado übertragen hatte, am 10. März 1496 mit zwei Schiffen,
225 Spaniern und 30 Indianern Haiti, steuerte durch die Reihe der
kleinen Antillen, berührte Guadalupe und langte am 11. Juni in Cadiz an.