2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt.

Es lag im Glauben der Zeit, hinter jeder am Horizonte auftauchenden

Nebelbank im Ocean ein noch unbekanntes, reiches und gesegnetes

Land zu vermuthen. Die Canarien, Açoren und Capverden waren in den

letzten Jahrzehnten genauer bekannt geworden, die Fortschritte der

portugiesischen Entdeckungen wirkten auf die Seeleute geradezu

fieberhaft. Die Matrosen erzählten einander von den Geheimnissen

des westlichen Weltmeeres, und Columbus lauschte aufmerksam auf

solche Berichte. Die ~Vida del Almirante~ führt (Cap. 8) eine Reihe

solcher Schiffernachrichten auf, welche gerade durch das Nebelhafte

ihrer Umrisse die Phantasie aufzuregen vermochten. Danach hörte

Columbus über die Nähe der den westlichen Gestaden der bekannten Welt

gegenüberliegen sollenden Küsten mancherlei von solchen Seeleuten,

welche häufig die Meere jenseit Madeira und der Açoren befahren hatten.

Der portugiesische Pilot Martin Vicente erzählte ihm, er habe 450

Leguas (spanische Meilen) westlich vom Cap S. Vicente ein geschnitztes

Holz aufgefischt, welches unter dem mehrere Tage anhaltenden Westwinde

herangetrieben sei. Es müsse also in nicht zu großer Entfernung im

Westen Inseln oder größeres Land geben. Sein Schwager Pedro Correo

theilte ihm mit, daß ein ähnlich bearbeitetes Holz auch in Porto Santo

angeschwommen sei. Auf den Açoren waren Stämme von Fichten, wie sie

dort nicht wachsen, angetrieben. Auch ein mächtiges Schilfrohr, wie

es nur in Indien wachsen konnte, und welches von Knoten zu Knoten 9

Karaffen Wein fassen sollte, war aufgefunden. Auf der açorischen Insel

Flores hatten die Bewohner zwei Leichen einer unbekannten Menschenrasse

gefunden. Die Ansiedler in der Nähe des Cap de la Virga wollten sogar

gedeckte Barken, s. g. Almadias mit fremdartigen Menschen besetzt

gesehen haben.

Antonio Leme von Madeira erzählte dem Columbus ferner, er habe 100

Meilen weit gegen Abend drei Inseln gesehen. Dieselben Inseln wurden

1484 wiederum von einem Schiffscapitän aus Madeira gesehen, der sich

in Folge dessen nach Portugal begab, um sich von der Regierung eine

Caravele zu erbitten, mit welcher er jene Inseln entdecken wollte.

Ein anderer Pilot erzählte ihm in Puerto de Sta. Maria, daß er auf

der Reise nach Irland Land gesehen, welches er für den Theil der

Tatarei gehalten; schlechtes Wetter habe ihn aber abgehalten daselbst

zu landen. Ebenso wollte auch ein Galicier, Pedro Velasques (oder

Velasco), westlich von Irland Anzeichen von Land bemerkt haben. Und

endlich kam auch der Portugiese Vicente Dias aus der Stadt Tavira in

Algarbien mit der Nachricht heim, er habe auf der Rückfahrt von Guinea

nach Madeira im Westen unbekanntes Land gesehen. Mit Unterstützung

eines reichen Genuesen, Lucas de Cazzana, wurden in Folge dessen

mehrere vergebliche Versuche gemacht, dieses Land aufzufinden.

Ob Columbus von der Fahrt des +Johann von Kolno+[161] gehört hatte,

welcher 1476 von dem König Christian I. von Dänemark abgesandt worden,

um die Verbindung mit Grönland wieder herzustellen, und welcher

wahrscheinlich Labrador und den Eingang der später sogenannten

Hudsonstraße sah, ist sehr fraglich, wenn sich auch später die

Nachricht von dieser Entdeckung bis nach Spanien und Portugal

verbreitete, wie daraus zu ersehen ist, daß Gomara in seiner Geschichte

von Indien (Zaragoza 1553, S. 20) dieselbe erwähnt.[162]

Alle diese und ähnliche Mittheilungen über Inseln, welche im fernen

westlichen Meere liegen sollten, gehörten aber nicht allein dem

Zeitalter des Columbus an, sondern lassen sich bis ins classische

Alterthum rückwärts verfolgen, wie bereits oben S. 22 angedeutet ist.

Wichtiger noch war es, daß solche Angaben auch von den Verfertigern

der Seekarten im 14. und 15. Jahrhundert mit verwendet wurden. Vor

allem waren es die Italiener, welche, wie sie den Fortschritt der

portugiesischen Entdeckungen mit größter Aufmerksamkeit verfolgten,

auch die von ihren Landsleuten zuerst gesehenen Canarien und Açoren

in die Karten einzeichneten (oben S. 24). Gradezu überraschend wirkt

die Wahrnehmung, daß Andrea Bianco schon 1448 auf seiner Karte eine

Andeutung von den Capverden machte, noch ehe dieselben, nachweisbar,

von den Portugiesen betreten waren.[163] Aber daneben erscheinen

auch andere Gebilde von Inseln, welche nur einer Sinnestäuschung

der Seefahrer ihre Existenz verdankten. Zu diesen gehört namentlich

die Insel +Antilia+, welche seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts

auftauchte und uns zuerst auf einer im Jahre 1424 gezeichneten und

in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar aufbewahrten Karte

entgegentritt.[164] Ebenso findet sich diese Insel auf den Karten

des Battista Beccario vom Jahre 1426 (in München) und vom Jahre 1435

(in Parma). Westlich von den Açoren und etwa 15° vom Cap Finisterre

in Galicien erstreckt sich auf der letztern (vom Jahre 1435) eine

Inselkette von Norden nach Süden, vom Parallel der Gironde bis zu dem

von Gibraltar, und führt die Inschrift: ~Insule de novo reperte~. Von

den zwei größeren Inseln ist die südliche Antilia genannt.[165] Auch

Andrea Bianco wiederholt 1436 das Bild von Antilia (~ya de antillia~)

und fügt hinzu, daß nach der Inselgruppe spanische Schiffe gelangt

seien (~questoxe mar de spagna~). Ihm folgt 1476 Andrea Benincasa von

Ancona und zeichnet das Bild der Insel wie Bianco, während Martin

Behaim dieselbe auf seinem Globus (siehe Beilage) weiter südlich hart

an die Grenzlinie der heißen Zone versetzt.

Diese Insel hat eine gewisse Bedeutung in dem Plane des Columbus gehabt

und hat, wenn auch nicht ihre damals bereits ziemlich unbestimmte

Existenz, so doch wenigstens ihren Namen gerettet und auf die

westindische Inselflur vererbt.

Verfolgen wir nun weiter die verschiedenen Anregungen, welche Columbus

in sich aufnahm, so müssen wir neben den Schifferberichten und den

dieselben beglaubigenden Seekarten auch eines damals verbreiteten

geographischen Werkes gedenken, welches der Genuese schon während

seines Aufenthaltes in Portugal sehr fleißig las und auch später auf

seinen Reisen mit sich führte. Es ist die ~Imago mundi~ (Weltbild)

des Cardinal von Cambray, Pierre d’Ailly (Petrus de Alliaco), welche

um 1410 geschrieben ist. Dieses Werk stellt sich als eine ziemlich

mittelmäßige Compilation aus früheren scholastischen Arbeiten heraus,

~ex pluribus auctoribus recollecta~, wie der Titel der ältesten

Ausgabe besagt. d’Ailly bemühte sich, das Wissen der Vergangenheit

zusammenzufassen und citirte sowohl Lateiner und Griechen als auch

Araber, von jenen den Seneca, Plinius, Solinus, Osorius, Augustin,

Isidor und Beda, ferner den Aristoteles, Ptolemäus, Hegesippus,

Johannes Damascenus, von diesen den Alfragani und Albategna. Aber er

schreibt ziemlich ohne eignes Urtheil und stellt die Ansichten der

classischen Autoren höher, als die Resultate neuerer Forschung. Den

Namen Marco Polos erwähnt er nirgend. Aus ihm aber schöpfte Columbus

den ganzen Vorrath seiner kosmographischen Vorstellungen, namentlich

seine Auffassung von der Größe der Erde, von der Schmalheit des Oceans,

von der Lage und Natur des Paradieses und von dem bevorstehenden

Weltuntergange.[166]

Vor allem auffällig ist die Abhängigkeit des Columbus zu erkennen, wenn

wir das 8. Capitel der Imago, über die Größe der bewohnbaren Erde,

prüfen. Aus diesem Abschnitte entlehnte der Genuese in seinem Briefe

aus Haiti, auf seiner dritten Reise (1498), einen längeren Abschnitt.

d’Aillys Darstellung ist etwa folgende.[167] Wenn man wissen will,

wie viel von der Oberfläche der Erde bewohnbar ist, so hat man theils

das Klima, theils das Wasser zu berücksichtigen. Ptolemäus meinte,

etwa ein Sechstel der Erde sei Land, das übrige mit Wasser bedeckt.

Im Almagest (~lib. II.~) modificirte er seine Ansicht, und hielt ¼

der Erdoberfläche für bewohnbar. Aristoteles nahm einen noch größeren

Länderraum an und lehrte, daß zwischen der Westküste Spaniens und der

Ostküste Indiens das Meer (unser atlantischer Ocean) nur schmal sei.

Ueberdies sagt Seneca im 5. Buche der Naturgeschichte, daß man bei

günstigem Winde in wenig Tagen über dieses Meer segeln könne. Aehnlich

spricht sich auch Plinius aus, so daß man daraus folgern darf, daß das

Meer unmöglich ¾ der Erdoberfläche bedecken kann.

Dazu kommt noch der gewichtige Ausspruch Esra’s (Esdra) im 4. Buche,

welcher behauptet, es sei nur 1/7 der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt.

Im 49. Capitel, welches von der Verschiedenheit der Gewässer und

namentlich vom Ocean handelt, kommt d’Ailly noch einmal auf dieses

Thema zurück und betont, daß sowohl Aristoteles als auch sein

Commentator Averroes darauf aufmerksam gemacht, daß der Abstand

zwischen der Westküste Afrikas und der Ostküste Indiens (d. h. Asiens)

nicht sehr groß sein könne, weil man in beiden Ländern Elephanten

finde. Wie groß aber der Abstand ist, weiß man noch nicht, denn er ist

weder in unseren Zeiten gemessen, noch finden wir darüber bei den alten

Schriftstellern genauere Angaben. Aber, fügt er im 51. Capitel hinzu,

soviel ist gewiß, daß die Ausdehnung der bewohnten Erde von Spanien

ostwärts bis Indien viel größer ist als der halbe Umfang der Erde.

Mit diesen und ähnlichen Gründen wollte Columbus später die leichte

Ausführbarkeit seines Planes einer Westfahrt erhärten. Mit Recht

bemerkt Humboldt (Kosmos II, 281) dazu: „Sonderbares Zeitalter, in

welchem ein Gemisch von Zeugnissen des Aristoteles und Averroes, des

Esra und Seneca über die geringe Ausdehnung der Meere im Vergleich mit

der der Continentalmasse den (spanischen) Monarchen die Ueberzeugung

von der Sicherheit eines kostspieligen Unternehmens geben konnte.“

Außer diesen Hauptstellen hatte Columbus auch noch andere Vorstellungen

aus den Lehren d’Ailly’s sich angeeignet. Dahin gehört die Behauptung

des Cardinals (Cap. 12), daß, wie schon Augustin gelehrt habe, die

heiße Zone von menschlichen Ungeheuern belebt sei. Es geht dies hervor

aus einer Aeußerung aus dem Tagebuch der ersten Reise des Entdeckers,

wo derselbe verwundert bemerkt, die erwarteten Ungeheuer habe er noch

nicht gefunden. Ferner die Auffassung von der Lage des irdischen

+Paradieses+. Dasselbe liegt, schreibt d’Ailly Cap. 55, nach der

Angabe des Isidor, Johannes Damascenus, Beda u. a. in der lieblichsten

Gegend des Ostens, weit von unserm bewohnten Gebiet entfernt auf einem

erhabenen Ort, so daß es fast bis in die Mondsphäre reicht und von den

Wassern der Sündflut nicht bedeckt werden konnte. Von diesem hohen

Berge stürzen nun die Gewässer mit gewaltigem Brausen herab und bilden

einen großen See. Eine ebenfalls von Columbus benutzte Ansicht und eine

Ergänzung des obigen über die Natur des Paradieses finden wir bereits

im 7. Capitel, wo gelehrt wird, daß das im Osten gelegene Paradies,

auch wenn es in der Nähe des Aequators liege, doch wegen seiner

bergehohen Lage ein sehr mildes Klima besitze.

Endlich gehört hieher noch ein Ausspruch d’Ailly’s, in seinem

~Vigintiloquium de concordia astronomicae veritatis cum theologia, p.

181~, worin er die Dauer der Erde von der Schöpfung bis auf die Geburt

Christi, nach Ermittlung Bedas, auf 5199 Jahre berechnet, so daß also

bis 1501 nach Christi 6700 Jahre verflossen seien. Da aber das jüngste

Gericht 7000 Jahre nach Christi eintreten wird, ist der Weltuntergang

nahe bevorstehend. Obwohl Columbus in den Zahlen etwas abweicht, so hat

er den Grundgedanken doch in seinen Plan verwebt.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 76 / 123 题