11. Der erste Besuch der Portugiesen in China und Japan.

Mit den Söhnen aus dem Reiche der Mitte waren die Portugiesen zuerst

in Malaka zusammengetroffen; es war eine durchaus friedliche Begegnung

gewesen. Die Chinesen waren ohne Scheu, lediglich im Handelsinteresse,

an die fremden Schiffe herangekommen, denn sie hatten sofort die

nautische Ueberlegenheit der Portugiesen erkannt, und ebenso war es für

diese wohlthuend gewesen, gegenüber dem schleichenden, unzuverlässigen

Wesen der Malayen, in den Chinesen eine Klasse von Händlern zu finden,

mit denen man auf gleichem Fuße verkehren konnte, und die auch

nicht durch irgendwelche religiöse Satzungen an einem ungezwungenen

Geschäftsleben gehindert wurden.

Es stand sicher zu erwarten, daß, sowie die Verhältnisse in Malaka

etwas geregelter sich gestalteten, man zu weiterer Bekanntschaft gern

die Hand bieten würde, um dadurch den begonnenen Handelsverkehr noch

mehr zu beleben. Leider sollte man bald die Erfahrung machen, daß der

Chinese in der Fremde weit zugänglicher ist als in seinem Heimatlande.

Im Juli 1514 war Jorge d’Albuquerque Befehlshaber in Malaka geworden,

im folgenden Jahre sandte er den Rafael Perestrello mit zehn Leuten in

einer chinesischen Dschunke nach China, um das Land zu erkunden, von

da kehrte er in einer Brigantine, die er auf seine Kosten ausgerüstet

hatte, mit reicher Ladung nach Kotschin zurück.[145]

Kurz vorher langte der neue Generalstatthalter Lopo Soarez aus Portugal

an; in seiner Begleitung kam Fernão Perez d’Andrade, um auf Befehl der

portugiesischen Regierung eine Flotte nach China zu führen.

Andrade begab sich zunächst nach Sumatra, um eine Ladung Pfeffer

einzunehmen, welche man in China gegen andere Waaren vertauschen

wollte. Leider wurde er durch den Verlust seines besten Schiffes,

welches durch Feuer zerstört wurde, genöthigt, sich nach Malaka zu

begeben, und brach von hier am 12. August 1516 von neuem auf, obwohl

die beste Jahreszeit ihrem Ende entgegen ging; denn es lag dem

neuen Statthalter von Malaka, de Brito, daran, zu erfahren, was aus

Perestrello geworden sei, von dem man damals noch nichts gehört hatte.

Andrade kam aber nur bis zur Küste von Kotschinschina, nahm auf der

wichtigen Insel (Pulo) Kondor, welche vor der Mündung des Mechong liegt

und gegenwärtig im Besitz der Franzosen ist, Wasser ein, und kehrte,

durch Stürme genöthigt, über den Hafen Patani, an der Ostküste der

Halbinsel Malaka, nach dem Hafen von Malaka zurück. Nur das Schiff des

Duarte Coelho blieb aus; dasselbe lief in die Mündung des Menam in Siam

ein, blieb dort während der schlechten Jahreszeit und ging dann von

hier aus allein nach China, wo Andrade wieder mit ihm zusammentraf. In

der Zwischenzeit war Perestrello hier eingelaufen und dann weiter nach

Kotschin gegangen. Der merkantile Erfolg seiner Reise spornte Andrade

an, im Juli 1517 zum zweiten Male seine Fahrt nach China anzutreten.

Ohne Zwischenfälle erreichte er am 15. August die Küste von Süd-China

und ließ an der Insel Tamão (Tamong) die Anker fallen.[146]

Andrade’s Flotte bestand aus vier portugiesischen und vier malayischen

Schiffen. An der Küste fand er chinesische Schiffswachten gegen die

Piraten postirt. Auch bestand die Einrichtung, daß die Schiffe,

welche in den Fluß einlaufen wollten, von den chinesischen Behörden

mit Pässen versehen werden mußten. Nach mancherlei Verzögerungen und

Plackereien von Seiten der chinesischen Beamten erhielt Andrade Lotsen,

welche ihn nach Kanton brachten. Die Absendung einer Gesandtschaft,

welche im Namen des Königs von Portugal dem Kaiser von China Geschenke

überreichen sollte, zog sich aber in die Länge, weil der Statthalter

von Kanton erst am kaiserlichen Hofe um die Genehmigung zur Abfertigung

der Gesandtschaft nachsuchen mußte. In dem ungesunden Klima von Kanton

starben viele Portugiesen, so daß Andrade es gerathen fand, nach der

Insel Tamao zurückzugehen. Von hier sandte er den Duarte Coelho nach

Malaka zurück, um über den günstigen Verlauf seines Unternehmens

Bericht zu erstatten. Ein anderes Schiff unter Jorge Mascarenhas wurde

auf Kundschaft weiter nach Norden geschickt, um Nachrichten über das

Land der Lequios einzuziehen. Mascarenhas kam bis nach Tsiuan-tschau

an der Fukianstraße, der Insel Formosa gegenüber, und fand in diesem

weniger besuchten Hafen viel vortheilhaftere Handelsverhältnisse,

da man die chinesischen Artikel viel billiger eintauschen und die

mitgebrachten Waaren viel höher verwerthen konnte. Auch erfuhr

Mascarenhas dort, daß das Land Lequia, worunter in engerem Sinne die

zu Japan gehörigen Liukiu-Inseln und im weiteren Sinne das japanische

Reich selbst zu verstehen ist, noch über hundert Meilen weiter

nordwärts liege.

Nach einem Aufenthalte von vierzehn Monaten entschloß sich Andrade,

China wieder zu verlassen. Dazu nöthigte ihn besonders die Nachricht,

daß Malaka wieder von den malayischen Fürsten der Nachbarschaft

ernstlich bedroht sei. Ehe er wieder in See ging, ließ er in Kanton

und im Hafen von Tamao ausrufen, daß, wenn irgend ein Chinese von

den Portugiesen geschädigt sei, derselbe sich melden und seine

Entschädigung erhalten solle. Dieses Verfahren wurde von den

Chinesen ihm hoch angerechnet und gab ihnen einen Begriff von der

Gerechtigkeitsliebe der Fremden.[147] Der portugiesische Gesandte

Thomas Perez blieb auf Tamao zurück, bis er endlich, nach dreimaliger

Anfrage, die Erlaubniß erhielt, an dem kaiserlichen Hofe zu erscheinen.

So konnte er erst im Januar 1520 seine Reise antreten. Inzwischen war

aber im August 1519 Simão d’Andrade, der Bruder des Fernão Perez, mit

einem zweiten Geschwader vor Tamao erschienen. Thomas Perez fuhr zuerst

zu Schiffe bis an die südliche Grenze der Provinz Fukian und begab

sich dann zu Lande nach Nanking und von da weiter nach Peking. Da der

Kaiser sich aber zu jener Zeit noch in den nördlichen Grenzländern

aufhielt, so erfolgte die Audienz erst im Jahre 1521. Während dieser

Zeit waren aber über das Benehmen der Portugiesen höchst ungünstige

Nachrichten eingelaufen, welche mit der von dem Fernão Perez d’Andrade

laut verkündigten Ehrlichkeit und Gerechtigkeit in grellem Widerspruche

standen. Simão d’Andrade, unvorsichtig und rücksichtslos, hatte die

Zeit benutzt, um sich, ohne dazu von den chinesischen Behörden die

Erlaubniß zu haben, auf Tamao zu befestigen, angeblich, um sich dadurch

gegen die Angriffe von Seeräubern zu decken. Sodann wurde gemeldet, daß

Simão d’Andrade vor seiner Abreise einige Kinder angesehener Eltern,

allerdings ohne zu wissen, daß dieselben ihrer Familie gestohlen

waren, aufgekauft und mit nach Indien genommen hatte. Endlich waren

auch Abgesandte des Fürsten der Insel Bintang bei Malaka erschienen,

welche ihren Herren als einen Lehnsmann des Kaisers bezeichneten,

welcher ein Recht auf die Hilfe der Chinesen habe, da die Portugiesen

ihm einen Theil seines Reiches genommen hätten, und welche erklärten,

daß die letzteren nur zum Zweck der Eroberung ihre Fahrten bis China

ausdehnten. Die Folge dieser Nachrichten war, daß der Kaiser Befehl

gab, den portugiesischen Gesandten nach Kanton zurückzuschaffen und

dort als Gefangenen zurückzuhalten, bis die Portugiesen in allen

Stücken Ersatz geleistet hätten. Ihre Schiffe wurden gleichfalls mit

Beschlag belegt und kein Portugiese mehr in einen Hafen zugelassen,

denn der Kaiser wollte solche eigenmächtige, streitsüchtige und

habgierige Leute in seinen Landen nicht dulden.[148]

Darum wurde Duarte Coelho, als er im Juni 1521 wieder mit zwei Schiffen

vor Tamao erschien, von den Chinesen angegriffen. Er wies zwar mit

seinen Kanonen den feindlichen Angriff zurück und befreite noch eins

der portugiesischen Schiffe, aber Perez und sein Gefolge blieben

als Gefangene zurück und wurden nicht freigegeben. Der abenteuernde

Reisende Mendez Pinto wollte sogar im Jahre 1550 noch einige davon

am Leben getroffen haben. Dagegen behauptet Barros, Thomas Perez

sei mit allen seinen Mitgefangenen etwa ums Jahr 1523 hingerichtet.

Ebenso schlug ein erneuter Versuch, welchen Martin Affonso de Mello

Coutinho 1522 wagte, vollständig fehl, die Beziehungen zu China wieder

anzuknüpfen. Die Chinesen griffen sein Geschwader von fünf Schiffen

an, eroberten eins derselben und sprengten ein zweites in die Luft, so

daß Coutinho die übrigen mit Mühe nach Malaka zurück rettete. So hatte

also das unüberlegte Verfahren Simãos d’Andrade auf längere Zeit die

nachtheiligsten Folgen.

Einzelne Schiffe wagten sich später wieder in die chinesischen

Gewässer, wandten sich aber weiter nordwärts nach Ningpo, wo sie sich

anfänglich vorsichtiger benahmen, um an dem lebhaften Handel der

Stadt theilnehmen zu können. Aber mit den wachsenden Erfolgen stieg

auch wieder der Uebermuth der Portugiesen; in Folge dessen sie in den

vierziger Jahren wieder vertrieben wurden. Ningpo besaß aber eine

lebhafte Verbindung mit Japan, und so gelangten die Portugiesen von

hier nach jenem Inselreiche. In der Mitte des Jahrhunderts war China

ihnen wieder verschlossen, nur auf +Macao+ wußten sie sich zu behaupten

und haben den kleinen Besitz auf der Halbinsel bis heute zu erhalten

vermocht, von dem aus sie auch mit Kanton weiterhin in geschäftlicher

Verbindung blieben, nachdem sie sich zur Zahlung einer Geldsumme

bequemt hatten.

Die erste Bekanntschaft mit +Japan+ machten die Portugiesen im Jahre

1542. Leider fließt hier die wichtigste historische Quelle so trübe,

daß Wahrheit und Dichtung schwer zu unterscheiden ist. Es ist der

Reisebericht des Fernão Mendez Pinto,[149] welcher 1539 nach Malaka

kam, und nachdem er mehrere abenteuerliche Streifzüge nach Sumatra

ausgeführt hatte, sich im folgenden Jahre mit Antonio de Faria nach

China begab.

Der Piratenzug, an welchem sich Pinto betheiligte, scheint ihn mehrere

Jahre in der Nähe und an den Küsten Chinas beschäftigt zu haben. So

mochte er vielleicht vernommen haben, daß von der Mannschaft des Diogo

de Freitas, welcher sich im Jahre 1542 in der alten Residenz von Siam,

in Ayuthia befand, mehrere Leute desertirten und auf einer chinesischen

Dschunke versteckt, dem „himmlischen Reiche“ zusteuerten, aber von

einem Sturme nordwärts geführt unter dem 32° nördl. Br. bis an die

Inseln der Japaner geführt wurden, wo sie auf Nipongi freundliche

Aufnahme fanden. Sie waren die ersten Europäer, durch welche die

Japaner mit Feuerwaffen bekannt gemacht wurden.

Pinto, dessen Erzählung von Richthofen als „ein Meer von Lügen“

bezeichnet, „in welchem man einzelne Inseln der Wahrheit findet“,[150]

eignete sich selbst den Ruhm der Entdeckung zu und behauptete, einer

von jenen Matrosen gewesen zu sein, aber er verlegte das Ereigniß

um zwei Jahre zu spät. Da aber seine Darstellung und die Angabe von

Ortsnamen wirkliche Kenntniß von Japan verräth, so ist es nicht

unmöglich, daß er selbst, nachdem er vielleicht in Ningpo die Nachricht

von jener ersten Entdeckung erhalten hatte, den südlichen japanischen

Inseln, Tamga-sima und Kiusiu einen Besuch abgestattet hat. Eine

klarere Vorstellung von jenem Inselreiche gewann man bald, seit Franz

Xaver als erster Glaubensbote 1549 das Land betrat und bis 1551 mit

großem Erfolge wirkte. Aber über Nippon hinaus nordwärts blieb Meer und

Land in Dunkel gehüllt.

Auch China wurde noch in demselben Jahrhundert durch Augustiner- und

Franziskanermönche genauer bekannt, welche von den Philippinen her

1577 zuerst in das große Reich eindrangen und ihr Bekehrungswerk

begannen. So verdanken wir den Portugiesen nur die Kenntniß der Küsten,

den spanischen Geistlichen die Kenntniß des Binnenlandes.

Die Thätigkeit der Portugiesen, welche in den ersten Decennien sowohl

in Vorder-Indien als auch im Gebiet der Sunda-Inseln, einen so

glänzenden Aufschwung genommen hatte, erlahmte sehr bald. Das kleine

Reich hatte sich an Mitteln und Menschen erschöpft, es behauptete den

errungenen Besitz nur noch mühsam, bis nach der Vereinigung Portugals

mit Spanien im Jahre 1580 und nach der Vernichtung der spanischen

Suprematie zur See die Holländer und Engländer in den indischen

Gewässern erschienen und die ersten Entdecker der Gewürzländer aus

ihrer Domäne verdrängten. Die Holländer übernahmen dann im folgenden

Jahrhundert die Weiterführung der Entdeckungsfahrten, einerseits gegen

Südosten nach Australien, andererseits gegen Nordosten über Japan

hinaus bis an das ochotskische Meer und bis zu den Kurilen.

Zweites Capitel.

Die Bahn der Spanier nach Westen und die Entdeckung der neuen Welt.

1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen Nautik und

das frühere Leben des Christoph Columbus.

Noch ehe die Portugiesen das Ziel ihrer langjährigen Anstrengungen zur

See, Indien, zu erreichen vermochten, ja noch ehe sie das ihnen in den

Weg geworfene Hinderniß, die plumpe Masse des ungegliederten Erdtheils

Afrika, durch glückliche Umschiffung endlich überwunden hatten, tauchte

ein anderes Project auf, das durch seine Kühnheit alle Welt stutzig

machte und deshalb naturgemäß überall auf Widerspruch stieß, ein

Project, das in seinem Kern von ganz richtigen Grundsätzen ausging und

unter der damals nicht mehr bestrittenen Annahme von der Kugelgestalt

der Erde den geraden Weg nach Westen über das völlig unbekannte

Weltmeer als den nächsten und bequemsten Weg nach Indien oder überhaupt

nach dem Ostrande der alten Welt vorschlug, deren Gestade, wie man aus

den Erzählungen Marco Polos und seiner Nachfolger wußte, gleichfalls

von einem unendlich scheinenden Ocean bespült wurden. Der Träger

dieses Projects, wenn auch keinesweges der Schöpfer desselben, war ein

Italiener Christofero Colombo oder, wie er mit der latinisirten Form

seines Namens allgemein genannt wird, +Columbus+.

Italienern verdanken wir im Mittelalter den ersten folgenreichen

Aufschwung der Nautik, Italiener waren die Lehrmeister der

Portugiesen gewesen, ein Italiener entwarf zuerst den kühnen Plan

einer Westfahrt nach Indien, ein Italiener führte den Gedanken aus,

nach einem Italiener erhielt die neue Welt ihren Namen; Italiener

waren zur selben Zeit auch die Leiter der Seeunternehmungen, welche

von Frankreich und von England aus im westlichen Meere Entdeckungen

machen sollten. Aber daß sie niemals in der Heimat eine hochherzige

Unterstützung für ihre Pläne fanden, und ihre Ideen nur im Auslande

verwerthen konnten, wo sie, nur von Fremden umgeben, und von nationaler

Eifersucht bewacht, vielfach auf Widerstand stießen, hat mannigfache

Verwicklungen und manche Wechselfälle in dem Leben der leitenden

Persönlichkeiten veranlaßt; vor allem in dem tragischen Ausgange des

berühmtesten von allen, des Columbus selbst.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das +frühere Leben+ dieses

merkwürdigen Mannes, auf die Zeit, in welcher er das Schicksal so

mancher seiner Zeitgenossen und Landsleute, die sich dem Seegewerbe

widmeten, theilte.

Auf die Ehre, die Geburtsstätte des Columbus gewesen zu sein, haben

viele Orte Italiens Anspruch erhoben: Albisola, Bogliasco, Chiavara,

Cogoleto, Nervi, Oneglia, Pradello, Quinto, Savona, Genua; aber

Columbus selbst bezeugt in seinem Testamente zweimal, daß er in der

Stadt (~ciudad de Genova~) geboren sei, so daß damit die rechtmäßige

Entscheidung gegeben ist.

Er stammte also aus derjenigen Seestadt, welche den weitgehendsten

Einfluß auf die Entwicklung des Seewesens in Westeuropa bereits seit

mehreren Jahrhunderten gehabt hatte. Denn schon in den Jahren 1116 und

1120 waren genuesische Schiffsbaumeister und Seeleute nach Spanien

gerufen, um die Küsten des Landes vor den maurischen Seeräubern zu

schützen, und im 13. und 14. Jahrhundert wurden Genuesen zum Range

castilischer Admirale erhoben.

Genuesen hatten bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts (s. o. S.

23) den Versuch gewagt, einen Seeweg nach Indien, um Afrika herum,

aufzufinden, und hatten vielleicht um dieselbe Zeit schon die

canarischen Inseln wieder aufgefunden. Der König Diniz III. von

Portugal stellte 1307 einen Genuesen an die Spitze der Flotte und noch

unter Heinrich dem Seefahrer zeichneten sich die Söhne Genuas bei den

Entdeckungsfahrten aus: Perestrello, ein Vorfahr des Schwiegervaters

des Columbus, wird als der Wiederentdecker von Porto Santo genannt,

Antonio de Noli fand 1460 die capverdischen Inseln (s. o. S. 96).

Auch in Frankreich und England nahmen seit dem 13. und 14. Jahrhundert

die Könige genuesische Seeleute in ihren Dienst und vertrauten ihnen

die Führung von Seegeschwadern an.[151] Diesem selben Zuge der

genuesischen Jugend, in den westlichen Ländern am Ocean und auf dem

Ocean selbst ihr Glück zu suchen, folgte auch Columbus.

Ueber +sein Geburtsjahr+ ist viel gestritten worden. Man hat dafür die

Jahre 1436, 1446 und 1456 angenommen. Die Ursache dieser auffälligen

Schwankungen liegt in den einander widerstreitenden Angaben, wobei,

je nach der Berechnung der Zeiträume, auch noch die geringeren

Abweichungen bezüglich der Jahre 1435 bis 1437 oder 1445 bis 47

vorkommen. Der Beweis für das Jahr 1436 stützt sich vornehmlich auf die

Aussage eines zeitgenössischen Geschichtschreibers, welcher persönlich

mit Columbus bekannt war, auf Andres Bernaldez (~Historia de los Reyes

catolicos D. Fernando y Da. Isabel, Sevilla 1870~), welcher von 1488

bis 1513 Geistlicher im Städtchen Los Palacios bei Sevilla war, und den

Entdecker der neuen Welt bei seiner glücklichen Heimkehr von seiner

zweiten Reise als Gast bei sich sah. Bernaldez schreibt, daß Columbus

in gutem Greisenalter, im Alter von 70 Jahren etwa gestorben sei.

(~Murió in senectute bona de edad de setenta años poco mas o menos.~)

Nach dieser Angabe wäre Columbus also etwa 32 Jahre älter gewesen als

sein jüngster Bruder Diego, welcher bestimmt im Jahre 1468 geboren ist.

Aber Bernaldez hat sich durch das graue Haar des Entdeckers täuschen

lassen und wußte nicht, daß Columbus schon mit 30 Jahren ganz weiß

geworden war.

Nach einer zweiten Ansicht, welche besonders von Peschel vertreten

wurde,[152] soll Columbus 1456 geboren sein. Columbus schreibt nämlich

am 7. Juli 1493, er sei in einem Alter von 28 Jahren in den Dienst

der spanischen Krone getreten,[153] und erwähnt am 14. Jan. 1493,

daß er den kommenden 20. Januar den katholischen Majestäten gerade 7

Jahre gedient habe.[154] Sein Eintritt erfolgte demnach 1486 und sein

Geburtsjahr würde um 1458 zu setzen sein. Andererseits sagt aber der

Entdecker am 21. Dec. 1492, er sei fast ohne Unterbrechung 23 Jahre

auf See gewesen,[155] also seit 1470. Nimmt man dazu die Angabe der

„~vida del Almirante~“, welche selbst behauptet[156] von seinem Sohne

Ferdinand geschrieben zu sein, daß der Vater schon in seinem 14. Jahre

auf die See gegangen sei, so mußte Christoph Columbus 1456 geboren sein.

Allein dagegen ist mit Recht eingewendet, daß Columbus von 1483 bis

1492 fast gar keine Seereisen mehr gemacht hat und seit 1486 sich

beständig in Spanien aufhielt, daß demnach der Ausgangspunkt, von dem

die 23 Jahre ununterbrochener Seefahrten an rückwärts zu zählen sei,

in das Jahr 1483 zu setzen sei, so daß also Columbus seit 1460 etwa

das Seegewerbe betrieben habe. Dazu stimmt ferner, daß Columbus 1501

erklärt, er befahre nun bereits seit mehr als 40 Jahren das Meer. Kam

er nun sehr jung, im 14. Jahre, aufs Schiff, so müßte er 1446 geboren

sein.

Diese Ansicht vertheidigt besonders d’Avezac.[157] Den Widerstreit

gegen die eigene Angabe des Columbus, er sei in seinem 28. Jahre in

spanische Dienste getreten, löst d’Avezac scheinbar gewaltsam, indem

er, wie vor ihm bereits Navarrete, die Zahl 28 für einen Schreibfehler

erklärt und behauptet, Columbus hätte schreiben müssen, im 38.

Jahre.[158]

Aber d’Avezac verstärkt seine Hypothese durch den Hinweis auf eine

gerichtliche Urkunde vom Jahre 1472, in welcher Columbus zweimal

als Zeuge vor dem Gericht in Savona, wo sein Vater damals wohnte,

aufgeführt wird als: ~Christopherus Columbus, lanarius de Janua,

annos Laetoriae legis egressus~. Da nun das Lätorische Gesetz sich

auf das 25. Lebensjahr bezieht und Columbus 1472 dieses Jahr bereits

überschritten hatte, so kann er unmöglich 1456, wohl aber 1446

geboren sein. Auch in den Jahren 1473 und 1476 wird Columbus zusammen

mit seinem Bruder noch in den Gerichtsacten Genuas genannt. Es ist

immerhin möglich, daß er, wenn er auch zeitweilig das Handwerk seines

Vaters, die Wollweberei betrieb, doch daneben auch kleinere Seereisen

unternahm, von denen er nach seiner Vaterstadt zurückkehrte.

Ueber seine Jugendzeit wissen wir wenig, die Angabe der „~Vida~“,

welche sogar seinen Sohn Fernando als Verfasser nennt, aber

sicherlich nicht von ihm geschrieben ist, sind theils legendenhaft,

theils geradezu unglaublich, so daß sie vor der historischen Kritik

beanstandet worden sind.[159] Man hat ohne Bedenken danach angenommen,

daß Columbus die Universität Pavia besucht habe, aber seine Jugend und

die für diese Studien verfügbare Zeit sprechen dagegen, da er bereits

mit dem 14. Lebensjahre auf die See ging.[160]

Den Ocean scheint er erst im 30. Jahre kennen gelernt zu haben. Es wird

nämlich erzählt, daß er im Jahre 1477 und zwar bereits im Februar,

wahrscheinlich von Bristol aus, hundert spanische Meilen über Tyle

(Thule) hinaus gesegelt sei (vgl. oben S. 28). Thule identificirte man

mit den Faröern, welche damals unter dem Namen Friesland bekannt waren.

Columbus suchte also, wie auch andere seiner Landsleute, sein Glück im

Auslande zu machen. Von England begab er sich später nach Portugal,

wahrscheinlich zu Ende der Regierung Alfons V., welcher 1481 starb, und

machte von hier aus eine Fahrt nach der Küste von Guinea. Da er bei

dieser Gelegenheit die portugiesische Niederlassung von St. Jorge de la

Mina besuchte, so kann diese Fahrt nicht vor 1482 fallen, in welchem

Jahre das genannte Fort an der Goldküste erst angelegt wurde. In

Lissabon verheirathete er sich mit der Donna Felipa Muñiz-Perestrello,

und zog mit ihr nach dem Besitzthum ihres Vaters auf der Insel Porto

Santo. Dort lernte er auch die auf das Seewesen bezüglichen Karten

und hinterlassenen Papiere seines bereits verstorbenen Schwiegervaters

Perestrello kennen. Aus ihnen schöpfte er wohl auch die ersten dunklen

Nachrichten von Inseln und Ländern, welche im westlichen Meere liegen

sollten, von denen er dann selbst mit Eifer neue Kunde sammelte.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 75 / 123 题