4) Eltern müssen in Zeiten der Leichtgläubigkeit der Töchter vorbeugen.

5) Wenn Vater oder Mutter gegenwärtig sind, darf keins der Geschwister

das andere tadeln oder loben.

6) Lehrstunde muß immer sein; besonders bei Gelegenheiten und

Vorfällen, welche die Erfahrung der Jugend sind, um sie Urtheil zu

lehren, und ihr das Rechte und Wahre dabei zu sagen.

7) Den Kindern muß man von Kleinauf die ganze reine Wahrheit sagen.

Das vertragen sie neben den Mythen und Mährchen aller Zeiten, sogar

neben dem besten und herrlichsten Buche der Kinder --: Grimms Haus- und

Kindermährchen. ~Nach~ den Jahren der Phantasie und des Allesglaubens

wächst dann das Wahre wie die Eiche über Blumen empor.

8) Die Kinder sollen ganz zeitig wissen: Jeder soll sich selbst

glücklich machen, nicht blos den Andern. Liebe und Schönheit sollen

keine Opfer sein. Schon Moses hat gesagt: Liebe deinen Nächten wie dich

selbst; demnach soll jeder auch sich selbst lieben, und sich zu lieben

~verstehen~.

9) Den Kindern muß man die Phantasie aufschließen, alles als wirklich

lebendig darstellen, um ihr Mitleid zu gründen, und die Liebe zu Mutter

und Vater und Geschwistern, Andern bei erfordernden Gelegenheiten

angedeihen zu lassen so weit und so gering das auch nur möglich ja

auch nur nöthig ist -- da alle überall die Ihrigen haben und wirklich

lieben, was da Liebe zu heißen und zu sein verdient.

10) Jeder soll die Seinigen doch nur so gut und höflich wie Fremde

behandeln.

Freilich, setzte er hinzu, bedürfen diese Zehn Worte: Parabeln

oder auch unbildliche Auslegungen, um ganz überraschend und allein

„hinlänglich zur Erweckung des Geistes zu wirken -- (~das Herz liegt

im Geiste~, nicht im Thorax, dem Brustgerippe!). Ich ließ diese

Worte auch ~aufführen~, z. B. zu dem Zehnten Worte sandte ich bei

Regenwetter den Kindern in das Zimmer eine alte nasse Frau, die sich

auf den Stuhl setzen mußte, um auf mich zu warten. Und sie duldeten

das, ja bewirtheten und bedauerten sie. -- Ich sandte ihnen einen alten

dummen tauben Bauer, der durchaus behaupten mußte, bei uns recht im

Schlosse des Herrn von Stifter in Nordfrei zu sein. Und sie hatten ihn

sanft belehrt; ja das mitgebrachte gebundene Kalb im Zimmer geduldet

und gestreichelt. Und noch Widerwärtigeres, ja Grobes hatten sie von

Fremden geduldet, ~die sie im Leben nicht wiedersahen, mit denen sie

nicht alle künftigen Tage zu leben hatten, denen sie keinen Dank

schuldig waren~! -- Ich bat mir dann, was sie so Fremden gethan und an

diesen geübt, auch von allen den Meinigen an den Ihrigen aus! Sie waren

überrascht und sie freuten sich. Ja wenn diese Lehre vielleicht einmal

gegen ~Eine~ im Hause vergessen werden wollte, dann durfte diese nur

sagen: „~Bedenke, ich bin ja eine Fremde!~“

Mit diesen Worten langt man weit, überall hin. Denn welch unsinniges

Gebot wäre das: Du sollst deine schöne für dich glühende Geliebte

lieben!... Du sollst dein Weib lieben! Du sollst deine Kinder lieben!

Nur zu lieben ~verstehen~ ist die Sache!“

Der gute Irländische „Katholik auf dem Sprunge“ schrieb sich jedes

Wort getreu in seine Schreibtafel. Als wir so zaudernd zur Gruft

gekommen, stand sie offen. Vom Sarkophage der Mutter erhob sich da

langsam die schöne Afanasia, blaß und schweigend, edel wie je Elektra

oder Iphigenia. Sie kam dämonisch heraus geschritten, staunte, von den

Marmorstufen emporblickend, die Inschrift an: „Es giebt keine Todten!“

Doch sie lächelte und sprach in den Himmel hinauf: Aber Sterbende!

Gestorbene! Uns Verlierende! Uns Verlorene!

Der ambulante Geistliche gab dem Vater den Hamburger Brief; sie fiel

dem Vater um den Hals, und er hielt sie an einer Brust sich fest. Dann

reichte sie den Schwestern die Hände hin. Sie führten sie fort. Niemand

besuchte das Bild der Mutter, als die kranke Mutter, Lady Pat; sie

dachte sich selbst wohl in die Erde; denn sie lächelte und sah nicht

unerquickt, welch Leben über dem Grabe glüht und wächst und sich freut

und leidet wie einst die Todten.

Herr von Rizzi stand ganz betroffen über die Nachricht des Todes von

seinem Rheingraf. Muß ich Gott nun nicht danken für das, was ich für

eine Beraubung hielt? Meine gute Tochter, sprach er zu seiner schönen

~Clementine~, nun wärst Du eine Wittwe! Und eine Wittwe so jung und

reich sie ist, verheirathet sich schwer! Dabei küßte er sie auf die

Stirn. Das edle Mädchen schwieg.

Eine der sonderbaren geheimnißvollen Stunden der Erde verging. Mein

gerufener Arzt kam. War nun vorher schon eine Veränderung in den

Schwestern vorgegangen, welche zumeist der vagabunde fromme Mann nur

erst gerade durch seine Zaubercur zu Wege gebracht, indem er Natur

und Schicksal und göttliche Dinge für ~curabel~ und verbesserlich

ausgegeben, und sich für den Generalgewaltigen: sie zu curiren; so

befiel nun alle ein ~soliderer~ Schreck: die Reisenden hatten die

Blattern mit ins Haus gebracht. Die schöne Kammerjungfer hatte ihre

Freundin vor dem Tode noch einmal heimlich besucht und sich selbst

sie deutlich erkennbar geholt. Auch Dolly, die Eine der feindlichen

Schwestern, war davon ergriffen, und zu den beiden unzertrennlichen

Kleinen, zu der Zwergin ~Aïscha~ und der jüngsten Tochter des Irländers

zuckte der hierin weise Salomon die Achseln und schwieg. Der Baronet

bat nothgedrungen den Herrn von Holycock um das Gastrecht mit den

Worten: „Ich bin ~ein Fremder~! Die Kinder sind ~fremd~!“ Der Vater

drückte ihm die Hand, und den Gästen wurde eingerichtet. Der brave

Vater-~Postdirector~, was er indessen geworden zur Anerkennung überaus

löblicher redlicher Postmeisterschaft, empfahl sich mit seinen fünf

Töchtern und dem dritten Verlobten, auf gesundes Wiedersehen, alsbald

sehr vorsichtig. Der steinreiche herrliche Mann, der nur als schon

bejahrt in Todesangst schwebte vor seinem gewiß noch fernem Ende alle

seine Töchter wohl zu verheirathen, bedachte gewiß: daß sie zur Heirath

doch ~leben~ müßten und ~schön~ bleiben! Und daran hatte er Recht.

Niemand belächelte seine Liebe. Ich selbst sandte ~Brigitten~ in aller

Stille nach Hause fort, um mein Haus einzurichten für die Schwestern

Sangallo, gab ihr einen Brief an meine rechtschaffene Mutter mit, in

welchem ich sie bat, Brigitten durchaus nicht mehr von sich zu lassen!

Aber Herr von Sangallo befahl weder seinen Töchtern, noch wehrte er

ihnen, indeß in mein Schloß hinüberzuziehen, das ich ihm angeboten.

„Sie sind vor zwei Jahren alle zum drittenmal vaccinirt“, sprach er

nur, durchaus nicht kopfscheu vor der Natur und ihrer Gerechtigkeit,

die von menschlichen Gesetzen oder Befehlen nicht eingefangen noch

gebannt wird, und von Kaiser und Pabst sich kein X für ein U machen

läßt, sondern frei aus allen heiligen Pentagrammen und Dreiecken

schreitet -- und Niemanden auslacht, der da weint.

Arminien suchte ich; aber vergebens. Erst spät, als ich schon Abschied

genommen, sah ich sie vom Schlosse aus, im Garten an dem Orte stehen,

wo ich ihr aus dem Grabe geholfen. Sie starrte da hinab, als wünschte

sie: nicht daraus auferstanden zu sein. Als ich aber selbst in den

Garten kam, war sie entschlichen, und in der Dämmrung auf der Erde,

über die schon die Sterne am Himmel heraustraten und blinkten, konnt’

ich sie nirgends entdecken. Ich schlich zu meinem Kahn. Der See glomm

in Abendschein. Da hörte ich die Melodie des Liedes mit rührender

Stimme singen. Es war ~Afanasia~ in wahrem Schmerz des Verlustes ihres

Geliebten, und die Abendluft hauchte mir -- da mich nur wenige Gebüsche

von ihr schieden, jedes Wort verständlich zu. Sie war „die Erwartende“

selbst, und sang aus tiefster Seele:

Hier sitz’ ich am Gartenpförtchen

Im goldenen Abendschein;

Hier bist Du hinausgegangen --

Wann kommst Du hier wieder herein?

Du bist von mir fortgezogen

In die weite Welt hinein;

Ich weinte Dir bittere Thränen,

Ich weine sie noch allein!

Du bist nicht wiedergekommen,

Da der Tod die Herzen zerbricht;

Du hast nicht die Treue gebrochen,

Ich breche die Liebe Dir nicht!

Sie kommen alle wieder

Die Sterne! der fehlende Mond!

Ihr süßes Wiederkehren

Das bin ich so süß gewohnt.

Wann alle Sterne zergehen,

Wann droben der Himmel zerbricht,

Wann Tod und Liebe gestorben,

Dann kommst Du ..... auch dann noch nicht!

Bei goldenem Abendscheine

Ach, sitz’ ich und harre Dein;

Hier bist Du hinausgegangen .....

Wann kommst Du hier wieder herein?

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle · 第 16 / 18 题