Das waren die letzten wichtigen Unternehmungen, welche der
Regierungszeit des Königs Johann noch angehören. Zwar noch bei
Lebzeiten dieses Fürsten sollte von unerwarteter Seite der Impuls
kommen, welcher die Portugiesen antreiben mußte, durch eine letzte
kühne Seefahrt ihre fast ein Jahrhundert bereits andauernden Arbeiten
zu krönen; aber Johann II. starb, ehe er an die Ausführung gehen
konnte. Den angedeuteten Impuls gab aber Columbus dadurch, daß er,
von seiner ersten Fahrt nach Westindien heimkehrend, durch Sturm
genöthigt worden war, in den Hafen von Lissabon einzulaufen und dem
portugiesischen Könige auf dessen Einladung von seinem vermeintlichen
Besuch in Zipangu (Japan) Bericht erstatten konnte. Die mitgebrachten
braunen Indianer ließen nun mit Recht vermuthen, daß der kühne Genuese,
dessen Pläne in Portugal keinen Beifall gefunden hatten, wenigstens bis
in die Nähe Asiens gelangt sei, da die vorgeführten fremden Menschen
den wirklichen Indern ähnlich zu sein schienen. Auch war zu befürchten,
daß Columbus auf einer zweiten Fahrt noch vor den Portugiesen die
Gewürzländer erreichen und damit den Preis und Lohn so vieler Mühen
vorweg nehmen könnte. Glücklicherweise konnten sich die Portugiesen
darauf berufen, daß Pabst Nicolaus V. schon im Jahre 1454 durch eine
Bulle ihnen das Privilegium über den Handel mit Indien verliehen hatte.
Trotzdem beeilten sich nun doch die spanischen Monarchen Ferdinand und
Isabella, sich die neuen Entdeckungen durch päbstliche Sanction zu
sichern. Die Bulle des Pabstes Alexanders VI. vom 3. Mai 1493 spricht
der spanischen Krone alle Inseln und Festländer, welche in der von
Columbus eingeschlagenen Richtung gefunden sind und noch gefunden
werden sollen, zu in Anerkennung der Verdienste um den christlichen
Glauben, um die Vertreibung der Mauren aus Spanien, und hofft, daß
auch in den neu entdeckten Gebieten die friedlichen nackten Bewohner,
welche keine Canibalen sind und sogar an einen Schöpfer im Himmel
glauben, durch spanische Missionäre bald bekehrt werden möchten. Auf
die weiteren Eigenthümlichkeiten und Schwächen der päbstlichen Erlasse
vom 3. und 4. Mai genauer einzugehen, ist hier nicht der Ort, wo wir
die portugiesischen Entdeckungen allein im Auge haben. Allein es mag
hier noch erwähnt werden, daß in Folge dieser päbstlichen Verleihungen
am 7. Juni 1494 zwischen Spanien und Portugal ein Vertrag abgeschlossen
wurde, welcher die Grenzlinie der maritimen Entdeckungen beider Mächte
in Gestalt einer von Pol zu Pol gezogenen Meridianlinie festsetzte.
Spanien erhielt den Westen der Erde, Portugal den Osten. Aber Spanien
schien dem Ziel näher zu sein als sein älterer Nebenbuhler. Darum
rüstete bereits Johann zu neuen Seefahrten; aber der Tod hemmte
1495 den Fortgang. Ihm folgte der jugendlich kühne +Manuel+, dem
die Nachwelt den Namen des Großen zuerkannt hat, weil unter ihm die
portugiesische Macht zu größter Entfaltung gelangte. Manuel, Herzog von
Beja, war 26 Jahr alt, als er den Thron bestieg. Er wollte sofort die
Entdeckungsarbeiten wieder beginnen lassen, aber seine Räthe machten
anfangs Schwierigkeiten. So verzögerte sich die Fertigstellung des
Geschwaders bis zum Jahre 1497. Der erfahrene Bartolomeu Dias wurde
damit betraut, diese kleine aus 3 Schiffen bestehende, zur Fahrt nach
Indien bestimmte Flotte sorgfältig auszurüsten, aber selbst sollte
er sie nur bis zur Factorei La Mina an der Goldküste begleiten. Den
Oberbefehl erhielt +Vasca da Gama+[83], im zweiten Schiffe sein
Bruder +Paulo da Gama+, im dritten +Nicolao Coelho+. Der Raumgehalt
der Schiffe betrug 100 bis 120 Tons. Die Schiffe trugen die Namen S.
Rafael, S. Gabriel und S. Michael.
Die portugiesischen Historiker weichen in ihren Berichten über Gama’s
Fahrt in vielen wesentlichen Punkten von einander ab. Gaspar Correa,
dessen ~Lendas da India~ erst 1858-1861 von der Academie in Lissabon
veröffentlicht worden sind, kam von allen Chronisten am frühesten,
vielleicht schon 1512, nach Indien und konnte als Secretär des
berühmten Affonso d’Albuquerque zum Theil das Tagebuch des Geistlichen
João Figueira, welcher die erste Fahrt Vasco da Gama’s mitmachte,
benutzen und zu Rathe ziehen. Castanheda (~Historia da India~) kam um
1528 nach Indien, Damian de Goes (~Rey Emanuel~) gelangte nicht nach
dem Orient, und Osorio (~de rebus Emanueli~) fußt vielfach auf Goes.
João de Barros, dessen Decaden lange Zeit fast allein die Grundlage
der Darstellung gebildet, schrieb viel später.[84] Correa’s Werk
sollte bei seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht werden, vielleicht um
manchen Lebenden nicht zu verletzen. So kam sein Manuscript erst nach
seinem Tode nach Europa, erlebte dort zwar, wenigstens in dem ersten
Theile, mehrere Abschriften, aber erst vor 20 Jahren eine sorgfältige
Drucklegung. In manchen Punkten, wo Correa von den übrigen Historikern
abweicht, spricht aber die innere Wahrheit und Wahrscheinlichkeit für
ihn.
[Illustration: Vasco da Gama.]
Wie weit die Differenzen unter den einzelnen Berichten über Gama’s
erste Fahrt gehen, erhellt schon daraus, daß sie nur in +einem+
Tages-Datum, nämlich in der Ankunft am Flusse Dos Reis, am heiligen
Dreikönigstage 1498 zusammen stimmen. Correa setzt die Abfahrt der
Flotte von Lissabon auf den 25. März 1497, Barros auf den 8. Juli,
Osorio auf den 9. Juli. Correa nennt die Schiffe S. Rafael (Capitän
Vasco da Gama), S. Gabriel, (Paulo da Gama), S. Michael, (Nicol.
Coelho). Barros versetzt den ersten Capitän auf den Gabriel, seinen
Bruder Paulo auf den Rafael, und nennt das Schiff Coelho’s Berrio.
Bei der Benennung neuentdeckter Küstenpunkte mußte dem Hauptschiffe,
auf welchem Vasco da Gama befehligte, naturgemäß der Vorrang eingeräumt
werden. Mustern wir nun einige der bedeutendsten Weltkarten des 16.
Jahrhunderts, die Karten Cabots und des Königs Heinrich II. von
Frankreich (+Jomard+, ~Monuments de la géographie~), so treffen wir
die Namen Gabriel und Berrio gar nicht; Rafael erscheint auf Heinrichs
II. Karte zweimal, ein Rio de S. Miguel bei Cabot. Ferner zeigt die
Baseler Ausgabe des Ptolemäus, 1513, einen padrão de S. Rafael, und
auch Ortelius (~Theatrum mundi~) bietet uns die Namen Rafaels und
Michaels. Dadurch wird die Existenz dieser Schiffsnamen bestätigt, und
wenn alle Autoren in der Angabe des Namens Gabriel übereinstimmen, muß
wohl der Name „Berrio“, den Barros angibt, falsch sein. Stanley (~l. c.
p. V.~) führt nach einem weiteren Beweis an, daß das Hauptschiff den
Namen Rafael führte. Nach dem glänzenden Verlauf der ersten Reise wurde
Vasco da Gama zum Grafen von Vidigueira in Alemtejo erhoben. Vor dieser
kleinen Stadt befindet sich eine Capelle des heil. Rafael mit dem Bilde
des Erzengels, dem das Schiff geweiht war.
Der Oberbefehlshaber erhielt Empfehlungsschreiben an den Priester
Johannes, an den Beherrscher von Kalikut und an andere Fürsten Indiens.
Die ganze Bemannung zählte nach Barros 170 Köpfe, während Correa sagt,
in jedem Schiffe seien 80 Personen gewesen. Nach Osorio und Goes zogen
148 Mann aus und kehrten nur 55 wieder zurück. Ueber die Canarien
gelangte das kleine Geschwader, nachdem es schon am Rio d’Ouro durch
Sturm getrennt war, zu den Capverden und blieb einige Tage in St. Jago.
Hier trennte sich Bartolomeu Dias, welcher sie bis dahin begleitet
hatte, von ihnen und steuerte nach seinem Bestimmungsorte, nach La Mina
an der Guineaküste. Gama richtete, das afrikanische Gestade verlassend,
seinen Cours direct nach dem Caplande.
Der Wind war sehr heftig, erzählt Correa, so daß die See einen
furchtbaren Anblick gewährte; unter den rastlosen Arbeiten während
dieser Stürme litt das Volk sehr. Nachdem sie so einen Monat gesegelt
waren, wandten sie sich wieder der Küste zu, in der Hoffnung, das Cap
zu erreichen. Aber viel zu zeitig. Es sollten noch Monate vergehen,
ehe sie das Südende des Continents umfahren konnten. Alle Historiker
stimmen darin überein, daß die Fahrt mindestens 4 Monate währte, Correa
setzt sogar volle 6 Monate an. So ging’s also wieder in die offene See
hinaus, obwohl schon damals die Mannschaft lieber wieder umgekehrt
wäre. Gama selbst theilte mit ihnen alle Arbeiten und Mühen und gönnte
sich keinen Schlaf. Die Tage wurden immer kürzer, denn man fuhr in den
südlichen Winter hinein. Es schien fast immer Nacht zu sein. Die Leute
wurden krank vor Furcht und Mühsal, sie konnten nicht einmal ihr Essen
bereiten. Sie begannen zu murren und wollten umkehren; aber Gama wies
sie, als ein leidenschaftlicher Mann, mit scharfen Worten zur Ruhe,
obwohl er sah, daß man in beständiger Lebensgefahr schwebte. Und wenn
auch die Mannschaft unter den kalten Regenschauern fast erstarrte, so
schwur doch der Capitän, es möge kommen, was Gott wolle, umkehren werde
er nicht.
Erst in der Nähe des Landes wurde die See ruhiger. Um die Polhöhe am
festen Lande zu bestimmen, ging das Geschwader in der St. Helenabai
vor Anker. Da die Seeleute mit dem Gebrauche des Astrolabiums noch
nicht lange vertraut waren, vermochten sie an Bord der kleinen Schiffe
wegen der Schwankungen der Fahrzeuge noch keine sichern Bestimmungen zu
machen. Das Beobachtungsinstrument hatte 3 Palmen im Durchmesser und
ruhte auf einem dreifüßigen hölzernen Gestell. Wahrscheinlich war es
hier, wo das begleitende (vierte) Proviantschiff entleert und in Brand
gesteckt wurde, nachdem die Mannschaft auf die andern Schiffe vertheilt
war.[85]
In einem mehrtägigen Sturme dublirten sie endlich das gefürchtete
Cap, Stürme verfolgten sie auch auf der weiteren Fahrt. Sturzseen
brachen von oben herein, das Wasser im Schiffsraume stieg immer höher.
Sie hatten keine Ruhe, weder bei Tage noch bei Nacht, weder für die
Seele noch für den Leib. Aber Gama schwur hoch und theuer, er werde
keinen Fuß breit zurückgehen, bis er Indien erreicht. Bei dieser
verzweifelten Lage wuchs die Mißstimmung unter der Bemannung immer
mehr und gestaltete sich zu einer Verschwörung: man wolle sich nicht
blindlings ins Verderben jagen lassen, Er sei nur Einer, sie aber seien
Viele. Durch einen Schiffsjungen verrathen, wurde der Plan, den Capitän
zu beseitigen, vereitelt. Gama brachte die Verschworenen mit List in
seine Gewalt und ließ sie in Ketten werfen. Vor Wuth soll er sogar alle
nautischen Bücher über Bord geworfen und erklärt haben: nun möchten sie
versuchen, ohne Steuermann und Pilot den Rückweg zu finden. Denn die
Capitäne und Steuerleute hielten alle treu zum Führer.
Erst im Anfang Januar 1498 näherten sie sich wieder dem Lande. Die
Schiffe bedurften einer Reparatur, an Trinkwasser trat ein fühlbarer
Mangel ein, manche Fässer waren in den unaufhörlichen Stürmen
geborsten und ausgelaufen. Aber sie segelten noch mehrere Tage, ehe
sie einen günstigen Ankerplatz fanden. Am 6. Januar liefen sie in
die bequeme Mündung eines Flusses ein, der nach dem Tage Rio des
Reyes, Drei-Königsfluß, genannt wurde. Der Wasserplatz, an welchem
Gama fünf Tage verweilte, wurde wegen des friedlichen Benehmens der
Bewohner Agua da boa Paz genannt. Beim Weitersegeln hatten sie vom
Cap Corrientes (~Cabo das Corrientes~) tagelang mit der heftigen
Mosambikströmung zu kämpfen und mußten darum weiter von der Küste
abhalten, um nicht gegen gefährliche Klippen getrieben zu werden.
In Folge dessen segelten sie an dem in der innern Bucht des Landes
gelegenen Sofala vorüber und erreichten nur mühsam die Mündung des
Sambesi. Dieser mächtigste Strom erhielt den Namen ~Rio dos bons
Sinaes~ (Strom der guten Anzeichen), denn hier trafen sie zuerst mit
hellfarbigen Mischlingen zusammen, die des Arabischen mächtig waren,
und ihnen mittheilten, daß weiter nordwärts eine belebte Schifffahrt
getrieben werde. Man hatte hier also die Sphäre des arabischen
Handelsverkehrs erreicht und konnte hoffnungsvoll dem glücklichen
Erfolg des kühnen Seezuges entgegensehen. Theils um die Schiffe
auszubessern, theils um der erschöpften und am Scharbock leidenden
Mannschaft Erholung und Erfrischung zu bieten, blieb Gama einen vollen
Monat hier. Dort wurde ein Wappenstein errichtet mit der Inschrift: ~Do
Senhorio de Portugal Reino de Christaõs~. Dann stach Gama wieder in
See und erreichte bald die Insel und den Hafenplatz Mosambik. Mehrere
Sambuken, mit arabisch gekleideten Leuten bemannt, kamen heran und
erkundigten sich nach Herkunft und Ziel der fremdartigen Flotille.
Gama ließ ihnen antworten, sie seien Portugiesen, welche im Auftrage
ihres Königs nach Indien führen und, da sie den Weg noch nicht gemacht
hätten, um einige Lotsen bäten.
Anfänglich schien es, als ob der Verkehr sich ganz friedlich
gestalten wolle. Der Scheich des Hafens stand unter der Botmäßigkeit
des arabischen Fürsten von Kiloa. Die Araber hatten den sicheren
Stapelplatz auf der Mosambik-Insel gewählt, um von hier aus lebhaften
Handel mit den Negern zu treiben und Gold, Elfenbein, Wachs u. a.
einzutauschen. Nachdem Gama dem Scheich mehre Geschenke gesendet,
kam dieser selbst an Bord, in faltenreicher, farbiger Tracht, das
dunkle Gesicht von einem mächtigen, buntseidenen Turban beschattet.
Unter seinem Gefolge befanden sich viele Mischlinge. Nach einem
ehrenvollen Empfange von Seiten der Capitäne nahm der Scheich alles
neue auf den Schiffen in Augenschein und ließ sich vermittelst eines
Dolmetschers von dem Flottenführer noch einmal erzählen, daß sie
von dem mächtigsten Könige der Christenheit abgesandt, bereits zwei
Jahre auf der stürmischen See umhergeworfen und von ihren Gefährten
getrennt nunmehr dem Lande der Gewürze zusteuerten und, des Weges
unkundig, um zuverlässige Piloten bäten. Bald nachdem der Scheich
zurückgekehrt war und frische Lebensmittel für die Portugiesen
gesandt hatte, erschienen auch drei Habessinier, mit denen aber die
Verständigung nur unvollkommen gelang. Werthvoller war der Verkehr
mit einem Mauren, Namens Davané, welcher sich bereit finden ließ, die
Schiffe nach Indien zu begleiten. Inzwischen änderte sich aber die
günstige Stimmung am Lande. Die Araber schöpften wegen der Herkunft
und Zwecke der Fremdlinge Verdacht oder wurden wegen ihres Handels
besorgt, für den ihnen so unerwartet eine Concurrenz zu drohen schien.
Zwar erhielt Gama die gewünschten Lotsen, aber sie waren nicht
zuverlässig; denn nachdem die Portugiesen als Christen erkannt und
somit als die natürlichen Feinde des Islam erklärt worden, wurde auch
der Scheich von den einheimischen Händlern gewonnen, die Hand zu einem
geplanten Verrath und Ueberfall zu bieten. Und hierzu sollten die
Lotsen behilflich sein. Eine Einladung des Scheich zu einem Besuche
in der Stadt hatte Gama, durch Davané gewarnt, vorsichtig abgelehnt.
Dagegen bat er, man möge ihm am festen Lande einen Platz anweisen, wo
seine Böte Wasser holen könnten. Diese Gelegenheit sollte von Seiten
der Moslemin zu einem Ueberfall benutzt werden; zu gleicher Zeit
sollten andere mit Bewaffneten besetzte Fahrzeuge, wenn ein Theil der
portugiesischen Matrosen beim Wassereinnehmen von den Schiffen fern
sei, diese überrumpeln und das Geschwader zu erobern suchen. Allein
dieser Plan wurde durch die Wachsamkeit und die Ueberlegenheit der
portugiesischen Waffen vereitelt. Gama ließ das Wasserboot mit zwei
Kanonen armiren und schickte zur Bedeckung der Matrosen bewaffnete
Mannschaft mit unter Führung des Capitäns Coelho. Zur Nachtzeit sollte
bei Hochflut Wasser eingenommen werden. Aber der begleitende Pilote
führte sie bis zum anbrechenden Morgen, wo Ebbe eintrat, in der Irre
herum und hoffte das Fahrzeug dann unversehens aufs Trockne zu setzen
und dem geplanten Ueberfall leichter preiszugeben. Indeß kam ihm Coelho
zuvor, indem er das Boot rechtzeitig wenden ließ und den Verräther, zum
abschreckenden Beispiel, an den Mast aufknüpfen wollte. Der Lotse aber
sprang über Bord, tauchte unter und kam erst in weiterer Entfernung
wieder zum Vorschein. Bei seiner Verfolgung wurde nun das Boot vom
Lande aus mit Pfeilen und Schleudersteinen angegriffen. Da man von den
Schiffen aus diesen feindlichen Zusammenstoß sehen konnte, so ertheilte
Gama dem Boote durch Flaggensignale den Befehl zur Umkehr. Auch ließ
er, wie Correa betont, nicht gleich mit Kanonen unter die Verräther
schießen, weil er sich in dem ersten arabischen Hafen nicht in
schlechten Ruf bringen wollte und vielleicht noch auf ein friedliches
Abkommen rechnete. Der Scheich, der wohl auch für seine wehrlose
Stadt fürchten mochte, ließ über den unangenehmen Zwischenfall sein
Bedauern ausdrücken und erbot sich andere Lotsen zu senden, die indeß
wieder den Auftrag zu haben schienen, die portugiesischen Schiffe auf
Korallenriffe zu führen.
Vasco da Gama hatte mehrere Verbrecher an Bord, die ihm mitgegeben
waren, um an gefährlichen Stellen ans Land geschickt zu werden.
In der Ausführung eines lebensgefährlichen Auftrages bestand die
eigenthümliche Art der Begnadigung. João Machado, so hieß der zu
dieser Mission ausersehene Sträfling, wurde ans Land gesetzt, um
dem Scheich die Botschaft zu übermitteln, daß, da man an seiner
Ehrlichkeit zweifele, der weitere Verkehr mit ihm abgebrochen werde.
Machado richtete seinen Auftrag aus und gelangte später unter allerlei
Abenteuern über Kiloa und Mombas nach Indien. Gama aber hielt noch an
einer unbewohnten Insel vor Mosambik an und ließ zu Ehren des heil.
Georg den Wappenstein San Jorge setzen. Dann stach er wieder in See.
Davané war an Bord geblieben und begann bereits etwas Portugiesisch
zu lernen, so daß man sich mehr und mehr verständigen und manche
werthvolle Mittheilungen über den Seehandel durch ihn gewinnen konnte.
Der streng bewachte, aber treulose Lotse brachte bald darauf die
Schiffe zwischen die Untiefen einer Inselgruppe und wurde, als man
seine Verrätherei erkannte, dafür durchgepeitscht. Die Inseln erhielten
aber zum Andenken daran den Namen ~Ilhas do Azoutado~, d. h. die
Inseln des Durchgepeitschten. An der Küste entlang ging die Fahrt nun
weiter auf Kiloa, welches als ein vielbesuchter Handelshafen galt,
wohin sogar christliche Armenier gelangen sollten. Aber widrige Winde
trieben die Schiffe ab. Das Schiff S. Rafael unter dem Commando des
Vasco da Gama gerieth sogar auf eine Sandbank, wurde aber glücklich
wieder losgebracht. So kamen sie in der letzten Woche des April[86]
nach Mombas. Wieder erschien ein Fahrzeug der Einwohner, um sich nach
den Zielen der Fremdlinge zu erkundigen. Gama erklärte, er komme,
auf dem Wege nach Indien, sich in dem Hafen mit einigen Bedürfnissen
zu versehen. Der Scheich, auch hier anfangs freundlich, mußte bald
den falschen Einflüsterungen nachgegeben und schon von Mosambik
Nachrichten erhalten haben, daß die Fremden Seeräuber seien und
den Handel nur zum Vorwand nähmen. Als Gama in den Hafen einlaufen
wollte, kamen viele kleine Schiffe heran, wie um die portugiesischen
Fahrzeuge mit festlicher Musik an die Stadt zu geleiten. Aber man ließ
höchstens 10 bis 12 Personen an Bord eines jeden Schiffes kommen.
Vielleicht war es dabei auf eine Ueberrumpelung oder eine Verrätherei
abgesehen, denn als das eine Schiff, rückwärts treibend, auf den Grund
gerieth, da es dem Steuer nicht folgte, so gab der Capitän rasch
Befehle, Anker auszuwerfen. Die dadurch hervorgerufene Unruhe machte
die Araber auf den andern beiden Schiffen besorgt; sie fürchteten
vielleicht, ihr Anschlag sei verrathen und sprangen eiligst wieder in
ihre Schiffe. In einer hellen Mondnacht wurde der Hafen von Mombas
verlassen und die Fahrt mit großer Vorsicht, weil man dem Lotsen
nicht traute, fortgesetzt. Bald stießen sie auf zwei Sambuken, welche
nach Mombas steuerten. Eine derselben wurde genöthigt, ihnen den Weg
nach Melinde zu zeigen, wobei man die arabische Mannschaft auf die
Schiffe vertheilte. Nach einer günstigen Fahrt von drei Nächten und
zwei Tagen langten sie in den letzten Tagen des Monats April dort
an und fanden hier endlich eine wohlgemeinte freundliche Aufnahme.
Aber der Einladung des Fürsten, in dem Hafen anzulegen, folgte Gama,
durch die Vorkommnisse in Mosambik und Mombas mißtrauisch gemacht,
nicht sogleich, sondern schickte zunächst den Capitän Coelho und in
seiner Begleitung den Davané ans Land. Am Ufer hatten sich so viele
Menschen versammelt, daß die Beamten nur vermittelst ihrer Stöcke für
die fremden Sendlinge Bahn schaffen konnten. Der Fürst ließ Coelho
neben sich auf einem Stuhle niedersitzen, erkundigte sich vor allem
nach europäischen Verhältnissen und ließ sich vom großen König Emanuel
erzählen. Gegen Sonnenuntergang nahm der portugiesische Capitän
Abschied und wurde, vom Herrscher von Melinde mit weißen und bunten
Seidenkleidern und einem kostbaren Ringe beschenkt, an den Strand
zurückgeleitet. Die von Gama auf einem Sambuk gewünschte Zusammenkunft
fand in den nächsten Tagen statt. Der ganze Strand, die weißen Häuser
und die Mauern der Stadt waren mit Schaulustigen dicht besetzt, als die
beiden Flottenführer, Vasco und sein Bruder Paulo da Gama, im vollsten
Schmucke, unter dem Donner der Salutschüsse in ihren beflaggten Böten
von den Schiffen abstießen und sich dem Audienzschiffe näherten. Bei
der herrschenden Rivalität zwischen Melinde und den anderen bereits
besuchten Häfen war die Aufnahme eine sehr günstige. Dem arabischen
Herrscher wurden ein kostbares Schwert, eine Lanze und ein Schild
verehrt und beide Theile schieden in Freundschaft. Gama bat, die
Piloten und übrigen Insassen des zur Mitfahrt gezwungenen Bootes sicher
wieder in ihre Heimat befördern zu wollen, was auch zugesagt wurde. Die
Portugiesen erhielten Lebensmittel und Wasser und konnten sich am Lande
erholen, denn sie hatten an der ungesunden Ostküste Afrikas viel durch
Krankheiten zu leiden gehabt und manchen Mann am Scharbock verloren.
Später besuchte Gama den Scheich in seinem Schlosse und wurde von
diesem am Thor empfangen. Im Verlaufe des Gespräches erklärte der
Araber, daß der Gewürzhandel in Kalikut seinen Hauptstapel habe und daß
er dem Geschwader einen zuverlässigen Piloten dahin mitgeben werde.
Auch rieth er den Portugiesen, die gewünschten Waaren nicht zu hoch zu
bezahlen, um dadurch nicht den Markt zu verderben.
Davané erbot sich bis Indien mitzugehen. Vor dem Abschiede stattete der
Fürst den Schiffen noch einen Besuch ab. Auf einer besonders angelegten
Treppe leitete man ihn an Bord, wo eine festliche Tafel hergerichtet
war. Dann ließ Gama mit Bewilligung des Herrschers einen marmornen
Wappenpfeiler in Melinde setzen, segelte, von tüchtigen Lotsen
geführt, am 24. April von der afrikanischen Küste ab und erreichte
unter günstigem SW. Monsun in 22 Tagen die Gestade Indiens. Die Berge
von Kananor traten hervor, die Häuser der Stadt zeigten sich bei dem
Vorübersegeln. Fischerböte nahten sich und waren über die seltsam
gebauten Schiffe und die weißen Menschen darin sehr verwundert. Am 20.
Mai langte das Geschwader endlich im Hafen von Kalikut an.
Indien zerfiel damals in eine große Anzahl selbständiger Reiche, Barros
nennt darunter die Königreiche von Multan, Delhi, Cospetir, Bengalen,
Orissa, Mando, Tschitor, Guzarat oder Cambaya, Dekhan, Bisnaga und
viele andere kleinere. Am Westfuße der Ghats erstreckte sich vom
Flusse Karnat, nahe beim Vorgebirge Komorin bis zu der weit übers
Meer sichtbaren Landmarke des Berges d’Ely (~de Ly~) oder Delly unter
12° n. Br., das Reich und die Landschaft Malabar mit der Hauptstadt
Kalikut. Sechs bis zehn Leguas breit und 80 Leguas lang breitete sich
dieser Landstrich aus, über welchen ein Kaiser die Oberherrschaft
besaß. Der Titel dieses Oberherrn war eigentlich Samudrin, d. h. Herr
der See, die Portugiesen nannten ihn Samorin. Zahlreiche Lehnsfürsten
standen nominell unter ihm, wußten sich aber mehrfach seinem
maßgebenden Einflusse zu entziehen oder fügten sich, wie die Fürsten
von Kotschin und Kollam, nur widerstrebend. Das Uebergewicht Kalikuts
beruhte in seinem Welthandel, in seinem Gewürzmarkte, welcher seit
dem 14. Jahrhundert an Großartigkeit alle Hafenplätze der Westküste
übertraf. Seine Blüte verdankte der Ort namentlich der Thätigkeit der
mohammedanischen Kaufleute und Schiffer, welche bei den Portugiesen
mit dem allgemeinen Namen der Mauren belegt wurden. Die Stadt zerfiel
in zwei Abtheilungen; am Hafen gruppirten sich um die steinernen
Wohnhäuser und Waarenlager der Mauren die mit Palmblättern gedeckten
Holzhütten der eingeborenen Gewerbsleute, der Handwerker und des andern
gemeinen Volks niedriger Kasten. Etwas entfernt lag in einem Palmenhain
die Residenz des Samorin, umgeben von den Villen der vornehmsten
Stände, der Brahmanen und der Kriegerkaste, der sog. Nair, die ihrem
Oberherrn mit Leib und Seele ergeben, sich dem Handelsgewoge des
Hafens entzogen, um ihren Standesvorurtheilen nichts zu vergeben durch
zu enge Berührung mit den niederen Kasten. Diese hatten ihren Erwerb
hauptsächlich durch die Mauren und waren, an deren Interesse gebunden,
von denselben abhängig, oder wenigstens geneigt, auf ihre Seite zu
treten. Denn den Vertrieb der geschätzten Waaren nach dem Abendlande
hatten die mohammedanischen Kaufherren allein in der Hand; ihre Flotten
kamen aus dem arabischen und persischen Golfe über Aden und Ormuz nach
Indien und brachten namentlich über Aegypten die indischen Artikel ans
Mittelmeer zu den christlichen Völkern. Aber nicht Araber und Aegypter
im engern Sinne betheiligten sich allein an diesem indischen Handel.
Mauren aus Tunis und Algerien, selbst Juden unternahmen die weite
Reise ins Morgenland und wieder zurück in die Markthäfen Italiens und
Spaniens. Die christlichen und mohammedanischen Staaten am Mittelmeer
standen sich feindlich gegenüber; die Niederlagen des Islam und seine
Verdrängung aus Spanien wurden bis Indien vernommen. Die Portugiesen
waren politisch die Feinde der Araber und Mauren und sollten nun auch
im indischen Handel als ihre Rivalen auf einem Gebiete erscheinen,
wo die Moslemin Jahrhunderte lang allein sich des ungestörten
Genusses und Gewinnes zu erfreuen gehabt hatten. Kein Wunder, daß
das Erscheinen einer portugiesischen Flotte auf der Küste Malabar,
vor dem Centralpunkte des Verkehrs, alle mohammedanischen Kaufleute
in die größte Aufregung brachte. Daher der eigenthümliche Willkomm,
den Gama vor Kalikut empfing. Schiffer im Hafen brachten nämlich zwei
Mauren aus Tunis zu ihm, welche spanisch und italienisch sprachen und
die Portugiesen mit den Worten begrüßten. „Schert Euch wieder zum
Teufel, der Euch hergebracht hat.“
[Illustration: ~Die WESTKÜSTE von VORDER-INDIEN
und die von den Portugiesen berührten Handelsstädte. ~
~_Entworfen von S. Ruge._~ ~_G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung._~
]
Auch dem Samudrin war der Besuch sicher ungelegen. Der friedliche
Verkehr und die Sicherheit der Einkünfte, auf denen seine Macht
basirte, schienen in Frage gestellt durch das plötzliche Erscheinen
der abendländischen Fremdlinge. Ließ sich der Friede und die Ordnung,
welche eine ausgezeichnete Marktpolizei bisher aufrecht erhalten hatte,
bei der Erregtheit der Concurrenten aufrecht erhalten?
Und konnte nicht durch einbrechende Unsicherheit gedrängt, der ganze
Waarenverkehr sich aus seinem Gebiet und aus seinem Hafen wegwenden?
Daß unter solchen Umständen die Bekenner des Islam leichtes Spiel
hatten, durch Einflüsterungen und Verläumdungen den Kaiser gegen die
neuen Ankömmlinge einzunehmen, liegt auf der Hand. Vasco da Gama hatte
von Anbeginn einen schweren Stand, und es ist ein nicht geringes
Verdienst, daß er vorsichtig und seine leidenschaftlichen Aufwallungen
beherrschend die Verhandlungen leitete, gewandt allen Gefahren auswich
und seinen Auftrag glänzend löste.
Die Handelssaison war bereits vorüber, die fremdasiatischen
Handelsbarken hatten den Hafen schon seit Monatsfrist oder länger
verlassen. Man war also am Lande nicht wenig erstaunt, zu so
ungewohnter Zeit Schiffe ankommen zu sehen, die offenbar mit diesen
Gewässern nicht vertraut waren. Aus Furcht vor einer sichtbaren starken
Brandung war Gama in einiger Entfernung vom Hafen bei dem Ort Kapokate
vor Anker gegangen. Hier näherten sich ihm zunächst Fischerböte, von
denen man Fische gegen portugiesische kleine Silbermünzen einhandelte.
Die Bootführer prüften die ihnen unbekannten Werthzeichen mit ihren
Zähnen auf den muthmaßlichen Silbergehalt. Dann brachten sie Hühner,
Kokosnüsse u. a. zum Verkauf. Durch diesen Verkehr erfuhr der Samorin,
daß Gama von Melinde komme und nicht ohne Erlaubniß des Landesherrn
das Ufer betreten wolle. Darauf erschien nach einigen Tagen ein Nair,
nur mit weißem Lendentuch bekleidet, mit rundem Schild und nacktem,
kurzem Schwert. Mit ihm ging dann einer der von der afrikanischen
Küste mitgenommenen Lotsen ans Land, um ähnliches über die Herkunft
und Schicksale des Geschwaders zu berichten, wie Gama selbst in
Melinde erzählt hatte: nämlich, daß sie zu einer großen Flotte von 50
Schiffen gehörten, die der mächtigste christliche König des Abendlandes
abgesendet, um Pfeffer und Droguen einzuhandeln, daß sie aber durch
Sturm zerstreut seien. Mit dem Lotsen ging auch wieder ein Sträfling
ans Land, Namens João Nuñez (oder Martins). Als diese ihre Botschaft
ausgerichtet hatten und wie es schien, nach günstiger Aufnahme wieder
zum Hafen zurückkehrten, wurden sie von einem Manne in morgenländischer
Tracht auf castilisch angeredet und eingeladen, bei ihm zu bleiben, da
sie sich bei ihrer Sendung verspätet hatten und kein Boot mehr fanden,
das sie zu den Schiffen zurückgebracht hätte. Dieser neue Gastfreund
stammte aus Sevilla, war als Gefangener und Sklave durch viele Hände
gekommen, hatte äußerlich den mohammedanischen Glauben angenommen und
ging am nächsten Morgen mit den beiden Sendlingen an Bord, um den
Flottencapitän über die Verhältnisse in der Stadt aufzuklären und
namentlich vor den Ränken der arabischen Kaufherrn zu warnen.[87]
Gama ging darum nicht zuerst selbst ans Land, sondern schickte Coelho
mit mehreren Begleitern zum König, damit er ihm die Bitte um freien
Handel und friedlichen Verkehr vortrage. Wenn das zugesichert werde,
wolle der Admiral persönlich die Geschenke und Briefe des königlichen
Herrn überreichen.
Bei der Landung der Portugiesen lief das Volk zusammen, verhielt sich
aber ruhig, als diese zum Palaste geleitet wurden. Da sich aber der
Samorin inzwischen durch seine Beamten über das Erscheinen und Benehmen
der Fremden genau berichten ließ, so verging darüber der Tag, ohne daß
eine Audienz anberaumt wurde. Coelho blieb daher über Nacht im Hause
eines Edelmanns.
Am nächsten Morgen kam der Schatzmeister und erklärte, sein Herr sei
unwohl und könne die Gesandtschaft nicht empfangen, Coelho möge ihm
daher den Inhalt seiner Botschaft anvertrauen, er werde ihn dem Könige
übermitteln. Coelho aber erwiderte, er habe directen Auftrag, und
wenn der König krank sei, werde er bis zu günstiger Zeit wieder aufs
Schiff zurückkehren. So bequemte man sich denn zur Audienz. Coelho
begrüßte den Samorin ehrfurchtsvoll, blieb aber schweigend stehen,
bis ihn der König aufforderte, seinen Auftrag auszurichten. Als dies
geschehen, wollte der König die Audienz schließen mit dem Bemerken, die
Antwort werde ihm später durch den Schatzmeister zugehen. Allein auch
darauf ging Coelho nicht ein, sondern erbat sich directen Bescheid,
den ihm der Samorin dann in wohlwollender Weise gewährte. Zum Zeichen
des Friedens erhielt Coelho den königlichen Namenszug auf einem
Palmenblatte und begab sich damit wieder an Bord. Sobald dort der
Erfolg bekannt geworden war, wurden die Schiffe beflaggt, Trompeten
erklangen und die Kanonen donnerten Salutschüsse über den Hafen hin.
So war durch das feste Auftreten Coelho’s die schwankende Politik der
königlichen Rathgeber bei Seite gedrängt. Das königliche Wort war eine
Bürgschaft des Friedens.
Dann rüstete sich Gama selbst, zu einer Audienz ans Land zu gehen;
aber, gewarnt durch den indischen Castilier, that er es nicht eher,
als bis er durch eine Anzahl vornehmer Geißeln aus dem Stande der
Nair genügend gedeckt war. Dann erst betrat er in festlichem Aufzuge,
in Weiß und Roth gekleidete Trompeter voraus, die Stadt und wurde in
einem Palankin zum Palaste getragen. Hier wurde er vom Samorin in
feierlicher Audienz empfangen. Correa gibt uns von dieser Scene ein
genaues Bild. Der König saß auf einem Divan. Er war von sehr dunkler
Hautfarbe, der Oberkörper nackt, von der Mitte des Leibes an bis zu den
Knien in Weiß gekleidet. Eines seiner Kleidungsstücke endigte in einer
langen Spitze, an welcher mehrere goldene Ringe mit großen, glänzenden
Rubinen angereiht waren. Am linken Arme über dem Ellbogen trug er eine
Spange, die aus drei Ringen zusammengesetzt schien und von Juwelen
strotzte; namentlich trug der mittlere höchst werthvolle Steine, und
von ihm hing noch ein Diamant von der Dicke eines Fingers herab. Um
den dunkeln Hals trug er eine helle Perlenschnur, deren Glieder die
Größe einer Haselnuß hatten. Zweimal umgeschlungen reichte diese Schnur
vorn bis auf die Mitte der Brust herab, und darüber trug er eine feine
Goldkette mit einem Schmuck in Gestalt eines Herzens, welches aus einem
Geschmeide von Perlen und Rubinen bestand, dessen Mittelpunkt ein
großer Smaragd bildete. Das lange schwarze Haar trug der Samorin auf
dem Wirbel in einen Knoten geschürzt und mit Perlenschnüren umwunden;
an den Ohren prangten zahlreiche Goldringe.
Rechts und links vom Throne standen Leibpagen mit reichverzierten
Waffen und mit einem goldenen Spucknapf. Der erste Brahmane reichte dem
Fürsten von Zeit zu Zeit ein Blatt Betel, welches derselbe kaute und
dann in den goldenen Napf ausspie.
Nachdem sich Gama tief vor der indischen Majestät verbeugt hatte,
reichte ihm dieselbe die rechte Hand entgegen und berührte mit den
Fingerspitzen die rechte Hand des Admirals, und dieser entledigte sich
dann zuerst mündlich seines Auftrags in portugiesischer Sprache. Sein
Dolmetscher João Nuñez übertrug den Inhalt zunächst ins Arabische und
wendete sich an den Sensal, dieser gab in der Landessprache das Wort
weiter an den Brahmanen, durch welchen dann endlich die Botschaft
an den König selbst gelangte. Darauf überreichte Gama knieend den
Brief des Königs Manuel, nachdem er ihn geküßt, auf seine Augen und
aufs Haupt gelegt hatte. Der Samorin nahm den Brief in die Hand,
drückte ihn an die Brust mit beiden Händen, öffnete ihn und übergab
ihn seinem Schatzmeister, um ihn sich übersetzen zu lassen; denn
er war portugiesisch und arabisch abgefaßt. Es war darin, was Gama
bereits mündlich ausgesprochen, der Wunsch ausgedrückt nach einem
Freundschaftsbündnisse und friedlichen Handelsverkehr. Damit war die
Audienz beendet, der Admiral kehrte unter Trompetenschall zur Factorei
zurück, wo er zu Nacht blieb. Die bald darauf folgende briefliche
Antwort des indischen Fürsten enthielt die Stelle: Vasco da Gama, ein
Edelmann aus Eurem Hause, hat mein Reich besucht, worüber ich mich sehr
gefreut habe. In meinem Lande gibt es Zimmt, Gewürznelken, Ingwer und
Pfeffer in Fülle, ich habe Perlen und Edelgestein. Was ich von Euch
wünsche, ist Gold, Silber, Korallen und Scharlach.
Damit war die Genehmigung zur Eröffnung des Handels ertheilt.
Am Lande wurden den Portugiesen Lagerhäuser eingeräumt und Diogo Dias
zum Factor bestellt. Um nun den Handel einzuleiten, wurde zunächst das
Marktgewicht festgestellt, dann der Preis der Waaren bestimmt. Gold und
Silber galt nicht nach Gepräge, sondern nach Gewicht und Feingehalt;
es stellte sich dabei der Silberpreis höher als in Portugal. Außer
Edelmetallen gab der Factor auch Korallen, Quecksilber und Kupfer zum
Tausch. Die eingehandelten Droguen wurden dann durch indische Böte zu
den Schiffen gebracht. Die Portugiesen waren über den billigen Einkauf
erfreut und der Schatzmeister konnte hinwieder seinem Herrn melden,
die Christen zahlten doppelte Preise und nähmen auch die weniger guten
Produkte, deren Annahme die Araber verweigerten. Durch die blinde
Kauflust der Fremden verlockt, begannen die einheimischen Händler
die Gewürze zu fälschen, mit fremden Körpern zu vermischen oder gar
unbrauchbare Waaren, wie ungenießbaren Zimmt zu liefern. Der Factor
gewahrte wohl den Betrug, nahm aber auch die schlechte Waare an, um
vorläufig jeden Grund zu Mißhelligkeiten fernzuhalten.
Inzwischen blieben die portugiesischen Boote stets in der Nähe auf der
Hut, mit versteckten Waffen, scheinbar müßig, aber stets schlagfertig.
Da die Mauren sahen, daß sich der Handel mit den Portugiesen, zu ihrem
Nachtheile, so rasch entwickelte, verdächtigten sie die Fremdlinge
als Spione, welche nur gekommen seien, den Reichthum des Landes zu
erkunden, um demnächst mit bewaffneter Macht als Eroberer wieder zu
erscheinen. Als rechte Kaufleute würden sie doch die schlechte Waare
nicht um doppelten Preis kaufen. Der Handel diene nur als Folie, um
böse Absichten zu verdecken.
Die reichen Handelsherren in der Stadt gewannen nun zunächst den
Katual, den mohammedanischen Gouverneur, oder, wie Correa ihn
bezeichnet, den ersten Officier der königlichen Leibwache, für sich,
daß er die Portugiesen am freien Verkehr hindern möge. Dies geschah
auch. Man gestattete ihnen nicht, die Stadt zu besuchen, unter dem
Vorgeben, als wolle man dadurch unliebsamen Begegnungen mit den Mauren
vorbeugen, auch hoffte man, sich gelegentlich der Person des Admirals
bemächtigen zu können. Vielleicht rechnete man auch bereits darauf,
den unbequemen Besuch so lange hinzuhalten, bis die mohammedanischen
Flotten mit dem neuen Monsun anlangten, um dann mit deren Hilfe die
Portugiesen vollständig zu vernichten.
Als Gama die Handelsverschleppung bemerkte, ließ er die Absicht
durchblicken, lieber den Heimweg anzutreten, ohne seine Gewürzfracht
zu vervollständigen, um wenigstens seinem Könige die Kunde von dem
erfolgreichen Zuge nach Indien bringen zu können. Kam dieser Plan zur
Ausführung, dann hatten zwar die Mauren für den Augenblick das Feld
behauptet, mußten aber einer verstärkten Wiederkehr des Erbfeindes
gewärtig sein und waren keineswegs von einer drohend aufsteigenden
Gefahr für ihr Handelsmonopol befreit. Der Samorin ließ den Admiral
noch einmal zu sich rufen, der Katual erschien mit zwei Palankinen und
bat ihn, ihm zur Audienz zu folgen. Wie in Folge derselben der Conflict
endlich zum Ausbruch kam, wird verschieden berichtet, es scheint indeß
am wahrscheinlichsten, daß er durch Gama’s Erklärung vor dem Könige
beschleunigt wurde.[88] Denn als dieser ihn aufforderte, sich von
dem überall in der Stadt ausgesprochenen Verdachte zu reinigen, als
seien die Portugiesen gemeine Seeräuber, und ihm, dem Samorin offen
die Wahrheit zu sagen, entgegnete Gama: Es wundere ihn gar nicht, daß
die Vasallen des Samorin solche Verleumdungen ausstreuten, da er so
weiten, bisher noch nicht betretenen Weges daherkomme; aber sein Herr
und Gebieter sei durch den Ruf von der Größe und Macht des Samorin
bewogen, seine Schiffe so weithin zu senden, um freundschaftliche
Beziehungen und Handelsverkehr in Spezereien anzuknüpfen, daneben aber
auch sich die Verbreitung des Christenthums angelegen sein zu lassen.
Die Mauren seien in Europa die natürlichen Feinde der Portugiesen und
suchten ihnen auch hier zu schaden. Dann bat Gama den König, ihn gegen
dergleichen Ränke und Verdächtigungen zu schützen, damit nicht Krieg
dadurch angefacht würde. Zum Zeichen der Wahrheit wies er auf die
ihm zugestoßenen Verräthereien in Mosambik und Mombas hin. Und wenn
auch ihn und sein Geschwader das Verhängniß träfe, nicht wieder nach
Portugal heimzukehren, so werde König Manuel doch fortfahren, neue
Flotten auszusenden, bis er gewisse Nachricht aus Indien erhalten habe.
Der Samorin möge darum dafür Sorge tragen, daß nicht durch die Mauren
der Zwist eingeleitet würde, denn die Portugiesen seien nicht gewillt,
sich ungestraft beleidigen zu lassen, am wenigsten von den Mauren,
über welche sie schon manchen Sieg davon getragen. Der Samorin hatte
den Worten Gama’s mit Spannung gelauscht und erkannte aus dem Feuer
und der Festigkeit der Rede, daß der Admiral die Wahrheit gesagt. Dann
wünschte er, Gama möge aufs Schiff zurückkehren, wohin ihm die Antwort
nachgesendet werden sollte. Der Katual, welcher die Portugiesen zum
Landungsplatze zurückzuleiten hatte, bemächtigte sich aber unterwegs
ihrer Personen, trennte den Admiral von seinen Begleitern und hielt
sie unter verschiedenen Vorwänden tagelang wie in Gefangenschaft,
angeblich weil er für ihre Sicherheit verantwortlich sei. Er hoffte,
die Portugiesen würden, erbittert über diese Beleidigung, losschlagen
und so einen Streit beginnen, in welchem man die Fremden sämmtlich
beseitigen könne. Aber Gama behielt trotzdem seine Fassung und blieb
ruhig. Die Mauren forderten den Tod Gama’s, aber ohne Anlaß wagte der
Katual diese That nicht. Indeß mußte sich der Admiral dazu bequemen,
den Factor als Geißel zurückzulassen, wenn er selbst wieder an Bord
gehen wollte. Er ließ nun zwar die für ihn gestellten Geißeln frei,
weil er erwartete dadurch auch den Diogo Dias aus seiner Gefangenschaft
lösen zu können. Allein er sah sich darin getäuscht. Als er dann seinen
Handelsfactor nach Verabredung heimlich vom Strande durch seine Boote
wollte abholen lassen, kamen ihm seine wachsamen Gegner zuvor und
vereitelten die Flucht. Bei dem darüber entstandenen Tumult wurden
auch die portugiesischen Lagerhäuser geplündert. Ergrimmt ließ Gama
eine Anzahl Fischer auf der See aufgreifen und lichtete die Anker.
Das Jammern und Wehklagen der zurückgelassenen Weiber bewog nun den
Samorin, den Factor Dias zu entlassen und zugleich die Erklärung
mitzusenden, daß er aufrichtig den Frieden wünsche, aber auch den
Handel der Mohammedaner, die seit Alters in seinem Lande ansässig
seien, schützen müsse. Gama gab darauf hin die meisten Indier wieder
frei, drohte aber, er werde, wenn er in kurzer Zeit wiederkomme, die
ihm angethane Schmach rächen. Die von ihm mitgenommenen Fischer,
ließ er dem Könige melden, werde er zunächst nach Portugal führen,
damit sein Herr sich von ihnen über Kalikut könne berichten lassen;
dieselben würden aber auf der nächsten Flotte wieder zurückkehren,
damit sie auch dem Samorin über Portugal Kunde bringen könnten. Dann
brach er von Kalikut auf und segelte nach Norden. Als aber am nächsten
Tage das Geschwader durch Windstille auf dem Wasser, kaum zwei Meilen
von Kalikut gebannt war, machte sich eine bedeutende Anzahl kleiner
Fahrzeuge, nach Barros etwa 60 Schiffe, auf, um die Portugiesen zu
überfallen, aber sie wurden durch grobes Geschütz sehr rasch vertrieben.
Daß Gama sodann noch den nördlich von Kalikut gelegenen Hafen von
Kananor besucht, wird unter allen Schriftstellern nur von Correa
erwähnt. Der Beherrscher von Kananor, welcher über die Vorgänge in
Kalikut wohl unterrichtet war, ließ Gama einladen, in seinem Hafen
anzulegen, dann erschienen mehrere Boote mit Wasser und Holz, Feigen,
Hühnern, Kokosnüssen, gedörrten Fischen und andern Lebensmitteln und
meldeten, wenn die Portugiesen nicht anlegen wollten, möchten sie diese
Artikel als Geschenke annehmen. Aber sie könnten im Hafen auch Gewürze
bekommen, um ihre Ladung zu vervollständigen, und zwar bessere Waare,
als man ihnen in Kalikut geboten.
Die Portugiesen schickten nun eine Liste aller Artikel, welche sie noch
wünschten, ans Land und erhielten alles in Ueberfluß, was Gama ebenso
reichlich in Korallen, Zinnober, Quecksilber, Kupfer und Messingschalen
bezahlte. Es fand sodann auch eine Zusammenkunft mit dem Fürsten statt,
indem am Ende einer vom Strande aus geschlagenen Brücke eine Art
Pavillon über dem Wasser errichtet war, wo der Fürst die Befehlshaber
der drei Schiffe empfing, mit ihnen Geschenke wechselte und ihnen im
Auftrag des Samorin noch einmal dessen Bedauern über den feindlichen
Abschied von Kalikut ausdrücken ließ.
Nachdem noch auf einer kleinen Gestade-Insel (13° 20′ n. Br.) ein
Wappenpfeiler Santa Maria errichtet worden, nach welchem dann später
die Insel ihren Namen erhielt, ging Gama an der Küste weiter nordwärts
bis zu der kleinen Gruppe der Andjediven (d. h. fünf Inseln), welche
etwa 12 Leguas südlich von Goa (14° 45′ n. Br.) liegen, um dort Wasser
einzunehmen und die Schiffe ausbessern zu lassen, ehe sie den Weg über
den Ocean bis zur afrikanischen Küste anträten.
Die Nachricht von dem Aufenthalt der Portugiesen auf Andjediva
gelangte durch Fischerboote bis nach Goa. Diese Stadt gehörte zum
Reiche Bidjapur und war Jussuf Adil Chan untergeben, der, weil er
aus Sava im westlichen Persien, bei Hamadan, stammte, den Beinamen
Sabai führte, woraus die portugiesischen Historiker den Namen Sabayo
bildeten. Dessen Statthalter in Goa hoffte nun, da er gehört hatte,
daß zwei der portugiesischen Schiffe behufs der Reparatur an den
Strand gezogen seien, sich dieser Fahrzeuge bemächtigen zu können und
übertrug dies Unternehmen seinem Hafencapitän, d. i. dem Schah-bender,
einem spanischen Juden, der bei der Einnahme Granadas jung vertrieben,
durch die Türkei über Mekka nach Indien verschlagen war. Dieser
recognoscirte bei Nacht die portugiesischen Schiffe, um zu sehen, ob
er sie nehmen oder verbrennen könne. Indische Fischer, die mit den
Portugiesen verkehrten, hatten aber bemerkt, daß in der Nähe mehrere
bewaffnete Fahrzeuge, s. g. Fusten versteckt und zum Ueberfall bereit
lagen. Gama ließ, von ihnen unterrichtet, den Juden, der anderen Tages
wie von ungefähr vorübersegelnd die Schiffe auf spanisch begrüßte,
ungehindert herankommen und an Bord steigen, dann aber sofort binden
und mit der Tortur bedrohen, wenn er seine Absichten nicht bekenne. So
gezwungen, den Schlupfwinkel seiner Boote zu verrathen, mußte er die
Portugiesen selbst dahin begleiten und zusehen, wie diese über seine
Leute herfielen und sie tödteten oder gefangen nahmen, um sie an den
Schiffspumpen arbeiten zu lassen. Barros fügt hinzu, der Jude habe sich
dazu bequemt, Christ zu werden und habe den Namen Gaspar Gama erhalten.
Da der Mißerfolg seines Planes ihm die Rückkehr nach Goa abschnitt,
zog er es vor mit nach Europa zu gehen. Später zeigte er sich
außerordentlich geschickt und nützlich bei den weiteren Fahrten und
Unternehmungen in Indien. Er war es auch, der die Portugiesen auf die
günstige Lage des Hafens von Goa hinwies, welcher bald der Stützpunkt
der portugiesischen Macht werden sollte.
Die endliche Abfahrt von den Gestaden des Gewürzlandes setzen Goes und
Castanheda auf den 5. October, Correa dagegen auf den 10. December.
Letzterer bemerkt ausdrücklich, die Piloten hätten dem Admiral
gerathen, das Eintreten des Nordost-Monsun abzuwarten. Daher ging die
Ueberfahrt dann bequem von statten und wurde der Hafen von Melinde
am 8. Januar 1499 erreicht,[89] nachdem man schon am 2. Januar die
afrikanische Küste bei Magadoschu gesehen hatte. Der Fürst von
Melinde nahm sie wieder sehr freundlich auf und versorgte sie mit
Lebensmitteln. Während des dortigen Aufenthalts, der von Einigen auf
fünf Tage, von Andern auf elf Tage angegeben wird, starben noch mehrere
Matrosen, so daß die Bemannung kaum noch zur Führung der Schiffe
ausreichte. Beim Abschied erhielt Gama noch einen Brief an den König
Manuel von dem Beherrscher Melindes, welcher dem Admiral zugleich
versicherte, die Portugiesen würden ihm jederzeit willkommen sein, wenn
sie auf der Fahrt nach Indien in seinen Hafen einliefen.
Bald darauf ging eins der drei Schiffe verloren. Ueber die Veranlassung
gehen die Berichte wieder bedeutend auseinander. Barros sagt, der San
Rafael sei wieder auf dieselben Klippen aufgefahren, auf die er schon
bei der Hinfahrt gestoßen; Osorio berichtet, Gama habe das Schiff
seines Bruders vor Melinde verbrannt, weil es untauglich war; Goes
verlegt diese Thatsache vor eine Stadt Tagata; Correa kennt dieses
Ereigniß gar nicht, denn noch nach der Umsegelung des Caps der guten
Hoffnung auf der Rückreise spricht er von dem Schiffe Paulo da Gama’s
als noch unter dem Geschwader vorhanden.[90]
Bei der weitern Fahrt wurden alle Details der Landmarken an der Küste
sorgfältig aufgenommen, um den späteren Flotten mehr Sicherheit in der
Fahrt zu geben. Am 2. Februar wurde auf einer Insel bei Mosambik noch
der letzte, S. Georg getaufte, Wappenstein gesetzt und dann später ohne
Schwierigkeit das gefürchtete Sturmcap dublirt. Hier in den kühleren
Meeresregionen genasen die meisten Kranken. Aber als man sich wieder
dem Aequator näherte und die fieberschwangeren Gewässer von Guinea
erreichte, brachen die Seuchen von neuem aus. Weniger widerstandsfähig
als früher, erlagen viele von der Mannschaft. Auch Paulo da Gama trug
seit dem Aufenthalte im Golf von Guinea den Todeskeim in sich. Die
Schiffe waren wieder sehr leck und hielten sich kaum noch über Wasser.
So sah sich Gama genöthigt, auf der Açoren-Insel Terceira anzulaufen.
Hier starb der edle Paulo da Gama in den Armen seines Bruders und
wurde im Kloster des heiligen Franciscus zu Angra bestattet. Dadurch
trat eine neue Verzögerung in dem Abschluß der Reise ein, so daß die
Nachricht von der Rückkehr der indischen Flotte eher nach Lissabon
gelangte, als Vasco da Gama selber dort einlaufen konnte.[91] Die erste
Kunde von der Ankunft der indischen Schiffe brachte Arthur Rodriguez
aus Terceira. Derselbe wollte grade mit seinem Schiffchen von den
Açoren nach Algarbe segeln, als Gama mit seinem Schiffe anlangte,
aber noch nicht bei Angra vor Anker gegangen war. Im Vorbeifahren
fragte Rodriguez, woher das Schiff komme und als er hörte, aus Indien,
steuerte er direct nach Lissabon und brachte schon nach vier Tagen dem
Könige, welcher sich grade in Cintra befand, die erste Meldung von
der Heimkehr Gama’s und wurde für diese erfreuliche Botschaft auf das
freigebigste beschenkt.
Als nun Vasco da Gama endlich selbst den Hafen der portugiesischen
Hauptstadt erreichte -- Coelho soll durch Sturm von ihm getrennt,
eher angelangt sein -- sandte ihm der König mehrere Würdenträger zur
Begrüßung entgegen und verlieh dem glücklichen Seemanne den Adelsrang
und Titel eines Admirals der indischen Meere. Ferner erhielt er das
Recht, sich am indischen Gewürzhandel jährlich mit 200 Cruzados[92]
zu betheiligen, ohne Fracht und Zoll zu zahlen. Endlich wurde ihm ein
einmaliges Geschenk von 20,000 Cruzados und 10 Quintal Pfeffer zu theil.
Nicolaus Coelho erhielt 3000 Cruzados monatlich für die Dauer der Reise
und ein Quintal von allen Droguen, sowie die Capitänschaft auf einem
Indienfahrer in allen Flotten, an denen er theil zu nehmen wünschte,
oder das Recht, dieselbe zu vergeben oder zu verkaufen.
Den Erben Paulo da Gama’s gab man die Hälfte von allem, was Vasco
bekommen hatte.
Jeder Steuermann und Bootsmann erhielt einen halben Quintal Gewürze,
ausgenommen Zimmt und Mazis, weil von diesem Artikel wenig mitgebracht
war[93].
Auch Klöster und Kirchen wurden reichlich beschenkt, und die
königlichen Majestäten wohnten allen feierlichen Processionen und
Messen bei, die bei diesen Gelegenheiten in Lissabon celebrirt wurden.
Man sprach durch alle diese Schenkungen und Stiftungen deutlich aus,
welchen Werth man auf die glückliche Vollendung der indischen Seefahrt
legte, welche unter dem Prinzen Heinrich begonnen, unter mehreren
Königen fortgesetzt, doch noch am Ausgange desselben Jahrhunderts,
welches den Keim gepflanzt, gelungen war. Es war für die Entwickelung
der Seemacht Portugals und seines Handels ein großartiger Impuls
gegeben. Der glänzende Erfolg rechtfertigte die zähe Ausdauer. Aber in
der Kühnheit des Planes steht doch die Fahrt Gama’s hinter derjenigen
eines Columbus und Magalhaens zurück, denn sie bildete nur den Abschluß
einer ganzen Reihe von Unternehmungen, deren Leiter dem glücklichen
Vollender tüchtig vorgearbeitet hatten, so daß nur ein Theil der
Reise durch gänzlich unbekanntes Gebiet führte, während Columbus und
Magalhaens vollständig neue Bahnen einschlugen. Beide durchschnitten,
auf sich selbst angewiesen, breite, unbekannte Weltmeere, Gama’s Zug
erscheint mehr als eine Küstenfahrt im großen Stil, und wo es galt, den
indischen Ocean zu kreuzen, vertraute er die Führung seines Geschwaders
zuverlässigen Lotsen an, die mit jenen Gewässern vollkommen vertraut
waren.
Dazu war Gama’s Stellung viel gesicherter, sowohl nach oben, gegen
die Behörden, die ihn aussendeten, als auch nach unten, gegen seine
Untergebenen. Gama erhielt den Auftrag von seinem Landesherrn, Columbus
und Magalhaens waren Fremdlinge, welche ihre Dienste einem auswärtigen
Fürsten anboten. Gama konnte sich seine Mannschaft aus den bewährten,
eigenen Landsleuten auslesen, Columbus und Magalhaens dagegen geboten
über Angehörige einer anderen Nation, die nur widerstrebend dem
vorgesetzten Ausländer gehorchten.