7. Affonso d’Albuquerque, Generalcapitän und Governador von Indien.

Nachdem Almeida Indien verlassen hatte, traf Albuquerque in

Gemeinschaft mit dem Marschall Coutinho seine Vorbereitungen, Kalikut

anzugreifen und den Samudrin zu züchtigen; denn König Manuel hatte

diesen Angriff dringlich befohlen. Fernão Coutinho ergriff diese

Gelegenheit, sich in Indien mit Kriegslorbeeren zu schmücken, mit

unverhohlener Freude. So wurde er des lästigen Commandos über die

Handelsflotte ledig. „Seine Vorfahren hätten sich nicht mit Handel

abgegeben, und er selbst habe auch keine Neigung für solches Gewerbe.“

Er war durch und durch Soldat und blickte mit Verachtung auf die

Kriegsleistungen der Indier. Am Abend des 2. Januar 1510 erschien die

vereinigte Flotte vor Kalikut, sie hatte, ungerechnet die indischen

Hilfstruppen, gegen 2000 portugiesische Soldaten am Bord. Der Samudrin

selbst war wahrscheinlich auf einem Feldzuge gegen einen benachbarten

Fürsten von seiner Hauptstadt fern, als die drohende Macht vor seiner

Residenz erschien. In der Nähe der Stadt, nicht fern vom Meere, lag auf

einer Anhöhe das Schloß des Fürsten, welches in der Zwischenzeit durch

Erdwälle verschanzt und in eine Festung umgewandelt war. Hieher mußte

sich der erste Angriff richten, wenn die unbefestigte Stadt selbst

dauernd gewonnen werden sollte.

Coutinho forderte die Führung des ersten Treffens, er hoffte wohl

allein mit der feindlichen Streitmacht fertig werden zu können.

Albuquerque willigte nur ungern ein, weil er den Marschall als einen

Hitzkopf kannte, der mit den indischen Kriegslisten noch zu wenig

vertraut war und ohne viel Ueberlegung drauf los ging in der Erwartung,

schon beim ersten Waffengange seine Gegner in alle Winde zu verjagen.

Als aber am Morgen des 3. Januar die Ausschiffung der Truppen begann,

zeigten sich die Nair doch so zäh im Widerstande und überschütteten

ihre Feinde mit einem solchen Hagel von Geschossen, daß die Portugiesen

bei ihrem Angriff sich zu theilen beschlossen. So kam es, daß indem

beide Feldherren verschiedene Landungsplätze wählten, Albuquerque seine

Leute eher ans Land geworfen hatte und zum Sturm überging als sein

Waffengefährte. Nach einem erbitterten Kampf um den Wall, bei welchem

schon viele Streiter fielen, drang der Generalcapitän zuerst in die

Schanzen ein, ließ Feuer in die königlichen Häuser werfen und vertrieb

die Indier aus der festen Stellung. Coutinho sah sich dadurch um den

ersehnten Ruhm betrogen und nannte, vor Zorn und Schmerz glühend,

jenen ein um das andere Mal einen wortbrüchigen Menschen, der anderen

keine Ehre und Auszeichnung gönne. Albuquerque blieb bei diesen

Schmähungen kaltblütig und wies darauf hin, daß man oft im Kriege gegen

den vorgefaßten Plan handeln müsse, wenn der günstige Augenblick es

fordere. Auch sei mit diesem ersten Erfolg der Sieg noch keineswegs

entschieden. Der Gegner sei zwar zurückgewiesen, aber seine Macht noch

nicht gebrochen. Allein Coutinho achtete nicht darauf, in blinder

Aufregung gebot er sofort den Angriff auf die Stadt. Hier wollte er

der erste sein und die Brandfackel in den großen königlichen Palast

schleudern. In einem entfernten Stadttheile lagen auf einem freien

Platze, von Mauern umgeben, die weitläufigen Gebäude des Fürstensitzes.

Trotz des Widerstandes drangen Coutinho und seine Schaar durch Thor und

Mauerlücken ein und legten Feuer an, worauf die Indier zurückwichen.

Albuquerque folgte, nachdem er vorsorglich einen Theil seiner

Mannschaft am Ufer zur Bewachung der Böte zurückgelassen hatte, durch

Kampf in den Straßen der Stadt aufgehalten, langsam nach. Coutinho

glaubte schon, im Besitze des Palastes, sich des vollständigen Sieges

erfreuen zu können, und gestattete sorglos seinen Soldaten sich zu

zerstreuen und die königlichen Schätze zu plündern. Darauf hatten aber

die Indier gewartet; sie sammelten sich von neuem und gingen wieder

zum Angriff über. Sie umzingelten in hellen Haufen den Palast und

drangen endlich trotz der hartnäckigen Gegenwehr des portugiesischen

Hauptmanns, dem die Bewachung des einen Thores übergeben war, wieder

in den Hof ein und fielen über die zerstreuten Portugiesen her.

Albuquerque konnte nur mit Mühe bis in die Nähe des Kampfplatzes

vordringen und sandte Boten über Boten an den Marschall, um ihn zu

eiligem Rückzuge aufzufordern. Dieser aber verachtete immer noch die

drohende Gefahr und erwiderte, der Generalcapitän möge nur ruhig den

Abmarsch antreten, er selbst werde folgen, wenn seine Mannschaft sich

wieder gesammelt hätte.

Selbst von allen Seiten umdrängt, wich Albuquerque langsam zurück.

Der Rückzug ging durch einen Hohlweg, von dessen hohen Rändern aus

die Indier mit Wurfspießen, Pfeilen und Steinen die Portugiesen

überschütteten. Von Coutinho war er vollständig abgeschnitten und

konnte nur auf sich selbst Bedacht nehmen, da seine Truppen sich

weigerten, noch einmal den Versuch zu wagen, sich bis zu dem Marschall

durchzuschlagen. Albuquerque wurde im Gewühl zuerst schwer am linken

Arme verwundet, erhielt dann einen Pfeilschuß in den Nacken und mußte

endlich, als ihn ein mächtiger Stein vor die Brust traf, besinnungslos

fortgetragen werden. Der Marschall aber fiel mit 80 Kampfgefährten. So

endigte, durch die Tollkühnheit Coutinho’s herbeiführt, dieser Angriff

auf Kalikut als vollständige Niederlage; und hätte nicht Albuquerque

am Ufer die Schiffe mit starker Mannschaft bewachen lassen und wäre

die See nicht ruhig gewesen, so hätte der Ausgang des Tages für die

Portugiesen dermaßen verhängnißvoll werden können, daß ihre ganze

Machtstellung in Indien zweifelhaft geworden wäre.

Nach dem Fall Coutinho’s erhielt Albuquerque auch das Commando über

dessen Schiffe und begab sich nach Kotschin. Kaum war er von seinen

Wunden genesen, so sann er auf neue Kriegspläne. Ende Januar 1510 waren

21 Schiffe ausgerüstet und bemannt. Es schien, als wollte er, dem

Befehl seines Königs gemäß, nach dem rothen Meere segeln, um dort einer

neuen ägyptischen Flotte entgegenzutreten. Aber der Generalcapitän

hatte seine wahren Absichten nur geheim gehalten, um desto

erfolgreicher einen unerwarteten Schlag zu thun. Er hatte sein Absehen

auf +Goa+ gerichtet, welches so ziemlich auf der Mitte der Westküste

Vorder-Indiens und dazu in der Nähe der Andjediven gelegen, wohin die

von Afrika herübersteuernden Schiffe meistens ihren Lauf richteten,

besonders günstig erschien, um von hier aus das westliche Meer und die

Straßen nach Ormuz und Aden zu beherrschen. Goa lag auf einer flachen,

aber nicht feuchten Insel, welche durch die gemeinsame Arbeit mehrerer

von den Westghats herabkommender Flüsse aus dem continentalen Ufersaume

gleichsam herausgeschnitten war. Die Insel ist von Osten nach Westen

ungefähr drei Meilen lang und von Norden nach Süden zwei Meilen breit.

Das höhere, hügelige Land läuft gegen die See in eine Spitze aus. Die

gegen das Meer bedeutend erweiterten Mündungen gestatteten den Zutritt

der Flut um die ganze Insel. Die alte Stadt lag auf der Südseite, die

neue Stadt war ungefähr vierzig Jahre vor der Ankunft der Portugiesen

in Indien von Mohammedanern gegründet, die von der etwa 18 Meilen

weiter südlich gelegenen Stadt Onor hieher geflüchtet und sich unter

der Führung Melek Husseins hier angesiedelt hatten. Die Canäle, welche

die Insel und Stadt umziehen, sind voll von Krokodilen und durften

daher, wenn sie zur Ebbezeit durchwatbar werden, nur mit Vorsicht

durchschritten werden. Alt-Goa ist jetzt fast ganz verlassen, nur

Geistliche und Mönche wohnen noch dort zwischen den großartigen Ruinen

zahlreicher Kirchen und Klöster. Der Hafen der neuen Stadt ist wegen

seiner wunderbaren landschaftlichen Schönheit hoch gepriesen.

Die Zeit zum Angriffe war von Albuquerque insofern sehr günstig

gewählt, als der damalige Beherrscher Adil-Schah, der König von

Bidjapur, nur wenig Truppen in der Stadt unterhielt. Die Bevölkerung

des Hafenplatzes und die militärische Besatzung standen in ihren

Interessen einander gegenüber. Als Albuquerque mit seiner Flotte

vor der Einfahrt zum Hafen angelangt war, schickte er seinen Neffen

Antonio de Noronha mit bewaffneten Böten voraus, um das Fahrwasser in

den Canälen zu untersuchen. Bei einer Biegung des Flusses sahen sich

die Portugiesen plötzlich der Citadelle von Pandjin gegenüber, welche

nach der Seeseite die Stadt deckte. Unverweilt, ehe die Besatzung sich

sammelte und die Kanonen bedienen konnte, gingen die Portugiesen zum

Sturm über und drangen durch die Schießscharten und über den Wall in

die Citadelle, welche, nachdem ihr Befehlshaber verwundet worden, von

der Besatzung aufgegeben wurde. Der Generalcapitän hörte in der Ferne

das Kampfgetöse und gab sofort Befehl, mit allen Truppen vorzugehen,

fand aber bei seiner Ankunft den befestigten Platz bereits in den

Händen der Seinigen. Die Truppen des Adil-Schah zogen sich auch aus der

Stadt zurück, und ihr Anführer empfahl den Bürgern, sich ohne Gegenwehr

zu ergeben, denn die abendländischen Feinde seien unwiderstehlich. So

erschien schon am nächsten Tage eine Gesandtschaft von Bürgern vor

Albuquerque und bot gegen Sicherheit des Lebens und Eigenthums die

Unterwerfung an. Dieselbe wurde angenommen, doch wurde das vorhandene

Kriegsmaterial als Beute erklärt, Albuquerque zog mit seinen Truppen in

die Stadt und nahm den Palast des Statthalters in Besitz. Die eroberte

Citadelle wurde verstärkt, und die Flotte ging im Hafen vor Anker. Die

Schiffe wurden zum Theil sogar abgetakelt, damit während der Regenzeit

das Tauwerk nicht zu sehr litte; denn Albuquerque gedachte längere Zeit

in Goa zuzubringen.

Inzwischen aber sammelte der Fürst des Landes ein größeres Heer und

rückte zum Entsatz heran. Die Portugiesen konnten die unbefestigte

Stadt nicht behaupten, und zogen sich auf die Schiffe zurück; aber

gedeckt durch die Kanonen der Citadelle blieb die Flotte noch im Hafen

liegen.

Gegen Ende Mai trafen die Indier Vorkehrungen, dem Feinde den Rückzug

abzuschneiden, sie versenkten Schiffe in dem unteren Theile des Canals,

der zur See führte, und ließen brennende Flöße den Fluß hinabtreiben,

um die portugiesischen Fahrzeuge in Brand zu setzen. Bei dieser

drohender werdenden Gefahr mußte sich Albuquerque entschließen,

vorläufig das Errungene wieder aufzugeben. Aber auch der Rückzug war

mit bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft. Einzeln mußten seine Schiffe

zwischen den versenkten Fahrzeugen hindurch geführt werden und waren

dabei unausgesetzt dem Feuer der Feinde preisgegeben, welche an beiden

Seiten Schanzen aufgeworfen hatten. Diese mußten also erst erstürmt

werden, um das Feuer der Gegner zum Schweigen zu bringen. Und selbst

als dieses gelungen war, hemmte noch das seichte Wasser über der Barre

das Auslaufen der Flotte in die See eine längere Zeit. Von allen

Hilfsmitteln des Landes abgeschnitten, trat Mangel an Lebensmitteln

und Wasser ein, der Mann bekam täglich nur noch vier Unzen Zwieback,

und auf einigen Schiffen sah man sich sogar gezwungen, Jagd auf Ratten

zu machen. Jeder Tropfen Wasser mußte mit Blut erkauft werden. Antonio

de Noronha wurde durch einen Pfeilschuß verwundet und starb am dritten

Tage, ein herber Verlust für Albuquerque, welcher seinen heldenmüthigen

Verwandten sehr hoch schätzte. Zwar verrichteten noch manche Wunder

der Tapferkeit und gewannen dadurch die Bewunderung ihrer Feinde; aber

bei vielen griff Mißmuth und Verzagtheit dergestalt um sich, daß sie

in ihrer Verzweiflung und von Durst und Hunger gequält, desertirten.

Albuquerque bewies auch in dieser Noth seine Seelenstärke, feuerte

seine Schaar durch Trostesworte immer von neuem an und theilte mit

ihnen alle Entbehrungen und Gefahren. Erst im August gelang es ihm,

über die Barre hinwegzukommen und die See zu gewinnen. Es war die

zweite Niederlage, die er erlitten; aber sein Muth war nicht gebrochen

und seine Absichten auf Goa behielt er im Auge. Vorläufig allerdings

mußte er seinen Truppen Ruhe gönnen und wandte sich daher mit seiner

Flotte südwärts zu dem befreundeten Hafen nach Kananor. Auf dem Wege

dahin stießen vier Schiffe des Diogo Mendes de Vascogoncellos zu ihm,

die von Portugal aus den Auftrag erhalten hatten, einen Streifzug

nach dem berühmten Markte von Malaka zu unternehmen, weil man damals

im Mutterlande noch nicht erfahren hatte, daß, wie wir später sehen

werden, Lopez de Sequeira bereits jener Handelsstadt einen Besuch

abgestattet hatte. In Kananor stieß dann noch ein zweites Geschwader

zu ihm, welches unter der Führung des Capitän Gonçalo de Sequeira

mit sieben Handelsschiffen und frischen Truppen im März von Lissabon

ausgelaufen, aber ein Schiff an der afrikanischen Küste verloren hatte.

Dieser Zuwachs an Macht bestärkte den Generalcapitän, einen neuen

Angriff auf Goa zu machen. Vascogoncellos erklärte sich bereit, an

diesem Zuge theilzunehmen, da der ihm gewordene Auftrag bereits

erledigt sei. Gonçalo de Sequeira dagegen glaubte die Theilnahme

ablehnen zu müssen, weil einerseits die meisten Schiffe Privatrhedern

gehörten, welche nur, um Handel zu treiben, gekommen wären, und

anderseits ihre nächste Hilfe dem Fürsten von Kotschin gehöre, welcher

von einem Nebenbuhler, den der Samudrin mit Truppen unterstützte,

hart bedrängt werde. Um diesen zweiten Grund sofort zu erledigen, ging

Albuquerque mit einigen Schiffen und Mannschaften nach Kotschin und

stellte die Ruhe und gesetzmäßige Regierung in kurzer Frist wieder

her. Dann berief er in dieselbe Stadt einen Kriegsrath sämmtlicher

Hauptleute, um sie für seinen Plan zu gewinnen.

Dieser Rath trat am 12. October 1510 zusammen. Der Generalcapitän legte

der Versammlung die Frage vor, ob sie nicht seinem Plane zustimmen

wolle, während die Handelsschiffe in Kotschin ihre Gewürzfrucht

einnähmen, alle verfügbare Mannschaft mit seinen Truppen zu vereinigen,

um Goa von neuem zu erobern.

Diese Berathung ist in der späteren Zeit von außerordentlichen Folgen

gewesen. Hier war es, wo +Fernão de Magalhães+ sich entschieden für

die Ansicht Sequeira’s aussprach und Albuquerque dadurch auf das

empfindlichste verletzte: +Vor+ dem 8. November werde man bei den

augenblicklich herrschenden Gegenwinden schwerlich mit der Flotte vor

Goa erscheinen können (-- Albuquerque kam in der That erst am 24.

November dahin --); dann werde aber die Rückfahrt der Handelsschiffe

dermaßen verzögert, daß man entweder der am Kriegszuge betheiligten

Mannschaft später keine Zeit lassen könne, ihre eigenen Angelegenheiten

zu betreiben, um sich zur beschleunigten Abreise einzurichten, oder es

werde der günstige Monsun verpaßt.

Albuquerque erklärte dagegen aufs bestimmteste, er werde den nächsten

Tag aufbrechen, er werde auch niemanden gegen seinen Wunsch zwingen

mitzugehen, aber er wünsche deshalb diesen Zug so bald als möglich zu

unternehmen, um mit der demnächst abzufertigenden Handelsflotte seinem

Könige eine erfreuliche Botschaft aus Indien übersenden zu können.

So blieben die +Ansichten+ getheilt und der Generalcapitän gewann nur

einen Theil der Stimmen für sich. Der Widerspruch Magalhães legte

den Grund zu dem ungünstigen Urtheile, welches Albuquerque in einem

Berichte an den König über jenen fällte, und welches wohl die Ursache

war -- denn wir kennen keine andere -- daß Manuel späterhin, als

Magalhães um eine bescheidene Erhöhung seiner wohlverdienten Pension

nachsuchte, die Gewährung dieser Bitte verweigerte, wodurch der

Bittsteller sich so sehr verletzt und zurückgesetzt fühlte, daß er

seinem Vaterlande den Rücken kehrte und auf spanischen Schiffen seine

berühmte, ja die berühmteste aller Weltreisen unternahm. Magalhães

scheint bald nach dem Conflicte mit Albuquerque Indien verlassen zu

haben, denn hier sah er von da an sich aller Gelegenheit beraubt,

Aufzeichnung und Ruhm zu gewinnen.

Die portugiesische Flotte, 23 Segel stark, erschien mit 1600 Mann

Soldaten am 20. November vor Goa. Gaspar de Paiva hatte, mit drei

Schiffen vorausgesandt, schon einige Zeit vor dem Hafen gekreuzt und

kein Schiff weder hinein, noch heraus gelassen. In der Stadt war man

auf einen heißen Kampf gefaßt. Ohne Zeitverlust ging Albuquerque zum

Angriff über, schon am 25. November wurde die Citadelle erstürmt und

die Insel besetzt; aber gewarnt durch die schlimme Erfahrung von

Kalikut duldete er nicht, daß die Soldaten sich zerstreuten. Dann wurde

auch die Stadt selbst von zwei Seiten angegriffen und erobert. Viele

Einwohner verließen die Stadt, aber bei ihrer hastigen Flucht sollen in

den seichten Durchgängen der Canäle mehrere Tausende umgekommen sein.

Alles was mohammedanisch war, wurde in dem eroberten Platze ohne Gnade

niedergemacht: Männer, Weiber und Kinder. Eine Moschee, mit Gefangenen

angefüllt, wurde den Flammen übergeben, so daß alle in dem Gotteshause

Befindlichen ihren Tod fanden.

Dann ließ Albuquerque ein starkes steinernes Kastell erbauen und

gab ihm, dem König zu Ehren, den Namen Manuel. Im Vertrauen auf die

dadurch gebotene Sicherheit ließen sich bald, neben den befreundeten

Indiern, welche nach dem Sturm zurückkehrten, auch Portugiesen dauernd

an diesem Platze nieder, welcher von den Siegern zum Mittelpunkte der

portugiesischen Macht in Indien erhoben wurde.

Der Fall Goa’s machte auf die Fürsten der Nachbarschaft einen

bedeutenden Eindruck, weshalb sie sich beeilten, die Freundschaft der

neuen Herren zu gewinnen. Der König von Kambaya gab den Neffen des

Generalcapitäns Affonso de Noronha, der sich in seiner Gefangenschaft

befand, nicht nur ohne Bedingung los, sondern erklärte sich auch

bereit, den Bau einer Festung in Diu zu gestatten. Es erschienen

Gesandtschaften von Gudjerat, von Kalikut, selbst aus dem Binnenlande

von Bisnaga, alle bezeugten ihre Friedensliebe und wünschten bezüglich

eines friedlichen Handelsverkehrs in Unterhandlung zu treten. Da indeß

der Samudrin den geforderten Bau einer portugiesischen Citadelle nicht

zugeben wollte, so zerschlug sich mit diesem Fürsten die Verhandlung.

Emir Hussein, welcher damals in Kambaya sich befand, kehrte nach Kairo

zurück, da er alle Hoffnung aufgegeben hatte, in Indien noch wieder zum

Siege zu gelangen, und der Sultan von Aegypten ließ gleichfalls mit dem

weiteren Bau einer Flotte innehalten.

So war die Wirkung der Eroberung Goa’s nach allen Seiten eine

tiefgehende. Goa hatte nicht blos eine dauernde Besatzung von 400 Mann

in der Burg, sondern wurde eine portugiesische Stadt, sie war Eigenthum

ihres Königs, und die Fürsten Indiens mußten diesen staatlichen Besitz

anerkennen. Und daß die Portugiesen die neuen Verhältnisse in Goa in

ähnlicher Weise auffaßten, beweist die Thatsache, daß bald darauf eine

Münzstätte in der Stadt errichtet wurde, wo nicht blos neues Geld

geprägt, sondern auch alles indische Geld, wenn es allgemein gültig

sein sollte im Verkehr, mit einem portugiesischen Stempel versehen

wurde. Aber der portugiesische Feldherr war nicht gewillt, von Goa

aus die friedliche Entwicklung seiner Macht zu leiten. Seine Blicke

schweiften bereits über Vorder-Indien hinaus nach Malaka, welches als

bedeutendster Gewürzmarkt Hinter-Indiens galt, und ohne dessen Besitz

die Portugiesen nie das Monopol erwarben; denn von Malaka aus gingen

die Handelsschiffe direct, mit Umgehung Vorder-Indiens, nach dem rothen

Meere. Sollte also Goa gehoben und zum Mittelpunkte des Verkehrs in

Vorder-Indien gemacht werden, dann konnte dies nur erreicht werden,

wenn Malaka gleichfalls in portugiesischen Besitz übergegangen war.

Diogo Lopez de Sequeira war der erste gewesen, der jenen fernen

Handelsplatz erreicht hatte. Er war 1508 von Portugal mit vier Schiffen

abgegangen, hatte unterwegs Madagascar besucht und langte im Frühjahr

1509 in Kotschin an. Der Vicekönig Almeida gab ihm noch ein fünftes

Schiff, auf welchem Francisco Serrão, dessen abenteuerliche Reise nach

den Molukken uns später beschäftigen wird, und Fernão de Magelhães

dienten. Am 8. September desselben Jahres war Sequeira wieder von

Kotschin aufgebrochen, war an Ceylon und den Nikobaren vorüber nach

Nordsumatra gesteuert, wo er die Landschaft Pedir besuchte, denn

Sumatra lieferte schon damals am meisten Pfeffer, und war endlich

glücklich in Malaka angelaufen. Die Mauren gaben sich auch hier sofort

alle erdenkliche Mühe, die Ankömmlinge zu verdächtigen, trotzdem wurden

die Portugiesen wohlwollend aufgenommen, wenn auch der Sultan Mahmud

durch seine Grausamkeit berüchtigt war und nicht blos seinen Bruder,

sondern sogar seine Gemahlin hatte hinrichten lassen.

Die Chinesen kamen den Portugiesen zuerst in freundlicher Weise

entgegen. Es war das erstemal, daß man mit den Söhnen aus dem Reiche

der Mitte zusammentraf. Die weiße Hautfarbe dieser Leute aus dem

Osten, ihre unbefangene Art, sorglos zu den fremden Schiffen wie zu

den asiatischen heranzurudern und den Kleinhandel zu eröffnen, selbst

manche ihrer Sitten und ihre Tracht wollte mehr ans Abendland, als

an den fernsten Osten gemahnen. Man darf nicht vergessen, daß die

Chinesen damals noch keinen Zopf trugen. Damian de Goes (a. a. O.

S. 300) fand eine Aehnlichkeit mit vlaamischen oder niederdeutschen

Gewohnheiten, und ähnlich äußert sich auch Barros.[107] Man fand bei

ihnen nicht den hemmenden Kastengeist, denn sie scheuten sich ja auch

nicht, mit den Portugiesen aus +einer+ Schüssel zu essen. So war es

natürlich, daß Europäer und Chinesen, beide in der Stadt Fremdlinge,

sich einander freundschaftlich näherten, und daß diese ihren neuen

Geschäftsfreunden die Warnung zukommen ließen, den Malayen nicht zu

sehr zu trauen. Darum ging auch der portugiesische Capitän nicht

selbst zur Audienz, sondern entsendete den Jeronimo Texeira, welcher

indeß eine gute Aufnahme fand und vom Sultan ein Lagerhaus angewiesen

erhielt, um von da aus den Handel mit den einheimischen Kaufleuten zu

eröffnen. Die Portugiesen gingen dann ungehindert in der Stadt umher,

waren aber leider unbedachtsam genug, sich auch nach der Kriegsflotte

des Sultans umzusehen, was die Mohammedaner, und unter ihnen namentlich

der abgefeimte Schatzmeister, sofort zu ihrem Vortheile ausbeuteten,

um die Fremden als Spione zu verdächtigen. Mit Einverständniß des

Sultans wurde ein Plan entworfen, die Portugiesen zu vernichten.

Zuerst hoffte man den Anführer und einige der vornehmeren Offiziere

bei einem Gastmahl überfallen und ermorden zu können, aber Sequeira

lehnte die Einladung ab und entschuldigte sich mit Krankheit. Dann

wollte man die portugiesische Mannschaft in der Stadt, an verschiedenen

Orten, wohin man sie gelockt, um ihnen Lebensmittel zu verkaufen,

einzeln überfallen, inzwischen aber auch eine Anzahl von kleineren

Schiffen bereithalten, um das Geschwader der Fremden anzugreifen,

wenn es von Mannschaft halb entblößt sei. Glücklicherweise gelang der

Verrath nur zum Theil. Die Wache auf den Schiffen machte, als sie die

Unruhe in der Stadt gewahrte, rechtzeitig Lärm, sodaß die Mannschaft

an Bord augenblicklich zur Vertheidigung bereit war. Aber etwa 30

Portugiesen, die sich am Hafen und in der Stadt befanden, wurden theils

getödtet, theils gefangen. Francisco Serrão, welcher sich in der Nähe

des Landungsplatzes aufhielt, konnte sich nur mit einigen Matrosen

retten, die übrigen mußte man vorläufig ihrem Schicksale überlassen,

denn Sequeira fühlte sich keineswegs stark genug, die volkreiche

Stadt anzugreifen; er begnügte sich damit, einige feindliche Schiffe

in den Grund zu bohren und kehrte dann nach Vorder-Indien zurück.

Als das Gerücht von der zweiten Eroberung Goa’s auch bis nach Malaka

gedrungen war, ließ der Hafenmeister (Schahbender) den neunzehn noch

am Leben befindlichen gefangenen Portugiesen eine bessere Behandlung

zutheilwerden; ihre Freiheit erhielten sie aber erst wieder, nachdem

Albuquerque die Stadt erobert hatte.

An seinen Plan, gegen Malaka zu ziehen, wurde der Generalcapitän bald

nach der Besitzergreifung von Goa in unangenehmer Weise erinnert,

als der Capitän Mendes de Vascogoncellos, dessen kleines Geschwader

ursprünglich nach Malaka bestimmt war, von dem Oberfeldherrn sich

Urlaub erbat, um seinen Auftrag auszurichten. Albuquerque zögerte

mit der Abfertigung, weil er entweder der Ueberzeugung war, daß ein

so kleines Geschwader nicht die genügende Sicherheit auf Erfolg

biete, oder weil er selbst erst noch mehr Mittel aufbieten wollte.

Vascogoncellos wollte daher heimlich entweichen, ging bei Nacht mit

seinen Schiffen über die Barre von Goa in See, wurde aber von einigen

nachgesandten Böten eingeholt und sah sich genöthigt, dem strengen

Befehl Albuquerque’s, zurückzukehren, Folge zu leisten. Er selbst blieb

längere Zeit in Goa in Gefangenschaft, ein Steuermann aber und der

Lotse wurden zur Strafe für diese Flucht an der Rae aufgeknüpft.

Der Generalcapitän wäre am liebsten selbst nach Malaka sofort

aufgebrochen; allein dem stand ein Befehl Don Manuels entgegen, einen

Zug nach dem rothen Meere zu unternehmen, um diesen Handelsweg endlich

für die Mohammedaner zu schließen. Er lief auch wirklich mit 23

Schiffen aus, sah sich aber durch widrigen Monsun zuerst aufgehalten

und dann ganz an die Küste zurückgetrieben, so daß er wieder in Goa

einlaufen mußte. Derselbe Monsun aber, welcher die Fahrt nach NW. nicht

gestattete, begünstigte eine Expedition nach SO. und so entschloß

sich Albuquerque kurzer Hand mit der schlagfertigen Flotte vor Malaka

zu ziehen und sie für ihren Verrath an Sequeira zu strafen. Es war

noch im Frühjahr 1511, als die Flotte von neunzehn Segeln, mit 800

Portugiesen und 600 indischen Hilfstruppen von Kotschin nach Malaka

abging. Den Feldherrn begleiteten Antonio d’Abreu und Francisco Serrão,

die späteren Entdecker der Molukken und Fernão Peres d’Andrade, einer

der ersten Chinafahrer.

Das Gebiet von Malaka war ursprünglich von Siam abhängig gewesen; die

in früherer Zeit berühmte Hafenstadt Singapur war aber hinter Malaka

zurückgetreten, seitdem sich im 15. Jahrhundert der Islam in diesem

Gebiete verbreitet hatte, denn in Malaka herrschte der Glaube Mohammeds

vor. Aber die ehemaligen Statthalter hatten sich seit fast 100 Jahren

zu selbstständigen Herren aufgeworfen. Durch geschickte Begünstigung

und Ausbeutung des Handels zu großem Reichthum gelangt, verwandte

Mahmud seine bedeutenden Mittel auf die Gründung einer Kriegsflotte,

welche ihm den Besitz des Hafens und die Herrschaft über die See

sichern mußte. Nun dehnten sich die Handelsbeziehungen noch weiter aus,

denn die Hauptnationen waren in freier Weise durch Berufsbeamte im

Handel gedeckt. Diese Schahbender (Hafenmeister) vertraten China, Java,

Kambaya und Bengalen. Die Handelsverbindungen reichten bis nach Japan,

und der Platz wurde von allen umwohnenden Völkern besucht, nur nicht

von den Siamesen, die sich immer noch mit dem Sultan auf Kriegsfuß

befanden und ihren frühern Verlust nicht verschmerzen konnten. Das

Königreich Malaka erstreckte sich etwa 100 Meilen an der Küste hin,

reichte aber nirgends über 10 Meilen weit ins Binnenland.

Die Stadt liegt sehr günstig an der Grenze verschiedener Monsune,

denn in den chinesischen Gewässern herrschen andere Winde als im

bengalischen Meere, daher sich hier ein natürlicher Sammelplatz für

Araber, Inder und Chinesen bot. Die Häuser des Handelsplatzes dehnten

sich eine Meile am Wasser hin, -- es ist der Canal, welcher die

hinter-indische Halbinsel von Sumatra scheidet. Ein Fluß trennte die

Häusermenge in zwei Theile, aber eine Brücke verband wiederum beide

Hälften. Albuquerque, welcher denselben Weg eingeschlagen hatte wie

Sequeira, langte am 1. Juli vor Malaka an, bereits in Pedir auf Sumatra

waren acht Portugiesen, die noch in Malaka gefangen gewesen waren und

die Flucht ergriffen hatten, zu ihm aufs Schiff gekommen. Von ihnen

erfuhr er auch, daß der Hauptanstifter des Verrathes, der javanische

Hafenmeister, eine Intrigue gegen den Fürsten angesponnen und seine

Verschwörung mit dem Leben bezahlt hatte; er erfuhr ferner, daß Sultan

Mahmud 8000 Geschütze besitze, um die lange, dem Meere zugekehrte Seite

kräftig vertheidigen zu können, daß er 30,000 Mann Soldaten und selbst

Kriegselephanten zu seiner Verfügung habe. Albuquerque ließ sich durch

die großen Zahlen nicht schrecken, sondern forderte ohne Umschweife

die Auslieferung der noch zurückbehaltenen Gefangenen. Eine sofortige

Erledigung würde im Orient als Feigheit angesehen sein; der Sultan

weigerte sich also, ohne weiteres darauf einzugehen. Als Antwort darauf

ließ der portugiesische Admiral die Häuser am Strande und die Schiffe

im Hafen in Brand stecken. Dann gab man die Gefangenen frei und unter

ihnen auch den Handelsfactor Ruy d’Araujo, einen Freund Albuquerque’s.

Man war in der Stadt zu einem friedlichen Abkommen geneigt, aber

die allzuhohen Forderungen der Portugiesen trieben zum Widerstande.

Albuquerque verlangte nicht blos Schadenersatz für Sequeira, sondern

auch noch 300,000 Cruzados Kriegskosten und überdies die Einwilligung

in den Bau eines Kastelles.

Im Rathe des Fürsten von Malaka, des alten Mohammed, waren, als diese

Forderungen bekannt wurden, die Meinungen getheilt. Diejenigen,

welche besonders den Handel nicht geschädigt sehen wollten, empfahlen

Frieden und Geldzahlung, die andern, welche fürchteten, durch

Zugeständnisse das Ansehen des Fürsten zu erniedrigen, forderten

bewaffneten Widerstand. Mahmud überließ die Leitung seinem Sohne,

und dieser hoffte, gestützt auf eine Heeresmacht von 30,000 Mann,

auf das zahlreiche Geschütz und seine Kriegselephanten, den Angriff

abschlagen zu können. Aber auf die fremden Kaufleute in der Stadt war

kein Verlaß, selbst der javanischen Truppen war man nicht ganz sicher.

Es war vorauszusehen, daß der feindliche Admiral, sobald er die Lage

der Stadt und ihre Gruppirung richtig erkannt habe, seine Angriffe auf

den gefährlichsten Punkt, auf die Brücke richten werde, welche die

beiden Stadttheile mit einander verbindet. Denn wer sich der Brücke

bemeisterte, war leicht auch Herr in der Stadt. Diese Verbindungsbrücke

wurde darum verschanzt und stark mit Kanonen besetzt; aber trotzdem

richtete, nach dem Rathe des Ruy d’Araujo, welcher bei seinem

längeren unfreiwilligen Aufenthalt die Wichtigkeit dieses Punktes

erkannt hatte, Albuquerque grade hieher seine ersten Angriffe. In der

Morgendämmerung des St. Jacobstages, 25. Juli, gingen die Portugiesen

in zwei Abtheilungen gegen die Stadt vor. Albuquerque mit seiner Schaar

stieg in der Nähe der Brücke ans Land, João de Lima mit der zweiten

Truppe weiter östlich bei einer steinernen Moschee, welche nicht fern

vom fürstlichen Palaste lag. Wenn ihm der Angriff gelänge, sollte er

sich auch gegen die Brücke wenden. An beiden Orten ward mit großer

Hartnäckigkeit gekämpft. Die Malayen bewiesen sich tapfer, schossen

vergiftete Pfeile und brauchten im Nahkampf den Kries. Sie fochten in

einzelnen Haufen unter Anführung eines Hauptmannes. Albuquerque stürmte

die Brücke und trieb die Malayen mit gefällten Lanzen nach der Vorstadt

zu. João de Lima hatte einen schweren Stand und konnte nicht so rasch

vordringen, er sah sich sogar genöthigt, persönlich am Kampfe gegen die

Kriegselephanten theilzunehmen, welche dann auch, durch Lanzenstiche

verwundet, auf die eigenen Truppen zurückgetrieben wurden. Dann erst

erreichte er die Brücke und vereinigte sich mit dem Oberfeldherrn. Von

den Dächern der nächsten Häuser wurde aber der Kampf noch fortgesetzt,

bis man die umliegenden Gebäude in Brand gesteckt hatte und so die

Feinde vertrieb. Allein von der Waffenarbeit erschöpft und fortwährend,

bei dem Versuch, die Brücke durch Vertheidigungswerke zu sichern,

durch erneute Angriffe der Malayen beunruhigt, sah Albuquerque bald

die Unmöglichkeit, diesen wichtigen Platz auf die Dauer zu behaupten.

Er gab also den Befehl zum Rückzug und zog sich auf die Flotte zurück.

Einige seiner Hauptleute meinten nun zwar, nachdem der Sultan für

die erste Verrätherei genügend gestraft sei, solle man mit günstigen

Fahrwinden nach Vorder-Indien zurückkehren, denn an eine dauernde

Besetzung dieses entfernten Platzes sei doch wohl nicht zu denken;

allein sie wurden von der Mehrzahl überstimmt, welche sich für eine

Fortsetzung des Kampfes entschied.

Während der Vorbereitungen zum zweiten Angriffe hatte Mahmud allerorten

neue Verschanzungen aufwerfen und mit Kanonen besetzen lassen, in den

Straßen waren Minen und Fußangeln gelegt, um die Feinde bei ihrem

Einbruche in die Stadt aufzuhalten oder zu vernichten. Am 10. August

griff Albuquerque die Brücke zum zweitenmale an und obwohl man dieselbe

hartnäckig vertheidigte, wurde sie doch endlich erobert und die

malayischen Truppen gegen die steinerne Moschee hin vertrieben, wo sich

in Gegenwart des Sultans das letzte verzweifelte Handgemenge entspann.

Das Quartier der Kaufleute, darunter zuerst die Peguaner, begab sich

alsbald unter den Schutz des Eroberers, aber die östliche, höher

gelegene Stadt wurde nur langsam von den Malayen geräumt. Neun Tage

dauerte der kleine Kampf in den Straßen noch fort, bis diese endlich

von den eingeborenen Truppen aufgegeben wurden. Den Mauren wurde kein

Pardon gegeben, denn die Mohammedaner waren auch hier die erbittertsten

Gegner gewesen. Als Lohn für ihre Arbeit gestattete Albuquerque seinen

Leuten, die Stadt drei Tage lang zu plündern. Dreitausend Kanonen

fielen dem Sieger in die Hände. Zum Bau einer steinernen Burg wurden

die Steine der im Kampf theilweise zerstörten Moschee verwendet, und

weiteres Baumaterial aus den in der Nähe gelegenen alten Fürstengräbern

genommen. In der Burg erhob sich ein fünf Stockwerke hoher, mit Blei

gedeckter Thurm. Albuquerque gab ihr den Namen Famosa. Auch eine

Kirche wurde errichtet und das Dach dazu von einem königlichen Grabmal

genommen.

Um den Handel wieder zu beleben und das Vertrauen in die neuen

Verhältnisse zu wecken, wurden eingeborene Schahbender (Hafenmeister)

ernannt, welche die handeltreibenden Nationen zu vertreten hatten.

Um den Marktverkehr zu ordnen, ließ Albuquerque goldene und silberne

Münzen prägen, denn unter den früheren Herrschern hatte es nur

zinnerne Münzen gegeben. Die großen Silbermünzen hießen Malaquezes,

die Goldmünzen, zu 1000 Realen, Catholicos. Durch diese zweckmäßigen

Einrichtungen wurde der Handel bald wieder gehoben, und fremde

Handelsschiffe liefen wieder in den Hafen ein.

Mit den großen Staaten Ostasiens suchte Albuquerque in friedliche,

freundschaftliche Beziehungen zu treten. Durch die Vertreibung des

mohammedanischen Herrschers war er nur an die Stelle eines fremden

Eindringlings getreten, welcher sich die Freundschaft der fürstlichen

Nachbaren nicht erworben hatte; er hoffte also mit Recht, nicht als

Feind der eingeborenen Dynastien betrachtet zu werden. Nach allen

Seiten wurden Botschafter abgeordnet. Auf einer chinesischen Dschunke,

welche nach Siam ging, segelte Duarte Fernandez, welcher mit Ruy

Araujo gefangen gewesen war und in Malaka malayisch gelernt hatte,

mit nach Siam. Er war der erste Portugiese, welcher diesen mächtigen

hinter-indischen Staat betrat. Er sollte dem Könige von Siam die

Eroberung von Malaka melden und zugleich die officielle Erklärung

abgeben, daß die Kaufleute des Landes sich des besonderen Schutzes der

Portugiesen erfreuen sollten und in Malaka’s Hafen willkommen sein

würden. Fernandez wurde am siamesischen Fürstenhofe zu Ajuthia[108]

wohlwollend aufgenommen, man zeigte ihm unter anderen Merkwürdigkeiten

auch einen weißen Elephanten. Dann wurde er mit einem siamesischen

Gesandten wieder zurückgeschickt, welcher außer Briefen an den König

Manuel als Geschenke eine Krone, ein Schwert von Gold und einen

kostbaren Rubinring überreichen sollte.

Zur Erwiderung gingen mit demselben Gesandten reiche Geschenke wieder

an den König von Siam zurück. Die Ueberbringer derselben, Antonio de

Miranda d’Azevedo und Duarte Coelho, reisten zu Lande über Tenasserim

nach Siam. Eine andere Gesandtschaft ging unter Ruy da Cunha nach

Pegu, um auch mit diesem Reiche einen Vertrag zu schließen. Malayische

Fürsten von Sumatra und Java beeilten sich ihre freundschaftliche

Gesinnung für die Portugiesen ebenfalls durch Geschenke zu bethätigen.

Nur mit Arakan, dessen Hafenstadt von João da Silveira angegriffen

war, und mit dem Königreiche Atschin in Nord-Sumatra blieb man auf

feindlichem Fuße. Das letztere Reich, in nächster Nachbarschaft von

Malaka gelegen, unterstützte in der Folgezeit mehrfach die immer

wiederholten Angriffe der vertriebenen Mauren auf die Stadt und suchte

Jahrzehnte lang den Handel zu beeinträchtigen.

Da die Chinesen schon bei dem ersten Besuche Sequeira’s in Malaka sich

durchaus freundlichgesinnt bewiesen, so suchte Albuquerque auch mit

China freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Doch unterblieb die

Absendung einer Gesandtschaft noch in den nächsten Jahren. Dagegen

ist gewiß, daß bereits 1515 das Reich der Mitte von portugiesischen

Handelsschiffen aufgesucht wurde, welche zwar ihre Waaren absetzen

durften, aber für ihre Mannschaft nicht die Erlaubniß erhielten, das

Land zu betreten.

Der Eindruck, den die Kunde von der Eroberung Malaka’s in Europa

machte, war ein außerordentlicher. Derselbe wurde noch gesteigert

durch eine pomphafte Gesandtschaft, welche König Manuel 1513 unter

Tristão da Cunha mit großem Gefolge an den Papst Leo X. entsendete.

Außer reichen mit Gold und Edelsteinen geschmückten kirchlichen Ornaten

und schweren goldenen Gefäßen wurde bei dem prächtigen Einzuge der

Gesandtschaft in Rom, am 12. März 1514, dem erstaunten Volke auch die

gewaltige Thierwelt Indiens in Gestalt eines riesigen Elephanten, den

man seit dem Alterthum in Italien nicht mehr gesehen hatte, eines

Jagdleoparden, der auf einem reich aufgezäumten persischen Rosse saß

-- es war ein Geschenk des Königs von Ormuz -- vorgeführt. Ein Herold

mit den portugiesischen Abzeichen schritt in dem festlichen Zuge, der

eine Huldigung des Orients vor dem Haupte der Christenheit vorstellen

sollte, dem Gesandten voraus. Die Menschenmenge, welche um dieses

Schauspiel zu sehen, herbeigeströmt war, hatte Kopf an Kopf alle

Straßen dermaßen besetzt, daß der Zug kaum hindurchdringen konnte.

Als derselbe endlich die Engelsburg erreicht, wurde mit allen Kanonen

geschossen, daß der Donner der Geschütze und dichter Pulverdampf

weithin über die Stadt rollten. Dann erschien der Papst an einem

Fenster und nahm den Zug in Augenschein. Der riesige Elephant mußte

vor Seiner Heiligkeit dreimal die Knie beugen, zu nicht geringer

Verwunderung der Zuschauer.[109] Am folgenden Tage wurden die Geschenke

in feierlicher Audienz überreicht durch den portugiesischen Abgesandten

Diogo Pacheco, welcher bei dieser Gelegenheit eine glänzende Rede über

die Waffenthaten seiner Landsleute in Indien hielt und dabei einen

Brief seines Königs überreichte, in welchem gleichfalls die Siege

Albuquerque’s verherrlicht waren. Nach der deutschen Uebersetzung (Die

New Welt der Landschafften u. s. w. Straßburg 1534. Fol. 57) lautet der

Anfang dieses Briefes folgendermaßen:

Ein sendbrieff des mechtigsten vnd vnuberwintlichsten Emanuels des

Königs jnn Portugal, vnd Algarbien von den sygen, die er gehabt hat jnn

India vnd Malacha, zu dem Heyligsten jnn Gott vatter, vnd vnserm Herrn,

Herrn Leoni dem zehenden des namens Babst zu Rom.

„Wie vast wir vns mit Gott dem Herrn vnd dir frewen sollen,

Allerheyligster vatter das erscheynet aus der bottschaft, die

vnser Indische schiffrüstung bracht hat. Dweyl vnder dir Römischem

Bischoff, und presidenten der Römischen vnd Christlichen Kirchen so

wunderbarliche Ding, zu lob vnd eher dem Allmechtigen nach wunsch

ergangen seind, das man dir billich zum lob und eher rechnet. Darumb

hat vns fur billich angesehen, was in India sich verloffen hat, mit

der Hilff Gots, vnd vnsern waffen zu deiner Heyligkeyt als zu eym

Haupt der gmeynen Christenheyt vnd richtschyt aller Christlichen

Religion kurtz vnd summarien weys zubeschreyben, das alle Ding nach

jhrem werd geschetzt werden, vnd Gott dem Herren darumb gedanckt. Auch

dz wir hoffen mögen tägliche merung deines lobs sambt zunemung des

Christlichen glaubens vnd leren.“

Es wurden also auch die indischen Siege als Glaubenssiege aufgefaßt;

aber der Schauplatz dieser Kreuzzüge lag viel weiter im Osten, „am

güldenen Chersoneso, in den auswendigsten Morgenländern“, wo durch die

portugiesischen Waffen auch das Christenthum verbreitet werden sollte.

Albuquerque’s Verdienst wurde mit höchster Anerkennung gepriesen.

Der Generalcapitän Indiens stand damals auf der Höhe seines Ruhmes.

In Asien und Afrika erscholl sein Name mit Schrecken, in Europa mit

Bewunderung.

Noch von Malaka aus wurden drei Schiffe am Schluß des Jahres 1511

abgesendet, um das letzte Ziel der Portugiesen, die +Gewürzinseln

oder Molukken aufzusuchen+. Das kleine Geschwader stand unter der

Führung des +Antonio d’Abreu+. Derselbe hatte sich beim zweiten Sturm

auf Malaka ausgezeichnet, war dabei durch einen Schuß in die Backe,

welcher ihm mehrere Zähne und einen Theil der Zunge nahm, verwundet,

hatte aber trotzdem nach Anlegung eines Verbandes sich am Kampfe wieder

betheiligt. Wie diese erste Kundschaft nach den Molukken verlief,

werden wir später im Zusammenhange mit den folgenden Vorfällen auf den

Gewürzinseln zu schildern haben.

Die Angelegenheiten zu Malaka ordnete Albuquerque der Art, daß er

Ruy d’Araujo zum Richter und Factor (~alcaide mór e feitor~), Ruy de

Brito Patalim zum Commandanten der Festung einsetzte. Die Besatzung

belief sich auf 300 Mann, ebenso stark war die Mannschaft auf der

dort stationirten Flotte von zehn Segeln, welche unter dem Befehle

des Fernão Peres d’Andrade zurückblieb. Diese beträchtliche Macht war

erforderlich, um Malaka gegen Angriffe von der Land- und Seeseite

vertheidigen zu können. Und solche Angriffe waren um so mehr zu

erwarten, als die Macht des früheren Herrschers keineswegs gebrochen

war; denn Mahmud hatte sich auf Bintang, südöstlich von der alten

Residenz Singapur, und sein Sohn Alaeddin in Dschohor festgesetzt, so

daß sie von da aus die Straße nach den Gewürzinseln und nach China

nicht nur beherrschten, sondern die Portugiesen in Malaka beständig

beunruhigen konnten.

Im Januar 1512 ging Albuquerque mit drei Schiffen nach Indien zurück.

Auch nahm er eine Anzahl (gegen 60) javanischer Zimmerleute sammt

ihren Familien mit, welche ihm beim Schiffbau dienlich sein sollten.

An der gefährlichen Küste von Sumatra ging Albuquerque’s Schiff, Flor

de la mar, auf einer Sandbank zu Grunde. Er selbst verlor alle Beute

und Siegeszeichen in diesem Schiffbruche sammt den Manuscripten, in

denen er seine Thaten aufgezeichnet hatte. Die Mannschaft rettete sich

zwar auf das folgende portugiesische Schiff, aber die malayischen

Zimmerleute benutzten die Gelegenheit zu einer Meuterei, bemächtigten

sich des Fahrzeuges, auf dem sie segelten, mit Gewalt und gingen an der

Küste von Sumatra ans Land. Albuquerque selbst erreichte in den ersten

Tagen des Februar den Hafen von Kotschin.

In Goa waren unterdessen, während der Abwesenheit des

Oberbefehlshabers, die Portugiesen belagert worden und arg bedrängt.

Die verhältnißmäßig kleine Besatzung von 450 Portugiesen und 1250

indischen Hilfstruppen wurde fortwährend beunruhigt und durch kleine

Gefechte ermüdet. Sie verlor sogar zwei ihrer besten Hauptleute und

sah sich genöthigt, den noch gefangen gehaltenen Diogo Mendes de

Vascogoncellos seiner Bande zu entledigen und an die Spitze zu stellen.

Die Feinde hatten der Stadt gegenüber eine starke Burg in Benestarim

errichtet und drohten von da aus, die Fremdlinge zu vertreiben. Zum

Glück kamen im Sommer 1512 nacheinander mehrere Schiffe mit Mannschaft

und Lebensmitteln zu Hilfe, und als im August sogar eine größere Flotte

von dreizehn Schiffen mit 1800 Soldaten einlief, gewann man allen Muth

wieder und ging selbst zum Angriff über. Albuquerque durfte es daher

wagen, seine Ankunft zu verzögern, um vorher die Handelsflotte nach

Europa abzufertigen, und ging erst am 16. September mit sechzehn Segeln

nach Goa.

Sein Erscheinen änderte die Lage vollständig. Aus den bisher

Bedrängten wurden wieder Bedränger und siegesgewisse Angreifer.

Benestarim wurde erobert. Den portugiesischen Ueberläufern in der

Festung hatte Albuquerque das Leben gesichert, aber er ließ ihnen zur

Strafe, anderen zur Warnung, Ohren und Nase abschneiden, die rechte

Hand, sowie den linken Daumen abhauen und schickte die Verstümmelten

nach Portugal zurück. Benestarim wurde noch stärker befestigt und

Goa bei dem folgenden Friedensschlusse an Portugal abgetreten. Der

verhältnißmäßig leichte Sieg ist zum Theil auch der steten Eifersucht

der dekhanischen Fürsten untereinander zuzuschreiben, die einerseits

nie gemeinschaftliche Sache gegen die Abendländer machten, andererseits

sich im Geheimen um die Freundschaft der Portugiesen bewarben. Dann

wurde durch eine an der Küste kreuzende Flotte der Hafen von Kalikut

gesperrt und dadurch der Fürst auch zur Nachgiebigkeit gezwungen.

Dagegen begann Goa als Handelsplatz aufzublühen. Albuquerque hatte

dafür gesorgt, daß nur nach Goa die Pferde aus Persien eingeführt

werden durften. Die einheimischen Kriege wurden damals in Indien aber

hauptsächlich durch Reiterei entschieden. Die indischen Fürsten waren

also dadurch, daß Goa allein der Einfuhrhafen für Pferde wurde, auf den

guten Willen und die Freundschaft der Portugiesen angewiesen, wenn sie

ihre Reiterei verstärken wollten.

In Portugal selbst erkannte man die Bedeutung Goa’s noch nicht, oder

wurde durch falsche Berichte, die möglicherweise absichtlich von den

Gegnern Albuquerque’s verbreitet wurden, über die wahre Sachlage

getäuscht. Nur so erklärt es sich, daß Manuel in einem Schreiben an

den Oberbefehlshaber anordnen konnte, Albuquerque möge mit seinen

Hauptleuten wohl überlegen, ob Goa behauptet werden solle oder nicht.

Goa sei ein ungesunder Ort und seine Behauptung koste unnützes

Geld.[110] Man werde dadurch in immer erneute Kriege mit den nächsten

Landesherren verwickelt und es werde sehr fraglich sein, ob jemals

die Abgaben vom festen Lande eingezogen werden könnten, welche der

Generalcapitän als nicht unbeträchtlich bezeichnet hatte. Albuquerque

aber legte auf die Wiedereroberung Goa’s das größte Gewicht. Er

schrieb dem Könige, daß dieser Sieg in Indien mehr gewirkt habe für

die Macht des Königs, als alle Flotten, die seit fünfzehn Jahren dahin

abgeschickt worden seien. Der Bund der feindlichen Fürsten sei dadurch

gesprengt. Die Räthe des Königs wüßten die indischen Angelegenheiten

nicht richtig zu beurtheilen. Ohne feste Stütze auf dem Lande sei

in Indien die portugiesische Macht ohne Dauer. Alle Citadellen in

Kotschin, Kananor und anderen Orten hielten in Werth und Bedeutung

keinen Vergleich mit Goa aus. Er wisse wohl, daß er in Portugal Feinde

habe; aber der König möge nicht auf sie hören; denn wenn Goa wieder

aufgegeben würde, dürfte auch die portugiesische Herrschaft in Indien

ihrem Ende nahe sein. Er verdiene mehr Dank vom Könige dafür, daß er

Goa gegen Portugiesen vertheidige, als dafür, daß er es zweimal den

Feinden abgenommen.[111]

Osorio stellt bei dieser Gelegenheit folgenden interessanten Vergleich

zwischen der Politik Almeida’s und Albuquerque’s an:[112] das Ziel

beider Feldherrn ging auf die Verherrlichung und den Ruhm ihres

Königs und der portugiesischen Waffen, sowie auf die Verbreitung des

Christenthums in Indien; aber sie schlugen verschiedene Wege ein.

Almeida wollte sich mit einem Stützpunkt am Lande begnügen und dagegen

mit stets vereinigten Flotten die See beherrschen. Seine Truppen wollte

er nicht in einzelnen Besatzungen zersplittern, welche von großen

feindlichen Mächten leicht überwältigt werden könnten. Albuquerque

aber strebte vor allem danach, Herr des Landes zu werden, in der

festen Ueberzeugung, daß er dann auch über die See gebiete. Sein

Blick ging dabei über das Nächstliegende hinaus. Er wollte nicht blos

dafür sorgen, für die Gegenwart alljährlich kostbare Gewürzfrachten

heimzusenden, er wollte diesen Handel auch für die Zukunft sichern.

Dazu brauchte er eine imponirende Stellung auf dem Lande und damit

verbunden eine vollkommene Beherrschung der wichtigsten Handelsplätze.

Eine große Flotte, meinte er, könne in einem Sturme untergehen, eine

feste Stellung auf indischem Boden sei sicherer. Ein solcher Platz

sei aber nicht sicher, wenn er blos an sich fest sei, sondern erst

dann, wenn man demselben auf verschiedenen Wegen Hilfe bringen könne.

Solche Stützpunkte aber verminderten nicht, sondern stärkten auch die

Machtstellung auf der See.

Wie richtig Albuquerque’s Urtheil in Bezug auf Goa war, erwies sich

in der Folgezeit, als Soliman von Aegypten Diu angriff und durch eine

von Goa kommende Flotte zum Rückzug genöthigt wurde; ebenso als der

Beherrscher von Kambaya mit türkischer Hilfe noch einmal Diu bedrohte.

Der damalige Befehlshaber in Goa, João Castre, konnte seine Gegner

um so leichter bezwingen, als er in Goa sofort neue Truppen ausheben

und auf den Werften konnte Schiffe bauen lassen, und als er mit

allem Kriegsmaterial wohl versehen war. Der Ausgang des Kampfes wäre

zweifelhaft gewesen oder wenigstens verzögert worden, wenn man auf die

entfernte Hilfe vom Mutterlande her hätte warten müssen. Dazu hatte

Albuquerque aus Goa eine portugiesische Stadt zu machen verstanden, in

welcher die Soldaten Heiraten mit Hindumädchen eingingen.

Die große Bedeutung der Besetzung Goa’s hebt auch Barros[113]

hervor. Dieses Jahr, sagt er, war eines der glücklichsten für die

portugiesischen Angelegenheiten. Es kamen nicht blos reiche Flotten

mit Spezereien nach Portugal, sondern auch die Nachrichten von der

Eroberung Malaka’s und Goa’s, es kamen Gesandte vom Priester Johannes

(dem Könige von Habesch), von Siam und Pegu, sogar der Samudrin

bequemte sich in der Folgezeit endlich dazu, den Bau einer Citadelle

in Kalikut zu gestatten. Viele andere malabarische Fürsten von

Kambaya, von Narsinga u. a. wünschten Frieden und Freundschaft mit den

Portugiesen zu schließen.

In Indien war Portugals Macht thatsächlich befestigt, die einheimischen

Fürsten erkannten, wenn auch widerstrebend, die Herrschaft der neuen

Seemacht an; aber sie wurden von Aegypten aus immer wieder von

neuem aufgeregt und mit Schiffen und Mannschaft zu neuen Erhebungen

aufgemuntert. Aegypten verlor durch die völlige Verdrängung vom

indischen Markte zu viel an Einkünften, als daß es sich nicht immer

wieder veranlaßt fühlen sollte, mit Hilfe indischer Bundesgenossen die

verhaßten Christen zu befehden. König Manuel drängte darum mit Recht

wiederholt auf einen Zug nach dem rothen Meere, um womöglich diese

wichtigste Straße des mohammedanisch-indischen Handels zu schließen.

So rüstete sich Albuquerque denn im Beginn des Jahres 1513 zu einem

Feldzuge nach jenen arabischen Gewässern. Es klingt fast wie eine

Entschuldigung oder Ablehnung der Verantwortlichkeit für die Folgen

dieses Unternehmens, wenn Albuquerque seinen Capitänen erklärte, der

König habe schon zu wiederholten Malen ihm diesen Zug geboten und

habe nun in seinem letzten Briefe ausdrücklich befohlen, unverzüglich

aufzubrechen.[114]

Am 18. Februar 1513 ging er mit 20 Schiffen, 1700 Portugiesen und

800 indischen Soldaten nach dem rothen Meere ab. Im Hafen von Soko

auf Sokotra wurde Wasser eingenommen; die Festung daselbst war im

vorhergehenden Jahre bereits aufgehoben. Von hier aus mußte die Fahrt

mit äußerster Vorsicht geschehen, da man das Fahrwasser nicht kannte.

Seit dem Alterthum war kein den Europäern gehöriges Schiff auf diesen

Gewässern erschienen. Albuquerque war wieder der erste, welcher in

dieses zwei Erdtheile scheidende Binnenmeer eindrang. Glücklicherweise

wurde ein Schiff, das von Tschaul kam, aufgebracht, der Lotse

desselben wurde gezwungen, den Führer zu machen. Die nächste Aufgabe

war, sich Adens zu bemächtigen. Es war schon damals wie noch heute der

Schlüssel des rothen Meeres. Die Stadt blühte rasch auf, weil es in

Folge der neuen Verhältnisse zum Stapel für die Gewürze geworden war;

denn die arabischen Händler wagten sich aus Furcht vor den Portugiesen

nicht mehr ins indische Meer, sondern nahmen in Aden die Waaren in

Empfang, welche auf malabarischen Schiffen ihnen zugeführt werden

durften. Aden liegt auf einer landfest gewordenen Insel, also auf einer

Halbinsel, auf durchaus vulkanischem Boden, eigentlich im Innern eines

erloschenen Kraters, dessen nackte Wände die Stadt in einem Halbkreise

umgeben. Wasser fehlte damals und mußte von weit hergeleitet werden.

Jetzt versorgen gewaltige Cisternen die Bewohner mit dem nöthigen

Wasser. Die an sich schon feste Lage war durch starke Mauern und Thürme

noch mehr gesichert. Albuquerque forderte die Uebergabe der Stadt,

welche im Besitz des Amir Ibn-abd-el-wahhab war; aber dieselbe wurde

abgelehnt. So entschloß sich der portugiesische Befehlshaber rasch

zum Sturm, setzte 1400 Portugiesen und 400 Indier ans Land, um auf

Sturmleitern die Mauern zu erklimmen. Voll Ehrgeiz und Kampfbegier

drängten sich die Angreifer auf die allzubreiten Leitern, so daß die

Stufen unter dem Gewicht von mehr als zwanzig Menschen, die zu gleicher

Zeit hinaufstrebten, zusammenbrachen. Vierzig Portugiesen befanden

sich schon auf der Mauer. Garcia de Sousa bemächtigte sich sogar eines

Thores. Da er aber von den Arabern gedrängt, sich nicht an einem

Stricke von der Mauer herablassen wollte, so stürzte er lieber mitten

unter die Feinde und opferte sich, tapfer kämpfend, auf, um seinen

Gefährten Zeit zu verschaffen, sich zu retten.

Albuquerque mußte erkennen, daß seine Macht zu schwach sei und brach

daher nach vier Stunden den Kampf ab. Einen späteren Angriff behielt

er zwar im Auge, wollte aber vorher einige wichtige Inseln im rothen

Meere besetzen. Mit äußerster Vorsicht mußte vorgegangen werden, weil

überall Klippen und Korallenbänke ungeahnte Gefahr drohten. Dazu traute

Albuquerque dem gezwungenen Lotsen nicht, suchte mit dem Senkblei in

der Hand das Fahrwasser auf und ließ alle Abende beilegen. So gelangte

er bis zur flachen, felsigen Insel +Kamaran+ (15° 51′ n. Br. 42° 32′

ö. L. v. Greenwich). Dieselbe liegt hart an der arabischen Küste, in

der Nähe der Stadt Lohaja. Obwohl sich die Höhen nur 16 Meter über den

Meeresspiegel erheben, ist die Insel doch reich an Brunnen und besitzt

einen sehr guten Hafen auf der Ostseite. Sie war den Küstenfahrern

längst als guter Ankerplatz bekannt, wo man sich auch mit Wasser und

Früchten, namentlich Datteln versorgen könnte. So erhielten denn auch

die Europäer frühzeitig davon Kunde und lernten den Platz schätzen.

Carsten Niebuhr hebt hervor: Fast alle Nachrichten der Europäer von dem

arabischen Meerbusen erwähnen dieser Insel.[115] Ihrer wichtigen Lage

wegen ist sie gegenwärtig im Besitze der britischen Macht, welche von

der Insel Perim aus auch den Ausgang des rothen Meeres beherrscht. Es

zeugt aber sicher von dem Scharfblicke Albuquerque’s, daß er sofort

beim ersten Betreten dieses Meeres die Bedeutung jener wasserreichen

Insel erkannte. Aber viel weiter sollte er nicht gelangen. Mehrere

Versuche nordwärts zu dringen, wurden durch Unwetter abgeschlagen. Er

sah sich längere Zeit an die Insel gefesselt, da die günstigen Monsune

zur Rückfahrt nach Indien noch nicht eingesetzt hatten, er verlor in

dem verrufenen heißen Klima viele Leute und konnte erst am 15. Juli

nach Aden zurückkehren. Ohne diese Stadt noch einmal zu bedrohen,

segelte er weiter und langte schon am 4. August wieder in Diu an. Hier

zeigte sich nun Melek Eias so weit nachgiebig, daß er die Errichtung

einer Factorei den Portugiesen gestattete, und als auch Kalikut sich

endlich zu einem ähnlichen Zugeständniß bereit erklärte, wurden den

mohammedanischen Schiffen Pässe ertheilt, und das Aufbringen der im

Gewürzhandel beschäftigten Kauffahrteischiffe hörte an den Küsten

Indiens auf. Der Handel begann sich wieder zu beleben und zu befestigen.

Im nächsten Jahre wurde Pero d’Albuquerque, der Neffe des

Generalcapitäns, mit einem Geschwader nach Ormuz entsandt, um den

fälligen Tribut einzuziehen, während Jorge d’Albuquerque mit frischen

Truppen nach Malaka steuerte, um hier die Vertheidigung der viel

umstrittenen Stellung zu übernehmen.

Die nächste Zeit war Albuquerque selbst mit den indischen

Angelegenheiten: mit der Befestigung der Citadellen in den

Handelsstädten und Abfertigung der Transportflotten beschäftigt,

außerdem plante er einen neuen Zug gegen Aden. Während der Vorbereitung

dazu erhielt er aber die königliche Weisung, zunächst womöglich nach

Ormuz zu gehen. Albuquerque konnte um so mehr diesem Befehle zustimmen,

als er inzwischen in Erfahrung gebracht, daß der Sultan von Aegypten

nicht weiter rüste, daß also von Seiten dieses Gegners keine Gefahr

drohe und das rothe Meer ruhig bleiben werde. Am 21. Februar 1515 ging

der Generalcapitän von Goa aus mit 27 Schiffen (14 großen Schiffen, 7

Karavelen und 6 Ruderschiffen) in See. Es sollte sein letzter Zug sein.

Die Besatzung bestand aus 1500 Portugiesen und 700 Indiern (Kanaresen

und Malabaren). In Ormuz führte damals Rais Ahmed, ein ehrgeiziger

Perser, im Namen seines alten und schwachen Oheims das Regiment. Die

Portugiesen hatten über ihn gehört, daß er mit dem Plane umgehe, sich

unter die Oberhoheit des persischen Schah zu stellen, um sich der

Verpflichtungen des lästigen Tributs an Portugal zu entledigen.

Diese Absichten wurden durch die Ankunft Albuquerque’s vor Ormuz, am

26. März, vereitelt. Der alte Fürst sah sich noch nicht in der Lage,

der Forderung des Generalcapitäns, ihm die Citadelle zu übergeben,

lange zu widerstehen. Das Wasserthor der Festung wurde schon am dritten

Tage den Portugiesen geöffnet, und ohne Blutvergießen zogen dieselben

ein. Das Thor gegen die Stadt wurde geschlossen und die Mauern mit

Kanonen bepflanzt, um die Burg vor einem Ueberfalle zu sichern. Dann

wurden die Festungswerke weiter ausgebaut und Pero d’Albuquerque

als Commandant eingesetzt. Nun galt es, um den Frieden vollständig

zu befestigen, den ehrgeizigen Rais Ahmed mit seinem Anhange zu

beseitigen. Bei einer Zusammenkunft Albuquerque’s mit dem bejahrten

Fürsten wagte Ahmed es, seinen Oheim von einer persönlichen Begrüßung

zurückzuhalten und sich sogar an der Person des portugiesischen

Befehlshabers zu vergreifen. Er rechnete nämlich auf fünfzig Leute

seines Gefolges, die mit verborgenen Waffen vor dem Hause standen.

Albuquerque war darauf vorbereitet und befahl seinen Hauptleuten, den

Anführer der Verrätherei niederzumachen. Den alten Fürsten führte man

aus dem Getümmel fort und das Gefolge des gefallenen Ahmed wurde von

portugiesischen Soldaten zurückgetrieben. Vom Dache des Hauses mußte

sich der alte Rais Nordin seinem Volke zeigen und dasselbe über seine

Person beruhigen. Dem aufgeregten Anhange und den Verwandten Ahmeds,

welche den Palast des Fürsten plündern wollten, ließ Albuquerque

erklären, wenn sie sich nicht sofort beeilten, bis Sonnenuntergang die

Stadt zu verlassen und auf persischen Boden zurückzukehren, so solle

keiner von ihnen mit dem Leben davon kommen; denn die Portugiesen

beherrschten mit der Flotte die See und von der Citadelle aus die Stadt

und die Insel. So wanderten denn die 25 Familien der persischen Partei

aus und Rais Nordin konnte unter dem Schutze und Geleite Albuquerque’s

wieder als Herrscher in seinen Palast zurückkehren. Die Stadt war über

den Zwischenfall bald beruhigt, und durch eine Gesandtschaft nach

Persien, unter der Führung Fernão’s Gomez de Lemos, wurde auch das

gute Einvernehmen mit Schah Ismail wieder hergestellt. Dieser leicht

gewonnene Friede erklärte sich besonders aus dem religiösen Zwiespalt

zwischen den schiitischen Persern und den sunnitischen Arabern.

Albuquerque schickte einen Theil der Flotte unter seinem Neffen

Garcia de Noronha nach Kotschin und blieb selbst noch einige Monate

in Ormuz, um die Angelegenheiten vollständig zu ordnen, ehe er die

Weiterführung der Geschäfte dem Commandanten der Citadelle überlassen

konnte. Vielleicht wollte er auch noch Vorbereitungen zu einem

zweiten Angriff auf Aden treffen. Doch dieser Wunsch sollte unerfüllt

bleiben. Schon seit Anfang August litt er an der Ruhr, und da das

Uebel sich verschlimmerte, mußte er endlich dem Anrathen seiner Aerzte

nachgeben, vorläufig nach Indien zurückzukehren. Er begab sich an

Bord des Schiffes, welches Diogo Fernandez da Beja befehligte und

übergab sein eigenes Schiff seinem Neffen Vicente d’Albuquerque. Im

Anfang November segelte er von Ormuz ab; bei Kalhât an der Küste von

Oman traf man mit einem arabischen Schiffe zusammen, welches von Diu

kam und die Nachricht mitbrachte, Lopo Soarez sei zum Nachfolger im

Generalcapitanate ernannt worden.

König Manuel hatte also endlich doch den feindlichen Einflüsterungen

nachgegeben. Nach diesen Verläumdungen sollte Albuquerque bald

wahnsinnig verwegen, bald von maßlosem Ehrgeize erfüllt sein. Man

ersann sogar das Märchen: er strebe danach, sich zum unabhängigen

Herrscher von ganz Indien zu machen. Dazu stütze er sich nur auf seine

Verwandten und begünstige sie bei allen wichtigen Stellungen. -- Wenn

dies als Vorwurf gelten kann (denn die Thatsache ist richtig, daß er

die Vertheidigung von Ormuz und Malaka, unzweifelhaft die wichtigsten

Positionen außerhalb Indiens, seinen Neffen übertrug), so darf doch

nicht unberücksichtigt bleiben, daß er dadurch diese beiden Plätze am

sichersten bewahrt glaubte, da er sich auf die Befehlshaber verlassen

konnte. -- Selbst daß er mit den Fürsten in Indien Frieden schloß, galt

als Zeichen des Verraths, denn diese neue Freundschaft, hieß es, sei

nur ein weiterer Schritt zur Unabhängigkeit, nach der er strebe.[116]

Albuquerque war gewarnt, er kannte solche Verdächtigungen, aber er

hatte, gestützt auf seine Verdienste und die Makellosigkeit seines

politischen Charakters, es für unnöthig gehalten, ihnen entgegen zu

treten. Er antwortete nur durch seine Thaten. Aber er hatte in Portugal

wenig Fürsprecher mehr; alle Edelleute, welche er wegen Vergehen und

Ungehorsamkeit zurückschickte und dem König zur Bestrafung überwies,

vermehrten die Zahl seiner Widersacher, und so glaubte Manuel endlich,

indem er, statt eine Untersuchung über die wiederholt vorgebrachten

Beschwerden anzuordnen und nach deren Ausfall zu entscheiden, sich

mit einer halben Maßregel begnügte, den Generalcapitän wenigstens

zurückrufen zu müssen. Und das war es eben, was diesen so tief

kränkte. Als er vernahm, daß Lopo Soarez ihn ersetzen solle und daß

andere Befehlshaber für die wichtigsten Positionen ernannt seien,

rief er wehmüthig aus: „Lopo Soarez Generalcapitän?! Konnte es nicht

ein anderer sein! Und solche Männer, wie Diogo Mendez und Diogo

Pereira,[117] die ich wegen ihrer Vergehen als Gefangene nach Portugal

heimgesandt, schickt mir der König als Capitäne und Secretäre wieder

zu?! Um des Königs willen habe ich es mit diesen Leuten verdorben, und

falle um der Leute willen bei dem Könige in Ungnade.“[118]

Sein Lebensmuth und seine Lebenskraft waren gebrochen. Er wünschte nur

noch Goa zu erreichen, denn hier hoffte er Briefe zu finden, welche ihm

den plötzlichen Umschlag erklärten und ihn wenigstens durch Anerkennung

seiner Verdienste trösten könnten.

Auf Zureden seiner Freunde schrieb er mit zitternder Hand einen letzten

Brief an den König: „Sire, dies sind die letzten Worte, welche ich

an Ew. Majestät richte, schwergebeugt, nachdem ich so viele Berichte

mit heiterem Lebensmuthe geschrieben. Ich hinterlasse hier einen

Sohn,[119] Bras Albuquerque; ihm bitte meine Verdienste anrechnen zu

wollen. Die Angelegenheiten in Indien werden für sich selbst und für

mich sprechen.“ Im Angesicht des Hafens von Goa starb er am Bord des

Schiffes, am 16. December 1515, 63 Jahre alt. Angethan mit dem weißen

Gewande des St. Jago-Ordens, dessen Commandeur er war, und geschmückt

mit den Ordenszeichen, um die Schultern den Sammetmantel gelegt und

über dem Goldnetz, welches das Haar umschloß, mit einem Sammtbarett:

so wurde seine Leiche auf einem mit Goldbrokat bedeckten Sessel ans

Land getragen. Die Augen waren halb geöffnet, aber ohne die Häßlichkeit

des Todes. Der lange, weiße Bart wallte bis auf die Brust herab, so

daß er auch im Tode noch dieselbe Achtung und Ehrfurcht gebot, die man

ihm im Leben zollte. Am Ufer wurde er von dem Commandanten und allen

Edelleuten empfangen und in der Capelle beigesetzt, welche er selbst

vor den Thoren der Stadt hatte erbauen lassen.

Er hatte die Tugenden und Fehler eines Imperators. Er übte strenges

Recht, aber den Treubruch bestrafte er hart. Er war zäh im Ausharren

und Ertragen von Mühen. Er ging bei allen Kämpfen nicht mit Worten,

sondern mit dem besten, eigenen Beispiel voran. Schmeichler und

Ohrenbläser ließ er hart an und hielt sie von sich fern. Den gefaßten

Plänen folgte schnellste Ausführung. Persönliche Beleidigungen

ertrug er großmüthig, aber er litt es nicht, daß man seine Befehle

überschritt oder seine Pläne durchkreuzte; dann schreckte er auch vor

Gewaltmaßregeln nicht zurück. In seinen Todesurtheilen ist er mehrmals

zu rasch gewesen, denn er war eine leicht erregbare Natur, die schwer

zu befriedigen war; aber eine übereilte Handlung hat er alsbald bereut.

Er forderte volle Hingebung an den Beruf und das Amt und verlangte

die Anspannung aller Kräfte. Darin that er selbst es allen zuvor.

Im Frieden war er Tag und Nacht thätig. G. Correa erzählt,[120]

daß er gewöhnlich des Morgens in aller Frühe die Messe hörte und

dann zu Pferde stieg, um, von seiner Leibwache umgeben, die Bauten,

Werften, Magazine zu besichtigen. Im Staatsdienst duldete er keine

Verschwendung und konnte über unnütze Verschleuderung des königlichen

Gutes leidenschaftlich aufbrausen. Seine Entscheidungen traf er rasch;

man hat mehrfach gesehen, daß er unterwegs, auf der Straße, Befehle

und Dokumente auf den Knien unterzeichnete. Er war leutselig gegen

jedermann und verstand die Hindus und Mohammedaner nach ihrer Art

zu behandeln. Für alle war er bedacht, die friedliche Entwicklung

des Handels zur Verbesserung der Lage und Vermehrung des Wohlstandes

zu fördern. Jedermann hatte Zutritt zu ihm. Seine Thür war nie

verschlossen, nur nach dem Mittagsessen gönnte er sich eine kurze

Ruhe und diese wurde an den Wochentagen noch auf das geringste Maß

beschränkt. Am Tage fast immer draußen beschäftigt, verwendete er die

Stunden der Nacht dazu mit seinen Secretären zu arbeiten, um dem Könige

von allem Rechenschaft zu geben bis ins Kleinste. An den König, die

Königin, die königlichen Räthe entwarf er die Briefe selbst.

Da er immer nur darauf bedacht war, die königliche Macht in Indien

zu stärken, so lag es ihm ganz fern, für sich selbst Reichthümer zu

erwerben. Alle Geschenke, welche ihm von den Fürsten und Herren in

Indien verehrt wurden, übergab er dem König oder der Königin, oder

vertheilte sie unter die Hauptleute und Ritter. Auch gegen die Armen

erwies er sich hilfreich.

Im Kriege und in der Schlacht stellte er sich den Soldaten gleich und

achtete auf sein Leben ebensowenig als auf das Leben der andern, wenn

es ein großes Ziel galt. Bei dem ersten unglücklichen Kampfe um den

Palast in Kalikut gerieth er selbst mehrfach in Lebensgefahr. Sein

Fahnenträger und einer seiner Pagen fielen an seiner Seite und er hielt

aus, bis ihn ein Steinwurf besinnungslos niederwarf. Ebenso begab er

sich beim ersten Sturm auf Malaka in Lebensgefahr, wurde dabei von den

Feinden umstürmt und mußte von João Lemos herausgehauen werden. Dann

ging er aber sofort wieder zum Angriff über. Er war ein vorsichtiger

Feldherr und nie tollkühn; aber wenn er Großes erreichen wollte,

setzte er alles daran. Vor dem zweiten Sturm auf Malaka erklärte er

seinen schwankenden Capitänen, daß er seine Mannschaft nur darum aufs

Spiel setzte, weil er die Position von Malaka für außerordentlich

wichtig halte. So griff er auch zweimal Goa an und ließ sich durch

einen ersten Mißerfolg nicht abschrecken, die blutige Entscheidung

noch einmal zu wagen. Darum hielt er bei der ersten Belagerung in Goa

auch so zäh bis zum äußersten aus. Als hier dem feindlichen Feldherrn

durch portugiesische Ueberläufer mitgetheilt war, daß auf seiner im

Flusse abgesperrten Flotte Mangel und Hungersnoth herrsche, und jener

Heerführer des Adil Schah den Portugiesen großmüthig mehrere Böte mit

Erfrischungen anbot, ließ Albuquerque seine letzten Vorräthe, einige

Faß Wein und Schiffszwieback auf Deck bringen, zeigte dieselben den

Abgesandten und erklärte: andere Leckerbissen als diese Speisen kennten

die Portugiesen nicht und bedürften sie nicht. Sollten ihnen diese

ausgehen, dann würden seine Soldaten sich schon ungebeten an der Tafel

des Adil Schah melden. Jetzt leide er noch keine Noth.

So bewahrte er auch in schwerer Bedrängniß seinen Gleichmuth. Trotz

seiner großen Erfolge sah man ihn nie übermüthig werden, auch warnte er

seine Capitäne vor jeder Ueberhebung. Als einige von seinen Hauptleuten

meinten, die Mauern der neuen Festung in Ormuz seien nicht stark genug,

erwiderte er: „Wenn diejenigen, denen die Burg anvertraut ist, sich

nicht als Tyrannen geberden, werden sie stark genug sein. Lassen sie

sich aber zum Uebermuth hinreißen, so ist auch die stärkste Mauer zu

schwach.“

Er suchte zwar die Rechte des Siegers voll und ganz zu vertreten,

wünschte aber doch, aus politischen Rücksichten, eine Annäherung

zwischen Portugiesen und Eingebornen. Darum begünstigte er die Heiraten

der Portugiesen mit Hindumädchen. In Goa waren diese letzteren weniger

schwierig als die Töchter der Brahminen und Nair weiter im Süden.

Jedem neuvermählten Paare verehrte er 18 Milreis aus der königlichen

Kasse und vertheilte unter die Ansiedler die Häuser und Aecker der

vertriebenen Mohammedaner. Dadurch wollte er Goa zum Mittelpunkt der

portugiesischen Herrschaft machen und seinen Besitz dauernd befestigen.

Die indischen Gegner fürchtete er dabei weniger als den Sultan

Aegyptens. Von dort schien ihm auch in Zukunft allein ernste Gefahr

zu drohen. -- Das ganze Zeitalter war so reich an überkühnen,

himmelstürmenden Gedanken und Plänen, daß wir uns nicht wundern dürfen,

auch Albuquerque in eine solche Schwäche verfallen zu sehen. Wie man

von Michel Angelo erzählt, daß er den Marmorgipfel des Monte Altissimo

in den Bergen von Carrara zu einer einzigen Statue habe umgestalten

wollen, und damit ein ganzes Gebirgsprofil verändert hätte, so hatte

auch Albuquerque, indem er der Oberfläche der Erde durch Verlegung

eines Stroms ein anderes Ansehen geben wollte, nichts geringeres im

Sinne, als den Nil in seinem Oberlaufe nach Habesch abzuleiten, um den

alten Kulturboden von Aegypten des segenspendenden Wassers zu berauben;

denn nur so hoffte er die mohammedanischen Herren für immer aus dem

Lande der Pyramiden vertreiben zu können.

Verständiger klingt schon sein Vorschlag, einen großen Feldzug ins

rothe Meer hinauf zu machen und nach Eroberung Medina’s die Gebeine

Mohammeds zu entführen, um dafür das heilige Grab in Jerusalem von den

Ungläubigen auszutauschen.

So genial wie in seinen Plänen, so reich war er an treffenden

Aussprüchen. Die zeitgenössischen Geschichtsschreiber haben uns manche

davon überliefert, die offenbar von Mund zu Mund gegangen waren.

Dadurch wußte er auch die Gemüther wieder zu besänftigen, die er durch

sein leidenschaftliches Temperament verletzt hatte. Ein witziger

Einfall machte eine scheinbare Ungerechtigkeit, die er begangen, bald

vergessen. Man sah, er wollte nur die Pflichtvergessenen treffen.

Als nach der Eroberung Malaka’s Albuquerque beim Bau der Citadelle

auf einem Gedenkstein, der in der Mauer angebracht werden sollte, die

Namen der Tapfersten hatte einmeißeln lassen, beschwerten seine Leute

sich darüber, daß nur einige genannt seien, während sie doch alle ihre

Schuldigkeit gethan hatten. Da befahl der Generalcapitän den Stein

umzukehren, daß die +Schrift+ nach innen kam, und ließ ihn als

Schlußstein über das Thor der Festung setzen mit der neuen Inschrift:

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben. (Psalm 118. 22).[121]

Sicher war Albuquerque der bedeutendste unter den portugiesischen

Heerführern in Indien. Er verdunkelte auch die Thaten seiner

Nachfolger. Zu spät sah Manuel seinen Fehler ein, daß er durch seinen

Undank dem Begründer seiner indischen Macht das Herz gebrochen. Dann

wollte er ihn wieder an Stelle des Soarez einsetzen und ihm sogar den

Rang eines Vicekönigs verleihen. Aber dieser reuige Beschluß kam zu

spät, und der König selbst mußte es noch erleben, wie mühsam sich nach

Albuquerque’s Tode die indischen Angelegenheiten in befriedigender

Weise entwickelten.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 70 / 123 题