Der Vater Semi-morto.
Und so war er fort und blieb fort, innig von allen bedauert, ja von
Kundigen vor Ahndung wirklich ~betrauert~ -- wie der General, der auch
alle seine ~überstandene Noth~ sogar abgeworfen!
Wir erfüllten indessen, das: „Seid Ihr glücklich,“ während des reinen,
weißen, traulichen Winters und des Vorfrühlings, und reisten, als ~der
Kukkuk~ erschien, dahin wo er zu Hause sein soll -- nach Italien. Meine
Brigitte erkannte zufällig in Rom den Lord, der seine blinde kleine
Tochter führte, und dem sie von Dolly und Nolly erzählen mußte. Er
meinte: es ~fehle~ ihm ordentlich etwas, seit der ewige Streit ihm
nicht mehr Angst mache! und Ruhe und Frieden um ihn sei! Ich forschte
bei ihm nach Sangallo, da uns eine Sage gekommen war, er sei mit seiner
Tochter auf einer bloßen Abendlustfahrt im Golf von Neapel ertrunken,
oder doch todt aus dem Wasser gezogen worden. -- „Ihm sieht das
Schlimmste ähnlich!“ erwiederte er; „das bekenn’ ich, da ich selbst
unglücklich bin; aber er lebt auf der geisterhaften Insel Elba!“
Wir eilten nach Piombino, von Piombino hinüber, und entdeckten ihn
dort, verwildert, in seiner Heraklesgestalt fast einem alten Deutschen
gleich. Ich rief ihn an. -- Er ging. -- Ich folgte. -- Er ging rascher.
Ich bat. -- Er stand; ja nach langem Besinnen gab er mir die Hand. Ich
wollte ihm von seinen Töchtern Nachricht geben -- er verbot es. Ich
freute mich -- er blieb ernst.
Ich allein durfte ihn in den folgenden Tagen zum Gange auf den
eisenstein-rothen öden Bergrücken abholen. Doch er schwieg und schwieg.
Er war tiefsinnig geworden, erschöpft an allen Gefühlen, gleichgültig,
~wach~, und doch unaufweckbar: er ließ, vorauswandelnd, vor seinen
Füßen ruhig ein Kind in den See stürzen, das er mit einem Griff
erretten könne.
So blieb er äußerlich; doch innerlich rührte ihm sich das Blut, wie
der Wein bei der neuen Traubenblüthe. Nun endlich erst ~bei meinem
Scheiden~ ging ihm das Herz auf. Und so erfuhr ich Einiges, das er
so hin murmelte. Dann bat er mich sogar ~um Erlaubniß, zu sein wie
er sei~!... oder um Verzeihung: ~daß er so sei~. Aber, sprach er
tiefaufseufzend: „Auch zu viel, zu viel Sorge der Liebe erdrückt.
Ich bin ihr erlegen. Der Postdirector vollends hatte mir Todesangst
gemacht. Er hatte mich mit seiner ~Schwiegersohnkrankheit~ angesteckt,
und in mir fand sie heiliges Feuer genug und Stoff viermal so viel!
Und dann die ~Schande~! die ~verheimlichte~ Schande erwürgt heimlich.
Denn worüber ich mich bergehoch erhoben und sicher bedünkte, darein
verfiel Ich; darein stürzte mich ~mein bestes Kind~. Soll ich den Namen
~Arminia~ vor Ihnen aussprechen? Sie sind glücklich; Sie lieben und
sind geliebt; daher kann Sie nichts verwandeln. Aber wahrer ansehen
kann man das Vergangene doch! Und Sie hatten sich wahrscheinlich nur
in ihre Schönheit ~verliebt~, als sie gereizt und geblendet, sie
retteten; was jedoch jeder Beichtvater, jeder Superintendent und
frömmste Minister gethan haben würde zu seiner Ehre. ~Darum~ konnten
Sie sie ohne Verzweiflung, Zorn, Rache und Thränen aufgeben, da sie
Ihnen mit Recht war „bedenklich“ geschildert worden; besonders als
das frevelhafte Spiel mit _Dr._ Jenner, und der Glaube an den bloßen
~Namen~ „Kuh,“ das arme Mädchen entstellt hatte! Daß Arminia ihr halbes
„Ja“ ~vorher~ zurückgenommen, das irrte Sie nicht! Aber, mein junger
Freund, Arminia, ~liebte~ Sie; und ~durfte~ Sie dann nicht lieben; denn
das verbot ihr das große Wort: Um zu ~lieben~, muß sich die Jungfrau
oder der Jüngling des ~Geliebtwerdens~ werth und würdig fühlen. ~Das~
Gefühl giebt Feuer und Muth zu Liebe, vielleicht die Liebe selbst! Denn
wer liebt, will dem Geliebten schön, rein, himmlisch erscheinen, ihm
das seligste Glück bringen, es ihm sein und bleiben. ~Mit dem Unwerth
versiegt die Liebe.~ -- Sehen Sie da, als Zusatz und Erklärung zu Ihres
Vaters Heirathsgebot und des Pastors Ehepredigt, und als Verklärung,
die höchste Glorie in den Worten: Die Liebe, diese ~unsere~ menschliche
Liebe der Geschlechter, ist auch zugleich und allein nur die ~reinste
göttlichste Kraft~, über die keine zu wünschen ist; und sie ist ~die
vollkommenste Sittlichkeit~, an der alle möglichen Engel, Halbgötter
und Götter vollauf in Ewigkeit haben. Da ist kein Zweifel. Wir bedürfen
nichts weiter, nichts Anderes. Denn so ist die alltägliche Liebe der
alltäglichsten Menschen zwischen den beiden Geschlechtern. Denn ~drei~
Geschlechter giebt es nicht!“
Ich stutzte und fragte kleinlaut: Aber was war denn Arminien geschehen?
„Eine Ueberraschung, die ~erregten Liebenden~ sehr leicht geschieht
-- die sie zum Staube warf!“ sprach er. O traue doch kein Vater,
keine Mutter und keine getroste Jungfrau einem Manne, (selber einem
halben übertünchtem Greise nicht) der aus Verführung von Weibern ein
jahrelanges wohl lebenslanges Geschäft gemacht hat. Das Gift bricht
wieder aus, und die alte Schlange weiß alle Künste! Daß er dann
verwünscht und verabscheut wird, das nimmt er hin als gewohnt. Wer
nun das war? Haben Sie nicht gehört, daß ~vier Söhne~ ihren Vater
gefordert? Aber die Mutter hat sie bedeutet, und als Weib sich mit
ihrem Manne geschossen; doch nur dann erst, als ich zum einzigen
stummen Vorwurf des Unrechts an seinem fünfzehn Jahr lang kranken Weibe
-- womit er sich gerade entschuldigen wollen -- dem Manne sein Kind
-- Teufel! -- ~meinen Enkel~, das kleine todtgeborene herzensliebe
Männchen, in einem Särgchen zugesandt, das ich noch aus der Zeit besaß,
wo ich „Meister vom Stuhle“ gewesen, und das mit den geheimnißvollen
Zeichen bunt und zierlich bemalt war.
Ich verstummte über Arminia. Zuletzt sprach ich nur -- der Stifter ist
todt.
Erlauben Sie mir also: als Vater todt zu sein; fuhr er fort. Manch
guter Vater stirbt wohl schon, als zu weich und verzagt, an drei oder
vier ~guten~ Kindern; wie nun ich nicht an achtzehn Töchtern? und
darunter zwei Unglückliche, und eine Verunglückte. Ein Tropfen Essig
verdirbt eine Tonne Honig.
Er sah mir die Thränen in den Augen.
Kein Mitleid! versetzte er. Zu meinen Zehn Haus- und Kindergeboten
rathe ich Ihnen noch die zwei wichtigsten aufzunehmen; und mit allen
Zwölfen dürfte ~ein Vater~ langen, wenn auch noch nicht ~ein Gatte~.
Mein Herz hat mich noch diese letzten gelehrt:
11) Auch die schwersten und größten Fehler halte bei deinem Kinde für
möglich. Denn ~selbst~ gut sein, läßt noch nicht sicher glücklich
bleiben ~unter den Menschen~!
12) Stehe deinem Kinde in jedem Unglück bei, verlaß es in keiner Noth,
hilf ihm in jeder Schande.
Und daß meine jüngste Tochter, meine treue Armgard, bis zu meinem Tode
bei mir bleiben will? Sie hat sich auch ein Gebot gemacht: ~dem Vater
die Liebe zu vergelten~. Da kommt das ~gutste~ Kind, wie sie klein sich
immer selbst nannte! Jedoch auch ~sie~ schenke ich weg, wenn ihr Herr
und Freund kommt! ~Ich bin der Mann der einsam leben kann~ -- vor
Erinnerung! vor aller Welt! Auch sage ich nicht ab: wieder heimzukehren
und für all’ mein Leid mit Freude belohnt zu werden, wenn ich wieder
Sinn dafür und Kraft dazu erlangt. ~Freude will Feuer und Muth in der
Seele~; die Lahmen tanzen schlecht. Ich denke wiederzukehren, ~so in
zehn Jahren~! Auch schon meines ~Männerstiftes~ wegen; denn es giebt
viel brave Professoren und ehrenfeste Geistliche, die es bedürfen
möchten. In zehn Jahren sind hoffentlich die bösen Geister hinab in die
Erde versunken, wenn auch mit Gestank. Indessen möchte mein Prytaneum
noch nöthig werden, jetzt so nöthig in so schauriger Zeit, wie einst
die Klöster. Die Schulmeister aber, das sind die Eisenköpfe!
Keine Sorge! beruhigte ich ihn. Gott ruft manchmal vom Himmel, ja er
langt auch hinunter, oder haucht nur. Und sein Hauch macht lebendig,
und ein Wind macht den Himmel schön! So schieden wir, während er mich
groß ansah, weil ich noch gesagt: mich verlangt recht heim -- nach
Deutschland.
In meinem Zimmer drückte ich im Gefühl meines Glückes mein Häschen an’s
Herz. Auch sie fing sich an zu beklagen -- und wir reisten langsam
nach Hause und kehrten gesund zu meiner rechtschaffenen Mutter zurück.
Doch was geschah? -- Nach mehren Tagen besucht mich Freund von Rizzi;
jetzt auch noch durch einen Orden geehrt. Wir fahren hinüber zu den
Schwestern, und Wer steht da? mitten unter den Töchtern und Söhnen? --:
~der Vater~! Heiligenhahn! wie er leibt und lebt!
... Ein Vater ist ein Sclave seiner Kinder; rief er mir zu -- aber ein
glücklicher; denn er ist wie das Kind vom Hause! wie in der Türkei.
Und Herr von Rizzi sprach: „Ich sagte gleich, ~der~ kommt wieder! In
der Türkei, zur Pestzeit, wenn das Weib den Mann, und der Mann das Weib
geflohen, ja, wenn Mutter die Tochter und Vater den Sohn verlassen
haben, da bleibt die ~Mutter~ bei ihrem ~Sohn~, und der ~Vater~
erst recht bei der ~Tochter~! Das ist Geschlechtsliebe, die reine
Geschlechtsliebe. Und Du hier, Heiligenhahn, Du wolltest von achtzehn
Töchtern entlaufen? -- Nicht von Einer!“ --
[Illustration]
Breslau.
Druck von ~Robert Lucas~, Schuhbrücke Nr. 32.