Einen noch größeren Erfolg als die Glaubensboten erzielten die
Kaufleute in der Aufschließung des fernsten Orients. Daß hierbei
vorherrschend Italiener thätig waren, erklärt sich aus der Entwickelung
des Handels am Mittelmeer. Als nach dem Falle des weströmischen Reiches
der Seeverkehr eine Zeit lang ganz darniedergelegen, traten die ersten
Regungen in Beziehungen mit Byzanz unter dem Gothen Theodorich wieder
hervor, der in der Hauptstadt des oströmischen Reiches erzogen war und
die byzantinische Pracht und Kunst liebte. So entstanden von seiner
Hauptstadt Ravenna aus die ersten Handelsverbindungen mit dem Osten,
die aber in den Gothenkriegen unter den Nachfolgern Theodorichs wieder
erstarben. Neue Keime bildeten sich bei dem völligen Zerfall einer
einheitlichen Macht in Italien erst seit dem neunten Jahrhundert in
einigen freien Städten und zwar zunächst in Amalfi am Golf von Salerno.
Die Amalfitaner verfügten über eine ziemlich beträchtliche Flotte,
besuchten Aegypten und Palästina, ja sie besaßen sogar ihre eignen
Quartiere in Konstantinopel. Ihre Seegesetze (~Tabula Amalphitana~)
erwarben sich allgemeine Geltung bei allen Schiffahrt treibenden
Städten am Mittelmeer. Aber die Blüte Amalfis währte nur kurze Zeit;
unfähig, auf den steilen Felsstufen sich auszudehnen und zu erstarken
in Volkszahl, erlag die Stadt der mächtigen Rivalin Pisa. Pisa, Genua,
Venedig rangen um die Wette, gewannen durch die Kreuzzüge einen
ungeahnten Aufschwung und konnten sich so zuerst in den Ländern der
Levante festsetzen. Im 12. Jahrhundert legten die Venetianer in den
Häfen Syriens Factoreien an. Aber die Verbindung mit Indien, die bisher
ihren natürlichen Weg übers rothe Meer und Aegypten gefunden hatte,
erlitt seit der Eroberung des Nillandes durch Saladin um 1171 einen
plötzlichen Abbruch. Die abendländischen Kaufleute suchten in Folge
dessen einen andern Weg ins Morgenland, sie steuerten über das schwarze
Meer zum Don, wo der Hafenplatz Tana aufblühte und reisten von hier zu
Land nach Astrachan und durch die Steppen nach Inner-Asien. Auch der
Hafenplatz +Sudak+ in der Krim (Soldaja, Saldachia, Sugdaia, Sodaja)
blühte auf mit seiner fast ausschließlich christlichen Bevölkerung.
Ibn Baluta bezeichnete diesen Hafen als einen der schönsten der Welt.
Griechische und italienische Handelsfamilien waren hier ansässig.
Ein anderer Weg nach dem Orient nahm seinen Anfang an der nordsyrischen
Küste, in der Nachbarschaft des christlichen Königreiches von
Kleinarmenien, welches den Abendländern sich stets gastfreundlich
erwies. Vom Mittelmeer her landeten die Reisenden in Lajazzo (Layas),
einem vortrefflichen Hafen, der neben den Trümmern des alten Aegae sich
erhob und auf der Seeseite durch zwei Citadellen gedeckt war.
Als durch den lateinischen Kreuzzug 1204 Byzanz in die Gewalt der
Venetianer fiel, wußten diese den Handelsweg über das schwarze Meer
zu monopolisiren und schlossen die Nebenbuhlerin Genua vom Markte
aus. Aber diese Handelspolitik rächte sich, als 1261 die Genuesen dem
Paläologen Michael III. wieder den Thron in Byzanz verschafften und
zum Dank dafür die Vorstädte Pera und Galata erhielten, welche sich zu
genuesischen Städten umgestalteten. Nun besaßen sie den Schlüssel zum
schwarzen Meere und verdrängten die Venetianer, welche wieder auf den
südlichen Weg über Lajazzo angewiesen waren.
Dieser Herrschaftswechsel spricht sich auch in den verschiedenen
Handelswegen aus, welche die venetianischen Kaufleute, die Gebrüder
Poli einschlugen, um nach dem Innern Asiens zu gelangen. Die +Poli+
gehörten zu den Patriziern, denn in Venedig nahm auch die Aristokratie
an den Handelsunternehmungen Theil.
+Stammbaum der Familie+:
Andrea Polo von San Felice
|
+--------------------------+-------------------+
| | |
Marco der ältere Nicolo Maffeo (Matthäus)
| |
+---+---+ +-------+-------+
| | | |
Nicolo, Maroca +Marco+, der Reisende, Maffeo.
Marco der ältere scheint eine Zeit lang in Konstantinopel etablirt
gewesen zu sein und ein Haus in Soldaia besessen zu haben. Seine Brüder
Nicolo und Maffeo unternahmen ihre erste Reise nach Konstantinopel
im Jahre 1260, kauften hier byzantinisches Geschmeide ein, welches
unter den Mongolen sehr geschätzt war und tauschten außerdem ihre
venetianischen Waaren gegen Edelsteine um. Ihre Absicht war, zunächst
den Fürsten von Kiptschack zu besuchen.
Damals regierte von 1257-1265 +Barka+ (Berke, Berekeh), ein Enkel des
Tschingiskaan, welcher theils in Sarai, theils in Bolgar residirte.
Die nördliche Residenz lag bei dem jetzigen Dorfe Bolgari, südlich
von Kasan an der Wolga; die südliche, Sarai, war von Batu, dem
Bruder Barkas, an einem Arme der unteren Wolga, östlich von Zaritzyn
gegründet, und wurde schon 1395 von Timur wieder zerstört.
[Illustration: Marco Polo.
Nach einem Gemälde in der Galerie Badia zu Rom mit der Unterschrift:
~MARCUS POLUS VENETUS TOTIUS ORBIS ET INDIE PEREGRATOR PRIMUS.~]
Als sie Bolgar verlassen wollten, brach ein Krieg zwischen Barka und
seinem Vetter +Hulagu+ (+Hulaku, Alau+) von Persien aus. Dadurch
wurde ihnen der Rückweg abgeschnitten, sie kamen an der Wolga abwärts
nur bis Ucaca, südlich von Saratov, gingen hier über den Strom und
nach Südosten durch die Steppen, setzten über den Uralfluß (bei Polo
Tigris genannt) und gelangten wahrscheinlich über Urgendsch (Chiva)
nach Bochara. Hier hielten sie sich des Handels wegen drei Jahre auf,
machten sich mit den Sitten der Tataren bekannt, erlernten deren
Sprache und beschlossen dann, mit einer tatarischen Gesandtschaft,
welche von Persien nach China ging und sie zur Begleitung einlud, zum
Mongolen-Kaan Kublai zu reisen. Der Großfürst nahm sie freundlich auf
und gab ihnen dann bei der Heimkehr einen Gesandten an den Pabst mit,
um sich für den Orient wissenschaftliche Lehrer der sieben freien
Künste zu erbitten. Aber der kaiserliche Gesandte blieb auf der
Reise krank zurück und die Gebrüder Poli kehrten 1269 allein in die
Heimat und das Gestade des Mittelmeeres zurück, das sie bei Lajazzo
erreichten. In Ptolemais (Acre) erfuhren sie, daß der Pabst Clemens
IV. gestorben sei. Sie richteten ihren Auftrag daher zunächst an den
päbstlichen Legaten Theobald (Tebaldo) von Piacenza aus.
Die Vacanz in Rom dauerte über zwei Jahre; inzwischen gingen die Poli
nach Venedig und rüsteten sich dann zur zweiten Reise nach Asien,
auf welcher sie der Sohn Nicolos, +Marco Polo+, welcher 1254 geboren
war, begleiten sollte. Da die Pabstwahl sich immer noch verzögerte,
so schien es, als sollten sie ohne päbstliches Antwortschreiben ihre
Wanderung antreten. Weil seit 1261 die Handelslinie über das schwarze
Meer, welche sie auf der ersten Reise eingeschlagen, gesperrt war,
kehrten sie zunächst nach Palästina zurück, und nahmen für den Kaan Oel
aus der heiligen Lampe am heiligen Grabe in Jerusalem mit und fuhren
von da nach Lajazzo. Hier erfuhren sie, daß der Legat Theobald am 1.
September 1271 als +Gregor+ X. zum Pabste erwählt worden sei. Derselbe
rief sie nach Acre zurück, übergab ihnen Briefe an den mongolischen
Großfürsten und entsendete zwei Dominikaner, Nicolaus von Vicenza und
Wilhelm von Tripolis (in Syrien) nach dem Wunsche Kublais. Da aber in
Folge eines Krieges, welcher zwischen dem Könige von Armenien und dem
Sultan von Babylon ausbrach, der Weg unsicher gemacht war, so blieben
die beiden Predigermönche bereits in Armenien zurück. So zogen die
Poli wiederum allein. Ihren Ausgang nahmen sie von Lajazzo, von wo sie
im November 1271 ins Innere aufbrachen. Den Bericht über diese zweite
große Reise, welche 24 Jahre währte, verdanken wir dem jüngeren, +Marco
Polo+, welcher sich dadurch um die Erweiterung der geographischen
Erkenntnisse des Orients unsterbliches Verdienst erworben und den Ruf
des berühmtesten abendländischen Landreisenden im Mittelalter gewann.
Die Feststellung des Reiseweges, den er mit Vater und Oheim und in
China zu Zeiten allein eingeschlagen, wird in mancher Beziehung
erschwert, theils in Folge zu allgemein gehaltener Angaben,
theils weil sich die vielfach verstümmelten Ortsnamen nur schwer
identificiren lassen. Doch ist gegenwärtig durch die vorzüglichen
Arbeiten Pauthier’s[23] und Yule’s[24] über Marco Polo und die durch
von Richthofen in Bezug auf China gegebene Ergänzung die Möglichkeit
geboten, in den wesentlichen Momenten dem großen Reisenden folgen zu
können.
Von Lajazzo am issischen Golf ging die Route zunächst durch
Klein-Armenien und Kleinasien wahrscheinlich über Kaisarie, Siwas,
Arzingan und Musch, also denselben Weg, den Rubruck auf seiner
Rückreise von Karakorum aus eingeschlagen hatte. Weiterhin erwähnt
Polo den hohen mit ewigem Schnee bedeckten Berg, auf dem die unnahbare
Arche Noahs ruhte; dann wandten sich die Reisenden südwärts nach Mardin
und durch das Gebirge der räuberischen Kurden nach Mossul und Baudas
(Bagdad). Den Fluß hinunter erreichte man in 18 Tagen Basra, von wo
die Seefahrt begann, welche sie an Kisch (Kisi) vorüber nach Ormuz
brachte. Die Insel und Hafenstadt Kisch (jetzt Ghes genannt) war lange
Zeit ein Haupthandelsemporium, sie war gut bewaldet und mit frischem
Wasser versehen. Polo scheint die Stadt nicht besucht zu haben, denn
seine Angaben darüber klingen sehr dunkel. Die Ruinen der längst
untergegangenen Stadt liegen an der Nordseite der Insel.
Hier beginnen die Schwierigkeiten, den Weg Polos zu fixiren, sich zu
mehren. Marco Polo beschreibt uns nämlich den +Ab+stieg vom Hochlande
des inneren Iran zur Küste von Ormuz, während wir einen +Auf+stieg
erwarten. Wir können nur annehmen, daß Polo uns einen zweiten Besuch
des Hafens während der Heimkehr erzählt. Die Stadt lag damals noch
auf dem festen Lande, wurde aber um 1300 durch feindliche Ueberfälle
gezwungen, sich auf die Insel zurückzuziehen, wo dieses Emporium eine
zweite Blüte erlebte. Die Ruinen von Alt-Ormuz liegen im District
von Minao, wo auch Spuren eines langen Hafendammes gefunden sind.
Die Landschaft selbst hieß Hormuzdia, woraus unser Reisender Formosa
machte. Um eine Probe der Erzählungsweise Polos zu geben, schalte
ich hier seine Wanderung nach Ormuz ein, welche ich, um ihr die
alterthümliche Färbung zu bewahren, aus einer der ersten deutschen
Uebersetzungen entlehne.[25]
„+Von dem lustigen veld vnd von der statt Cormos.+“
„Die eben do von yetzt gesagt ist, herstreckt sich jnn die funff
tagreisen, vnd do sie ein end hat, do hebt der weg an vnder sich zu
gohn, vnnd mus man bis jnn die zwentzig meilen stetzs vndersich gohn.
Das ist ein vast böser weg, vnd vmb der rauber willen vnsicher. Zu
letst kompt man zu eim vberaus hupschen veldt, das ist zwo tagreisen
lang, vnd heisset das orth die schöne.“[26] „Jnn disem land seind vil
wasser bäch, vnd palmen beum. Es seind auch mangerley vögel mit hauffen
do, zuvor papageyen, die disseit des Meeres nicht funden werden. Von
dannen kompt man zu dem meer Crean (verdruckt statt Ocean), do ligt am
gestaden die statt Cormos, die hat ein guten port, do viel Kaufleut
zusammen kommen, die bringen aus India specerey, berlin, edelgestein,
gewant von seiden vnd gulden stucken, zeen von helffanten, sambt
andern köstlichem ding. Dis ist ein königliche stadt, vnd hatt viel
stett vnd schlösser vnder jr. Die landtschafft aber an jr selbs ist
heis vnnd schwach. So ein frembder kauffman do stirbt, so nimbt der
König als sein gut. Jnn disem landt macht man wein aus dateln vn̄ vō
andern köstlichen specereiē, die sein aber nit gwont sind vn̄ erst
anhebē zu trincken, den bewegt er dē bauchflus, aber die sein gewont
sind, die werden seer feyst douō. Die jnwoner dises lands essen kein
weitzen brot, auch kein fleisch, sunder datteln, ziblen vn̄ gesaltzen
fisch. Sie haben schiff die sind nit vast sicher, dan̄ sie hefftens
nit mit eisen neglen, sunder mit hültzen neglen vnd fedemen, die sind
aus rinden gemacht der yndischen nus, die rinde bereit man wie leder,
daraus schnidt man darnach fedem, vn̄ aus den fedemen macht man starke
seyl, die den gewalt des wassers dulden mögen. Jedes schiff hat nit
mehr dann einen mast, ein segel, ein leytruder, vnd ein Decke.“
„Man schmiert sie auch nit mit Bech, sunder mit vischschmalz. So sie
dan̄ jnn Jndiam farend vnnd pferd oder andere war mit jnen füren, so
verlieren sie vil schiff, dan̄ das selb meer ist vast vngestüm, vnd
sind die schiff nit mit eisen verwart. Die jnwoner dieses lands sind
schwartz, vn̄ Machumets gsatz vnderworffen. Jm sommer so es vast heis
wurt, so wonē sie nit in den stetten, sunder jn wol gewesserten gärten
auswendig der stett, do leyten sie das wasser mit düncheln hin und her,
doselbst wonen sie, vnd empfliehē der hitz ein wenig. Es geschieht
auch etwan, das ein heisser brenner windt von einer wüsteney kompt, do
nichts dann sandt ist, der wehet so stark, das so die leut nicht balde
flühen, so hersteckte er sie alle mit der hitz.“
„So bald sie prüfen, dz sich derselb wind erhebt so fliehen sie eilend
zum wasser, darin erhalten sie sich, bis der windt vberget, also
entwichen sie dem brunst den der sand bringt. Sie seehen jnn disem land
jm Wintermonat, vn̄ jm Mertzen ernden sie, dan̄ sind auch andere frücht
zeittig abzulesen, dan̄ nach dem Mertzen verdorren alle beum am laub
vnd gras, vnd findt man den gantzen summer kein grien blat, es sey dan̄
an den wassern. Es ist ein gewonheit jnn disem land, wan̄ ein hausvater
stirbt, so beweint jn sein weib vier jar lang allen tag zu eyner
bestimbten zeit. Es samlen sich auch des abgestorbenen, gesipte frund
jnn sein haus, sambt allen seinen nachbauren, die heulen vnd weynen,
vnd machen bittere klagen do.“
* * * * *
Das innere Persien war den Abendländern erst seit der Mongoleninvasion
geöffnet. Polo hat es auf dem Hin- und Herwege durchkreuzt. Von Ormuz
reitet man 17 Tage über das Gebirge nach Kerman. Der Weg, den die
Reisenden machten, entspricht so ziemlich der Route des englischen
Major Smith 1866. Von Kerman aus mußte man in nördlicher Richtung die
Wüste Lut durchschneiden, in welcher man nur bitteres und salziges
Wasser findet. Die von Polo weiterhin genannte Stadt Cobinan dürfte
wohl mit der Landschaft Kuh-banan identisch sein. An den nordpersischen
Gebirgen wandte er sich ostwärts nach Balch. Hier war damals die
Ostgrenze des persischen Reichs.
Diese Stadt war von den Mongolen zerstört, welche auch noch andere
volkreiche Plätze im Gebiet des obern Oxus von der Erde vertilgt
hatten. In Kunduz, der weiter östlich gelegenen Landschaft, betreten
wir die Stufenländer des gewaltigsten aller Hochländer auf der Erde.
Es werden noch die Orte Taican (d. h. Talikhan) und Casem (d. i.
Kischm, jetzt südlich von der gewöhnlichen Karawanenroute) genannt, und
wir gelangen weiter in das Hochgebirgsgebiet von Badachschan. Diese
Landschaft lehnt sich im Süden an die Schneekette des Hindukusch,
im Osten an den Steilrand der Pamir, der grasigen Hochthäler an den
Quellenbächen des Oxus. Die Straße, welche Polo zog, um nach den
tiefgelegenen Städten Yarkend und Kaschgar zu gelangen, ist in neuerer
Zeit, was den westlichen Theil betrifft, zuerst von dem englischen
Reisenden Wood 1838 wieder betreten, während die östlichen Hochpässe
über die Pamirsteppen von einem Theil der von Indien nach Kaschgar
beorderten englischen Mission unter Douglas Forsyth 1873 zum ersten
Male in neuerer Zeit überschritten sind. Die Landschaft Badachschan
war ehedem berühmt durch ihren Reichthum an Edelsteinen, namentlich
Rubinen. Die Hauptfundgruben liegen am Panjah- oder Hamunflusse (d.
i. Amu) in dem früher blühenden und volkreichen Districte von Gharan.
Jetzt ist das Thal mit Dorfruinen besäet. Die 16 englische Meilen
nördlich von dem kleinen Dorfe Barschar gelegenen Rubingruben, welche
eine Quelle des Reichthums für die Herrscher von Badachschan abgaben,
sind nahezu erschöpft. Im Jahre 1873 waren nur noch 30 Arbeiter dort
beschäftigt. Im Süden Badachschans, am Fuß des Hindukusch, war die
Fundstätte eines andern hochgeschätzten Steines, des Lasursteines oder
Lapis Lazuli, welcher im Abendlande nach der Landschaft Badachschan
oder Balakschan benannt wurde; Marco Polo schreibt Balaciam. Albertus
Magnus kennt den Stein unter dem Namen Balagius, Dante als Balascio.
Wood hat diese Fundstätten besucht. Polo rühmt hier zu Lande auch
die berühmte Pferdezucht, welche noch gegenwärtig in Blüte steht.
In der reinen Luft der Hochgebirgsthäler genas unser Reisender auch
von dem Fieber, das er sich in Persien zugezogen und das ihn Jahre
lang gepeinigt hatte. Die Schönheit der landschaftlichen Scenerien
wird von ihm gepriesen. Von Faizabad zog Polo wahrscheinlich über den
Aghirdapaß und durch die Schlucht, welche sich bei Barschar in der
Nähe der Rubingruben öffnet, hinab ins Panjahthal und gelangte so
ins Gebiet von Wakhan (Vocan), von wo der mühsame Uebergang über die
Weidethäler der großen oder der kleinen Pamir erfolgte. Der District
von Wakhan erstreckt sich von Westen nach Osten und besteht aus
rauhen Hochthälern, welche beständig von heftigen und kalten Winden
heimgesucht sind. Capitän Trotter, ein Mitglied der Gesandtschaft des
erwähnten Sir Douglas Forsyth, hat denselben Weg, wie Polo, gemacht
und ausführlich geschildert (~Journal R. Ggr. Soc. Vol.~ XLVIII,
1878). Das am höchsten gelegene Dorf im Wakhan, Sarhadd, hat eine
Seehöhe von 3350 Meter. Weiter aufwärts macht man im Winter die
Reise auf dem gefrorenen Spiegel des Bergstroms und führt sie mit
geringeren Schwierigkeiten aus, als im Hochsommer, weil dann bei der
Schneeschmelze und der Hochfluth der Pfad im Thale vielfach versperrt
ist. Dann geht es in beständiger Folge von steilen Auf- und Abstiegen
am Gehänge hin; an einer Stelle muß man, wo der Weg abbricht, an
einer Steilwand in kürzester Frist 1000 Fuß hinanklimmen. Das von
den kirghisischen Hirten jetzt fast ganz verlassene Thal der kleinen
Pamir liegt 4000 Meter hoch. Ein kalter Wind bläst so heftig durch das
Thal, daß man kaum die Augen öffnen kann. Die verschneiten Paßhöhen,
welche die Grenze zwischen Ost- und West-Turkestan bilden und zugleich
die Wasserscheide zwischen den westlichen Abflüssen des Oxus und den
östlichen des Tarim bezeichnen, liegen über 4500 Meter hoch. Dann
beginnt die Wanderung über das eigentliche Plateau der Pamir, „des
Daches der Welt“. Die kühnen, schroffen, himmelanstrebenden Bergformen
verschwinden und flachwellige Thäler in einer Höhenlage von über 3000
Meter treten an die Stelle, bewohnt von Kirghisen und belebt von ihren
Herden. Ueber dem breiten Thale ragt das altberühmte Taschkurghan
(„Steinschloß“) empor, der Sitz des Districtgouverneurs. Das Schloß
ist uralt, und soll von Afrasiab, einem Könige von Turan, gebaut sein.
Eine Zeit lang bestand hier eine blühende Tädschik-Colonie unter einem
erblichen Herrscher, der an China Tribut zahlte. Von hier geht der
Weg wieder zehn Tage lang durch wilde spärlich bevölkerte Gebirge
und gefährliche Pässe. „Die Berge,“ schreibt Trotter, welcher von
Kaschgar herüberkam, „sind kahl und unfruchtbar, der Weg ist schlecht
und nach Uebersteigung des Toratpasses („Pferdeschweif“), 3400 Meter
hoch, gradezu abscheulich. An einer Stelle führt er im Flußbette hin,
der, voll großer Blöcke und tiefer Wasserlöcher, zwischen senkrechten
Felswänden sich Bahn bricht. Ein paar entschlossene Leute können den
Weg gegen eine ganze Armee vertheidigen. Fast ebenso schwierig ist der
Abstieg ins Tiefland von Ost-Turkestan nach Yarkend.“
Die Schilderung dieses überaus mühsamen Uebergangs über die Pamir
bildet eins der interessantesten Capitel in dem Berichte unseres
Venetianers. Möge darum seine Darstellung hier in der alten deutschen
Uebertragung eingereiht werden.
„So man von dannen (nämlich von Wakhan) gegen auffgang zeucht, so mus
man drey gantz tag vbersich ziehen, bis man auff ein hohen berg kumbt,
der kein höhern jn der welt hat. Daselbst findt man ein ebne zwischen
zweyen bergen, darin fleußt ein schön lustig wasser, das gibt gute
weyden darumb, also das ein mager pferdt oder rindt jn zehen tagen
feyßt dauon wirt.“
„Man findt auch vil wildbrets da, zuuor etlich wilde wider (~Ovis
Poli~) oder castrone, die haben lange hörner, daraus macht man
mangerley geschiir, dise ebne ist so lang, das man jr in zwelff tagen
kein end finden kan und heyßt Pamer (andere Lesart Pamier). So man aber
weyter zeucht, so wirt es wie eine wüsteney, vnd hat keins menschen
wonung mer, auch kein grün gras mehr. Darumb müssen die leut mit jnen
führen, was jnen von nötten ist zur erhaltung. Es ist auch kein vogel
da, vmb der kelten willen, vnd grosser Höhe des erdtrichs, das dem vich
kein futter tragen kan.“[27]
„So man ein feur da anzündt, so ist es nicht so hell, vnnd so krefftig,
als an anderen orten von wegen der vberschwencklichen kelten des
lands.[28] Von dannen geth der weg durch die berg gen auffgang vnd
mitnacht, da findt man berg vnd thal, vnd vil wasser da zwischen, aber
keins menschen wonung, vnd kein kraut. Das landt heyßt Belor, das
zeigt ein ewigen winter an. Derselb anblick weret viertzig tagreysen
lang.[29] Fur so viel tag mus man auch prouiand bey sich haben, doch
sicht man auff den allerhöchstn bergen, hin vnd her etlicher leut
wonungen, die seind aber vberaus bös vnd grewlich, so seind sie auch
abgöttisch, die geleben des weidwercks vnd bekleyden sich mit den
heutten von den thieren.“
Außer Wood haben das Hochland auf zum Theil verschiedenen Wegen
durchkreuzt 1861 der britische Agent Abdul Medschid auf dem Wege
nach Kokan, und Mirza 1868/9 über den Tschitschiklikpaß nordöstlich
von Taschkurgan, welchen Trotter und wahrscheinlich auch schon Polo
überstiegen. Den gewaltigen Unterschied zwischen den unwirthlichen,
menschenleeren Höhen und den blühenden Oasen in Ost-Turkestan
empfanden die venetianischen Kaufleute sofort und Marco Polo verleiht
der Wahrnehmung Worte, wenn er mit Befriedigung von den herrlichen
Weinbergen, Fruchtgärten und „anderen Ackergütern“ erzählt. Während
auf der Pamir sich einzelne Gipfel bis zu 8000 Meter erheben, ist der
tiefste Thalboden im Tarimbecken kaum 700 Meter über See gelegen. Nur
an den von der Umwallung der alpinen Hochketten aus Norden, Westen
und Süden ablaufenden Gewässern ist durch künstliche Befeuchtung des
Bodens um feste Städte eine oasenartige Kultur entstanden, die sich
an die Gebirge anlehnt. Das Tarimsystem wird im Norden und Süden
von den Schneegebirgen des Tienschan und Kwenlun begleitet, welche,
fast parallel, weit gegen Osten streichen. Daher haben sich, weil
an der Rinne des Tarim selbst wenig anbaufähiges Land sich findet,
zwei Städtereihen im Norden und Süden entwickelt, durch welche
der Weg nach China führt. Während in unsern Tagen die belebteste
Karawanenstraße durch die nördliche Städtereihe Kaschgar, Aksu, Turfan
und Komul geht, lief zu Polo’s Zeit die Route durch die südlichen
Plätze Yarkend, Iltschi (Choten), Tschertschen und an den Lopnor, das
Sammelbecken aller Gewässer Ost-Turkestans. Den Weg der Venetianer
hat kein europäischer Reisender wieder verfolgt, nur durchkreuzt hat
ihn in jüngster Zeit der kühne russische Oberst Prschewalsky, welcher
nach Polo auch zuerst den Lopsee erreichte. Im Gebiet von Choten
oder Iltschi erwähnt unser Reisender den grünlichen Chalcedon, der
dort unter dem Namen Jade bekannt ist. Die Chinesen schätzen ihn
als Yu-stein, die Perser nennen ihn Yaschin, woraus unser „Jaspis“
geworden ist. Ueber die Stadt Tschertschen (bei Polo Ciarcian, ein
lange vergeblich gesuchter Ort), welche nach den Erkundigungen von
Prschewalsky am Tschertschen-Darja liegt, wurde die Oase Lop erreicht,
wo man sich von der beschwerlichen Wüstenreise eine Zeit lang erholen
konnte und den Thieren Rast gönnte, ehe man die große Wüstenreise zu
der ersten chinesischen Stadt antrat. Der Wüstensand liegt hier in
beweglichen Massen, die vom Winde aufgewirbelt werden. Bei den Chinesen
war dieser Wüstenstrich in früherer Zeit unter dem bezeichnenden Namen
Lu-scha, d. h. fließender Sand, bekannt. Er bildet die westliche
Fortsetzung der bekannten Scha-mo, d. h. Sandmeer.
Die Bevölkerung der Oase[30] Lop (Polo bezeichnet diese als eine große
Stadt) hat stets isolirt, wenn auch nicht völlig abgesondert von der
übrigen Welt gelebt. Prschewalsky hält den Grundstamm für arisch,
mit mongolischem und tatarischem Blute gemischt. Sie war schon zu
Polo’s Zeit mohammedanisch. Auffällig ist, daß jetzt Kamele nicht
mehr vorkommen, während unser Reisender ausdrücklich betont, daß man
sich hier zur Weiterreise mit starken Kamelen versorge, denn die
Wüstenwanderung währt einen ganzen Monat, und für diese Zeit muß man
sich mit Lebensmitteln und Futter versehen. Trinkwasser findet sich an
einigen Stellen, wenn auch nicht immer reichlich. Die größten Gefahren
der Reise liegen aber nach der Ansicht unseres Berichterstatters in
den Tücken böser Geister, die durch Namensruf und allerlei Geräusch
die Reisenden in die Irre führen und ins Verderben locken. Bei
Tage klingen diese Geisterstimmen wie „süß tönendes Saitenspiel,
Pauken und Trommeln“. Chinesische und arabische Schriftsteller
wissen gleicherweise von solchen geheimnißvollen Tönen in der Wüste
zu erzählen; auch Capitän Wood vergleicht den Ton der Schritte im
beweglichen Sande mit fernem Trommelwirbel und zarter Musik. Daß aber,
abgesehen von den ungleich erwärmten in Bewegung gerathenen sogenannten
klingenden Sandmassen andere eigenthümliche Sinnestäuschungen in den
asiatischen Wüsten zu solchem Gespensterglauben veranlassen können,
wie ihn der naive Bericht Polo’s kundgibt, dafür mögen hier die
Beobachtungen des Botanikers A. v. Bunge eingeschaltet werden, welcher
bei der Expedition Chanikoffs die auch von Polo durchschnittene Wüste
Lut in Iran durchzog. „Der Tag war glühend heiß gewesen,“ schreibt
Bunge, „die finstere Nacht -- die Gewitterwolken waren herangezogen,
aber sie schwanden über der dürren Wüste, fast ohne daß ein Tropfen
herabfiel -- war warm; beim gleichmäßigen Schaukeln auf dem Kamel
ängstigte -- nicht mich allein -- eine eigenthümliche Sinnestäuschung,
als ritte man in dichtem Walde zwischen hohen Bäumen und müsse sich
fortwährend beugen, um den Zweigen auszuweichen. Schon ehe die Sonne
aufging, traten die Erscheinungen der Luftspiegelung ein.“ (Petermann,
Mitthl. 1860. 223.) Auch ~Dr.~ O. Lenz hat bei seiner ruhmvollen
Wanderung durch die westliche Sahara von Marokko nach Timbuktu 1880,
die Erscheinungen des tönenden Sandes beobachtet als langgezogene
dumpfe Trompetentöne, welche, um das Unheimliche dieser Wüstenlaute
zu steigern, bald hier, bald dort, immer aus einer andern Gegend
herüberklingen. Lenz sucht die Ursache an der Friction der erhitzten
Quarzkörner.
Erst nach 30 Tagen gelangten die venetianischen Kaufleute zur ersten
chinesischen Stadt Scha-tscheu (Saciu) d. h. Sand-ort, einem wichtigen
Platze, weil alle Wege, welche von China aus nach Westen gerichtet
sind, durch diese Stadt führen. Im Jahre 1292 ließ Kublaikaan, zur
Zeit, als Polo sich zur Heimkehr nach Europa anschickte, die Einwohner
ins Innere von China schaffen, und 1303 legte sein Nachfolger eine
Besatzung von 10000 Mann dahin, um den Platz zu sichern. In weitern
10 Tagen erreichte man Su-tscheu (Succiur, Sukchu), welches 1226 von
Tschingiskaan zerstört worden war, und weiterhin in südlicher Richtung
Kan-tscheu (Campichu), damals die Hauptstadt von Tangut, jetzt Provinz
Kan-su, nördlich vom Kuku-nor. Dann folgten die Städte Liang-tscheu-fu
(Eritschu), Sining-fu (Sinju), und Ninghia (Egrigaia)[31]. Nicht weit
davon lag die Sommerresidenz der ehemaligen Tangutkönige am Fuß des
Alaschan (Calaschan). Von Liang-tscheu folgte Polo einer Reiseroute,
die den modernen Postweg zur rechten ließ. Die Straße, welche er zog,
heißt seit der Zeit des Kaisers Kang-hi die Courierstraße. Nach Tenduc
(jetzt Kuku-choto) verlegte Polo den Sitz des Priesters Johann, den er
in dem Ung-chan zu erkennen glaubte. Ihm fielen dort die Mischlinge
auf, deren Nachkommen wahrscheinlich in den heutigen Dunganen zu suchen
sind. Auf diesem Theil der Reise mußte Polo die berühmte chinesische
Mauer berühren, aber er erwähnt sie nicht. Man mußte denn, wie H. Yule
(Marco Polo I, 283) meint, eine versteckte Anspielung darauf in den
folgenden Worten des Reisenden finden: „Hier ist auch der Ort, den
wir das Land Gog und Magog nennen, dort heißt es Unc und Mugul.“ Yule
deutet diese Stelle dahin: hier sind wir an der großen Mauer, die als
Wall von Gog und Magog bekannt sind. Dort zu Lande nennt man sie nach
zwei Volkstämmen Ung[32] und Mongolen, welche mit der Vertheidigung der
großen Mauer betraut waren.
Sieben Tage weiter kommt man endlich in das große Land Cathay, welches
überall von volkreichen Städten und Dörfern dicht besät ist. Ueber die
kunstgewerbreiche Stadt Sindatschu[33], welche unter der Kin-Dynastie
als Siwant-tschu bekannt war, und jetzt Siwan-hwa-fu heißt, fünf
Meilen südlich von Kalgan, gelangten die Reisenden nach Tschagannor
(Ciagannor), einem ums Jahr 1280 erbauten Palaste des Großfürsten,
wo der Kaan sich gern aufhielt, um der Jagd auf Wasservögel am See
obzuliegen. Tschagannor bedeutet „weißer See“, die Ruinen liegen etwa
6 Meilen nördlich von Kalgan. Noch drei Tagereisen weiter gegen Norden
lag die Stadt Tschan-du (Ciandu) oder Schang-tu, d. h. oberer Hof,
obere Residenz, wo der Kaan gleichfalls einen prächtigen Marmorpalast
hatte errichten lassen, dessen vergoldete Zimmer mit kunstvollen
Gemälden geziert waren. ~Dr.~ S. W. Bushell hat den Platz 1872 besucht.
Die Ruinen liegen etwa unter 40° 22′ n. Br., westlich vom Meridian
von Peking. Der jetzt verödete, übergrünte Herrschersitz, den Polo
mit besonderer Ausführlichkeit beschreibt, erhob sich am sumpfigen
Ufer eines Flusses, der noch jetzt den Namen Schan-tu trägt. Bei den
Mongolen heißen die Ruinen Djao-Naiman Sume Khotan, d. h. Stadt mit
108 Tempeln. Marmorfragmente von Löwen, Drachen und anderen Bildwerken
zeigen die Stätten der ehemaligen Tempel und des Palastes.
Die bisher genannten Fürstensitze lagen jenseit der großen Mauer auf
dem Gebiete der eigentlichen Mongolei. Seitdem China dem mongolischen
Weltreiche einverleibt worden, war die erste und größte Residenz, in
welcher der Kaiser die Wintermonate, December, Januar und Februar
verlebt, hierher verlegt worden. Dieser „große Hof“, als Stadt
Tatu oder Taidu genannt, bestand seit 1264. Sein Name Kaan-baligh,
„Stadt des Kaan“, war in der abendländischen Form Cambaluc, Canbalu
Jahrhunderte lang mit den Vorstellungen größter Fürstenpracht
und größten Glanzes verbunden, ehe er dem modernen „Pe-king“
(Nord-Residenz) weichen mußte.
Der großartigen Hofhaltung des mongolischen Kaisers widmete Polo die
eingehendste Beschreibung. Da die Venetianer von Kublai auch bei
diesem ihren zweiten Besuche auf das Huldreichste aufgenommen wurden
und sich seiner dauernden Gunst erfreuten, so war der jüngere Marco
auch mehr als andere in der Lage, bei der Beschreibung des Hofstaates
und tatarischen Regiments in China zahlreiche Einzelbeobachtungen
und Wahrnehmungen mitzutheilen. Marco Polo gewann in dem Grade das
Vertrauen des Großfürsten, daß dieser ihn in besonderer Sendung nach
den südlichen Provinzen Chinas und bis an die Grenzen seines Reiches
abordnete. Dadurch wurde dem Abendland zuerst der Blick in die
Großartigkeit der chinesischen Welt eröffnet. Die Reise ging von Peking
in südwestlicher Richtung durch die Provinzen Schansi, Schensi und
Szytschuán bis nach Yün-nan und bog dann nach Osten gegen das Meer ab.
Den ersten Theil des Weges hat v. Richthofen 1871 verfolgt und seinen
Untersuchungen verdanken wir besonders das neue Licht, das auf die
Weglinie des Venetianers gefallen ist. Wir begleiten den kaiserlichen
Agenten über Tschou-tschou (Juju) zunächst nach T’aiyüan-fu (Taianfu)
der Hauptstadt von Schansi, wo im 8. Jahrhundert die Tang- und später
die Ming-Dynastie residirte und wo, bei dem sehr bedeutenden Reichthum
an Kohlen und Eisen, seit alter Zeit die Eisenindustrie blühte, welche
im 13. Jahrhundert namentlich Waffen fertigte. Sieben Tagereisen weiter
folgte die in einem breiten Thal des nordchinesischen Lös gelegene
Stadt Pingyang-fu (Pian-fu). Nach Ueberschreitung des Hwang-ho, den
Polo unter dem mongolischen Namen Caramoran, d. h. schwarzer Fluß,
kennt, gelangt man in 10 Tagen zu einer der merkwürdigsten Städte des
Landes, nach Si-ngan-fu (Kenjanfu bei Polo, Kansan bei Odorich von
Pordenone). Als die Hauptstadt vieler mächtiger Herrschergeschlechter,
von deren Bedeutung auch unser Gewährsmann Kunde erhalten hat,
vielleicht schon das Θιναι des Ptolemäus, und im 7. Jahrhundert der
Sitz blühender Kirchen, kann man diese Stadt wohl als die berühmteste
in der chinesischen Geschichte bezeichnen. Dann führt der Weg durch
den von wilden Gebirgen erfüllten südlichen District der Provinz
Schensi und jenseits Han-tschung durch das Tsinglinggebirge, wo seit
alter Zeit die Straßen in Zickzack in den Felsen gehauen sind. Polo
brauchte 20 Tage, um über diese Gebirge nach Tsching-tu-fu (Sindafu),
der gegenwärtigen Hauptstadt von Szy-tschuan zu gelangen. Die herrliche
Ebene, in welcher die Stadt liegt, die, von 800,000 Menschen bewohnt,
jetzt zu den schönsten Städten Chinas zählt, breitet sich am Fuße des
plötzlich abfallenden tibetanischen Plateaus aus und hatte damals
„vil stett vnd schlösser vnd dörffer“. Die Ostgrenze Tibets war zu
jener Zeit viel weiter nach Osten vorgeschoben als jetzt; die Stadt
Ya-tschou-fu, welche man in weitern fünf Tagen erreicht, gehörte damals
bereits zu Tibet und auch heutzutage liegt sie an der Westgrenze des
nur von Chinesen bewohnten Gebietes. Sie bildet den Schlüssel zu dem
westlichen Hochlande. Ueber 3000 Meter hohe Pässe ging’s weiter nach
Süden, 20 Tage ritt Polo durch menschenleere Gebirge, so daß die
Reisegesellschaft genöthigt war, alle Lebensmittel mitzuführen. Jetzt
gibt es auch an dieser Straße einige Ansiedlungen und feste Plätze mit
chinesischen Garnisonen, welche dem Wanderer gegen die unabhängigen
Lolo Schutz gewähren. Kurz vor der Stadt Ning-juan-fu erreichte man
wieder eine schöne, von einem Zufluß des Yang-tse-kjang bewässerte
Thalebene, welche die Chinesen als eine Art irdisches Paradies preisen.
Polo nennt die Stadt und Landschaft Caindu, ein Name, welcher der noch
jetzt im Volke üblichen Bezeichnung Kian-tschang entspricht. Polo rühmt
hier ein gewürztes Getränk, das aus Weizen, Reis und andern Spezereien
bereitet werde. Dieser gewürzte Wein steht noch in gutem Ruf. Auch die
Cassiablütenknospen, ein noch jetzt geschätztes Produkt des Thales,
werden unter den Landesprodukten als „Gewürznelken“ aufgeführt.
Nahe der südlichsten Biegung des Stromes wurde der obere Yang-tse-kjang
(bei Polo Brius) überschritten und dann die Landschaft Carajang (d.
h. schwarzes Jang, nach den schwarzen Bewohnern) erreicht. Es bildet
den nördlichen Theil von Yün-nan, dessen Hauptstadt damals Ya-schi,
jetzt Yün-nanfu heißt. Der weiter westlich gelegene Hauptort von
Carajang trägt auch bei Polo diesen Namen, jetzt Talifu.[34] Auf den
südwestlichen Gebirgen, welche die Grenze gegen den modernen Staat
Birma bilden, erkennen wir in den Bewohnern, welche ihre Zähne zu
vergolden pflegen, die Kakhyens oder Singpho, deren waldiges Bergland
Polo unter der persischen Bezeichnung Zardandan, d. h. „Goldzahn“
beschreibt. Jenseit dieser Gebirge, über die man mehrere Tage beständig
abwärts reitet, öffnet sich das obere Thal des Irawadi. Polo nennt es
Amien, bei den Chinesen heißt Birma oder Ava noch jetzt Mien. Durch das
Thal des Schweli stieg der Reisende zum Iravadi hinab nach Alt-Pagan
oder Tagoung (Tagong), wo über den Königsgräbern zwei fingerdick mit
Gold und Silber belegte Thürme sich erhoben. Weiter scheint unser
Reisender nicht vorgedrungen zu sein als bis nach Ta-gang, welches
1283 auch der mongolischen Weltmacht unterthan gemacht war. Nur von
Hörensagen berichtet er weiter von den Landschaften Bangala (d. i.
Bengalen), Cangigu (d. i. Tung-king, chines. Kiaotschi-kwe), Anin im
südlichen Yün-nan,[35] Coloman, d. h. Kolo-barbaren, an der Grenze von
Kwei-tschou (Cuiju bei Polo). Von hier aus macht die Vortragsweise Polo
wieder den Eindruck, als ob er auf seiner Rückreise aus Südwesten die
Schilderung seiner eignen Route wieder aufnehme. Er zog wahrscheinlich
von Yünnan-fu auf einem mehr östlich gelegnen Wege gegen Norden, setzte
bei Siü-tschou über den blauen Strom und erreichte in Tsching-tu-fu
seine frühere Straße wieder, um nun nach Cambalu seine Rückkehr zu
vollenden.
Drei Jahre stand Marco Polo dann als Gouverneur in der großen Stadt
Yang-tschou nordöstlich von Nan-king, machte darauf mit seinem
Onkel Maffeo längeren Aufenthalt in Kantschou in Tangut und hat
wahrscheinlich auch Karakorum besucht. In diese Zeit fällt auch des
Großfürsten vergeblicher Eroberungszug gegen das blühende Inselreich
Zipangu (Japan), dessen Name Dschi-pen-kwe „Land des Sonnenaufgangs“
zur Zeit des Columbus neben Indien und Cathay einen besonderen Lockreiz
auf alle abenteuernden Entdecker ausübte.
Die venetianischen Kaufleute weilten bereits über 20 Jahre in China,
ehe sie eine günstige Gelegenheit fanden, ihre Heimat wieder zu sehen;
denn der Kaan wollte sie ungern entlassen. Diesen günstigen Anlaß zur
Abreise bot nun die Entsendung der Prinzessin Kokatschin nach Persien,
wo sie mit Argunchan, dem Großneffen Kublais, vermählt werden sollte.
Der Kaan gab ihnen 2 goldene Täfelchen als Geleitsbriefe und Empfehlung
in allen seinen Landen und beauftragte sie auch noch mit einer
Botschaft an die Könige von Frankreich, England und Spanien, sowie an
andere Könige der Christenheit. Das Gefolge der Prinzessin bestand aus
600 Personen. Von Cambalu ging die Reise bis zum Seehafen von Zayton zu
Land und dann zur See. Auf dieser Landreise, welche Polo gleichfalls
beschreibt, sah er die der Ostküste näher gelegenen Provinzen mit ihrem
wimmelnden Völkerleben in den Riesenstädten, die alles übertrafen, was
das Abendland bieten konnte, die mit ihrem Reichthum, Gewerbfleiß und
überaus belebten Handel einen unverlöschlichen Eindruck zunächst auf
den Reisenden und nach dessen Erzählungen bei allen Völkern Europas,
namentlich den seefahrenden Nationen hervorbrachte, so daß an diesen
glühenden Schilderungen sich die Reise- und Entdeckungslust entzündete.
[Illustration: Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.
(Das Original, in Ost-Sibirien gefunden, ist viermal so lang und
breit.)]
Von Peking ging die Landreise zuerst gerade nach Süden über Hokian-fu
(Cacanfu), bei Tsinanfu (Chinangli) erreichte man damals, wie auch
heute wieder, den großen Strom, den Hwangho, welcher später und bis
vor 30 Jahren südlich um das Bergland von Schantung sich ins gelbe
Meer ergoß. Größtentheils auf dem Kaisercanal führt der Weg gegen
Südsüdosten durch Kiangsu bis zum Yang-tse-kjang und zur altberühmten
Stadt Jangtschen (Yanju, auf der catalanischen Karte von 1375 als
Jangio) wo M. Polo auf Befehl des Kaan drei volle Jahre, zwischen 1282
und 1287 die Verwaltung geleitet hatte. In der Nähe dieser Stadt floß
bei Tschin-tschou oder I-tschin-tschou (Sinju) der blaue Strom vorüber,
auf dem Polo einmal 15,000 Schiffe vor der Stadt liegen sah. Nach den
Angaben der dortigen Kaufherren liefen jährlich gegen 200,000 Schiffe
den Fluß hinauf. Ueber die großen Plätze Tschang-tschen (Chinginju) und
Su-tschen (Suju) zogen sie dann in Hang-tschen ein. Polo nennt diese
größte aller Städte Kinsay oder Quinsai, nach dem chinesischen Namen
King-sze, d. h. Hauptstadt; denn sie war seit 1127 die Residenz der
Song-Dynastie gewesen. Keine Stadt der Welt hat unsern Reisenden mehr
in Erstaunen gesetzt als diese, keine hat er so eingehend beschrieben;
aber leider hat Polo, indem er das chinesische Wegmaß „Li“ einer Meile
gleichsetzt, die Verhältnisse gewaltig übertrieben. Diese schönste
Stadt der Welt mit ihren meilenlangen, gepflasterten Straßen sollte
100 Meilen[36] im Umfange haben. Die ganze Stadt lag, von Wasser
umgeben, von Canälen durchzogen, in der Niederung, nahe dem Meere;
12,000 Steinbrücken führten über die Canäle. Es gab 1,600,000 Häuser
und darunter viele stattliche Paläste. An jedem Hause war auf einer
Tafel die Anzahl der Bewohner zu lesen. Die zwölf gewerbtreibenden
Zünfte verfügten über 12,000 Häuser mit Arbeitern. In den Hauptstraßen
wogte ein unaufhörlicher Verkehr, Wagen folgten auf Wagen. Die
Einkünfte, welche der Kaan von hier bezog, sollten sich jährlich auf
fast 200 Mill. Mark (!) belaufen. Und um die Größe der Bevölkerung zu
veranschaulichen, hatte ein kaiserlicher Beamter erzählt, daß täglich
fast 10,000 Pfd. Pfeffer consumirt würden. Der neben der Stadt gelegene
Palast hatte 10 Meilen (Li) Umfang, umfaßte 20 in Gold gemalte, große
Hallen, gegen 1000 auf das herrlichste geschmückte Zimmer und war
von schönen Gärten mit Springbrunnen und Teichen umgeben. Die Stadt
lag unfern des Meeres, an welchem +Ganfu+[37] einen ausgezeichneten
Hafen der Stadt bildete. Das ganze Küstengebiet hat seit jener Zeit
wesentliche Veränderungen erlitten. Die See ist näher an die Stadt
gerückt, die Stätte des Hafens ist unter den Spiegel des Wassers
gesunken, und die Metropole selbst hat gegenwärtig nur 35 Li Umfang.
Auch nach Polo’s Zeit ist diese Weltstadt von abendländischen und
arabischen Reisenden beschrieben, so von Odorich, welcher 1324-27 in
China weilte, von Marignolli (1342-47), welcher sie Campsay nennt, von
Wassaf, Ibn Batuta u. a.
Von King-sze ging dann die Reise weiter durch die jetzigen Provinzen
Tsche-kjang und Fu-kian nach dem Seehafen Fu-tschen (Fuju, aus der
catal. Karte Fugio). Die leicht erregbare Bevölkerung dieser Capitale
Südchinas mußte stets durch starke mongolische Besatzung niedergehalten
werden, da sie zu Revolten geneigt war. Der weiter südlich gelegene
berühmte Hafen Zayton (Caiton, Çaiton, auf der catalon. Karte Caxum)
war der Sammelplatz der Indienfahrer und einer der größten Handelshäfen
der Welt. Wir haben diesen später sprichwörtlich berühmten Hafen
südlich von Fu-tschen in der Stadt Tsiuan-tschen zu suchen, doch
mögen die Vorhäfen dieses Platzes sich noch bis an das wundervolle,
geräumige Hafenbecken von Amoy erstreckt haben. Das östlich gelegene
Meer ist das Meer von „Tschin“. Nur an dieser einzigen Stelle (~lib.
III, cap.~ 4) nennt Polo den jetzt üblichen Landesnamen China, aber
in persischer Form. Ein anderer Name dafür war das Meer von Manzi,
d. h. Südchina. Nach Angabe der Seeleute, welche in diesen Gewässern
verkehrten, gab es in jenem Meere 7459 Inseln.[38] Von dort kamen
weißer und schwarzer Pfeffer und alle anderen geschätzten Spezereien.
Jahreszeitliche, regelmäßig wechselnde Winde beförderten den Verkehr
mit den Gewürz-Inseln.
Von Zayton aus verließ Polo das Reich der Mitte. Die Namen King-sze
und Zayton, Zipangu und Manzi behielten Jahrhunderte lang ihren
zauberisch lockenden Klang für die handeltreibenden Völker des
Abendlandes. Nachdem man für das Gefolge der Prinzessin, welche nach
Persien geleitet werden sollte, im Hafen von Zayton 13 Schiffe, jedes
mit vier Masten, ausgerüstet und auf zwei Jahre mit Lebensmitteln
versehen hatte, stach man im Anfang des Jahres 1292 in See. Nach einer
Fahrt von angeblich 1500 Meilen kam die Ostküste von Hinterindien
in Sicht, dort lag das seit 1278 dem Großkaan tributäre Königreich
Tschampa (Cyamba) zwischen Tongking und Cambodja. Bei den Arabern hieß
es Sanf, und durch das Meer von Sanf führt nordwärts der Seeweg nach
China. Um die altberühmte, den Seefahrern bekannte Landmarke der jetzt
französischen Inselgruppe Pulo Condor bog der Weg westwärts nach dem
an Elephanten, Gold und Farbholz reichen Locac (Siam) ab. Eigentlich
bestanden zwei Königreiche dort, von denen das nördliche eigentliche
Siam bei den Chinesen Sien-lo, das andere, näher der See gelegene
Lo-hoh hieß. Nach der bei Polo mehrfach vorkommenden Vertauschung von
h mit c oder k, wurde aus Lo-hoh Lokok und Lococ (d. h. das Königreich
Lo). Bei der weiteren Küstenfahrt gewann die Gesandtschaftsflotte bei
der Insel Pentam (Bintang, östl. v. Singapur) das Südende Asiens,
„wo alle Wälder aus wohlriechendem Holze“ bestehen, und steuerte nun
nach Sumatra. Polo nennt hier einen Staat Malaiur; nach der Deutung
H. Yules haben wir darin Palembang auf Sumatra zu erkennen, welches
auch im 16. Jahrhundert noch bei den Malaien unter dem Namen Malayo
bekannt war. Die ganze Insel nennt unser Gewährsmann Klein-Java. An den
gewürzreichen Gestaden dieser großen Insel wurde die Expedition längere
Zeit aufgehalten, so daß sich Gelegenheit bot, die sechs Königreiche in
dem nördlichen Theil der Insel zu besuchen. Eines darunter trägt den
Namen Samara, vermuthlich Samatra (Sumatra). Um zu zeigen, wie weit
die Gebiete nach Süden gelegen sind, fügt Polo hinzu, daß man hier den
Polarstern oder die Sterne des Maestro (großer Bär?) kaum noch zu sehen
vermöge. In einem andern Königreiche Fanfur, woher der beste Kampfer
stammte, lernte er auch das wohlschmeckende Mehl der Sagopalme kennen.
Durch die Malakastraße steuerte das Geschwader nordwestlich zu den von
wilden schwarzen Menschen bewohnten Inseln Necuveran (Nikobaren) und
Angamanain (Andamanen), deren Bewohner Hundsköpfe haben. Das stupide,
prognathe Gesicht jener Negrito ist schon frühzeitig den Abendländern
aufgefallen, bereits der Grieche Ktesias spricht davon.
Von da segelte man mit südwestlichem Cours nach der durch ihre
Edelsteine und Perlen berühmten Insel Seilan (Ceylon), aus deren
Mitte sich über dem Waldlande die Felsenspitze des Adamspik als ein
vielbesuchter Walfahrtsort erhob. Von da setzte man nach der Ostküste
Vorderindiens über, wahrscheinlich nach Tandschur. Der ganze Landstrich
hieß damals bei den Arabern Maabar oder Mabar, d. h. Ueberfahrt,
(nämlich nach Ceylon); jetzt trägt die Küste den Namen Koromandel.
Hier begegnen wir in der Gegend von Madras auch der sehr alten
Ueberlieferung, daß der Apostel Thomas in Indien gepredigt habe und daß
durch ihn die Gemeinde der Thomaschristen begründet sei. Dann wurde die
zu jener Zeit blühende, jetzt verödete und zu einem Dorf herabgesunkene
Handelsstadt Kail (bei Nicolo Conti im 15. Jahrhundert Kahila) besucht.
Dieser Hafenplatz lag nahe der Mündung des Tamraparniflusses im
District Tinnevelly. Die Südspitze Indiens bildete das Land Comari.[39]
Im Reiche Melibar (Malabar) auf der Westküste, die besonders durch den
Reichthum von Pfeffer und Ingwer gesegnet ist, war man schon bedeutend
wieder nordwärts gerückt, „denn der Polarstern erhebt sich schon zwei
Ellen über dem Wasser“. In Gozurat (Guzerat) steht er bereits sechs
Ellen hoch. So wurde also eine Umfahrt fast um die ganze indische
Halbinsel ausgeführt, ehe man an der öden Küste von Mekran entlang nach
Ormuz steuerte. Bevor Polo das Schiff verläßt, wirft er noch einen
Blick über die westlichen Regionen und Gestade des indischen Oceans.
Hier beruhen seine Mittheilungen nur auf Erkundigungen und enthalten
daher manches Irrige oder Falschverstandene. Bemerkenswerth sind seine
Angaben über die Christen aus Socotra, welche bereits im 6. Jahrhundert
dem Indienfahrer Kosmos bekannt waren, und sogar nach den Angaben des
Carmelitermönches Vincenzo noch im 17. Jahrhundert existirt haben
sollen. Auch die Insel Sansibar (Zanzhibar) tritt in den Gesichtskreis.
Von allen Reisenden zuerst nannte Polo auch die große Insel Madagascar;
da er sie aber irrthümlich von Elephanten und Kamelen belebt sein läßt,
so liegt die Vermuthung nahe, daß er Nachrichten aus Magadascho auf der
Ostküste Afrikas mit Berichten aus Madagascar zusammengeworfen habe.
Weiter südlich über jene Insel hinaus aber kann man nicht ohne Gefahr
in den Ocean vordringen, weil eine gewaltige Strömung die Fahrzeuge
unwiderbringlich nach Süden reißt. Und wenn uns von 12,700 Inseln
erzählt wird, welche im indischen Meere liegen sollen, so werden wohl
die Korallen-Ringe der Lakkediven, d. h. 100,000 Inseln und der Titel
des Sultans der Malediven, der sich Herr der 12,000 Inseln nannte,
dabei besondere Berücksichtigung gefunden haben.
Erst im Jahre 1294 kam die bedeutend an Mitgliederzahl
zusammengeschmolzene Gesandschaft nach Persien, denn ein großer Theil
des ursprünglich aus 600 Personen bestehenden Gefolges war während
der Reise gestorben. Auch Argunchan, dem die Braut bestimmt war, war
inzwischen (am 10. März 1291) aus dem Leben geschieden. Ihm war sein
Bruder Kaichatu (Kiacatu) in der Herrschaft gefolgt; dessen Sohn, Gasan
(Casan), trat an die Stelle seines verstorbenen Ohms und heiratete die
Braut. Kaichatu selbst aber empfing die Poli in fürstlicher Weise und
gab ihnen auf ihrer Weiterreise die umfassendsten Geleitsbriefe mit,
so daß sie in unsicheren Gegenden zuweilen unter dem Schutze von 200
bewaffneten Reitern dem Abendlande zueilten. Von Persien aus schlugen
sie über Bagdad den nördlichen Weg ein über das armenische Hochland
nach Trapezunt und gelangten von da zu Schiff über Konstantinopel und
Negroponte im Jahre 1295, nach 25jähriger Abwesenheit wieder in ihre
Vaterstadt Venedig.
Fassen wir noch einmal die Resultate dieser epochemachenden Reise
zusammen,[40] so war Marco Polo der erste Reisende, welcher ganz Asien
der Länge nach durchzog und die einzelnen Länder beschrieb. Er sah
die Wüsten Persiens und die grünen Hochflächen und wilden Schluchten
Badachschans, die Jade-führenden Flüsse Ost-Turkistans und die Steppen
der Mongolei, die glänzende Hofhaltung in Cambalu und das Volksgewimmel
in China. Er erzählte von Japan mit seinen goldbedeckten Palästen, von
Birma mit seinen goldenen Pagoden, schildert zuerst die paradiesischen
Eilandfluren der Sundawelt mit ihren aromatischen Gewürzen, das ferne
Java und Sumatra mit seinen vielen Königreichen, mit seinen geschätzten
Erzeugnissen und seinen Menschenfressern; er sah Ceylon mit seinen
heiligen Bergen, besuchte viele Häfen Indiens und lernte dieses im
Abendlande noch immer von Sagen verhüllte Land in seiner Größe und
seinem Reichthum kennen. Er gab zuerst im Mittelalter einen klaren
Bericht von dem christlichen Reiche in Abessinien und drang mit seinem
Blick einerseits bis nach Madagascar vor, andererseits zog er im Innern
Asiens Erkundigungen über den höchsten Norden, über Sibirien ein, über
das Land der Finsterniß, wo weder Sonne noch Mond noch Sterne scheinen
und ein ewiges Zwielicht herrscht, wo man auf Hundeschlitten fährt oder
auf Renthieren reitet, ein Land, hinter welchem endlich ein eisiger
Ocean sich ausdehnt.
Wissenschaftliche Bildung besaß Polo nicht. Er wundert sich darüber,
daß Sumatra so weit im Süden liegt, daß der Polarstern aus dem Gesicht
verschwindet und die Inseln im Eismeer auf der andern Seite so weit im
hohen Norden sich befinden, daß man den Polarstern hinter sich läßt.
Die Himmelsgegenden, nach denen der Weg führte, oder wohin Länder ihrer
Lage nach angegeben werden, sind oft falsch bestimmt, seine Wegelängen
erscheinen vielfach übertrieben.
Vor allem aber ist zu beklagen, daß er nicht Chinesisch verstand,
obwohl er so lange im Lande weilte und sogar officiell mit dem Volke
verkehren mußte. Daher die falschen Uebersetzungen und Erklärungen
chinesischer Namen, wie wenn er King-sze als Stadt des Himmels deutet;
daher auch die Verstümmelung der Ortsnamen und seltsame Schreibweise
derselben. Zwar berichtet er über mancherlei interessante Einrichtungen
im Lande, von den wohlgepflegten, mit Bäumen bepflanzten Heerstraßen,
den Posten und Läufern, den zur Bequemlichkeit der Reisenden an der
Straße errichteten Gasthäusern und der polizeilichen Beaufsichtigung
des Fremdenverkehrs in den großen Städten. Er erwähnt zwar die
Einrichtung von Kornmagazinen, den Gebrauch der Steinkohlen, die
weitverbreitete Anwendung des Papiergeldes; aber andere wesentliche
Eigenthümlichkeiten und Erfindungen bleiben unbeachtet und nach dieser
Richtung erscheint das Werk lückenhaft. Wir vermissen Mittheilungen
über die Magnetnadel, über Pulver, über Bücherdruck, künstliches
Eierausbrüten und Fischerei mit Kormoranen; auch des Thees geschieht
keine Erwähnung. In der neuen Geschichte Asiens erscheint Polo ungenau.
Allein man muß auch erwägen, unter welchen Verhältnissen sein Buch
entstand. Kaum von seiner weiten Reise zurückgekehrt, nahm er an dem
Kriege theil, in welchen Venedig mit seiner Rivalin verwickelt war,
wurde noch im Jahre 1295 in der Seeschlacht bei Corzola, einer der
dalmatischen Inseln, gefangen genommen und nach Genua gebracht, wo
er in der Gefangenschaft einem Genossen, dem Pisaner Rusticiano oder
Rustichello seinen Bericht dictirte. -- Trotzdem gehört Marco Polo zu
den geographischen Classikern des Mittelalters.
Ursprünglich war der Bericht, noch nicht in Bücher und Capitel
abgetheilt, in altfranzösischer Sprache niedergeschrieben, wie man
dies aus der grade hier am meisten bewahrten Naivität der Erzählung
mit ihrer stereotypen Redeweise und ihrer Unbehilflichkeit im
Ausdruck, aber auch aus der hier annähernd correctesten Schreibweise
der Eigennamen erkannt hat. Dann wurde das Werk ins Lateinische,
Italienische übersetzt und überarbeitet.
Trotzdem hat sein Bericht nicht plötzlich gewirkt. Seine Zeitgenossen
Dante und Sanudo erwähnen ihn noch nicht; wohl aber citirt ihn sein
persönlicher Freund Pietro di Abano (geb. 1250 in Abano bei Padua,
gest. 1316). Den ersten Einfluß auf die Ländergemälde verspürt man in
der catalanischen Karte von 1375, wo Vorder-Indien als Halbinsel sich
aus den von Ptolemäus gezogenen engen Schranken loslöst und manche
Landschaften Indiens und Südchinas ganz richtig gezeichnet sind.
[Illustration: ~Lith. Kunst-Anst. v. Aug. Kürth, Leipzig~
~G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin~
~CHINESISCHES PAPIERGELD AUS DER MING-DYNASTIE (1368-1645).~
~Facsimile Reproduction in ¼ der natürl. Größe (Original in Paris).~]
Die erste deutsche Uebersetzung erschien 1477 unter dem Titel: „Das
ist der edel Ritter Marcho Polo von Venedig der große Landfahrer, der
uns beschreibt die großen Wunder der Welt, die er selbr gesehenn hat.
Von dem auffgang pis zu dem undergang der sunnen, dergleychen vor
nicht meer gehort seyn. Diß hat gedruckt Friczs Creüßner zu Nurmberg
nach cristi gepurdt 1477.“ Im 15. und 16. Jahrhundert wurde Polo’s
Bericht von den Kartographen in ausgiebiger Weise gebraucht und auch
misbraucht, indem man oft in unkritischer Methode seine Länder und
Städte über die Erdräume vertheilte. Trotzdem bildete es das wichtigste
Fundament für die Kenntniß des östlichen und südlichen Asien, bis
seine unbestimmten Angaben durch bessere, auf mühsamen Landreisen
gewonnene Resultate ersetzt werden konnten. Das schönste von allen
Resultaten, meint Libri,[41] welches dem Einfluß Polo’s zu danken,
sei dieses, daß Columbus durch seine Schilderungen zur Entdeckung der
neuen Welt angeregt worden, und daß er, eifersüchtig auf Polo’s Ruhm,
es für seine Lebensaufgabe gehalten, Zipangu zu erreichen, von dem der
Italiener solche Wunderdinge berichtet habe.
Allein H. Yule (a. a. O. I, 103) bemerkt mit Recht dagegen, daß
Columbus die Berichte Polo’s nur aus zweiter Hand kenne und zwar
aus einem Briefe Toscanelli’s. Polo’s Namen nennt der Entdecker der
neuen Welt nicht. Seine feste Ueberzeugung von der Schmalheit des
westlichen Oceans leitet sich nicht aus der Berechnung der Entfernungen
asiatischer Länderräume nach Polo’s Angaben her, wonach Ostasien
bis weit in den großen Ocean hinein sich erstrecken müßte, sondern
stammt von seinem beliebten Gewährsmann, dem Cardinal d’Ailly, welcher
seinerseits sich wieder auf Roger Bacon berief.
Ob sich Karten, von Polo’s Hand entworfen, noch länger erhalten, bleibt
zweifelhaft. Doch wird erzählt, daß der Prinz Pedro von Portugal 1426
von der venetianischen Signoria eine Karte erhielt, welche entweder ein
Original oder eine Copie von einer durch Polo selbst gefertigten Karte
gewesen sein soll.