Wenn nun auch alle diese Meinungen und Lehrsätze d’Ailly’s einen großen
Einfluß auf die Gestaltung des Planes gehabt haben, so waren sie,
weil im allgemeinen zu verschwommen, nicht kräftig genug, um einen
wirklichen Impuls auszuüben, die Fahrt zu unternehmen. Denn welcher
Seemann konnte nach solchen allgemeinen, vagen Vorstellungen seinen
Cours einschlagen, welcher Fürst und welcher Staat würde zu einem
solchen Zuge ins Blaue die Mittel verschwendet haben? Darum kann ich
Humboldt darin nicht beistimmen, daß die Imago Mundi mehr Einfluß auf
die Entdeckung von Amerika geübt, als der Briefwechsel Toscanelli’s
(Kosmos II, 286). Grade die ganz bestimmte Direction, welche dieser
ausgezeichnete Astronom und Physiker den Ideen seines Landsmannes gab,
man kann sagen, die von ihm ganz genau vorgeschriebene Segelroute war
es, welche einerseits den noch unklaren Vorstellungen des Columbus
den richtigen Stützpunkt gab und andererseits auch die Monarchen
ermuthigte, die Kosten zu wagen.
In dieser Hinsicht muß man entschieden der Ansicht d’Avezacs
beipflichten: „Die Ideen des Columbus entstanden aus einer Summe von
Notizen, welche er allmählich aus verschiedenen Quellen geschöpft; aber
ein bestimmtes Project kam erst durch den Brief Toscanelli’s zur Reife.
Dieser +monumentale+ Brief sichert dem Toscanelli das unzweifelhafte
Verdienst, die transatlantischen Entdeckungen angeregt zu haben.“[168]
Diesen Brief lernte Columbus wahrscheinlich erst im Anfange der
achtziger Jahre kennen. Bis dahin war er einfach ein Seefahrer
gewesen, von da an wurde er Entdecker. Danach ist auch die von Las
Casas gemachte Zeitangabe zu verbessern,[169] wonach sich Columbus 14
Jahre bemüht haben soll, den König von Portugal für seine Pläne zu
gewinnen. Da wir wissen, daß Columbus noch um 1476 in Genua war, und
1484 nach Spanien ging, so ist die Angabe des Bischofs bestimmt falsch.
Avezac (~l. c. p. 43~) stellt die Vermuthung auf, es könne statt 14
Jahre recht wohl 14 Monate heißen und Columbus habe seinen Vorschlag
zuerst im September oder October 1483 gethan, und sei dann gegen
Ende des nächsten Jahres nach Spanien übergesiedelt. -- Doch wenden
wir zunächst unsere Aufmerksamkeit dem Briefe Toscanelli’s zu. Paolo
Toscanelli, auch, weil er Arzt war, ~Paolo fisico~ genannt (geb. 1397
in Florenz, gestorben 1482), gehörte zu den ausgezeichnetsten Gelehrten
seiner Vaterstadt und beschäftigte sich namentlich mit Kosmographie.
Durch lebhaften Verkehr stets in Verbindung mit berühmten Reisenden,
Seefahrern und Kartenzeichnern, hat er wohl zuerst bei dem Studium
des Marco Polo und angesichts der durch persönlichen Verkehr mit
Nicolo de Conti (s. oben S. 77) weiter bestätigten großen Entfernung
Ostasiens von Europa, sowie neuer Beglaubigungen der Berichte von den
kostbarsten Produkten, den menschenwimmelnden prachtvollen Städten
und großartigen Reichen den Gedanken gefaßt, daß von Portugal oder
Italien aus +ostwärts+ die Entfernung bis Quinsay und Zaiton weit
mehr als den halben Erdumfang betragen müsse, und weiterhin daraus
gefolgert, daß dann der Weg über das Westmeer der nähere sein müsse.
Zur Veranschaulichung dieser Idee bedurfte es einer Karte, welche
die, wie es scheint, vor ihm noch nie entworfene Wasserseite der Erde
darstellte. Denn die Seekarten dienten praktischen Zwecken und stellten
daher nur die in der Nähe der großen Handelslinien befindlichen Küsten
und Länder dar. Da nun Toscanelli sah, wie sich bereits seit einem
halben Jahrhundert die Portugiesen abmühten, die Umfahrt um Afrika zu
vollenden, so richtete er 1474 einen Brief an den Canonicus Fernam
Martinz in Lissabon, um den König unter Beigabe einer von ihm selbst
entworfenen Karte auf seine Idee, das Morgenland durch eine Westfahrt
zu erreichen, aufmerksam zu machen. Allein die Portugiesen hatten
1471 glücklich die Goldküste entdeckt (s. oben S. 104) und beuteten
dieses Gebiet aus, ohne Neigung, sich in unbestimmte kostspielige
Unternehmungen einzulassen. Toscanelli’s Aufforderung fand also
keinen Anklang; sein Brief galt wohl mehr als Curiosum, denn daß man
ein Staatsgeheimniß daraus machte, von dem nichts verlauten dürfe,
um nicht andere Unternehmer in dieselben Bahnen zu lenken. So konnte
auch Columbus nach Jahren davon Kunde erhalten und sich eine Abschrift
dieses Briefes verschaffen, indem er sich direct an Toscanelli
wandte. Wir kennen die Briefe des Columbus nicht, sondern nur die
Antworten des Florentiner Gelehrten und auch diese in einer sicher
nicht authentischen Fassung, da sie nur in der Vida del Almirante sich
finden, welche den Wortlaut nicht nur nicht getreu wiedergegeben hat,
sondern durch offenbare Einschiebsel den Zeitpunkt des Schreibens zu
verrücken sucht, um Columbus zu glorificiren, indem man die Bedeutung
des Briefes als maßgebend für den Impuls zu der Westfahrt verminderte
und die Initiative allein dem Entdecker beimaß.
Nach der jetzt vorliegenden Fassung des Briefes schrieb nämlich
Toscanelli folgendermaßen:
„Ich sehe Eurer edles und großes Verlangen, dahin zu reisen, wo die
Spezereien wachsen. Daher sende ich Euch zur Beantwortung Eures
Briefes die Abschrift eines andern, den ich +vor einigen Tagen+ an
einen meiner Freunde, im Dienste Sr. Maj. des Königs von Portugal,
+vor den castilischen Kriegen+, in Beantwortung eines andern schrieb,
welchen er im Auftrage des Königs über die betreffende Angelegenheit
an mich richtete, und ich schicke Euch eine andere Seekarte (~carta da
marear~), die mit derjenigen übereinstimmt, welche ich ihm sandte.“
Der castilische Erbfolgekrieg fällt in die Zeit von 1474-1479. Es liegt
auf der Hand, daß man den Ausdruck „+vor+ den castilischen Kriegen“
nur gebrauchen kann, wenn der Krieg vollständig beendigt ist, aber
weder im Beginn noch im Verlauf desselben. Der Brief Toscanelli’s
muß also an Columbus +nach+ 1479 geschrieben sein, der Originalbrief
an Martinz +vor+ oder um 1474. Das Datum dieses Briefes lautet auch:
Florenz, 25. Juni 1474. Steht dieses fest, dann kann Toscanelli aber
nicht an Columbus schreiben, er habe erst „vor einigen Tagen“ den Brief
an Martinz verfaßt, denn es lag ein Zeitraum von mindestens 5 Jahren
dazwischen. Eine der beiden Zeitangaben ist falsch, die Entscheidung
fällt unbedingt +gegen+ den Ausdruck „vor einigen Tagen“. Es soll
einerseits durch diesen Zusatz der Plan als geistiges Eigenthum des
Columbus hingestellt und der Einfluß Toscanelli’s verdeckt werden;
denn wenn der florentinische Gelehrte erst „vor einigen Tagen“ den
ersten Brief nach Portugal geschickt hat, kann Columbus noch keine
Mittheilung von demselben haben, selbst wenn der Brief direct an
ihn selbst gerichtet wäre. Es soll dem Entdecker die Priorität des
Gedankens gerettet worden. Andererseits wird der Zeitpunkt, in welchem
dem Genuesen der Plan reifte, um wenigstens fünf Jahre zurückgerückt,
aber leider in eine Zeit verlegt, welche mit dem angeblich früheren,
ständigen Aufenthalte des Columbus in Portugal sich nur schwer
vereinigen läßt, da sein Name in den Acten Genuas 1472, 1473 und 1476
erscheint. Wenn dadurch auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist,
daß Columbus 1474 sich zu Lissabon aufgehalten, so doch sicher nur als
Seemann vorübergehend, und es bleibt die Frage unerledigt, warum er
sich nicht direct von Italien aus an den Physiker in Florenz gewandt.
Zudem ist auffällig, daß, nach dem zweiten Briefe Toscanelli’s zu
urtheilen, dieser Gelehrte nicht zu wissen scheint, daß Columbus ein
Italiener ist. Er hält ihn vielmehr für einen Portugiesen, wie aus der
Anspielung auf diese Nation hervorgeht. Wenn Columbus nun nach dieser
Seite sich nicht deutlich ausgesprochen hat, ist der Schluß nicht
unberechtigt, daß er bereits in Portugal seit mehreren Jahren ansässig
gewesen und sich also gleichsam als Portugiese gefühlt habe, wie er ja
auch in Spanien später seinen ganzen Namen umänderte. Dann aber fällt
die Correspondenz mit Toscanelli bereits in den Anfang der achtziger
Jahre,[170] was auch am besten zu dem ganzen Verlauf der Angelegenheit
in Portugal stimmt.
Glücklicherweise ist von dem ausgezeichneten Forscher der ältesten
amerikanischen Literatur, von Harrisse, eine von Columbus selbst
geschriebene Copie des Toscanelli’schen Briefes an Martinz in der
Colombinischen Bibliothek zu Sevilla aufgefunden und veröffentlicht.
Ein Vergleich dieses lateinisch geschriebenen Briefes mit dem in der
~Vida del Almirante~ gegebenen Texte zeigt deutlich, daß auch dieses
wichtige Document durch die Hand des Biographen des Entdeckers nicht
unwesentliche Veränderungen erfahren hat.
Wegen seiner großen Bedeutung theilen wir den Brief vollständig
mit.[171]
„Dem Canonicus Ferdinand Martinz zu Lissabon sendet der Physiker Paul
(Toscanelli) seinen Gruß. Von deinem vertrauten Umgange mit Sr. Maj.
dem Könige ist es mir um so angenehmer gewesen Kenntniß zu erhalten,
als ich mit dir schon früher gesprochen habe über einen kürzeren Seeweg
zu den Gewürzländern, als derjenige ist, welcher über Guinea führt.
Der König wünscht nun von mir eine noch mehr durch den Augenschein
überzeugende Erläuterung, so daß auch der minder Bewanderte diesen
Weg begreifen und verstehen kann. Obgleich ich nun weiß, daß man dies
an einer Kugel, welche die Erde vorstellt, zeigen könnte, so habe
ich mich doch des leichteren Verständnisses und der geringen Mühe
wegen, entschlossen, diesen Weg auf einer Seekarte zu erläutern.
Ich sende also Sr. Majestät eine eigenhändig entworfene Karte, auf
welcher eure Küsten und Inseln eingezeichnet sind, von denen der Weg,
immer gegen Abend, beginnt, und die Orte, zu denen man gelangen muß,
und wie weit man vom Pol oder vom Aequator abweichen muß, und durch
einen wie großen Abstand, d. h. nach wie viel Meilen, man zu jenen
Orten kommen muß, welche die größte Fülle von allen Gewürzen und
Edelsteinen besitzen. Und wundert euch nicht darüber, daß ich +das+
„+westliches+“ Gebiet nenne, wo die Gewürze sind, während es gewöhnlich
als östliches bezeichnet wird, weil durch Seefahrten immer nach Westen
jene Gegenden durch unterirdische (~subterraneas~) Fahrten gefunden
werden, während sie zu Lande und auf dem +oberen+ Wege immer nach
Osten aufgesucht werden. Demnach zeigen die geraden in der Länge der
Karte eingetragenen Linien den Abstand von Osten nach Westen, dagegen
die transversalen Linien die Abstände von Süden nach Norden. Ich habe
aber in der Karte verschiedene Orte eingetragen, zu denen ihr nach den
genauern Nachrichten der Schifffahrten kommen könntet; sei es nun,
daß man durch (widrige) Winde oder durch irgend einen andern Umstand
anderswohin gelangte, als man erwartete, theils aber auch, um den
Einwohnern zu zeigen, daß sie (die Seefahrer) bereits eine Kenntniß
jenes Landes haben, was um so angenehmer sein muß. Es wohnen aber auf
den Inseln nur Kaufleute. Es wird nämlich behauptet, daß dort eine so
große Menge von Kauffahrteischiffern, wie sie auf der ganzen übrigen
Welt nicht sind, sich in dem einen berühmtesten Hafen, Namens Zaiton
finden. Man behauptet nämlich, daß in jenem Hafen jährlich 100 große
Schiffe mit Pfeffer abgehen, ungerechnet die anderen Schiffe, welche
andere Gewürze laden. Jenes Land ist sehr volkreich und sehr reich
an Provinzen, Staaten und zahllosen Städten und steht unter +einem+
Fürsten, welcher der +Groß-Kan+ genannt wird, was so viel als König
der Könige bedeutet. Sein Sitz und seine Residenz ist meistens in der
Provinz +Katay+. Seine Vorfahren wünschten mit den Christen in Verkehr
zu treten. Schon vor 200 Jahren schickten sie zum Papste und baten
um mehrere Gelehrte, damit sie im Glauben unterrichtet würden; aber
dieselben stießen unterwegs auf Hindernisse und kehrten wieder um. Auch
zur Zeit des Papstes Eugen kam einer zu Eugen[172] und bestätigte das
große Wohlwollen gegen die Christen; und ich habe selbst ein langes
Gespräch mit ihm gehabt über vielerlei, über die Größe der königlichen
Paläste und über die Größe der Flüsse in der Breite und wunderbaren
Länge und über die Menge der Städte an den Ufern der Flüsse, daß an
einem Flusse gegen 200 Städte erbaut sind und marmorne Brücken von
großer Breite und Länge, welche allenthalben mit Säulen geziert sind.
Dieses Land ist werth, von den Lateinern aufgesucht zu werden, nicht
allein weil ungeheure Schätze von Gold, Silber und Edelsteinen aller
Art von dort gewonnen werden können und von Gewürz, welches nie zu uns
gebracht wird, sondern auch wegen der gelehrten Männer, Philosophen und
erfahrenen Astrologen, und um zu erfahren, mit welchem Geschick und
Geist dieses so mächtige und große Land regiert wird und auch Kriege
geführt werden. Florenz, 25. Juni 1474.“
„Von Lissabon nach Westen in gerader Linie sind 26 Spatien in die
Karte eingetragen, von denen jedes 250 Milliarien umfaßt, bis zu der
sehr prächtigen und großen Stadt Quinsay. Dieselbe hat einen Umfang
von 100 Milliarien und hat 10 Brücken und der Name bedeutet Stadt des
Himmels,[173] und viel Wunderbares wird darüber berichtet von der Menge
der Künstler und der Einkünfte. Dieser Abstand beträgt fast den dritten
Theil der ganzen Erde. Jene Stadt liegt in der Provinz +Mangi+, in
der Nachbarschaft der Provinz +Katay+, in welcher die Hauptstadt des
Landesherrn liegt. Aber von der auch bekannten Insel +Antilia+ zu der
sehr berühmten Insel +Cippangu+ sind 10 Spatien. Jene Insel nämlich ist
sehr reich an Gold, Perlen und Edelsteinen, und mit purem Golde deckt
man Tempel und Paläste. Und so muß man auf unbekannten aber +nicht
weiten+ Wegen den Raum des Meeres durchschneiden.“
[Illustration: ~DIE OCEANISCHE SEITE DES BEHAIM’SCHEN GLOBUS VOM JAHRE
1492.~
~Das Original, im Durchmesser einen pariser Fuß und acht Zoll groß,
befindet sich im Familienarchive der Freiherrn von Behaim in Nürnberg.
Über die Geschichte der Entstehung des Globus siehe die Inschrift unter
dem Circulus antarcticus, über dem nürnberger Wappen.~]
Leider ist die Karte Toscanelli’s, welche Columbus auf seiner Reise
bei sich hatte und welche später Las Casas in seinem Besitze hatte,
nicht bis auf unsere Zeit erhalten. Um ein Bild von derselben zu
gewinnen, muß man vor allem die von Toscanelli fixirten Abschnitte
oder Spatien prüfen. Es ist besonders wichtig zu betonen, daß der
florentinische Astronom nur +ein+ Längenmaß, Milliarien, gebraucht und
von diesen römischen Millien 250 auf ein Spatium rechnet. Humboldt[174]
und Peschel[175] sind deshalb zu irrigen Resultaten gelangt, weil
sie den lateinischen Originaltext des Toscanelli’schen Briefes noch
nicht kannten und durch die in den spanischen und italienischen
Uebersetzungen jenes Documents eingeschobenen und zum Theil wieder
verschriebenen und entstellten Uebertragungen von Millien in Leguas zu
falschen Schlüssen verleitet worden.
Die Angaben und Vorschriften Toscanelli’s für eine westliche Fahrt zu
den Gewürzländern waren so bestimmt und zuversichtlich gegeben, daß
Columbus dieselben nur zu adoptiren brauchte. Und daß er sich in diesem
Sinne ausgesprochen hat, läßt sich aus der darauf folgenden Antwort
Toscanelli’s erkennen. Da sind keine Zweifel zu beseitigen, keine
dunklen Punkte mehr aufzuhellen, keine Fragen zu beantworten. Columbus
hat sich bereit erklärt, die Idee Toscanelli’s zu verwirklichen und
dieser versichert noch einmal, der Weg sei ganz sicher und führe zum
Ziel: „Ich lobe eure Absicht,“ schreibt der Physiker, „nach Westen zu
fahren und ich bin überzeugt, wie ihr auf meiner Karte bereits gesehen
habt, daß der Weg, den ihr nehmen wollt, nicht so schwierig ist, als
man denkt; im Gegentheil der Weg nach jenen Gegenden, welche ich
eingezeichnet habe, ist ganz sicher. Ihr würdet keine Bedenken haben,
wenn ihr, wie ich, mit vielen Personen verkehrt hättet, welche in jenen
Ländern gewesen sind, und seid gewiß, mächtige Könige anzutreffen,
viele volkreiche wohlhabende Städte und Provinzen zu finden, welche
an jeder Art Edelsteinen Ueberfluß haben; und es wird die Könige und
Fürsten, welche in jenen entfernten Ländern herrschen, hoch erfreuen,
wenn man ihnen einen Weg bahnt, um mit den Christen in Verbindung zu
treten und sich von denselben in der katholischen Religion und in allen
Wissenschaften, welche wir besitzen, unterrichten zu lassen. Deshalb
und wegen vieler anderen Ursachen wundere ich mich nicht, daß ihr so
viel Muth zeigt wie auch die ganze portugiesische Nation, in welcher es
immer Männer gegeben hat, die sich in allen Unternehmungen auszeichnen.“
Zwei Momente sind in diesem Schreiben noch beachtenswerth, einmal die
besondere Bedeutung der Fahrt für die Verbreitung des Glaubens, auf
welche Columbus selbst möglicherweise in seinem Brief angespielt hatte
und sodann die Anerkennung des portugiesischen Unternehmungsgeistes.
Toscanelli weiß offenbar nicht, daß Columbus Italiener ist, er hält ihn
vielmehr für einen Portugiesen, und dieser hat über seine Heimat und
sein Vaterland keine Mittheilung gemacht.
* * * * *
Wahrscheinlich im Jahre 1483 trat Columbus zuerst mit seinem Plane
hervor. Der König Johann II. forderte darüber das Gutachten einer
Commission ein, welche aus den bedeutendsten Gelehrten, Diego Ortiz,
Bischof von Ceuta und Beichtvater des Königs, so wie aus den beiden
königlichen Aerzten Rodrigo und Joseph bestand. Aber diese Räthe
nahmen, wie Barros erzählt[176] die Reden des Genuesen für eitle
Prahlerei und erklärten das ganze Project für Träumerei, welche nur
in den Berichten Marco Polo’s ihren Grund habe. Und da auch der König
sah, daß Columbus ein höchst fantastischer Schwätzer sei, so schenkte
er ihm keinen Glauben. Und als bald darauf seine Gemahlin starb,
verließ Columbus 1484 Portugal für immer, um in Spanien sein Glück zu
versuchen. Man hat das Urtheil der Commission scharf getadelt wegen der
rücksichtslosen Abweisung eines Unternehmens, welches noch im Laufe
des nächsten Decenniums mit Erfolg gekrönt zu sein schien. Allein man
darf nicht vergessen, daß die portugiesischen Ziele bestimmt nach einer
andern Richtung wiesen und daß, wenn auch das Südende Afrikas noch
nicht entdeckt war, doch die Erforschungen des Weges nach Indien nicht
wieder auf einem ganz andern Wege begonnen werden konnten, nachdem man
bereits so manchen Erfolg zu verzeichnen gehabt hatte. Es würde die
Mittel des Reiches zersplittert haben. Dazu hatten die portugiesischen
Räthe im Grunde Recht, den geringen Abstand der Westküste Europas von
der Ostküste Asiens zu leugnen; und es ist nicht abzusehen, was aus dem
Geschwader des Columbus geworden wäre, wenn er die wirkliche Breite des
Weltmeers bis zu den Gestaden Chinas hätte durchmessen müssen.
Das später ausgesprengte Gerücht, der König Johann habe heimlich ein
Schiff zur Westfahrt abgesendet, um den Plan des Columbus auszuführen,
entbehrt jedes historischen Glaubens.
Auch in Spanien fand Columbus anfangs keinen günstigen Boden, aber
er harrte, da sich allmählich die Aussichten günstiger zu gestalten
schienen, jahrelang aus, bis die Zeitverhältnisse die Erfüllung seiner
heißesten Wünsche, denen er von nun an sein ganzes Leben widmete,
gestatteten.