+Fünftes Capitel.+ Die Nordostpassage 520
1. Die Engländer auf dem Nordostwege und die moskowitische
Compagnie 520
2. Die Holländer auf dem Nordostwege und der Kampf um
Spitzbergen 525
Verzeichniß der Illustrationen und Karten.
Abbildungen im Text.
Seite 15: Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König
Alfreds d. Gr. von Ohthere’s Reise; 9. Jahrh. In der
Cottonian Bibliothek des British Museum zu London.
(Bosworth, Joseph, ~A Description of Europe, and the
Voyages of Ohthere and Wulfstan, written in Anglo-Saxon
by King Alfred the Great~.)
„ 49: Facsimile der drei ersten Zeilen des uigurisch
geschriebenen Briefes von Argunchan an Philipp d.
Schönen; 1289. Im Archive von Paris. (~The Book of Marco
Polo the Venetian, concerning the Kingdoms and Marvels
of the East. Newly translated and edited by Henry Yule.~)
„ 53: Marco Polo. Nach einem Gemälde in der Gallerie Badia in
Rom. (Ebd.)
„ 65: Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.
„ 74: Hand eines reichen Annamiten. (Photographische Aufnahme
nach der Natur.)
„ 83: Prinz Heinrich der Seefahrer. Miniature in der 1448-1453
entstandenen Handschrift „~Chronica do descobrimento
e conquista de Guiné etc.~“ In der Nationalbibliothek
zu Paris. (Major, H., ~The Life of Prince Henry of
Portugal~.)
„ 97: Die Land- und Wasserkugel der Erde.
„ 99: Facsimile einer alten Abbildung des Jakobstabes und
seiner Anwendung. (~Cosmographia, siue Descriptio
vniuersi Orbis, Petri Apiani et Gemmae Frisii,
Mathematicorum insignium, iam demùm integritati suae
restituta. Antuerpiae~, 1584.)
„ 105: Martin Behaim. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers
Ritter Martin Behaim.)
„ 106: Astrolabium des Joh. Regiomontanus vom Jahre 1468. (Ebd.)
„ 111: Vasco da Gama. Nach einem Gemälde im Besitze des Grafen
von Lavradio. (Stanley, Henry, ~The three voyages of
Vasco da Gama and his Viceroyalty. From the Lendas da
India of Gaspar Correa.~ ~Hakluyt. Soc.~)
„ 135: Vasco da Gama. Aus dem Manuscript von Pedro Baretto de
Resenda. In der Sloane Bibliothek des British Museum,
London. (~The Commentaries of the great Afonso
Dalboquerque, second Viceroy of India. Translated from
the Portuguese edition of 1774, with notes and an
introduction, by Walter de Gray Birch.~ ~Hakluyt. Soc.~)
„ 142: Alfons von Albuquerque. Nach dem Manuscript des Pedro
Baretto de Resenda. In der Sloane Bibliothek des British
Museum, London. (Ebd.)
„ 154: Ostindisches Fahrzeug des 16. Jahrhunderts mit Rohrsegeln
und am Stern aufgehängtem hölzernem Anker. (Linschoten,
~Itinerarium ofte Schipvaert naer Oost ofte Portugaels
Indiën~. Amsterdam 1614.)
„ 155: Ostindischer Schnellsegler des 16. Jahrhunderts, Fusta.
(Ebd.)
„ 188: Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei
Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III.
huldigte, als derselbe ihn zum Vicekönig von Indien
ernannt hatte. -- Im Archiv von Lissabon. (Stanley,
Henry, ~The three voyages of Vasco da Gama and his
Viceroyalty. From the Lendas da India of Gaspar Correa.~)
„ 189: Wappen von Vasco da Gama. (Ebd.)
„ 191: Pero Mascarenhas in Ketten. (~Lendas da India por Gaspar
Correa publicadas de ordem da classe de sciencias
moraes, politicas e bellas lettras da academia real das
sciencias de Lisboa. Livro terceiro que conta dos feitos
de Pero Mascarenhas, e Lopo Vaz de Sampayo, e Nuna da
Cunha.~)
„ 197: Portrait von Nuno da Cunha. (Ebd.)
„ 234: Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid,
Marine-Ministerium. (Photographische Originalaufnahme.)
„ 235: Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid,
National-Bibliothek. (~Boletín de la Sociedad geográfica
de Madrid. T. VI.~)
„ 240: Der im Bau begriffene Rumpf eines großen Seeschiffes
vom Ende des 15. Jahrh. (~Bernhardus de Breydenbach~,
~Peregrinationes in montem Syon ad venerandum Christi
sepulcrum in Jerusalem~. Mainz, 1486.)
„ 241: Seeschiff vom Ende des 15. Jahrh., halb vor dem Winde
segelnd. (Ebd.)
„ 245: Christoph Columbus’ Rüstung; Madrid, Waffen-Museum im
königl. Palais. (Photographische Originalaufnahme.)
„ 247: Titelholzschnitt einer zu Florenz im Jahre 1493
gedruckten italienischen Flugschrift, darstellend die
Landung des Columbus. (Getreue Nachbildung des Originals
im British Museum zu London.)
„ 262: Facsimile der ersten Flugschrift, welche die Kunde von
der Entdeckung Amerika’s brachte. (Getreue Nachbildung
des Originals im British Museum zu London.)
„ 263/4: Titel, Anfangsseite und Schluß des ersten +deutschen+
Flugblattes, welches die Entdeckung Amerika’s
meldete. (Getreue Nachbildung des Originals in der
Staatsbibliothek zu München.)
„ 312: Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben.
(Photographische Aufnahme nach der Natur.)
„ 317: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph
Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502. (~Tre Lettere
di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci, riprodotte in
Fotolitografia.~)
„ 333: Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes,
welchen Amerigo Vespucci über seine dritte Reise an Pier
Francesco de Medici schrieb. (Getreue Nachbildung des
Originals in der königl. Bibliothek zu Dresden.)
„ 334: Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes.
(Ebd.)
„ 337: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo
Vespucci an den Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez
de Cisneros); datirt Sevilla, 9. December 1508. (~Tre
Lettere di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci
riprodotte in Fotolitografia.~)
„ 339: Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der Name
„Amerika“ vorgeschlagen wird. (~Cosmographiae
Introductio~ des ~Hylacomylus~ von 1507.)
„ 357: Tempelruine zu Uxmal. (Gailhabaud, Jules, ~Monuments
anciens et modernes. IV.~)
„ 360: Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße.
(Nach dem Original im königl. Münz-Cabinet zu Berlin.)
„ 405: Rüstung von Ferdinand Cortes; im Waffenmuseum zu Madrid.
(Photographische Originalaufnahme.)
„ 427: Conti am Titicacasee: als Specimen der merkwürdigen
Thorbauten. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
„ 429: Altperuanisches Gobelingewebe aus dem Todtenfelde von
Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in
Peru.)
„ 430: Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische
Originalaufnahme.)
„ 431: Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische
Originalaufnahme.)
„ 433: Durchschnitt eines altperuanischen Grabes mit Mumien.
(Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
„ 443: Das Haus Atahuallpa’s bei Cajamarca, in welchem der Inka
von Pizarro gefangen gehalten wurde. (Photographische
Aufnahme nach der Natur.)
„ 462: Facsimile des Namenszuges von Magalhães. Von einem
Briefe, datirt 24. October 1518, im indischen Archiv zu
Sevilla. (~The first voyage round the world by Magellan.
Translated from the accounts of Pigafetta and other
contemporary writers by Lord Stanley of Alderley.~)
„ 463: Fernão de Magalhães. Verkleinertes Facsimile des
Kupferstiches, 1788, von Ferd. Selma. (~Coleccion de
los viages y descubrimientos que hicieron por mar los
Españoles desde fines del Siglo XV., coordinada é
illustrada por Martin Fernandez de Navarrete. Tomo IV.~)
„ 467: Rumpf eines großen Seeschiffes um 1500; im Wappen des
Johann Segker. Verkleinertes Facsimile eines
Holzschnittes aus Albrecht Dürers Schule. (Kunsthalle zu
Hamburg.)
Vollbilder.
Seite 70: Chinesisches Papiergeld aus der Ming-Dynastie
(1368-1645). Original in Paris. Getreue Nachbildung in
¼ der natürlichen Größe. (~The Book of Marco Polo the
Venetian, concerning the kingdoms and Marvels of the
East. Newly translated and edited by Henry Yule.~)
„ 356: Eine Seite aus der Mayahandschrift der königl. Bibliothek
zu Dresden. Originalgröße. (Die Mayahandschrift der
kgl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden. 74 Tafeln in
Chromolichtdruck.)
„ 420: Ansicht des großen Colorado-Cañons. (Powell, J. W.,
~Exploration of the Colorado River of the West
1869-1872~.)
„ 425: Das Inkathor bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach
der Natur.)
„ 426: Die Ruinen des Inkaschlosses am Titicacasee.
(Photographische Aufnahme nach der Natur.)
„ 434: Altperuanische Mumien aus dem Todtenfelde von Ancon.
(Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
„ 440: Krieger aus der Inkazeit: altperuanische Malerei auf
dem unter Nr. 23 auf dem Doppelvollbilde „altperuanische
Geräthschaften“ abgebildeten Kruge. (Ebd.)
„ 446: Sacsahuaman: ein Theil der Ruinen der alten Inkafestung
bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
Doppelvollbilder.
Seite 359: Sculpturen von Copán, Trachten der alten
Mittel-Amerikaner darstellend. (Meye und Schmidt, die
Steinbildwerke von Copán und Quirigua.)
„ 432: Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde von
Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in
Peru.)
Karten im Text.
Seite 25: Karte von Afrika in einem Portulano von 1351. In der
Laurentinischen Bibliothek zu Florenz. (Major, H., ~The
Life of Prince Henry of Portugal~.)
„ 27: Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno, 1558.
(Nach H. Kiepert.)
„ 249: Die Entdeckungen des Columbus auf seiner ersten Reise.
Ein Theil von Westindien; nach der englischen
Admiralitätskarte Nr. 761 gezeichnet von C. Riemer.
„ 318: Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von
1529.
„ 347: Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee. (Nach dem
Entwurfe von Professor ~Dr.~ Sophus Ruge.)
„ 363: Karte zu Cortes’ Eroberung von Mexiko. (Ebs.)
„ 390: Karte zu den Feldzügen Alvarado’s nach Guatemala und des
Cortes nach Honduras. (Ebs.)
„ 417: Karte zu Coronado’s Expedition nach Cibola und Quivira.
(Ebs.)
„ 437: Karte zur Entdeckung von Peru durch Pizarro. (Ebs.)
„ 461: Südamerika mit einer südlichen Meerenge auf dem von Joh.
Schöner 1515 entworfenen Globus. (Ebs.)
Karten-Beilagen.
Seite 12: Weltkarte in der 1513 zu Straßburg gedruckten Ausgabe des
Ptolemäus. Verkleinertes Facsimile.
„ 37: Kartenskizze der Mongolenstaaten im XIII. Jahrhundert.
Gezeichnet von ~Dr.~ Henry Lange.
„ 78: Catalanische Erdkarte; für König Karl V. von Frankreich
1375 in Mallorca gezeichnet. Paris, Nationalbibliothek.
Facsimile in ⅓ der Originalgröße. (Jomard, ~Monumens de
la Géographie~.)
„ 80: Fra Mauro’s Weltkarte von 1459; Venedig. 1/10 der
Originalgröße. (Nach H. Kiepert.)
„ 118: Die Westküste von Vorder-Indien und die von den
Portugiesen berührten Handelsstädte. (Nach dem Entwurfe
von Professor ~Dr.~ Sophus Ruge.)
„ 230: Die Oceanische Seite des Behaim’schen Globus vom Jahre
1492. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers Ritter Martin
Behaim.)
„ 324: Aelteste Karte von Amerika; westlichster Theil der im
Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten Erdkarte.
Facsimile in ⅓ der Höhe des Originals im Marine-Museum
zu Madrid. (Jomard, ~Monumens de la Géographie~.)
„ 438: Seekarte von Diego Ribero, 1529. (Nach dem Original in
der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar.)
„ 534: Facsimile der Molukken-Karte im Atlas des Diego Homen vom
Jahre 1568. Originalgröße. (Dresden, königliche
Bibliothek.)
Erstes Buch.
Die Anfänge der Forschung.
Erstes Capitel.
Die Morgenseite der alten Welt.
In der Geschichte der geographischen Entdeckungen zeichnen sich
gewisse Epochen ab, in denen die Betheiligung an den Arbeiten, die
Erdenräume dem Blicke der Forschung zu enthüllen oder wenigstens mit
fernen weniger bekannten Ländern in lebhafteren Verkehr zu treten,
eine außergewöhnlich starke ist, in denen, durch energischen Vorgang
einzelner ausgezeichneter Persönlichkeiten, nicht blos einzelne Stände
und Berufsklassen mit hineingezogen werden in das Interesse für Reisen
und Entdeckungsfahrten, sondern wo die Antheilnahme bis in die Masse
des Volkes hinabdringt und ein Volk das andere benachbarte allmählich
mit hineinzieht in eine allgemeine großartige Bewegung. Die Erweiterung
des räumlichen Horizonts zieht unabweisbar auch die Erweiterung des
geistigen Gesichtsfeldes nach sich und drückt dem Volk, welches ihn
errungen hat, den Stempel geistiger Reife auf. Die Machtsphäre gewinnt
ein größeres Gebiet und damit wächst auch die politische Bedeutung.
Kein Wunder, daß darum zu Zeiten mehrere Völker neben einander auf dem
Ringplatze erscheinen und in regem Wettbewerb nach gleichen Zielen
einander die Palme streitig machen.
Aber auf die hochgehenden Fluten folgen Zeiten der Ebbe, der
Erschlaffung, Zeiten des Stillstandes, in denen, oft Jahrhunderte
andauernd, die Erregung der Gemüther nachläßt, das Feuer der
Begeisterung erlischt und die nach außen treibende Kraft sich von
den Grenzen zurückzieht. Der Horizont verdunkelt sich wieder, die
Schleier rücken eng und enger um die Mitte zusammen. Solche Zeiten der
Stagnationen machen sich auch in der allgemeinen Geschichte fühlbar. Es
sei dabei an die den Kreuzzügen vorangehenden Jahrhunderte erinnert.
Auf die sich über beinahe 1000 Jahre ausdehnende Erschlaffung und
Apathie folgt aber etwa vom 13. bis 17. Jahrhundert die Epoche der
höchsten Anstrengung auf diesem Felde, folgt eine durch alle Völker
Europas gehende tiefe Bewegung, welche nur der noch weiter, tiefer
gehenden religiösen Erregung und Erhebung allmählich wich. Diese Zeit
ist es aber, welche, als das +Zeitalter der großen Entdeckungen+
bezeichnet, auch in der Darstellung allgemeiner Geschichte Beachtung
fordert.
Um die Ziele der Unternehmungen jenes großen Zeitraums verstehen
zu lernen, müssen wir, zur Einleitung, weiter in die Vergangenheit
zurückgreifen.
Man sollte meinen, daß, wenn es sich um die Erweiterung der Kenntnisse
von der Erdoberfläche handelt, man von dem Mittelpunkte, dem Schauplatz
der Kulturvölker Europas, nach allen Richtungen der Windrose radial
über die bisherige Grenze der bekannten Welt hinaus ins Unbekannte,
Unerforschte schreiten werde oder schreiten könne. Doch dem ist nicht
so.
Die Gliederung und Gestaltung der wichtigsten Ländergebiete der alten
Welt haben dabei einen bestimmenden Einfluß geübt, namentlich die
Erstreckung des Mittelmeeres und des zusammenhängenden Hochlandes von
Asien, deren Längsaxen sich beide in ost-westlicher Richtung hinziehen.
An den Rändern und in den Ländern am Mittelmeer, wie auf dem westlichen
Hochlande und an den südlichen Abhängen des östlichen Hochlandes von
Asien in der weitgedehnten Zone von den Säulen des Herkules bis zu den
Gestaden Chinas hatten sich einzelne Völker zu frühzeitiger Kultur
erhoben. Die westliche Hälfte, nennen wir sie die europäische, hatte
auf dem geräumigen Marktplatze des Mittelmeeres einen gemeinsamen
Sammelpunkt gefunden, während die östliche, die asiatische Hälfte,
vorwiegend auf den offenen indischen Ocean hingewiesen, eines
solchen günstigen Vereinigungsplatzes entbehrte und im Streben nach
gegenseitigem Verkehr größere Schwierigkeiten zu überwinden hatte.
Eine Annäherung beider Gebiete boten der persische, und noch mehr der
arabische Golf oder das rothe Meer. Südlich des ganzen Gürtels lagen
im Westen die starken Schranken der großen afrikanischen Wüste, deren
menschenfeindliche Oede den Satz verkündigte, daß die heiße Zone
überhaupt unbewohnbar sei, während im Osten das unbezwungene indische
Weltmeer, dem das Gegengestade fehlte, von wagehalsigem Vordringen
abhielt.
In gleicher Weise lagerte sich über dem Nordsaum des Gürtels ein
kalter, unwirthlich rauher Erdstrich, der sich gegen Norden in dem
geheimnißvollen „Lande der Dunkelheit“ verlor.
Daher richteten sich von jeher die Blicke mehr nach Osten und
Westen, als nach Norden und Süden. Die Gegensätze zwischen Osten und
Westen sind zuerst am Mittelmeer schon in ältester Zeit schärfer ins
Auge gefaßt und lassen sich auf die Fahrten seetüchtiger Phönizier
zurückführen. Die Unterscheidung der Erdtheile Asien und Europa, wie
sie zuerst an den gegenüberliegenden Küsten des schön gegliederten
ägäischen Meeres haftete, besagt ursprünglich im Kern des Wortes ~açu~
(Asien) ~ereb~ (Europa) wohl nichts anderes als Morgen und Abend,
das Land im Morgen und das Land im Abend. Und diese Bezeichnungen
wiederholen sich in verschiedenen Sprachen, so lautet bei den Griechen
der Gegensatz: Anatolien (noch jetzt ist Kleinasien als Anadoli
bekannt) und Hesperien, im Lateinischen mit erweitertem Begriff Orient
und Occident, im Italienischen Levante (worunter man vorzugsweise
die asiatischen Küsten des Mittelmeeres verstand und versteht) und
Ponente (eine Gegenüberstellung, wie sie in kleinem Maßstabe an
der Riviera von Genua noch gültig ist), und endlich im Deutschen:
Morgenland und Abendland, Bezeichnungen, welche die beiden fraglichen
Erdtheile so ziemlich decken. Ein solcher Reichthum der Benennungen
hat sich naturgemäß für Norden und Süden, für die mitternächtliche
und mittägige Seite nicht gebildet. Die Reisen und Entdeckungszüge
nehmen thatsächlich vorwiegend auch die Richtung gegen Morgen und gegen
Abend und wir sind daher wohlberechtigt, auch unsere Darstellung der
Geschichte der Entdeckung in diesem Sinne zu gruppiren.
Wir stellen die +Morgenseite+ voran. Daß diese Seite gegen
Sonnenaufgang noch mehr Bedeutung hatte als die Abendseite, daß der
Blick voll Verlangen, hier den Schleier zu lüften, sich mehr der Sonne
zuwandte, lag in den natürlichen Verhältnissen, in der unermeßlichen
Ausdehnung der Länder und in dem Reichthum an kostbaren Produkten
begründet, die aus unbekannter Ferne selbst bis zu den Häfen des
Mittelmeeres gelangten. Die alten Staaten und Länder Vorderasiens
bis nach Persien hin, standen mit den classischen Völkern des
Alterthums in directer Verbindung; aber noch weiter hinaus lagen weite
herrliche Länder, die in den Schleier des Geheimnißvollen gehüllt,
von der erregten Phantasie zu wahren Wunderländern umgewandelt
wurden, und unter denen immer der Name +Indien+ vorklang. Wir dürfen
nicht vergessen, daß im Alterthum Indien eigentlich das einzige
bekannte Tropenland war, das unter dem Hauche des feuchten Monsun
von wunderbarem Segen triefte. Indien war von jeher ein sehr weiter
Begriff. Indien war das äußerste Land. So weit wir sichere Kunde haben,
sagt Herodot (III. 98), sind die Menschen, die zunächst gegen Morgen
und Sonnenaufgang in Asien wohnen, die Indier.
Diesen äußersten Enden der Welt sind die kostbarsten Produkte eigen.
(III. 106). Dieselbe Ansicht wiederholt Strabo (~p.~ 685): Indien ist
das erste und größte Land im Osten. Ktesias hielt Indien für ebenso
groß als das ganze übrige Asien, Onesikritos für den dritten Theil der
bewohnten Erde. (Strabo, ~p.~ 689).
Indien war und blieb ein sehr weiter Begriff, ohne bestimmte Grenzen,
so daß Strabo auch die langlebenden Serer mit einrechnen konnte. Zwar
scheidet Ptolemäus dieselben wieder aus und weist ihnen jenseit des
Himalaya einen nach Norden und Osten ins dunkle Land sich verlierenden
Wohnsitz an; doch beginnt bei diesem großen Geographen schon eine
Gliederung Indiens in die beiden Theile: Indien diesseit und Indien
jenseit des Ganges, welche etwa unserm Vorder- und Hinter-Indien
entsprechen mögen. Doch dabei blieb es nicht. Der Begriff Indien dehnte
sich im Mittelalter immer mehr und umfaßte schließlich fast alle
Gestade am südlichen Meere von Habesch bis nach China. Ja es wurde
sogar an die Stelle von Asien geschoben, wenn z. B. +Alcuin+ die ganze
Welt in Europa, Afrika und Indien theilt. Für die beiden asiatischen
Halbinseln wählte man die Bezeichnung: Groß- und Klein-Indien. Da man
sich aber schon frühzeitig der Ansicht zuneigte, Abessinien zu Indien
zu rechnen, wie auch bereits Procop von Cäsarea den Nil in Indien
entspringen läßt, so entstand denn für jenes afrikanische Alpenland die
verwirrende Benennung „das dritte Indien“ oder gar „Mittel-Indien“.
Jordanus identificirte das dritte mit der Sansibar-Küste, Benjamin
von Tudela nennt Aden am Ausgange des rothen Meeres als eine Stadt
in Mittel-Indien und Marco Polo erklärt Habesch für das Hauptland
davon, so daß also dieses dritte Indien asiatische und afrikanische
Landschaften umfassen sollte, während endlich der 1562 in Venedig
gedruckte Ptolemäus die indische Inselwelt als ~India tercera~
vorführt. Nach Odorich von Pordenone liegt die persische Küste bei
Ormuz in ~India, quae est infra terram~, und wird Südchina (Manzi)
Ober-Indien genannt. Auf der andern Seite bezeichnete Nicolo Conti die
Chinesen als „innere Indier“.
Drei Indien erscheinen schon auf einer Karte vom Jahre 1118. Und so
ging es fort bis ins 16. Jahrhundert (vgl. das beigegebene Weltbild
aus dem Straßburger Ptolemäus, 1513). Kein Wunder, daß auch der beste
Kartograph in solcher Verwirrung noch strauchelte, daß Mercator auf
seinem ersten Globus von 1543 neben den beiden von Ptolemäus bereits
angedeuteten Halbinseln Indiens noch eine weitere Halbinsel nach den
Aufnahmen der portugiesischen Entdecker eintrug, so daß wir also
auch hier noch mit der Monströsität von +drei+ indischen Halbinseln
beschenkt werden.
Aus diesem weiten Indien kamen seit den gemeinschaftlichen
Handelsfahrten Salomos und Hirams nach +Ophir+, welches wir jedenfalls
auf der Westküste Vorder-Indiens zu suchen haben, die kostbaren
Produkte über das rothe Meer zu den Ländern am mittelländischen Meere.
Griechen und Römer bezogen von dort Wohlgerüche und Gewürze, namentlich
Pfeffer; ferner Perlen und Edelsteine, Elfenbein und Ebenholz. Der
prächtige Pfau, den die Griechen zum Liebling der stolzen Hera erhoben,
den die Soldaten Alexanders wild antrafen in indischem Waldgebiete,
war nebst den buntfarbigen Papageien schon zu Salomos Zeit im Westen
bekannt geworden. Feine baumwollene Gewänder und Zucker kamen aus
demselben Gebiete. Den Umsatz in diesen Luxusartikeln gibt bereits
Plinius auf etwa 16 Millionen Mark jährlich an.
Aber aus noch weiter entlegenen Ländern kamen kostbare Stoffe unter
dem Namen serischer Gewänder nach dem Westen, ohne daß man anfangs
das Heimatland gekannt hätte. Daß, wenn auch durch Zwischenhandel,
die Seidenstoffe (denn nur diese werden unter serischen Kleidern
verstanden) aus China kamen, beweist der Name. Das chinesische Wort für
Seide ist ~sz’~ oder ~sse~ mit dem in ~r~ verkürzten Suffix ~örr~, also
~sser~ der Seidenstoff.[1] Nun ist merkwürdig, daß wenn auch am Ende
des Alterthums die Kenntniß der griechisch-ägyptischen Kaufleute sich
bis zu den chinesischen Strömen erstreckte, und auf dem Wasserwege der
Name Thinai oder Sinai bekannt wurde, man dieses Land doch von dem der
+Serer+ unterschied; denn die Kunde von diesem letzteren Volke war +zu
Lande+ durch Mittelasien nach Westen gedrungen. Geographisch setzte man
die große Stadt Sera und das Land der Serer, Serica, stets nördlicher
an, als das Land Thinai oder Sinai. Diese Doppelgängernatur wiederholt
sich noch einmal im 16. Jahrhundert, als die Portugiesen von ihren
Seefahrten den Namen Tschina (China) mit heimbrachten, während schon
durch venetianische Kaufleute im 13. Jahrhundert das Reich Kathay
(China) bekannt geworden war. Daß beide Benennungen auf das nämliche
Land wiesen, erkannten zwar schon im Beginn des 17. Jahrhunderts
katholische Glaubensboten, allein man nahm die Thatsache nur zögernd
an.[2]
[Illustration:
~Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.~
~G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.~
~Aus der Ausgabe des Ptolemaeus, Strassburg 1513.~
]
Doch wenden wir uns noch einmal zurück, um die allmähliche Erweiterung
der Kenntnisse von Süd- und Ostasien kurz zu skizziren.
Vor Alexander dem Großen war kein Grieche nach Indien gelangt. Herodot,
welcher +zuerst+ die Baumwolle nennt, berichtete nur nach Hörensagen.
Erst die Zeitgenossen des makedonischen Königs schildern uns als
Augenzeugen das Land. Megasthenes gab die erste klare Vorstellung
von der Gestalt und Begrenzung Indiens. Die Halbinselform tritt klar
hervor. Onesikritos kennt schon die wichtige Insel Taprobane (Ceylon).
Beide berichten, daß im südlichen Indien das Gestirn des großen Bären
allmählich unter dem Horizonte verschwinde, und daß der Schatten
nach Süden falle. Verhängnißvoll war es für die kartographische
Darstellung, daß der berühmte Eratosthenes, durch falsche Anwendung
von Distanzentfernungen veranlaßt, die Gestalt Vorder-Indiens derart
verzerrte, daß die Halbinselfigur fast gänzlich verwischt wurde. Und
als seiner Autorität mehrere Jahrhunderte danach auch Ptolemäus folgte,
blieb diese irrige Auffassung maßgebend bis ins 16. Jahrhundert.
Außerdem verschuldete Eratosthenes auch, daß der Abstand von
Alexandrien bis zur Indus-Mündung um mehr als 200 deutsche Meilen zu
groß angenommen wurde und daß im weiteren Verlaufe später die äußersten
bekannten Küsten Asiens viel zu weit nach Osten verlegt wurden: eine
Verzerrung, die im späteren Mittelalter, als man die Reiserouten Marco
Polos bis nach China kartographisch niederzulegen suchte, sich dermaßen
ins Ungeheure steigerte, daß der Ostrand Asiens bis nahe vor die Küste
von Californien und Cipango (Japan) in Mexiko hineinreichte. So nach
der Darstellung auf dem Globus Martin Behaim’s 1492.
Den Haupthandel nach dem Osten trieben die griechischen Kaufleute
Aegytens schon seit der Ptolomäerzeit. Ihnen verdanken wir im 1. und
2. Jahrhundert die Kenntniß der Insel Java und die erste directe
Berührung mit China. Der äußerste Punkt, den der griechische Kauffahrer
Alexandros im 1. Jahrhundert n. Chr. erreichte, war das vielbesprochene
Cattigara, ein Handelshafen, der wahrscheinlich nicht fern von der
Mündung des Jangtsekjang lag[3]. Das war die äußerste Grenze des
Wissens im Alterthum und blieb’s, wenigstens bei den Europäern, auch
bis zum Ende des Mittelalters, bis zum Ausgange des 13. Jahrhunderts.
Der Name China oder Tschina, mit dem besonders der südliche Theil
des Landes belegt wurde, ist uralt und höchst wahrscheinlich durch
malaische Seefahrer den westlichen Schiffern mitgetheilt. Wir werden
in dieser Annahme noch bestärkt durch die Wahrnehmung, daß uns auch
jetzt noch die meisten Küstenlandschaften des südöstlichen Asien in
malaischer Form geläufig sind, wie Birma, Pegu, Siam, Cambodja, Kotschi
(Cochinchina), Maluka, Burnei (Borneo) u. a.
+Ceylon+ bildete den Sammelplatz der Handelsschiffe, dort trafen
chinesische Händler mit Persern, Arabern und selbst Byzantinern
zusammen, welche letztere auf äthiopischen Schiffen Indien erreichten.
Zur Zeit der Herrschaft der Ptolomäer in Aegypten war der Canal
vollendet worden, welcher den Nil mit dem rothen Meere verband.
Auch der Kaiser Hadrian hat im 15. Jahre seiner Regierung für die
Wiederherstellung dieses wichtigen Wasserweges gesorgt, und der Hafen
Klysma am rothen Meere trat an die Stelle der alten Emporien von
Myos-Hormos und Berenike. Mindestens bis ins 6. Jahrhundert unserer
Zeitrechnung war der Canal in brauchbarem Zustande, denn noch um 590
n. Chr. berichtet Gregor von Tours davon, und erst nach der Mitte des
8. Jahrhunderts wurde er, bereits versandet, zugeschüttet. Von Klysma
gingen griechische Schiffe direct nach Indien, und auf ihnen besuchte
der griechische Hafenbeamte jährlich das Heimatland der Gewürze.
Justinian versuchte sogar, wenn auch vergebens, den Seidenhandel statt
über Persien durchs rothe Meer nach Klysma zu ziehen. So erhielt sich
die Beziehung zum fernen Morgenland bis zum 7. Jahrhundert, wenn
auch die geographischen Kenntnisse keine Bereicherung erfuhren. Die
Gründung des Islam und die Herrschaft der Araber in Aegypten änderte
die Sachlage wesentlich, denn der unmittelbare Verkehr der Byzantiner
und damit des Abendlandes mit Indien mußte seit jener Zeit eingestellt
werden.
Es blieb sonach nur der schwierige +Landweg+ übrig. Die Handelsrouten
vom Mittelmeer nach Indien und China haben naturgemäß mit viel
größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als der Seeverkehr. Nicht allein
die bedeutende räumliche Entfernung der Länder und die durch den
langwierigen Transport der Waaren gesteigerten Kosten schränkten
die Handelsbewegung ein. Es wurden zwar bei der Unwegsamkeit
der Hochgebirge, die zu übersteigen waren, bei der Wüstennatur
weitgedehnter Landstriche, die zu überwinden war, verschiedene Wege
eingeschlagen, bequemere Paßübergänge gesucht. Allein es spielten hier
auch die politischen Ereignisse in Innerasien eine hervorragende Rolle,
indem sie die Wegelinien entweder verschoben oder den Durchgang zu
Kriegszeiten gänzlich sperrten. Trotzdem hat das kostbarste Produkt
Chinas, die +Seide+, immer wieder ihren Weg nach dem Abendlande
gefunden, seitdem ihre Vorzüge dort erkannt und geschätzt worden waren.
Der Seide verdanken wir die frühesten Aufhellungen des asiatischen
Hochlandskernes.
Nachdem schon mehrere Jahrhunderte vor Christo die Seide in Syrien
bekannt gewesen war, ohne daß wir den Weg nachzuweisen vermöchten, wie
sie dahin gelangte, drangen chinesische Heere siegreich ins Tarimbecken
ein. Ihnen folgte im Jahre 114 v. Chr. die erste chinesische
Handelskarawane, überstieg die Pässe des Pamirplateaus und gelangte
bis zu den turanischen Handelsstädten. Nachfolgende große Handelszüge
überschwemmten die Märkte am Amu und Syr Darja derart mit Seidenzeugen,
daß diese in ihrer Werthschätzung bedeutend sanken. Aber sie gelangten
in Folge dessen weiter und weiter nach Westen, wo die Nachfrage nach
den kostbaren Gewändern immer lebhafter wurde. Auf zwei Straßen zog man
durch die Steppen und Sandwüsten des Tarimbecken, entweder nördlich vom
Steppenflusse Tarim an dem Fuße des Himmelsgebirges, des Tienschan,
entlang, eine Straße, die in unseren Tagen die belebtere und fast
allein betretene ist, oder südlich vom Lopnor und dem Tarim hin, zur
linken die Gehänge des sagenreichen Kwenlun, auf einem Wege, den noch
Marco Polo im 13. Jahrhunderte verfolgte, und den der kühnste russische
Reisende Prschewalsky erst vor wenig Jahren wieder erreicht hat. Der
Terekdawanpaß, nordwestlich von Kaschgar, galt als der bequemste
Uebergang über die westliche Umwallung des Tarimbeckens.
Zur selben Zeit, als am Ende des ersten Jahrhunderts unserer
Zeitrechnung das römische Reich seine weiteste Ausdehnung nach
Osten gewann, drang ein chinesischer Feldherr im Jahre 95 bis ans
kaspische Meer vor. Beide Staaten rückten fast bis zur Grenzberührung
gegen einander; aber zu weiterer politischer Beziehung gedieh diese
Annäherung nicht, weil kaum ein Menschenalter später die Chinesen aus
ganz Turan zurückweichen mußten.[4] Der Name der seideproducirenden
Serer wurde zwar bei Griechen und Römern immer geläufiger, aber die
Heimat des Volkes selbst lernte man nicht kennen, und dachte sie sich
anfänglich viel weiter im Westen, etwa in Turan oder im Tarimbecken.
Schon damals waren die persisch redenden Tädjik die Zwischenträger
des Seidenhandels bis ins römische Reich. Ueber den Verlauf der
Seidenstraße besitzen wir nur einen einzigen, aus einem ausführlichen
Bericht gemachten dürftigen Auszug, und wenn wir hinzufügen, daß jener
Bericht von den Handelsagenten eines makedonischen Großhändlers Maës
Titianus herrührt, und von dem berühmten Geographen Marinus von Tyros
aus zweiter Hand empfangen und aufgezeichnet ist und daß Ptolemäus in
seinen kurzen Excerpten wieder auf Marinus fußt, welcher ohnehin den
von jenem Agenten gemachten Angaben über ihre weiten Reisen keinen
rechten Glauben schenkte, weil er meinte, alle Kaufleute renommirten
mit der Größe ihre Expeditionen und setzten für die Entfernung der
einzelnen Stationen zu große Ziffern an -- so kann man aus alledem wohl
erkennen, wie schwierig es jetzt ist, den Reiseweg ins Land der Seide
zu fixiren.
Glücklicherweise können wir Ausgang und Endziel dieses Itinerars mit
ziemlicher Sicherheit bestimmen. Die Agenten des Maës brachen von
Baktra auf und nennen als Endpunkt ~Sera metropolis~, die Hauptstadt
des Serervolkes, worunter höchst wahrscheinlich nur die damalige
Hauptstadt Chinas, Tschan-ngan-fu, jetzt Si-ngan-su, gemeint sein
kann. Unerwiesen bleibt indeß, ob sie diese Stadt wirklich erreichten.
Sie zogen durch das Reich der Issedonen, östlich vom Pamirplateau in
Ost-Turkestan gelegen, auf der Südseite des Tarim gegen Osten nach
der chinesischen Sandstadt Scha-tschou, wo die fremden Kaufleute
vermuthlich ihren Bedarf an Seidenwaaren einhandelten.
In der Mitte des 2. Jahrhunderts verloren die Chinesen ihre
Machtstellung im Gebiet des Tarim und damit die Handelskarawanen ihren
Schutz; nur die persischen Kaufleute verstanden es, den Seidenhandel
in der Hand zu behalten. Die chinesischen Annalen haben uns zwar
die Nachricht erhalten, daß der römische Kaiser Markus Aurelius
Antoninus (~An-tun~ bei den Chinesen genannt) eine Gesandtschaft nach
China geschickt habe, aus deren Mittheilung wohl auch Pausanias die
bisherige irrige Vorstellung über die Gewinnung der Seide berichtigen
konnte; allein eine klarere Auffassung der ostasiatischen Länder
erfolgte dadurch nicht, denn Pausanias selbst nennt Seria eine Insel
im erythräischen Meere. In den Zeiten der Völkerwanderung galt dem
Historiker Ammianus Marcellinus Serica als eine persische Provinz,
denn die Seide kam ja durch Vermittlung der Perser. Und als unter
Justinian die Seidenzucht selbst in Europa eingebürgert wurde, verlor
die continentale Seidenstraße allmählich vollends ihre Bedeutung und
hüllten sich die centralen Landschaften Asiens mehr und mehr in Dunkel.
Auch die nur kurze Zeit dauernden freundschaftlichen Beziehungen
zwischen dem Türkenfürsten am Balchaschsee und dem Kaiser Justinian
waren in geographischer Hinsicht von geringem Belang, denn schon im 7.
Jahrhundert wurden die Türken von den wieder vordringenden Chinesen
unterworfen. China erscheint in dieser Zeit bei den Byzantinern unter
dem Namen Taugas.
Eine völlige Umgestaltung der Verhältnisse führten nach der Gründung
des Islam die Araber herbei. Wie sie sich bisher an dem asiatischen
Landhandel nur im beschränkten Maße betheiligt hatten, so waren sie
im 7. Jahrhundert auch zur See über Indien noch nicht hinausgekommen
und lernten die Sundainseln mit ihren Produkten erst später kennen.
In raschem Siegeszuge fiel ihnen ganz Westasien zu, und so schob sich
ihr Weltreich seit dem Beginn des 8. Jahrhunderts zwischen China und
das Abendland ein. Seitdem der Herrschersitz der Chalifen an den
Tigris verlegt war, wurden die Pilgerkarawanen auch die Träger des
Landhandels. Basra erhob sich als neuer Stapelplatz, in den die Waaren
des Ostens einströmten. Mokadassi bezeichnet sehr charakteristisch den
persischen Meerbusen als das chinesische Meer. Ueber die Handelsplätze
auf der Halbinsel Malaka gelangten arabische Seefahrer schon im 8.
Jahrhundert nach China. Während sie sonst mit ihren aus Kokosplanken
ohne Eisennägel zusammengefügten Schiffen sich nicht von den Küsten
zu entfernen gewagt hatten, entlehnten sie von den Chinesen manche
nautische Verbesserung, bauten festere Schiffe und steuerten, auf den
Compaß vertrauend, über das hohe Meer in geradem Cours auf ihr Ziel
hin. Von den Vorhäfen Bagdads aus, zuerst von Siraf, sodann von der
Insel Kisch und in den letzten Jahrhunderten von Ormuz aus, machten
sie den Chinesen im Handel so bedeutende Concurrenz, daß diese immer
mehr zurückwichen. Aus dem Berichte des Kaufmanns Soleiman in der Mitte
des 9. Jahrhunderts lernen wir den Seeweg bis Chanfu (Hang-tschou-fu)
in China kennen. Die gewöhnliche Route nahm von dem Hafen Siraf in
Farsistan (etwa unter 70° ö. v. Ferro) ihren Anfang, berührte jenseits
der Ormuzstraße Maskat, erreichte in grader Fahrt nach der Malabarküste
den Hafenplatz Kollam (Quilon), etwa 9° N., und steuerte von hier um
Ceylon herum direct nach Malaka und weiter nach China. Wenig Jahre
später gab Abul Kasim Ibn Kordadbeh, der Postmeister des Chalifen
Motamid, dieselbe Handelslinie bereits nach Stationen und Entfernungen
an, ein Zeichen, daß dieser Weg stark frequentirt wurde. Jenseit Chinas
hört die Kenntniß auf, nur die Berge von Korea (Sila) steigen noch in
unsicheren Umrissen empor.
Aber wie die Chinesen aus dem Westen, wurden die Araber noch im 9.
Jahrhundert aus dem Osten, aus China wieder verdrängt und zogen sich
nach der Halbinsel Malaka zurück, wo sich als Hauptstapelplatz für die
Gewürze, Kampfer, feine Hölzer und Zinn von den Sundainseln der Ort
Kalah erhob. Von hier aus drangen die arabischen Schiffe bis Java und
weiter sogar bis zur Heimat der Gewürze, bis zu den Molukken vor. Die
Beziehungen zu China blieben aber nicht für die Dauer unterbrochen;
im 10. Jahrhundert besuchte einer der bedeutendsten arabischen
Reisenden, Masudi von Ceylon aus wieder die chinesischen Häfen. China
schildert er als ein entzückendes Land mit üppiger Vegetation und
von unzähligen Canälen durchschnitten. Aber Palmen trifft man dort
nicht. Die Einwohner dieses Reiches übertreffen alle andern Geschöpfe
Gottes an Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit. -- Daß der Seeverkehr
fortdauerte, läßt sich auch daraus schließen, daß um 1137 ein reicher
Kaufmann aus dem persischen Hafen Siraf das Heiligthum in Mekka mit
prächtigen Seidenstoffen schmücken ließ,[5] und daß noch im 13.
Jahrhundert Ibn Batuta, der größte arabische Reisende, nach China
gelangte.
Der innerasiatische Handel wurde nicht gestört, weil die Araber bei
ihren Siegeszügen mit den Chinesen nicht in Kriege verwickelt wurden.
Als etwa ums Jahr Tausend n. Chr. die ersten Türkenstämme sich zum
Islam bekehrten und selbständige Sultanate gründeten, welche erobernd
auch in Indien eindrangen, schoben sie sich zwischen die arabische und
chinesische Macht als Mittelglied ein.
Alle diese Verhältnisse wickelten sich aber im Oriente ab, ohne
directen Einfluß fürs Abendland zu gewinnen, ohne dem Westen
unmittelbaren Vortheil zu gewähren. Die lange Zeit erlahmt gewesenen
Beziehungen nahmen aber durch die Kreuzzüge einen unerwarteten
Aufschwung. Indem die Christen die syrischen Küsten besetzten und die
italienischen Handelsstädte aus den Erfolgen der Kreuzheere möglichsten
Gewinn zogen, wurde der Waarenzug nach den Ostländern ungemein belebt,
wenn auch ein persönliches Eindringen der Kaufleute in das Innere
der islamitischen Länder nicht statt hatte. Um dies zu ermöglichen,
bedurfte es eines ganz neuen, nicht durch religiösen Fanatismus
aufgeregten Factors, der vom Hochlandskerne Asiens her dem Westen zu
friedlichem Verkehre willig die Hand reichte. Das waren die Mongolen,
deren Einfluß aber am Anfange einer neuen Epoche steht und zu eng mit
der folgenden Zeit verbunden ist, so daß wir sie erst im zweiten Buche
eingehender behandeln können.
Von dem arabischen Wissen bezüglich der Erdkunde kam dem Abendlande
wenig oder gar nichts zu gute; die Kenntnisse von der östlichen Welt
blieben unsicher, bis neue christliche Berichterstatter als Augenzeugen
wieder von jenen Gebieten erzählen konnten.
Ebenso wenig erfuhr man in Europa von den Fortschritten, welche die
Araber an der Ostküste Afrikas, südlich vom „dritten Indien“ machten.
Während Ptolemäus in alter Zeit, sicher durch arabische Vermittelung,
seine Kunde von den Nilseen und den sogenannten Mondbergen erhalten
hatte, verlor man, seit Alexandrien in die Hand des Islam gefallen
war, die Beziehungen zum Ostrande des Afrika-Continents, wo arabische
Händler bis zum Goldlande Sofala gelangten, aber die Südspitze Afrikas
nicht erreichten, weil das produktenarme Land die Gewinnlust nicht
reizen konnte. Kostbare Erzeugnisse lockten allein in so entlegene
Regionen und trugen allein zu ihrem Bekanntwerden bei.
Zweites Capitel.
Die Abendseite der alten Welt.
Wir haben gesehen, wie weit hinaus die Morgenseite der Erde aufgesucht
wurde. Man gelangte zur See und zu Lande durch unermeßliche Räume
bis zum Ostrande der Landveste; aber in der weiten Entfernung vom
Kulturgestade des Mittelmeerbeckens verschwammen die scharfen Contouren
immer mehr. Seide und Gewürze waren die Lockmittel langwieriger,
beschwerlicher Reisen.
Die Abendseite bot ein beschränkteres Feld, da vom Ausgange des
Mittelmeeres die Ufersäume sich bald sowohl rechts als links bei der
Ausfahrt in den Ocean in nördlicher und südlicher Richtung weiter
erstreckten. Die afrikanische Westseite bot mit ihrer zunehmenden Oede
nur sehr geringen Anlaß, an dem schmachtenden, menschenleeren Strande
weiter vorzudringen. Wichtiger wurde frühzeitig die oceanische Seite
Europas durch das geschätzte Zinn und den räthselhaften Bernstein. Die
Aufhellung der Küsten unseres Continents ist diesen Handelswaaren zu
danken.
Die kühnen phönizischen Seefahrer monopolisirten anfänglich die
Weststraße. Von den spanischen Silbergruben drangen sie durch
die Säulen des Herkules ins Weltmeer. Nur beiläufig gedenken wir
der von Herodot, aber nicht ohne eignen Vorbehalt, mitgetheilten
Entdeckungsreise, welche im Auftrage Nechos um 600 vor Chr. von
phönizischen Schiffern rings um Afrika ausgeführt wurde. Wenn diese
große nautische That wirklich geschehen ist, hat sie doch keinerlei
nachhaltige Resultate erzielt oder in irgend einer Weise das
erdkundliche Wissen befördert; denn sie ist spurlos vorübergegangen.
Wichtiger jedoch war die Fahrt des Flottenführers Hanno, der von
Carthago, in einer nicht sicher zu bestimmenden Zeit, mit einem
Geschwader von 60 Schiffen und angeblich 30,000 Colonisten durch
die Meerenge segelte, um an der atlantischen Seite Afrikas Colonien
anzulegen und nach Vollendung dieser Aufgabe einen Entdeckungszug gegen
+Süden+ zu unternehmen. Unzweifelhaft gelangte Hanno an der Mündung
großer Ströme (Senegal und Gambia) vorüber bis dahin, wo sich über
dem tropischen, von echten Negern bewohnten Flachlande bedeutende
Berggipfel erhoben, deren einen er als den Götterwagen bezeichnete.
Der Bericht über diese sehr merkwürdige Reise hat sich in griechischer
Uebersetzung erhalten, leider die einzige größere nach Süden gerichtete
Unternehmung der Carthager, von welcher wir Kunde erhalten. Das
punische Monopol in diesen oceanischen Räumen wurde erst mit dem Fall
Carthagos gebrochen; zwar drang auch Euthymenes, ein Landsmann des
Pytheas, bis zum Senegal (Chremetes) vor, aber die Römer haben, wenn
auch Polybios in Begleitung Scipios die mauretanischen Küsten besuchte,
doch den Wüstensaum der Sahara nicht überschritten und blieben weit
hinter den Erfolgen Hannos zurück. Daß auch die Canarischen Inseln von
den Phöniziern aufgefunden sind, läßt sich aus ihrem ursprünglichen
Namen, die Inseln des Malkart oder Makar beweisen, ein Name, der
bei den Griechen ursprünglich in der Form Μακάρων νῆσοι auftritt,
woraus zunächst μακάριαι νῆσοι und lat. ~Insulae fortunatae~ wurde,
so daß dieselben dann als die glückseligen Inseln gepriesen wurden.
Die Gewinnung des Seepurpur (Purpurschnecke) machte diese Inseln den
tyrischen Färbern besonders werth.[6]
Wichtiger und häufiger besucht wurde die +Nordseite+ des oceanischen
Weges jenseit der gaditanischen Meerenge. Auch nach dieser Richtung
waren die Phönizier zuerst vorgedrungen, auch hier ist uns die
Ueberlieferung einer großen Fahrt, vielleicht mit der von Plinius
erwähnten Expedition des +Himilco+ identisch, überliefert, die
in mehrfachen Ueberarbeitungen und Uebersetzungen uns in der
Küstenbeschreibung des spätlateinischen Avienus aus dem 4. Jahrh. n.
Chr. erhalten ist. Wir lernen daraus die iberischen und gallischen
Küsten bis zu den Zinninseln kennen.[7] Da bereits, und sicher nur
aus punischen Quellen, Herodot die Fundstätte des Zinn erwähnt, ohne
ihre Lage zu kennen, denn er zweifelt an der Existenz von Zinninseln
(III. 115), so muß jene Fahrt schon längere Zeit vor Herodot gemacht
sein. Der Vater der Geschichte nennt aber zu gleicher Zeit auch den
Bernstein, was uns als Beweis gelten kann, daß zu seiner Zeit die
Phönizier auch in die Nordsee eingedrungen waren. Britannien und
Germanien, die Heimatsstätten von Zinn und Bernstein, waren für ihn
die äußersten Länder. Darüber hinaus ist auch die Schifffahrt weder
der Phönizier noch der Griechen gedrungen, und wie das äußerste Land
im Osten nach seinem wichtigsten Erzeugniß das Seidenland hieß, so
gab’s im äußersten Nordwesten Zinninseln und Bernsteinküsten. Der
Zinnhandel scheint sich in älterer Zeit auf der Insel Wight concentrirt
zu haben. Die granitenen Scilly-Inseln sind nur aus Unkenntniß der
Berichterstatter zu der Ehre gekommen, als die Cassiteriden, d. h.
Zinninseln angesehen zu werden. Einen sehr bedeutenden Fortschritt in
der Erkenntniß führt die Reise des +Pytheas+[8] von Massilia herbei,
welche in das letzte Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. zu setzen ist.
Pytheas reiste als Kaufmann und Gelehrter; es war eine Entdeckungsreise
von hervorragender Bedeutung, welche zu derselben Zeit, als Alexander
der Große bis Indien vordrang, den Griechen die ersten zuverlässigen
Nachrichten über den äußersten Nordwesten der Erde brachten. Pytheas
hat Großbritannien und Irland umsegelt und gelangte nordwärts
bis zu den Hebriden, der später so oft genannten und in der Sage
vielfach vorkommenden ~+ultima Thule+~. Die Ursachen der Ebbe und
Flut und den Zusammenhang der Gezeiten mit der Stellung des Mondes
hat er zuerst erkannt. Er allein hat im hohen Norden astronomische
Breitenbestimmungen ausgeführt. Das Ziel, das er sich im Norden setzte,
den Polarkreis, hat er zwar nicht erreicht; aber trotzdem hat er zu
der Lösung des Problems, die Größe der Erde zu bestimmen, beigetragen.
Seine astronomischen Leistungen wurden von den Fachgenossen
Eratosthenes und Hipparch in vollem Maße gewürdigt, aber von Strabo
und Plinius, welche die meisten, aber leider entstellte Nachrichten
von ihm übermittelt haben, nicht verstanden. Pytheas berührt auch die
Bernsteinküste an dem deutschen Nordseestrande, aber die Ostsee war zu
seiner Zeit noch völlig unbekannt. Kein Grieche hatte eine Ahnung von
der Existenz des baltischen Meeres. Erst mit dem Vordringen der Römer
nach Deutschland erhalten wir Kunde von jenem größeren Binnenmeere,
und durch Plinius, der zuerst die Fundstätte des samländischen
Bernsteins nennt, wird auch ein Theil des Gegengestades, der großen
scandinavischen Halbinsel, als Insel unter dem Namen Scandinavia (=
Insel ~Skåne~) bekannt. Ihren continentalen Zusammenhang im Norden
lernte das Alterthum nicht kennen; weder Ptolemäus, noch Procopius
von Cäsarea wissen es, selbst noch der im 6. Jahrh. n. Chr. lebende
gothische Historiker Jordanus spricht von der Insel Scandza. Und doch
hatte Procopius durch sorgfältige Erkundigungen bei den aus dem Norden
stammenden Herulern erfahren, daß in jener großen Insel Scandinavia,
die er für Thule hielt, im höchsten Norden 40 Tage lang die Sonne im
Sommer nicht untergehe und ebenso lange im Winter nicht zum Vorschein
komme; auch kannte er die auf Schneeschuhen fahrenden Schrittfinnen.
Seine Ermittlungen reichten also weit über das Nordende des bottnischen
Meeres und über den Polarkreis hinaus; aber der Landzusammenhang mit
dem nördlichen Europa blieb im Dunkeln und wurde erst durch die Fahrten
der Normannen aufgeklärt.
[Illustration: Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König
Alfred d. Gr. von Ohtheres Reise. 9. Jahrh. (Cottonian Bibliothek des
British Museum zu London)[9]]
Das Nordende Europas umsegelte im 9. Jahrhundert zuerst ein
normannischer Edelmann +Ohthere+[10], der an der norwegischen
Küste, vielleicht noch jenseit des Polarkreises ansässig war.
Alfred der Große von England hat die Geschichte dieser merkwürdigen
Entdeckungsreise in seine angelsächsische Uebersetzung von Orosius
aufgenommen und überliefert. Ohthere erzählte danach seinem Herrn,
dem Könige Alfred, daß er in Halgoland nördlich von allen Normannen
an der Westsee ansässig sei. Dieser atlantischen Seite der Halbinsel
gegenüber war damals das baltische Meer auch schon unter dem Namen
Ostsee bekannt. Der Hauptreichthum der normannischen Edeln bestand
in Rennthierherden, woraus auf die hohe nördliche Lage des Besitzes
geschlossen werden kann. Das felsige Land erstreckte sich weit nach
Norden, war aber mit Ausnahme der wenigen Plätze, wo Finnen wohnten,
ganz öde. Diese Finnas (Lappen) beschäftigten sich im Winter mit Jagd,
im Sommer mit Fischfang. Ohthere wünschte nun, wie er dem König Alfred
berichtet, einstmals zu wissen, wie weit sich das Land noch gegen
Norden ausdehne, oder ob jemand noch nördlich von den Einöden wohne. Er
begab sich also zu Schiff und steuerte nach Norden, behielt das Meer
zur rechten und die See zur linken und segelte drei Tage lang, bis er
an die Nordgrenze der Fischereireviere kam. Nach anderen drei Tagen bog
das Land nach Osten um, mit günstigem Nordwestwinde schiffte er noch
vier Tage bis da, wo die Küste nach Süden vorlief. Südwärts steuerte
er fünf Tage, also um die Halbinsel Lappland herum in das weiße Meer
und kam zur Mündung eines Flusses, wo die Küsten wieder bewohnt waren,
während die nördlichsten Striche, an denen er vorüber gefahren, sich
menschenarm zeigten, außer wo ärmliche finnische Fischer, Vogelsteller
und Jäger ihr Leben fristeten. Hier an der Mündung eines Flusses,
vielleicht des Mesen oder gar der Dwina, wohnten zahlreiche Beorma
(Biarmier), dieselben schienen sprachlich mit den Finnen verwandt,
ließen aber die Normannen nicht weiter ins Land eindringen, erzählten
dagegen mancherlei über ihr eignes Gebiet und die Nachbarländer. Hier
erfahren wir auch, daß den kühnen Seefahrer nicht blos Wißbegierde
hinausgeführt, sondern daß er sein Absehen auf einen gesuchten Artikel,
auf Walroßzähne, gerichtet hatte, die er auch reichlich vorfand. Das
bewohnbare Land wird an der norwegischen Küste gegen Norden immer
schmäler, dahinter erheben sich die wüsten Gebirge, durch welche man
nach einer Wanderung von ein bis zwei Wochen bis nach Schweden gelangt,
das im Norden wieder vom Kwenaland (Finnland) begrenzt wird, ein Land,
das zwischen den Felswüsten von großen Süßwasserseen durchsetzt ist,
welche von Einwohnern mit kleinen leichten Kähnen befahren werden.
Aus dieser allgemeinen Schilderung des Nordens scheint nicht
hervorzugehen, daß Ohthere den Land-Zusammenhang Scandinaviens mit dem
Continente von Europa erkannte. Die Ostsee war in ihrem nördlichen
Theile noch unerforscht. Der Normanne Wulfstan, dessen Erzählung sich
gleichfalls in dem genannten Werke des Königs Alfred findet, kam auf
seiner Reise nicht weiter als Elbing. Auch der deutsche Historiker
Einhard sagt noch, daß die Länge der Ostsee unbekannt sei. Erst durch
Adam von Bremen erfahren wir im 11. Jahrhundert, daß das baltische Meer
im Norden geschlossen sei, und daß man zu Fuß von Schweden nach Rußland
gelangen könnte, wenn der Verkehr nicht durch die Feindseligkeit der
Bewohner gehemmt würde.
Aber noch zu dieser Zeit gelten Fahrten nach dem bottnischen und
finnischen Theil der Ostsee als gefährliche Wagnisse und wurden die
Namen kühner Seefahrer, wie jener des Normannen Ganund Wolf, für würdig
erachtet, der Nachwelt überliefert zu werden.
Weitaus wichtiger indeß waren für die Erweiterung der Kenntnisse die
wiederholten Streifzüge der Wickinger durch den nördlichen Ocean,
über Schottland und Norwegen hinaus ins Dunkelmeer. Auf den Faröer
und auf Island trafen sie irische Mönche und Einsiedler an, so daß
es scheinen könnte, als ob britannische Anachoreten die Entdecker
gewesen. Und doch muß es als wahrscheinlicher bezeichnet werden, daß
die Geistlichen erst, nachdem die Kunde von der zufälligen Entdeckung
durch normannische Seefahrer zu ihnen gelangte, sich in die Einsamkeit
dahin begeben und später von den Seeräubern wieder verdrängt worden
seien. So berichtet Dicuil, der um 825 schrieb,[11] daß vor hundert
Jahren Eremiten von Irland aus die Felsklippen der Faröer aufgesucht,
aber sich vor den Seeräubern wieder zurückgezogen hätten, so daß diese
Inseln, die kein früherer Schriftsteller erwähne, nun menschenleer,
aber von unzähligen Schafen und von schwärmenden Seevögeln allein
belebt seien. Noch später, etwa in den letzten Jahren des 8.
Jahrhunderts hatten Geistliche auch einen Sommer auf Island, (dem Thule
Dicuils) zugebracht. Der erste skandinavische Pirat, der ihnen folgte,
war Nadodd, der auf der Fahrt von den Faröer nach Norwegen durch Sturm
nach Island verschlagen wurde. Da er in dem öden Lande keine Spur von
Menschen fand, kehrte er nach den Faröer zurück. Und doch waren einige
wenige Mönche dort ansässig gewesen. Nadodds Fahrt fällt wohl ins
Jahr 867. Island wurde aber in der nächsten Zeit mehrfach aufgesucht,
ja man darf wohl sagen, ein beliebtes Ziel für Auswanderer, so daß
bald alles urbare Land seinen Herrn gefunden hatte. Aber die unsteten
Gesellen fanden auch hier selten Ruhe. Wie sie vielfach nur aus Noth
oder Zwang die Heimat aufgegeben hatten, trieb die innere Unruhe oder
der Hang zu abenteuerlichen Fahrten weiter und machte sie zu Entdeckern
Grönlands und damit zu den ersten Europäern, die amerikanischen Boden
betraten. Der erste, welcher das Land sah und zwar wahrscheinlich im
ersten Drittel des 10. Jahrhunderts, war Gunnbjörn; derselbe wurde auf
der Fahrt nach Island zu weit westwärts getrieben und entdeckte die
nach ihm benannten Gunnbjörn-Scheeren, hinter deren Klippen sich ein
großes Land zeigte, Grönland. Etwa 50 Jahre später suchte Snaebjörn
die Inselgruppe von neuem auf, und um 985 oder 986 ließ sich Eirik
der Rothe zuerst dort nieder. Er hatte wegen Todtschlags aus Norwegen
weichen müssen, ging nach Island, wurde auch dort ausgewiesen, wandte
sich 982 nach Gunnbjörns Land und belegte es in den folgenden Jahren,
um Ansiedler herüberzulocken, mit dem Namen „Grünes Land“, Grönland.
Die Niederlassung erfolgte unter nicht unbedeutendem Zuzug von Island.
Die neue Küste war bereits von Eskimos bewohnt gewesen, wie man aus
den vorhandenen Erdwohnungen ersah. Infolge des lebhaften Verkehrs,
der sich von Grönland aus bis nach Norwegen entwickelte, drang die
Kunde der Entdeckungen auch bis zu den norddeutschen Seestädten. Adam
von Bremen berichtet,[12] daß von der Weser aus friesische Männer eine
Fahrt nach dem Norden, die erste deutsche Polarfahrt, unternahmen
und daß sie über Island hinaus durch ein von den dichtesten Nebeln
bedecktes Meer nach langer beängstigender Fahrt gegen eine Felsenküste
geführt wurden, deren im Kreise sich erhebenden Felszinnen den
Anblick einer wohlbefestigten Stadt zu bieten schienen. Dort trafen
sie Menschen an, welche in Erdhöhlen wohnten. Als aber einer von der
Mannschaft von einem riesigen Hunde vor den Augen der erschreckten
Genossen überfallen und zerrissen wurde, flohen sie auf die Schiffe und
wandten sich zur Heimkehr. Diese merkwürdige Expedition fällt in die
erste Hälfte des 11. Jahrhunderts.
Die Normannen hatten inzwischen noch weitere Entdeckungen gemacht. Ari
Marsson wurde von Island nach Hvitramannaland (Weißmännerland) oder,
wie man es später auch nannte, nach Groß-Irland verschlagen; ebendahin
geriethen in gleicher Weise bald darauf Björn Breidvikingakappi und
Guðleifr Guðlaugsson. Wir haben unter diesem Weißmännerlande irgend
einen nicht näher zu bestimmenden Theil der nördlichsten Küsten
Amerikas zu verstehen. Auch Bjarni entdeckte um 986 auf seiner Fahrt
von Island nach Grönland neue Länder, welche bald darauf von Leif,
dem Sohne Eiriks, weiter erforscht wurden. Zuerst gerieth er, etwa
um 1001 oder 1002, an ein klippenreiches Gestade, dem er den Namen
Helluland beilegte (von Häll, die Felsenplatte), dann fand er weiterhin
bewaldetes Gebiet, welches er daher Markland nannte, zuletzt traf ein
Deutscher, der die Fahrt mitmachte, Namens Tyrkir (Dietrich) sogar
wilden Wein. Diesen Landstrich taufte man Weinland (Vinland); demnach
muß Leif fast bis zu 41° n. Br., also bis an die vorspringende Küste
des heutigen Massachusetts vorgedrungen sein. Diese wichtige Entdeckung
rief sofort eine Reihe von Versuchen hervor, an jener günstigen Küste
Niederlassungen zu gründen. Aber die Angriffe der Eingebornen und die
Greuelthaten der wilden Normannen gegen einander vernichteten sehr
bald den Keim der Colonisation, doch verbreitete sich die Kunde von
jenem Lande bis nach Deutschland, wo auch Adam von Bremen die Insel
Winland nennt. Gänzlich hörte indeß der Verkehr dahin auch in der
Folgezeit nicht auf, wiewohl die Entdeckungen nun eine andere Richtung
einschlugen und im 13. Jahrhundert die Westküste Grönlands enthüllten.
Grönländische Geistliche segelten im Jahre 1266 die Baffinsbai
hinauf und gelangten, wie man aus den Angaben, welche über den
Sonnenstand am 25. Juli jenes Jahres gemacht wurden, schließen kann,
vielleicht bis über den 75° n. Br. hinaus. Bald nach der Entdeckung
der Polarländer gewann das Christenthum festen Boden. Seit dem Anfang
des 12. Jahrhunderts erhielt Grönland seinen eignen Bischof; der
letzte derselben, welcher sein Bisthum selbst verwaltete, war Alfr,
von 1368 bis 1378.[13] Seit der Zeit gab’s nur noch Titularbischöfe,
deren Reihe erst 1537 schließt, so daß also noch nach der Reformation
der Name Grönland fortlebt, wenn auch das Land thatsächlich wieder
verschollen war. Wie unklar und verschwommen die Vorstellung von
jenem Lande geworden war, lehrt ein Blick auf die Weltkarte, welche
in der berühmten Ausgabe des Ptolemäus, Straßburg 1513 erschien, und
in welcher Grönland als eine langgestreckte Halbinsel dargestellt
ist, die an Nordeuropa, etwa an die Halbinsel Lappland angesetzt ist
und gegen S.-W. sich erstreckend über Scandinavien und Großbritannien
hinaus in den Ocean hineinreicht.[14] Noch phantastischer ist im
venetianischen Ptolemäus von 1562 auf der ~Carta marina nuova tabula~
das nordische Ländergemälde ausgefallen. Auch hier ist Grönland in
gleicher Weise mit Scandinavien verbunden, hängt aber auf der andern
Seite des westlichen Oceans mit Montagna verde (Vermont) in Nordamerika
zusammen, welches wiederum auf breitestem Raume in Ostasien übergeht,
so daß man trocknen Fußes von China über Nordamerika nach Scandinavien
wandern kann. Möglicherweise ist diese Verzerrung der Küstenumrisse
daraus entstanden, daß man im Mittelalter schon von einem Manne zu
erzählen wußte, der diesen Weg von Grönland nach Scandinavien wirklich
zurückgelegt habe, indem er sich unterwegs von der Milch einer
mitgenommenen Ziege nährte.
Jedenfalls leuchtet aus diesen irrigen Auffassungen der Lage Grönlands
hervor, daß man die normannischen Colonisationsgebiete im hohen Norden
nicht als Theile eines transatlantischen Gegengestades ansah. Daher
knüpften auch in späterer Zeit die Entdeckungsfahrten hier nicht an,
um an den Küsten weiter tastend, etwa Länderstriche in heißer Zone zu
gewinnen.
Indessen belebte sich der atlantische Ocean immer mehr mit allerlei
phantastischen Inselgebilden, die man zum Theil geneigt war als
Stationen, je mehr gegen Westen desto mehr, zunehmender Glückseligkeit
aufzufassen. Das Alterthum kannte nur die Canarischen Inseln als
~insulae fortunatae~. Im Mittelalter bildeten sich aber immer
lebhafter die Vorstellungen aus von friedlichen, paradiesischen
Eilanden im fernen Westmeere, welche weltflüchtigen Anachoreten
zum beneidenswerthen Asyle dienen sollten. Wir wissen bereits, daß
irische Christen von der Welt abgeschieden auf den Faröer und auf
Island lebten; und ist es kein zufälliges Zusammentreffen, daß die
Inselparadiese im Westmeere der Sage nach sollen von Irland aus
gefunden sein. Die geographischen Träumereien, welche sich an den erst
durch Mißverständniß gebildeten Namen der ~insulae fortunatae~ (s. S.
13) anlehnten, die man im Mittelalter als die Inseln der Seligen pries,
belebten sich namentlich auf den britischen Inseln, von wo ja manche
die Einsamkeit aufsuchende Geistliche sich nach entlegenen Inseln
flüchteten und wo, wie das Beispiel des irischen Mönches Dicuil im 9.
Jahrhundert zeigt, aus den Schriften eines Plinius und Solinus alle
Andeutungen zusammengelesen wurden, welche auf die Existenz ferner
atlantischer Inseln hinwiesen. Die thatsächlichen Irrfahrten jener
frommen Asketen, von denen manche, wie wir gesehen haben, sich über die
Faröer hinaus wagten, veranlaßten auch mancherlei mythische Berichte
von Wunderreisen. Den Mittelpunkt dieser Sage bildet die Legende von
den Schifffahrten des +heiligen Brandan+ oder Brandon, der gegen Ende
des 6. Jahrhunderts mit vielen Genossen von Irland aus nach einem
solchen wunderbaren Eilande ausfuhr. Der Glaube an seltsame Inseln
taucht schon in Plutarch (Ueber den Verfall der Orakel) auf, welcher
berichtet, daß um Britannien herum viel öde Inseln lägen, während
die wenigen Bewohner auf andern Eilanden für heilig und unverletzbar
gelten. An einer andern Stelle (Vom Gesicht im Monde) schildert er, daß
fünf Tagereisen westwärts von Britannien einige Inseln und dahinter
ein großes Festland liegen. Die Natur der Inseln und die Milde der sie
umgebenden Luft sei wunderbar. -- Der heilige Brandan kam nun, wie
die Sage berichtet, wirklich zu einer paradiesischen Insel und kehrte
erst nach jahrelangen Irrfahrten wieder heim. Die weite Verbreitung
dieser Geschichte läßt sich daraus erkennen, daß sie fast in allen
Sprachen des Abendlandes auftaucht und daß die Kartenzeichner des
Mittelalters sie mehrfach, man möchte sagen zur Ausschmückung des
nur spärlich von Inseln belebten westlichen Oceans verwendeten; aber
besonders beachtenswerth bleibt dabei, daß die heilige Brandans-Insel
im Lauf der Jahrhunderte immer weiter nach Süden rückt. Während wir
nach der Sage dieses Elysium der Westsee unter der Breite Irlands
suchen müssen, verlegt die Karte des Venezianers Pizigano, von 1367,
dieselbe nach Madeira, der Ritter Martin Behaim auf seinem Erdapfel
von 1492 südwestlich von den Capverden in die Nähe des Aequators. Die
Veranlassung dazu gab die seit dem Wiederauffinden der Canarien immer
wieder auftretende Behauptung, daß man am westlichen Horizont von
Zeit zu Zeit eine Gebirgsinsel stets in gleicher Gestalt und Lage in
weiter Ferne auftauchen sehe. Das Trugbild mag durch eine Nebelbank
entstanden sein, allein der Glaube an die Existenz der Insel war so
fest, daß sich ein portugiesischer Ritter sogar mit diesem noch erst zu
entdeckenden Besitze belehnen ließ und daß selbst bis 1750 immer noch
Versuche gemacht worden sind, um sie aufzufinden.
Die Geschichte der Brandans-Insel steht übrigens keineswegs vereinzelt
da, wenn es sich um alte Sagen von einsamen, fruchtbaren atlantischen
Inseln handelt. Schon Aristoteles und nach ihm Diodor von Sicilien noch
ausführlicher wissen von Inseln jenseits der gaditanischen Meerenge,
welche von Phöniziern entdeckt und später von den Carthagern ausersehen
sein sollten, ihnen für Unglücksfälle, wenn etwa ein vernichtender
Schlag ihre Vaterstadt träfe, eine Zufluchtsstätte zu gewähren.
Diese Ueberlieferung aus dem Alterthum lebt in einer spanischen Sage
wieder auf, wonach zur Zeit, als die Mauren durch den entscheidenden
Sieg über die Gothen bei Jerez de la Frontera die Herrschaft über
Spanien gewannen, ein Erzbischof nebst 6 Bischöfen sollten, um ihren
Glauben zu retten, auf eine entlegene atlantische Insel geflohen
sein. Dort gründeten sie sieben Städte, wonach die Zufluchtsstätte
die Insel der sieben Städte (~sette cidades~) genannt wurde. Aber auf
den Karten erscheint dieses Phantasiebild nicht vor dem Anfang des
15. Jahrhunderts. Man warf es bald mit einem andern Eilande von noch
räthselhafterer Benennung, mit der Insel Antillia zusammen, welche erst
im Zeitalter des Columbus ihre Bedeutung gewann; daher hier vorläufig
nur ihre Erwähnung genügt. Auch die Insel Brasil (Brazie) westlich von
Irland kann unter diese wesenlosen Gebilde der Phantasie gerechnet
werden, von andern unwichtigeren zu schweigen.
Mochten auch mancherlei Fahrten ins Blaue auf der Jagd nach solchen
oceanischen Paradiesen angestellt sein, greifbare Resultate mußten
noch ausbleiben, so lange man eines sichern Führers im freien Meere
entbehrte. Dieser bot sich aber erst im 13. Jahrhundert dar, seitdem
man die +polare Richtkraft des Magneten+ entdeckt hatte. Ohne alle
Frage haben die Chinesen diese Kraft viel früher erkannt als das
Abendland; aber wir haben keinen Anhalt dafür, es fehlt uns jeder
Nachweis, daß die Magnetnadel aus dem Osten Asiens zu uns gewandert
wäre. Zwar liegt es nahe, an die vermittelnde Hand arabischer Seeleute
zu denken, welche mit der chinesischen Handelsmarine auf dem indischen
Ocean in häufige Berührung traten, manche Verbesserungen im Seewesen
von jenen Ostasiaten entlehnten und selbst bis nach China ihren Verkehr
ausdehnten. Allein dann dürften wir auch erwarten, daß in jenen
europäischen Gewässern, wo die Araber wiederum mit den seetüchtigen
Völkern des Abendlandes zusammentrafen, auf dem Becken des Mittelmeeres
und in den an seinen Ufern gelegenen Seestädten ein für die Schifffahrt
so wichtiges Instrument wie der Compaß zuerst erwähnt und gewürdigt
worden wäre. Doch dem ist nicht so. Man dürfte auch wohl erwarten,
daß der berühmte Marco Polo, der für alles, was den Handel betrifft,
ein besonders scharfes Auge besaß, und der seine weiten Seereisen im
chinesischen Meere und durch den indischen Ocean auf chinesischen
Schiffen ausführte, die Magnetnadel erwähnt und beschrieben haben
würde, wenn in den östlichen Gebieten der alten Welt die praktische
Verwendung des Instruments bereits eine allgemeine gewesen wäre. Aber
Polo gedenkt desselben mit keiner Silbe. Und in Europa treffen wir
auf die früheste Erwähnung der magnetischen Kraft gerade in Gegenden,
welche von arabischem Einfluß nie berührt sind, nämlich in England und
Nordfrankreich. Sonach darf man die Vermuthung aussprechen, daß die
Nordweisung der magnetischen Nadel wie am Ostrande der alten Welt,
so auch am Westrande derselben selbständig entdeckt ist, gerade so
gut, wie das Abendland den Bücherdruck und das Porzellan, auch zwei
chinesische Erfindungen, für sich wieder erfunden hat. Die beiden
ältesten Gewährsmänner, welche den Magnet erwähnen, sind der Engländer
Alexander Neckam, welcher seit 1180 Professor in Paris war, und der
nordfranzösische Dichter Guiot aus Provins. Es darf dabei nicht
unerwähnt bleiben, daß gegen das Ende des 12. Jahrhunderts mit der
Wiederaufnahme des Studiums der physischen Schriften des Aristoteles an
der Universität zu Paris das Studium der Naturwissenschaften neu belebt
wurde. Wie nahe liegt da der Gedanke, jene neue, wichtige Erfindung,
welche wir gleichsam in der Nachbarschaft von Paris zuerst erwähnt
finden, sei auch dort wirklich gemacht. Alexander Neckam schrieb seine
Abhandlung: ~de Utensilibus~ und sein Werk: ~de Naturis rerum~ im
letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts, das satirische Gedicht Guiots,
~la Bible~, wurde im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts verfaßt.
Die ursprünglichste, roheste Art der Anwendung des Magneten, denselben
in einem Strohhalm auf dem Wasser schwimmen zu lassen, wich allmählich
der verbesserten Methode, den Nordweiser auf eine Nadelspitze zu
legen. Dabei muß es befremden, diese ursprüngliche Form noch 1258
erwähnt zu sehen. In diesem Jahre besuchte Brunetto Latini, aus Florenz
vertrieben, den berühmten Roger Bacon und schreibt, dieser habe ihm
unter andern einen Magneten gezeigt, der die überraschende Eigenschaft
besitze, das Eisen anzuziehen. Wenn man eine Nadel darauf reibt und
diese nachher an einem Strohhalm befestigt und auf dem Wasser schwimmen
läßt, dann dreht sich die Nadel mit der Spitze gegen den Polarstern.
Aber wiewohl diese Entdeckung für alle Seereisende von so hohem Werthe
zu sein scheint, so muß sie zur Zeit doch noch geheim gehalten werden,
weil es kein Schiffscapitän wagen darf, sie anzuwenden, da er sonst
sofort in den Verdacht der Zauberei verfiele; auch würde kein Matrose
mit ihm gehen, wenn er ein solches Instrument mitnähme, das offenbar
unter der Beihilfe höllischer Mächte entstanden.[15] Am Mittelmeere muß
also zur Zeit Latinis die Erfindung noch unbekannt gewesen sein, und
ans Mittelmeer müßte die Magnetnadel doch zuerst gekommen sein, falls
sie uns durch die Vermittelung der Araber sollte aus China überbracht
sein.
Nach 1270 wird auch die Strich- oder Windrose mit der Nadel in
Verbindung gebracht, und so sehen wir die Bussole (ein Wort
holländischen Ursprungs) fertig vor uns. Was für Verbesserungen der
so oft als Erfinder des Compasses genannte Flavio Gioja aus dem
Herzogthum Amalfi, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts
gelebt haben soll, angebracht haben kann, ist nirgends ersichtlich.
Der Compaß war nachweisbar vor seiner Zeit auf den Schiffen allgemein
in Gebrauch, was sich vor allem aus dem glänzenden Aufschwung der
nautischen Kartographie ergibt, welche uns ganz bestimmt ins 13.
Jahrhundert zurückführt. Denn die erste nur mit Hilfe der Bussole
in solcher Treue mögliche Darstellung der Küstenumrisse des ganzen
Mittelmeeres, welche uns Marino Sanudo um 1320 überliefert hat, setzt
jahrzehntelange Specialaufnahmen voraus, aus denen Sanudos Bild
zusammengesetzt ist. Und hier ist nicht zu leugnen, daß die Seeleute
des Mittelmeeres sich die neue Erfindung am trefflichsten zu Nutze
machten und ihren Werth allseitig erkannten. Die Umgestaltung, welche
die Kartographie erfuhr, war eine fundamentale. Statt wie im früheren
Mittelalter nach dem Paradiese im äußersten Osten, orientirte man sich
nach dem Polarstern, auf den die Magnetnadel wies und entwarf danach
die Karten. Der Schiffer gewann mit Compaß und Seekarten auf freiem
Meere ein bisher nicht gekanntes Gefühl der Sicherheit und steuerte
verwegener in die dunkle Salzflut hinaus. Dauernde, auch der Nachwelt
in sicherer Begrenzung überlieferte Entdeckungen wurden erst seit dem
13. Jahrhundert möglich; und schon der Ausgang dieses Jahrhunderts
zeigt uns zwei Beispiele eines kühnen Seezuges. Denn im Jahre 1281
machten die Gebrüder Vadino und Guido de Vivaldi von Genua aus den
Versuch, um Afrika herum nach Indien zu segeln, ein Unternehmen, das
1291 von Ugolini Vivaldi und Teodosio Doria wiederholt wurde. Allein
resultatlos, denn diese Expeditionen sind verschollen.
Wichtiger und folgenreicher, weil „das nächste mit dem nächsten klug
verknüpfend“, waren die Fahrten der genuesischen und venetianischen
Kauffahrer nach der atlantischen Seite Europas, nach den Niederlanden
und Britannien. Erst unter der zuverlässigen Führung der Bussole
erwachte der Seeverkehr auf dem Ocean. Dem Alterthume war die Westküste
unseres Erdtheils im höchsten Grade unwirthlich erschienen. Zu Strabo’s
Zeiten war die Nordseite Spaniens besonders verrufen. „Dieser Strich,“
sagt er, „hat als Oceansküste die Zugabe empfangen ohne Verbindung
und Verkehr mit andern zu sein, so daß er sich durch Mißlichkeit der
Bewohnung auszeichnet.“ Und auch im Mittelalter tasteten zwar einzelne
Pilgerschiffe, die das heilige Land aufsuchten, sich in langsamer Fahrt
an den Küsten hin, bis sie in die Säulen des Herkules einliefen; aber
von einem regen Verkehr war nicht die Rede.
Da eröffneten, etwa gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts, die Italiener
den directen Seeweg zu den niederländischen Städten. Sie liefen wohl
auf halbem Wege in den günstig gelegenen Hafen von Lissabon ein und
erregten dadurch den Eifer der Portugiesen, welche bald den Seeruhm
ihrer Lehrmeister überstrahlen sollten. Der König Diniz war der erste,
der sein Volk auf diesen neuen Pfad des Gewinnes und des Ruhmes mit
Erfolg hinwies. Wenn uns berichtet wird, daß noch im Laufe des 14.
Jahrhunderts im Hafen von Lissabon zu Zeiten 400 bis 500 Seeschiffe
lagen, so kann man aus dieser Zahl allein schon auf den wachsenden
Verkehr im Ocean schließen.
Sicher wurden durch einzelne vom Wetter aus ihrem Cours gedrängte
Schiffe die Canarischen Inseln wieder aufgefunden. Wiederholt tauchen
in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Nachrichten von jenen
Eilanden auf, ohne daß man den oder die Entdecker mit Gewißheit nennen
könnte. Am wahrscheinlichsten waren es Genuesen, aber auch Portugiesen
und Franzosen drangen fast gleichzeitig zu den glückseligen Inseln
vor, deren Anblick ihren Erwartungen von paradiesischen Fluren nicht
entsprach. Im Jahre 1341 schickte Alfons IV. mehrere Schiffe dahin
ab unter dem Commando eines Genuesen und Florentiners. Nach einer
günstigen Fahrt von 5 Tagen kam das Geschwader im Anfang Juli zu den
Canarien, besuchte im Laufe des Sommers mehrere von den 14 größeren
und kleineren aufgeführten Inseln, darunter namentlich Canaria und
wahrscheinlich auch Ferro und Forteventura, beschrieben auch den Pik
von Teneriffa und kehrten im November zurück. In einer päbstlichen
Verleihungsurkunde von 1344 wurden Canaria, Vingaria, Pluviaria,
Capraria, Junonia, Embronea, Atlantica, Hesperidum, Cernent, Gorgones
und Galeta namhaft gemacht, doch gehören einige darunter nicht zu den
Canarien, Galeta liegt gar an der Küste von Tunis. Zuerst setzten sich
Genuesen auf den Canarien fest, der Ritter Lancelot aus dem adligen
Geschlechte der Malocelli in Genua legte auf der einen Insel eine
Burg an, dieselbe erscheint auf der catalanischen Karte von 1375 als
Lanzeroto Maloxelo. Und wenn bereits auf dem mediceischen Portulan
von 1351 neun Inseln mit neuen Namen uns begegnen, deren Form auf
genuesischen Dialect hindeutet, so erkennen wir daraus, daß der ersten
von Portugal ausgesandten Expedition bald genuesische Unternehmungen
gefolgt waren.
Dahin gehören Parme (~J. de li Parme~), Palma, die Insel der Palmen,
Linferno, die Insel der Unterwelt, womit Teneriffa bezeichnet wird,
wegen seines hohen Vulkans.
Um dieselbe Zeit, vielleicht um das Jahr 1346, fällt auch die Fahrt
des englischen Ritters Machim, der auf seiner Flucht von England nach
Madeira verschlagen wurde.
Auch diese letztere Inselgruppe treffen wir bereits auf dem Portulan
von 1351.[16] Neben der kleinern Insel, die noch jetzt den Namen
Porto santo trägt, erscheint die größere I. de lo legname, d. h.
Holzinsel; offenbar ein italienischer Name, den die späteren Besitzer,
die Portugiesen, in den bekannten Madeira, übersetzt haben. Sogar die
ferner liegenden Açoren sind schon aufgefunden; die südöstliche Gruppe
derselben trägt die Bezeichnung ~insula de Cabrera~ (Ziegeninsel).
[Illustration: Karte von Afrika in einem Portulano (Seekarte) von 1351.
(In der Laurentinischen Bibliothek zu Florenz.)]
So hatte man also um die Mitte des 14. Jahrhunderts den Stand der
Kenntniß des Alterthums mindestens wieder erreicht. Den Portugiesen war
es im nächstfolgenden Zeitraume vorbehalten, die Grenzen der bekannten
Welt weiter hinauszurücken und, nachdem die westlichen Gestadelinien
der alten Welt vom südlichen Cap Afrikas bis zum Nordcap Europa im
allgemeinen ans Licht getreten war, den Anstoß zu geben für die erste
planmäßige Durchschiffung des westlichen Oceans.
Am Schlusse dieses Abschnittes haben wir noch die Reisen der
venetianischen Gebrüder +Nicolo+ und +Antonio Zeno+ zu untersuchen,
welche in den Ausgang des 14. Jahrhunderts fallen, und sich auf dem
Gebiete der normannischen Seezüge im nördlichen atlantischen Ocean
zwischen Scandinavien und Grönland bewegten, aber der Deutung und
Erklärung im einzelnen große Schwierigkeiten entgegensetzten, so daß
die Untersuchungen zu ganz abweichenden Ergebnissen geführt haben.
Die Schwierigkeiten entstanden vor allem bei dem Versuch, die Namen
der Localitäten zu enträthseln, welche den Schauplatz der Erlebnisse
bilden, und die den alten Bericht begleitende Karte einerseits mit
dem Texte, andrerseits mit den gegenwärtig vollständig bekannten
thatsächlichen Verhältnissen jenes Theiles der Erdoberfläche in
Einklang zu bringen. Am meisten hat sich R. H. Major in London um das
Verständniß verdient gemacht.[17] Daß dabei nicht von einer fingirten
Reise und einer Fälschung die Rede sein kann -- denn auch diese Ansicht
ist laut geworden -- beweist die thatsächliche Kenntniß nordischer
Verhältnisse, welche nicht blos alles übertrifft, was das Mittelalter
in Europa über jene Gegenden wußte, sondern auch die Kenntniß in der
Mitte des 16. Jahrhunderts übertrifft, wo der merkwürdige Bericht
zuerst veröffentlicht wurde.
Der Thatbestand ist nun folgender: Am Ende des 14. Jahrhunderts,
wahrscheinlich 1390, und nicht 1380, wie Text und Karte angibt, rüstete
Nicolo Zeno, einer alten venetianischen Adelsfamilie entstammend,
aus eigenen Mitteln ein Schiff aus, um, mehr aus Neugier als aus
Drang zu neuen Entdeckungen, den Norden Europas zu besuchen. Seit
einem Jahrhunderte bereits befuhren venetianische Handelsschiffe
den atlantischen Ocean von den Säulen des Herkules bis Flandern und
Süd-England. Zeno strebte noch weiter nach Norden. Ein Sturm trieb
sein Schiff über Britannien hinaus und warf es an den Strand der Insel
Friesland (Faröer). Aus den Händen der Strandräuber, welche sich des
Strandguts bemächtigten, befreite die Schiffbrüchigen der Beherrscher
eines Nachbargebietes, welchen Zeno Zichmni nannte. Aus Dankbarkeit
trat der Venetianer in die Dienste seines Befreiers und lud nun seinen
in Venedig weilenden Bruder Antonio brieflich ein, zu ihm zu kommen.
Antonio folgte dieser Einladung. Vier Jahre nach seiner Ankunft auf
den nordschottischen Inseln starb Nicolo in Friesland. Antonio blieb
aber noch 10 Jahre und schrieb während dieser Zeit mehrere Briefe
an seinen Bruder Carlo, der in Venedig eine hervorragende Rolle
spielte. Die Briefe der venetianischen Nordlandsfahrer blieben im
Familienarchive zu Venedig, bis ein späterer Nachkomme des Geschlechts,
Nicolo Zeno der Jüngere, geb. 1515, als unverständiger Knabe diese
Dokumente durch Zufall in die Hände bekam, und da er ihren Werth nicht
kannte, zum Theil zerriß. Erst später, in reiferen Jahren, suchte
er die Bruchstücke zusammen und entwarf danach die Geschichte jener
abenteuerlichen Fahrten seiner Vorfahren. Auch copirte er eine alte,
halb vermoderte Originalkarte und ergänzte sie nach seinem Verständniß
und seiner Auffassung. Das Ganze veröffentlichte er dann 1558 unter dem
Titel: ~Dello scoprimento dell’ Isole Frislanda, Eslanda, Engronelanda,
Estotilanda, Icaria, fatto per due fratelli Zeni, M. Nicolo il
Cavaliere et M. Antonio.~
[Illustration: _Gailland, Berlin, phototyp._
Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno. (Copie in ca. ¼ der
Größe des Originals von 1558.)]
Joh. Reinhold Forster wies 1784 in seiner Geschichte der Entdeckungen
und Seefahrten im Norden (S. 217-250) zuerst auf die Glaubwürdigkeit
und den Werth des Berichtes hin. Auch Al. v. Humboldt sprach sich
in seinen kritischen Untersuchungen etc. (deutsch v. Ideler, Bd. I,
337) dahin aus, daß, wenn man den Bericht ohne vorgefaßte Meinung
untersuche, man in demselben Wahrheitsliebe und eine ins Einzelne
gehende Beschreibung von Gegenständen finde, zu welcher nichts in
Europa den ersten Gedanken an die Hand gegeben haben könnte. Dagegen
erklärte der dänische Admiral Zahrtmann (~Journal Royal geogr. Soc.
London. Vol. 5~) das Ganze für eine Erfindung des jüngeren Zeno.
H. Major hat nun die Echtheit des Berichts zuerst an den Oertlichkeiten
der Faröer nachgewiesen. Es handelt sich um einen Wikingerzug des
Zichmni, des Herrn von Porlanda und Sorona.
Die Namen sind sämmtlich nur nach dem Gehör, nach dem Klange der
Aussprache aufgefaßt und dann dem Italienischen angepaßt und umgeformt.
So hat bereits Forster gefunden, daß in dem räthselhaften Zichmni der
schottische Häuptling Henry +Sinclair+ of Roslyn steckt, welcher von
Hakon VI. von Norwegen die Herrschaft über die Orkneys und Caithneß
erhielt. Der Pentland-Firth scheidet die beiden Besitzungen. Aus
Pentland macht der Italiener Porlanda und die begleitende Karte
entstellt diesen Namen, durch falsche Lesung, in Podanda (für ~rl~ ist
~d~ gesetzt).
Aus Caithneß wird Contanes und unter Sorona ist die kleine Insel
Swona in dem Pentland-Firth zu verstehen. Zichmnis Geschwader wollte
Friesland erobern. Im Altdänischen aber heißt die Faröergruppe
Faeröisland, und in der Biographie des Columbus erzählt sein Sohn
Ferdinand, daß sein Vater im Jahre 1477 von Bristol nach Frislanda
gesegelt sei. Daraus wird die Identität von Faröer und Friesland
ersichtlich. Daß aber der jüngere Zeno diesen Namen nicht aus der
Biographie des Columbus entlehnen konnte, erhellt daraus, daß diese
Lebensbeschreibung später, nämlich erst im Jahre 1571, also +nach+
dem Reisebericht Zenos veröffentlicht wurde. Wenn die alte Karte
Friesland als eine compakte große Insel darstellt, so fällt dieser
Irrthum vorwiegend dem jungen Zeno zur Last. Zichmnis Flotte nahm ohne
große Schwierigkeit die Inseln Ledovo und Ilofe (verschrieben für
Slofe) und andere kleine Inseln im Golfe Sudero in Besitz. In diesem
Golf erkennen wir den Suderoefjörd zwischen den beiden Inseln Suderoe
und Sandoe. Dann ergibt sich für Ledovo die kleine fast unzugängliche
Felseninsel Little Dimon und für Slofe das Nachbareiland Skuoe. Weiter
ging das Geschwader nach dem Hafen Sanestol (d. h. Sandoe) und landete
bei dem Orte Bondendon (wahrscheinlich Norderdahl auf Stromoe). Von
hier zogen die Eroberer quer durch die Insel zur Hauptstadt Frislanda,
welche an einer sehr fischreichen Bai lag, von wo sich Schiffe von
Flandern, Britannien, Norwegen und Dänemark mit Fischen versorgten.
Die Hauptstadt Thorshaven, welche hier gemeint ist, belegt der
Venetianer mit dem Namen der Inselgruppe. Der Reichthum an Fischen ist
hier seit alters berühmt. Später leitete Nicolo Zeno ein ähnliches
Unternehmen gegen Estland (d. h. Shetland-Inseln), wobei mehrere
Schiffe nach der Insel Grislanda südwärts verschlagen wurden. Das
Hauptland der Orkneys heißt Hroß-ey, oder Groß-ey oder ~gross-island~,
woraus sich die Form Grisland bildete.
Der jüngere Zeno, welcher aus Unverstand Estland für Island nahm,
verlegte auch Grislanda an die Küsten jener großen Insel, obwohl der
Originaltext von „~le Islande~“, also von mehreren Inseln spricht;
in Folge dieses Grundirrthums werden aber auch alle nach Shetland
gehörigen Namen an das Gestade von Island verschoben, nämlich Talas (=
Yelli), Broas (= Barras), Iscant (= Unst), Trans (= St. Ronans Isle),
Mimant (= Mainland), Dambere (= Hamna) und Bras (= Bressay).
Es lassen sich also alle Localitäten wieder erkennen und gehörigen
Orts befestigen. Die durch Zeno den jüngeren in die Karte gebrachten
groben Fehler sind von dem Originalberichte nicht verschuldet,
bestärken aber die Glaubwürdigkeit der Erzählung; denn wenn das Ganze
eine müßige Erfindung des 16. Jahrhunderts wäre, würde sie an solchen
geographischen Verstößen gar bald entlarvt werden können. Jener erste
Zug nach den Faröer geschah wahrscheinlich im Jahre 1390, der gegen
Shetland 1391.[18]
Im Juli des folgenden Jahres ging Nicolo mit 3 kleinen Schiffen auf
Entdeckung aus nach Engroneland oder Grenland. Bei dieser Fahrt,
welche uns über die Grenzen der den Süd-Europäern bekannten Nordwelt
hinausführt, wurde Island und wohl auch Grönland berührt. Aber der
Bericht wirft offenbar isländische Verhältnisse nach Grönland. Ob diese
Versehen dem Originalberichte zur Last fallen, oder ob die Bruchstücke
desselben durch den jüngeren Zeno falsch zusammengefügt sind, läßt
sich nicht mehr erkennen; doch liegt die Verwechslung klar vor Augen,
wenn wir dem Berichte folgen. Danach fand nämlich der ältere Nicolo in
Grönland ein Kloster mit Predigermönchen und eine Kirche des heiligen
Thomas am Fuße eines thätigen Vulkans. Die in der Nähe befindliche
heiße Quelle hatten die Geistlichen zu ihrer Ansiedlung geleitet, um
Kirche und Kloster damit zu heizen und das kochende Wasser selbst zur
Bereitung der Speisen zu verwenden oder in erwärmten Beeten Früchte und
Blumen zu erzielen, die nur in gemäßigteren Himmelsstrichen gedeihen.
Neben dem Kloster leben Wilde (also Eskimos), welche Fischfang treiben
und Böte in Gestalt eines Weberschiffchens besitzen. Sie befestigen
über das Gerippe von Fischknochen Häute und nähen dieselben fest
zusammen, so daß diese leichten Fahrzeuge allen Stürmen trotzen.
Während die Art der Ansiedlung und die Benutzung der Thermen nur nach
Island paßt,[19] denn in Grönland gibt und gab es auch damals keine
thätigen Vulkane, ist das Seegewerbe der Eingeborenen charakteristisch
für die grönländischen Eskimos. Eine genaue Kenntniß des südlichen
Grönland verräth aber auch der Name der Südspitze Avorf, welche in der
dem 14. Jahrhundert angehörigen Beschreibung Grönlands von Ivar Bardsen
„Hvarf“ und in der Chorographie Björn Jansens Haf-hvarf heißt, wofür
die Karte Zenos ~Af promontorium~ setzt.
Nicolo Zeno erlag den für einen Südländer unerträglichen Wirkungen
des polaren Klimas und starb bald nach seiner Rückkehr auf Frisland.
In seine Stellung und seine Würden rückte sein Bruder Antonio, den
Sinclair noch jahrelang bei sich festzuhalten wußte und sogar auf
einer großartig geplanten Entdeckungsfahrt nach westlichen Ländern
mitnahm. Sinclair hatte nämlich durch Fischer, die vor 25 Jahren über
den atlantischen Ocean nach Westen verschlagen waren, von großen
Inseln und weiten Festlandsstrichen Kunde erhalten und beschloß jene
Länder aufzusuchen. Der Bericht der Verschlagenen, den ein Brief des
Antonio an seinen Bruder Carlo in Venedig ausführlich wiedergibt,
klingt zwar in manchen Einzelheiten befremdend, verräth aber in großen
allgemeinen Zügen eine Kunde der nordamerikanischen Küsten bis nach
Mexiko. Da nun erwiesenermaßen die Normannen bereits im 11. Jahrhundert
Ansiedelungsversuche am Strande der Neuengland-Staaten gemacht hatten,
so bleibt die Möglichkeit weiterer abenteuerlicher, durch Zufall
veranlaßter Fahrten nach jenen Gegenden keineswegs ausgeschlossen.
Jene Fischer nun hatten erzählt, daß sie 1000 Meilen westlich von
Friesland durch den Sturm an die Insel Estotiland getrieben seien,
welche kleiner als Island, aber viel fruchtbarer war und in der Mitte
einen hohen Berg hatte. Die Einwohner zeigten sich intelligent,
freundlich, besaßen eine eigne Sprache und Schrift, in des Königs
Bibliothek fanden sich sogar lateinische Bücher. Sie verkehrten auf
ihren Segelbooten sogar mit Grönland, kannten aber den Compaß nicht.
Nachdem sie fünf Jahre im Lande geblieben waren, machten unsere Fischer
eine Fahrt gegen Süden zum Lande Drogio. Dort wohnten rohe Canibalen,
welche einen Theil der Mannschaft erschlugen und verzehrten. Sie
besaßen kein Metall, ihre Lanzen bestanden nur aus Holz. Aber weiter
südwärts wurden sie civilisirter, wohnten in Städten und opferten in
ihren Götzentempeln Menschen, deren Fleisch dann verspeist wurde. Das
Land war reich an Gold und Silber.
Während wir in Estotiland Spuren normannischer Ansiedlung erkennen,
wenn auch die Kulturverhältnisse in allzustarken Farben ausgemalt sind,
lassen sich die Angaben über die südlichen Kulturländer mit ihrem
Goldreichthum, ihren Götzentempeln und Menschenopfern ungezwungen auf
Mexiko deuten. Doch sind Estotiland und Drogio nicht zu identificiren.
Nur ein Fischer kehrte nach Jahren zurück und sollte auf Sinclairs
Zuge als Führer dienen, aber leider starb derselbe kurz vor Aufbruch
der Flotte. So verfehlte Sinclair auch bald den Weg und wurde durch
Sturm gegen Südwesten nach der Insel Icaria verschlagen. Es ist wohl
nur italienische Phantasterei, wenn der jüngere Zeno dazu bemerkt:
Alle Könige hießen dort Icari, nach dem ersten Könige, der ein Sohn
des Königs Dedalus von Schottland gewesen sei. Schon Forster hat in
dem Icaria richtig die Landschaft Kerry in Irland erkannt, wozu alle
geschilderten Verhältnisse, das feindselig abwehrende Verhalten der
Bevölkerung u. a. paßt. Von hier gelangte die Flotte nach Grönland,
kehrte aber nach kurzem Besuch wieder nach den Orkneys zurück.
Wenn auch in dem ganzen Bericht noch manche Dunkelheiten ungelöst
bleiben, so wird doch eine unbefangene Kritik den echten Kern
anerkennen müssen und darf das Ganze nicht als leere Erfindung
verwerfen. Von besonderem Interesse ist, daß Zeno uns als der letzte
von den normannischen Ansiedlungen in Amerika berichtet. Die vom
jüngeren Zeno entworfene Karte enthält trotz gewaltiger Irrthümer
und Ungeheuerlichkeiten, welche indeß von den Kartographen des 16.
Jahrhunderts vielfach getreu copirt wurden, manche zutreffende Züge und
geographische Wahrheiten.
Zweites Buch.
Die Vorhalle der großen Zeit.
Erstes Capitel.
Die Morgenseite der alten Welt.