2. Der Presbyter Johannes.

Vor allem zog aber mächtig die geheimnißvolle, halb in sagenhafte Züge

gehüllte Gestalt eines großen Königs an, der im Abendlande allgemein

unter dem Namen des Priesterkönigs oder +Presbyter Johannes+ bekannt

war, und der über ein durchaus christliches Volk herrschen sollte.

Das eigenthümliche Dunkel, das über dieser Gestalt liegt, ist noch

nicht völlig gelichtet; es scheint aber, als ob nach einander mehrere

bedeutende historische Persönlichkeiten des Morgenlandes mit einander

verschmolzen wären und nach einander für den Priesterkönig gegolten

hätten.

Die erste Nachricht über ihn bringt der deutsche Geschichtsschreiber

Otto von Freising, der Stiefbruder Kaiser Konrads III. Derselbe

erzählt, er habe im Jahre 1145 in Viterbo den Bischof von Gabula (Jibal

im nördlichen Syrien) getroffen, der unter Thränen von den Gefahren

erzählt, welche seit dem Falle von Edessa die christliche Kirche

bedrohe. Vor wenigen Jahren, erzählte der Bischof, sei im fernen Osten

jenseit Armenien und Persien ein gewisser Johannes, Priester und

König zugleich über ein nestorianisches Volk, aufgetreten, habe erst

die medische Hauptstadt Egbatana erobert und dann die Samiardischen

Bruderkönige, die in Persien und Medien herrschten, in dreitägiger

Schlacht besiegt und sei weiter nach Westen gerückt, um der bedrängten

Kirche in Jerusalem beizustehen. Aber der Tigris habe seinem Zuge Halt

geboten und ihn zur Umkehr genöthigt.

Die hier erwähnten Ereignisse sind von Professor Bruun[20] auf Johann

Orbelian (Ivané Orpel), den Großwürdenträger und siegreichen Feldherrn

des georgischen Königs David gedeutet, der den Türken um 1123 oder 1124

die Stadt Ani in Armenien abgewann. -- Das Geschlecht der Orbeliane

besaß zwar in seinen außerordentlichen Privilegien fast königliche

Macht und namentlich Johannes Orbelian war der Stolz der Georgier;

allein seine Thaten sind doch nicht gewaltig und seine Stellung nicht

unabhängig genug, um ihn kurzweg als Priesterkönig bezeichnen zu

können, und der große blutige Sieg über die Samiardischen Brüder bleibt

auch ohne entsprechenden Beleg. Die Identität des Priesters Johannes

mit Johann Orbelian bleibt daher unerwiesen, wenn auch, abgesehen von

dem zutreffenden Namen Johann und der Existenz eines christlichen

Volkes und Fürsten, für diese Hypothese noch die Thatsachen sprechen,

daß Groß-Armenien als der ferne Orient angesehen wurde und daß

georgische Könige den Christen in Palästina mehrfach Hilfe zu bringen

suchten.

Auf der andern Seite muß aber darauf hingewiesen werden, daß die

christlichen Sendboten und Kaufleute, welche in Asien eindrangen, seit

dem 13. Jahrhundert den Priesterkönig viel weiter im Osten suchten und

an Armenien nicht dachten. Und in der That leiten auch die Nachrichten

Ottos von Freising über die Nachbarländer Syriens hinaus. Den Kern

der Untersuchung muß die verhängnißvolle Schlacht bilden, in welcher

der Beherrscher Persiens unterlag. Es wird sich dabei zwar ergeben,

daß in Ottos Berichte Irrthümer mit unterlaufen und andere dunkle

Punkte, namentlich die angebliche Eroberung von Ekbatana und der Zug

an den Tigris, unerledigt bleiben; allein das Endresultat fällt doch

befriedigender aus als bei der ersten Hypothese.

Jene Niederlage nun der Perser, welche nach der Angabe des Bischofs

von Gabula nur wenige Jahre vor 1145 erfolgte, fällt ins Jahr 1141.

Etwa hundert Jahre früher hatten seldschuckische Sultane die Herrschaft

in Persien gewonnen und ihre Macht bis Kleinasien und Aegypten

ausgedehnt. Um 1105 theilte sich das große Reich in zwei Staaten unter

den Brüdern +Mohammed+ und +Sandschar+. Das sind die Samiardischen

(richtiger Saniardischen) Brüder, nach dem mächtigeren und weit länger

regierenden Sandschar (Saniard) benannt; denn Mohammed starb bereits

1118, Sandschar aber erst 1157. Sandschar behauptete als Sultan das

Uebergewicht im Osten, während seine Neffen, die Söhne Mohammeds, von

ihm abhängig wurden. Es ist demnach ungenau, wenn noch um 1145 Otto von

Freising von Saniardischen +Brüdern+ spricht.

Zu den von Persien abhängigen Staaten gehörte damals auch Chowaresmien

am untern Amu-Darja; dieser Staat strebte nach Selbständigkeit. Der

Sohn des dortigen Schahs Atsis war von Sandschar getödtet worden; aus

Rache rief Atsis die sogenannten Karachitanen oder Khata zur Hilfe

herbei.

Der älteste arabische Schriftsteller, welcher über diese Ereignisse

berichtet, ist Ibn-el-Athir (1160-1233). Derselbe erzählt, Atsis habe,

aufgebracht über die Ermordung seines Sohnes, zu den Khata gesandt,

welche in Ma-vera-el-nahr (Transoxanien) wohnten, und in ihnen die

Hoffnung auf Landgewinn erregt. Indem er ihnen die Sache sehr leicht

vorstellte, reizte er sie, in Sandschars Reich einzufallen. Demzufolge

brachen sie mit 300,000 Reitern auf, Sandschar ging ihnen mit seiner

Armee entgegen und erlitt in der Nähe von Samarkand eine blutige

Niederlage, in welcher 100,000 fielen, darunter 12,000 Vornehme und

4000 Weiber. Sandschar floh nach Balch.[21]

Diese Khata werden auch als ungläubige Türken bezeichnet. Ihren

Anführer nennt der arabische Historiker einen Chinesen, dessen Titel

Ku-chan, richtiger Kur-chan, war.

Mit zusammengerafften tatarischen und chinesischen Völkern war also

dieser Heeresfürst im Westen erschienen und in die islamitischen Länder

eingebrochen, wo er dem bisher stets siegreichen Sandschar den ersten

empfindlichen Schlag versetzte.

Welche Bewandtniß es mit dieser Völkerbewegung hatte, erfahren wir aus

chinesischen Quellen.

Ein wahrscheinlich zur Gruppe der Tungusen gehöriger Volksstamm

in der Mandschurei, den die Chinesen +Chitanen+ benannten, hatte

sich im Laufe der Jahrhunderte aus rohen Zuständen allmählich zu

einer gewissen Kultur emporgearbeitet und so gekräftigt einen Staat

gebildet, der, die Nachbargebiete beherrschend, im Jahre 907 bereits

über Nordchina hin bis zum Lop-nor reichte und bald darauf Nordchina

selbst unterwarf. Dieses Reich der Chitanen wurde weiter im Westen

unter dem Namen +Khitai, Khathay+ bekannt und bestand bis zum Jahre

1123. Dann wurde es aus dem chinesischen Besitze wieder verdrängt.

Der Vetter und Oberfeldherr des letzten Kaisers der Chitanen,

Yeliutasche, gründete im Westen vom Lop-nor ein neues Reich, das sich

durch glückliche Eroberungen über das Pamirhochland hinaus bis an den

Oxus in West-Turkistan erstreckte, wo der Sohn des ersten Fürsten,

+Yeliuyliui+ († 1153) bei Samarkand den Sultan Sandschar im September

1141 besiegte. So rückte dieses Reich fast bis ans kaspische Meer vor

und erscholl sein Name auch in Europa. Die Fürsten trugen den Titel

Korchan oder Gurchan (woraus allmählich durch Umgestaltung Johannes

wurde) und ihr neugegründetes Reich hieß das Reich der Karachitanen

oder schwarzen Chitanen. Dort im Osten des kaspischen Meeres suchten

die abendländischen Reisenden zuerst den Priesterkönig, und als man

ihn nicht mehr vorfand, denn das Reich war schon 1215 von Temudschin

zerstört, floh es vor dem suchenden Blick immer weiter nach Osten, +bis

man China selbst mit dem Namen Kithai oder Cathay, Cathaya belegte+,

und an dieser Benennung Jahrhunderte lang festhielt.

Rubruck und Marco Polo hielten den Fürsten „Ungchan“ der Keraiten in

der östlichen Mongolei für den Johannes und verwechselten denselben mit

Yeliutasche. Die Verwechselungen und Verschiebungen dieser mythischen

Gestalt eines Priesterkönigs dauerten auch im 14. Jahrhundert weiter,

wo man ihn in dem christlichen König von Habesch glaubte richtig

entdeckt zu haben; im 15. Jahrhundert wurde er dort von Heinrich

dem Seefahrer gesucht. Es gingen noch am Ende dieses und selbst im

nächsten, im 16. Jahrhunderte, portugiesische Gesandte an den Priester

Johannes ab. Im Abendlande hat man sich lange an dieser Erscheinung

erbaut und fand etwas tröstliches darin, fern im Osten einen

unbekannten, aber mächtigen Bundesgenossen sich vorzustellen, der den

bedrängten Christen Hilfe bringen könne.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 60 / 123 题