Zu allen Zeiten, wo durch weit ausgedehnte Eroberungszüge oder durch
kühne Seefahrten große Strecken und Gebiete früher unbekannter Länder
entdeckt worden sind, und dadurch der Gesichtskreis in kurzer Zeit
bedeutend erweitert wurde, ist die Phantasie mächtig aufgeregt worden
und hat neben den wahrheitsgetreuen Berichten von den fernen Ländern
und Inseln auch den haltlosesten Gerüchten Glauben geschenkt, welche
von unglaublichen Wunderwesen und Wunderlanden zu erzählen wußten. So
ist es den Griechen nach dem Zuge Alexanders des Großen nach Indien
gegangen, so erging es nun auch den Portugiesen in Indien und sollte
es, wie wir später sehen werden, auch den Spaniern in Amerika ergehen.
Ein besonders interessantes Beispiel dafür ist das lockende Gespenst
der Gold- und Silberinseln, um so mehr als darin ein Wahn aus dem
Alterthum neu belebt wurde, welcher das ganze Mittelalter hindurch ein
bescheidenes Dasein gefristet hatte.
Als unter den Nachfolgern Alexanders des Großen das vorderindische Land
genauer bekannt wurde und einzelne Seefahrer auch den bengalischen Golf
durchkreuzten bis zu den Gestaden Hinter-Indiens, wurde im Abendlande
die Kunde von einer fern im Osten gelegenen Goldinsel (χρυσῆ νῆσος)
verbreitet. Weiterhin belegte man die östlichsten asiatischen Länder
nach ihren werthvollsten Erzeugnissen mit dem Namen des Goldlandes,
des Silberlandes, des Kupferlandes.[134] Man hat darunter wohl die
hinterindischen Staaten Birma und Siam zu verstehen. Ueber den
Reichthum an edlen Metallen, wie er noch zu M. Polo’s Zeit von den
Fürsten zur Schau getragen wurde, ist bereits (S. 64) berichtet. Auch
die Halbinsel Malaka kannte das griechische Alterthum unter dem Namen
des goldenen Chersoneses (χρυσῆ χερσόνησος); überdies nennt Ptolemäus
auch noch eine goldene Insel. An der Fülle von Edelmetallen war also
nicht zu zweifeln.
Bei den römischen Schriftstellern ging die Vorstellung bereits ins
Phantastische und Unbestimmte über; man hielt sich namentlich an den
Begriff der Gold- und Silberinseln, wollte aber nicht entscheiden,
ob die Inseln nur Fundstätten des Metalles besäßen oder ganz und gar
daraus beständen. Auch begnügte man sich nur mit der ungefähren Angabe
der Lage. Aus den Lateinern schöpfte dann weiter das ganze Mittelalter.
Maßgebend war Plinius, denn die Griechen verstand man im Mittelalter
bald nicht mehr. -- Die Angaben des römischen Compilatoren und seines
späteren Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein
Jahrtausend. Plinius schreibt: Jenseit der Mündung des Indus liegen,
glaube ich, die Inseln Chryse und Argyre (die Namen wurden also aus dem
Griechischen beibehalten), welche reich an Metallen sind. Denn wenn
einige berichtet haben, sie beständen ganz aus Gold und Silber, so
dürfte das schwerlich zu glauben sein.
Solinus, welcher stets geneigt ist, das Wunderbare noch zu übertreiben,
änderte den Bericht dahin, daß er schrieb, die Inseln seien so reich,
daß wie die meisten (?) berichteten, der Boden ganz aus Gold und Silber
bestehe. Viel vorsichtiger hatte sich Pomponius Mela ausgedrückt. Aber
Plinius und Solinus blieben die maßgebenden Quellen für die Gelehrten
des Mittelalters. Im 6. Jahrhundert schrieb Isidor von Sevilla: Chryse
und Argyre sind reich an Gold und Silber. Dort (nämlich in Indien
überhaupt) gibt es goldene Berge, die aber von Drachen und Greifen
und menschlichen Ungeheuern bewacht werden, so daß man nicht zu ihnen
gelangen kann.
Kurz erwähnt die Inseln weiterhin der Geograph von Ravenna im 7.
Jahrhundert, ebenso Hrabanus Maurus im 8., sodann Hugo von St. Victor
im 13. Jahrhundert und Petrus de Alliaco (Pierre d’Ailly), Cardinal von
Cambray im Anfang des 15. Jahrhunderts.[135]
Der Glaube an diese Inseln war also allgemein verbreitet; sogar eine
gereimte Geographie aus dem dreizehnten Jahrhundert verherrlicht
dieselben.[136] Die Weltbilder jener Zeit durften diese allgemein
angenommenen Thatsachen nicht verschweigen. Bereits die Catalanische
Weltkarte zeigt östlich von Indien die Inschrift: „In dem Meere von
Indien sind 7548 Inseln, von denen wir hier nicht alle wunderbaren
Reichthümer, die darin enthalten sind, von +Gold, Silber+ und kostbaren
Steinen aufzählen können.“ Der Globus von Laon, welcher im Jahre 1493
entstanden ist, (vgl. ~Bulletin soc. geogr. Paris.~ 1860, 2) gibt
östlich vom Ganges wenigstens eine ~Argentea R(egio)~ und ~Aurea
R(egio)~ an.
Es ist daher durchaus erklärlich, wenn auch die Portugiesen, sobald sie
in jene Regionen kamen, nach den kostbaren Inseln suchten.
Der erste, welcher danach ausging, war Diogo Pacheco. Kaum war er
1519 mit seinem Bruder nach Malaka gekommen, als er, durch lockende
Erzählungen von der Goldinsel, welche südlich von Sumatra liegen
sollte, angespornt, sich erbot, eine Fahrt dahin zu wagen. Der
Gouverneur von Malaka, Diogo Lopez de Sequeira, gab ihm zwei Schiffe,
aber das eine ging schon an der Nordwestküste von Sumatra unter.
Mit dem andern gelangte Pacheco bis zum Hafen von Baros, welches
auf der Westseite jener Insel ungefähr unter gleicher Breite mit
Malaka liegt. Dort erfuhr er, die Goldinseln lägen wenigstens noch
hundert Meilen weiter[137] gegen Süden in der See; es seien niedrige
von Korallenriffen umsäumte Eilande mit Palmenhainen und schwarzer
Bevölkerung.
Pacheco kehrte für diesmal wieder um, um noch Beistand zu holen, stach
aber im nächsten Jahre wieder in See in Begleitung einer Brigantine.
Das Einlaufen in Baros wurde ihm durch mehrere feindliche Schiffe
von Kambaja und von Sumatra verwehrt, und ein Sturm trennte seine
beiden Schiffe von einander. Pacheco selbst ging wahrscheinlich
unter. So kostete also der Versuch dem ersten Abenteurer, der das
Geheimniß lüften wollte, das Leben. Aber damit waren die Unternehmungen
keineswegs abgeschlossen. Als König Manuel davon hörte, gab er dem
Gouverneur von Indien, Diogo Lopez, welcher die königlichen Briefe in
Kalahat (Kalhat), an den Küsten Arabiens erhielt, den Auftrag, ein
Geschwader von drei Schiffen zur Aufsuchung auszuschicken. Zuerst
sollte Christovão de Menezes die Führung übernehmen, dann wurde Pedro
Eanes damit betraut. Die drei Schiffe bildeten aber einen Theil der
Flotte, welche unter Jorge Albuquerque nach Malaka bestimmt waren. Als
man jedoch zu diesem vielumstrittenen Hafen kam, konnte man dort die
Schiffe nicht entbehren, weil der kleine Seekrieg mit den Nachbaren
fast ununterbrochen fortging, und so unterblieb noch bei Lebzeiten
Manuels eine weitere Expedition.
Dagegen gingen 1527 unter Leitung eines portugiesischen Piloten
drei Schiffe von Dieppe aus, um als Freibeuter das indische Meer zu
durchstreifen. Zwei Schiffe kamen nach Diu, ein drittes, welches schon
am Cap der guten Hoffnung von den anderen getrennt war, segelte aufs
Gerathewohl, ohne den Weg zu kennen, weiter und gerieth an die Küste
von Sumatra. Von hier aus forschte er nach der Goldinsel, wo der ganze
Strand, Kies und Sand, aus purem Golde bestehen sollte. Dieselbe
wurde als ein üppiges Land geschildert, mit schönen Bäumen und klaren
Wasserbächen und mit vielerlei wohlschmeckenden Früchten. Das nackte,
wilde Volk kleidete sich nur mit Baumblättern, zeigte sich aber den
Fremden gegenüber freundlich. Händler aus Sumatra erzählten später in
Malaka, das Schiff habe die Goldinsel wirklich gefunden, sich mit Gold
beladen und sei dann wieder abgesegelt, habe aber, der Meere unkundig,
vielfach umhergeworfen, an der Küste von Sumatra Schiffbruch gelitten
und alle Mannschaft verloren. Die dortigen Fischer hätten das Gold an
sich genommen.[138] Dadurch schien also die Existenz dieser Inseln
außer Frage gestellt. Und so schickte denn der Generalgouverneur Martim
Affonso de Sousa im Jahre 1543 wieder eine Galee mit zwei Fusten
aus, im Meere westlich von Sumatra nach der Goldinsel auszuspähen.
Jeronimo de Figueiredo wollte zu dem Zweck von Goa ausgehen, aber das
Unternehmen scheiterte bereits vor Beginn, infolge einer Intrigue.[139]
Die Lage der Insel glaubte man ziemlich sicher ansetzen zu können. Man
wird darum auch nicht vergebens suchen, wenn man auf den älteren Karten
nach der Lage der Goldinsel forscht. Ortelius führt in seinem Theatrum
Orbis[140] westlich von Sumatra sowohl ~Isole d’or~, als ~isolas
d’oure~ an. Im Atlas Mercators, 1613, lesen wir in derselben Gegend
~Andramania id est aurea insula~. Und Willem Blaeu führt in seinem
Kartenwerke 1634, ebenso wie Hend. Hondius die Insel „~de Ouro~“ an
drei verschiedenen Stellen westlich von Sumatra an. Wenn man nun später
auch etwas mehr Zweifel hegen mochte, so haben sich diese Fabelinseln
doch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten. Eine von Homanns
Erben 1748 veröffentlichte Karte unter dem Titel ~Cartes des Indes
orientales~ führt auf der Linie von den Malediven nach Nord-Sumatra
wiederum noch an drei Stellen die Inseln auf mit den Inschriften: 1)
~Ouro, juxta Anglos, positionis et existentiae incertae~ (südlich von
Ceylon); 2) ~I^{ae} ouro s. auri, juxta Batavos, pariter incertae~; 3)
~Ouro, juxta Batavos~.
Man erkennt auch hier wieder, daß Fabelwesen ein außerordentlich zähes
Leben haben.
Daß man sich aber nicht blos unter den seefahrenden Nationen lebhaft
mit diesen Inseln beschäftigte, beweist ein Brief, welcher (ohne Datum)
an den Kurfürsten August von Sachsen gerichtet ist und folgendermaßen
lautet: Es sind wahrhaftige (?) Zeitungen gekommen in kurzen Tagen aus
Spania, wie daß der König habe eine neue Insel gefunden, Serieff, darin
liegt nichts als lauter gediegen Gold, man hat zwei Gefangene aus den
Königen allenthalben umhergeschickt, wer mit ihnen reden könnte, aber
keinen gefunden, der sie hat verstehen können, vermeinend, man wolle
viel erfahren durch sie, wie es um ihre Insel stehe. Sie sind aber bald
gestorben. Der König hat wieder drei Schiffe verordnet, wie sie zu
der Insel hinzufahren und zu besichtigen, wie sie zu gewinnen und zu
erobern sei, nachfolgends will er erst ein Volk darauf verordnen. Er
ist entschlossen, sie alle todt schlagen zu lassen, denn er könnte die
Insel sonst vor ihnen nicht behalten, denn es ist ein rauhes, hartes
und fahriges Volk.[141]
Wie alle solche Phantome, so wechselten auch diese Inseln ihre Stelle.
Sie flackerten wie Irrlichter durch den großen Inselarchipel, tauchten
einmal südlich von Timor auf und verloren sich schließlich in dem
weiten fast insellosen Raum des nördlichen großen Oceans.
Es war am Ende des 16. Jahrhunderts, als Schiffer von der Insel Solor,
nordwestlich von der Insel Timor, ins südliche Meer verschlagen
wurden, und nun erzählten, sie hätten die Goldinsel gefunden. Als
man dann zum zweitenmale die Entdeckung ausbeuten wollte, war das
goldene Eiland nicht wieder zu finden. Aber die Kunde davon kam nach
Malaka, wo damals Manoel Godinho de Eredia weilte, ein portugiesischer
Mestize, welcher 1563 in Malaka geboren war und, nachdem er eine
kurze Zeit dem Jesuitenorden angehört hatte, sich mit Kosmographie
beschäftigte. Zuerst im Jahre 1594 schlug er vor, eine Expedition nach
den langgesuchten Inseln auszurüsten und schrieb zu dem Zweck auch
eine besondere Abhandlung.[142] Aber leider wurde der Plan zerstört,
da zwei Jahre später Cornelis Houtman mit einer holländischen Flotte
bei Sumatra erschien. Als dann nach Beseitigung dieser Gefahr für
Malaka Godinho wieder Zurüstungen machte, wurde seine Vaterstadt 1601
zum zweitenmale von dem Holländer Jacob van Heemskerk angegriffen und
Godinho wieder abgehalten, die Schätze der Goldinsel zu heben. Somit
unterblieb der Zug überhaupt.[143]
Als dann kurz darauf die Holländer sich auf den Molukken und auf
Java festsetzten, traten sie auch die Erbschaft bezüglich der
Goldinseln an. Es war im Jahre 1635, als ein Beamter der holländischen
Handelscompagnie, Willem Verstegen, dem holländischen Generalgouverneur
Henricq Brouwer, dem Vorgänger des berühmten Antonio van Diemen, eine
Schrift überreichte, worin er den Vorschlag machte, die Gold- und
Silberinsel, welche östlich von Japan im großen Ocean unter 37½° nördl.
Breite liegen sollte, für Holland in Besitz nehmen zu lassen. Brouwer
mußte, da er 1636 abberufen wurde, die Ausführung seinem Nachfolger
überlassen. Dieser war aber in den ersten Jahren durch wichtigere
Angelegenheiten gegen seinen Willen (~tegen ons gemoet~) abgehalten,
obwohl er die Wichtigkeit eines solchen Zuges nicht unterschätzte,
und konnte erst 1639 zwei Schiffe unter dem Commandeur Matthys Quast
aussenden mit dem Befehl, unter dem angegebenen Breitenparallel
vierhundert Meilen nach Osten zu steuern, um die reichen Inseln
aufzusuchen. Aber die ziemlich unglückliche Fahrt blieb resultatlos,
da die Schiffe nur bis zu den Bonininseln kamen, welche südöstlich
von Japan zwischen dem 20. und 30. Breitengrade liegen. Darum mußte
der Versuch 1643 wiederholt werden. Wiederum sandte van Diemen zwei
Fahrzeuge unter Martin de Vries aus, welcher zuversichtlich die so oft
vergeblich gesuchten Inseln zu finden hoffte, da man sichere Kunde
von ihrer Existenz in der bezeichneten Gegend zu haben meinte; denn
die spanischen Schiffe, welche seit Jahren zwischen Manila und Mexiko
verkehrten, hatten seit 1610 oder 1611 die Inseln schon gesehen. Es
sollten hohe Gebirgsinseln sein, welche über die Maßen gold- und
silberreich und von einem hellfarbigen, freundlichen, civilisirten
Volke bewohnt wären. Unzweifelhaft liegt diesen Mittheilungen eine
dunkle Nachricht von den hohen Sandwichinseln zu Grunde, deren Lage
aber erst durch J. Cook, auf seiner dritten Reise, 1778, bestimmt wurde.
Die beiden Schiffe des Capitän Vries wurden an der Küste von Japan
von einander getrennt; beide unternahmen daher selbständig die
Forschungsreise. Vries wußte genau, wohin er zu steuern hatte, denn
er besaß sogar eine japanische Karte, auf welcher an der Ostseite der
Goldinsel ein Fluß verzeichnet war, in dem er ankern konnte. Vries
drang 460 Meilen weit von Japan gegen Osten vor, das andere Schiff kam
sogar 500 Meilen weit, aber das gesuchte Land blieb verborgen, denn
die Sandwichinseln liegen nicht in der Nähe des 37. Parallelkreises,
sondern nahe dem nördlichen Wendekreise.[144]
So blieb also der gehoffte Erfolg aus und man gab weitere
Unternehmungen auf; aber zur Erweiterung der Kenntniß von den östlichen
Meeren hatten auch diese fruchtlosen Fahrten beigetragen.