8. Die Demarcationslinie.

Dann beeilte man sich, den Papst Alexander VI. für die Pläne

weiterer Entdeckungen und der damit zu verbindenden Ausbreitung des

Christenthums zu gewinnen. Man mußte vor allem gesichert sein vor

den Ansprüchen der Portugiesen, denen bereits zu wiederholten Malen

durch päpstliche Erlasse alle neuen Erwerbungen in Afrika und Indien

sanctionirt und monopolisirt waren. So gelang es auch schon im Mai

1493, die gewünschte Concession von Seiten des Papstes zu erhalten.

Die darauf bezüglichen Decrete sind vom 3. und 4. Mai datirt, in denen

natürlich die Verkündigung der christlichen Lehre unter den Indianern

als ein Gott wohlgefälliges Werk vorangestellt wurde. „Da nun,“ heißt

es weiter, „Columbus gewisse weit entlegene Inseln und Festländer

(~terras firmas~ mit Anspielung auf Cuba), welche bisher noch nicht

gefunden waren, entdeckt hat, so geben wir aus freier Bewegung, ohne

Euren (d. h. der spanischen Monarchen) oder irgend jemandes Antrieb,

und aus apostolischer Machtvollkommenheit, Euch alle diese neu

entdeckten und neu zu entdeckenden Inseln und Länder, so weit sie noch

keinem christlichen König gehören, Euch und Euren Erben und verbieten

allen anderen, bei Strafe der Excommunication, dahin zu fahren und

ohne Eure Erlaubniß Handel zu treiben.“ Da aber bei der zu allgemein

gehaltenen Erklärung doch Verwicklungen und Streitigkeiten mit der

portugiesischen Krone entstehen konnten, wenn die Entdeckungsbereiche

beider Mächte nicht genauer abgegrenzt wurden, so wurde in einem

Decret vom folgenden Tage, vom 4. Mai, noch eine +Demarcationslinie+

eingefügt und bestimmt, daß eine meridional gezogene Linie, welche

hundert Leguas westlich jenseits der Açoren und Caboverdischen Inseln

vom Nordpol zum Südpol laufe, beide Nationen in ihren Unternehmungen

von einander halten solle.[229] Die westliche Erdhälfte solle spanisch,

die östliche dagegen portugiesisch sein. Es sollte also der Erdball wie

ein Apfel halbirt, und jedem Staate eine Hemisphäre zugewiesen werden.

Warum man die Scheidelinie hundert Meilen westlich von den bisher

bekannten westlichen Inseln verlegte, darf wohl auf die Ansichten

und Beobachtungen des Columbus zurückgeführt werden, welcher an der

genannten Linie glaubte ein wesentlich anderes Klima, und den Anfang

eines neuen Himmels und einer neuen Erde gefunden zu haben.

„Ich erinnere mich,“ schreibt der Entdecker 1498, „daß, so oft ich nach

Indien segelte, 100 Leguas westlich von den Açoren sich die Temperatur

änderte, und daß dies überall von Norden nach Süden stattfand.“ An

einer späteren Stelle desselben Berichtes kommt Columbus noch einmal

auf dasselbe Thema zurück. „Wenn ich von Spanien nach Indien segelte,

fand ich, sobald ich hundert Meilen (Leguas) westlich von den Açoren

zurückgelegt hatte, eine sehr große Veränderung am Himmel und den

Gestirnen, in der Temperatur der Luft, in dem Wasser des Meeres, und

ich habe diese Erscheinungen mit großer Sorgfalt beobachtet. Ich

bemerkte, daß wenn man die genannten 100 Leguas vor den genannten

Inseln passirt, von Norden nach Süden, die Compaßnadeln, welche bisher

nach Nordosten abwichen, sich nun einen vollen Viertelwind[230] nach

Nordwesten wandten, und daß dies stattfand von der Zeit an, wo ich jene

Linie erreichte. Und zur selben Zeit trat eine Erscheinung ein, als

wenn eine Erhöhung der Erde sich hier fände; denn ich fand die See ganz

mit einem Kraut überdeckt, welches Tannenzweigen glich und Früchte wie

vom Mastixbaum trug und zwar so dicht, daß ich auf meiner ersten Reise

meinte, es sei eine Untiefe, und die Schiffe müßten auflaufen. Sobald

wir jenen Strich erreicht hatten, fand sich nicht ein Zweig mehr. Auch

bemerkte ich, daß an diesem Punkte das Meer ruhig und glatt und fast

nie von einem Winde bewegt war. Desgleichen fand ich, daß von derselben

Linie an, gegen Westen, die Temperatur immer milde war, und daß Sommer

und Winter sich wenig unterschieden.“[231]

„Diese Stelle,“ bemerkt A. v. Humboldt,[232] „enthält Ansichten der

physischen Erdkunde, Bemerkungen über den Einfluß der geographischen

Länge auf die Abweichung der Magnetnadel, über die Inflexion der

isothermen Linien zwischen den Westküsten des alten und den Ostküsten

des neuen Continents, über die Lage der großen Sargasso-Bank in dem

Becken des atlantischen Meeres, und die Beziehungen, in welchen dieser

Meeresstrich zu dem über ihm liegenden Theile der Atmosphäre steht.

Irrige Beobachtungen der Bewegung des Polarsternes in der Nähe der

açorischen Inseln hatten Columbus schon auf der ersten Reise, +bei

der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse+, zu dem Glauben an

eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde verführt. In der

westlichen Hemisphäre ist nach ihm die Erde „angeschwollener“, die

Schiffe gelangen allmählich in größere Nähe des Himmels, wenn sie an

den Meeresstrich kommen, wo die Magnetnadel nach dem wahren Norden

weist; eine solche Erhöhung ist die Ursache der kühleren Temperatur.

Wenn man dazu erwägt, daß Columbus gleich nach seiner Rückkehr von der

ersten Entdeckungsreise die Absicht hatte, selbst nach Rom zu gehen,

um, wie er sagt, dem Papste über alles, was er entdeckt, Bericht

abzustatten; wenn man der Wichtigkeit gedenkt, welche die Zeitgenossen

des Columbus auf die Auffindung der +magnetischen Curve ohne

Abweichung+ legten, so kann man wohl eine von mir zuerst aufgestellte

historische Behauptung gerechtfertigt finden, die Behauptung, daß

der Admiral in dem Augenblick der höchsten Hofgunst daran gearbeitet

hat, +die physische Abgrenzungslinie in eine politische verwandeln zu

lassen+.“

Es ist klar, daß die von Columbus auf einer Meridianlinie

zusammengelegten großen Unterscheidungsmerkmale der östlichen und

westlichen Welt einen ungeheuren Eindruck auf den Entdecker machen

mußten, und daß er die Hemisphäre jenseit der 100 Seemeilen, von

den Açoren ab, für die in den alten Weissagungen genannte und durch

ihn zuerst betretene „neue Erde“ ansah, von welcher er auch keinen

Fußbreit abtreten möchte. Die Merkmale schienen ja auch zahlreich

und sicher genug zu sein, um eine erkennbare Scheidelinie zu bilden.

Der entschiedene Ausspruch des Entdeckers, daß eine so auffällige

Veränderung am Himmel und auf der Erde hundert Leguas westlich von den

Açoren sich zeige, konnte dem Papste genügen. Wenn es in dem Erlasse

auffälligerweise heißt, die Linie soll 100 Meilen westlich von jeder

beliebigen (~qualibet~) Insel der Açoren +oder+ Capverden gelegt

werden, so wird auch dabei unentschieden gelassen, welche Gruppe und

welche Insel die westlichste ist. Gegenwärtig wissen wir, daß die

westliche der Capverden beinahe 6 Meridiangrade weiter östlich liegt

als die äußerste der Açoren; in jenen Tagen, wo bekanntlich noch alle

Mittel fehlten zu einer exacten Längenbestimmung, war diese Frage noch

nicht entschieden. Und eben bei der Unmöglichkeit, die nach den Angaben

des Columbus postulirte Demarcationslinie wirklich ermitteln zu können,

sahen sich die beiden Seemächte bald in die Lage versetzt, mit einander

in Unterhandlungen zu treten, um diesen Unklarheiten, als möglicher

Ursache unendlicher Streitigkeiten, baldigst eine Grenze zu setzen.

Denn wie sehr der portugiesische Monarch über seine vermeintlichen

Rechte in Bezug auf den Ocean wachte, sieht man daraus, daß er, kurz

nachdem er Columbus entlassen hatte, dem Hof in Spanien seine vom Papst

sanctionirten Entdeckungsräume nachweisen ließ und sogar mit dem Plane

umging, eine Flotte nach der neuen Welt zu entsenden. Seine Gesandten

Pedro Dias und Ruy de Pina verlangten in Spanien den Parallelkreis

der Canarischen Inseln als Grenze oder Demarcationslinie. Die Spanier

sollten nur nördlich von dieser Inselgruppe über den westlichen Ocean

segeln und also nur außerhalb der Tropen sich auch in den neuentdeckten

Gewässern bewegen dürfen. Man wünschte sie von allem Eindringen in

die heiße Zone fern zu halten. Lope de Herrera ging wiederum als

Gesandter Spaniens nach Lissabon. So schienen sich durch das Hin- und

Wiedersenden der Botschafter die Verhandlungen verschleppen zu wollen,

als durch ein anderweites Ereigniß der politische Einfluß Spaniens

bedeutend hervortrat und dadurch ein Druck auf Portugal ausgeübt

wurde, welcher es zu unerwartetem Nachgeben geneigt machte. Spanien

hatte nämlich von Frankreich die Rückgabe der Grafschaften Roussillon

und Cerdaigne erlangt. Damit war eine wichtige Streitfrage erledigt,

Spanien hatte keinen äußeren Feind mehr zu fürchten und konnte, falls

Portugal noch länger gerechten Anforderungen widerstreben sollte, wenn

es sein mußte, die Entscheidung der wichtigen maritimen Frage dem

Schwerte anvertrauen.

So kam denn am 7. Juni 1494 der berühmte Vertrag von Tordesillas (in

Altcastilien am Duero, südwestlich von Valladolid, wo Columbus 12 Jahre

später starb) zustande, in welchem die Monarchen Spaniens zunächst die

Gerechtsame des Nachbarstaats auf Guinea u. s. w. in vollem Umfange

anerkannten und ferner zugaben, daß die Demarcationslinie 270 Leguas

über die anfänglich vom Papste genehmigte Grenze hinaus, nämlich auf

370 Leguas westlich von den Capverden verlegt wurde. Nach unserer

jetzigen Kenntniß von dem Unterschiede der Lage der westlichen Açoren

und westlichsten Capverden können wir hinzufügen, daß der von Spanien

noch eingeräumte Meridiangürtel von 270 Leguas sich noch weiter um

mindestens 90 Leguas verminderte, weil man nach dem neusten Vertrage

nur von den Capverden ausging und die Açoren nicht weiter in die

Streitfrage hineinzog.

Da nun der von Columbus über den Ocean zurückgelegte Weg von den

Canarien aus mindestens 600 Leguas bis zu den neuen Inseln betrug, so

konnte man unbedenklich den mittleren Strich des atlantischen Ocean

preisgeben. Was man auf dieser Seite aufgab, erhielt man natürlich,

da die Theilungslinie auch über die andere noch unbekannte Erdhälfte

hinweglief, auf jener Seite, im Westen wieder. Und gerade hier sollte

sich später den Spaniern ein ganz unerwarteter Gewinn zeigen, als

es nach Entdeckung der eigentlichen Gewürzinseln fraglich wurde, ob

dieselben auf spanischer oder portugiesischer Hemisphäre lägen. Wir

werden darüber noch im Verfolg der Weltreise Magalhães’ zu berichten

haben. Vorläufig war in dem Vertrag auch noch die Frage offen

gelassen, auf welche Weise die Demarcationslinie festzulegen sei, ob

durch eine Gradbestimmung oder auf eine andere Weise, „wie es sich

am genauesten werde berechnen lassen“. Innerhalb der nächsten zehn

Monate nach Ratification des Vertrages sollten von beiden Parteien

eine oder zwei Caravelen oder auch noch mehr, je nach Uebereinkommen,

auf Gran Canaria zusammenkommen, um durch Piloten und Astronomen,

von beiden Seiten gleich viel Personen, die Grenzlinie zu fixiren.

Diese Commission sollte von Canaria sich nach den Capverden begeben

und von da 370 Leguas weit westwärts segeln, um dann die Entfernung

entweder durch Schiffstagereisen oder sonst wie zu bestimmen. Diese

von beiden Parteien gemeinschaftlich bestimmte Linie sollte dann

für alle Zeiten gültig bleiben.[233] Allein diese Expedition kam

nie zustande, vielleicht weil beiderseits keine Autoritäten sich

fanden, welche mit Sicherheit die gewünschte Demarcation anzugeben

wagten. Ueber diese Linie war man auch noch 20 Jahre später ebenso

im Unklaren. Peter Martyr erzählt,[234] wie er in Burgos die Karten

der neuen Entdeckungen, nach den Aufnahmen des Amerigo Vespucci,

Bartolomeo Colon, Juan de la Cosa, Morales und anderer Castilier, auch

auf einem Globus die Entfernungen geprüft und mittelst eines Zirkels

den Abstand von der Westspitze Portugals und von den Capverden bis

zur Theilungslinie und weiter bis zu den Küsten Brasiliens gemessen

habe; aber die Karten stimmten nicht genau überein und nahmen die

Küstenabstände der alten und neuen Welt verschieden an, so daß also ein

entscheidendes Urtheil nicht gefällt werden konnte.

Wenn auch im atlantischen Ocean kein streitiges Object lag, so mußte

doch die Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit der Demarcationslinie

nothwendigerweise in Südamerika noch wieder zu Differenzen führen.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 84 / 123 题