5. Vasco da Gama’s zweite Fahrt.

Ursprünglich war Cabral dazu ausersehen, diese große Expedition zu

leiten, doch trat er noch vor ihrem Beginn zurück; sei es nun, daß, wie

Correa erzählt, Gama beim König selbst Einwände dagegen erhoben und

sich auf sein verbrieftes Recht berufen hatte, wonach ihm der König

die Flottenführung zugesagt, um ihm Gelegenheit zu bieten, sich an dem

Samudrin wegen seiner Gefangennahme zu rächen; sei es, daß Cabral, nach

Barros’ Bericht, sich dadurch verletzt gefühlt, daß man dem Vicente

Sodre eine fast selbständige Leitung der kleinen Schiffe zugesagt,

welche zum Schutze der Factorei in Indien bleiben sollten, und daß er

in Folge dessen das Obercommando abgelehnt habe.

[Illustration: Vasco da Gama.

Aus dem Manuscript von Pedro Barretto de Resenda. (In der Sloane

Bibliothek des British Museum, London.)]

Gama trat an die Spitze einer stattlichen Flotte von zwanzig Segeln,

und unter ihm behielt Sodre den Befehl über die Kriegsabtheilung mit

800 Soldaten. Doch lief das ganze Geschwader nicht auf einmal aus,

Gama brach mit fünfzehn Schiffen am 10. Februar 1502 auf, worauf sein

Neffe, Estevão da Gama mit fünf Schiffen erst am 1. April nachfolgte.

Beide Abtheilungen erreichten indeß ziemlich zu gleicher Zeit das Ziel.

Vasco da Gama landete zuerst in Porto Dale bei C. Verde und verweilte

dort sechs Tage, um Wasser einzunehmen. An der Guineaküste hatten sie

unter Windstillen zu leiden und verloren in der ungesunden Gegend

manchen Mann.

Nur Correa erwähnt, daß diese Flottenabtheilung die Küste von Brasilien

berührt habe und bis zum C. Agostinho daran hingesegelt sei, ehe sie

nach der Südspitze Afrikas hinübersteuerten. In jener Meeresgegend,

wo Cabral durch Unwetter mehrere Schiffe verloren hatte, wurde auch

Gama von einem Sturm überfallen, welcher sechs Tage währte und das

Geschwader dermaßen zerstreute, daß nur zwei größere Schiffe und zwei

Caravelen bei dem Admiral blieben. Am Cap Corrientes brach ein neuer

Sturm los, welcher eins der Schiffe, die Sa. Elena auf die Sofalabank

trieb, doch konnte die Mannschaft gerettet werden. Die meisten Schiffe

fanden sich auf dem verabredeten Sammelplatz bei Mosambik wieder

zusammen, wo aus dem baufertig mitgenommenen Material in zwölf Tagen

eine Caravele zusammengesetzt wurde, welche den Namen Pomposa erhielt

und in Mosambik zur Deckung der dort errichteten Factorei und zur

Einleitung von Handelsverbindungen mit Sofala stationirt blieb.

Gama blieb vier Tage dort und schloß mit dem Scheich von Mosambik einen

Freundschaftsvertrag. Auch erhielt er von demselben -- es war nicht

mehr der nämliche Herrscher, wie bei der ersten Reise -- Briefe von J.

da Nova, welche ihm über die Zustände in Indien Mittheilungen machten,

und ließ wiederum für seinen nachfolgenden Neffen und die beiden im

Sturm am Cap Corrientes abgetriebenen Schiffe Instructionen zurück.

Ueber den von Mosambik aus unternommenen Zug des Pero Affonso d’Aguiar

nach Sofala unter Führung zweier einheimischer Lotsen gibt Correa

interessante Einzelheiten, welche wegen ihrer originellen Färbung hier

eingefügt werden mögen. Affonso hatte bei dem Scheich von Sofala, der

über Mosambik bereits von den Portugiesen gehört hatte, eine Audienz

und sagte ihm, er komme, um im Auftrage des portugiesischen Königs

auf ewige Zeiten Friede und Freundschaft mit ihm zu schließen. Der

schwarze Fürst erklärte darauf, er habe bereits früher den Portugiesen

versichert, alle in friedlicher Absicht kommenden Kaufleute seien ihm

willkommen. Als dann Pero Affonso noch einmal die Friedensliebe des

portugiesischen Königs betont hatte, war der Negerkönig sichtlich davon

befriedigt und schwur bei der Sonne und dem Himmel, bei seinem Haupte

und seinem Bauche, daß er ihnen ihre Waare abkaufen wolle. Als ein

Unterpfand seiner Treue zog er dann von seinem Daumen einen goldenen

Ring, reichte ihn dem portugiesischen Capitän und verehrte ihm zugleich

und dem Könige von Portugal mehre Schnüre von aufgereihten kleinen

Goldperlen als Zeichen immerwährender Brüderschaft. Und zum Beweise

seiner Aufrichtigkeit und Treue faßte er die Hände der Umstehenden,

denn sie pflegten nicht zu schreiben. Pero Affonso aber ließ alles

niederschreiben und unterzeichnete es mit sechs Leuten. Dann wurde

das Schriftstück verlesen und von dem Dolmetscher erklärt, worüber

der Scheich sammt seinem Volke höchlichst erstaunte, denn sie hatten

noch nie schreiben sehen (!) und meinten, das Papier spräche durch

Zauberkünste. Als dann der Portugiese zu seinem Schiffe zurückgekehrt

war, sandte ihm der Herr des Landes Hühner, Eier, Yams und was es sonst

an Nahrungsmitteln zu Lande gab.

Pero Affonso wandte sich dann nach Mosambik zurück, traf aber den

Admiral nicht mehr an, da derselbe bereits nach Melinde weiter

gesteuert war. Gama wandte sich zunächst nach Kiloa. Diese Stadt

lag auf einer Insel an der Küste, doch war das Wasser auf der

Landseite nur knietief. Mit Mauern und Thürmen umgeben, zählte der

Ort 12,000 Einwohner und besaß gute Steinhäuser mit Terrassen und

aufgesetztem Holzbau. Sie lag in einem Hain von Citronen-, Limonen-

und Orangenbäumen. Zuckerrohr, Feigen und Granatäpfel gediehen in den

Gärten. Hier herrschte ein Araber, dem aber nur das Weichbild der Stadt

unterthänig war.

Da der Scheich sich bei der ersten Ankunft der Portugiesen

verrätherisch benommen hatte, so rückte der Admiral mit seiner ganzen

Flotte vor die Stadt, setzte dieselbe durch blinde Kanonensalven

in Schrecken, umzingelte sie und erzwang so die Unterwerfung des

Scheichs, der nach vielem Sträuben sich endlich darein ergeben mußte,

einen jährlichen Tribut von 500 Mithikals in Gold (= 584 Cruzados)

zu zahlen, wofür er dann ein Patent als Schutzbefohlener des Königs

von Portugal zur Sicherheit für sich und die Kaufleute seiner Stadt

erhielt. Auch mußte er zulassen, daß auf dem Thurme seines Palastes die

portugiesische Flagge aufgehißt wurde. Später wurde zur Befestigung der

portugiesischen Macht sogar eine Citadelle gebaut.

Dann brach das Geschwader nach Melinde auf. Es mußte dem Admiral daran

gelegen sein, dem Fürsten dieser Stadt, der sich ihm auf der ersten

Fahrt nach Kalikut allein freundlich und fördernd erwiesen hatte, seine

stattliche Flotte zu zeigen und durch die Entfaltung seiner Macht

in der Freundschaft zu befestigen. Es erscheint danach nicht recht

glaubhaft, daß Gama sich, wie Osorio und Barros erzählen, von dem

Besuch durch widrige Winde habe abhalten lassen und mehre Meilen von

der Stadt vor Anker gegangen sei, um Lebensmittel einzunehmen. Correa

dagegen schildert eingehend den Aufenthalt in Melinde und beschreibt

mit allen Einzelheiten das große Fest, welches die Portugiesen dem

Scheich auf ihren Schiffen gaben. Auch Castanheda bestätigt diesen

Besuch.

Auf der Weiterfahrt trafen sie, im August, mit drei Schiffen Estevão da

Gama’s zusammen, während die beiden übrigen sich erst an der Westküste

Indiens bei den Andjediven wieder einfanden.

Bei Dabul (17° 43′ n. Br.) erreichten sie das Gestade des Gewürzlandes

und gingen in eine Bai nahe bei Goa vor Anker. Die Küstenstädte sollten

dort bald erfahren, daß Gama nicht in friedlicher Absicht erschien,

daß ihm vielmehr daran lag, die auf der ersten Reise erlittenen

Demüthigungen zu rächen. Zur Gewaltthat geneigt, unverrückt sein

Ziel im Auge behaltend, den Gewürzhandel für die Portugiesen zu

monopolisiren, sah er alle Schiffe, auf die er stieß, als gute Beute an.

Bei den Andjediven traf er dicht am Ufer drei Fusten. Diese flüchteten

in den Fluß Onor (14° 13′ n. Br.). Estevão da Gama verfolgte sie bis

ins Flußwasser hinein, stieß dort auf Verschanzungen, von denen aus er

mit Kanonenkugeln und Pfeilen empfangen wurde, und steckte nun alle

erreichbaren indischen Schiffe in Brand.

Dann rückte die ganze Flotte weiter nach Baticala (13° 59′ n.

Br.), welches zum Königreiche von Bisnaga gehörte. Gama verlangte

Unterwerfung, begnügte sich dann aber auch mit einer Abgabe von Reis

für seine Mannschaften.

Auf dem weitern Wege nach Kananor fiel ihm ein großes Schiff in die

Hände, das mit Waaren und Pilgern aus Mekka nach Indien zurückkehrte.

Das Schiff wurde ohne Gegenwehr genommen, geplündert und in Brand

gesteckt. Zu spät setzten sich die Asiaten zur Wehr, wurden dann aber

bis auf wenige gerettete Frauen und Kinder niedergemetzelt. Noch im

Wasser wurde an denen, die über Bord gesprungen waren, das Morden

fortgesetzt. Wahrscheinlich gehörte das Schiff dem Sultan von Aegypten

oder einem seiner Unterthanen, denn bald danach beschwerte sich jener

beim Papst darüber, daß die Portugiesen in den indischen Meeren Seeraub

trieben.

Dann ging die Flotte im befreundeten Hafen Kananor vor Anker. Gama

hatte bei dem Fürsten mit großem Gefolge eine feierliche Audienz

und erklärte ihm, er werde in Zukunft keinen Handelsverkehr nach

dem rothen Meere dulden. Auch verlangte er, die Stadt solle ihre

Handelsbeziehungen mit Kalikut abbrechen. Nur die Schiffe von Kananor,

Kotschin und Kollam wollte er schonen und durchlassen. Auch der Preis

der Waaren wurde festgestellt, desgleichen, wie hoch die mitgebrachten

portugiesischen Artikel berechnet werden sollten. Auch dies setzte der

Admiral durch, obwohl man die fremden abendländischen Erzeugnisse in

Kananor eigentlich nicht verwerthen konnte.

Als sich darauf Gama gegen Kalikut bewegte, schickte ihm der Samudrin

zu wiederholten Malen Botschafter entgegen, um ihm einen friedlichen

Ausgleich anzutragen. Aber der portugiesische Befehlshaber stellte

seine Forderungen derart, daß der indische Fürst nicht darauf eingehen

konnte. Gama forderte nämlich erstens das Eigenthum zurück, das vom

Stadtvolk bei dem Morde des portugiesischen Handelsfactoren geraubt

worden war, und zweitens, daß allen Mauren, die vom rothen Meere

kämen, der Hafen verboten würde. Gegen die erste Forderung bemerkt der

Samudrin, daß durch die Plünderung des Mekkaschiffes der Schaden in der

Factorei mehr als gedeckt sei. Zum andern aber könne er unmöglich mehr

als viertausend Familien von Arabern aus Kairo und Mekka (man ersieht

daraus, wie stark die arabische Colonie und wie groß ihr Einfluß in

Kalikut war), die in der Stadt ansässig seien, vertreiben, zumal da

Stadt und Land aus diesem Handel bedeutenden Vortheil zögen.

Gama hielt diese Gründe keiner Widerlegung werth. Er wollte die

Antwort persönlich überbringen und rückte vor die Stadt. Den Versuch

des Samudrin, sich wegen der Plünderung der Factorei durch eine

bedeutende Geldsumme abzufinden, lehnte der Portugiese mit dem Bemerken

ab: angethane Schmach lasse sich nicht mit Gold decken. In seiner

Erbitterung scheute Gama keine Mittel, um seine Feinde einzuschüchtern.

Wenn auch die Berichte über die einzelnen Acte einer barbarischen

Kriegsführung von einander abweichen, so kehren doch die Angaben

über die raffinirtesten Schlächtereien aufgegriffener malabarischer

Schiffer, oder über scheußliche Verstümmlungen, die an den armen Opfern

verübt wurden, immer wieder und müssen historisch begründet sein. Einen

eigenthümlich sagenhaften Zug erwähnt Correa, und man erkennt daraus

mit Befriedigung, daß diese ausgesuchten Grausamkeiten selbst unter

den Portugiesen Bedenken erregten. Unter den unglücklichen Seeleuten,

welche der Rache des Admirals zum Opfer fielen, befand sich eine Anzahl

von der Coromandelküste, welche baten, man möge sie zu Thomaschristen

machen, wie es solche in ihrem Lande gäbe. Gama erwiderte hart, taufen

könnten sie sich lassen, aber gehängt würden sie doch. Sie fanden

nur in sofern Gnade, als sie -- es waren ihrer drei -- nicht an den

Beinen aufgehängt wurden, um dann den Bogenschützen zur Zielscheibe zu

dienen, sondern am Halse gehängt wurden, so daß sie also die auf sie

gerichteten Pfeilschüsse nicht mehr fühlten. Aber dabei geschah ein

Wunder. Kein Schuß verletzte auch nur die Haut dieser Martyrer, welche

durch die Taufe gefeiet waren. Gama ließ ihnen dann wenigstens noch ein

christliches Begräbniß zu Theil werden und die eingesargten Leichen

unter christlichen Gebeten ins Meer senken.

Zweimal ließ der Admiral die Stadt Kalikut beschießen und einen Theil

der Häuser vernichten. Er wollte keinen Frieden, sondern verlangte

Unterwerfung. Nun aber rüstete man sich auch im ganzen Reiche Kalikut

zu einem allgemeinen Rachekriege; an allen Flüssen wurden große und

kleine Kriegsschiffe gebaut, um dem grausamen Feinde die Stirne zu

bieten. Während Vicente Sodre an der Küste kreuzte, um alle indischen

Fahrzeuge abzufangen, wandte sich Gama selbst mit einer Flotte von fünf

großen und sechs kleinen Schiffen nach Kotschin, um mit dem Fürsten

dieser wichtigen Handelsstadt einen Vertrag zu schließen. Man kam dahin

überein, daß die Portugiesen Pfeffer, Gewürznelken und Benzoin mit Geld

bezahlen sollten, während sie andere Artikel wie Zimmt, Weihrauch und

dergl. gegen ihre europäischen Waaren eintauschen konnten.

Kaum war dieses friedliche Abkommen getroffen, so erschien eine

Gesandtschaft vor der Mutter des Radscha von Kollam, dessen Gebiet die

Südspitze der indischen Halbinsel umfaßte und zu dessen Einkünften der

reiche Pacht von den Perlenfischereien gehörte. Die Verhandlungen hier

boten um deswillen Schwierigkeiten, weil Gama nur im Einverständnisse

mit seinem ersten Bundesgenossen in Kotschin handeln wollte und

diesem natürlich wenig daran liegen konnte, in Kollam einen neuen

Concurrenten zu erhalten. Aber Gama löste diese Differenz mit großem

Geschick und gutem Erfolge. Zwei seiner Schiffe nahmen in Kollam eine

Fracht von Pfeffer ein und stellten dann den dortigen Handelsfahrzeugen

Geleitsbriefe aus, wie denen von Kotschin und Kananor.

Unterdessen waren die Rüstungen des Samudrin soweit gediehen, daß

er unter Anwendung indischer List sich seines wüthenden Gegners

mit einem Schlage zu entledigen hoffte. Ein Brahmine erschien als

Abgesandter auf der Flotte und gab vor, er wolle nach Europa gehen, um

das Christenthum kennen zu lernen und mit dem portugiesischen Könige

selbst zu verhandeln, da man den jährlich wechselnden Schiffscapitänen

nicht traue. Als nun Gama erwiderte, er habe Vollmacht, erklärte ihm

der Brahmine, sein Fürst wünsche Frieden, und überredete nun den

Admiral, mit ihm nach Kalikut zu gehen. Er segelte mit seinem Schiffe

allein ab in der Erwartung, das Geschwader Sodre’s vor der Stadt zu

finden. Aber dieser war durch Ausstreuung von allerlei Gerüchten nach

Norden gelockt, sodaß Gama sich isolirt sah. In der Nacht wurde sein

Schiff umzingelt und von allen Seiten angegriffen; aber die überlegene

Seetüchtigkeit rettete ihn aus dieser drohenden Gefahr. Der Brahmine

wurde zur Strafe für seinen Verrath mit dem Tode bestraft und an

der Raae aufgeknüpft, oder es wurden ihm, wie Correa berichtet, die

Lügenlippen abgeschnitten und statt der abgehaunen Ohren Hundsohren

angenäht und er so verstümmelt ans Land geschickt.

Nachdem dann ein großer Theil der Schiffe ihre Fracht in Kotschin

eingenommen, segelte die ganze Flotte im Anfang Februar 1503 nach

Kananor. Noch einmal wagten die Schiffe von Kalikut einen Angriff,

wurden aber durch Kanonen zurückgetrieben. Doch fiel der Capitän

Vasco Tinoco im Kampfe. In Kananor ließ Gama die Factorei mit Kanonen

besetzen. Sodre blieb mit fünf größeren Schiffen und zwei Caravelen in

den indischen Gewässern zurück, um den Samudrin in Schach zu halten und

die Bundesgenossen zu schützen. Dann wandte sich Gama zur Heimkehr und

ließ im September 1503 vor Lissabon den Anker fallen.

Vicomte Sodre blieb als erster Capitão do mar in den indischen

Gewässern mit einer kleinen Flotte von sieben oder acht Schiffen

zurück. Der Samudrin beschloß diese Zeit, während die Hauptmacht der

Portugiesen abwesend war, zu einem Kriegszuge gegen den Fürsten von

Kotschin zu benutzen. Aber dieser glaubte nicht, daß die Rüstungen, die

gegen ihn im Werke waren, in der stillen Zeit des Verkehrs beendigt

werden könnten, und hatte dem portugiesischen Capitän, in zu großer

Sorglosigkeit, freigestellt, inzwischen noch einen Auftrag auszuführen,

welcher ihn an den Eingang des rothen Meeres führte, um den arabischen

Handel zu sperren. So sah sich denn der Radscha von Kotschin plötzlich

zu Lande von einem überlegenen Feinde angegriffen, dem er sogar seine

Hauptstadt überlassen mußte. Er flüchtete sich nach einer kleinen Insel

und brachte dort die Wintermonate in hartbedrängter Lage zu.

Sodre war nordwärts nach Gudjerat gesegelt und von da nach der Küste

Südarabiens hinübergegangen. Hier wurde er von einem furchtbaren Sturme

überfallen und ging mit mehreren Schiffen bei den Kuria-Muria-Inseln

sammt der Mannschaft zu Grunde, wahrscheinlich im Juli oder August des

Jahres 1503.

Der Rest des Geschwaders wandte sich nach Indien zurück und wartete

bei den Andjediven auf neuen Zuzug aus der Heimat, da sie ohne

denselben sich nicht stark genug fühlten, irgend etwas zum Schutz ihrer

Bundesgenossen zu unternehmen. Die erwartete Hilfe ließ auch nicht

lange auf sich warten, denn schon im April 1503 waren wieder sechs

Schiffe segelfertig, um von Tejo auszulaufen und im Mai sollten noch

andere folgen. Am 6. April brachen Alfons und sein Vetter Francisco

d’Albuquerque mit je drei Schiffen auf. +Affonso d’Albuquerque+, den

portugiesische Geschichtschreiber den „Großen“ nennen, unzweifelhaft

der bedeutendere der beiden Verwandten, betrat hier zuerst den

Schauplatz, auf dem er sich unsterblich machen sollte, denn in ihm

haben wir den eigentlichen Begründer der portugiesischen Macht in

Indien vor uns. Er war im Jahre 1453 in der kleinen Stadt Alhandra

am Tejo sechs Leguas oberhalb Lissabon, als zweiter Sohn des Gonçalo

d’Albuquerque, des Herrn von Villaverde und der Donna Leonor da Menezes

geboren. Im königlichen Palaste erzogen, hatte er sich zuerst 1480 bei

Otranto im Kampfe gegen die Türken ausgezeichnet.

Affonso stand im fünfzigsten Lebensjahre, als er die erste kleine

Flotille von drei Segeln nach Indien führte.

Einer seiner Landsleute hat ihn folgendermaßen geschildert: „Affonso

d’Albuquerque war von mittlerer Größe und von angenehmem Aeußern. Das

längliche Gesicht von frischer Farbe und mit einer Adlernase zierte

später ein mächtiger bis über den Gürtel reichender weißer Bart,

der ihm ein sehr würdiges Ansehn gab. Er war mit dem Lateinischen

vollkommen vertraut und ebenso vorsichtig in seinen Worten wie in

seinen Schriften. Er war geliebt und gefürchtet, ohne daß sein

Wohlwollen in Parteilichkeit, oder sein Tadel in Härte überging. Er

war ein Mann von Wort, ein Feind der Lüge, ein gewissenhafter Richter.

Zu Lande und zu Wasser hat er viele Wunden davon getragen und mit

seinem Blute bezeugt, daß er keiner Gefahr aus dem Wege gehe. Er war

verschwenderisch freigebig und überließ seinen Capitänen die ganze

Siegesbeute, da er stets mehr auf Ruhm als auf Reichthum bedacht war.“

[Illustration: Alfons von Albuquerque.

Nach dem Manuscript des Pedro Barretto de Resenda. (In der Sloane

Bibliothek des British Museum, London.)]

Diesen Helden begleitete ein anderer kühner Capitän, +Duarte Pacheco

Pereira+, dem später eine Aufgabe, ähnlich der des Spartanerköniges

Leonidas, zufallen sollte. In dem Gefolge des Francisco d’Albuquerque

befand sich Nicolao Coelho, welcher sich schon auf der ersten Fahrt

Gama’s hervorgethan hatte. Am 6. April 1503 waren beide Abtheilungen

von Lissabon abgesegelt. Im August erreichten sie die Küste von

Malabar. Francisco langte zuerst an, hatte aber unterwegs ein Schiff

eingebüßt. Dafür fand er die Schiffe von Sodre’s Geschwader vor und

segelte damit südwärts nach Kananor und Kotschin. Als auch Affonso

bald danach eintraf, hatten die Portugiesen wieder die Uebermacht,

verdrängten ihre Gegner aus dem befreundeten Hafen und führten

den Radscha von Kotschin in sein Gebiet zurück. Im Gefühl der

Nothwendigkeit und Erkenntlichkeit willigte dieser sodann in die Anlage

einer festen Citadelle. Die Capitäne stellten dem Fürsten vor, daß

alle Drangsale seines Reiches nur daher rührten, daß sie aus Mangel

an eigner Sicherheit ihren Bundesgenossen weniger helfen könnten. So

entstand also in Kotschin die erste portugiesische Festung, welche

bereits in Portugal geplant war und durch die Sendung der beiden

Albuquerque ins Werk gesetzt werden sollte. Um die Citadelle rasch zu

vollenden, theilten sich beide Capitäne in die Arbeit, und so entstand

ein Holzbau mit Pallisaden. Bei der Besetzung der Commandantenstelle

traten zwischen den portugiesischen Führern bereits Eifersüchteleien zu

Tage. Jeder gab dem Bollwerk einen besonderen Namen; aber da Affonso

nach dem Befehl seines Königs zuerst in Kollam Gewürzfracht einnehmen

sollte, mußte er vorläufig seinem Vetter das Feld überlassen. In

Kollam wurde Antonio de Sa als Factor eingesetzt. In den ersten Tagen

des Jahres 1504 hatte Affonso seine Aufgabe gelöst und wollte, wie

die Vorschrift lautete, gemeinschaftlich mit Francisco den Rückweg

antreten. Aber dieser zögerte mit dem Einkauf der Frachten, sodaß

Affonso Ende Januar sich veranlaßt sah, um die günstige Fahrzeit nicht

zu versäumen, allein aufzubrechen. Mit einem geschickten Piloten

steuerte er zum erstenmal, statt den Umweg über Melinde zu machen,

direct auf Mosambik, umschiffte am 1. Mai bei schönem Wetter das Cap

der guten Hoffnung, wurde zwar an der Guineaküste eine Zeitlang von

verderblichen Windstillen aufgehalten, erreichte aber glücklich die

Capverden, wo er in dem Hafen von Sa. Maria die Fahrzeuge ausbessern

ließ, und langte am 3. September wohlbehalten vor Lissabon an. In

seiner Begleitung befand sich ein Venetianer Bonavito d’Alban, der vor

zweiundzwanzig Jahren über Aegypten nach Indien gegangen und sich lange

Zeit in Malaka aufgehalten hatte. Von ihm erhielt Albuquerque manche

wichtige Nachrichten über die entfernten Gewürzländer und über Malaka

besonders, was für die späteren Unternehmungen von großem Einfluß war.

Francisco d’Albuquerque war erst am 5. Februar von Indien aufgebrochen,

wurde aber an der Ostküste Afrikas von Stürmen überfallen und ging

sammt Nicolao Coelho unter. Von einem anderen Schiffe, welches früher

zum Geschwader Sodre’s gehört hatte, rettete sich nur die Mannschaft.

In Indien blieb vorläufig Duarte Pacheco mit einigen Schiffen zurück.

Bald nach der Abfahrt der beiden Albuquerque von Lissabon war ihnen

im Mai 1503 der Castilier Antonio de Saldanha mit drei Schiffen

gefolgt, um an Stelle Sodre’s vor dem rothen Meere zu kreuzen. Schon

im Golfe von Guinea wurden die drei Fahrzeuge von einander getrennt,

das erste Schiff, welches sich verlor, segelte allein um Afrika und

hielt sich länger bei der Insel Sokotra auf, welche die Portugiesen

bei dieser Gelegenheit zuerst betraten. Ein zweites Schiff unter Ruy

Lourenço Ravasco kam vor dem Sturmcap abhanden, ging ebenfalls auf die

Ostküste Afrikas und trieb schamlose Piraterie; alle Kauffahrer, die

man antraf, wurden geplündert. Bei Sansibar, dessen Herrscher im Namen

des Königs Manuel auch besteuert wurde, ließ er in zwei Monaten mehr

als 20 Sambuken anhalten. Nur das einzige Verdienstliche that Ravasco,

daß er dem befreundeten Scheich von Melinde gegen seine eifersüchtigen

Nachbarn in Mombas erfolgreichen Beistand leistete. Darüber verging

der Sommer, ehe Saldanha sich einfand. Dieser war noch nördlich vom

Sturmcap ans Land gegangen, in dem Glauben das gefährliche Cap bereits

hinter sich zu haben und hatte dort eine Bucht und einen Wasserplatz,

Aguada da Saldanha, entdeckt. Dann hatte er, nach Besteigung des

Tafelberges (Meza da Cabo), sich wieder auf den Weg gemacht, hatte die

Südspitze Afrikas glücklich überwunden, an der Ostküste ebenfalls dem

Seeraub obgelegen und endlich vor Melinde seine Genossen gefunden.

In der Nähe des rothen Meeres hatten sich alle drei Schiffe wieder

vereinigt und waren nach der arabischen Küste herübergesteuert, um

dort zu überwintern, hatten aber, bei der Feindseligkeit der Bewohner,

Wassermangel gelitten und waren dann nach den Andjediven gesegelt, wo

sie von der großen Flotte des Lopo Soarez eingeholt wurden, welcher

fast ein Jahr später von Portugal aufgebrochen war, um mit dreizehn

Segeln direct nach Indien zu fahren, wo er Ende August 1504 anlangte.

Auf Vasco da Gama’s Rath hatte man die Kräfte nicht zersplittert,

sondern eine imposante Armada mit vielem Kriegsgeräth und 1200 Mann

Besatzung entsendet. Der Krieg mit den Moslemin sollte mit Nachdruck

geführt werden. In Kananor erfuhr Soarez, wie in der Zwischenzeit, seit

die Albuquerques zurückgekehrt, die Angelegenheiten verlaufen waren.

Pacheco hatte alle Angriffe des Samudrin glänzend zurückgeschlagen.

Der ganze Kampf, bei welchem der Beherrscher von Kalikut 60,000 Mann

sollte aufgeboten haben, drehte sich hauptsächlich um die Vertheidigung

einer Furt, über welche der Weg von Norden her nach Kotschin

führte. Diese Furt hatte Pacheco mit Pallisaden verschanzen und mit

Kanonen besetzen lassen. Nichts zeigte deutlicher die unentwickelte

Kriegskunst der Eingebornen, als ihre vergeblichen Anstrengungen, diese

Verschanzungen zu nehmen. Duarte Pacheco hatte seine kleine Schaar von

hundertundsechzig Portugiesen auf seine Schiffe, auf die Citadelle in

Kotschin und an der Furt vertheilt; es standen ihm also an jedem Orte

nur etwa fünfzig Mann zur Verfügung, und doch schlug er, obwohl er sich

auf seine indischen Bundesgenossen wenig verlassen konnte, mit geringen

Verlusten alle Angriffe ab und machte selbst den abenteuerlichen Plan

der Inder, seine Schiffe mit großen hölzernen, auf je zwei Prauen

errichteten Holzthürmen zu erobern, gründlich zu schanden. Der Samudrin

sah sich endlich genöthigt, nachdem auch seine Vasallen fahnenflüchtig

geworden waren und da Krankheiten seine Mannschaft decimirten, seinen

Feldzug aufzugeben und nach Kalikut zurückzugehen; denn die stille

Jahreszeit ging vorüber und ein neues Geschwader feindlicher Schiffe

war mit dem Eintreten des günstigen Fahrwindes von der afrikanischen

Küste her zu erwarten.

Soarez hatte den gewöhnlichen Weg an der Ostseite Afrikas

eingeschlagen, in Melinde die wenigen aus dem Schiffbruche des

Francisco d’Albuquerque geretteten Mannschaften an Bord genommen und

war dann von den Andjediven aus gegen Kalikut vorgerückt, wo er Anfang

September erschien. Hier forderte er die Auslieferung von zwei zu den

Feinden übergelaufenen Geschützgießern (aus Mailand oder Slavonien) und

beschoß, als dieselbe verweigert wurde, zwei Tage lang die Stadt, wobei

ein Theil des königlichen Palastes zerstört wurde. Zur Vergeltung dafür

wurden in der Stadt die portugiesischen Gefangenen getödtet.

Soarez wandte sich dann nach Kotschin, wo er durch die Fürsorge

Duarte Pacheco’s eine bedeutende Pfefferfracht aufgespeichert fand

und einnehmen konnte. Nachdem er dann die wahrscheinlich unter dem

Schutze der Citadelle von Trampatão (Dharmapatam) im Gebiete von

Kananor versammelte mohammedanische Handelsflotte zum Theil erobert und

verbrannt hatte, trat er zu Anfang des Jahres 1505 mit reicher Ladung

den Rückweg an. Daß die Macht des Samudrin durch dieses rücksichtslose

und immer siegreiche Auftreten der Portugiesen mehr und mehr

erschüttert wurde, beweist auch der Abfall eines seiner Vasallen, des

Radscha von Tanor, welcher zu seinen abendländischen Feinden überging.

Im indischen Meere blieb der Capitän Manuel Tellez Barreto mit fünf

Schiffen und 300 Mann zurück, um an der Küste zu kreuzen, während

280 andere Soldaten als Besatzung in Kotschin, Kananor und Kollam

stationirt wurden.

Im Juli 1505 erreichte Soarez den Hafen von Lissabon, wo man vor allem

die Verdienste Duarte Pacheco’s, welcher mit der Flotte zurückgekehrt

war, würdigte. Als Belohnung erhielt dieser ausgezeichnete Mann die

Verwaltung der Niederlassungen an der Guineaküste, er wurde aber bald

in Folge von Verleumdungen angeklagt und in Ketten nach Portugal

transportirt, wo er später, ohne wieder Anerkennung zu finden, in der

bittersten Armuth starb. Camoens geißelt in seinen Lusiaden (X, 22-25)

den Undank des Königs mit harten Worten. Indem er Duarte Pacheco mit

Belisar vergleicht, wirft er dem Könige Ungerechtigkeit und Geiz vor.

* * * * *

Werfen wir, ehe wir die weiteren Unternehmungen der Portugiesen

verfolgen, einen Blick auf die +Handelslinien+ und +großen Lagerplätze

des indischen Gewürzhandels+. Im fernen Osten lag Malaka inmitten der

reichsten Pfefferländer, zugleich ein Hauptstapel für die Gewürze der

Molukken und der Droguen der Sundawelt. Mit diesem Handelsplatze stand

Kalikut in unmittelbarer Verbindung. Von hier aus boten sich aber zwei

Straßen nach dem persischen und nach dem rothen Meere. Dort galt als

Mittelpunkt des Seeverkehrs die Inselstadt Ormuz, welche Albuquerque

bald bezwingen sollte, und hier vor der Enge des rothen Meeres Aden.

Von Ormuz führte der Weg über Basra durch Mesopotamien nordwärts. Die

Karawanen gingen entweder über Armenien nach dem nördlichen Asien und

Europa, oder wandten sich am Fuß des Hochlandes, auf welchem Euphrat

und Tigris entspringen, gegen Westen nach Syrien und erreichten in

Beirut das Gestade des mittelländischen Meeres. Die Schiffe, die nach

Aden gegangen, steuerten dann durch das rothe Meer weiter nach Tor an

der Südspitze der Halbinsel des Sinai und von da nach Sues. Von hier

wurden die Waaren zu Lande über Kairo nach Alexandrien befördert.

Damals beherrschte der Sultan von Aegypten auch die syrischen Häfen;

es ging demnach fast der ganze indische Handel durch sein Gebiet und

sicherte ihm namhafte Einkünfte. Jede Veränderung oder Störung dieser

Handelslinien und Handelsbewegungen berührte die Macht des ägyptischen

Sultans auf das empfindlichste; aber auch das Interesse für den Glauben

spielte hinein.

Mohammedanische Dynastien saßen auch auf der Westküste Vorder-Indiens.

Sie alle hatten gleiches Interesse an dem Fortbestehen des

Gewürzhandels auf den bisherigen Seewegen. Der Sultan von Aegypten

empfand gar bald die Verluste in seinen Einnahmen, nachdem die

portugiesischen Schiffe die Straße nach dem rothen Meere gesperrt

hatten. Als aber die Kaufleute von Kalikut als seine Glaubensgenossen

in ihrer Bedrängniß sich an ihn gleichsam als an ihren Schirmherrn

wendeten, beschloß er sich vorerst bei dem Papst zu beschweren und

von dem geistlichen Oberhaupte der Christenheit Abhilfe zu fordern,

inzwischen aber sich auf einen entscheidenden Kampf vorzubereiten

und eine Flotte auszurüsten, welche im Verein mit dem Geschwader der

indischen Bundesgenossen den Portugiesen die Spitze bieten könne. Mit

seiner Sendung an den Papst Julius II. betraute er den Pater Mauro,

Prior des Klosters am Sinai. In seinem Briefe beschwerte sich der

ägyptische Sultan über die Grausamkeiten, welche König Ferdinand von

Aragonien gegen die Mauren in Spanien verübt hatte, sowie über die

Schädigungen, welche König Manuel von Portugal seinen Glaubensgenossen

und Unterthanen in Indien zufüge. Der Islam war seit zwanzig Jahren

hart ins Gedränge gekommen und erlag im äußersten Westen und Osten

den Schlägen der christlichen Fürsten. In Spanien waren die Mauren

aus mehr als siebenhundertjährigem Besitze vollständig verdrängt; nun

erschienen die Glaubensfeinde sogar in den indischen Meeren. Wenn die

Fürsten der spanischen Halbinsel, erklärte der Sultan, von ihrem Wüthen

gegen den Islam nicht abließen, werde er selbst zu ähnlichen Maßregeln

gegen die Christen in seinen Landen sich genöthigt sehen. Er werde das

heilige Grab vernichten und den christlichen Namen im Orient austilgen.

Er werde aber auch mit seinen Flotten die Gestade des Mittelmeeres

heimsuchen und den Christen gleiches mit gleichem vergelten, wenn der

Papst nicht dem König Manuel verbiete, fernerhin seine Schiffe nach

Indien zu senden.

Mit Abschriften dieses Drohbriefes entsandte der heilige Vater den

Prior Mauro an die Höfe nach Spanien und Portugal und erbat sich eine

Antwort darauf für den Beherrscher Aegyptens. König Manuel erwiderte:

Der Sultan drohe nur mit Worten, weil ihm die Mittel zu Thaten fehlten.

„Als wir beschlossen,“ schreibt er, „mit unseren Flotten einen Weg

nach Indien zu bahnen und die unseren Vorfahren unbekannten Länder zu

erforschen, war unser Vorsatz, der mohammedanischen Sekte, von welcher

mit Satans Hilfe so viele Leiden über den Erdkreis gebracht sind, das

Haupt zu zertreten, und wo möglich das Grab Mohammeds vom Erdboden zu

vertilgen. Wir bedauern, daß wir dies Ziel noch nicht erreicht haben.

Der Sultan wird sich wohl hüten, die Christen in seinem Lande zu

vertreiben, da er aus den Abgaben der Pilger, welche das heilige Grab

besuchen, so bedeutende Einnahmen erzielt. Und sollte er je wagen,

die Küsten des Mittelmeeres zu plündern, so würde die jetzt uneinige

Christenheit sich alsobald zur Abwehr und zu gemeinsamem Angriff

zusammenschaaren. Eine solche Gefahr für sich und sein Land wird aber

der Sultan schwerlich heraufbeschwören.“ Der König Manuel meinte

ferner, die beste Antwort auf die Drohungen des Aegypters bestehe

darin, daß der Papst die gesammte Christenheit zu einem neuen Kreuzzuge

aufrufe. Er wolle sich zwar nicht erkühnen, Sr. Heiligkeit und dem

ehrwürdigen Cardinalscollegium die Antwort vorzuschreiben, welche dem

Sultan zu ertheilen sei; aber seinen Willen und seine Meinung wolle

er doch dahin aussprechen, daß er sich durch keine Drohung, keine

Schwierigkeit von seinem Ziele abhalten lassen werde, den Uebermuth

des Glaubensfeindes zu demüthigen und zu brechen.

Damit ging Mauro zunächst nach Rom und dann nach Aegypten zurück. Ein

friedlicher Ausgleich war unmöglich; die Waffen mußten entscheiden. In

den indischen Gewässern hatte der Sultan Bundesgenossen und nur +einen+

Feind; am Mittelmeer stand er fast allein und hatte die gesammte

Christenheit gegen sich. Darum wählte er zum Kampfplatz den Orient und

beschloß eine bedeutende Flotte nach Indien zu senden. Aber auch dieser

Plan wurde schon im Entstehen theilweise vereitelt. Es war nämlich

eine Flotte von fünfundzwanzig Schiffen nach der kleinasiatischen

Küste geschickt, um von dort das Bauholz nach Aegypten und weiter ans

rothe Meer zu schaffen. Dieses Transportgeschwader wurde aber von den

Johannitern auf Rhodos angegriffen, welche elf Schiffe vernichteten,

so daß, als noch vier andere im Sturme untergegangen waren, nur zehn

Fahrzeuge mit Bauholz glücklich ihr Ziel erreichten. Somit konnten nur

sechs größere und vier kleinere Schiffe erbaut werden, über welche dann

der Kurde Hussein Almuschrif 1506 den Oberbefehl erhielt.

Die Portugiesen hatten von diesen Vorfällen und Plänen aber bereits

1505 Kunde erhalten und konnten danach ihre Maßregeln treffen. Die

bisherige Kriegsführung, welcher eine einheitliche Leitung fehlte,

mußte abgeändert werden. Es war vor allem nöthig, dem Oberbefehl eine

größere Continuität zu geben und ihn auf mehrere Jahre auszudehnen. So

entstand das Institut des Vicekönigthums, dem Portugal thatsächlich den

indischen Besitz verdankt. Die Unternehmungen des Sultans von Aegypten

trugen also wesentlich dazu bei, die portugiesische Macht im Orient zu

befestigen.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 68 / 123 题