5) Wenn Vater oder Mutter gegenwärtig sind, darf keins der Geschwister
das andere tadeln oder loben.
6) Lehrstunde muß immer sein; besonders bei Gelegenheiten und
Vorfällen, welche die Erfahrung der Jugend sind, um sie Urtheil zu
lehren, und ihr das Rechte und Wahre dabei zu sagen.
7) Den Kindern muß man von Kleinauf die ganze reine Wahrheit sagen.
Das vertragen sie neben den Mythen und Mährchen aller Zeiten, sogar
neben dem besten und herrlichsten Buche der Kinder --: Grimms Haus- und
Kindermährchen. ~Nach~ den Jahren der Phantasie und des Allesglaubens
wächst dann das Wahre wie die Eiche über Blumen empor.
8) Die Kinder sollen ganz zeitig wissen: Jeder soll sich selbst
glücklich machen, nicht blos den Andern. Liebe und Schönheit sollen
keine Opfer sein. Schon Moses hat gesagt: Liebe deinen Nächten wie dich
selbst; demnach soll jeder auch sich selbst lieben, und sich zu lieben
~verstehen~.
9) Den Kindern muß man die Phantasie aufschließen, alles als wirklich
lebendig darstellen, um ihr Mitleid zu gründen, und die Liebe zu Mutter
und Vater und Geschwistern, Andern bei erfordernden Gelegenheiten
angedeihen zu lassen so weit und so gering das auch nur möglich ja
auch nur nöthig ist -- da alle überall die Ihrigen haben und wirklich
lieben, was da Liebe zu heißen und zu sein verdient.
10) Jeder soll die Seinigen doch nur so gut und höflich wie Fremde
behandeln.
Freilich, setzte er hinzu, bedürfen diese Zehn Worte: Parabeln
oder auch unbildliche Auslegungen, um ganz überraschend und allein
„hinlänglich zur Erweckung des Geistes zu wirken -- (~das Herz liegt
im Geiste~, nicht im Thorax, dem Brustgerippe!). Ich ließ diese
Worte auch ~aufführen~, z. B. zu dem Zehnten Worte sandte ich bei
Regenwetter den Kindern in das Zimmer eine alte nasse Frau, die sich
auf den Stuhl setzen mußte, um auf mich zu warten. Und sie duldeten
das, ja bewirtheten und bedauerten sie. -- Ich sandte ihnen einen alten
dummen tauben Bauer, der durchaus behaupten mußte, bei uns recht im
Schlosse des Herrn von Stifter in Nordfrei zu sein. Und sie hatten ihn
sanft belehrt; ja das mitgebrachte gebundene Kalb im Zimmer geduldet
und gestreichelt. Und noch Widerwärtigeres, ja Grobes hatten sie von
Fremden geduldet, ~die sie im Leben nicht wiedersahen, mit denen sie
nicht alle künftigen Tage zu leben hatten, denen sie keinen Dank
schuldig waren~! -- Ich bat mir dann, was sie so Fremden gethan und an
diesen geübt, auch von allen den Meinigen an den Ihrigen aus! Sie waren
überrascht und sie freuten sich. Ja wenn diese Lehre vielleicht einmal
gegen ~Eine~ im Hause vergessen werden wollte, dann durfte diese nur
sagen: „~Bedenke, ich bin ja eine Fremde!~“
Mit diesen Worten langt man weit, überall hin. Denn welch unsinniges
Gebot wäre das: Du sollst deine schöne für dich glühende Geliebte
lieben!... Du sollst dein Weib lieben! Du sollst deine Kinder lieben!
Nur zu lieben ~verstehen~ ist die Sache!“
Der gute Irländische „Katholik auf dem Sprunge“ schrieb sich jedes
Wort getreu in seine Schreibtafel. Als wir so zaudernd zur Gruft
gekommen, stand sie offen. Vom Sarkophage der Mutter erhob sich da
langsam die schöne Afanasia, blaß und schweigend, edel wie je Elektra
oder Iphigenia. Sie kam dämonisch heraus geschritten, staunte, von den
Marmorstufen emporblickend, die Inschrift an: „Es giebt keine Todten!“
Doch sie lächelte und sprach in den Himmel hinauf: Aber Sterbende!
Gestorbene! Uns Verlierende! Uns Verlorene!
Der ambulante Geistliche gab dem Vater den Hamburger Brief; sie fiel
dem Vater um den Hals, und er hielt sie an einer Brust sich fest. Dann
reichte sie den Schwestern die Hände hin. Sie führten sie fort. Niemand
besuchte das Bild der Mutter, als die kranke Mutter, Lady Pat; sie
dachte sich selbst wohl in die Erde; denn sie lächelte und sah nicht
unerquickt, welch Leben über dem Grabe glüht und wächst und sich freut
und leidet wie einst die Todten.
Herr von Rizzi stand ganz betroffen über die Nachricht des Todes von
seinem Rheingraf. Muß ich Gott nun nicht danken für das, was ich für
eine Beraubung hielt? Meine gute Tochter, sprach er zu seiner schönen
~Clementine~, nun wärst Du eine Wittwe! Und eine Wittwe so jung und
reich sie ist, verheirathet sich schwer! Dabei küßte er sie auf die
Stirn. Das edle Mädchen schwieg.
Eine der sonderbaren geheimnißvollen Stunden der Erde verging. Mein
gerufener Arzt kam. War nun vorher schon eine Veränderung in den
Schwestern vorgegangen, welche zumeist der vagabunde fromme Mann nur
erst gerade durch seine Zaubercur zu Wege gebracht, indem er Natur
und Schicksal und göttliche Dinge für ~curabel~ und verbesserlich
ausgegeben, und sich für den Generalgewaltigen: sie zu curiren; so
befiel nun alle ein ~soliderer~ Schreck: die Reisenden hatten die
Blattern mit ins Haus gebracht. Die schöne Kammerjungfer hatte ihre
Freundin vor dem Tode noch einmal heimlich besucht und sich selbst
sie deutlich erkennbar geholt. Auch Dolly, die Eine der feindlichen
Schwestern, war davon ergriffen, und zu den beiden unzertrennlichen
Kleinen, zu der Zwergin ~Aïscha~ und der jüngsten Tochter des Irländers
zuckte der hierin weise Salomon die Achseln und schwieg. Der Baronet
bat nothgedrungen den Herrn von Holycock um das Gastrecht mit den
Worten: „Ich bin ~ein Fremder~! Die Kinder sind ~fremd~!“ Der Vater
drückte ihm die Hand, und den Gästen wurde eingerichtet. Der brave
Vater-~Postdirector~, was er indessen geworden zur Anerkennung überaus
löblicher redlicher Postmeisterschaft, empfahl sich mit seinen fünf
Töchtern und dem dritten Verlobten, auf gesundes Wiedersehen, alsbald
sehr vorsichtig. Der steinreiche herrliche Mann, der nur als schon
bejahrt in Todesangst schwebte vor seinem gewiß noch fernem Ende alle
seine Töchter wohl zu verheirathen, bedachte gewiß: daß sie zur Heirath
doch ~leben~ müßten und ~schön~ bleiben! Und daran hatte er Recht.
Niemand belächelte seine Liebe. Ich selbst sandte ~Brigitten~ in aller
Stille nach Hause fort, um mein Haus einzurichten für die Schwestern
Sangallo, gab ihr einen Brief an meine rechtschaffene Mutter mit, in
welchem ich sie bat, Brigitten durchaus nicht mehr von sich zu lassen!
Aber Herr von Sangallo befahl weder seinen Töchtern, noch wehrte er
ihnen, indeß in mein Schloß hinüberzuziehen, das ich ihm angeboten.
„Sie sind vor zwei Jahren alle zum drittenmal vaccinirt“, sprach er
nur, durchaus nicht kopfscheu vor der Natur und ihrer Gerechtigkeit,
die von menschlichen Gesetzen oder Befehlen nicht eingefangen noch
gebannt wird, und von Kaiser und Pabst sich kein X für ein U machen
läßt, sondern frei aus allen heiligen Pentagrammen und Dreiecken
schreitet -- und Niemanden auslacht, der da weint.
Arminien suchte ich; aber vergebens. Erst spät, als ich schon Abschied
genommen, sah ich sie vom Schlosse aus, im Garten an dem Orte stehen,
wo ich ihr aus dem Grabe geholfen. Sie starrte da hinab, als wünschte
sie: nicht daraus auferstanden zu sein. Als ich aber selbst in den
Garten kam, war sie entschlichen, und in der Dämmrung auf der Erde,
über die schon die Sterne am Himmel heraustraten und blinkten, konnt’
ich sie nirgends entdecken. Ich schlich zu meinem Kahn. Der See glomm
in Abendschein. Da hörte ich die Melodie des Liedes mit rührender
Stimme singen. Es war ~Afanasia~ in wahrem Schmerz des Verlustes ihres
Geliebten, und die Abendluft hauchte mir -- da mich nur wenige Gebüsche
von ihr schieden, jedes Wort verständlich zu. Sie war „die Erwartende“
selbst, und sang aus tiefster Seele:
Hier sitz’ ich am Gartenpförtchen
Im goldenen Abendschein;
Hier bist Du hinausgegangen --
Wann kommst Du hier wieder herein?
Du bist von mir fortgezogen
In die weite Welt hinein;
Ich weinte Dir bittere Thränen,
Ich weine sie noch allein!
Du bist nicht wiedergekommen,
Da der Tod die Herzen zerbricht;
Du hast nicht die Treue gebrochen,
Ich breche die Liebe Dir nicht!
Sie kommen alle wieder
Die Sterne! der fehlende Mond!
Ihr süßes Wiederkehren
Das bin ich so süß gewohnt.
Wann alle Sterne zergehen,
Wann droben der Himmel zerbricht,
Wann Tod und Liebe gestorben,
Dann kommst Du ..... auch dann noch nicht!
Bei goldenem Abendscheine
Ach, sitz’ ich und harre Dein;
Hier bist Du hinausgegangen .....
Wann kommst Du hier wieder herein?