Dann beeilte man sich, den Papst Alexander VI. für die Pläne
weiterer Entdeckungen und der damit zu verbindenden Ausbreitung des
Christenthums zu gewinnen. Man mußte vor allem gesichert sein vor
den Ansprüchen der Portugiesen, denen bereits zu wiederholten Malen
durch päpstliche Erlasse alle neuen Erwerbungen in Afrika und Indien
sanctionirt und monopolisirt waren. So gelang es auch schon im Mai
1493, die gewünschte Concession von Seiten des Papstes zu erhalten.
Die darauf bezüglichen Decrete sind vom 3. und 4. Mai datirt, in denen
natürlich die Verkündigung der christlichen Lehre unter den Indianern
als ein Gott wohlgefälliges Werk vorangestellt wurde. „Da nun,“ heißt
es weiter, „Columbus gewisse weit entlegene Inseln und Festländer
(~terras firmas~ mit Anspielung auf Cuba), welche bisher noch nicht
gefunden waren, entdeckt hat, so geben wir aus freier Bewegung, ohne
Euren (d. h. der spanischen Monarchen) oder irgend jemandes Antrieb,
und aus apostolischer Machtvollkommenheit, Euch alle diese neu
entdeckten und neu zu entdeckenden Inseln und Länder, so weit sie noch
keinem christlichen König gehören, Euch und Euren Erben und verbieten
allen anderen, bei Strafe der Excommunication, dahin zu fahren und
ohne Eure Erlaubniß Handel zu treiben.“ Da aber bei der zu allgemein
gehaltenen Erklärung doch Verwicklungen und Streitigkeiten mit der
portugiesischen Krone entstehen konnten, wenn die Entdeckungsbereiche
beider Mächte nicht genauer abgegrenzt wurden, so wurde in einem
Decret vom folgenden Tage, vom 4. Mai, noch eine +Demarcationslinie+
eingefügt und bestimmt, daß eine meridional gezogene Linie, welche
hundert Leguas westlich jenseits der Açoren und Caboverdischen Inseln
vom Nordpol zum Südpol laufe, beide Nationen in ihren Unternehmungen
von einander halten solle.[229] Die westliche Erdhälfte solle spanisch,
die östliche dagegen portugiesisch sein. Es sollte also der Erdball wie
ein Apfel halbirt, und jedem Staate eine Hemisphäre zugewiesen werden.
Warum man die Scheidelinie hundert Meilen westlich von den bisher
bekannten westlichen Inseln verlegte, darf wohl auf die Ansichten
und Beobachtungen des Columbus zurückgeführt werden, welcher an der
genannten Linie glaubte ein wesentlich anderes Klima, und den Anfang
eines neuen Himmels und einer neuen Erde gefunden zu haben.
„Ich erinnere mich,“ schreibt der Entdecker 1498, „daß, so oft ich nach
Indien segelte, 100 Leguas westlich von den Açoren sich die Temperatur
änderte, und daß dies überall von Norden nach Süden stattfand.“ An
einer späteren Stelle desselben Berichtes kommt Columbus noch einmal
auf dasselbe Thema zurück. „Wenn ich von Spanien nach Indien segelte,
fand ich, sobald ich hundert Meilen (Leguas) westlich von den Açoren
zurückgelegt hatte, eine sehr große Veränderung am Himmel und den
Gestirnen, in der Temperatur der Luft, in dem Wasser des Meeres, und
ich habe diese Erscheinungen mit großer Sorgfalt beobachtet. Ich
bemerkte, daß wenn man die genannten 100 Leguas vor den genannten
Inseln passirt, von Norden nach Süden, die Compaßnadeln, welche bisher
nach Nordosten abwichen, sich nun einen vollen Viertelwind[230] nach
Nordwesten wandten, und daß dies stattfand von der Zeit an, wo ich jene
Linie erreichte. Und zur selben Zeit trat eine Erscheinung ein, als
wenn eine Erhöhung der Erde sich hier fände; denn ich fand die See ganz
mit einem Kraut überdeckt, welches Tannenzweigen glich und Früchte wie
vom Mastixbaum trug und zwar so dicht, daß ich auf meiner ersten Reise
meinte, es sei eine Untiefe, und die Schiffe müßten auflaufen. Sobald
wir jenen Strich erreicht hatten, fand sich nicht ein Zweig mehr. Auch
bemerkte ich, daß an diesem Punkte das Meer ruhig und glatt und fast
nie von einem Winde bewegt war. Desgleichen fand ich, daß von derselben
Linie an, gegen Westen, die Temperatur immer milde war, und daß Sommer
und Winter sich wenig unterschieden.“[231]
„Diese Stelle,“ bemerkt A. v. Humboldt,[232] „enthält Ansichten der
physischen Erdkunde, Bemerkungen über den Einfluß der geographischen
Länge auf die Abweichung der Magnetnadel, über die Inflexion der
isothermen Linien zwischen den Westküsten des alten und den Ostküsten
des neuen Continents, über die Lage der großen Sargasso-Bank in dem
Becken des atlantischen Meeres, und die Beziehungen, in welchen dieser
Meeresstrich zu dem über ihm liegenden Theile der Atmosphäre steht.
Irrige Beobachtungen der Bewegung des Polarsternes in der Nähe der
açorischen Inseln hatten Columbus schon auf der ersten Reise, +bei
der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse+, zu dem Glauben an
eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde verführt. In der
westlichen Hemisphäre ist nach ihm die Erde „angeschwollener“, die
Schiffe gelangen allmählich in größere Nähe des Himmels, wenn sie an
den Meeresstrich kommen, wo die Magnetnadel nach dem wahren Norden
weist; eine solche Erhöhung ist die Ursache der kühleren Temperatur.
Wenn man dazu erwägt, daß Columbus gleich nach seiner Rückkehr von der
ersten Entdeckungsreise die Absicht hatte, selbst nach Rom zu gehen,
um, wie er sagt, dem Papste über alles, was er entdeckt, Bericht
abzustatten; wenn man der Wichtigkeit gedenkt, welche die Zeitgenossen
des Columbus auf die Auffindung der +magnetischen Curve ohne
Abweichung+ legten, so kann man wohl eine von mir zuerst aufgestellte
historische Behauptung gerechtfertigt finden, die Behauptung, daß
der Admiral in dem Augenblick der höchsten Hofgunst daran gearbeitet
hat, +die physische Abgrenzungslinie in eine politische verwandeln zu
lassen+.“
Es ist klar, daß die von Columbus auf einer Meridianlinie
zusammengelegten großen Unterscheidungsmerkmale der östlichen und
westlichen Welt einen ungeheuren Eindruck auf den Entdecker machen
mußten, und daß er die Hemisphäre jenseit der 100 Seemeilen, von
den Açoren ab, für die in den alten Weissagungen genannte und durch
ihn zuerst betretene „neue Erde“ ansah, von welcher er auch keinen
Fußbreit abtreten möchte. Die Merkmale schienen ja auch zahlreich
und sicher genug zu sein, um eine erkennbare Scheidelinie zu bilden.
Der entschiedene Ausspruch des Entdeckers, daß eine so auffällige
Veränderung am Himmel und auf der Erde hundert Leguas westlich von den
Açoren sich zeige, konnte dem Papste genügen. Wenn es in dem Erlasse
auffälligerweise heißt, die Linie soll 100 Meilen westlich von jeder
beliebigen (~qualibet~) Insel der Açoren +oder+ Capverden gelegt
werden, so wird auch dabei unentschieden gelassen, welche Gruppe und
welche Insel die westlichste ist. Gegenwärtig wissen wir, daß die
westliche der Capverden beinahe 6 Meridiangrade weiter östlich liegt
als die äußerste der Açoren; in jenen Tagen, wo bekanntlich noch alle
Mittel fehlten zu einer exacten Längenbestimmung, war diese Frage noch
nicht entschieden. Und eben bei der Unmöglichkeit, die nach den Angaben
des Columbus postulirte Demarcationslinie wirklich ermitteln zu können,
sahen sich die beiden Seemächte bald in die Lage versetzt, mit einander
in Unterhandlungen zu treten, um diesen Unklarheiten, als möglicher
Ursache unendlicher Streitigkeiten, baldigst eine Grenze zu setzen.
Denn wie sehr der portugiesische Monarch über seine vermeintlichen
Rechte in Bezug auf den Ocean wachte, sieht man daraus, daß er, kurz
nachdem er Columbus entlassen hatte, dem Hof in Spanien seine vom Papst
sanctionirten Entdeckungsräume nachweisen ließ und sogar mit dem Plane
umging, eine Flotte nach der neuen Welt zu entsenden. Seine Gesandten
Pedro Dias und Ruy de Pina verlangten in Spanien den Parallelkreis
der Canarischen Inseln als Grenze oder Demarcationslinie. Die Spanier
sollten nur nördlich von dieser Inselgruppe über den westlichen Ocean
segeln und also nur außerhalb der Tropen sich auch in den neuentdeckten
Gewässern bewegen dürfen. Man wünschte sie von allem Eindringen in
die heiße Zone fern zu halten. Lope de Herrera ging wiederum als
Gesandter Spaniens nach Lissabon. So schienen sich durch das Hin- und
Wiedersenden der Botschafter die Verhandlungen verschleppen zu wollen,
als durch ein anderweites Ereigniß der politische Einfluß Spaniens
bedeutend hervortrat und dadurch ein Druck auf Portugal ausgeübt
wurde, welcher es zu unerwartetem Nachgeben geneigt machte. Spanien
hatte nämlich von Frankreich die Rückgabe der Grafschaften Roussillon
und Cerdaigne erlangt. Damit war eine wichtige Streitfrage erledigt,
Spanien hatte keinen äußeren Feind mehr zu fürchten und konnte, falls
Portugal noch länger gerechten Anforderungen widerstreben sollte, wenn
es sein mußte, die Entscheidung der wichtigen maritimen Frage dem
Schwerte anvertrauen.
So kam denn am 7. Juni 1494 der berühmte Vertrag von Tordesillas (in
Altcastilien am Duero, südwestlich von Valladolid, wo Columbus 12 Jahre
später starb) zustande, in welchem die Monarchen Spaniens zunächst die
Gerechtsame des Nachbarstaats auf Guinea u. s. w. in vollem Umfange
anerkannten und ferner zugaben, daß die Demarcationslinie 270 Leguas
über die anfänglich vom Papste genehmigte Grenze hinaus, nämlich auf
370 Leguas westlich von den Capverden verlegt wurde. Nach unserer
jetzigen Kenntniß von dem Unterschiede der Lage der westlichen Açoren
und westlichsten Capverden können wir hinzufügen, daß der von Spanien
noch eingeräumte Meridiangürtel von 270 Leguas sich noch weiter um
mindestens 90 Leguas verminderte, weil man nach dem neusten Vertrage
nur von den Capverden ausging und die Açoren nicht weiter in die
Streitfrage hineinzog.
Da nun der von Columbus über den Ocean zurückgelegte Weg von den
Canarien aus mindestens 600 Leguas bis zu den neuen Inseln betrug, so
konnte man unbedenklich den mittleren Strich des atlantischen Ocean
preisgeben. Was man auf dieser Seite aufgab, erhielt man natürlich,
da die Theilungslinie auch über die andere noch unbekannte Erdhälfte
hinweglief, auf jener Seite, im Westen wieder. Und gerade hier sollte
sich später den Spaniern ein ganz unerwarteter Gewinn zeigen, als
es nach Entdeckung der eigentlichen Gewürzinseln fraglich wurde, ob
dieselben auf spanischer oder portugiesischer Hemisphäre lägen. Wir
werden darüber noch im Verfolg der Weltreise Magalhães’ zu berichten
haben. Vorläufig war in dem Vertrag auch noch die Frage offen
gelassen, auf welche Weise die Demarcationslinie festzulegen sei, ob
durch eine Gradbestimmung oder auf eine andere Weise, „wie es sich
am genauesten werde berechnen lassen“. Innerhalb der nächsten zehn
Monate nach Ratification des Vertrages sollten von beiden Parteien
eine oder zwei Caravelen oder auch noch mehr, je nach Uebereinkommen,
auf Gran Canaria zusammenkommen, um durch Piloten und Astronomen,
von beiden Seiten gleich viel Personen, die Grenzlinie zu fixiren.
Diese Commission sollte von Canaria sich nach den Capverden begeben
und von da 370 Leguas weit westwärts segeln, um dann die Entfernung
entweder durch Schiffstagereisen oder sonst wie zu bestimmen. Diese
von beiden Parteien gemeinschaftlich bestimmte Linie sollte dann
für alle Zeiten gültig bleiben.[233] Allein diese Expedition kam
nie zustande, vielleicht weil beiderseits keine Autoritäten sich
fanden, welche mit Sicherheit die gewünschte Demarcation anzugeben
wagten. Ueber diese Linie war man auch noch 20 Jahre später ebenso
im Unklaren. Peter Martyr erzählt,[234] wie er in Burgos die Karten
der neuen Entdeckungen, nach den Aufnahmen des Amerigo Vespucci,
Bartolomeo Colon, Juan de la Cosa, Morales und anderer Castilier, auch
auf einem Globus die Entfernungen geprüft und mittelst eines Zirkels
den Abstand von der Westspitze Portugals und von den Capverden bis
zur Theilungslinie und weiter bis zu den Küsten Brasiliens gemessen
habe; aber die Karten stimmten nicht genau überein und nahmen die
Küstenabstände der alten und neuen Welt verschieden an, so daß also ein
entscheidendes Urtheil nicht gefällt werden konnte.
Wenn auch im atlantischen Ocean kein streitiges Object lag, so mußte
doch die Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit der Demarcationslinie
nothwendigerweise in Südamerika noch wieder zu Differenzen führen.