Aus den „~Lendas da India~“]

Mit Nuno da Cunha ging die ruhmreiche Zeit in Indien zu Ende. Noch

lange nach seinem Tode, sagt Barros, erinnerte man sich der zehn Jahre

seiner Regierung, so daß selbst diejenigen, die ihn ehedem befeindet

hatten, seine Lobredner wurden.

Man muß sich erstaunt fragen, wie es gekommen, daß gerade die

verdienstvollsten Männer für ihre Thaten in Indien mit Undank

belohnt wurden. Nicht sie selbst allein beklagen sich darüber, die

Geschichtsschreiber fällen dasselbe Urtheil und stimmen ihnen bei. Ohne

Zweifel lag der Grund zum Theil darin, daß man von Portugal aus, ohne

die Sachlage aus so weiter Ferne genau beurtheilen zu können, zu viele

Wünsche, Verhaltungsmaßregeln und Befehle sandte, welche unmöglich

sofort ausgeführt werden konnten; daß man ein selbständiges Handeln,

selbst gegen die ertheilten Vorschriften, als ein Auflehnen gegen die

königliche Macht, als ein bedenkliches Trachten nach Unabhängigkeit

ansah. Dazu kam noch, daß viele portugiesische Edelleute den Dienst in

Indien als ein willkommenes Mittel ansahen, sich möglichst rasch zu

bereichern, und sei es auch auf ungerechte Weise. Wie oft ist nicht

über Unterschleife geklagt und Untersuchung angestellt worden! Oder es

wollten sich die vornehmen Herren den Befehlen des Generalgouverneurs

nicht fügen und lehnten sich dagegen auf. Wurden sie dann ihrer Stellen

entsetzt und nach Portugal zurückgeschickt, dann traten sie natürlich

mit bitteren Klagen über die Oberleitung in Indien auf, und von ihren

Gönnern bei Hofe unterstützt, fanden sie auch den Weg bis zu dem Ohr

des Herrschers, der fast nur die entstellten Berichte zu hören bekam

und so gerade die energischesten Statthalter mit Mißtrauen beobachten

lernte oder sich gegen dieselben gewinnen ließ.

Ueberblicken wir noch einmal die politische Machtstellung der

Portugiesen in Indien zur Zeit, als Nuno da Cunha starb, so lag

der Mittelpunkt ihres Besitzes auf der Westküste jener asiatischen

Halbinsel. Es wäre aber eine durchaus falsche Vorstellung, ihre

Herrschaft sich über weite Ländereien auf dem Boden Indiens ausgedehnt

zu denken. Der ursprüngliche Plan, den Weg zu den Gewürzländern

zu finden und den Gewürzhandel ganz und allein in die Hand zu

bekommen, blieb stets maßgebend und die einzige Richtschnur. Mit den

einheimischen Fürsten wünschte man stets in Frieden zu leben; aber

die Anhänger Mohammeds, diese Erzfeinde des christlichen Glaubens,

und in den indischen Gewässern fast die alleinigen Zwischenhändler

des Handels mit Europa, sei es über den persischen Golf oder durch

den arabischen Meerbusen, mußten mit Waffengewalt verdrängt werden;

ihre Kauffahrer sollten aus dem indischen Ocean verschwinden. Zu dem

Zwecke mußten wachehaltende Kriegsschiffe auf dem Meere kreuzen, um die

unter mohammedanischer Führung gehenden Gewürzfrachten abzufangen und

ihnen alle Wege zu sperren, dazu dienten aber auch in den wichtigsten

Handelsplätzen Indiens feste Citadellen zur Ueberwachung des Verkehrs.

Verstanden sich die indischen Fürsten dazu, daß in ihrem Gebiet eine

von Portugiesen besetzte steinerne Festung errichtet wurde, dann traten

sie in das Verhältniß der Bundesgenossenschaft, andernfalls waren sie

beständigen Belästigungen und Angriffen von der Seeseite ausgesetzt.

Sonach besaßen zwar die Portugiesen eine größere Anzahl von Steinburgen

in oder neben den Städten, aber die einheimischen Fürsten regierten im

Lande. Nur an drei Punkten wurden den Portugiesen durch Verträge oder

Eroberung Küstenstädte nebst dem umgebenden Lande abgetreten: Diu,

Bassein mit Salsette und Goa. Und diese lagen sämmtlich an der Küste

auf kleinen Inseln, welche von den Eroberern besser vertheidigt werden

konnten. Hier waren die Portugiesen die alleinigen Herren und wußten

im Laufe der Zeit sich, nach dem Vorgange Albuquerque’s in Goa, diese

Positionen um so mehr zu sichern, als Europäer sich dort niederließen

und die Städte ihren rein indischen Charakter verloren. Daher kommt es

auch, daß noch jetzt die allerdings längst bedeutungslos gewordenen

Städte Goa und Diu in portugiesischen Händen geblieben sind.

Außerhalb Indiens gehörte ihnen noch das mit bewaffneter Hand genommene

Malaka, das aber nur mühsam bis ins nächste Jahrhundert behauptet

wurde. Auch in Ormuz waren sie, obwohl die einheimische Herrschaft

in der Stadt belassen wurde, doch die gebietende Macht, während

eine Reihe von arabischen Küstenplätzen und ost-afrikanischen Häfen

tributpflichtig gemacht wurde.

Die Verhältnisse auf den Molukken sollen im Folgenden noch eingehend

betrachtet werden.

Die historischen Ereignisse in Vorder-Indien werden wir nicht weiter

verfolgen, sondern richten unsere Blicke auf die östlichen Länder und

Inseln Asiens, um zu sehen, wie sie allmählich entschleiert wurden, bis

die neugewonnene Kenntniß einerseits bis nach Japan, andererseits bis

hart an den Continent Australien reichte.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 72 / 123 题