Ruhig zum Guten, getreu zum Glück.
So war ich mit theilnehmendem Herzen geschieden, betrübt, daß
ich Arminien nicht bereden gekonnt, wenn nicht zu mir und meiner
rechtschaffenen Mutter, doch zu dem ehrenwerthen Pastor für die Zeit
der Gefahr im Vaterhause zu kommen. Aber ich sollte sie sogar auch
längere Tage nicht sehen. Denn heut zu Tag nicht mehr für möglich
gehaltene, wie aus einem modrigen Grabe schauderhaft auferstandene
Gespenster bannten mich in ihr Pentagramm und entfernten mich von
Hause. Ich hatte nämlich, nicht als Curiosität, sondern als Werthstück,
aus Amerika, aus Massachusets den Katechismus mitgebracht, der zum
Lehrbuch in den Schulen von den Vorstehern ~aller Confessionen~ war
ausgearbeitet worden, und der keine Lehre enthielt, welche irgend
Einer derselben ein sogenannter Glaubensdorn im sogenannten Auge ist.
Diesen, der vielen dasigen Deutschen wegen auch deutsch gedruckt, hatte
ich einst meinem Schullehrer, dem resignirten Predigtamtscandidaten
gezeigt; er hatte ihn mitgenommen und danach seine Schule: Kinder
von evangelischen, katholischen, reformirten und jüdischen Eltern
des Kirch-Spiels zu ~aller~ Zufriedenheit, zu großer Einigkeit und
wachsender Verträglichkeit, also mit Segen gelehrt. Damit war er vom
Ambulanten Geistlichen verrathen, und deswegen vorsichtig des Nachts
abgeführt worden, nicht etwa damit ~ihm~ kein Schaden geschehen solle,
sondern keinem ~der Schergen~. Geschehenes aber sind alle Leute, auch
deutsche Leute zufrieden, und wenn der Himmel einfiele, ja sogar
die Kirche, und sie hielten Gottesdienst auf dem Gottesacker wie
nach einem totalen Abbrande. Zugleich war mein Pastor mit Absetzung
bedroht, weil er der Vernunft Gehör gegeben; und ich, als Einschmugler
dieses satanischen Katechismus, war zu einem sogenannten Colloquium,
einem Gespräch das leicht an Collum, den Hals gehen kann in dieser
letztbetrübten Zeit, mehr als nur eingeladen. Wer in Amerika erzogen
worden, nur vom Hörensagen es kennt, ja nur daran denkt und sich je
dahin, oder es zu sich her gewünscht hat, der kann meine Stimmung
sich figuriren! Ich sah gleichsam Amerika in Person wirklich bei
uns gelandet wiedergekommen, gebilligt, und festen Fuß fassen, wie
einen klaren Mann, dessen Herz keine Beine hat, und darum nicht auf
die Kniee fällt. Ich sprach also in dem Colloqium fest, offen, frei,
stark, ein wenig -- nicht vom hohen Pferde herunter, sondern vom hohen
Sternengewölbe, und so etwa nur aus dem nächsten Jahrhundert, das diese
letztbetrübte Zeit überwunden und an den Nagel gehangen haben wird; wie
Chriemhilde den sie zu bändigen zu schwachen König, der zu ihrem Betrug
die Nebelkappe bedurfte, aber mit dem Leben dafür büßte. Jetzt noch,
half es uns nichts, daß die Kinder nachweislich ~mehr~, ja alles zu
glauben Verlangte auch richtig wußten; sie sollten dieses blos allein
wissen. Das Buch sei Verbrennens- oder Zerstampfenswerth. Denn der
Unsinn, die Unmöglichkeit desselben sei klar, da dasselbe, wenn es noch
mehr Confessionen in Indien und China aufnehmen und versöhnen wolle,
dadurch das Nichts darinnen stehe, als was Seine Gläubigen auf Erden
läugnen, oder gar das, was alle Milliarden Bewohner der Millionen
großen ewigen Gestirnen gut hießen, ja am Ende ~nur der Name Gottes und
die Pflicht eines rechtschaffenen Lebenswandels~ darin stehen könnte!
_Quod non datur._
Da die Sache also schlimm werden konnte, so rieth ich meinem
Schullehrer in’s Preußische zu flüchten, da noch kein ~Religionscartel~
in den Deutschländern bestehe, und sich dort um eine Stelle bei
einem Bekannten von mir zu bewerben. Der Mann ging aber nicht; auch
mein Pastor nahm keinen Rath an; und ich mußte erstaunen, ~so feste
Ueberzeugungen, so unbewegsamen Muth~ aus gutem Gewissen zu finden.
Mein Pastor hatte auch seinen Brust- und Herzenskranken Bruder bei
sich aufgenommen, der katholischer Hof-Prediger in einer Stadt gewesen
war, wo die Kirchenmusik von unzähligen Fremden bewundert wird. Ihn
hatte die Reue ergriffen; er wollte wieder als Jude sterben, da ihn
selber vernünftige Katholiken über manche Worte constituirt hatten.
Und ich mußte wieder erstaunen, ~wie sehr aufgeklärt und vorbereitet
eine unermeßliche Zahl deutscher Katholiken ist~. Denn sie sind
zuerst Menschen und ~Deutsche~; das erklärt alles. Ich reiste, lange
gehudelt, mit Extrapost wieder nach Haus. Aber auf der Station unseres
lieben Postdirectors fühlte ich mich so unwohl, daß er mich nicht
weiter ließ, in seinem schönen Hause, unterhalb der Landstraße in einem
großen Blumengarten gelegen, gastfreundlichst aufnahm und selber den
Doctor holte. Er fand mich krank an den Folgen der Politik, die jetzt
noch zum Unglück unter die Herrschaft des Gallen-Gestirns falle; so daß
den Menschen nichts recht sei, geschweige das Ungerechte, Anwidernde
und Aufgedrungene. Und doch sei das Beste, daß sich die Menschen noch
ärgerten und ergrimmten, (so daß jetzt viele, vom so civilen Militär
und so militärischen Civil mit zusammengebissenen Zähnen stürben und
im Sarge lägen;) da Lachen und Spotten eigentlich alles gut heiße, und
dadurch nichts besser werden könnte. Daher er auch die einreißende
und endemisch gewordene Predigerkrankheit, als eine Krankheit der
alten mürrischgewordenen Erde, nicht mit _repellentibus_ zu behandeln
rieth, um nicht Ausbruch des Wahnsinns zu erzwingen. „Gott, sprach
er, von welchem Unsinn und Starrsinn oder welcher Furcht bekommen
wir Aerzte die Folgen als Herzschwindsucht, Verstandeschwäche, ja
Geistesabwesenheit, Gliederlähmung und Verlust allen Appetites zu
leben, in unsere Cur! Die Erde muß vor ihren Kindern erschrecken,
welche sauere sardonische Gesichter sie ihr im Sarge heimbringen; und
wenn Gott Jedem erlaubt zu petiren, weil die Pfaffen doch dasselbe ~als
beten~ zur Pflicht machen, so mag ich jetzt nicht droben extrahirender
oder vortragender himmlischer Rath sein. Wenn aber die Pfaffen,
überführt, daß „zum Himmel beten“ ~auf Erden~ petiren sei, antworteten:
Gott thue dennoch was er wolle; so wäre die Antwort unwiderleglich: Ja!
Aber kein Mensch kann weder für alle wollen noch handeln, und das zu
wollen, sei die Blasphemie: sich für Gott zu halten.“
Da hatte ich wieder zu erstaunen: über ~die Doctoren~, sie, die in den
ernstesten feierlichsten Tagen zu allen tausend Kranken gehen, mit
ihnen und den Gesunden Vernunft reden, und sie über die Zeit und den
Tod trösten. Ich wüßte auch gar kein Mittel, -- nicht etwa blos Juden
Doctoren werden zu lassen, wie es jetzt Tausende werden -- sondern das:
alle Aerzte vorher acht Jahre Orthodoxie studiren zu lassen. Ich aber
war lange Tage krank und lag im Phantasiren oder in Schwäche. Der gute
von Rizzi hatte meine rechtschaffene Mutter kommen lassen, und ich
hörte wohl sie beide manchmal leise miteinander sprechen und verstand
davon die Bitte meiner Mutter: „Nur jetzt sagen wir ihm noch nichts
davon!“
Als ich darauf wieder nach den Dingen im Leben neugierig ward, fragte
ich den ~redlichen~ Postdirector, der nichts auf dem Herzen behalten
konnte. Und in großen Zwischenräumen von Nächten und halben Tagen
brachte er mir verschiedene Gedanken zum Angehör. Einmal stöhnte
er verwundert: „Ein Vater ist doch ein guter Mann; erst ist er aus
Liebe der Diener seiner Frau, zuletzt der Sclave seiner Kinder!“
-- Ein andermal: „Sollte man es für möglich halten, daß ein Vater
fünfzehn Töchtern gestattet: fünfzehn Körbe auszutheilen! Man dankt
Gott für Einen Freier, geschweige für ein Vierteldutzend Nehmer!“ --
Wiedereinmal: „Sollte mir ein Pfaffe mein Haus zerrütten, alle Pläne
ins Wasser werfen?“ Noch ein andermal: „Der gute Irländer! Nun hat
er sieben durch die Blattern abscheulich entstellte Töchter, und die
Kleine ist ganz blind!“ Aber wir wollen ihn glücklich schätzen; denn
nur die kleine glückliche Araberin, oder Apfelsinerin, die ~Zwergin~,
~ist gestorben~. Das verständige Mädchen hat aber ein schönes Wort
hinterlassen, nämlich den Trost: „Wenn Ich auch sterbe -- wenn Gott
nur leben bleibt!“ -- Und der bleibt gewiß leben. Der Doctor nennt das
Wort vollkommen, wenn, oder da Gott zuvor auch nur allein gelebt hat.
Sie ist in Ihrer Kirche beigesetzt. „Unter 9 Tagen kein Begräbniß“ hat
der Irländer verordnet, aber er bezahlt Geistliche und Schullehrer alle
drei Tage einmal dafür, als wenn sie gesungen, geläutet und auf dem
Kirchhofe die Parentation gehalten: „Sie war so fromm! -- Sie war so
gut!“
So hatte von Rizzi sich die Zunge gelöst und fuhr fort: Aber ihren
Chirurgus letzter Klasse, den Salomon sollten Sie einmal sehen! Wer ihn
zuvor nicht gekannt hat, der kennt ihn nicht wieder. Aber beruhigen
Sie sich: Fräulein ~Brigitte~ hat ein offenes Billet für Sie, worinnen
~Arminia~ Ihnen schreibt:
„Weiß Gott, was Sie überrascht hat und mich, was Ihnen an mir so
gefallen. Aber, ich kann Sie nicht lieben! Ich darf Sie nicht lieben.
Wünschen Sie es aber, so will ich zeitlebens unvermählt bleiben; Ihnen
zur Ehre und mir zur Strafe.“
Beruhigen Sie sich, damit Sie nichts Falsches denken: Arminia hat
dieses Billet schon acht Tage zuvor geschrieben, ehe sie sich des
Nachts unbewacht die Pockenmaske vom Gesicht gerissen, und nun
schrecklich, statt so lieblich aussieht. Sie bedecken sich die Augen?
Ich bedaure Sie. Die Schönheit verlieren, ist kein gemeiner Verlust.
Die schöne Braut verlieren, wer kann das ertragen? Aber für Sie wird es
einen Trost geben, eine Trösterin: das arme Häschen, die schweigende
Brigitte! Ihre Frau Mutter meinen, vielleicht habe es nie treuere,
einander selbst Glück und Liebe sich so aufopfernd gönnende Freundinnen
gegeben, als diese beiden Mädchen. Aber aufrichtig gestanden: ich habe
noch nie zwei Mädchen oder gar Weiber gekannt, die solche Freundinnen
gewesen wären, wie viele Jünglings- und Männer-Paare. Doch da müssen
noch andere geheime Dinge vorgefallen sein, die....
Meine rechtschaffene Mutter war leise genaht, hielt ihm den Mund:
„das Posthorn“ zu, wie sie sagte, und nannte ihn ziemlich verblümt
einen Klatscher. Als wir darauf allein waren, sprach sie: „Doch ist
er gut und hat Gutes gestiftet, wie immer die Wahrheit thut. Du, mein
lieber Sohn, thust am besten: entschlossen und rasch das arme Kind zu
nehmen, das dich von Herzen liebt.... aber nicht geathmet hat, sich zu
verrathen! Um unseren Verdruß in frohes Geschäft zu verwandeln, werde
ich sogleich in der Stadt umherfahren, den Brautstaat und alles Nöthige
zu euerer Hochzeit einzukaufen. Mein lieber Sohn, Gott segne Dich! und
Dein Weib mit Dir! Du thust den alten Willen der Welt in Deinem; Du
thust des Vaters Willen, und nun auch meinen -- und dem armen Häschen!
Sie weinte; und ich will nicht läugnen: ich verstummte und weinte.“
Ich -- ich zog noch einmal Arminien aus dem Grabe, umhüllte sie mit
dem Mantel, und sie ruhte an mir. Aber ich versuchte auch ~Brigitten~
mir so aus dem Grabe zu ziehen.... ~und die Sache gelang~! Ja, ich
trug sie fort, und fuhr mit ihr über den See in mein Schloß zur
plötzlichen Hochzeit. Da saßen wir in Gold und Silber am Tische; die
Kerzen brannten; vor uns hielten zwei Engel unsere verschlungenen
Namen und Brigitte weinte Perlen; ihr alter Vater war vor Freude zum
Jüngling geworden, und Herr von Sangallo sang wieder ein „Freut Euch
des Lebens,“ daß ich vor Angst aus dem wachen Traume emporfuhr.
Da fragte mich der Postdirektor: Nun? geht die Sache? Das heißt
„umsatteln!“ Glauben Sie mir, ich bin fast notorisch ein redlicher
Mann durch und durch, liebte und liebe meine einfache Frau einfach;
aber wenn sie krank ward und kränker, desto deutlicher flogen auch mir
die Gedanken durch den Kopf und wie Federn um die Haare: „Wen wirst Du
nur müssen zur Frau nehmen?“ und dann traten auch gleich verschiedene
artige Persönchen vor mich hin, die ich sonst nur so gewiß freundlich
angesehen hatte, weil ich wußte, daß sie gern Posthorn blasen hörten.
So ist das Ding, und so sind wir. Aber wenn wir nun sogar ~müssen~....
Und zu diesem Muß zwingt die ~Ehre~, schloß meine rechtschaffene
Mutter; diese langt hoffentlich bei meines Mannes Sohn! Laß Arminien
dem Doctor Salomon; denn Doctor will er und kann er nun werden.
Uebrigens es gleichsam keine Arminia mehr; ihr schönes Antlitz ist aus
der Welt entschwunden; Du wirst sie nicht wiedererkennen, sie wird Dich
nicht wiedersehen, Du wirst sie nicht wiederfinden. Wie sich ein Glaube
ablösen kann, so kann und muß es die Liebe von verlorenen Dingen und
Personen.
Ich war Mann genug mich zu fassen. Doch wie bedauerte ich Arminien,
daß sie nicht mehr schön war, daß sie außer diesem höchsten Verlust
für ein Weib und einen Freier, noch mehr als ~blos unglücklich~
geworden schien, oder war, da es meine rechtschaffene Mutter sagte! Und
die Liebe, die sich in Mitleid verwandelt, hat den Keim zum Sterben
gekeimt. Aber, wie sie versprochen, half mir meine Mutter durch
Vorzeigen der eingekauften Dinge zu einem neuen Leben mit einer neuen
Geliebten, oder wohl mit der ersten mir unbewußt-wirklichen, über meine
Liebesrevolution hinweg. Ich fing an schon Brigitten zu sehen, wie sie
in Thränen ausbrach vor Freuden über das Wort: „Mein Häschen, willst Du
mein sein?“ Ich fühlte ihre Arme um meinen Nacken, als sie darauf mich
mit uralter Gewalt der Mädchengewordenen Natur umschlang. Ich mußte
mich freuen. Da schrieb ich zu Tagesschluß in mein „Nächtebuch“ die
aus meinen Gefühlen mir zu hellen Krystallen angeschossenen Worte: „Wie
süß und schön ist die Jugend! Und kein Kind vermag besser jung zu sein,
als unbewußt. Unbewußt ist nicht ungenossen. Darum gehören Jugend und
Unschuld so innig zu einander. Der alte Göthe spricht zwar: Was man in
der Jugend wünscht, das hat man im Alter in Fülle. Aber das ist eine
barbarische Unwahrheit! Denn was man auch im Alter habe, das hat man
nur eben ~als selber alt~, wenn alle Güter nur wenig bedeuten und sind.
Denn ihnen fehlt die Glorie der Welt und die Fülle des Herzens. Und so
erfreuten zwei Hände voll Kirschen ein Kind mehr, wie die Alten ein
Hut voll Juwelen. -- Und nun gar erst zwei Hände voll Himmelsgestalt
die ein Weib heißt! Ich weiß zwar nicht, was der Geist ohne die Welt
wäre, aber ich weiß, daß ich Brigitten nicht heirathete noch heirathen
könnte, wenn sie ein bloßer nackter Geist wäre, und das wäre doch
Jammerschade! Darum glaube ich mit allen Sinnen und Verstand, mit aller
Liebe und Genüge an die Welt, die schöne Welt -- das schöne Weib.“
Der Postillon, der mich zuletzt gefahren, hatte mir geklagt, daß er
einen gar lieben „Schatz“ habe, mit der er so gern zusammen wolle,
wie sie mit ihm. Aber sie hätten nichts und müßten wohl noch 12 Jahre
dienen. Diesen hatte ich nun vor eigener Freude, Liebe und Hoffnung
das Nöthige, die Heirath anzufangen und fortzusetzen, geschenkt. Sein
„Schatz“ war gekommen sich mit Thränen bei mir zu bedanken, da ich sie
doch gar nicht kenne und nichts Gutes oder Böses zu vermuthen sei.
Darauf schrieb ich wieder in mein Nächtebuch ein schweres Wort:
„Wie arm und elend wäre die Welt, wenn sie nur ~die~ Liebe hätte, die
sie Andern im Lande beweisen kann! Wie selten, nur bei Gelegenheiten
und Noth, die alle Tage mehr verschwindet, könnten die Menschen da
lieben? ~und endlich gar nicht mehr!~ Auch hilfe Andern die Liebe
nichts, ~nur die Hilfe~; höchstens wiederum nur den Helfenden selbst
wäre sie angenehm, und Gerechtigkeit und Verstand ersetzen die ~Liebe
nach außen~ völlig. Aber es ist sonnenklar: Alle sogenannte Liebe
ist nur der schwache Abglanz und Widerschein von der Liebe derer,
die allein wahrhaft, und, was alle Thoren auch einwenden möchten,
~heilig lieben~; und wahrhaft selig und beseligend lieben nur Mädchen
und Jünglinge sich, und als Gatten die Kinder; und die Kinder die
Eltern, so lange, bis sie um den Gatten Vater und Mutter verlassen.
Ueberflüssig und kein großes Wesen daraus zu machen, wenn nicht fast
zum Lachen anstoßend wär’ es zu sagen: Liebender, Du sollst Deine
Geliebte lieben! Mutter, du sollst Deine Kinder lieben. -- Was ich da
heute that, war auch nur ein Ableger, ein Nebenwunsch meiner alten
Naturliebe, welche die Vögel und vierfüßigen Thiere, ja alle Elemente
auf ihre Weise haben, selber Sonne und Mond, wie Löwe und Tiger. Ich
wollte Anderen nur zu dem Glück verhelfen, das mir vorschwebt, wie ich
zwei Fliegen nicht störe. Jeder liebt nur die Seinen und das ist für
ihr Glück genug. Andere, liebe ich nicht, ich ~kann~ sie nicht lieben,
und ~sie bedürfen das nicht~, und sind es nicht ~fähig anzunehmen~. Ich
kann mir nur aus mir einbilden, daß sie sich lieben, und sorgen, daß
ihr Glück gelingt oder nicht verkümmert wird. Amen, für immer.“
Mich erschreckte aber zuletzt meine Sicherheit: Brigitte werde das
„Ja“ sagen. Denn „was ich liebe, ist mein“, ist nur eine einseitige
leblose Einbildung. Geständlichermaßen lebt die Hoffnung auch nur so
lange, bis das Erhoffte wirklich wird, und soll doch das Beste von
allen Dingen sein! _Credat Judäus_, oder das glaubt einmal kein Jude.
Der Glaube ist auch nur ein Fürwahr- oder nur ein Fürmöglichhalten des
Gewünschten, der geträumte Wunsch, der immer anders geträumt wird, je
dümmer, klüger, schlechter oder ~besser~ Jemand ist. Weswegen man sagen
könnte: Gott glaubt erstaunend wenig, ja gar nichts. Aber die Liebe
will erfüllt sein. Sie muß wahr, voll und ganz werden, sie muß es in
den Armen halten, es muß sie wieder lieben, was sie liebt. Deswegen ist
die Liebe von den berufenen heiligen Dreiköniginnen die vernünftigste
und einzig zuverläßigste, allein unentbehrliche. Sie wird erst gültig
und lebendig durch den Beweis, und den schönen, den süßen! --
Meine Nachkur hatte aus Tokayer bestanden; ich war wieder ganz der
Alte, das heißt ganz der junge; nur wie mir die lieben, in solchen
Dingen gar verständigen Töchter Rizzi fünfstimmig sagten, viel
interessanter als blos glatte lackirte Jugendgesichter, durch mir sehr
wohl stehenden Ernst und Blässe. „Wem die Weiber schmeicheln, der
kann glauben, daß er unverschweiglich hübsch ist“ sprach ihr Vater
dazu -- und bot mir Courierpferde an, mir das Häschen zu fangen. Und
ich brannte nach dem lebendigen Beweis. Der Brief meines Vaters befiel
mich wie ein Fieber, ich hörte die Ehepredigt im Gewölbe der Kirche
hallen, ich wollte keinen Tag, keine Nacht des Lebens versäumen, davon
die alles berechnenden ~Amerikaner~ für den Ehestand 10,000 zählen, von
denen 7000 auf Tara abgehen.
„Wer, der heirathet, denket an Kinder? Die Liebenden wollen nur
sich; nur umeinander willen nehmen sie sich. Kinder fallen Keinem
dabei ein! Der himmlische Vater sendet dann Kinder nur als kleine
Engelseinquartierung; weswegen auch Leute ohne Kinder noch recht
glücklich und ohne himmlisch sehnsüchtiges Seufzen leben, so lange sie
jung sind -- und nichts zu vererben haben;“ sagte mein Pastor einmal.
Als ich aber mein Gut, mein Schloß, meinen Garten erblickte und Kinder
darin -- sah ich schon ~meine~ Kinder in ihnen und freute mich! Ich
stieg aus. Ich nahte; es waren Kinder aus dem Dorf, die meine Aepfel
plünderten. Die Jungen unter dem Baume liefen fort; aber ich half
dem Knaben droben ~vorsichtig~ vom Stamme herunter, damit er mir ja
nicht Schaden nähme! Dann gab ich ihm alle geschüttelten Aepfel für
die Andern mit, in seinem schwarzen Schulmantel. Denn, als ich fragte,
sagte er mir, sie begrüben den schönen, Zwerg heute, der in der Kirche
stehe in seinem Sarge; die Herren und Fräulein wären schon alle darin.
-- Ich ging in die Kirche, um unter den verwandelten Umständen an dem
feierlichem Vorgange mit Ehren ~schweigen~ zu können. Das ganze Haus
von Heiligenhahn war gegenwärtig; auch Arminien glaubte ich unter dem
Schleier an ihrer Gestalt zu erkennen. Ich biß auf die Lippen und
stöhnte. Dagegen trugen die feindlichen Schwestern, Miß Dolly und
Nolly, ihr häßlich entstelltes Gesicht, mit einem gewissen Stolz ohne
Schleier. Der Baronet trat mich an, zeigte mit dem Daumen leise zurück
auf sie und sprach: Sie tragen die Patent-Maske von Jenners Erfindung!
Dinge, die so furchtbar gemißbraucht und verquacksalbert werden können
wie diese verdammten Hölzchen und ***....., sollten gar nicht erlaubt
sein. Alle Ehrfurcht vor der wahren Kuh, mit deren Schwanze in der
Hand der fromme Inder selig stirbt! Aber ~allen Volkes~ abscheulichen
Krankheitsstoff seinen Kindern aufladen lassen, das gleicht.... Sie
werden mich verstehen, wenn ich Ihnen sage, ich bin indessen mit Weib
und Kindern Protestant geworden. Kein Anstoß an etwa vorgeworfener
fehlender Mission! Vernunft ist von Gott, und Handauflegen bringt
sie nicht hervor. Darum ersuche ich Sie, unserer lieben Aïscha ein
Ruheplätzchen in Ihrem Erbbegräbniß zu gestatten! Ich hörte auch von
ihr das Märchen: sie sei irgend eines Königs Kind. Sehen Sie das
Himmelskind nur an, und Sie werden nicht hart ~sein~! Sie ist eine
Fremde!
Ich drückte ihm die Hand. Sein Weib trat hinzu, und ich verhieß ihnen
„~keine Stelle im Winkel~“ beim Kehrig, als sei die Todte die Schande
der Gruft. Denn Göthe sagt, sprach ich, oder Schiller:
„Thörig, auf Bessrung der Thoren zu harren!“ Und die alten Grenadiere
sagten zu sich bei Lodi: „Laßt uns das Männchen berühmt machen.“
Und wie alberner Stolz verspottet wird, wissen wir. Ich sah mir darauf
die kleine ~Aïscha~ an, die wie ein himmlischer Schmetterling in ihren
reichsten bunten Gewanden, die kleinen Händchen auf der Brust wie zum
Gruß vor Gott gefaltet, schön wie ein Engel dalag. -- Das Traurigste
war mir, sprach die Baronin, das liebe Kind hat nicht nach Vater und
Mutter verlangt! So abgewöhnt war sie von ihnen; so bescheiden und
gut wollte sie ~uns~ nicht einmal im Tode kränken! -- Dabei brach sie
selbst in Thränen aus. Und doch mußte ich lächeln; denn der Baron
hatte ihr, nur am kostbaren Mündchenstück sichtbar, ihre Tabackspfeife
zur Seite mit in den Sarg versteckt. Mir gegenüber am Sarge, stand
Brigitte mit ~niedergeschlagenen Augen~, und doch übergoß sie Purpur,
als ich sie ansah; dann wich sie mit gehobener Brust zurück, hinter
die Andern. Denn mein Pastor erschien, und hielt die Standrede über:
~Das Unglück in der Fremde zu sterben.~ Er ließ uns nicht nur das liebe
Kind beweinen, sondern er wünschte auch uns in der Heimath begraben
zu werden; nicht länger, nicht lange mehr selbst in der vermeinten
Heimath. Dennoch nur in der Fremde. Er erklärte uns aber, was Fremde
sei, und Heimath: das Land des freien Geistes, so daß wir alle ihn
wohl verstanden, als er uns mit Imbrunst wünschte: So lebt denn in
unverfälschtem Herzen, in unverfälschtem Hause der Welt!
An den Schwestern Sangallo, die doch Trauer um Landgraf hatten, war
nichts durch Kleidung Bezeichnendes zu sehen. Wer traurig ist, gedenkt
nicht der Farben; wer keine Trauer fühlt, ist ein schwarzer Heuchler
mit oder ohne Stockdegen, sagte mein Schullehrer, der mit ihnen vom
Chor eine rührende Motette aufgeführt hatte. ~Als alles aus war~, saß
Herr von Sangallo noch an der Orgel und phantasirte höchst traurig über
die Melodie: „Freut euch des Lebens“ mit Posaunenbaß und Tremulanten!
Der Schullehrer stieß mich an; mir fiel bei, daß mit dem Liede ein
stiller Irrsinn anfange. Ich unterbrach ihn; er sah mich freundlich an
und drückte mir die Hand, als einem armen verlornen Freunde.
Ich ging von ihm auf den Thurm bis zur Durchsicht unter den Glocken.
Ich sah nach Westfrei, ganz geblendet von der Pracht am Himmel; denn
die Sonne ging unter und alles war golden. Ich wende mich um -- da
steht Brigitte! nicht etwa wie ein Engel, sondern geradezu als Engel;
wenn Menschen, wenn Jungfrauen Erscheinungen auf Erden sind, und wenn
hoffentlich nicht aus der Hölle, also gewiß vom Himmel. ~Federn~
machen die Engel nicht aus, sondern Schönheit, Liebe, dienstbares
Wesen; denn sonst wären die Störche auch Engel, die jetzt mit Geklapper
aus ihrem Nest über uns aufflogen, mir zum günstigen Zeichen, als die
Schulkinder jetzt mit der schönen hellen Glocke meiner rechtschaffenen
Mutter der Sonne zu Grabe läuteten. Ich ergriff Brigittens beide
Hände; sie wollte sie zum Gebet falten; ich ließ sie nicht los; und so
beteten und so schwebten unsere vier Hände vor ihrer Brust, während
unsere Lippen schwiegen. Als die Glocke verstummte, hielt ich es für
keinen Raub, sie zu küssen, da sie mit geschlossenen Augen vor mir
stand, und gewiß an ihre gestorbene Mutter dachte, zu der sie einen
Augenblick hinunter in die Myrrhenduftige Gruft geschlichen war, aber
blaß wie ein Schnee daraus heraufgekommen. Denn sie klagte mir jetzt:
Man sieht die Todten nicht mehr! Darum hat mir es am tiefsten das
Herz durchschnitten, als drunten die kleine Irländerin, jetzt durch
die Blattern blind, vom Vater verlangte, daß er ihr ihre Gespielin
doch noch einmal im Sarge sehen lassen sollte, wenn auch dann nichts
Anderes mehr auf der Welt. Denn die gute kleine Tochter schreibt alles
aus grenzenlosem Gehorsam, ~dem Wunsch und Willen ihres Vaters zu~,
der ihr jetzt auch verboten habe zu sehen! O wie sie ihn bat, Lichter
anzünden zu lassen! und auf die Antwort: „da langen hundert Lichter
nicht“, rief: Vater, so zünde tausend an! Darauf trug er sie sich fort.
Und Herr von Sangallo flüsterte mir dabei ins Ohr: „Freut euch des
Lebens! Freut euch der Töchter! Besonders derer, die dem Vater das Herz
zerreißen“ -- da meint er Arminien, o Gott!
* * * * *
Sie brach ab. Ist sie denn gar so entstellt? fragt’ ich. Sie schwieg.
Und ich fuhr fort: Ich habe schon eine andere Braut; heute Abend kommt
sie zu uns zu Tische; da ist Verlobung, und längstens in acht Tagen
Hochzeit; denn der Dichter sagt, was alle Menschen fühlen und wünschen:
Unaussprechliches Entzücken
Faßt Dich ganz und augenblicklich --
Ach, ihr Lächeln, ach, ihr Blicken,
Ja, Du bist, Du bist schon glücklich!
Das ist mehr als nur Verheißen!
Doch wo ist sie hingeschwunden?
O das kindische Entreißen!
Bin ich denn ein Kind, o Glück?
O wie kühl es wird, wie helle,
Bis sich alles dann gefunden!
Glücklich werden auf der Stelle,
Das, nur das ist Götterglück!
Und Sie schweigen! Brigitte! Sie wollen nicht einmal wissen, wie meine
fromme, edle, himmlische Braut heißt? O weh! Ich hätte Ihnen mehr -- --
ich weiß nicht was -- für mich zugetraut! Doch wenn Sie eine zu gute
Freundin sind, so will ich Ihnen den Namen meiner Braut ins Ohr sagen.
--
Ihre Seele wollte ihn nicht hören, darum neigte sie das Köpfchen nicht;
aber aus -- o aus Liebe! wandte sie das Gesicht -- weg, und also das
Ohr mir zu -- und ich flüsterte ihr den Namen „~Brigitte!~“ in die
Seele, durch Mark und Bein. Aber sie fiel mir nicht ans Herz. Sie, sie
sprach nicht einmal Ja! sondern sie legte Arme und Kopf auf das Gesims.
Ich rührte sie nicht an. Ich blieb lange so stumm und glücklich.
~Eigentlich sollte man ewig so stehen bleiben können! Wer glücklich
geworden, sollte versteinern, oder ganz aus der Welt verschwinden!~
Dann wäre die Welt etwas werth und selbst etwas. Ja: ~Etwas!~ etwas
Heiliges und Seliges. Aber nur Etwas. Sie ist mehr, und wir sind mehr,
nämlich Alles. -- Und nach langer Zeit erst sprach ich: Brigitte! Meine
Brigitte, ich gehe. -- Folge mir nach, hinab auf die Erde, ins Leben.
Und sie reichte mir ihre linke Hand unter dem Haupt hervor; sie
erhob es und sah mich an! Wer? Was, konnte so ansehen, wie die
Liebend-Geliebte!...
Was sind alle Gestirne,
Gegen der Liebenden Augen!
Was ist Strahlen und Leuchten der Sonne,
Gegen das Weihen und Segnen der Liebe!
Drunten kam mir meine rechtschaffene Mutter mit einem Manne entgegen,
der nun mein Schwiegervater hieß, der mir mein Weib erliebt und
erzogen. Sie hatte mit ihm väterliche Richtigkeit gemacht, wie sie mir
winkte. Ich nahm seine Hand; er schloß mich in seine Arme und drückte
mich an den neuen grünen Rock über dem alten Menschenherzen und nannte
mich einen Sohn. Mit solcher Freude büßen einst ~nur so platt genannte
„Verliebte“~ ihre Liebe, mit den schönen lebendigen Folgen!
Ist Jemand besser wie Eltern, das ist mir unbekannt;
Der einzige Stand auf Erden, das ist der Ehestand!
hätte jetzt mir der Aufsinger der nobelheidnischen Niebelungen gesagt.
„Das arme Häschen“ war aus, und ich hatte ihr nun das Märchen der Liebe
zu erzählen; und sie hörte mir zu wie ein Kind. Die Welt hat nicht
viel, selber ihre Seele hat nicht viel; und doch ist sie kein armer
Teufel; denn das Wenige ist ~unermeßlich~, sie hat es ~immer wieder~;
und mit den paar Gerichten hält sie über alle Sommer und Winter der
Sterne aus! Die Mutter hatte heimlich in Brigittens Zimmer allen
prächtigen Brautstaat ihr ausgelegt, und Seide, Geld, Perlen, Juwelen,
und Spitzen schimmerten und funkelten sie an, als sie mit den Leuchtern
schon froh wie eine Himmelsflamme hineingetreten, um in ihrem ärmlichen
Bettchen zu schlafen. Sie kam noch einmal herüber zu uns, und wir
mußten kommen ihr bewundern helfen -- und ich sie zu bewundern.
Es half nichts. Wir fuhren am andern Vormittag nach Westfrei, und ich
stellte dem Hause Heiligenhahn meine Braut vor. Sie erschien allen
eine andere Person und ging von Brust an Brust der Freundinnen. Dann
ging sie hinauf zu Arminien und kam mit verweinten Augen zurück. Der
um allen Schändlichkeiten gegen das Vaterland gründlich zu entgehen,
Protestant gewordene Irländer war die Nacht abgereist, aber nur mit
Weib und ~fünf~ Töchtern. Denn ich sehe noch Dolly und Nolly im Hause,
die beide eins, nicht mehr zu bewegen gewesen waren, einen Schritt
in die Welt thun und sich vor aller Welt immer neu zu schämen! Der
Vater hatte wenigstens die Genugthuung erlebt, daß die feindlichen
Schwestern durch gleiches Unglück bewogen, sich versöhnt und sich
ewige Freundschaft zugeschworen. Er hatte ihnen gerathen, sich zu
verheirathen; und sein von mir beeifersüchtigter langer Pädagog
hatte glücklich sein Ziel erreicht: sich eine reiche Tochter des
Hauses anzuabälardisiren; ein Fall der Vorgang und Nachgang gefunden,
und Vater auf Sohn erblich zu werden verspricht. Ein sehr schöner
Lieutenant, dem ein nur von Gesicht häßliches, aber sehr reiches und
gutes Weib, von einflußreicher Familie auch lieber geschienen, als
der Methusalemorden, war gleichfalls gegenwärtig, und mir wurden, als
doppeltes Paroli, zwei irländische Bräute präsentiert! Zum Abschied
gab uns der Hausvater unter Thränen die Lehre mit: „Und weichet ~keine
Meile~ weit von Gottes Wegen ab!“ Brigitte erröthete und schien den
Grund dieser Lehre zu verstehen. Ich erkannte nur die Folge der
geheimen Ursache: den stillen frommen Wahnsinn! Dagegen sagte sie ihm
leiser, doch hörte ich’s wohl: „Mögen Ihre frommen Segenswünsche mich
begleiten! Ich werde sie brauchen, um meinen, o Gott, Mann, so zu
beglücken, wie er es verdient und mein heißestes Bestreben ist. Wenn Er
nur glücklich wird, immer zufrieden ist, dann will ich es auch sein!
Aber ist Er es nicht, verhindere ich sein Glück, und bin ich es nicht,
so ist mein inniger Wunsch zu sterben.“ --
Zu unserer Hochzeit kam niemand von Westfrei. Dagegen hatte ich die
im Leben und nun auch im Heirathen zu längerer Geduld verwiesenen
Herren Offiziere, Referendäre und Candidaten als vormals verhoffte
Herren Schwäger gebeten, und sie hatten es angenommen: „um sich einmal
recht herzlich zu ärgern.“ Ein leider gewöhnlicher Grund zu den neuen
befohlenen und freiwilligen Festen. Auch die vier schönen Söhne des
Herrn von Stifter saßen kostbar zu Tisch; Herr und Frau hatten sich
entschuldigt. Meine Braut hatte zu weiblicher Unterstützung die fünf
verlobten Töchter meines redlichen Freundes, des Postdirectors, der
mich in eifrigen Stellen der Rede heute Du nannte und mir heimlich
erzählte: Die vier Söhne sollten ihren Vater gefordert haben, was
ihn sehr alterirt hätte. -- Aber auch der arme Vagabund Nox, überall
verlacht, hatte sich eingestellt; und ein Gespenst, ein Revenant, der
vor 10 Jahren eine Unmöglichkeit gewesen und an gewissem Orte ein
Unterkommen gefunden, saß, leibhaftig, doch aus Commiseration mit am
Tische. Daß seine Kunst betteln gegangen, hatte den Irrsinn in ihm
in den Wahnsinn veredelt: er seit der Engel Tobiä selbst; wodurch
seine Seele sich retablirt und sicher constituirt. Darum legte er nie
eine Art Mantelkragen ab, daß niemand seine Flügel sehen sollte! Er
erzählte uns unter andern, daß er neulich in Mannheim, der Stadt der am
schönsten, gewachsenen Mädchen in allen Deutschländern, vom Chor der
Kirche auf sie herabgeschaut, und ganz wunderliche Heirathsgedanken,
und mehr wie Gedanken, empfunden habe und setzte naiv hinzu; „Das
war wohl sehr Unrecht von einem lieben Engel!“ -- Verzagter wie er,
konnte niemand sein. Er dachte nicht mehr an’s Weihen und Räuchern und
schauderte allemal, wenn ihn meine rechtschaffene Mutter, der Pastor
oder der Schulmeister nur ansahen. Daß aber ein Verwirrter auch ein
redlicher Mann sein könne, und ein redlicher Mann ein Verwirrter, der
Verwirrungen und Unheil stiftet als ein Redlichverwirrter, das wird
uns klar, wie der Grund auch jenes Schauders vor meinen amerikanischen
Augen, mit welchen ich ihn und die hiesige neue Welt ansah. Wie sich
kaum Jemand anders als ein Cretin jetzt schon ohne irgend einen Stachel
im Herzen zu Tische setzt, so ward uns noch dazu die Hochzeitstafel
verbittert -- durch Lachen. Mein Pastor erhielt mündlich über Tische
die schriftliche Aufforderung zur Vertheidigung: Aus ehrwürdigem Munde
eines Augenzeugen, sei die „auf Reinheit“ bedachte Anzeige eingegangen:
daß eine Ungläubige an gläubigem Orte beigesetzt worden, ja sogar mit
einem profanen Werkzeuge an der Seite. Es erfordere das Attest, daß
jener Fremde mit seinen Kindern und dem todten Kinde, von ihm bekehrt
sei.
Ein Verstummen erfolgte, das tausend Reden werth war. Einige riethen
dann, es müsse ein Säbel gemeint sein, oder der Dolch. Der Pastor
meinte: Der Baronet hat ~meine~ Zeugnisse. Sollen wir uns auch
noch Atteste von Bekehrten geben lassen? -- Das kleine Mädchen war
unbekehrbar fest, und wer kann Sterbende peinigen! Leben wir wirklich
in König Kreons Tagen?
Darauf wurden Gesundheiten in Strömen getrunken; die edelsten
Trinksprüche ausgebracht, selbst dem Revenant, der sich als Angeber
angab; und die Amphibie, die ein Engel und ein redlicher Schuft war,
trank seelenfroh mit. Zuletzt tranken alle uns, dem Brautpaare, zu:
~Auf glücklichere Kinder, in einer vernünftigen, krieglosen Zeit!~
Nach aufgehobener Hochzeittafel blieb ich mit meiner lieben Jungefrau
allein auf dem Altan des Saales. Unter uns im Garten strausirten und
sangen die Gäste. Und nur einzelne Worte von Diesem und Jenem drangen
zu uns verständlich herauf. Jetzt vernahmen wir: „~Sorgen wir Alle, die
wahre Liebe wieder aufzuwecken, damit wieder selige Paare werden!~
Dazu verlangt es ein ganz neues Vaterland im alten, das vielleicht die
Industrie mit der Vernunft möglich machen wird.“
Wie glücklich waren ~wir~ schon vor Tausenden! Wir hatten uns!
„Elend sehen, ist auch ein Elend, und vielleicht das größte, des
Großerherrenelend, oder der guten Seelen.“ Hörten wir dann wieder.
Verloren ist der, wer Ketten braucht: da giebt es die Adelskette. Aber
der unermeßlich reiche, weil unzählige, gelernte und gelehrte und
reiche Bürgerstand braucht ~keine~ Kette. Die reichen Bürger-Väter
denken so patriotisch, ihre reichen gebildeten Töchter nicht mehr, nach
dem classisch gewordenen Ausdruck: als Dung fortfahren und dann doch
verachtet, tausend Thränen über allerhand Zurücksetzungen vergießen
zu lassen. Der Bürgerstand braucht sein Geld; der Bürgerstand kann
das Meiste, selbst große Dinge ins Werk setzen durch Vereinigung.
Der Bürgerstand nur erhält die Literatur und die Literaten, die
Wissenschaften Kunst und Künstler. Das sehen nun alle ein; wenn
die Anderen, ihrem Stande gemäß zu leben, erschöpft, erstarken sie
durch Fleiß, Arbeit, Kenntniß und Mäßigung. Und der Bürgerstand
ist der durch alle ausgezeichneten Köpfe, in allem Volk immer sich
verjüngende, bei Ehren haltende Stand. Frei und geachtet wie einer,
dürfen alle aus dem zahllosen Bauernstande ihm sich anschließen. Darum
muß die allergrößte Zahl des Volkes, der Bauerstand wohlerzogen,
wohlunterrichtet werden. Bibel und Fibel langen nicht aus zum ~Leben~.
Die Diatheke ist erhaben über Wissenschaft, Kunst und Gewerbe, ~ohne
welche doch das Land verkümmerte~! Kein Weisheitsspruch lehrt nur
einen Topf drehen; durch Beten fliegen die Steine nicht zu einem Hause
zusammen. Zum Leben gehört alle Wissenschaft und Kunst. Deswegen
wird ohnfehlbar Jeder verworfen, der gerade das Volk nichts lernen
zu lassen, so wahrhaft-gottlos, so redlich verwirrt wäre. Aber einen
solchen Menschen kann es nicht länger geben, als bis er die Hörner
herausstreckt, und Ein Schrei der Entrüstung im ganze Lande ihn
verschwinden heißt.
Die getäuschten Bräutigamme bedauerten dann ~sich selbst darum~, daß
Ein Unsinniger jetzt einem edlen Adligen unmöglich mache: seine Schaar
Töchter sogar an brave Bürgerliche zu verheirathen; wodurch sie durch
schöne gute reiche Weiber von der Galeere der Geduld, ja der Noth
erlöst worden wären. Und nicht lange, so sangen sie im Chor ein Lied,
dessen ersten Vers wir deutlich vernahmen:
~Vier Stimmen~:
Heut stift ich Euch den allerheil’gen Orden:
Zum trocknen Brot!
Wir sind nur stark, wir sind nur frei geworden
Durch unsere Noth.
Wer trocknes Brot mit Freuden essen kann,
Der ist allein der edle freie Mann.
Chor:
Erhebt das Brot! das Seelenbundeszeichen:
Von Wahrheit, Freiheit nimmermehr zu weichen!
Dann verstanden wir, der rauschenden Blätter oder der veränderten
Stellung wegen, nur wieder den Chor: „Verkauft Euch nicht! die Zunge
um die Zunge; Das Herz für Kreuz, für Trümmer alles Junge!“ Dann erst
wieder die Worte: „Ihr braucht nicht Sie,.... Sie brauchen Euch.“
Darauf erst wieder den vorletzten Vers:
Schmach jedem Weib, das Euch um Tand geböte
Ein Sclave sein!
Die Sclavin flieht, die Schändliche erröthe
Bei Gold und Wein.
~Das edle Weib ist edler als der Mann~,
Es kann mit Lust, was Er mit Schmerzen kann.
Chor:
Huzza dem Weib! das selbst voll höchster Ehre
Den Mann noch stählt! den Weibern baut Altäre!
Der letzte Vers verscholl im Winde. Im Chor stockte allen auf einmal
die Stimme. Sie beugten sich vor; sie starrten einer Entscheidung
entgegen; sie wichen zurück; sie erhoben die Hände, dann stürzten sie
plötzlich alle auf Einen hinzu, der vor ihnen, mit dem Hut in der Hand,
stehen geblieben war; sie umarmten ihn, sie erdrückten ihn fast und
riefen mit Jubel: „~Rheingraf!~ Gott! Rheingraf! Rheingraf, Du bist es
leibhaftig!“
Wir eilten vom Altan in den Garten hinunter. Er war es: Wir erfuhren
mit kurzen, alles aufklärenden Worten: Er war auf dem Schiff krank
geworden. Der Arzt hatte gerathen, ihn auf Helgoland auszusetzen. Das
Schiff war darauf mit Mann und Maus selbst untergegangen. Er hatte
lange Monde ohne eine Besinnung gelegen. Dann hatte er unrichtige
Adressen gemacht. Bis er hergestellt, sich besonnen heimzureisen.
Als er unterwegs gehört: er sei gestorben, war er zuvor hier bei mir
eingekehrt, um seine Afanasia, Schwestern und Vater vorzubereiten. Mein
Pastor schiffte sogleich ab; bald ein Kahn ~voll neubeselter Freier~
hinter ihm drein. Auch ich und Brigitte. Und im Niebelungenliede würde
von uns gestanden haben:
Hei da war irdische Freude, wie im Himmel nicht sein kann,
Bei so viel edlen Schwestern, bei Weibe und bei Mann!
Indessen fuhr ich denn doch auch von dieser Freude, wie nicht im Himmel
sein kann, zu meiner Hochzeitnacht nach Hause. Eben weil solche Freude
nicht im Himmel ist, kein solches Weib, ja einmal keine Nacht!
Wir lebten ruhig und glücklich. Der Bruder meines Pastors war gestorben
hatte ihm ein ansehenswerthes Vermögen hinterlassen. So erwartete er
ruhig seine Absetzung, auf welchen Fall ihm die freien Dörfer schon
den halben Dezimen fortzuschütten sich verbindlich gemacht. ~Die
Gemeinen haben Vernunft und bekommen Halt durch Einigkeit.~ Auch
der Schullehrer war von ihnen versichert. Dies und hundert Anderes
wirkten auf den edlen Generalvater, dessen Vater schon ein Muster der
Gutsbesitzer und Patrone im Lande geworden, mit ungemerkter Gewalt.
Denn es vermag Niemand zu sagen, wie sehr „das Wetter der Zeit“ ihn
durch unbeweisbare Einwirkung stimmt, und sein Leben bestimmt. Das
Wetter macht die Erndten: Der Einfluß der Umgebungen macht die Dorf-
und Weltgeschichte. Denn in der Nähe war folgendes geschehen: Die Frau
Heidemann, die ihre Tochter dem armen jungen Menschen nicht gegeben und
sie darüber verloren, hatte ihrem Sohne nun Hochzeit gemacht, war aber
von Reue ergriffen, vom Hochzeittisch weg auf den Boden geschlichen
und hatte sich, als Opfer ihrer ersäuften Tochter, gehangen. -- Ein
alter General, der eine Geschichte der Sachsen im siebenjährigen Kriege
geschrieben, worin er sonderbar klagt: „~Das~ war der erste Nagel
zu unserem Sarge! ~Das~ war der zweite Nagel! ~Das~ war der dritte
Nagel!“ hatte endlich die Letzte von seinen vielen Töchtern glücklich
verheirathet -- und sich den Morgen darauf erschossen auf seinem Gute
Tsch....dorf. -- Ein Herr aus Braunschweig war zu uns nach Südfrei
gekommen, mit der erschütterten Neuigkeit, daß ein kolossaler oder
pyramidaler Freund, ein edler deutscher Mann, der Herr von Münchhausen,
mit seinen zwölf kolossalen oder pyramidalen Söhnen an der Grenze
von Texas, wo er einen neuen deutschen Stamm gründen wollen, von
den Wilden sei gehangen worden. -- Die arme Frau von Stifter, eine
Oberforstmeisterstochter, hatte mit ihrem Mann -- Pistolen geschossen,
und ihm -- „zufällig“ dabei eine Kugel durch die Brust, die ihn nicht
gleich getödtet, an deren Folgen, nach Salomons Urtheil, er aber
nach und nach versiechen mußte. -- Mit dem am Irländer verdienten
großen Ehrensold war Salomon selber fort, ~Doctor und unabsetzbarer
Hausprediger~ zu werden. -- Arminien wollte eine Bekannte in Nürnberg
gesehen haben.
Unter allem diesem „Wetter“ ließ nun der Generalvater sein Gut Westfrei
in 20 „Höfe,“ jeden mit 500 Morgen schöner fruchtbarer Feldmark
theilen; nur ~das Schloß~ besaß 1000 Morgen. Die Höfe alle bekamen
Namen von allen seinen Töchtern und wurden ausgebaut und eingerichtet.
Dabei war auch der mir jetzt verständliche Arminienhof, sichtbar
der schönste und beste. ~Das Schloß~ bekam den Namen ~Prytaneum~.
Ueber alle diese, mit seinem ernsten ja finsterem Geist ausgeführten
Anstalten verging auch der Herbst, der wie zum Dank und zum Segen des
schweigendliebenden Vaters wundervoll schön und heiter war.
Endlich, um Lichtmesse, ward ~eine Generalhochzeit~ gleichsam
ausgeschrieben. Die Töchter strahlten von seliger Arbeit. Jede
verstand allein einem Hauswesen in allen seinen Zweigen vollkommen
vorzustehn; denn alle hatten ~nach und nach jedes einzelne Geschäft~
lernen müssen; im Garten, in der Küche, im Bewahrhause und jede wußte
alles Erforderliche hervorzubringen, aufzubewahren, und zuzurichten,
von Brot bis Berlinertorte, von Radischen bis Ananas, von Flachs bis
zum altasglänzendweißen Tischtuch. Jetzt arbeiteten sich alle mit
Lust in die Hände, dabei herzten und küßten sie sich untereinander
einen Augenblick, wenn sie sich begegneten. Endlich waren die
Bräute, kurzzeitige Bräute, und ihre Bräutigamme, alles auserlesene
junge Männer: Fünf Candidaten, drei Offiziere, drei Referendäre,
die vier Söhne von Stifter und Student Salomon. Zugleich lagen die
lieblichbunten Verlobungsbriefe von Nolly und Dolly, zusammen Achtzehn
vor uns. Nur die jüngste Tochter war unversorgt, die liebste, Armgard.
Zum Hochzeittage, auch kein Wunder, nur eine natürlich erfolgte
Cumulation, Anhäufung oder Vereinigung, fanden wir uns aus Ostfrei
in Schloß Westfrei „dem Männerstift“ ein, mit einem Beikahn voll
Hochzeitgeschenke, die meine rechtschaffene Mutter für mich, mein Weib
und sich selbst höchstreichlich geschafft und passend erdacht. Die
Gäste, außer dem heut stöhnenden Herrn von Rizzi, der im Kahne mit
blasenden Postillonen gekommen war, schienen wirklich alle sich ~zum
Troste~, wie dem Generalhochzeitvater als mildernde Folie gebeten!
Denn da war der Maurermeister G... aus der nahen Stadt P... mit neun
lebenden Söhnen und einer Tochter. -- Der alte Hof- Haus- oder Stall-
-- eigentlich: ~Pferde~-Sattler G.... aus M..... mit siebzehn Kindern
von seiner ersten Frau, und zweien von seiner zweiten, und vieren von
seiner dritten. -- Dann der Herr von D.....z ~auf~ D.l..g mit neunzehn,
also lebendigen Kindern von seiner einzigen noch liebenswürdigen
Frau, die wirklich jungfräulich immer wieder über so viele -- Kinder
erröthete! Ihr Mann, der Landes....., aber stellte seinen jüngsten
Sohn ~Rudolph~, einen Coloß, mit besonderem Vergnügen vor, mit der
Geschichte, daß derselbe ein elendes Kind gewesen; aber zur Stärkung
stets in dem frischausgeteigtem Backfaß so freudenreich erzogen worden
sei! Kurz der Generalvater erschien als ein ganz gewöhnlicher Mann,
deren Wenige nur „~so viel Glück~“ hatten. Die vorläufige köstliche
Bewirthung erheiterte Alle.
Ehe wir in die Trauung über den See fuhren, trat Herr von Sangallo
mitten in den Saal. Er war von draußen, wahrscheinlich vom Ruheort
seiner ~Agathe~ sehr ernst hereingekommen, und erbat sich die
Erlaubniß, gleichsam vom Hausaltare, nur ein Wort zu sagen, was er auf
solche Sorgen der Liebe vielleicht sich verdient habe. Dabei blieb
seine jüngste Tochter in weißem Kleide, einen Schneeglöckchenkranz in
den Haaren, ihm wie zur Stütze stehen. Er hielt sich lange die Hand vor
die Augen und murmelte einige unverständliche Worte, dann erschien er
heiter und sprach:
„~Wir alle, keinen Menschen ausgenommen~, leben: um uns überflüssig
zu machen. Auch ich bin ein ~abgethaner~ Vater, das sind ~abgethane~
Kinder; ich fühle es am besten, nun wirklich ~verlorene~ Kinder für
mich; ~gefundene~ ihren Männern, und von der Natur, dieser einzigen,
wahren und worthaltenden Prophetin überall, ihren Kindern prophezeihte
Mütter. Ich spreche also meine Kinder als Kinder los; Ihr seid frei!“
Dabei ging er umher, legte jeder die Hand auf das willig gesenkte
Haupt, dann küßte er sie; Arminien umarmte er. Dann trat er ruhig
an seinen Platz und sprach weiter: „Meine Liebe geht jetzt in ihren
Himmel, unthätig und ohne Furcht zurück, wie da draußen die Sonne die
mich bescheint, und Euch alle -- wenn ihr glücklich seid -- dereinst so
bescheint, wenn Ihr Euere Töchter und Söhne freisprecht -- das heißt:
verheirathet.“
Denn wie schlecht haben die gesehen, welche noch eine Erlösung der
Frauen aus Sclaverei, ihre Freilassung verlangen; denn das bedeutet
doch Emancipation. Die Weiber sind auch bei den ehrlichen Türken
freier, als die Männer überall. Die Männer stecken in der Sclaverei
des Lebens, wenn das eine ist. Alle Gefahren, alle Blutarbeit des
Krieges, alle schwere Arbeit, von Hammerschmied und Glasmacher an, bis
zu Nachtwächter ~aller Art~, alle Aemter, welche sie im Grunde um das
bürgerliche, häusliche, menschliche Leben bringen -- für Geld, Ehre
und Brot bringen, müssen die Männer allein übernehmen. Oder ist das
keine Sklaverei, wie frei ist da erst die Frau, da sie im vollständigen
unbeschränkten Besitz des ihr von der Natur angewiesenen Lebens, ihres
Wirkungskreises, schon immer war, noch ist, und immer sein wird. Das
Wenige, was daran fehlt, möchte ihr kaum gut thun, und das halten ihr
nur ~persönliche~ Umstände vor:
„Böser Mann, Armuth, Krankheit, Unglück, Kinderlosigkeit; zumeist
~die~ Weiber selbst, ~welche~ die eingefleischte Rangordnung, Ehrsucht
und Eitelkeit sind. Die Weiber sollen sich nicht entwürdigen, so
kann und wird sie Niemand erniedrigen. Ohne neue papierene Freiheit
kann die Frau in jedem Hause Frau sein, ihre Seele entwickeln, ihr
Herz ausschütten, ihren Gefühlen leben, ihre Liebe bethätigen,
aussprechen, auslehren, auswiegen, aussingen, ja auswaschen -- denn
selber in einem zum Sonntag neuwaschenem Kinderhäubchen steckt die
ganze Mutterliebe! Ihre Lebensaufgabe, ihr Beruf, ihr süßes, schönes,
herzliches, geschichtloses Leben, das zum Beweis ihres höchsten Ranges
wie alles Göttliche und Ewige selbst „geschicht~los~“ ist, sind ihr
unverkümmerbar, unraubbar. Höchstens tritt wieder das Weib nur dem
Weibe entgegen -- als Kebsweib, Abspenstigmacherin, junge schöne
Sclavin! Und da theilen die Männer die Schuld durch Sitten, Gebräuche,
ja Religion. Man soll mir nicht mit der Frauenerlösung kommen! Denn
da befällt mich Trauer, Zorn und Wuth über die Sclaverei, in welcher
die Männer noch stecken. Und gerade die Weiber sollen mit Hand und
Mund -- dem gewaltigen -- mit Liebe und Haß, mit Freimuth und Hochsinn
daheim und auswärts aus aller Herzenkraft und Weibermacht nach ihrem
vollständigen Wohlsein und Glück ~dazu, dazu~ beitragen: daß der
~Mann~ frei wird! daß er ~Mensch~ wird. Mit der Hochzeit ist jede
Jungfrau emancipiert. Darum ~heirathet~ ihr Mädchen! Dazu macht Ihr
den Jünglingen ~die Ehe möglich~, den Männern ~leicht~, durch einfache
Ansprüche, gediegenes Leben; und ~dazu~ kennt die ~besten~ Güter; und
dann seid ~damit~ zufrieden! Die künftigen Männer macht ihr frei, durch
das Kleine und Liebe: ~Eure Kleinen voll Ehre und Kraft zu erziehen!~
Voll Verlangen nach jeder guten Göttergabe! Was ihr Mütter die Kinder
lehrt, das wehren Euch Legionen Teufel nicht; das tilgen Legionen
Tyrannen nicht aus. ~Die Kinderstube ist das Heiligthum Gottes.~ Dahin
reicht keine freche Hand. Und was ~Einem~ das Leben kostete, das lachen
nur ~Viele~ hinweg. Darum seid froh! Empfangt meinen Dank für alles,
was ich Euch zu thun vermocht! für alles Glück, das Ihr mir gewesen
seid -- und vergeßt Euren Vater nicht! Nun zieht gesegnet in Frieden!“
Darauf entließ er uns, blieb einsam im Saale stehen; dann sah er uns
nach, wie wir uns einschifften in die mit blühenden Fichtenzweigen
bekränzten Nachen, und rasch hinglitten über den See.
So bleiben die Eltern stehen und haben das Nachsehen; wie ihre Eltern
stehen geblieben und ihnen nachgesehen. Aber der Blick in die Fernen
der Welt ist schön und süß, und groß und weit, und wonnebedrängend vor
Zuversicht: Was die Entwandelten, immer verjüngt, in den heiteren
heiligen Räumen alles genießen sollen! Denn ~sie~ wissen es: was! Dann
gehen die Eltern fort; betäubt, als wenn sie bei einer unlöschbaren
weltgroßen Feuersbrunst, bis zum Umsinken ermüdet, Wassereimer mit
zugelangt hätten, in einer langen, dunkeln, tosenden Menschenreihe.
Daher konnte ich mir denken, wie zauberisch süß der treue Vater
in die liebliche Welt der Wunder versetzt war, als zu Ende des
Hochzeitschmauses die Spielsachen und Verlassenschaften aus der
Kindheit der Kinder, gleichsam als göttliches Dessert, am Tische in
Fülle auf silbernen Schüsseln herumgereicht und von jedem bewundert
wurden! Selber ~der~ menschliche Gottvater, der im Märchenbuche den
Armen und den Reichen besucht, hätte sich herzlich gefreut, ja selber
den heiligen Storch heilig gefunden, der im Schnabel die sieben
Kindlein trug! Hier aber erschienen achtzehn Störche! und vor jeder
Braut blieb Einer stehen und sah ~Ihn~ an; und ~sie~ an! aber Keine
sah ihn wieder an; denn er war ihr der Geist der Natur und der wahren
Liebe, der die Frucht der Welt trug. O heiliges Erröthen!
Wir verbitterten dem Vater die Freude nicht. Denn ob er gleich fragte,
wo denn unser lieber redlicher Pastor bleibe? warum er nicht komme? so
verschwiegen wir ihm doch, daß er kurz vor der Trauung und schon in
seinen Ornate, abgeholt worden war, und daß der ambulante Engel die
allgemeine Trauung nach seinem Ausdruck: „so gut wie Einer oder Keiner“
vollzogen hatte. Dafür saß er seligstumm am Tische.
Zu Nacht hatte sich der Vater still zur Ruhe begeben; und ich
muß es sagen, es hatte etwas geistermäßiges, ja es war geradezu
wahrhaft-geistermäßig und gerecht, als die Töchter alle leise auf
den gewölbten Corridor vor seine Thür schlichen, sich reiheten, und
seelenbewegend ihm zum Dank mit ihren reinen, schönen, jungfräulichen
Stimmen den tiefsinnigen Gesang anstimmten, der da ergreifender klang,
wie ein bloßes Benedictus, „_qui venit in nomine_,“ der blos im Namen
kam. Denn sie sangen:
Gesegnet sei der kam,
Und Uns der Vater war!
Der auf den Schooß uns nahm,
Und schmückte zum Altar;
Gesegnet sei, der kam,
Und Uns der Vater war.
Dann sangen ihm die Schwiegersöhne, die göttlichen Erben, ihr Lied für
solche Geschenke. Zuletzt Söhne und Töchter im Chor. Darauf standen
sie eine Weile reglos. Der Vater klopfte mit dem Knöchel des Fingers
in dieses Schweigen nur leise dreimal von innen an seine Thür. Und sie
schlichen leise fort.
Am Morgen hörte ich bei mir aus dem Hochzeithause die etwas ängstlich
verkündigte Nachricht: ~der Vater sei fort~! die Nacht mit seiner
jüngsten Tochter fortgereist! Nirgend sei eine Auskunft zu finden
gewesen, nur endlich am weißen Marmorsarkophage der Mutter, die mit
Kohlen geschriebenen Worte: „Seid ~Ihr~ glücklich! Forscht nicht nach
mir!“