Beim Anbruch einer neuen Zeit richten wir unsern Blick wieder
nach Osten, um eine längst verschollene Kunde, wie sie von fernen
reichen Ländern in alter Zeit erklungen, aufs neue zu vernehmen. Die
Herrschaft der Araber hatte anfangs den Kenntnissen im Abendlande von
den Verhältnissen im Innern Asiens keine Förderung gewährt. Ums Jahr
1000 n. Chr. kannte man thatsächlich von ganz Asien kaum mehr als die
heiligen Walfahrtstätten in Palästina, und begnügte sich auch damit.
Die Araber ließen die frommen Pilger aus dem Westen gewähren, deren
Wißbegierde in dem Rahmen religiöser Traditionen beschränkt blieb.
Anders gestalteten sich die Verhältnisse, als Türken und Seldschucken
Herren jener heiligen Stätten wurden und in Folge der Bedrückung der
christlichen Waller eine gewaltige Bewegung durch Europa ging, welche
die Kreuzzüge veranlaßte. Zwar haben dieselben unsere Kenntniß von
Westasien nicht über Mesopotamien hinaus bereichert, aber die Berührung
mit der arabischen Bildung weckte den Geist der Forschung wieder im
Abendlande und trug so wenigstens mittelbar dazu bei, das entschwundene
geographische Interesse neu zu beleben. Durch die Araber lernte man
wieder die griechischen Schriftsteller, namentlich Aristoteles, kennen
und die größten Geister des Abendlandes, Albertus Magnus († 1280) und
Roger Bacon († 1292 oder 1294) wandten sich wieder dem Studium der
Naturwissenschaften zu.
Den ersten directen Anstoß aber zu bedeutenden Reisen in bisher
unbekannten Regionen gab die Bildung des mongolischen Weltreichs.
Es war im Beginn des 13. Jahrhunderts, daß der kühne Häuptling
+Temudschin+ zahlreiche mongolische und tatarische Stämme der
asiatischen Steppe unter seinem Scepter vereinigte und den Namen
eines Großfürsten, „+Tschingischan+“, annahm. Der Name Khan bedeutet
einfach „der Herr“ und wird allen tatarischen Häuptlingen beigelegt,
mögen sie souverän sein oder nicht. In Indien bildet er noch jetzt den
gewöhnlichen Zusatz zu den Namen der Mohammedaner aller Klassen. ~Ḳaán~
oder ~Châḳán~ (bei den byzantinischen Schriftstellern Χαγάνος) war
dagegen der specielle Titel des höchsten mongolischen Fürsten; danach
würde der Titel Temudschins richtiger als Tschingischagan bezeichnet
werden müssen. In einem verheerenden Völkersturm, wie jener Erdtheil
keinen zweiten gesehen und erlitten hat, lag binnen 20 Jahren fast
ganz Asien zu seinen Füßen. Die Völkerflut nach Osten überschwemmte
Tangut und Nordchina, die Kriegswoge nach Westen und Süden brach über
Turan und Iran herein. Throne stürzten zusammen unter seiner unerhörten
Wucht, volkreiche Städte verschwanden vom Erdboden, Millionen von
Menschen verloren ihr Leben. Auch mit dem Tode Temudschins († 1227)
kamen die aufgeregten Massen nicht zur Ruhe. Von den vier Söhnen des
Großfürsten gelangte +Okkodai+ zur obersten Nachfolge. Nach Westen
drangen seine Heere durch die Ebenen Rußlands bis nach Schlesien vor,
Moskau wurde erobert, Kiew ging in Flammen auf. Erst an den Sudeten
brach sich die Sturmflut; aber in Westasien wurden Armenien, Kleinasien
und Syrien überrannt, in Ostasien wurde Südchina unter der Regierung
des Chagan +Kublai+ eine Beute der Mongolen.
+Genealogie des Hauses Temudschin.+
I. +Temudschin+, Tschingis Kaan.
|
+-------------+--------------+--------------------------------+
| | | |
Tuli. II. +Okkodai Kaan.+ Tschagatai. Juji.
| | | |
| III. +Kuyuk+ | |
| +Kaan.+ | |
| +-------+--------+-------+------+ |
| | | | | | |
| Kadami. Sarban. 2. Yessu Muwa Juji. |
| Mangku. Tukan. |
| |
| Chane von Tschagatai. |
| |
+--+--------------+--------------+ +----------+---+
| | | | |
1. Hulaku. V. +Kublai+ IV. +Mangku+ 4. Barka. 1. Batu.
| +Kaan.+ +Kaan.+ |
| | +----------+
| Tschingkim. | |
| | 3. Ulagji. 2. Sartak.
| |
| VI. +Timur Kaan.+ Chane von Kiptschak.
|
+----------------+--------------+
| | |
3. Tigubar-Ahmed. Tarakai 2. Abaka.
| |
| +------------+
| | |
6. Baidu. 5. Kaichatu. 4. Argun.
|
+-----------+
| |
8. Oljaitu. 7. Gasan.
Chane von Persien.
Die christlichen Kreuzfahrer, die mit immer weniger Aussicht auf
Erfolg gegen die mohammedanischen Staaten in Kleinasien, Syrien und
Aegypten um den Besitz des heiligen Landes gerungen hatten, sahen in
den Mongolen einen willkommenen Helfer gegen den zähen Erzfeind ihres
Glaubens. Sie nahmen aber auch mit besonderer Freude wahr, daß die
neuen Weltstürmer aus Innerasien keineswegs den religiösen Fanatismus
der Araber und Türken besaßen, sich vielmehr dem christlichen Glauben
ebenso geneigt zeigten als der Lehre Mohammeds. Es liegt das schon in
der wesentlich verschiedenen Rassenanlage der Mongolen und Semiten
begründet.
Man kann sich in religiösen Dingen kein nüchterneres Volk denken als
die Chinesen, während dagegen der Semite Westasiens, der Begründer des
Monotheismus und leider auch des religiösen Fanatismus, auf religiösen
Fundamenten sein geistiges Leben aufbaut. Die Glaubensglut des
Islam übertrug sich auch auf türkische Stämme; aber nicht auf die
Mongolen. Diese sahen nicht jeden Christen als solchen für einen Feind
an. Sie ließen jeden in seinem Glauben gewähren.
[Illustration: _artist. Inst._, _Leipzig-Reudnitz._
_G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin._]
Es gab wirklich Christen unter ihnen in nicht geringer Anzahl. Nicht
blos, daß einzelne Gläubige mit den großen Völkerwellen vom heimischen
Boden weit hinweg gespült worden waren; -- trafen doch die Sendboten
des Pabstes am Hofe der Chagane in Karakorum, südlich vom Baikal,
Franzosen und Ungarn und begegnete dem Marco Polo sogar noch in
China ein Deutscher; -- nein, ganze Stämme des großen vielsprachigen
Reiches neigten zum Christenthum und es wird von manchen Städten im
fernen Osten berichtet, daß nestorianische Christen bis dahin ihren
Glauben verbreitet. Als Christen galten die Kerai in N.-W. von China;
als Nestorianer bezeichnet Rubruck den Stamm der Naiman am obern
Irtysch. Viele Christen hatten sich sogar in dem Dienst und Gefolge der
mongolischen Fürsten eine geachtete und einflußreiche Stellung errungen
und, was besonders betont werden muß, die Großfürsten des Weltreichs
selbst waren in die directe Berührung mit dem Christenthum durch
eingegangene Ehen gebracht. Die Mongolenkaiser +Kublai+ und sein Bruder
+Hulaku+ stammen von christlichen Müttern ab, deren Einfluß nicht zu
unterschätzen ist. Gesandtschaften und Briefe gingen hin und her, es
entspann sich ein freundschaftlicher Verkehr zwischen den Häuptern
der Christenheit und den Chaganen, und mehr als einmal wurde das
Interesse des Pabstes lebhaft durch die Aussicht auf ein segensreiches
Arbeitsfeld von unermeßlicher Weite im fernen Morgenlande angeregt.
Darf man unter solchen Umständen den Plan einer systematischen
Missionsarbeit unter den Mongolen absolut verwerfen oder auch nur als
gar zu sanguinisch bezeichnen?