5. Die späteren Missionsreisen und Handelszüge.

Polo hatte in Asien eine Reihe von Nachfolgern, namentlich

glaubenseifrige Mönche, welche zwar nicht so umfassende Reisen wie der

venetianische Kaufmann machten, aber doch manche Ergänzungen seines

Berichtes brachten und namentlich dazu beitrugen, daß noch längere Zeit

das Interesse für die östliche Welt lebhaft erregt blieb.

Der erste unter diesen Missionaren war der Franziskaner +Johann von

Montecorvino+ in Süditalien, geb. 1247, gest. um 1328. Derselbe befand

sich zu gleicher Zeit mit den Poli in Asien. Im Jahre 1289 vom Pabste

entsendet, ging er in Begleitung des Kaufmanns Petrus de Lucalongo nach

Persien und weiter nach Indien, hielt sich dort bei den Thomaschristen

längere Zeit auf und konnte über Land und Leute manches neue erzählen.

Seine Erlebnisse und Beobachtungen sind in einem Briefe niedergelegt,

welchen er von Maabar in Ober-Indien 1292 oder 1293 nach dem Abendlande

sendete. Indien heißt bei ihm Maebar. Die Bewohner der dekhanischen

Halbinsel sind eigentlich nicht schwarz, sondern olivenfarben und von

schöner Gestalt. Ihre tägliche Nahrung besteht in Reis und Milch;

Brot und Wein kennen sie nicht. Unter den Produkten werden Pfeffer,

Ingwer und Bersi (Brasilholz) besonders erwähnt. Montecorvino ist

der erste abendländische Reisende, welcher Zimmt als ein wichtiges

Erzeugniß Ceylons nennt. Auch kennt er die eigenthümliche Schrift

auf Palmblätter. Die jahreszeitlichen Winde (die Monsune) regeln die

Schifffahrt, auch die Regen sind an bestimmte Zeiten gebunden. Südlich

vom indischen Meere gibt es kein Festland mehr, sondern nur Inseln, und

zwar mehr als 12000,[42] von denen aber ein Theil unbewohnt ist.

Von Indien wandte sich Montecorvino nach China an den Hof Kublais;

diesen Fürsten, den Gönner Polo’s, fand er aber nicht mehr unter den

Lebenden. Kublai starb 1294.

Von Cambalu aus, wo 1305 eine Kirche gebaut und ein Kloster gegründet

wurde und wo der Franziskaner das Oberhaupt der christlichen Gemeinde,

im Range eines Erzbischofs[43] wurde, schrieb er noch zwei Briefe in

die Heimat, im Januar 1305 und im Februar 1306. Ein dritter Brief, oder

eigentlich der Schluß des zweiten Briefes, ist später von Menentillus

von Spoleto mitgetheilt, woraus man früher die irrthümliche Folgerung

zog, daß Menentillus selbst in China geweilt habe. Montecorvino scheint

der erste und auch der letzte Erzbischof von Cambalu gewesen zu

sein.[44]

Zwischen 1316 und 1318 folgte seinen Spuren ein anderer Ordensbruder

+Odorich von Pordenone+ in Friaul. Er nahm seinen Weg über

Konstantinopel, Trapezunt und Armenien nach Tebris, wo zwischen 1284

und 1291 bereits ein Pisaner Kaufmann, Jolus oder Ozolus ansässig

gewesen war. Ueber Sultanieh und Kaschan ging er nach Jesd. Auf Kreuz-

und Querzügen, abseits von dem gewöhnlichen Karawanenwege, scheint er

an den persischen Golf gekommen zu sein. Er schildert die beweglichen

Sandmassen der Wüsten im Innern Persiens, rühmt die ausgezeichneten

Feigen und grünen Trauben von Jesd, besuchte die öden Palasttrümmer

von Comerum (wahrscheinlich Persepolis) und ging über Schiras ins

Tigristhal hinab nach Bagdad. Am babylonischen Thurme vorbei gelangte

er ans persische Meer und nach Ormuz, stieg hier zu Schiff und fuhr auf

einem gebrechlichen Fahrzeuge, dessen Planken ohne Eisennägel nur durch

Kokosfäden zusammengenäht waren, ähnlich wie es Polo und Montecorvino

bereits beschrieben hatten, in 28 Tagen nach Tana auf Salsette nördlich

von Bombay und von da nach Malabar (Minibar), wo der beste Pfeffer

gedeiht. Dort blühten damals die Plätze Flandrina (Pandarani), eine

jetzt verschwundene Stadt, nördlich von Kalikut, und Cyngilin, d. i.

Kranganor, südlich von Kalikut, damals der Sitz einer der ältesten

Dynastien in Malabar.[45] Um die Südspitze Vorder-Indiens herum

ging die Fahrt weiter nach Mobar (Koromandel), wo nach der Ansicht

Odorichs der Leib des heiligen Thomas begraben liegt. Auch Ceylon wurde

besucht, wo es Vögel mit 2 Köpfen (Tukan) gibt, und von hier auch

Mailapur (Madras) erreicht. Eine Seereise von 50 Tagen brachte unsern

Glaubensboten an den Nicobaren (Nicoveran) vorbei nach Lamori, einem

Reiche von Sumatra.[46] Wegen der Hitze gehen die Einwohner nackt, es

herrscht bei ihnen Weibergemeinschaft, wie auch auf der Insel Pagi

oder Pagai westlich von Sumatra, und Landcommunismus, auch sind sie

dem Canibalismus ergeben. Das Gebiet bringt Gold, Kampfer, Aloeholz,

Reis und Weizen hervor. Weiter gegen Süden liegt das Reich Sumoltra.

Hier begegnen wir zum ersten Male unverkennbar dem heutigen Namen der

Insel, welcher von dem Königreiche auf das ganze Eiland übertragen ist.

Nachdem Odorich noch verschiedene Häfen besucht hatte, wandte er sich

nach der reichen Insel Java, welche nach seiner Vorstellung, eine arge

Uebertreibung -- gut 3000 Meilen Umfang hat. An Produkten lieferte

diese zweitschönste von allen Inseln Kampfer, Kubeben, Kardamom- und

sogar Muskatnüsse. Mit Gold und Silber geschmückte Tempel verkündeten

die Macht und den Reichthum der Fürsten. Von hier kehrte Odorich nach

dem Norden zurück, berührte die Südküste Borneos, wie sich aus den von

ihm erwähnten Produkten Sagomehl, Palmwein, Bambus u. s. w. ergibt,

besuchte das Königreich Zampa (Tschampa), wo der König viele gezähmte

Elephanten besitzt, und endete in Kanton, im Lande Manzi (Südchina),

welches auch Ober-Indien genannt wurde, seine Seereise. Er bezeichnet

diesen berühmten Seehafen mit dem Namen Censcalan.[47] Die Stadt liegt

eine Tagereise vom Meere entfernt an einem großen Flusse und treibt

den ausgedehntesten Seehandel. „Ganz Italien besitzt nicht so viele

Schiffe als diese eine Stadt.“ Die betriebsame, dichte Bevölkerung

Chinas und seine zahlreichen Städte machten einen gewaltigen Eindruck.

Odorich greift wohl etwas zu hoch, wenn er meint, es gäbe in Manzi

2000 Städte, welche größer als Vicenza oder Traviso seien. Allein eine

annähernde Zahl von Städten besteht nach der Zusammenstellung Yules

(Cathay I, 104) noch jetzt. Von Kanton wandte sich Odorich nach Zayton

und von da nach dem Hafen Fuzo (Futscheu). Die weitere Landreise führte

sodann durch manche Städte und über ein hohes Gebirge, in welchem

zwei verschiedene Menschenrassen hausen, nordwärts zu einem großen

Fluß, in welchem er zuerst die Kormoranfischerei kennen lernte, und

dann nach Cansay, dem Quinsay Polo’s. In Bezug auf die Größe dieser

Weltstadt übertreibt er noch mehr als sein Vorgänger. Die Stadt liegt

in den Lagunen wie Venedig, hat 100 Meilen im Umfange und von den 12

Hauptthoren aus erstrecken sich die Vorstädte noch meilenweit ins Land

hinein.

Von hier gelangte der Franziskaner nach Chilenfu (Nanking), wo zuerst

die Könige von Manzi residirten. Damals hatten die Umfassungsmauern

eine Länge von 40 Meilen,[48] jetzt nur die Hälfte. Auf dem großen

Strome Talay (Ta kjang oder Yang tse kjang) ging die Fahrt an manchen

Städten vorbei zum Schifffahrtscanal, und über den Hwangho endlich nach

Cambalech (Peking), wo Odorich 3 Jahre verweilte und einer der von

Montecorvino gegründeten Kirchen vorstand.

Als neue Beobachtungen des chinesischen Lebens, welche Polo unerwähnt

gelassen, erzählt Odorich, es sei ein Zeichen der Vornehmen, sich

lange Nägel wachsen zu lassen, bei einigen werde der Daumennagel so

lang, daß er rund um die Hand gehe. Bei Frauen gelte es als Schönheit,

sehr kleine Füße zu haben. Daher pflegten die Mütter den neugeborenen

Mädchen die Füße fest zu umwickeln, daß dieselben nicht wachsen

könnten. Auch beschreibt er zuerst die weißen Hühner mit wollhaarigem

Gefieder, welche nur in China heimisch sind.[49]

Ueber den Weg, welchen Odorich auf seiner Heimreise einschlug, wissen

wir nur soviel, daß er sich von Peking westwärts ins Binnenland, in

das Land Tenduc, welches er für das Reich des Priesters Johann hielt,

begab, vielleicht auch Singanfu besuchte und über die Hochgebirge nach

Tibet und seiner Hauptstadt Lhasa vordrang. Hier verlieren sich alle

Spuren; möglicherweise führte die Route durch Persien über Tebris

wieder zurück. Um 1330 gelangte er wieder nach Venedig und starb im

Januar 1331 in Udine. Auf einem Theile seiner Wanderung hatte er einen

irischen Mönch Jakob zum Begleiter. Er war der erste Europäer, welcher

Tibet sah.

[Illustration: Hand eines reichen Annamiten.]

Auch auf dem nördlichen Handelswege nach Centralasien fanden sich in

der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eifrige Glaubensprediger ein,

denn der Pabst hatte allen, welche im Dienste der Kirche sich den

Mühen und Gefahren unterzogen, unter den Tataren das Christenthum

zu verbreiten, denselben Ablaß „~a poena et a culpa~“ verheißen,

wie denen, welche nach Jerusalem pilgerten. So zog 1338 auch der

spanische Franziskaner +Pascal von Vittoria+ von Venedig aus, fuhr

übers schwarze Meer nach der Krim (Gazaria) und Asow (Tana) und begab

sich dann in Gesellschaft einiger griechischer Händler zu Wagen nach

Sarai (Sarray), wo er, wahrscheinlich im Ordenskloster der Stadt,

über ein Jahr lang verweilte, dann die Wolga (Tygris) hinab ins Meer

von Baku (Vatuk), d. i. das kaspische Meer gelangte und nach 12 Tagen

Saraitschik (d. h. kleiner Palast) am Uralflusse erreichte. Der Ort

liegt gegenwärtig in Ruinen. Pascal war im Stande, mit den Tataren

in ihrer Sprache zu verkehren, denn er hatte in Sarai die kumanische

(chamanische) Sprache und die uigurische Schrift, welche bis nach

China verstanden wurde, sich angeeignet. Vom Uralflusse verfolgte er,

nachdem sein bisheriger Begleiter Fra Gonsalvo Transtorna umgekehrt

war, seinen Weg allein, ritt zu Kamel durch die turanische Steppe nach

Chiwa (Urganth) und predigte dort in der Landessprache. Von da aus

drang er ins Reich Tschagatai (~Imperium Medium~ der Abendländer),

wurde durch Kriegsunruhen zwar mehrfach aufgehalten, kam aber doch

endlich nach Almalik (Armalec) der Hauptstadt von Tschagatai, in der

Nähe des heutigen Kuldscha, und verkündigte trotz aller Verfolgung

glaubensmuthig die christliche Lehre. Von hier aus sandte er einen

Brief, den einzigen, nach Europa, in welchem er über seine Reisen

berichtete. Leider ist er, wahrscheinlich schon im nächsten Jahre,

1339 als Märtyrer gefallen.[50] In demselben Jahre erreichte auch ein

Kaufmann, Wilhelm von Modena, die Stadt Almalik.

Die letzte große Wanderung quer durch Asien führte der Franziskaner

+Johann von Marignolli+, ein geborener Florentiner (geb. 1290) aus. Auf

einen Brief des Großchans, vom Juli 1336, welcher 1338 nach Avignon

gelangte, schickte der Pabst Benedikt XIII. eine Gesandtschaft, aus 32

Personen bestehend, im December desselben Jahres von Avignon ab. Unter

den Sendlingen befand sich auch Marignolli. Man kam auf dem bekannten

Wege über Konstantinopel und Kaffa im Herbst 1339 nach Sarai, wo man

überwinterte, und schlug dann die Handelsroute über Urgendsch nach

Almalik (Armalec) ein. Hier blieb Marignolli bis 1341 und zog dann

über Komul (Kamil) nach Peking, wo die Gesandtschaft bei dem Kaan

eine Audienz hatte unter Vortragen des Kreuzes und unter dem Gesange:

„~Credo in unum deum~.“ In Cambalu verweilten sie 3 bis 4 Jahre als

Gesandte des Pabstes am kaiserlichen Hofe, dann ging die Wanderung

weiter nach dem Hafen Zayton. Die Schilderung, welche Marignolli von

China entwirft, ist etwas verworren. So hält er den Hwang ho und den

Yang tse kjang für ein und denselben Strom. Von dem Lande Manzi, d.

i. Südchina, welches früher unter dem Namen ~India maxima~ bekannt

war, sagt er, es habe 30,000 große Städte, unter denen Campsay

(Quinsay) die schönste, größte, reichste und wunderbarste sei mit

zahlreichen Prachtgebäuden und Götzentempeln, in denen bisweilen 1000

bis 2000 Mönche wohnten. Zu Ende des Jahres 1347 segelte Marignolli

nach Indien. Unterwegs stattete er auch der Königin von Saba[51]

einen Besuch ab und landete dann an der Küste Malabar in Indien in

der Stadt Columbum (Quilon oder Kollam). Denn hier verkehrten auch

chinesische Handelsschiffe. In Kollam existirte eine Gemeinde von

Thomaschristen. Die Vorsteher derselben bewahrten in Folge eines alten

Privilegiums das Normalgewicht (~statera~), mit welchem Pfeffer und

andere Spezereien gewogen wurden. Daher nennt Marignolli sie auch „die

Herren des Pfeffers“.[52] Bei dieser Stadt errichtete er auch eine

Marmorsäule mit Kreuz und salbte es mit Oel. An der Säule befanden sich

die Wappen des Pabstes und Marignolli’s mit indischer und lateinischer

Schrift. „Ich weihete es,“ erzählt der Bote des Pabstes, „und segnete

das Denkmal in Gegenwart einer unendlichen Menschenmenge und wurde

auf den Schultern von Häuptlingen in einem Palankin getragen.“ Von

da begab sich Marignolli nach Ceylon; aber das Paradies, welches

nach Mittheilungen der Eingebornen im Innern liegen sollte, hat er

selbst nicht gesehen. Nach der Ansicht des Johannes Scotus ist das

Paradies auf dem höchsten Punkte der Erde gelegen und reicht bis in

die Mondsphäre hinein. Daher muß das Wasser, welches aus dem Garten

Eden entspringt und die Bäume tränkt, mit starkem Falle herabstürzen.

Die Singhalesen fanden daher auch bei Marignolli Glauben, wenn sie ihm

erzählten, man könne das Rauschen der Paradiesquelle 40 Meilen weit

hören. Auf der höchsten Spitze des Berges ist noch der Fußstapfen Adams

und das Haus zu sehen, das er selbst gebaut hat.

Auf der Rückkehr von Ceylon nach der Koromandelküste fiel

Marignolli mohammedanischen Seepiraten in die Hände und wurde aller

Werthgegenstände, die er aus dem Osten mitgebracht, beraubt; aber

man schonte seines Lebens und so konnte er über Ormuz, Bagdad, in

dessen Nähe er die Ruinen des Thurmes zu Babel (d. h. den Mudschelibe)

besuchte, über Mossul, wo er die Ruinen von Ninive gesehen, Haleb und

Damaskus nach dem Abendlande heimkehren und 1353 dem Pabste in Avignon

das Antwortschreiben des Großkaan überreichen.[53]

Die oft wiederholten Handels- und Missionsreisen zu den Residenzen

der tatarischen Großfürsten machen es erklärlich, daß, lediglich um

den praktischen Bedürfnissen der Kaufleute zu genügen, Beschreibungen

des Weges mit Angabe der Entfernung und Kosten entworfen wurden. Ein

solcher +Reiseführer+ ist unter dem Titel „~Libro di divisamenti di

Paesi~“ von dem Italiener +Pegolotti+ zusammengestellt, welcher im

Dienste der Handelsgesellschaft Bardi in Florenz zwischen 1315 und 1317

als Factor in Antwerpen und von 1324-27 in Cypern lebte. Daß Pegolotti

die Reise nach China selbst gemacht habe, ist nicht erwiesen und auch

nicht wahrscheinlich. Der damals übliche Weg ging über das schwarze

Meer und durch Südrußland. Unter den allgemeinen Verhaltungsregeln

ward als rathsam empfohlen, daß man sich zunächst einen langen Bart

stehen lasse. Dann nehme man sich in Tana einen Dragoman und ein paar

tüchtige Diener, welche kumanisch verstehen; auch empfiehlt es sich

eine Frau mitzunehmen, welche womöglich gleichfalls kumanisch spricht.

Dann versorge man sich mit Mehl und Salzfisch, denn Fleisch findet

man allenthalben genug. Bewaffneten Schutz braucht man nicht, da die

ganze Straße bis China, Dank der Fürsorge der tatarischen Herren,

sicher ist. Hat man etwa (nach unserem Geld berechnet) für 240,000 Mark

an Waaren, so wird die ganze Reise etwa 3000 bis 4000 Mark kosten.

Ein vierräderiger Ochsenkarren mit Filzdach trägt eine Last von 10

Centnern, ein Kamelwagen, zu dem drei Zugthiere gehören, gegen 30

Centner, ein Pferd zieht etwa 6½ Centner.

Was nun die Entfernung und Stationen betrifft, so rechnet man auf den

Weg von Tana bis Astrachan (Gintarchan) mit Ochsenkarren 25 Tage,

von da bis Sarai 1 Tag, von da bis Saraitschik (Saracanco) am Ural

8 Tage. Von hier kann man zu Land oder zu Wasser weiter reisen. Auf

dem Landwege braucht man bis Organci (Chiva) mit Kamelkarren 20 Tage,

weiter bis Otrar (Oltrare) an einem Nebenflusse des Syr-Darja südlich

der Stadt Turkestan, unter 43° n. B., wieder 35-40 Tage. Von Saracanco

direct nach Otrar kürzt sich der Weg auf 50 Tage ab. In Otrar nimmt

man Packesel und reiset 45 Tage bis Armalec (bei Kuldscha) und 70 Tage

bis Kan-tschou (Camexu). Dann reitet man zu Pferde 45 Tage, bis man

an einen chinesischen Fluß[54] gelangt, auf welchem man nach Cassai

(Quinsay) kommt und von hier in 30 Tagen die ganze Reise bis Gamalec

(Cambalec, Peking) vollendet.

Leider war dieser aufblühende Verkehr mit dem Oriente nicht mehr von

langer Dauer; denn als 1368 in China die mongolische Dynastie gestürzt

worden war und eine einheimische Fürstenfamilie an die Spitze trat,

wurde das Land gesperrt und der Handel völlig abgebrochen. Nur Indien

blieb offen. Und hierher kam im 15. Jahrhundert noch ein venetianischer

Kaufmann +Nicolo de’ Conti+, dessen Erzählung nur durch den seltenen

Zufall sich erhalten hat, daß Conti auf der Heimreise nach Europa auf

dem rothen Meere in die Hände von Piraten gefallen und aus Todesfurcht

den Islam annahm, dann freigelassen, sich in seiner Gewissensangst

um Ablaß an den Pabst Eugen IV. wandte, welcher von 1439-42 sich in

Florenz aufhielt, und dessen Secretär Poggio (Poggius) die Erlebnisse

des Reisenden niederschrieb.[55] Der ganze Bericht macht den Eindruck

der Treue und Zuverlässigkeit, doch mag wohl Poggio manches auf eigne

Hand hinzugefügt haben, so über die Insel Taprobane. Conti hatte sich

in seiner Jugend in Aegypten aufgehalten, um Handel zu treiben, war

dann flüchtig geworden, weil er das ihm von seinem Vater anvertraute

Capital vergeudet hatte, und war mit einer großen Karawane von 600

Köpfen durch das steinige Arabien und über Chaldäa an den Euphrat

gereist. Während des Zuges durch die syrische Wüste hatten sie, ähnlich

wie Polo, seltsame Erscheinungen, welche nach Angabe von erfahrenen

Männern, die dergleichen schon früher erlebt hatten, für Dämonenspuk

ausgegeben wurden. Es war, als ob Reiterschwärme vorübersausten. Man

wird bei der Schilderung unwillkürlich an das bekannte Gedicht von

Freiligrath: Das Gesicht des Reisenden erinnert. Dann kam er nach der

Stadt Babilonia am Euphrat, „welche die heutigen Bewohner Baldachia

(Bagdad) nennen“.[56] Dann ging es den Fluß hinunter nach Basra

(Balsera) und übers Meer nach Ormuz (Ormesia), damals bereits auf der

Insel gelegen. Unterwegs berührte er den Hafen Colchum (bei Diego

Ribero 1529 Conga, jetzt Kongun, südlich von Schiras).

In einem persischen Hafen, den er Calacatia[57] nennt, hielt er sich

längere Zeit auf, um persisch zu lernen. Seine weitere Reise unternahm

er dann in der Tracht eines Persers und fuhr in Gesellschaft seiner

adoptirten Landsleute zu Schiff nach Cambaya (Cambahita), welches

sie nach einer Fahrt von einem Monat erreichten. Cambaya war damals

einer der bedeutendsten Hafenplätze Indiens. „Wenn die abendländische

Welt zum Genuß hinterindischer und chinesischer Produkte gelangte, so

verdankte sie dies zumeist den unternehmenden Kaufleuten und tüchtigen

Seecapitänen von Cambaya und Kalikut.“[58] Eine Küstenfahrt führte

Conti nach Süden in die Region, welche ausgezeichneten Ingwer liefert.

[Illustration: ~=Mapamondi=, das heisst das Bild der Welt und der

verschiedenen Staaten der Welt und der Gegenden, welche auf der Erde

sind, der verschiedenen Arten von Völkern, welche auf derselben

wohnen. (Und besagtes Bild oder Figur ist rund wie ein Spielball und

ähnlich einem Ei, getheilt in vier Elemente. Denn wie das ganze Ei von

aussen von seiner Schale umgeben ist, wie die Schale das Eiweiss, und

dieses den Dotter umgibt, und darauf der Tropfen des Embryo gebildet

ist: so ist diese Welt auf allen Seiten vom Himmel umgeben, wie von

der Eierschale, der Himmel umgibt die reine Luft, wie die Schale das

Eiweiss; die trübe Luft ist umgeben von der reinen Luft, wie der Dotter

vom Eiweiss u. s. w.)~

Die Bewohner von Norwegen leben mehr von Fischen und von der Jagd als

von Brot. Diese Gegend ist sehr rauh und kalt und gebirgig, wild und

voll von Gebüschen. Viel Wild gibt’s hier: als Hirsche, weisse Bären

und Gerfalken. Es gibt Hafer, aber nur sehr wenig, wegen der grossen

Kälte.

In Irland gibt es viele merkwürdige Inseln, darunter ist eine kleine,

wo die Menschen nicht sterben; aber wenn sie sehr alt sind, um zu

sterben, trägt man sie von der Insel. Da gibt’s keine Schlange und

keine Kröte und keine giftige Spinne; denn das ganze Land duldet kein

giftiges Thier. (Da ist auch ein See und eine Insel. Noch mehr, es gibt

dort Bäume, die tragen Vögel, wie andere Bäume reife Feigen tragen.)

Desgleichen gibt es eine andere Insel in welcher die Frauen nicht

niederkommen; wenn aber die Zeit der Entbindung kommt, schafft man sie,

der Sitte gemäss, von der Insel fort.

Die glückseligen Inseln liegen in dem grossen Meere linker Hand, an der

Grenze des Occidents, aber nicht fern im Meere. (Isidor spricht also in

seinem 15. Buche: Diese Inseln heissen Fortunatae.) Denn sie sind reich

an allen Gütern, Korn, Früchten, Kräutern, Bäumen und die Einwohner

glauben, es sei hier das Paradies, wegen der milden Sonnenwärme und

der Fruchtbarkeit des Bodens. (Isidor sagt auch) Die Bäume wachsen

hier wenigstens 140 Fuss hoch und tragen viele Früchte und Vögel. Man

findet hier Honig und Milch, vorzüglich in der Insel Capria, die nach

der Menge der Ziegen, die es hier gibt, benannt ist. Dann ist hier die

Insel Canaria, benannt nach den grossen und starken Hunden, welche

dort sind. (Plinius, dieser Meister der Geographie, sagt, dass es

unter den Fortunaten eine gibt, wo alle Güter der Welt wachsen, ebenso

alle Früchte, ohne dass man sie zu säen und zu pflanzen braucht. Auf

der Höhe der Gebirge sind sehr wohlriechende Bäume, zu jeder Zeit mit

Blättern und Früchten bedeckt. Die Einwohner essen davon einen Theil

des Jahres. Die Bewohner Indiens glauben, dass ihre Seelen nach dem

Tode diese Inseln bewohnen werden und dass sie dort ewig leben werden

von dem Wohlgeruch dieser Früchte. Sie glauben, dass dies ihr Paradies

sei, aber, offen gestanden, es ist dies eine Fabel.)

Das Schiff des Jacob Ferrer ging in See nach dem Goldflusse am Tage des

heil. Laurentius, am 10. August 1346.

Die Orkney-Inseln, in denselben ist 6 Monate Tag, während die Nacht

hell ist, und 6 Monate Nacht, während der Tag trübe ist.

Cap Finisterre, das Westcap Afrikas, hier beginnt (Afrika) und endigt

in Alexandrien und Babilonia (Stadt in Aegypten) und umfasst die

ganze Küste der Berberei und reicht (bis Alexandrien) gegen Mittag u.

Aethiopien (und Aegypten. Man findet in diesem Lande viel Elfenbein

wegen der Menge von Elephanten, die hier geboren werden und welche hier

an den Strand kommen.)

Thal von Darha (Wadi Draa). Durch diesen Ort ziehen die Kaufleute,

welche nach dem Lande der Neger von Guinea reisen.

Dieses ganze Gebiet haben Leute inne, welche sich so einhüllen,

dass man nichts als die Augen sieht (Tuarez mit dem Lithmen oder

Gesichtsschleier), sie leben in Zelten und reiten auf Kamelen. (Es

gibt hier auch Thiere, welche Lemp(?) heissen, aus deren Haut man gute

Schilde macht.)

Dieses ganze Gebirge wird in seiner Länge Carena von den Sarazenen

genannt und von den Christen die Hellen Berge (vom Schnee) genannt,

hat viele schöne Städte und Schlösser, die mit einander Krieg führen

und hat Ueberfluss an Brot und an Wein und an Oel und an allen guten

Früchten.

Dieser Negerfürst heisst Mussemelly, Herr der Neger von Guinea. Dieser

König ist der reichste u. vornehmste Herr dieses ganzen Landes, wegen

der Menge Gold, die man in seinem Lande sammelt.

Dieses Meer heisst das deutsche Meer und das Meer von Gotland und

Schweden. Wisst, dass dieses Meer 6 Monate im Jahre gefroren ist,

nämlich von Mitte October bis Mitte März, so dass man in dieser Zeit

mit Ochsenwagen darüber fahren kann, wegen der Kälte des Nordens.

Hier ist der mittlere Theil des Gebirges, über welches sarazenische

Pilger ziehen, welche vom Abendlande aus nach Mekka walfahren.

Hier herrscht der König Organa, ein Sarazene, welcher fortwährend mit

den Sarazenen an der Küste und mit den andern Arabern Krieg führt.

In diesem Sumpf leben Orions und andere seltsame Fische.

Stadt Lemberg (Löwenberg); in diese Stadt kommen Kaufleute, welche aus

dem Orient anlangen und sich durch das deutsche Meer nach Flandern

begeben.

Dieser König führt beständig Krieg mit den Christen in Nubien, welche

dem Kaiser von Aethiopien im Lande des Priesters Johannes unterthänig

sind.

Dieser Sultan von Babilonia ist gross und mächtig unter den andern

dieser Gegend.

Durch diese Meerenge gingen die Kinder Israels, als sie aus Aegypten

auszogen.

In diese Stadt Chos (Kosser) bringt man die Spezereien, die von Indien

kommen. (Man bringt sie dann nach Babylonia (Kairo) und Alexandrien.)

Dieses Meer heisst das rothe Meer (hier zogen die zwölf Stämme Israels

hindurch) und wisst, dass das Wasser nicht roth ist, sondern der

Boden hat diese Farbe. Durch dieses Meer geht der grössere Theil der

Spezereien, die von Indien (nach Alexandrien) kommen.

Hier ist der Leib d. Jungfrau Katharina (Katharinenkloster). Der Berg

Sinai, auf welchem Gott Moses das Gesetz gab.

Hier regiert der Kaiser dieser nördlichen Gegend, dessen Bereich in

der Provinz Bolgar (an der Wolgar) beginnt u. in der Stadt Urgendsch

endigt. Dieser Fürst heisst Jambech (1342-1356) Herr von Sarai.

Diese Stadt heisst das grosse Ninive, dieselbe wurde wegen ihrer Sünden

zerstört.

Hier lag das grosse Babylon, wo Nebukadnezar war.

In dieser Stadt ist das Grab Mohammeds, des Propheten der Sarazenen,

welche aus allen Ländern dahin pilgern u. sie sagen, dass nachdem sie

etwas so kostbares gesehen, es nichts mehr gebe, was des Ansehens werth

wäre. Dann lassen sie sich zur Ehre Mohammeds blenden.

Es heisst jetzt Bagdad. Wisst, dass man in diese Stadt viele Spezereien

und schöne Sachen bringt, die von Indien kommen u. die man dann ins

Land Syrien und besonders nach Damaskus schafft.

Vor der Mündung des Flusses von Bagdad das Meer von Indien und Persien.

Hier sind Fischereien von Perlen, welche man dann in die Stadt Bagdad

bringt. (Und die Fischer sprechen, ehe sie auf den Grund tauchen, ihre

Zaubersprüche, um die Fische zu verjagen.)

Wisst, dass diejenigen, welche die Wüste durchreisen wollen, hier

anhalten und eine ganze Woche ausruhen in einer Stadt Namens Lop (wo

sie und ihre Thiere sich erholen), und wo sie sich mit allem Nöthigen

für 7 Monate versehen; denn in der Wüste kann ein Mensch einen Tag und

eine Nacht wandern, ehe er gutes Trinkwasser findet; (aber nach dieser

Zeit von einem Tag und einer Nacht findet man) so viel, dass es für

50, für 100 Personen und noch mehr ausreicht. Und wenn es geschieht,

dass ein Reisender bei Nacht auf dem Pferde einschläft, (oder aus einem

andern Grunde seine Kameraden verlässt, so kommt es oft vor) dass er

in der Luft zahlreiche Stimmen von Teufeln hört (die der Stimme seiner

Gefährten gleichen); dann rufen sie ihn bei seinem Namen und endlich

führen die Teufel ihn kreuz und quer durch die Wüste, dass er seine

Gefährten nie wieder findet. -- Diese Karawane reist vom Kaiserthum

Sarai nach China.

Die Stadt Schiras, sonst Gracia genannt; hier wurde die Astronomie

zuerst durch den sehr gelehrten Ptolemäus erfunden (?!)

Arabia Saba ist die Provinz, welche die Königin von Saba besitzt.

Jetzt gehört sie arabischen Sarazenen. Es gibt dort viele Wohlgerüche

als Myrrhe und Weihrauch, sie hat Ueberfluss an Gold, an Silber und

kostbaren Steinen, auch findet man hier, wie man sagt, den Vogel

Phönix.

(Diese Provinz heisst) Tarsia. Von hier zogen die drei weisen Könige

aus, welche mit ihren Geschenken nach Bethlehem in Judäa kamen und

Jesum Christum anbeteten; sie sind begraben in der Stadt Köln, zwei

Tagereisen von Brügge.

Diese Stadt heisst Ormus. Hier beginnt Indien. Wisst, dass in diese

Stadt Fahrzeuge kommen, welche 8-10 Masten haben mit Segeln von Rohr.

Diese Schiffe heissen Dschonken (und haben 60 Ellen Kiel und wenigstens

34 Ellen Oberwerk.) Sie haben 4-10 Masten und ihre Segel sind aus Rohr

und Palmblättern.

In dem indischen Meere, wo die Fischereien sind, gibt es mehr reiche

Inseln, aber die Fischer machen, ehe sie auf den Grund tauchen, ihren

Zauber, wodurch sie die Fische vertreiben; und wenn die Fischer

zufällig untertauchen, bevor sie ihren Zauber gemacht haben, werden sie

von den Fischen gefressen. Das ist eine ausgemachte Sache.

Der König von Dehli. Hier ist ein grosser, mächtiger u. sehr reicher

Sultan; dieser Sultan hat 700 Elephanten und 100,000 Reiter unter

seinem Befehl. Er hat auch zahllose Truppen zu Fuss. In dieser Gegend

der Erde gibt es viel Gold u. kostbare Steine.

Auf diesen Inseln gibt es viele gute Gerfalken und Falken, welche die

Einwohner nur für den Bedarf des Gross-Chans zu fangen wagen, des Herrn

und Kaisers von China.

Wisst, die Männer und Weiber dieses Landes, wenn sie gestorben sind,

mit Musik und Freudenbezeugung zum Scheiterhaufen getragen werden.

(Während die Verwandten des Todten wehklagen) geschieht es bisweilen,

dass die Witwen sich ins Feuer stürzen zugleich mit ihren Männern;

dagegen die Männer nie mit ihren (gestorbenen) Frauen.

Diese (Trompeten) sind von Metall. Alexander, der grosse mächtige

König, liess sie machen. Die Gebirge von Badachschan. Diese Menschen

sammeln Diamanten; aber da sie nicht in die Gebirge gelangen können, wo

sich die Diamanten finden, so werfen sie sehr geschickt Fleischstücke

dahin, wo die Edelsteine liegen und die Steine heften sich an das

Fleisch und Vögel nehmen sie da weg. Dann fallen die (am Fleisch

klebenden Steine) den Vögeln weg u. so werden sie gefunden, und so fand

es Alexander.

Der See Issyk-Kul. In diesem See ist ein Kloster von armenischen

Mönchen, in welchen, wie man sagt, der Leib des Heil. Matthäus, des

Apostels und Evangelisten ist.

Viele Städte, welche Alexander der Grosse, König v. Macedonien, baute.

Hier herrscht der König von Kollam, ein Christ. Provinz Kollam.

Hier herrscht der König Chabech (Gabak oder Kapak, zwischen 1310 u.

1320), welchen man den Herrn des medischen Reiches nennt. Er war in

Emaleck (?)

Hier herrschte der König Stephan. Hier ist der Leib des Heil. Thomas,

des Apostels. (Blicke nach der Stadt Butifilis (Motupalla)).

In der Insel Jana (?) findet man viele Bäume, Aloëholz, Kampfer,

Sandel, feine Spezereien, Galanga (eine Wurzel), Muskatnüsse,

Zimmtbäume, wovon das kostbarste Gewürz von ganz Indien kommt; auch

findet man dort Macis und Blätter.

Das kaspische Gebirge, in welchem Alexander so hohe Bäume sah, dass

ihr Wipfel in die Wolken reichte. Und mit Hilfe seiner Kunst schloss

er dort die Tartaren Gog und Magog ein (und für sie liess Alexander

die eben beschriebenen Metallbilder machen.) Ebenso schloss er an

diesem Orte auch verschiedene Arten von Menschen ein, die nicht rohes

Fleisch essen sollten. Das ist das Menschengeschlecht, mit welchem der

Antichrist kommen wird. (Sie werden endlich durch Feuer vernichtet,

welches vom Himmel herabkommt, um sie zu vertilgen.)

Hier werden kleine Menschen geboren, welche nur 5 Palmen hoch sind (und

obwohl sie klein und unfähig sind, schwere Arbeit zu thun, so sind sie

doch im Stande und fähig zu weben und Vieh zu hüten.) Und wisst, dass

diese Menschen, wenn sie das 12. Jahr erreicht haben, heirathen und

gewöhnlich bis zum 40. Jahr leben.... Und sie vertheidigen sich kräftig

gegen die Kraniche und nehmen sie und essen sie. (Hier endigt das Land

der Herren von China.)

Die Insel der nackten Menschen, in welcher Männer u. Frauen vorn und

hinten ein Blatt tragen.

Der grosse Fürst von Gog oder Magog. Dieser wird zur Zeit des

Antichrists mit grossem Volke kommen.

Der grosse und mächtige König Alexander hätte hier sterben müssen, wenn

ihn Satanas nicht durch seine Kunst gerettet hätte.

Der grösste Fürst aller Tartaren heisst Ulu-beg, das bedeutet

Gross-Chan. Dieser Kaiser ist viel reicher als alle anderen Kaiser

der ganzen Welt. (Diesen Kaiser bewachen 12,000 Reiter.) Er hat 4

Hauptleute, welche jeder 12,000 Pferde unter ihrem Befehl haben. Jeder

Hauptmann begiebt sich an den Hof des Herrschers mit seiner Compagnie

auf 3 Monate im Jahr und dann die andern der Reihe nach.

In dem Meere von Indien sind 7548 Inseln, von denen wir hier nicht alle

wunderbaren Reichthümer, die darin enthalten sind, von Gold, Silber und

(kostbaren Steinen) aufzählen können.

Meer der Inseln von Indien, wo die Spezereien sind. In diesem Meere

fahren zahlreiche Schiffe verschiedener Völker.

Man findet dort 2 Arten von Fischen, welche man Syrenen nennt, die eine

ist halb Frau und halb Fisch, die andere halb Frau und halb Vogel.

Wisst, dass neben der grossen Stadt Cambalech ehemals die grosse Stadt

Garibalu lag. Und der grosse Chan fand durch Astronomie, dass diese

Stadt sich gegen ihn empören würde. Er liess sie daher zerstören und

die Stadt Cambalech bauen. Diese Stadt hat 24 Meilen Umfang und ist

mit sehr starken Mauern umgeben. Sie bildet ein Viereck, jede Seite

hat 6 Meilen und die Mauern sind 20 Schritt hoch und 10 Schritt dick.

Es gibt 12 Thore und einen grossen Thurm, auf dem eine grosse Glocke

angebracht ist, welche nach und vor dem Schlaf ertönt. Wenn sie ertönt,

darf niemand mehr durch die Stadt gehen. An jedem Thor halten 1000 Mann

Wache; nicht aus Furcht, sondern zur Ehre des Herrschers.

Der Antichrist. Dieser wird in Corozaim in Galliläa aufwachsen. Und

wenn er 30 Jahre alt ist, wird er in Jerusalem anfangen zu predigen,

und gegen alle Wahrheit wird er sagen, er sei Christus, der Sohn

Gottes, und man sagt, dass er den Tempel wieder aufbauen werde.

Diese Menschen sind wild und leben von rohen Fischen und trinken

Seewasser und gehen nackt.

Die Insel Taprobana, diese wird von den Tataren Magno-Caulij genannt;

es ist die letzte im Osten. (Auf dieser Insel gibts Menschen, welche

von den andern ganz verschieden sind.) In einigen Gebirgen dieser

Insel gibt es Menschen von grosser Gestalt, d. h. von 12 Ellen, wie

Riesen, sehr schwarz und ohne Vernunft, sie fressen die fremden weissen

Menschen, wenn sie dieselben fangen können. (Anklänge an Völker auf

Sumatra und Neuguinea.)

_Schutzblatt zur catalanischen Erdkarte mit der Uebersetzung der

Legende des Originals. Die eingeklammerten Stellen des Textes sind

des beschränkten Raumes wegen aus den Legenden der Karte weggelassen,

werden aber hier der Vollständigkeit wegen in der Uebersetzung

mitgetheilt. Eingeklammerte einzelne Worte dienen zur Erläuterung._

(~Diese Reproduction ist mit Ausnahme der Schriftcharaktere dem

Originale, welches auf vier Pergamenttafeln gezeichnet ist, in ⅓ der

Länge demselben facsimile nachgebildet.)~

Auf dieser Insel gibt es jedes Jahr 2 Sommer und 2 Winter. Die Bäume

und Kräuter blühen hier jährlich zweimal (und es ist die letzte

indische Insel und hat eine Fülle von Gold, Silber und kostbaren

Steinen).]

Von der Küste wandte sich der Venetianer ins Binnenland, er war der

erste Europäer, welcher quer durch die Halbinsel Vorder-Indien zog, und

der erste, der später den Ganges hinabfuhr,[59] und besuchte die Stadt

Bizenegalia (Bisnagar oder jetzt Widjajanagara, 15° 19′ n. B.) eine

damals berühmte, jetzt in Trümmern liegende Residenz, welche später, im

16. Jahrhundert auch von dem Venetianer Cesare Federici erreicht und

beschrieben ist. Nach dem Jahre 1567 verfiel die Stadt. Ueber Pelagonda

(jetzt Pinakonda) und Cenderghiria (Tschandragiri) drang Conti dann

quer durch das Plateau von Dekan vor und erreichte die Ostküste bei

Pudifatania (Madras) und Malipuria (Milapur, unmittelbar südlich von

Madras, auch St. Thoma genannt), wo der Leib des Apostels Thomas in

einer prächtigen Basilica begraben lag. Die ganze Landschaft nennt er

Malabar statt Maabar. Die letzte Stadt, welche er hier besuchte, war

Cahila. M. Polo nennt sie Cael. Es ist das altindische Kayal und lag

etwa zwei Kilometer oberhalb einer der Mündungen des Tamraparniflusses.

Kayal war eine Tochterstadt des ptolomäischen Kolchoi, jetzt Kolka,

ein Dorf, zwei bis drei engl. Meilen weiter landeinwärts auf der Höhe

gelegen.[60] Die Stadt war berühmt durch ihre Perlenfischereien. Von

da setzt der Reisende nach der Insel Seilana (Ceylon) über, welche

durch ihre Edelsteine: Rubinen, Saphiren und Katzenaugen und durch

den Zimmtbaum berühmt war. Mit günstigem Fahrwinde segelte er von da

in 20 Tagen, wobei man die Andamanen (Andamaria) zur rechten Hand

ließ, nach Sumatra (Sciamuthera bei Conti). Die wilden Bewohner

tragen in ihren großen Ohren mit Edelsteinen besetzte Goldringe und

kleiden sich in Seide und Leinen. Sie haben Pfeffer, Kampfer und

Gold in Fülle. Conti erwähnt hier zuerst die merkwürdige Frucht des

Durianbaumes (~fructum durianum~), welche grün von Farbe und so groß

wie eine Gurke von verschiedenem Geschmack gleich geronnener Butter

ist. Eine genaue Beschreibung dieser sehr geschätzten Frucht hat A. R.

Wallace[61] gegeben. Die Verschiedenartigkeit des Geschmacks, welche

Conti hervorhebt, definirt Wallace in folgender Weise: „Ein würziger,

butteriger, stark nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt die beste

allgemeine Idee davon, aber dazwischen kommen Duftwolken, die an

Rahmkäse, Zwiebelsauce, braunen Jerezwein und anderes Unvergleichbare

erinnern. Dann ist der Brei von einer würzigen, klebrigen Weichheit,

die sonst keinem Dinge zukommt, die ihn aber noch delicater macht. Die

Frucht ist weder sauer, noch süß, noch saftig und doch empfindet man

nicht den Mangel einer dieser Eigenschaften.“ Auf Sumatra leben in der

Landschaft Bathech Menschenfresser, welche die Köpfe der erschlagenen

Feinde als Geld gebrauchen. Das Volk der Batta, welches gemeint ist,

steht noch in dem übeln Rufe des Canibalismus.

Auf der Rückkehr von dort wurde Conti durch Sturm an die Küste von

Tenasserim verschlagen, wo es viele Elephanten und Färbeholz gibt. Von

da gelangte er zum Ganges und fuhr den Strom 15 Tage weit hinauf. Der

Reisebericht wird von hier ab dunkeler, namentlich auch, weil sich

manche der angeführten Ortsnamen nicht deuten lassen. Wahrscheinlich

besuchte er noch Arracan (Rachani), stieg über das Gebirge gegen Osten

ins Thal des Irawadi hinab und fuhr stromauf nach der alten Hauptstadt

Ava des Königreichs Birma. Man scheint dieses Land damals zu Süd- oder

Großchina gerechnet zu haben, dessen Namen Conti in der Form Macinum

(Ma-tschin) kennt. Von Ava kehrte Conti nach Sittang zurück (Xeython),

wandte sich nach Bangkok (Pancovia), wo er vier Monate blieb und fuhr

von da nach den Sundainseln. Den ganzen Archipel bezeichnet er mit dem

Namen Inner-Indien. Längeren Aufenthalt nahm er in Borneo und Java

(Groß- und Klein-Java), deren Bewohner ihm die unmenschlichsten und

grausamsten von allen zu sein schienen. Als Beispiel dafür erwähnt

er das auf Java übliche Amoklaufen. Conti erzählt auch zuerst von

den wundervollen Paradiesvögeln, deren Bälge als Kopfschmuck dienen.

Das noch in späteren Jahrhunderten von den Portugiesen vorgetragene

Märchen, wonach dieser Schmuckvogel keine Füße haben sollte, hat

auch Conti bereits vernommen; doch irrt er darin, daß er den Vogel

auf Borneo leben läßt, während derselbe auf den Molukken die

Westgrenze seiner Verbreitung findet. Bis zum Jahre 1760 war noch kein

vollständiges Exemplar nach Europa gelangt.[62]

Nach einer Fahrt von 14 Tagen erreichte unser Reisender mit seiner

Familie, die ihn begleitete, die Gewürzinseln, wo die Muskatnüsse und

Gewürznelken gedeihen. Conti nennt die beiden von ihm besuchten Inseln

Sandai und Banda. Welche Eilande darunter zu verstehen sind, läßt

sich nicht bestimmen; denn der Name Sandai ist jetzt völlig unbekannt

und auf der heute Banda genannten Insel wuchsen die Gewürznelken

damals nicht. Höchst wahrscheinlich verwechselte er den Gewürzmarkt

mit dem Produktionsgebiet. Von da ging Conti nach dem oftbesuchten

Tschampa (Ciampa), welches er als Seestadt bezeichnet, und kehrte

nun nach Vorder-Indien, nach Kollam, zurück. Ueber Kotschin, Kalikut

(Collicuthia) und Cambaya wandte er sich zur Heimkehr, landete

unterwegs an der aloëreichen Insel Sokotra (Sochutera), berührte Aden

und das an der afrikanischen Küste gegenüberliegende Berbera (Barbora),

verweilte längere Zeit in Abessinien, schiffte darauf durchs rothe

Meer nach Djidda und kam endlich nach Kairo (Carras), wo er außer

sämmtlichen Dienern seine Frau und zwei Söhne an der Pest verlor.[63]

Obwohl seiner Zeit die Erzählung Conti’s mehrfach auf Mißtrauen

gestoßen ist, so wird doch eine gründliche Prüfung bestätigen müssen,

daß ein großer Theil seiner Mittheilungen auf Autopsie beruht und

daß sich manche Dunkelheiten aus der mangelhaften Beschaffenheit der

erhaltenen Texte erklären lassen.

Die Beziehungen der römischen Kirche zum Orient dauerten auch

noch unter Calixt III. (1447-1458) und Pius II. (1458-1464) fort,

äthiopische Gesandte kamen nach Rom, von denen schon Poggio

Erkundigungen über Aethiopien und die Region der Nilquellen einzog

und aufzeichnete, andere Boten gingen nach Persien und Indien, so daß

die Kenntniß von diesen Ländern sich immer klarer gestaltete. Auch

Kaufleute wagten sich immer häufiger in das Reich der Gewürze, und

so konnte Toscanelli in seinem Briefe an den Canonicus Martinez in

Lissabon 1474 genaue Schilderungen selbst Chinas nach dem Berichte von

Augenzeugen geben, mit denen er selbst verkehrt hatte.

[Illustration: ~Fra Mauro’s Weltkarte von 1459.~

~(Original in Venedig).~

~Längenmaassstab 1/10 des Originals.~]

Was die Mitte des 15. Jahrhunderts vom Osten Afrikas wußte, läßt sich,

wenn auch in unbeholfener Gruppirung dargestellt, auf der in Venedig

1459 entworfenen +Weltkarte Fra Mauro’s+ erkennen. In Abessinien sind

der Abai und Takazze als Tributäre des Nil verzeichnet, selbst der Djub

(Hebe) findet sich in annähernd richtiger Lage. Vor allem wichtig muß

es aber erscheinen, daß an der Ostküste, wo zwar die Insel Madagascar

noch fehlt, doch die Erkundigungen über Makdischu (Mogodisco) und

Sansibar (zweimal als Xengibar und Chancibar), vielleicht bis zu

der Comoren-Insel Mohilla (Mahal) und nach Sofala (Soffala) reichen.

Durch die sich weit nach Süden ziehenden afrikanischen Uferlinien

wurden später die Hoffnungen, eine Umfahrt um Afrika zu ermöglichen,

wesentlich bestärkt.

[Illustration: _Die Orientirung des Originals ist umgekehrt, Norden

unten; daher in dieser nach H. Kiepert gemachten Copie die Contouren

genau reducirt, die Gebirge aber dem Charakter des Originals nur

ähnlich und die Städte an Stelle der perspectivischen Zeichnungen des

Originals durch Signaturen angegeben sind._]

Zweites Capitel.

Die Abendseite der alten Welt.

Prinz Heinrich der Seefahrer.

Wenden wir uns wieder der Westseite Afrikas zu, so ist unsere nächste

Aufgabe, nachzuweisen, wie die Kenntniß hier, nachdem um die Mitte des

14. Jahrhunderts die Grenze des Wissens alter Zeit wieder erreicht

worden war, unter besonders günstigen Umständen rasch und planmäßig

vorwärts rückte.

Unter den damals bekannt gewordenen westafrikanischen Inselgruppen

waren nur die Canarien bewohnt gefunden. Hier saß das Volk der

Guanchen, wie die Spanier den Namen schreiben, ein starker kräftiger

Menschenschlag von blondem Haar und heller Gesichtsfarbe, deren

Nachkommen noch in jüngster Zeit einen deutschen Reisenden an den ächt

sächsischen, westfälischen Typus erinnern konnten.[64] Und in der That

hat Löher auch den Beweis angetreten, daß die Wandschen (Guanchen)

germanischer Abkunft seien, und sich höchst wahrscheinlich ans den

Trümmern der von Belisar niedergeworfenen Vandalen und durch Tarik bei

Jerex besiegten Westgothen gebildet hätten. Unter den beigebrachten

historischen Zeugnissen ist hier namentlich die Deutung hervorzuheben,

welche die Sage von der Flucht eines Erzbischofs und mehrerer

Bischöfe auf die Inseln des Westmeeres erhielt, von welcher oben (S.

21) berichtet ist. Danach ist dann der Name Wandschen identisch mit

Vandalen. Aber auch in Bezug auf den Nationalcharakter, die Sitten und

Anschauungen, die Art der Ansiedlungen und der staatlichen Verfassungen

bieten sich so manche Analogien mit altgermanischem Wesen, daß wir uns

der überraschenden Beweisführung Löhers nicht verschließen können.

Unverkennbar, aber auch ganz erklärlich, war die Sprache der Wandschen

mit berberischen Elementen durchsetzt. Im Jahre 1384 machten zuerst

spanische Mönche den Versuch, die Bewohner auf Groß-Canaria zum

Christenthum zu bekehren, fanden aber thätigen Widerstand und büßten

endlich 1391 alle ihren Glaubenseifer mit dem Tode. Planmäßiger begann

1402 +Jean de Bethencourt+ aus Rochelle das Werk; er segelte von La

Rochelle aus, landete auf Lanzarote mit einigen 50 Mann und baute eine

kleine Citadelle. Aber sie vermochten sich bei ihrer geringen Anzahl

doch nur mit Mühe zu halten. Daher suchte Bethencourt in Spanien Hilfe,

welche ihm auch um den Preis der Lehnsabhängigkeit von Castilien

gewährt ward. Nun begann ein mehrfach unterbrochener Kampf gegen

die Selbständigkeit der einheimischen Dynasten, in welchem zunächst

die Stämme auf Lanzarote, Fuertaventura und Ferro erlagen und das

Christenthum annahmen. Die andern Inseln wurden erst gegen Ausgang des

Jahrhunderts bezwungen. Gran-Canaria erlag nach 13jährigem Kampfe 1483,

Palma beugte sich 1491 und erst 1496 wurde auch Teneriffa erobert. So

kamen die Canarien unter spanische Botmäßigkeit und damit ging ein

nicht unwichtiger Stützpunkt für die maritimen Unternehmungen den

Portugiesen verloren, welche kurz nach dem Erscheinen Bethencourts ihre

glänzende Entdeckerlaufbahn eröffneten, und zwar unter der Führung des

+Prinzen Heinrich+, welcher am Cabo Vicente im südwestlichen Portugal

seinen Sitz aufschlug und von hier aus die Seefahrten leitete, die den

westlichen Saum Afrikas entschleiern sollten.

Dort am Cabo de São Vicente, zugleich dem südwestlichsten Vorsprunge

Europas, ist ihm auch in unserem Jahrhundert zum Ehrengedächtnisse

ein Marmordenkmal über dem Hauptthore der kleinen Festung Sagres

errichtet, welches in der Mitte das portugiesische Wappen, links

ein Seeschiff mit vollen Segeln, rechts eine Armillarsphäre zeigt.

Darunter ist folgende Inschrift in lateinischer und portugiesischer

Sprache angebracht: „~Aeternum sacrum!~ An dieser Stelle hat der große

Prinz Heinrich, Sohn Johanns I., Königs von Portugal unternommen,

die vorher unbekannten Regionen von Westafrika zu erforschen und so

durch Umschiffung Afrikas einen Weg bis zu den entlegenen Theilen des

Ostens zu bahnen und hat auf eigne Kosten sein königliches Schloß,

die berühmte Schule der Kosmographie, das astronomische Observatorium

und das See-Arsenal errichtet und hat dasselbe bis an sein Lebensende

mit bewunderungswürdiger Thatkraft und Ausdauer erhalten, gefördert

und erweitert zum größten Segen für das Reich, für die Wissenschaft,

für die Religion und für das ganze Menschengeschlecht. Als seine

Expeditionen den 8. Grad nördlicher Breite erreicht hatten, als manche

Insel im Ocean entdeckt und mit portugiesischen Colonien besetzt war,

starb dieser große Prinz am 13. November 1460.“[65]

Der Infant Dom Enrique, der später den Beinamen des Seefahrers erhielt,

war das fünfte Kind des Königs Johann und am Aschermittwoch, am 4. März

1394 in Oporto geboren. Im Kampfe gegen die Mauren vor Ceuta gewann er

1415 die Rittersporen. Er hatte sich dabei in persönlicher Tapferkeit

so hervorgethan, daß der Pabst, der deutsche Kaiser Sigismund, die

Könige von Castilien und von England ihn zu gewinnen suchten und seinem

Arm die Führung ihrer Truppen anvertrauen wollten. Der Pabst Martin

V. wünschte das Schwert des Infanten gegen die Türken zu richten,

der Kaiser ließ auf dem Concil zu Constanz durch den portugiesischen

Gesandten dem tapferen Prinzen ähnliche Anträge stellen.

Aber Heinrich hatte nach der Eroberung Ceutas seine Aufmerksamkeit

auf das weiter südlich gelegene Afrika gerichtet, er wollte Guinea

zu erreichen suchen. Allein Guanaja oder Ganaja war ein nur durch

dunkle Gerüchte erkundetes Land; keines Europäers Auge hatte es bis

dahin gesehen. Aber von dem Reichthum dieses Gebietes berichtet schon

die catalanische Karte von 1375. Wir sehen hier im Lande ~GINVIA~ bei

Tenbuch (Timbuktu) einen Negerfürsten mit Scepter und Reichsapfel

thronen, neben welchem sich die Inschrift befindet: ~Aquest Senyor

Negre es appellat Mussemelly, senyor de les Negres de Gineua, aquest

rey es lo pus rich e pus noble senyor de tota esta partida per

l’abundancia de l’or qual se recull en sua terra.~ (Dieser Negerherr

ist Mussemelly [König von Melli] genannt, Herr der Neger von Guinea,

dieser König ist der reichste und vornehmste Herr dieser ganzen Gegend

durch die Fülle von Gold, welche man in seinem Lande sammelt.) Die

Landstriche jenseits Cap Bojador hatte noch niemand besucht.[66] Es

mußte für Portugal vortheilhaft erscheinen, +allein+ unter allen

Europäern Handelsbeziehungen mit den Völkern Guineas anzuknüpfen, bei

denen kein Mitbewerb drohte.

[Illustration: Prinz Heinrich der Seefahrer.

Nach dem Miniaturegemälde in der 1448-1453 entstandenen Handschrift

„~Chronica do descobrimento e conquista de Guiné etc.~“

(National-Bibliothek zu Paris.)]

Prinz Heinrich hatte dabei noch einen andern Zweck im Auge. Er wollte

die Ausdehnung der Macht seiner Landesfeinde, der Mauren kennen

lernen. Man hatte nämlich in allen Berührungen und Conflicten mit

diesem Gegner nie gesehen, daß ihnen aus weiter südlich gelegenen

Gebieten ein Fürst zu Hilfe gekommen war. Er wollte darum erforschen,

ob in diesen Ländern nicht christliche Mächte, vielleicht Nachbarn

des bekannten Priesterkönigs Johann, säßen, welcher bereits nach der

Vorstellung der catalanischen Karte ~Emperador de Etiopia~ war. Er

wollte versuchen, ob man nicht von Süden her den Krieg gegen die Mauren

erregen könne, um sie von zwei Seiten zu fassen; denn es schien ihm

nicht unwahrscheinlich, den Beistand jener Fürsten um des Glaubens

willen und aus Liebe zu Christo gewinnen zu können. Auch stand das

Verlangen des Prinzen dahin, das Licht des Christenthums selbst in die

dunkeln Erdstriche zu tragen. Und endlich trat noch ein wichtiges, in

jenen Zeiten nicht angezweifeltes astrologisches Moment hinzu. Sein

Horoskop wies den Infanten bestimmt auf die Entdeckungen hin. Azurara

hat dasselbe mitgetheilt, es lautet danach: „Da sein Ascendent (d.

h. das bei seiner Geburt aufsteigende Haus) der Widder war, welcher

das Haus des Mars ist, wo die Sonne sich in Exaltation befindet (d.

h. den größten Einfluß übt), und da sein Herr (Mars) im eilften Hause

(d. h. nahe bei der Sonne) und im Wassermann steht, welcher das Haus

des Saturns ist, so bedeutet es, daß er zu großen Eroberungen berufen

war und ganz besonders zur Aufsuchung von Dingen, die andern Menschen

verborgen waren, denn Saturn ist der Hüter der Geheimnisse. Und da sein

Stern von der Sonne begleitet ist, die Sonne aber im Hause des Jupiter

steht, so wird damit angedeutet, daß alle seine Thaten und Eroberungen

durchaus loyal und zur Zufriedenheit seines königlichen Herrn geschehen

sollten.“[67] (~Azurara, Chron. cap. VIII p. 48. 49.~)

Und so legte er mit Genehmigung des Königs am Vorgebirge von

Sagres in Algarve, dessen lebenslänglicher Gouverneur er war, das

erste astronomische Observatorium in Portugal, das See-Arsenal,

die Kosmographenschule und seine Residenz an, in welcher er alle

wissenschaftlichen Kräfte seines Landes zu vereinigen strebte, während

der nahgelegene Hafen von Lagos seine Flotten barg. Die Klippe von

Sagres bildet eine etwa 200 Fuß hohe, kolbig in den Ocean vorspringende

Felsenplatte, von der Länge einer Viertelmeile. Diese Felsenbank,

von dem Salzschaum des Oceans übersprüht, bietet nur die spärlichste

Vegetation, aber sie war wohl geeignet, den Blick von dem Festlande

ab ganz allein aufs Meer hinauszulenken und von hier die Befehle zu

ertheilen, wie der Schleier, der die Geheimnisse des Saturn bedeckte,

sollte gelüftet werden. Zwar hat das furchtbare Erdbeben, welches

im Jahre 1755 Lissabon zerstörte, auch die meisten damals noch

existirenden Gebäude aus alter Zeit über den Haufen geworfen; allein

es lassen sich doch die Umrisse und die wahrscheinliche Lage der

wichtigsten Baulichkeiten aus den Zeiten des Seefahrers angeben. An der

nördlichen schmalen Einschnürung der kleinen Halbinsel, gegenwärtig

durch Befestigungen gedeckt, lag die Kirche, weiter südwärts erhebt

sich über dem fundamentalen Rundbau des ehemaligen Observatoriums das

Pulvermagazin der Citadelle. Auf der Nordostseite lag der Hafen.

So erscheint uns noch in allgemeinen Zügen der ehemalige Sitz des

Prinzen, die Villa do Iffante, wie sie genannt wurde. Hier herrschte

der Mann, der eine neue Zeit für die wissenschaftliche Beherrschung der

Erde heraufführen sollte, der ein Bahnbrecher wurde durch das pfadlose

Weltmeer.

Zeitgenossen haben uns sein Bild getreulich bewahrt. Man beschreibt

ihn als einen Mann von hoher Gestalt, kräftigem und starkem Körperbau.

Seine Miene war ruhig, seine Rede fest. Sein erster Blick hatte etwas

Zurückschreckendes für diejenigen, welche ihn nicht kannten, und etwas

Wildes, wenn er in Zorn gerieth, was ihm aber höchst selten widerfuhr.

Ehrbarkeit herrschte in seinen Reden und Handlungen, Einfachheit in

seiner Kleidung und Hofhaltung. Der Grund davon lag in der Reinheit

seines Herzens und seiner Sitten. Asketisch streng enthielt er sich

des Weines und des Umgangs mit Frauen. Er besaß viel Beharrlichkeit

und Gewalt über seine Leidenschaften; im Glück wie im Unglück war er

bescheiden und so geneigt, Fehler zu verzeihen, daß man ihn darüber

nicht selten getadelt hat. Aber in wichtigen Unternehmungen zeigte er

die größte Entschlossenheit und ein zähes Ausharren.

Er fand großes Vergnügen daran, junge Leute für seine Zwecke

heranzubilden und so wurde sein Hof eine Pflanzschule des jungen

Adels. Gastfrei gegen Einheimische und Fremde, zog er tüchtige Männer

aller Nationen heran und keiner nahm Abschied, ohne Beweise von dem

Edelsinn des Prinzen empfangen zu haben. In strengen Anforderungen an

sich selbst gab er allen ein leuchtendes Vorbild. Jeder Tag gehörte

angestrengter Arbeit, unzählige Male hat er sich sogar den Schlaf

geraubt. Die Mittel zu den jahrelang wiederholten Fahrten flossen ihm

aus den Einkünften des Christusordens, dessen Großmeister er war. Der

Zweck dieses reichen Ordens war die Bekehrung der Heiden, und so ließ

er zunächst die Länder der Ungläubigen aufsuchen und zog Erkundigungen

ein über das Sudan, erhielt Nachricht von den Karawanen, welche bis zum

Senegal oder nach Timbuktu zogen und sendete so seine Schiffe hin, den

großen Strom zu finden, den die Eingeborenen Owedesch, die Portugiesen

nach dem Volksstamm der Sanaga, oder Azanaghen Sanaga, d. i. Senegal

nannten.

Aber die Schifffahrt lag damals bei den Portugiesen noch in der

Wiege. Es waren kaum hundert Jahre verflossen, seit durch die ersten

Fahrten der Venetianer nach England und Niederland Lissabon zu einer

Haltestation auf halbem Wege von Italien nach den Häfen der Nordsee

geworden und die Portugiesen durch den fremden Verkehr angeregt, die

ersten Versuche auf dem flüssigen Elemente wagten. Aber noch zu den

Tagen des Infanten, dem die Nachwelt den Namen des Seefahrers gegeben,

hielt man sich bei allen Fahrten ängstlich an der Küste und fürchtete

sich, das Land aus dem Gesichte zu verlieren. Zwar war bereits die

Kraft und Tugend der Magnetnadel bekannt, ja man besaß sogar Boussolen;

aber die Anwendung war noch gering, so lange das Instrument selbst noch

unvollkommen und schwankend dem ängstlichen Schiffer kein Zutrauen

erweckte.

Der große Geschichtsschreiber der Portugiesen João de Barras schildert

uns die Fahrweise seiner Landsleute in folgenden Worten: „Der Infant

hatte schon mehremale Schiffe auf Entdeckungen ausgesendet, aber sie

kamen nicht weiter als bis an das Cap Bojador (das „vorspringende“),

welches ungefähr 60 Seemeilen jenseits des Cabo de Não liegt. Sie

getrauten sich nicht, dieses Vorgebirge zu umsegeln, theils weil es

sich gegen 40 Seemeilen westlicher hinaus erstreckte als die Küsten,

die sie bisher befahren hatten, theils weil von dem Vorgebirge über

6 Leguas in das Meer ein Riff hinauslaufen sollte, auf welchem die

Brandung so gewaltig schäumte, daß es ihnen Schrecken verursachte,[68]

denn da ihnen sonst auf ihren Reisen nach der Levante und zurück die

Küste immer statt des Compasses gedient hatte, so verstanden sie noch

nicht, so weit in die See hinauszustechen, daß sie das Riff vermieden

hätten. Die Capitäne begnügten sich also damit, auf ihren Rückreisen

hier und da an den Küsten zu landen, und mit den Mauren zu scharmützen,

um mit ihren Siegen dem Infanten Vergnügen zu machen. Allein damit war

sein Endzweck nicht erreicht.“

Die physischen Schwierigkeiten, oder richtiger gesagt die technischen

Schwierigkeiten waren es keineswegs allein, welche die Expeditionen

zur Umkehr trieben. Wir werden noch andere kennen lernen; zunächst

aber scheint es angemessen, die Westküste Afrikas, an der die

Schiffer ängstlich südwärts schlichen, in ihren allgemeinen Zügen zu

charakterisiren.

Wie der ganze Gestadesaum des plumpen Erdtheils auffällig arm an

markirten Contouren vorspringender Glieder oder ins Land eindringender

Buchten ist, so vor allem und im höchsten Maße die Nordwestküste von

den Säulen des Herkules bis zum grünen Vorgebirge. Auf dieser ganzen

Strecke von 400 Meilen, mit geringer westlicher Ausweichung in der

Richtung von N.-O. nach S.-W. verlaufend, mündet kein Fluß, in welchem

ein Schiff ankern könnte, mit Ausnahme des Senegal, 20 Meilen nördlich

vom grünen Vorgebirge. Das Aussehen des Landes bleibt sich fast überall

gleich: ein flacher Küstensaum, meistens mit Dünen besetzt, zur Hälfte

der großen Wüste, der Sahara angehörig, wird gegen Süden immer öder

und grauenvoller. Vierzig bis fünfzig Seemeilen in das Meer hinaus

lagerte über den allenthalben seichten Fluten eine trübe Atmosphäre.

Die Ursache dieser Erscheinung, welche natürlich eine zaghafte Marine,

die das dunstverhüllte Land aus den Augen zu verlieren fürchtet, mit

steter Besorgniß erfüllte -- die Ursache hat man bisher nur den feinen

Staub- und Sandtheilchen zugeschrieben, welche aus den Wüsteneien des

Innern aufgewirbelt, und dann allmählich übers Wasser hinausgetrieben,

hier die schweren Theilchen sinken lassen und das Meer mit Untiefen

füllen, die leichteren in dem Luftraum schwebend erhalten, bis sie erst

nach Hunderten von Meilen draußen im freien Ocean langsam sich zum

Wasserspiegel senken. Indes darf eine zweite Ursache nicht unbeachtet

bleiben, daß nämlich durch das Zusammentreffen ungleich erwärmter

Luftschichten nebelartige Dunstbläschen sich bilden, die durch die

daran haftenden feinsten Staubtheilchen den Horizont noch mehr

umschleiern, trotz der Abwesenheit von schweren Wolkenschichten das

Himmelsgewölbe niederzudrücken scheinen und mit eigenthümlich mattem

Licht den Schiffer umgeben.

Theobald Fischer[69] macht noch auf einen bisher übersehenen

Factor aufmerksam, daß nämlich höchst wahrscheinlich ein kalter,

unterseeischer Strom an der Westküste der hesperischen Halbinsel und

Afrikas emporsteige, dem die häufigen Nebel von Galicien bis Marokko zu

danken seien. Gerhardt Rohlfs fand in Agadir, daß die Sonne den Nebel

selten vor Mittag besiegte und erfuhr von den Leuten, daß diese starken

Nebel selbst im hohen Sommer bis zur Mittagszeit andauerten.

Die Schrecken eines „Dunkelmeeres“, von dem die Geographie des

Mittelalters manches Unheimliche zu erzählen weiß, finden in diesen

Erscheinungen ihre Erklärung. Diese dichten Nebel treten namentlich im

Winter auf und sind von einem kalten und trocknen Nordost begleitet,

der wohl auch die Ursache ist, daß das Tageslicht einer Dämmerung

weicht, in welcher noch jetzt Schiffe in der Nähe der Küsten gezwungen

sind, vor Anker zu gehen, bis das Wetter sich wieder aufhellt.

In der That, der Ocean schien der jugendlich aufstrebenden,

portugiesischen Flotte einen zäheren Widerstand entgegenzusetzen als

die Heere der Moriscos, und wohl gar vielen ein unüberwindlicher

Gegner zu sein, nur nicht dem Infanten, der ihm mit einer Zähigkeit

und Ausdauer entgegentrat, welche allen seinen Seeleuten bedenklich,

wenn nicht geradezu tollkühn und wahnwitzig vorkam. Zwanzig Jahre hatte

der Prinz, unbekümmert um das Murren seines Volkes, ohne Resultat des

Vorwärtsdringens gerungen. Er mag wohl oft unter seinen Leuten die

sprichwörtliche Warnung vernommen haben: Wer das Cabo de Nao umfährt,

weiß nicht, ob er je wiederkehrt. „Die Furcht,“ sagt de Barros, „vor

dieser Fahrt war so groß, daß es dem Infanten schwer ward, Leute in

seinen Dienst zu bekommen; zumal da das Volk laut murrte, daß er dem

vaterländischen Boden seine Bewohner entzöge, um sie auf den Meeren

oder in entfernten wüsten Ländern umkommen zu lassen.“

Unter diesen entfernten wüsten Ländern faßte man aber nichts geringeres

zusammen als die ganze heiße Zone. Man weiß, daß das gesammte

Mittelalter in seiner wissenschaftlichen Erkenntniß der Erdoberfläche

lediglich sich noch von den Brosamen nährte, die von dem Tische der

Reichen -- der Griechen und Römer des Alterthums -- gefallen waren.

Seit den Zeiten des letzten großen Geographen von Alexandria bis zum

Prinzen Heinrich waren mehr als tausend Jahre verflossen, ohne daß

die Entwicklung der physischen Geographie einen Schritt vorwärts

gethan hätte. Der Autoritätsglaube, so charakteristisch für das

gesammte Mittelalter, hielt auch noch die Zeitgenossen des Infanten in

beklemmende Schranken gebannt.

Die Alten kannten die südlichen Grenzen der großen afrikanischen Wüste

nicht, ihre Kunde reichte kaum über die nördliche Oasenreihe hinaus.

Aber die zunehmende Verödung gegen Süden, das völlige Absterben aller

Vegetation konnte die theoretisch allzeit schlagfertigen griechischen

Philosophen leicht zu der Behauptung hinreißen, die ganze heiße Zone

sei unbewohnbar. Schon Aristoteles hatte diesen Satz aufgestellt und

wenn man weiß, daß Aristoteles sich im späten Mittelalter fast gleichen

Ansehens mit der Bibel erfreute, dann darf man nicht erstaunen,

daß auch das 14. Jahrhundert noch glaubte, was der große Weltweise

von Stagira gesagt, was der letzte Meister der Erdkunde, Ptolemäus

bestätigt, was die Wiedererwecker des Aristoteles, die arabischen

Gelehrten anerkannt und selbst ein so vielseitig gebildeter Mann wie

Albertus Magnus noch im 13. Jahrhundert nur dahin zu modificiren wagte,

daß möglicherweise an den Küsten und Inseln der heißen Zone organisches

Leben eine kümmerliche Existenz erzielen könne.

Wenn nun der Infant seine Schiffe in diese unwirthlichen Regionen

hinausschickte, wo sie allein auf sich angewiesen im Kampfe gegen

die allmächtigen Naturgewalten, wo Land und Luft und Wasser in

der feindlichsten Gestalt erschien, als todtenstarre Wüste, als

trübverhüllter Luftraum, als zähe unter dem senkrechten Sonnenstande

fast zu Leim verdickte See -- war es unter der Herrschaft solcher

Vorstellungen nicht Menschenpflicht und Nächstenliebe, gegen die

nutzlosen Menschenopfer einer unbegreiflichen Fürstenlaune sich zu

erheben?

Und doch blieb der Infant fest, doch blieb er seinem schönen

Wahlspruche: ~talent de bien faire~ getreu. Die wichtigsten

Expeditionen der ersten Decennien waren folgende: 1416 wurde +Gonzalo

Velho+ über die Canarien hinausgesandt, 1419 geriethen +João Gonçalves

Zarca+ und +Tristão Vaz Teyxeyra+ vom Sturm verschlagen nach Porto

Santo und kehrten im nächsten Jahre mit dem Piloten Juan de Morales

nach Madeira zurück, und 1431 wurden durch +Goncalo Velho Cabral+ die

ersten Inseln der Açorengruppe gefunden.

Dabei stand der Infant mit seinen Plänen und Zielen weit über seinen

Gehilfen. Wir finden unter den Leitern der Expeditionen Leibpagen und

Mundschenken des Prinzen, welche also wohl die Intentionen des Prinzen

kennen mußten; aber sie kannten kein höheres Ziel als sich mit Mauren

und Negern herumzubalgen und Menschen zu stehlen. Man kann von jeder

Fahrt fast die Kopfzahl der Menschenbeute nachweisen, allein die

wissenschaftlichen Erfolge ihrer Sendung, die nautischen Resultate

bleiben vielfach unerwähnt. Die Portugiesen waren zu sehr ritterliche

Raufbolde, als daß sich im Fluge Seeleute, geschweige denn gleich

Seehelden aus ihnen gestaltet hätten.

Als Beispiel ihres Verfahrens und Gebahrens sei hier die mit 14

Schiffen ausgerüstete Expedition des Lanzarote erwähnt, der, als die

durch Sturm verstreuten Fahrzeuge bei einer Insel an der Küste sich

wieder zusammengefunden hatten, vor allem darauf bedacht war, die auf

der Insel lebenden Mauren zu fangen. Allein diese waren bei Nachtzeit

aufs Festland entwichen und höhnten von hier aus die hintergangenen

Portugiesen. Zwei junge Edelleute an Bord des einen Schiffes sprangen,

empört über das Hohngeschrei, mit ihren Waffen über Bord und schwammen

ans Land, um die Mauren zu züchtigen. Wie diese sie kommen sahen,

liefen sie ihnen mit Geschrei entgegen, wodurch auch das übrige

Schiffsvolk in Bewegung kam. Alles, was schwimmen konnte, sprang ins

Wasser, um die beiden Jünglinge zu unterstützen, und es kam am Ufer

zu einem Gefechte, in welchem viele Mauren getödtet und 57 gefangen

wurden. In der Nacht griffen die Portugiesen noch ein Dorf an, welches

7 Meilen davon am Ufer lag und wohin, nach der Aussage der Gefangenen,

die Mauren geflohen waren. Sie fanden aber ein leeres Nest, weil die

Bewohner, gewarnt durch die Flüchtlinge, sich mit ihren Herden vom Ufer

entfernt hatten. Wie sie des Morgens zurückkehrten, wurden jedoch noch

ihrer fünf aufgegriffen.

Und bei solchem Raubsystem waren die Portugiesen noch naiv genug, zum

Zeichen ihrer Heldenthaten, den Wahlspruch ihres Herrn: ~talent de bien

faire~ in die Bäume einzuschneiden.

Zwar kommen nicht alle diese Heldenthaten auf Rechnung jener

Geschwader, die der Prinz selbst aussendet, denn er gestattete

gegen eine Abgabe vom Gewinn auch anderen, auf Entdeckungen und

Abenteuer auszuziehen; ja er ermuthigte dazu. Allein er blieb doch

der Mittelpunkt und oberste Leiter. Daß er aber, wie wohl behauptet

ist, gleich anfangs einen Seeweg nach Indien habe suchen wollen, ist

nirgends gesagt; ein solcher Plan, gleichsam die schönste Frucht aller

Arbeiten Dom Enrique’s, entwickelte sich erst allmählich und reifte

erst nach des Seefahrers Tode.

Den ersten namhaften Fortschritt in den afrikanischen Fahrten

verzeichnet das Jahr 1434. +Gil Eannes+, ein Page des Infanten, hatte

gegen den Befehl seines Herrn Menschen geraubt. Um die Gunst des

Fürsten wieder zu gewinnen, setzte er sein Leben daran, das berüchtigte

Cap Bojador, das selbst nach 12jähriger Anstrengung nicht zu überwinden

gewesen war, zu bezwingen. Das, wie man meinte, unmögliche Wagniß

gelang ohne Unfall, und kühner und sicherer gemacht, erreichte sein

Nachfolger +Affonso Gonçalez Baldaya+ den Goldfluß, Rio d’Ouro und

damit den nördlichen Wendekreis, also die Grenze der heißen Zone. Am

Strande gefundene Fischernetze wiesen darauf hin, daß auch hier das

Land noch Menschen beherberge. Die alte Theorie von der Unbewohnbarkeit

der heißen Zone begann zu wanken, ohne jedoch zusammenzubrechen, denn

man befand sich ja erst am Saume des gefürchteten Erdstriches.

Aber am Cap Bojador war das Thor der heißen Zone geöffnet und Schiff

folgte nun auf Schiff; man erreichte unter +Nuño Tristão+ 1441 das

Cap Branco und zwei Jahre später unter Leitung desselben Capitäns die

Bucht von Arguim. Es ist zu beklagen, daß der Prinz anfänglich den

Befehl ertheilt hatte, die Bevölkerung an der Bucht und auf den kleinen

Inseln erst zu tödten oder gefangen zu nehmen, ehe man die Entdeckungen

fortsetze. Er sah auch bald den großen Fehler, den er damit begangen

ein, und verbesserte ihn, ehe es zu spät war. Die Bewohner des

Wüstenrandes konnten, wenn man sie in ihren gewohnten Verhältnissen

ungestört ließ, und sich mit ihnen in ein freundschaftliches

Einvernehmen setzte, den Portugiesen bei ihren Erkundigungen über das

Binnenland wesentliche Dienste leisten. Die Insel Arguim wurde für

den Mittelpunkt dieses neuen Verkehrs erklärt und erhielt die erste

bleibende Niederlassung der Portugiesen nebst einem Castell zum Schutze

der Handeltreibenden. Der Tauschverkehr entwickelte sich mit den

Azanaghen sehr bald, und wenig Jahre nach der Entdeckung schon sandte

eine Handelsgesellschaft in Lagos, dem Hafen östlich von des Prinzen

Villa, eine Flotte von sechs Schiffen aus.

Später brachten die portugiesischen Schiffe nach Arguim farbige Tücher,

allerart Leinwand, wollene Mäntel, Sättel, Steigbügel, Schüsseln,

Honig, Silber, Gewürze, rothe Korallen und Getreide und tauschten

dafür Negersklaven aus Guinea, Gold von Timbuktu, Büffelfelle, Gummi,

Zibethkatzen, Straußeneier, Kameele, Kühe und Ziegen ein.[70] Die

ersten Erfolge waren so verlockend, daß der Prinz Heinrich den Handel

nach Arguim an eine Handelsgesellschaft verpachten konnte.

Nun endlich schwiegen auch die Gegner der Seefahrten und das Interesse

für die Unternehmungen, welche von Sagres aus geplant wurden, wuchs

bald so mächtig, daß man die leicht erregten Portugiesen zügeln mußte.

Man schränkte, indem man die Entwicklung einer tüchtigen Handelsflotte

im Auge behielt, die Raub- und Abenteurerzüge durch Gesetze ein und

monopolisirte sogar den afrikanischen Handel.

Der zweite große Fortschritt in der weiteren Entdeckung geschah im

Jahre 1445. Er knüpft sich an den Namen des kühnen +Diniz+ (Dionysius)

+Dias+, eines Vorfahren des bekannteren Bartolomeu Dias, welcher 26

Jahre nach dem Tode des Prinzen Heinrich das Cap der guten Hoffnung

umsegelte. Diniz Dias hatte sich bereits im Dienste des Königs Johann

I. (bis 1433) ausgezeichnet. Der Prinz rüstete ihm eine kleine Caravele

aus und Diniz nahm sich vor, ganz den Plänen seines Herrn folgend,

ohne sich auf Handelsverkehr mit den Küstenbewohnern einzulassen,

weiter südwärts vorzudringen als alle seine Vorgänger und das Land

der +schwarzen+ Mohren, wie man die Neger im Gegensatz zu den weißen

Mohren, den Berbern und Mauren, zu nennen pflegte, zu erreichen. So

fuhr er kühn an der Mündung des Senegal, welcher beide Menschenrassen

trennt, vorüber bis zum grünen Vorgebirge. Seine Caravele erregte unter

den schwarzen Bewohnern des Landes gewaltiges Erstaunen. Vier von den

muthigsten, welche das große auf dem Wasser treibende Ding untersuchen

wollten -- denn sie waren unter sich nicht einig, ob es ein Fisch,

ein Vogel, oder ein Phantom sei -- näherten sich dem Schiffe in einem

Canoe; als sie aber Menschen auf dem Ungeheuer gewahr wurden, flohen

sie mit solcher Hast zurück, daß die Portugiesen sie nicht wieder

einholen konnten.

So war also das Negerland endlich wirklich erreicht; aber nicht allein

darin liegt die Bedeutung dieser Fahrt, sondern vor allem in der am

grünen Vorgebirge unerwartet auftretenden Ueppigkeit der tropischen

Vegetation. Hier unter dem 15° N. befand man sich in der That in

der heißen Zone, wo unter dem Einfluß tropischer Regen, welche mit

gewaltigen Güssen das Land tränken, ein Reichthum der Flora sich

entfaltete, welche zahlreichen und großen Thieren, sowie kräftigen,

sogar schönen Menschenstämmen Nahrung in Fülle bot.

Wie paßten zu solchen Beobachtungen und Thatsachen die Lehrsätze

des Aristoteles und Ptolemäus von der Unbewohnbarkeit des heißen

Erdgürtels? +Am grünen Vorgebirge ist diese alte mächtige Theorie

zerschellt.+ Und wiederum sehen wir die Bestrebungen des Prinzen und

seinen Wahlspruch auf das Herrlichste belohnt. Denn von hier aus,

vom Cabo verde, eröffnet sich uns eine ganz neue Perspektive für die

Entwicklung der Erdkunde. Man lernte seinen eignen Augen doch mehr

trauen, als den Schriften griechischer Autoritäten.

Es gibt wenig geographische Namen, die so trefflich gewählt sind und

den Nagel so auf den Kopf treffen wie dieser des „grünen“ Vorgebirges,

und auch wohl keinen, der so einfach sich von selbst bot und so auf der

Hand lag wie dieser. Im Gegensatz zu den weißen Dünen des Cabo branco,

des weißen Vorgebirges, nördlich von Arguim, am Ufer der Sahara,

erhebt sich hier ein in den Ocean auffällig schlank hinausspringender

Höhenrücken, über dem sich die gefiederten Wipfel tropischer Palmen

wiegen. Unter ihrem Schatten liegt die Geographie des Mittelalters

begraben.

Wenige Jahre nach der Entdeckung kam ein intelligenter venetianischer

Edelmann, +Ludwig da Mosto+, hieher. Auf ihrer Fahrt nach Flandern

war die venetianische Flotte, die er begleitete, durch widrige Winde

am Cap Vicente in Portugal aufgehalten. Als der Infant Heinrich

dies erfuhr, schickte er seinen Secretär Antonio Gonsalvez und den

venetianischen Consul Patricio de Conti mit Proben des neugepflanzten

Zuckerrohrs von Madeira, mit Drachenblut und andern neuen Produkten

Afrikas zu ihnen und ließ sie auffordern zu einem Zuge nach dem

Senegal. Da Mosto wurde lebhaft von den Berichten angezogen, und

erkundigte sich nach den üblichen Bedingungen. Da erfuhr er, daß jeder

Schiffsrheder, der selbst sein Schiff ausrüste, nach vollendeter

Fahrt dem Prinzen ¼ des Gewinnes zu geben habe, daß aber, wenn der

Prinz selbst die Ausrüstung auf seine Kosten mache, er die Hälfte

des Ertrags der Fahrt beanspruche. Da Mosto hatte darauf hin eine

Unterredung mit dem Infanten und wurde für den Plan gewonnen. Die

Venetianer fuhren nach Flandern weiter, für da Mosto aber stellte Prinz

Heinrich unter Leitung des bewährten +Vicente Dias+ eine Caravele

von 90 Tonnen zur Verfügung, welche die ganze Küste Afrikas entlang

bis zum Gambia segelte. Da Mosto selbst hat über diese Reise einen

ausführlichen Bericht gegeben, aus welchem hier die Schilderung des

grünen Vorgebirges hervorgehoben sein mag und zwar nach der deutschen

Uebersetzung von 1534. Da Mosto erzählt: „Das grien Haupt (d. i.

Vorgebirge) hatt den Namen von den grienen Bäumen, die da sind vnd

schier das gantz jar grünen. Das haben die Portugaleser am jar ehe ich

dahin kam, funden, vnd habens von den grienen Bäumen genannt, wie das

Weis Haupt (Cabo branco) von dem weißen sand. Aber das grien Haupt

ist hoch vnd lustig zu sehen, das steht zwischen zweyen Bergen in der

mitten vnd breitet sich in das Meer mit vil Hütten und wohnungen der

Schwarzen Mooren umbgeben, zu vor gegen dem Meer.... Es ist auch zu

wissen, das nach dem Grienen Haupt sammeln sich die gestaden und machen

einen Busen, der rast lustig ist, und ist ein eben erdtrich mit vil

hüpschen Bäumen;[71] denn die bletter bleiben bis andre wachsen; die

grünen allweg. Und wie wohl sie vom Meer mehr denn mein armbrustschuß

stehen, so scheinen sie von weitem an dem Meer zu stehen. Das ist

überaus schön anzusehen (~chè una bellissima costa de vedere~). Ich bin

weit gegen Aufgang und Niedergang der Sonnen gereiset zu manich land,

aber ich hab kein schöneres gesehen. Es hat viel wasser.“[72]

Das Entzücken über die Schönheit der Tropenlandschaft kommt allerdings

in der Uebersetzung eines mäßigen, besonnenen Straßburger Bürgers aus

dem 16. Jahrhundert nicht zur Geltung, aber das Original läßt es warm

empfinden.

Alexander von Humboldt hat in seinen kritischen Untersuchungen über

die historische Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der

neuen Welt (deutsch von J. L. Ideler, II. S. 11) auf mehre Stellen

im Tagebuche der ersten Reise des Columbus hingewiesen, worin

der Entdecker Amerikas dem Zauber der Natur an den Gestaden von

Cuba beredte Worte leiht. Ludwig da Mosto hat die Schönheit einer

Tropenlandschaft ebenso empfunden und ein Menschenalter früher

geschildert. Daß seine Worte der Umgebung des grünen Vorgebirges

gelten, erhöht in unsern Augen wesentlich die Bedeutung der Entdeckung

des Cabo verde.

Die Schilderungen dieser vollkommen anders gearteten Natur mußten

dem Infanten nach der Fahrt der Dias bereits eine hohe Genugthuung

gewähren. Die Nachrichten kamen ihm keineswegs unerwartet. Da in

Sagres alles gesammelt wurde, was an Erkundigungen über die südlichen

Länder sich gewinnen ließ -- hatte doch der Prinz inzwischen auch aus

Italien ein Manuscript Marco Polos und eine Karte von Afrika erhalten,

welche einen Abschluß der Landmassen, ähnlich wie wir ihn am südlichen

Cap der guten Hoffnung kennen, zeigte -- und war er auch durch seine

Agenten in Tunis schon davon unterrichtet, daß die großen Karawanen

in 5 bis 6 Wochen die Wüste Sahara durchmessen könnten[73] und Gold

und Negersklaven mitbrächten -- so lag auch der Schluß nahe, daß man

bei fortgesetzten Fahrten gegen Süden endlich zu diesen Ländern kommen

müsse.

Umsichtig und thätig eingreifend nach allen Seiten, um seine Leute

nicht einem blinden Ungefähr zu opfern, hatte er von Arguim aus nicht

blos ein ordentliches System der Exploration während des Tauschhandels

mit den maurischen Wüstenstämmen eröffnet und sich von ihren

Karawanenstraßen und den auf der Straße nach Timbuktu zu berührenden

Oasen berichten lassen, sondern er gewann mit Unterstützung kühner

Männer ein immer klareres Bild vom Sudan. Bezeichnend für die Energie,

mit welcher die Pläne, Guinea zu erreichen verfolgt wurden, ist die

Sendung des +João Fernandez+, der sich am Strande der Sahara aussetzen

ließ, um unter den Mauren lebend und ihre Sprache lernend, zuverlässige

Nachrichten über die Negerstaaten, speziell über das Königreich Melli

sammeln zu können. Fernandez blieb sieben Monate allein unter den

wilden Stämmen im Innern und wurde dann von dem Schiffe des Antonio

Gonsalvez wieder aufgenommen und zum Prinzen geführt. Dieser freute

sich sehr, ihn wohlauf wieder zu sehen und ließ sich seine Schicksale

erzählen. Fernandez berichtete nun, daß ihm die Eingeborenen zunächst,

als er sich ohne Waffen und Hilfsmittel unter sie begeben, die Kleider

genommen und ihm dafür einen Mantel gegeben, wie sie selbst trugen. Die

Leute besaßen Schafe und lebten nomadisch. Aber die Weide war spärlich,

das Land öde und sandig. Dornige Mimosen und Palmen waren selten. Diese

berberischen Azanaghen waren Mohammedaner, die mit den Negern im Kampfe

lebten, dabei Gefangene machten und diese als Sklaven nach Tunis und

Marokko verkauften. Auch erhielten sie Gold vom Negerlande.

Dann machte Fernandez mit den Beduinen einen mehrtägigen Kamelritt zu

ihrem Häuptlinge. Der Weg ging durch die Wüste, drei Tage fehlte ihnen

Wasser; in dem pfadlosen Sande richtete man sich nach den Sternen und

dem Fluge der Vögel. Endlich kamen sie zu dem Häuptling und seinem

Völkchen von 150 Köpfen. Fernandez wurde hier sehr gut aufgenommen

und mit Milch verpflegt, so daß er, obwohl er von der Hitze und dem

Wüstensande viel zu leiden hatte, doch ganz wohl aussah, als er nach

sieben Monaten von seinen Landsleuten wieder aufgefunden wurde.

Auch durch diesen abenteuerlichen Sendling erhielt der Infant wiederum

Nachrichten von den reichen Negerländern. Die klareren Vorstellungen,

welche der Leiter der Entdeckungen von der Natur der Tropenländer

gewann, räumte auch bei seinen Seeleuten den Wust veralteter Theorien

auf. Höchst beachtenswerth ist in dieser Beziehung eine Bemerkung

des +Diogo Gomez+ über das Land der Dscholoffen am Cabo verde. Er

sagt: „Das alles schreibe ich nur mit Verlaub Seiner Gnaden des

Ptolemäus, welcher recht gute Sachen über die Eintheilung der Welt

hat verlauten lassen, aber in einem Stücke sehr fehlerhaft dachte. Er

zerlegt die ihm bekannte Welt in drei Theile, nämlich in den bewohnten

mittleren, in den arktischen, welcher wegen seiner Kälte und in den

tropischen, welcher wegen seiner Gluthhitze unbewohnbar ist. +Nun

hat sich aber das Gegentheil bestätigt.+ Zahllos wohnen am Aequator

schwarze Völkerschaften, und zu unglaublichem Wuchse erheben sich die

Bäume, denn gerade im Süden steigert sich die Kraft und Fülle des

Pflanzenwuchses, wenn auch die Formen fremdartig gestaltet sind.“[74]

Die Entdeckungen wurden nach solchen glänzenden Resultaten nun eifrig

weiter gefördert. Schon im nächsten Jahre nach der Fahrt des Diniz Dias

erreichte +Nuño Tristão+ den Gambia und gelangte +Alvaro Fernandez+

fast bis zur Sierra Leona. Aber der Verkehr mit den Völkern war

schwierig. Zahlreicher, kühner, tapferer als die armen Wüstenstämme

setzten sie, mit vergifteten Pfeilen bewaffnet, sich gegen die

Landungen der Portugiesen häufig zur Wehr und tödteten ihnen manchen

Mann. Wie schnell aber die Geschicklichkeit und das Vertrauen der

Seeleute gewachsen war, lernen wir vor allem bei der Fahrt des +Nuño

Tristão+ kennen. Dieser sah sich, als er in den kleinen Fluß Rio Nuñez,

südlich vom Rio grande mit einem Boote eingedrungen war, plötzlich

von bewaffneten Negerkähnen umringt. Fast die ganze Mannschaft erlag

sammt dem tapferen Anführer den vergifteten Pfeilen, so daß nur der

Notar und vier Schiffsjungen am Bord der Caravele übrig blieben. Aber

sie steuerten getrost nach Norden durchs freie Meer und erreichten

ihre Heimat glücklich nach zwei Monaten, ohne unterwegs Land gesehen

zu haben. So machte man sich also bereits los von dem ängstlichen

Anklammern an das Land und von den langsameren Küstenfahrten und

vertraute sich dem unbegrenzten Ocean an. Von großer Bedeutung war auch

die Wahrnehmung, daß die afrikanische Küste, die bis zum Cabo verde

gegen Südwesten verlaufen war, von diesem Vorgebirge ab nach Südosten

umlenkte.

Daß der Prinz nun wirklich daran dachte, den Seeweg nach Indien zu

öffnen, wird von dem Geschichtsschreiber Azurara bezeugt. Aber Indien

umfaßte bekanntlich in jenen Tagen alle Länder am indischen Ocean,

also auch die Ostküste Afrikas und das äthiopische Hochland, wohin

man damals den Sitz des +Priesterkönigs Johann+ verlegte. Das war

bestimmt ein christliches Land, dessen Volk mit den Arabern in Aegypten

in beständiger Fehde lag, und dessen Bundesgenossenschaft gegen den

gemeinsamen Glaubensfeind gewonnen werden konnte. Vielleicht konnte

man sogar auf dem weitverzweigten Flußnetz, welches nach den damaligen

hydrographischen Hypothesen alle bekannten großen afrikanischen Ströme

verbinden sollte, dahin gelangen. Auch Fra Mauro huldigte in seinem

Erdgemälde diesen Vorstellungen und noch de Barros bezeichnet den Issa

(Niger) bei Timbuktu als den oberen Lauf des Senegal. Und doch hatte

Diogo Gomez im Jahre 1457 auch in Erfahrung gebracht, daß im Innern

Senegambiens große Ströme ihren Lauf nach Osten nähmen. Der Prinz

hatte nämlich drei Caravelen ausgesandt unter +Gomez, João Gonsalvez

Ribeiro+ und +Nuño Fernandez de Baya+ mit dem Auftrage, soweit als

möglich vorzudringen. Am Rio grande vorbei kamen sie in eine starke

Küstenströmung, in welcher kein Anker hielt, so daß die begleitenden

Capitäne umzukehren wünschten. Die Expedition lief in den Gambia ein

und fuhr den Strom bis zur großen Stadt Cantor hinauf. Hier erfuhr man,

daß Karawanen aus Tunis und Cairo aus diesen Gegenden Gold holten,

und daß jenseits der Gebirge der Sierra Leona große Ströme nach Osten

liefen. Es befand sich auf dem einen Schiffe sogar ein Indier, d. h.

ein Abessinier, welcher, wenn man nach Indien gelangte, als Dolmetscher

dienen sollte.

Es war die letzte bedeutende Fahrt, welche auf Befehl des Infanten

unternommen war. Prinz Heinrich der Seefahrer starb am 13. November

1460 in Sagres in seinem 67. Lebensjahre. In der eifrigen Verfolgung

seines hohen Zieles hatte er seine Mittel vollständig erschöpft, ja er

schuldete bereits 1449 seinem Verwandten Don Fernando von Braganza die

enorme Summe von 19,394 Goldkronen. Aber diese Gelder waren nicht in

der Jagd nach einem Phantom vergeudet. Portugal war dadurch zu einer

Seemacht geworden, welche die Leitung der nautischen Entdeckungen in

die Hand genommen hatte und welche zu glänzenden Erfolgen berechtigen

mußte.

Noch im Todesjahre Heinrichs entdeckte +Diogo Gomez+ die Capverden

in Gemeinschaft mit +Antonio de Noli+ oder Nolle, einem Genuesen.

Gomez landete zuerst und zwar auf Santiago, aber Noli kam ihm auf

der Rückfahrt zuvor und meldete zuerst die Entdeckung in Portugal.

Irrthümlich hat man das Verdienst der Auffindung der Inseln des grünen

Vorgebirges da Mosto zugeschrieben; allein sein Reisebericht, der

angeblich in das Jahr 1457 fällt, wird durch die innern Widersprüche

unglaubhaft, so daß man daraus schließen muß, da Mosto habe sich

fremden Ruhm angeeignet. Nach seiner Angabe will er vom Cap Branco

in westnordwestlicher Richtung auf die Capverden gerathen sein und

zwar schon am Sanct Jakobstage (1. Mai), während er erst im Anfang

Mai aussegelte. Dann will er auf der Insel Flüsse gefunden haben,

in welche er mit dem Schiffe einlaufen konnte, während ein solcher

Wasserreichthum dort nicht existirt.[75]

Ehe wir dem weiteren Gange der Entdeckungsfahrten folgen, müssen wir

einen Blick auf die geographischen Auffassungen und die Karten aus

jener Zeit werfen. Nach den Schwankungen des früheren Mittelalters war

man seit dem 13. Jahrhundert allgemein zur Annahme der Kugelgestalt

der Erde zurückgekehrt. Wenn trotzdem die Erdgemälde sich noch in

Scheibenform präsentirten, als ob man noch an der Scheibengestalt der

Erde festhielte, so hatte das seinen Grund in einer eigenthümlichen

Theorie, welche von Dante’s Zeit bis in den Ausgang des 15.

Jahrhunderts hinüberspielt. Man nahm nämlich an, daß die Centren der

festen und flüssigen Erdsphäre verschieden seien und daß es außerdem

noch ein Gravitationscentrum gebe.

Die ~Margarita philosophica~ des Karthäuserpriors Gregorius Reisch,

welche zuerst 1496 erschien und durch das 16. Jahrhundert hindurch in

vielen Auflagen verbreitet war, trägt diese Lehre etwa in folgender

Weise vor.[76] „Das Wasser umgab ursprünglich die ganze Erdoberfläche

wie ein sehr feiner Nebel bis zu den höheren Regionen. Aber auf Geheiß

des Schöpfers theilte das Firmament die oberen und unteren Wasser,

welche letztere nun in den Vertiefungen der Erde sich an +einem+

Orte sammelten, wodurch Landraum geschaffen wurde für die lebenden

Wesen. Aus der ganzen Substanz der Erde und des Wassers wurde +ein+

sphärischer Körper gebildet. Ihm schrieben die Gelehrten ein doppeltes

Centrum der Schwere und der Größe zu. Es theilt nämlich das Centrum der

Größe die Axe der ganzen Sphäre aus Erde und Wasser und das ist der

Mittelpunkt der Welt. Aber das Centrum der Schwere liegt außerhalb,

nämlich im Durchmesser der Erde, welcher nothwendigerweise größer ist

als der halbe Durchmesser der aus Erde und Wasser gebildeten Sphäre,

weil, wenn dies nicht der Fall wäre, der Mittelpunkt der Welt außerhalb

der Erde fiele. Etwas abgeschmackteres als dieses könnte aber in

Naturwissenschaft und Astronomie nicht behauptet werden.

[Illustration]

Zur Annahme verschiedener Centren wird man aber genöthigt, weil

die von Wasser entblößte Erdoberfläche leichter ist, als die mit

Wasser umhüllte. Die trockene Erde ist leichter als die mit Wasser

durchtränkte, darum kann das Centrum der Schwere nicht dasselbe sein

mit dem Centrum der Größe, sondern strebt im Durchmesser der Erde mehr

nach der Peripherie und dem mit Wasser bedeckten Theil. Hierher werden

sich die Wasser der Erde mehr sammeln, weil sie dem Centrum der Welt

näher rücken.“

Nach dieser Theorie sind also die Landmassen bei ~A~, die Wassermassen,

das Weltmeer bei ~B~ vereinigt. Der Kugelabschnitt, welcher die

Landmassen umfaßt, wird sich natürlich in Kreisform darstellen. Dieser

Theil der Erdoberfläche verdiente allein, als Wohnstätte der Menschen,

kartographisch gezeichnet zu werden. Daher bieten uns alle Weltkarten

von Marino Sanudo (1320) bis auf Fra Mauro (1459) im Grunde dasselbe

Weltbild: die von einem schmalen Ocean umfluteten Continente der alten

Welt.

Eine Darstellung der Wasserseite der Erde, der Weltmeere hatte noch

niemand versucht und schien alles Reizes zu entbehren, bis etwa ums

Jahr 1474 Toscanelli von Florenz den ersten Versuch wagte. Das war aber

zu einer Zeit, als ein anderer wichtiger Factor die bisherigen Methoden

und Theorien zu reformiren begann: das Studium des Ptolemäus. Wir

finden den Geographen von Alexandrien zuerst um 1410 in dem Werk des

Cardinal Pierre d’Ailly (geb. 1350) Bischof von Cambray erwähnt. Es ist

in dem vielgenannten Werke ~de Imagine Mundi~, welches auch Columbus

mit besonderer Vorliebe als seine Rüstkammer benutzte, um seinen Plan

einer Westfahrt nach Indien mit Aussagen classischer Autoren belegen

zu können. Seit 1470 wurden die Werke des Ptolemäus durch +Nicolaus

Donis+ in lateinischer Uebersetzung und mit Karten veröffentlicht,

nachdem durch den Cardinal Bessarion das griechische Original in die

Hände unseres größten Astronomen jener Zeit, des berühmten Regiomontan

(1436-76), gelangt war.

Durch die Anwendung der Astronomie auf die Bestimmung geographischer

Ortslagen, in den ersten Jahrhunderten allerdings nur der

geographischen Breitenbestimmung, wurden für ein correctes Kartenbild

die einzig sicheren Stützpunkte gewonnen. Regiomontan berechnete behufs

dieser Fixirungen im Jahre 1473 die Ephemeriden auf 32 Jahre, so daß

dieselben zunächst in der wichtigsten Zeit der Entdeckungen fast bis

zum Todesjahr des Columbus genügten. Er erfand aber noch ein, auch

auf Schiffen anwendbares, handliches Instrument, um die Polhöhe eines

Sternes zu messen, den s. g. +Jakobstab+, welcher aus einem Stabe mit

rechtwinklich daran befestigten, aber schiebbaren Querstabe bestand.

Dieses Instrument wurde in der Folge durch seinen Schüler Martin Behaim

in Portugal eingebürgert. Aber die Breitenmessungen der portugiesischen

Seeleute ließen, gegenüber den Resultaten der Astronomen in Europa,

noch viel zu wünschen, denn es steigerten sich die Beobachtungsfehler

auf drei Grad. So lange man den nördlichen gestirnten Himmel über sich

hatte, waren die Ephemeriden des Regiomontan stets anwendbar; aber

als die portugiesischen Entdecker die äquatoriale Linie überschritten

hatten und eine unerwartet andere Gruppirung der Sternbilder als

auf der nördlichen Hemisphäre erblickten, war es nothwendig, andere

astronomische Tafeln zu entwerfen. Zu dem Zwecke setzte König Johann

IX. von Portugal (1481-95) eine +astronomische Commission+ (Junta)

nieder, welche unter Leitung des Bischofs Diogo Ortiz und mit

Hinzuziehung Behaims diese Lücke ausfüllen sollte und die Sonnenhöhe

für südliche Breiten zu berechnen und in Tafeln zusammenzustellen hatte.

[Illustration: Facsimile einer alten Abbildung des Jakobstabes und

seiner Anwendung.[77]

Aus der 1584 zu Antwerpen gedruckten ~Cosmographia Petri Apiani et

Gemmae Frisii~.]

Von solchen Hilfsmitteln unterstützt, konnte man die von den Schiffern

befahrenen Küstensäume immer bestimmter zeichnen, daß sie ein der

Wahrheit sich annäherndes Bild boten, während man für die noch

nicht wieder erreichten Küsten Asiens vorläufig das von Ptolemäus

überlieferte Gemälde Südasiens beibehielt und erst bei fortschreitender

Erforschung behutsam abänderte. Die Karten jener Epoche bieten darum

die interessante Verschmelzung neuer wissenschaftlicher Bestimmungen

mit der Erbschaft aus classischer Zeit.

Indien trat immer entschiedener als Ziel aller nautischen

Unternehmungen hervor und was in den letzten Jahren des Prinzen noch

ziemlich unklar den Wünschen vorgeschwebt hatte, ward immer bestimmter

ins Auge gefaßt.

Da die Erde als eine Kugel angesehen wurde, auf deren Oberfläche

allerdings das Verhältniß zwischen der Größe der Wasserbedeckung und

der der auftauchenden Landmassen noch verschieden beurtheilt wurde, und

da jedenfalls das Weltmeer sich nach verschiedenen Richtungen ausdehnte

und im Zusammenhange stand, so mußten auch allmählich Projecte

auftauchen, über diesen einen Ocean nach verschiedenen Richtungen den

Weg einzuschlagen, um Indien zu erreichen.

Am einfachsten erschien das portugiesische Project, den

altherkömmlichen Randocean, der die Feste der alten Welt umflutete,

als Fahrbahn zu wählen und so gleichsam, wie es die Sicherheit

mittelalterlicher Schifffahrt vorschrieb, in einer großen Küstenfahrt

um Afrika herum zu dem gesegneten Osten zu gelangen. Eine Seefahrt

quer über ein weites unbegrenztes Weltmeer blieb hierbei außerhalb des

Planes.

* * * * *

Da der wichtigste Abschnitt der Geschichte der großen Entdeckungen

die Versuche umfaßt, welche die europäischen See-Nationen in directe

Verbindung mit den Gewürzländern und China setzen sollten, so werden

wir zur Erleichterung der Uebersicht die einzelnen Richtungen der

Fahrten im Zusammenhange darstellen und beginnen mit den Unternehmungen

der Portugiesen, welche zuerst auf dem Schauplatze erschienen waren,

und zuerst nach Indien gelangten.

Drittes Buch.

Die Seewege nach Indien.

Erstes Capitel.

Die Bahn der Portugiesen nach Südosten.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 63 / 123 题