8. Die Nachfolger Albuquerque’s.

+Lopo Soarez d’Albergaria+, welcher als nächster Nachfolger

Albuquerque’s von 1515-1518 den Oberbefehl in Indien führte, war kein

Neuling mehr im Orient; er hatte schon 1504 ein Commando gehabt.

Nun war er am 7. April von Lissabon mit 13 Segeln abgegangen und

erreichte am 8. September 1515 Goa. Als Capitäne der einzelnen Schiffe

begleiteten ihn alle die Widersacher Albuquerque’s, wie Diogo Mendes de

Vascogoncellos, Jorge de Brito u. a.

Bei seiner Ankunft in Goa fand er allgemeine Niedergeschlagenheit über

seine Ernennung und Betrübniß über die rücksichtslose Beseitigung

seines verdienstvollen Vorgängers, der sich in der von ihm geschaffenen

Stadt der ungetheiltesten Verehrung erfreute. Im October ging Soarez

nach Kotschin und fand dort, wie überall, nur kühlen Empfang; selbst

die indischen Fürsten außer dem von Kalikut theilten die allgemeine

Stimmung. Um diese Zeit kehrte Albuquerque von Ormuz zurück und in

Kotschin erfuhr Soarez durch Simão d’Andrade zuerst von dem Hinscheiden

des bisherigen Generalgouverneurs. Nun hatte Soarez freie Hand, aber

auch im folgenden Jahre geschah noch nichts Erhebliches, er rüstete zu

einem großen Zuge nach dem rothen Meere und brachte eine stattliche

Flotte von 37 Schiffen zusammen, mit welcher er im Februar aufbrach,

um einem ägyptischen Geschwader entgegenzutreten, welches angeblich

27 Segel stark, wiederum nach den indischen Gewässern bestimmt sein

sollte. Die feindliche Macht hatte in der That noch vor Aufbruch des

Soarez sich auf den Weg gemacht, die wichtige Insel Kamaran befestigt,

damit dieselbe nicht wieder, wie unter Albuquerque, zum Stützpunkt

der portugiesischen Unternehmungen dienen könnte, war dann vor Aden

erschienen und hatte diese Festung vergeblich berannt. Dann war sie

nach Dschidda, dem Hafen von Mekka zurückgekehrt, wo man in gesicherter

Lage die Schiffe an den Strand gezogen hatte.

Soarez erlitt zwar durch einen Sturm in der Babelmandeb-Enge einige

Verluste, drang aber trotzdem bis nach Dschidda vor. Er kam also

weiter als Albuquerque, allein damit hatten seine Erfolge ein Ende.

Denn der Hafen von Dschidda ist, wie fast alle Häfen am rothen Meere,

durch Korallenbänke gebildet und geschützt. Zwischen den Riffen

wand sich das schmale Fahrwasser wohl eine Meile weit, ehe man den

Landungsplatz erreichte, und diese gefährliche Straße war durch

Batterien vertheidigt. Eine Ueberrumpelung des Platzes mit bewaffneten

Böten mißlang, es konnten nur einige Schiffe in Brand gesteckt

werden. Während Soarez den Hafen noch blokirte, erhielt er bestimmte

Nachrichten über den Einbruch der Türken in Aegypten und die Niederlage

des ägyptischen Sultans. Dadurch war vorläufig die Kriegslust desselben

vernichtet, und da man vor der Hand von den Türken nichts für Indien zu

befürchten hatte, so wollte auch Soarez seine Leute nicht unnützerweise

in den ungesunden Gewässern opfern, sondern zog sich zurück. Die Insel

Kamaran war bei ihrer Ankunft von der mohammedanischen Besatzung

zwar verlassen; aber außer Trinkwasser bot die Insel nichts. Für

Lebensmittel war auf der Flotte nicht hinreichend gesorgt; nur um

solche zu gewinnen, wurde die Stadt Zeila, auf der afrikanischen

Küste, erstürmt und geplündert. Viele Leute verschmachteten oder

verhungerten, andere kamen in Krankheiten um, andere bei Schiffbrüchen.

Barros schätzt die Zahl der also Hinweggerafften auf achthundert.

Osorio[122] äußert sich in heftigem Unwillen über diese Mißerfolge:

„Mit Verlust von Menschen und Schiffen, mit Schimpf und Schande ging

Soarez nach Ormuz zurück. Weder besetzte er Aden, noch zerstörte er

die Flotte des Sultans in Dschidda, ja er setzte nicht einmal den

Gesandten des Königs Matthäus von Habesch, der sich an Bord befand,

in seiner Heimat ans Land.“ Auf dem Rückwege wurde die Flotte durch

Unwetter dermaßen auseinander gejagt, daß einige Schiffe sich bis nach

Melinde und gar nach Mosambik verschlagen fanden. So kläglich endete

dieses Unternehmen. Mehr Erfolg hatte Soarez 1513 mit seinem Zuge gegen

+Ceylon+. Diese Insel war seit 1506 von Portugiesen besucht. Nach

der Eroberung von Ormuz, Goa und Malaka, und nach der Besetzung der

Haupthäfen auf der Westküste Vorder-Indiens durch Albuquerque, nahmen

die arabischen Kauffahrer einen anderen Weg, um von den Gewürzinseln

in ihre Heimat zurückzukehren. Sie vermieden das früher besuchte

malabarische Küstenland, legten dafür in Ceylon, namentlich in Kolombo,

an und steuerten dann über die Malediven nach Aden. Um ihnen nun

diesen Weg gleichfalls zu verlegen, hatte Manuel den Befehl gesandt,

in Kolombo sich festzusetzen. Der dortige Fürst bequemte sich erst

nach einer Niederlage dazu, den Bau einer portugiesischen Citadelle zu

gestatten, und mußte, indem er vollständig zinsbar wurde, jährlich 300

Bahar Zimmt (~à~ 4 Centner), 12 Ringe mit Rubinen und Saphiren, und 6

Elephanten als Tribut in die Factorei von Kotschin liefern.

Nachdem dieser Zug geglückt war, übergab Soarez den Oberbefehl seinem

Nachfolger und ging am 20. Januar 1519 mit neun beladenen Schiffen

nach Portugal ab. „Sein ganzes Glück scheint darin bestanden zu haben,

daß er seine Flotten und seine Ladungen wohlbehalten nach Hause

brachte.“[123]

Indem wir vorläufig die weiter östlich ausgeführten Entdeckungsfahrten

übergehen, um sie später im Zusammenhange übersichtlich darzustellen,

verweilen wir noch bei den Angelegenheiten, welche sich in

Vorder-Indien und im westlichen Theile des indischen Oceans abspielen.

Aber auch diese Ereignisse sollen nur summarisch geschildert werden, da

wenige bedeutende Erfolge im nächsten Jahrzehnt zu verzeichnen sind.

Auf Soarez folgte als Generalgouverneur +Diogo Lopez de Sequeira+ von

1519-1521. Derselbe ist uns bereits bekannt durch seinen ersten Besuch

in Malaka 1509. Er kam als oberster Befehlshaber wieder mit einer

ansehnlichen Flotte und 1500 Mann im September 1518 nach Indien, und

unternahm auch, auf königlichen Befehl, 1520 einen erfolglosen Zug

nach dem rothen Meere, weil man in Portugal in Erfahrung gebracht, daß

die Türken in Aegypten einen Zug nach Indien vorbereiteten. In der

Nähe der Meerenge von Babelmandeb litt Sequeira selbst Schiffbruch;

er rettete sich mit seinen Leuten auf ein anderes Fahrzeug, gelangte

aber nicht einmal bis Dschidda, suchte dann den Hafen Massaua an der

Küste von Habesch auf -- er war der erste Portugiese, der hier anlief

-- und brachte endlich den habessinischen Gesandten, den schon Soarez

bei seinem Zuge an Bord gehabt, wieder in sein Vaterland. Dann begab

er sich von da nach Ormuz und wurde mit neuen Befehlen von Portugal

aus förmlich überschüttet, so daß er nicht wußte, was er zuerst

vornehmen sollte. Danach sollte er auf den Molukken, auf Sumatra,

auf den Malediven, in Tschaul (Vorder-Indien) Festungen anlegen,

dann wieder nach dem rothen Meere gehen, Diu erobern, Schiffe nach

China senden u. s. w. Aber von alledem hat er nur eins, die Anlegung

eines Forts in Tschaul, ausgeführt. Denn sein großer Zug gegen Diu

mit mehr als vierzig Schiffen mißlang und zu einem zweiten Zuge gegen

Aegypten fehlte ihm die Zeit. Seine Amtszeit war abgelaufen. Bis an das

nördliche Ende des rothen Meeres, bis nach Sues vorzudringen, war erst

1541 dem Sohne Vasco’s, Estevan da Gama vergönnt.

Schon ehe Sequeira vom Oberbefehl zurücktrat, starb König Manuel am 13.

Januar 1521. Sein Sohn und Nachfolger Johann III. schickte 1522 den

+Duarte de Menezes+ als Obergeneral nach Indien. Derselbe hatte sich im

afrikanischen Kriege vor Tanger ausgezeichnet und galt als einer der

vorzüglichsten Männer Portugals; aber auf indischem Boden grünte ihm

kein Lorbeer, denn um diese Zeit wäre beinahe die wichtige Position

von Ormuz verloren gegangen. Dort war nämlich gegen Ende des Jahres

1521 ein Aufstand ausgebrochen, weil Portugiesen als Hafenmeister

angestellt waren, welche die Hafeneinkünfte controlliren sollten.

Darüber bildete sich eine Verschwörung, welche die Fremden vernichten

sollte. In einer Nacht wurden 125 Portugiesen, welche sorglos in der

Stadt wohnten, überfallen und niedergemacht. Glücklicherweise aber

hielt sich die Festung. Der König von Ormuz begab sich daher, da der

verrätherische Plan nicht vollständig geglückt war, mit allem Volk

nach der weiter nördlich gelegenen Insel Kishm, nachdem er die Stadt

den Flammen preisgegeben hatte. Der Bruder des Generalcapitäns, Luis

de Menezes, welcher auf die Kunde von diesem Vorfall sofort dorthin

gesendet wurde, stellte indeß den Frieden wieder her. Das Handelsvolk

kehrte in die Stadt zurück und der König mußte sich zu einem jährlichen

Tribut von 20,000 Scherafinen verpflichten. Dann erschien auch Duarte

de Menezes in Ormuz, ordnete die Verhältnisse wieder und befestigte die

portugiesische Stellung.

Wenn als sein Nachfolger +Vasco da Gama+ noch einmal in Indien

erscheint, so durfte man wohl erwarten, daß er mit fester,

rücksichtsloser Hand die indischen Angelegenheiten leiten und das

eintretende Gefühl einer Ermattung durch glänzende Thaten bannen würde.

Leider sollte diese Erwartung nicht in Erfüllung gehen, da er nur ein

Vierteljahr die Oberleitung besaß.

[Illustration: Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei

Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III. huldigte, als

derselbe ihn zum Vicekönig von Indien ernannt hatte. -- Das Dokument

befindet sich im Archiv von Lissabon. Die Unterschriften lauten: ~Ho

conde do vymyoso. +Ho comde almirante.+ Bertolomeu de paiva.~]

Es ist mit Recht aufgefallen, daß der Entdecker des Seeweges seit

1502 keine Verwendung in indischen Diensten gefunden hatte. War Don

Manuel nicht einverstanden gewesen mit dem schroffen Auftreten Gama’s?

Erst unter König Johann III. begegnen wir ihm wieder und dann mit dem

Range eines Vicekönigs, den seit Almeida kein Heerführer in Indien

mehr erhalten hatte. Im Gefolge Gama’s befanden sich außer seinen

Söhnen Estevan und Paulo die Capitäne Henrique de Menezes und Lopo

Vaz de Sampayo, welche beide später als Generalcapitäne fungirten. Am

23. September langte der neue Vicekönig in Goa an, und wandte seine

Aufmerksamkeit und Thätigkeit zunächst einer sorgfältigen Prüfung

der Verwaltung zu. Hier waren allerlei Mißbräuche eingerissen und

Unterschleife vorgekommen, welche die Einkünfte des Königs schmälerten.

Dabei handelte Gama im Interesse des Staates, denn, sagte er, er wolle

lieber den König reich machen, da es das größte Glück für ein Volk sei,

einen reichen König zu haben, als die Leute sich bereichern lassen,

die arm von Portugal kämen, um, ohne für den Dienst besonders befähigt

zu sein, in Indien Schätze zu sammeln. Darum verfuhr er gegen die

reichen Beamten des Königs sehr streng und stellte niemanden an, ehe

er seine Fähigkeiten geprüft hatte. Ohne Erlaubnißschein sollte kein

portugiesischer Privatmann Handel treiben, bei Todesstrafe, und wenn

gar ein Beamter sich an den Geschäften betheiligte, sollten Schiff und

Ladung confiscirt werden.

Da auch die portugiesischen Kauffahrteischiffe wegen der kriegerischen

Verhältnisse in den indischen Gewässern mit Geschützen versehen waren

und sich dieselben auf unerlaubte Weise vielfach aus den königlichen

Arsenalen zu verschaffen gewußt hatten, so forderte Gama diese Waffen

wieder zurück. Binnen einem Monate mußten sie an die Zeughäuser wieder

abgeliefert werden. Waren die Händler auf diese Weise wieder wehrlos

gemacht, dann war auch ihre Unternehmungslust dadurch gedämpft. Aber

nicht blos Waffen waren, mit Genehmigung der königlichen Verwalter,

aus den königlichen Magazinen abgegeben; manche höhere Beamte hatten

sogar königliche Gelder zurückbehalten. Diese trieb, so weit sie

ermittelt werden konnten, der Vicekönig ohne Ansehen der Person ein.

So forderte er selbst von seinem Vorgänger im Amte, Duarte de Menezes

Summen zurück, welche dieser sich aus den Einnahmen der Factoreien

angeeignet hatte. Eine längere Dauer seines Regiments würde für die

Verwaltung von heilsamer Wirkung gewesen sein. Aber diese letztere

wurde bald verwischt, da Vasco da Gama schon am 24. December 1524

in Kotschin starb. Die Leiche wurde, in seidenen Kleidern mit dem

Mantel des Christusordens bedeckt, mit Schwert und goldenen Sporen,

zuerst in einer Halle ausgestellt und dann in der Kapelle des

Franziskanerklosters in Kotschin beigesetzt. Im Jahre 1538 wurden die

Gebeine nach Portugal gebracht und in Vidigueira bestattet, wo das

Grabmal 1840 vom Pöbel zerstört wurde.

[Illustration: Wappen von Vasco da Gama.]

Barros schildert ihn als einen Mann von mittler Größe, kühn und tapfer

in seinen kriegerischen Unternehmungen, strenge in seinen Befehlen,

furchtbar in seinem Zorn, unverdrossen in der Arbeit, beharrlich selbst

in Gefahren, unbestechlich in der Handhabung der Gerechtigkeit. Und

wenn Correa hinzufügt, daß er sich nur aus religiösem Eifer und zur

Ehre Portugals so oft in Lebensgefahr begeben habe, so liegen auch bei

Vasco da Gama als die treibenden Kräfte: ritterlicher Waffenruhm und

die Verbreitung des heiligen Glaubens offen vor Augen; denn vielen,

und darunter den Edleren, erschienen die indischen Kämpfe als heilige

Kriege, als Kreuzzüge gegen den Erbfeind des Christenthums.

Nach dem Tode des Vaters kehrten die Söhne Gama’s zunächst nach

Portugal zurück.

Gama’s Nachfolger wurde +Henrique de Menezes+, ein junger, tapferer

Mann, welcher sich zuvor im marokkanischen Kriege ausgezeichnet hatte

und zu jener Zeit Gouverneur von Goa war. Derselbe starb aber schon

am 23. Februar 1526 in Folge eines Beinschadens. Zu seinem Nachfolger

bestimmte eine königliche Verordnung den +Pero Mascarenhas+. Derselbe

war aber damals Statthalter in Malaka, und weil man voraussah, daß

eine geraume Zeit darüber vergehen werde, ehe er mit günstigem Monsun

nach Vorder-Indien kommen könne, und weil man augenblicklich bei den

fortwährenden Kämpfen an der Küste von Malabar schleunigst einer

Oberleitung bedurfte, so entschieden sich die Hauptleute dahin,

nach einer weitern königlichen Verfügung, welche bereits in Indien

schriftlich vorlag, den +Lopo Vaz de Sampayo+ provisorisch als

Generalgouverneur anzuerkennen, jedoch mit dem Vorbehalte, daß er

bei Ankunft des Mascarenhas zurückzutreten habe. Lopo Vaz war damals

Commandant in Kotschin und trat sofort sein Amt an. Noch in demselben

Jahre traf von Europa eine neue Verfügung des Königs ein, welcher von

den oben erwähnten Vorfällen und von dem Tode des Menezes noch keine

Kunde hatte und nun neuerdings bestimmte, daß, falls Menezes stürbe,

Lopo Vaz in seine Stelle treten solle. Daraus entstanden unliebsame

Verwicklungen. Als Mascarenhas am 26. Februar 1527 vor Kotschin

ankam, wurde ihm bedeutet, er dürfe sich nicht als Generalgouverneur

betrachten und mit seinen bewaffneten Leuten landen. Wolle er ohne

Waffen als Privatmann ans Land kommen, so solle das gestattet sein.

Pero Mascarenhas hoffte durch sein persönliches Erscheinen seinen

Anhang zu vermehren und dann doch anerkannt zu werden. Aber er fand

am Ufer bewaffneten Widerstand und mußte, nachdem er zweimal am Arme

verwundet war, sich auf sein Schiff zurückziehen. Er lieferte die von

Malaka mitgebrachten Frachtschiffe und die Beute aus einem glücklichen

Kriege mit dem Fürsten von Bintang ohne Weigerung ab und begab sich

ohne Gefolge nach Goa, wo er durch friedliche Entscheidung zu seinem

Rechte zu kommen gedachte. Vor der Barre von Goa wurde aber sein

Fahrzeug auf Befehl des Lopo Vaz angehalten und er selbst in Ketten

gelegt und nach Kananor gebracht. Die starke Partei des Mascarenhas

ruhte aber nicht eher, als bis Lopo Vaz zu einem Vergleich sich

herbeiließ und das Urtheil einem Schiedsgerichte anheimstellte. Als

dieses sich für ihn entschieden hatte, kehrte Pero Mascarenhas nach

Portugal zurück (December 1527). Vor seiner Ankunft hatte der König

schon beschlossen, um die in Indien ausgebrochenen Parteistreitigkeiten

zu beseitigen, einen neuen Generalgouverneur zu entsenden, dem beide

Parteien gehorchen könnten. Es wurde +Nuno da Cunha+ ernannt, der

schon mit seinem Vater Tristão in Indien gewesen war. Diese Wahl war

sehr glücklich, denn seit Albuquerque’s Tode war nichts Bedeutendes

mehr geleistet und die verfügbare Macht in fruchtlosen Unternehmungen

zersplittert. Im April 1528 verließ da Cunha Lissabon mit 11 Schiffen

und 2500 Mann. An der Küste von Madagascar verlor er sein Schiff,

wandte sich an den Komoren vorbei nach Sansibar, eroberte im November

Mombas fast ohne Blutvergießen und legte es in Asche, da der Scheich

nur in der Erwartung, daß das höchst ungesunde Klima die Portugiesen

bald vertreiben werde, den verlangten Tribut zu zahlen sich weigerte.

Dann ging da Cunha, obwohl er von dem Streite über den Oberbefehl in

Indien genauere briefliche Nachrichten erhalten hatte, zuerst nach

Ormuz, um dort zu überwintern und zugleich die Angelegenheiten in der

Stadt zu ordnen. Er traf zu Gunsten des Königs von Ormuz uneigennützige

Verfügungen und übte strenges Gericht über hochgestellte einheimische

Beamte, welche sich große Unterschlagungen königlichen Gutes hatten

zu Schulden kommen lassen. Dadurch gewann er das Vertrauen des Herren

der Stadt. Während seiner Anwesenheit daselbst kam Belchior de Sousa

Tavaros von einem Kriegs- und Entdeckungszuge nach Basra in den Hafen

zurück. Er war der erste Portugiese, welcher in den vereinigten

Mündungsstrom des Euphrat und Tigris eindrang.

[Illustration:

+Pero Mascarenhas in Ketten.+

Aus den „~Lendas da India~“

]

Am 15. September 1529 begab sich da Cunha nach Indien und erreichte

Goa am 22. October. Sofort begann er seine Vorbereitungen zu einem

energischen Angriff auf Diu, dem wichtigen und sehr festen Hafenplatz

im Reiche Gudjerat. Schon Albuquerque hatte, in richtiger Würdigung der

Wichtigkeit dieses Platzes, den Hafen von Diu ins Auge gefaßt, war aber

durch andere Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen gewesen, um

einen Anschlag darauf ausführen zu können. Unter seinen Nachfolgern war

die Stadt, welche lange unter der Verwaltung des Melek Aias gestanden,

mehrfach vergeblich bestürmt. Auch unter den Nachfolgern des genannten

Statthalters, seinen Söhnen Melek Saka und Melek Toghan war sie eine

gefährliche Nachbarin der Portugiesen geblieben, denn der Sultan

Bahadur (Badur) von Gudjerat, zu dessen Gebiet sie gehörte, war einer

der mächtigsten Fürsten Indiens.

Inzwischen traf da Cunha mit seinem Vorgänger Lopo Vaz vor Kananor

zusammen und übernahm aus dessen Hand die Oberleitung der indischen

Angelegenheiten. Auf Befehl des Königs Johann III. mußte er sogar den

bisherigen Generalcapitän verhaften lassen, weil von Ormuz und Kotschin

aus Klagen gegen denselben eingelaufen waren. In Portugal aber wurde

Lopo Vaz bald wieder in Freiheit gesetzt.

Dem wankelmüthigen Samudrin, welcher den Frieden immer wieder brach,

sowie sich die portugiesische Macht aus seiner Nähe entfernte, wurden

die Häfen gesperrt und der einträgliche Handel gelähmt. Er wurde

nämlich von den Mohammedanern, in deren Interesse er handelte, immer

wieder heimlich unterstützt und aufgestachelt. Auch jetzt erbot er sich

wieder zum Frieden, allein da er die ihm auferlegten Bedingungen nicht

erfüllen wollte, zerschlugen sich die Verhandlungen, und der friedelose

Zustand dauerte fort. Im Jahre 1531 gelang es aber doch durch

geschickte Unterhandlungen dem Samudrin das Zugeständniß abzugewinnen,

die Erlaubniß zu ertheilen für die Anlegung einer Festung in Chali,

drei Meilen südlich von Kalikut, im Gebiet des untergebenen Radscha von

Tanur. Da Cunha ließ den Bau sofort beginnen und belegte den festen

Platz bereits im Februar 1532 mit 250 Mann. Trotzdem blieb der Samudrin

offen oder versteckt ein Gegner der Portugiesen.

Das Reich Gudjerat, gegen welches Nuno da Cunha seinen großen Zug

richten wollte, erstreckte sich auf beiden Seiten des Golfs von Kambaya

vom Golf von Katsch bis südlich von Bombay. Hier lagen an der Küste

die reichen Handels- und Gewerbstädte Pattana, Diu, Kambaya, Barotsch,

Sorâth, Damân und Bassein, alte, wohlhabende und berühmte Orte, theils

von indischen, theils von mohammedanischen Kaufleuten bewohnt. Schon

ehe der Generalcapitän mit seiner großen Flotte aufbrach, schickte er

im Anfange des Jahres 1530 den Antonio da Silveira mit einer Anzahl von

Schiffen ab und ließ mehrere dieser Städte angreifen und plündern.

Dann folgte im nächsten Jahre da Cunha selbst von Bombay aus mit einem

so gewaltigen Geschwader, wie es vorher von den Portugiesen noch nicht

aufgebracht war. Es sollen gegen 400 große und kleine Schiffe gewesen

sein mit 3600 Portugiesen und dazu eine bedeutende Schaar indischer

Hilfstruppen. Statt aber geradenwegs auf Diu zu steuern, wandte sich

der portugiesische Befehlshaber weiter ostwärts, wo in einer Entfernung

von 8 Meilen nordöstlich von Diu eine kleine felsenumsäumte Insel,

jetzt Searbett, damals Bete genannt, liegt. Dieselbe war in letzter

Zeit mit Festungswerken versehen und hatte eine Besatzung von 800

Mann. Nuno da Cunha glaubte diese feste Position, welche den genannten

großen Handelsemporien näher lag, nicht im Rücken lassen zu dürfen

und hoffte sie ohne großen Verlust wegnehmen zu können. Allein die

mohammedanische Besatzung wehrte sich mit dem Muthe der Verzweiflung,

bis sie vernichtet war. Dadurch büßte da Cunha nicht blos viele Leute

und darunter hervorragende Führer ein, sondern er verlor auch viel

Zeit, welche von seinen Gegnern in Diu trefflich benutzt wurde, um den

ohnehin festen Platz noch mehr mit Vertheidigungswerken zu versehen.

Diu liegt vor dem Südende der Halbinsel Gudjerat auf einer Insel hart

an der Küste. Dieses Eiland erstreckt sich 1½ Meilen von Osten

nach Westen und ist etwa ½ Meile breit. Am schmäleren Ostende liegt

die Stadt, zwischen der Insel und dem nördlichen Festlande der gegen

Osten geöffnete Hafen. Klippenreihen umsäumen die Insel gegen Süden

und decken die Stadt. Auf und zwischen den Felsen waren Batterien

errichtet, um einen Angriff von der Seeseite abzuwehren. Weiter

ostwärts erstrecken sich Sandbänke vor der Einfahrt in die Bucht, und

der Hafen selbst war mit eisernen Ketten versperrt.

Hätten die Portugiesen es nur mit den einheimischen Truppen zu thun

gehabt, so wäre der Angriff auf diese starke Position vielleicht

von Erfolg gekrönt gewesen; allein der Sultan Bahadur hatte kurz

vorher einen unschätzbaren Bundesgenossen bekommen in der Person des

türkischen Generals Mustafa, der auf die Kunde von den drohenden

Ereignissen vom rothen Meere her mit zwei Schiffen und 800 tüchtigen

türkischen Soldaten der Stadt zu Hilfe geeilt war. Mustafa verstand

die europäische Kriegführung und war namentlich als Artillerieoffizier

berühmt. Er wurde der Leiter der ganzen Vertheidigung und die

gutgezielten Schüsse seiner Batterien richteten unter den Portugiesen

unerwartet großen Schaden an. Nuno da Cunha übersah bald die veränderte

Lage und das Bedenkliche eines Sturmes auf die Festung; da aber sein

König den Angriff befohlen, so wagte er ihn, um nicht als zaghaft

gescholten zu werden. Sein Hauptsturm, am 16. August, wurde indeß durch

die Vertheidiger der Stadt abgeschlagen, und die Portugiesen mußten

sich zurückziehen. Mustafa erhielt in Anerkennung seiner rühmlichen

Leistung den Titel eines Chan und wurde mit der Verwaltung des

Districts von Barotsch belohnt. Nuno beschränkte sich auf eine Blokade

und ging dann nach Tschaul, südlich von Bombay, zurück. Der kleine

Krieg zur See, die Wegnahme von Handelsschiffen, die Verwüstung von

Küstenhäfen wurde auch im folgenden Jahre noch fortgesetzt.

Bahadur, welcher bald darauf mit dem Sultan Humajun von Dehli in einen

Krieg verwickelt wurde und daher in den Küstenstädten nur wenige

Truppen zurücklassen konnte, wünschte indeß mit den Portugiesen Frieden

zu schließen und bot ihnen statt Diu die Stadt Bassein sammt der Insel

Salsette und Bombay (Mombain) an; der portugiesische Gouverneur ging

darauf bereitwillig ein und ließ schon im Januar 1535 ein Fort in

Bassein anlegen. Im Verlauf desselben Jahres lief aber Bahadurs Feldzug

gegen Dehli unglücklich ab, er wurde geschlagen und flüchtete, verfolgt

von dem Sieger Humajun, welcher Kambaya besetzte, nach Diu. Dem

Sultan war darum zu thun, in seiner Noth die Portugiesen als Freunde

zu gewinnen. Er erbot sich daher noch im Herbst 1535, ihnen einen

Platz bei Diu einzuräumen, um eine Festung anzulegen, die den Hafen

beherrschen könne. Dagegen sicherte Nuno da Cunha freien Handel der

Städte in der Richtung nach dem rothen Meere zu; alle Schiffe konnten

frei passiren, nur die türkischen nicht. Auf diesen Grundlagen wurde

ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen. Der Bau einer starken Burg

wurde alsbald begonnen.

Als aber Humajun nach anderen Theilen seines Reiches abgerufen wurde

und Bahadur sich von diesem gefährlichen Feinde erlöst sah, wurde

ihm die Burg der Portugiesen lästig. Er knüpfte daher mit anderen

Fürsten in Dekhan Verbindungen an, bewahrte aber äußerlich noch ein

gutes Einvernehmen. Nuno da Cunha erfuhr von dieser Sinnesänderung

und ging im Januar 1537 nach Diu. Als der Sultan den Gouverneur auf

seinem Schiffe besucht hatte und nach der Stadt zurückfuhr, kam es

in Folge eines unglücklichen Mißverständnisses zu einem feindseligen

Zusammenstoß mit einigen nachfolgenden portugiesischen Fahrzeugen.

Daraus entwickelte sich ein blutiges Gefecht, in welchem Bahadur

selbst getödtet wurde. Bei der allgemeinen Bestürzung, die darüber

entstand, ward es den Portugiesen leicht, die Stadt zu besetzen. Als

die Gudjeraten aber mit einem größeren Heere heranrückten, mußten

die Portugiesen sich wieder in die Festung zurückziehen. Hier hatten

sie bald eine sehr ernste Belagerung zu bestehen, denn im Jahre 1538

rückte eine gewaltige türkische Flotte mit 7000 Soldaten vor Diu.

Fünfundzwanzig Tage lang wurde die Festung aus schwerem Geschütz

beschossen, aber der tapfere Commandant Antonio da Silveira hielt

Stand, und das Beispiel edler Frauen, welche nach dem Bericht Barros’

mit Hand anlegten, um die durch die türkischen Geschosse zertrümmerten

Mauern wieder herzustellen, feuerte den Muth der kleinen Besatzung

an. Ein Hauptangriff gegen die geschossene Bresche wurde glücklich

abgeschlagen, die Türken mußten sich zurückziehen und die Belagerung

aufheben, weil Nuno da Cunha einige Schiffe zum Entsatz gesandt hatte,

welche von den Belagerern für einen Theil der großen erwarteten

Flotten gehalten wurden.[124] Es war für die hartbedrängte Schaar

auch die höchste Zeit für eine Erlösung, denn aller Kriegsvorrath war

verbraucht, und nur noch 40 Mann waren gefechtstüchtig geblieben.

Alle übrigen waren gefallen oder verwundet, oder lagen am Scorbut

krank, welcher in Folge des schlechten Trinkwassers in der Festung

ausgebrochen war.

So war Diu gerettet, und die türkische Macht kehrte am 5. November nach

dem rothen Meere zurück.

Es war dies das letzte bedeutende Ereigniß unter der Regierungszeit

Nunos. Sein Nachfolger war bereits angekommen. Garcia de Noronha, ein

Neffe Albuquerque’s, kam am 11. September 1538 mit einer Flotte nach

Goa und übernahm als Vicekönig die Leitung. Nuno da Cunha’s Stellung

war in Portugal erschüttert, das konnte er aus dieser Ernennung zu

deutlich erkennen. Statt einen kräftigen, energischen Mann, wie er

gewünscht hatte, und wie er es selbst gewesen war, ehe das indische

Klima seine Gesundheit untergraben hatte, schickte man einen Greis

von 70 Jahren, der auch dann als Diu in höchster Gefahr schwebte, mit

äußerster Bedächtigkeit seine Rüstungen vornahm. Statt geschulter

Soldaten brachte er entlassene Sträflinge mit, die erst eingeübt

werden mußten und so wenig Vertrauen erweckten, daß die portugiesischen

Hauptleute in Indien lieber eingeborene Truppen nahmen.[125] In

Portugal machte sich der Mangel an junger Mannschaft bereits so

fühlbar, daß man zu einem so bedenklichen Ersatz gegriffen hatte. Aus

Mißmuth darüber nahmen mehrere Hauptleute den Abschied und kehrten mit

da Cunha nach Portugal zurück.

Die letzten Tage seines Aufenthalts in Indien wurden dem bisherigen

Gouverneur noch dadurch verbittert, daß der Vicekönig ihm ein Schiff

zur Heimreise verweigerte, unter dem Vorwande, er könne keins

entbehren. Dadurch wurde da Cunha noch bis zum Januar 1539 in Kananor

zurückgehalten und mußte sich, nachdem er zehn Jahre die portugiesische

Macht in rühmlicher Weise erweitert und seinem Könige die Festungen

in Diu, Bassein und Chali gegründet hatte, welche, wie Barros meint,

nicht weniger wichtig waren als Ormuz, Malaka und Goa, die Eroberungen

Albuquerque’s, auf eigene Kosten ein Schiff miethen, um in die Heimat

zurückkehren zu können. Den Keim einer tödtlichen Krankheit in sich

tragend und niedergebeugt durch den Undank des Herrschers, dem er

ebenso uneigennützig als erfolgreich sein Leben lang gedient, denn er

war schon sehr früh nach Indien gekommen, stieg da Cunha zu Schiff.

Als er den Tod nahen sah, erklärte er in seinem Testamente an Eides

statt, daß er niemals königliches Eigenthum sich angeeignet habe, außer

fünf goldenen Münzen aus dem Schatze des Sultans Bahadur, die er dem

König habe zeigen wollen. Als man ihn fragte, ob er wünsche, daß, falls

er sterbe, seine Leiche mit nach Portugal genommen würde, antwortete

er: „Soll ich nach Gottes Rathschluß auf der See sterben, so mag auch

die See mein Grab sein. Das Vaterland, das mich voll Undank von sich

gestoßen, soll auch mein Gebein nicht decken.“

Sieben Wochen nach der Abfahrt von Kananor starb er und wurde, nach

seinem Willen mit dem Gewande des Christusordens bekleidet und mit dem

Schwert umgürtet, ins Meer gesenkt. So ward er wenigstens vor noch

tieferer Kränkung bewahrt; denn allzu leicht geneigt, den geheimen

Anklagen und Verleumdungen ein williges Ohr zu leihen, hatte die

portugiesische Regierung ihm bereits ein Schiff entgegengesandt mit dem

ausdrücklichen Befehl, den heimkehrenden Generalgouverneur in Ketten zu

legen.

Vielleicht war Johann III. dem Nuno deshalb nicht wohl gesinnt, weil

dieser sich zu wenig die Ausbreitung des Christenthums hatte angelegen

sein lassen und aus politischem Interesse dem Sultan Bahadur zu große

Zugeständnisse gemacht hatte. Denn gerade zu jener Zeit war die

Geistlichkeit von maßgebendem Einfluß im Rathe Johanns III., welcher

die Inquisition in Portugal eingeführt hatte.

[Illustration: +Porträt von Nuno da Cunha.+

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 71 / 123 题