XII.

Der Vater Semi-morto.

Und so war er fort und blieb fort, innig von allen bedauert, ja von

Kundigen vor Ahndung wirklich ~betrauert~ -- wie der General, der auch

alle seine ~überstandene Noth~ sogar abgeworfen!

Wir erfüllten indessen, das: „Seid Ihr glücklich,“ während des reinen,

weißen, traulichen Winters und des Vorfrühlings, und reisten, als ~der

Kukkuk~ erschien, dahin wo er zu Hause sein soll -- nach Italien. Meine

Brigitte erkannte zufällig in Rom den Lord, der seine blinde kleine

Tochter führte, und dem sie von Dolly und Nolly erzählen mußte. Er

meinte: es ~fehle~ ihm ordentlich etwas, seit der ewige Streit ihm

nicht mehr Angst mache! und Ruhe und Frieden um ihn sei! Ich forschte

bei ihm nach Sangallo, da uns eine Sage gekommen war, er sei mit seiner

Tochter auf einer bloßen Abendlustfahrt im Golf von Neapel ertrunken,

oder doch todt aus dem Wasser gezogen worden. -- „Ihm sieht das

Schlimmste ähnlich!“ erwiederte er; „das bekenn’ ich, da ich selbst

unglücklich bin; aber er lebt auf der geisterhaften Insel Elba!“

Wir eilten nach Piombino, von Piombino hinüber, und entdeckten ihn

dort, verwildert, in seiner Heraklesgestalt fast einem alten Deutschen

gleich. Ich rief ihn an. -- Er ging. -- Ich folgte. -- Er ging rascher.

Ich bat. -- Er stand; ja nach langem Besinnen gab er mir die Hand. Ich

wollte ihm von seinen Töchtern Nachricht geben -- er verbot es. Ich

freute mich -- er blieb ernst.

Ich allein durfte ihn in den folgenden Tagen zum Gange auf den

eisenstein-rothen öden Bergrücken abholen. Doch er schwieg und schwieg.

Er war tiefsinnig geworden, erschöpft an allen Gefühlen, gleichgültig,

~wach~, und doch unaufweckbar: er ließ, vorauswandelnd, vor seinen

Füßen ruhig ein Kind in den See stürzen, das er mit einem Griff

erretten könne.

So blieb er äußerlich; doch innerlich rührte ihm sich das Blut, wie

der Wein bei der neuen Traubenblüthe. Nun endlich erst ~bei meinem

Scheiden~ ging ihm das Herz auf. Und so erfuhr ich Einiges, das er

so hin murmelte. Dann bat er mich sogar ~um Erlaubniß, zu sein wie

er sei~!... oder um Verzeihung: ~daß er so sei~. Aber, sprach er

tiefaufseufzend: „Auch zu viel, zu viel Sorge der Liebe erdrückt.

Ich bin ihr erlegen. Der Postdirector vollends hatte mir Todesangst

gemacht. Er hatte mich mit seiner ~Schwiegersohnkrankheit~ angesteckt,

und in mir fand sie heiliges Feuer genug und Stoff viermal so viel!

Und dann die ~Schande~! die ~verheimlichte~ Schande erwürgt heimlich.

Denn worüber ich mich bergehoch erhoben und sicher bedünkte, darein

verfiel Ich; darein stürzte mich ~mein bestes Kind~. Soll ich den Namen

~Arminia~ vor Ihnen aussprechen? Sie sind glücklich; Sie lieben und

sind geliebt; daher kann Sie nichts verwandeln. Aber wahrer ansehen

kann man das Vergangene doch! Und Sie hatten sich wahrscheinlich nur

in ihre Schönheit ~verliebt~, als sie gereizt und geblendet, sie

retteten; was jedoch jeder Beichtvater, jeder Superintendent und

frömmste Minister gethan haben würde zu seiner Ehre. ~Darum~ konnten

Sie sie ohne Verzweiflung, Zorn, Rache und Thränen aufgeben, da sie

Ihnen mit Recht war „bedenklich“ geschildert worden; besonders als

das frevelhafte Spiel mit _Dr._ Jenner, und der Glaube an den bloßen

~Namen~ „Kuh,“ das arme Mädchen entstellt hatte! Daß Arminia ihr halbes

„Ja“ ~vorher~ zurückgenommen, das irrte Sie nicht! Aber, mein junger

Freund, Arminia, ~liebte~ Sie; und ~durfte~ Sie dann nicht lieben; denn

das verbot ihr das große Wort: Um zu ~lieben~, muß sich die Jungfrau

oder der Jüngling des ~Geliebtwerdens~ werth und würdig fühlen. ~Das~

Gefühl giebt Feuer und Muth zu Liebe, vielleicht die Liebe selbst! Denn

wer liebt, will dem Geliebten schön, rein, himmlisch erscheinen, ihm

das seligste Glück bringen, es ihm sein und bleiben. ~Mit dem Unwerth

versiegt die Liebe.~ -- Sehen Sie da, als Zusatz und Erklärung zu Ihres

Vaters Heirathsgebot und des Pastors Ehepredigt, und als Verklärung,

die höchste Glorie in den Worten: Die Liebe, diese ~unsere~ menschliche

Liebe der Geschlechter, ist auch zugleich und allein nur die ~reinste

göttlichste Kraft~, über die keine zu wünschen ist; und sie ist ~die

vollkommenste Sittlichkeit~, an der alle möglichen Engel, Halbgötter

und Götter vollauf in Ewigkeit haben. Da ist kein Zweifel. Wir bedürfen

nichts weiter, nichts Anderes. Denn so ist die alltägliche Liebe der

alltäglichsten Menschen zwischen den beiden Geschlechtern. Denn ~drei~

Geschlechter giebt es nicht!“

Ich stutzte und fragte kleinlaut: Aber was war denn Arminien geschehen?

„Eine Ueberraschung, die ~erregten Liebenden~ sehr leicht geschieht

-- die sie zum Staube warf!“ sprach er. O traue doch kein Vater,

keine Mutter und keine getroste Jungfrau einem Manne, (selber einem

halben übertünchtem Greise nicht) der aus Verführung von Weibern ein

jahrelanges wohl lebenslanges Geschäft gemacht hat. Das Gift bricht

wieder aus, und die alte Schlange weiß alle Künste! Daß er dann

verwünscht und verabscheut wird, das nimmt er hin als gewohnt. Wer

nun das war? Haben Sie nicht gehört, daß ~vier Söhne~ ihren Vater

gefordert? Aber die Mutter hat sie bedeutet, und als Weib sich mit

ihrem Manne geschossen; doch nur dann erst, als ich zum einzigen

stummen Vorwurf des Unrechts an seinem fünfzehn Jahr lang kranken Weibe

-- womit er sich gerade entschuldigen wollen -- dem Manne sein Kind

-- Teufel! -- ~meinen Enkel~, das kleine todtgeborene herzensliebe

Männchen, in einem Särgchen zugesandt, das ich noch aus der Zeit besaß,

wo ich „Meister vom Stuhle“ gewesen, und das mit den geheimnißvollen

Zeichen bunt und zierlich bemalt war.

Ich verstummte über Arminia. Zuletzt sprach ich nur -- der Stifter ist

todt.

Erlauben Sie mir also: als Vater todt zu sein; fuhr er fort. Manch

guter Vater stirbt wohl schon, als zu weich und verzagt, an drei oder

vier ~guten~ Kindern; wie nun ich nicht an achtzehn Töchtern? und

darunter zwei Unglückliche, und eine Verunglückte. Ein Tropfen Essig

verdirbt eine Tonne Honig.

Er sah mir die Thränen in den Augen.

Kein Mitleid! versetzte er. Zu meinen Zehn Haus- und Kindergeboten

rathe ich Ihnen noch die zwei wichtigsten aufzunehmen; und mit allen

Zwölfen dürfte ~ein Vater~ langen, wenn auch noch nicht ~ein Gatte~.

Mein Herz hat mich noch diese letzten gelehrt:

11) Auch die schwersten und größten Fehler halte bei deinem Kinde für

möglich. Denn ~selbst~ gut sein, läßt noch nicht sicher glücklich

bleiben ~unter den Menschen~!

12) Stehe deinem Kinde in jedem Unglück bei, verlaß es in keiner Noth,

hilf ihm in jeder Schande.

Und daß meine jüngste Tochter, meine treue Armgard, bis zu meinem Tode

bei mir bleiben will? Sie hat sich auch ein Gebot gemacht: ~dem Vater

die Liebe zu vergelten~. Da kommt das ~gutste~ Kind, wie sie klein sich

immer selbst nannte! Jedoch auch ~sie~ schenke ich weg, wenn ihr Herr

und Freund kommt! ~Ich bin der Mann der einsam leben kann~ -- vor

Erinnerung! vor aller Welt! Auch sage ich nicht ab: wieder heimzukehren

und für all’ mein Leid mit Freude belohnt zu werden, wenn ich wieder

Sinn dafür und Kraft dazu erlangt. ~Freude will Feuer und Muth in der

Seele~; die Lahmen tanzen schlecht. Ich denke wiederzukehren, ~so in

zehn Jahren~! Auch schon meines ~Männerstiftes~ wegen; denn es giebt

viel brave Professoren und ehrenfeste Geistliche, die es bedürfen

möchten. In zehn Jahren sind hoffentlich die bösen Geister hinab in die

Erde versunken, wenn auch mit Gestank. Indessen möchte mein Prytaneum

noch nöthig werden, jetzt so nöthig in so schauriger Zeit, wie einst

die Klöster. Die Schulmeister aber, das sind die Eisenköpfe!

Keine Sorge! beruhigte ich ihn. Gott ruft manchmal vom Himmel, ja er

langt auch hinunter, oder haucht nur. Und sein Hauch macht lebendig,

und ein Wind macht den Himmel schön! So schieden wir, während er mich

groß ansah, weil ich noch gesagt: mich verlangt recht heim -- nach

Deutschland.

In meinem Zimmer drückte ich im Gefühl meines Glückes mein Häschen an’s

Herz. Auch sie fing sich an zu beklagen -- und wir reisten langsam

nach Hause und kehrten gesund zu meiner rechtschaffenen Mutter zurück.

Doch was geschah? -- Nach mehren Tagen besucht mich Freund von Rizzi;

jetzt auch noch durch einen Orden geehrt. Wir fahren hinüber zu den

Schwestern, und Wer steht da? mitten unter den Töchtern und Söhnen? --:

~der Vater~! Heiligenhahn! wie er leibt und lebt!

... Ein Vater ist ein Sclave seiner Kinder; rief er mir zu -- aber ein

glücklicher; denn er ist wie das Kind vom Hause! wie in der Türkei.

Und Herr von Rizzi sprach: „Ich sagte gleich, ~der~ kommt wieder! In

der Türkei, zur Pestzeit, wenn das Weib den Mann, und der Mann das Weib

geflohen, ja, wenn Mutter die Tochter und Vater den Sohn verlassen

haben, da bleibt die ~Mutter~ bei ihrem ~Sohn~, und der ~Vater~

erst recht bei der ~Tochter~! Das ist Geschlechtsliebe, die reine

Geschlechtsliebe. Und Du hier, Heiligenhahn, Du wolltest von achtzehn

Töchtern entlaufen? -- Nicht von Einer!“ --

[Illustration]

Breslau.

Druck von ~Robert Lucas~, Schuhbrücke Nr. 32.

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle · 第 18 / 18 题