Es lag im Glauben der Zeit, hinter jeder am Horizonte auftauchenden
Nebelbank im Ocean ein noch unbekanntes, reiches und gesegnetes
Land zu vermuthen. Die Canarien, Açoren und Capverden waren in den
letzten Jahrzehnten genauer bekannt geworden, die Fortschritte der
portugiesischen Entdeckungen wirkten auf die Seeleute geradezu
fieberhaft. Die Matrosen erzählten einander von den Geheimnissen
des westlichen Weltmeeres, und Columbus lauschte aufmerksam auf
solche Berichte. Die ~Vida del Almirante~ führt (Cap. 8) eine Reihe
solcher Schiffernachrichten auf, welche gerade durch das Nebelhafte
ihrer Umrisse die Phantasie aufzuregen vermochten. Danach hörte
Columbus über die Nähe der den westlichen Gestaden der bekannten Welt
gegenüberliegen sollenden Küsten mancherlei von solchen Seeleuten,
welche häufig die Meere jenseit Madeira und der Açoren befahren hatten.
Der portugiesische Pilot Martin Vicente erzählte ihm, er habe 450
Leguas (spanische Meilen) westlich vom Cap S. Vicente ein geschnitztes
Holz aufgefischt, welches unter dem mehrere Tage anhaltenden Westwinde
herangetrieben sei. Es müsse also in nicht zu großer Entfernung im
Westen Inseln oder größeres Land geben. Sein Schwager Pedro Correo
theilte ihm mit, daß ein ähnlich bearbeitetes Holz auch in Porto Santo
angeschwommen sei. Auf den Açoren waren Stämme von Fichten, wie sie
dort nicht wachsen, angetrieben. Auch ein mächtiges Schilfrohr, wie
es nur in Indien wachsen konnte, und welches von Knoten zu Knoten 9
Karaffen Wein fassen sollte, war aufgefunden. Auf der açorischen Insel
Flores hatten die Bewohner zwei Leichen einer unbekannten Menschenrasse
gefunden. Die Ansiedler in der Nähe des Cap de la Virga wollten sogar
gedeckte Barken, s. g. Almadias mit fremdartigen Menschen besetzt
gesehen haben.
Antonio Leme von Madeira erzählte dem Columbus ferner, er habe 100
Meilen weit gegen Abend drei Inseln gesehen. Dieselben Inseln wurden
1484 wiederum von einem Schiffscapitän aus Madeira gesehen, der sich
in Folge dessen nach Portugal begab, um sich von der Regierung eine
Caravele zu erbitten, mit welcher er jene Inseln entdecken wollte.
Ein anderer Pilot erzählte ihm in Puerto de Sta. Maria, daß er auf
der Reise nach Irland Land gesehen, welches er für den Theil der
Tatarei gehalten; schlechtes Wetter habe ihn aber abgehalten daselbst
zu landen. Ebenso wollte auch ein Galicier, Pedro Velasques (oder
Velasco), westlich von Irland Anzeichen von Land bemerkt haben. Und
endlich kam auch der Portugiese Vicente Dias aus der Stadt Tavira in
Algarbien mit der Nachricht heim, er habe auf der Rückfahrt von Guinea
nach Madeira im Westen unbekanntes Land gesehen. Mit Unterstützung
eines reichen Genuesen, Lucas de Cazzana, wurden in Folge dessen
mehrere vergebliche Versuche gemacht, dieses Land aufzufinden.
Ob Columbus von der Fahrt des +Johann von Kolno+[161] gehört hatte,
welcher 1476 von dem König Christian I. von Dänemark abgesandt worden,
um die Verbindung mit Grönland wieder herzustellen, und welcher
wahrscheinlich Labrador und den Eingang der später sogenannten
Hudsonstraße sah, ist sehr fraglich, wenn sich auch später die
Nachricht von dieser Entdeckung bis nach Spanien und Portugal
verbreitete, wie daraus zu ersehen ist, daß Gomara in seiner Geschichte
von Indien (Zaragoza 1553, S. 20) dieselbe erwähnt.[162]
Alle diese und ähnliche Mittheilungen über Inseln, welche im fernen
westlichen Meere liegen sollten, gehörten aber nicht allein dem
Zeitalter des Columbus an, sondern lassen sich bis ins classische
Alterthum rückwärts verfolgen, wie bereits oben S. 22 angedeutet ist.
Wichtiger noch war es, daß solche Angaben auch von den Verfertigern
der Seekarten im 14. und 15. Jahrhundert mit verwendet wurden. Vor
allem waren es die Italiener, welche, wie sie den Fortschritt der
portugiesischen Entdeckungen mit größter Aufmerksamkeit verfolgten,
auch die von ihren Landsleuten zuerst gesehenen Canarien und Açoren
in die Karten einzeichneten (oben S. 24). Gradezu überraschend wirkt
die Wahrnehmung, daß Andrea Bianco schon 1448 auf seiner Karte eine
Andeutung von den Capverden machte, noch ehe dieselben, nachweisbar,
von den Portugiesen betreten waren.[163] Aber daneben erscheinen
auch andere Gebilde von Inseln, welche nur einer Sinnestäuschung
der Seefahrer ihre Existenz verdankten. Zu diesen gehört namentlich
die Insel +Antilia+, welche seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts
auftauchte und uns zuerst auf einer im Jahre 1424 gezeichneten und
in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar aufbewahrten Karte
entgegentritt.[164] Ebenso findet sich diese Insel auf den Karten
des Battista Beccario vom Jahre 1426 (in München) und vom Jahre 1435
(in Parma). Westlich von den Açoren und etwa 15° vom Cap Finisterre
in Galicien erstreckt sich auf der letztern (vom Jahre 1435) eine
Inselkette von Norden nach Süden, vom Parallel der Gironde bis zu dem
von Gibraltar, und führt die Inschrift: ~Insule de novo reperte~. Von
den zwei größeren Inseln ist die südliche Antilia genannt.[165] Auch
Andrea Bianco wiederholt 1436 das Bild von Antilia (~ya de antillia~)
und fügt hinzu, daß nach der Inselgruppe spanische Schiffe gelangt
seien (~questoxe mar de spagna~). Ihm folgt 1476 Andrea Benincasa von
Ancona und zeichnet das Bild der Insel wie Bianco, während Martin
Behaim dieselbe auf seinem Globus (siehe Beilage) weiter südlich hart
an die Grenzlinie der heißen Zone versetzt.
Diese Insel hat eine gewisse Bedeutung in dem Plane des Columbus gehabt
und hat, wenn auch nicht ihre damals bereits ziemlich unbestimmte
Existenz, so doch wenigstens ihren Namen gerettet und auf die
westindische Inselflur vererbt.
Verfolgen wir nun weiter die verschiedenen Anregungen, welche Columbus
in sich aufnahm, so müssen wir neben den Schifferberichten und den
dieselben beglaubigenden Seekarten auch eines damals verbreiteten
geographischen Werkes gedenken, welches der Genuese schon während
seines Aufenthaltes in Portugal sehr fleißig las und auch später auf
seinen Reisen mit sich führte. Es ist die ~Imago mundi~ (Weltbild)
des Cardinal von Cambray, Pierre d’Ailly (Petrus de Alliaco), welche
um 1410 geschrieben ist. Dieses Werk stellt sich als eine ziemlich
mittelmäßige Compilation aus früheren scholastischen Arbeiten heraus,
~ex pluribus auctoribus recollecta~, wie der Titel der ältesten
Ausgabe besagt. d’Ailly bemühte sich, das Wissen der Vergangenheit
zusammenzufassen und citirte sowohl Lateiner und Griechen als auch
Araber, von jenen den Seneca, Plinius, Solinus, Osorius, Augustin,
Isidor und Beda, ferner den Aristoteles, Ptolemäus, Hegesippus,
Johannes Damascenus, von diesen den Alfragani und Albategna. Aber er
schreibt ziemlich ohne eignes Urtheil und stellt die Ansichten der
classischen Autoren höher, als die Resultate neuerer Forschung. Den
Namen Marco Polos erwähnt er nirgend. Aus ihm aber schöpfte Columbus
den ganzen Vorrath seiner kosmographischen Vorstellungen, namentlich
seine Auffassung von der Größe der Erde, von der Schmalheit des Oceans,
von der Lage und Natur des Paradieses und von dem bevorstehenden
Weltuntergange.[166]
Vor allem auffällig ist die Abhängigkeit des Columbus zu erkennen, wenn
wir das 8. Capitel der Imago, über die Größe der bewohnbaren Erde,
prüfen. Aus diesem Abschnitte entlehnte der Genuese in seinem Briefe
aus Haiti, auf seiner dritten Reise (1498), einen längeren Abschnitt.
d’Aillys Darstellung ist etwa folgende.[167] Wenn man wissen will,
wie viel von der Oberfläche der Erde bewohnbar ist, so hat man theils
das Klima, theils das Wasser zu berücksichtigen. Ptolemäus meinte,
etwa ein Sechstel der Erde sei Land, das übrige mit Wasser bedeckt.
Im Almagest (~lib. II.~) modificirte er seine Ansicht, und hielt ¼
der Erdoberfläche für bewohnbar. Aristoteles nahm einen noch größeren
Länderraum an und lehrte, daß zwischen der Westküste Spaniens und der
Ostküste Indiens das Meer (unser atlantischer Ocean) nur schmal sei.
Ueberdies sagt Seneca im 5. Buche der Naturgeschichte, daß man bei
günstigem Winde in wenig Tagen über dieses Meer segeln könne. Aehnlich
spricht sich auch Plinius aus, so daß man daraus folgern darf, daß das
Meer unmöglich ¾ der Erdoberfläche bedecken kann.
Dazu kommt noch der gewichtige Ausspruch Esra’s (Esdra) im 4. Buche,
welcher behauptet, es sei nur 1/7 der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt.
Im 49. Capitel, welches von der Verschiedenheit der Gewässer und
namentlich vom Ocean handelt, kommt d’Ailly noch einmal auf dieses
Thema zurück und betont, daß sowohl Aristoteles als auch sein
Commentator Averroes darauf aufmerksam gemacht, daß der Abstand
zwischen der Westküste Afrikas und der Ostküste Indiens (d. h. Asiens)
nicht sehr groß sein könne, weil man in beiden Ländern Elephanten
finde. Wie groß aber der Abstand ist, weiß man noch nicht, denn er ist
weder in unseren Zeiten gemessen, noch finden wir darüber bei den alten
Schriftstellern genauere Angaben. Aber, fügt er im 51. Capitel hinzu,
soviel ist gewiß, daß die Ausdehnung der bewohnten Erde von Spanien
ostwärts bis Indien viel größer ist als der halbe Umfang der Erde.
Mit diesen und ähnlichen Gründen wollte Columbus später die leichte
Ausführbarkeit seines Planes einer Westfahrt erhärten. Mit Recht
bemerkt Humboldt (Kosmos II, 281) dazu: „Sonderbares Zeitalter, in
welchem ein Gemisch von Zeugnissen des Aristoteles und Averroes, des
Esra und Seneca über die geringe Ausdehnung der Meere im Vergleich mit
der der Continentalmasse den (spanischen) Monarchen die Ueberzeugung
von der Sicherheit eines kostspieligen Unternehmens geben konnte.“
Außer diesen Hauptstellen hatte Columbus auch noch andere Vorstellungen
aus den Lehren d’Ailly’s sich angeeignet. Dahin gehört die Behauptung
des Cardinals (Cap. 12), daß, wie schon Augustin gelehrt habe, die
heiße Zone von menschlichen Ungeheuern belebt sei. Es geht dies hervor
aus einer Aeußerung aus dem Tagebuch der ersten Reise des Entdeckers,
wo derselbe verwundert bemerkt, die erwarteten Ungeheuer habe er noch
nicht gefunden. Ferner die Auffassung von der Lage des irdischen
+Paradieses+. Dasselbe liegt, schreibt d’Ailly Cap. 55, nach der
Angabe des Isidor, Johannes Damascenus, Beda u. a. in der lieblichsten
Gegend des Ostens, weit von unserm bewohnten Gebiet entfernt auf einem
erhabenen Ort, so daß es fast bis in die Mondsphäre reicht und von den
Wassern der Sündflut nicht bedeckt werden konnte. Von diesem hohen
Berge stürzen nun die Gewässer mit gewaltigem Brausen herab und bilden
einen großen See. Eine ebenfalls von Columbus benutzte Ansicht und eine
Ergänzung des obigen über die Natur des Paradieses finden wir bereits
im 7. Capitel, wo gelehrt wird, daß das im Osten gelegene Paradies,
auch wenn es in der Nähe des Aequators liege, doch wegen seiner
bergehohen Lage ein sehr mildes Klima besitze.
Endlich gehört hieher noch ein Ausspruch d’Ailly’s, in seinem
~Vigintiloquium de concordia astronomicae veritatis cum theologia, p.
181~, worin er die Dauer der Erde von der Schöpfung bis auf die Geburt
Christi, nach Ermittlung Bedas, auf 5199 Jahre berechnet, so daß also
bis 1501 nach Christi 6700 Jahre verflossen seien. Da aber das jüngste
Gericht 7000 Jahre nach Christi eintreten wird, ist der Weltuntergang
nahe bevorstehend. Obwohl Columbus in den Zahlen etwas abweicht, so hat
er den Grundgedanken doch in seinen Plan verwebt.