Die feindlichen Schwestern. Der Brief.
Jetzt mischten sich natürliche wirkliche Dinge in meine Verhältnisse;
wie denn zu jedem Traume -- wozu ich viel Mehreres rechne als man
glaubt -- ein ~natürlicher~, wirklicher schlafender Mensch gehört;
wie zu einem Spiegelbild ~der Spiegel~, und zum Opiumtraume das
~Mohnhaupt~, was Niemand genug bedenkt. Nämlich, als ich eines
Vormittags drüben in Westfrei Herrn von Heiligenhahn besuchte, fuhren
drei Englische Reisewagen mit landesherrlichen Pferdebeinen vor. Ein
Diener meldete den Baronet _N_. Angenommen. Er trat ein. Jeder der zu
Fremden die fremde Sprache spricht, wird nur sein eigener Uebersetzer,
während der Fremde durch Freiheit und Geist sich ergehend und ergießend
dem höflichen Radebrechern der fremden Sprache überlegen wird. Obgleich
Herr von Sangallo vortrefflich Englisch verstand und sprach, zwang er
nicht sowohl aus Stolz, sondern aus Klugheit den Baronet ~deutsch~ zu
sprechen. Der englische Irländer war ~der leibhafte Mann von fünfzig
Jahren~, dieser wirkliche arme ~ewige Jude der Männer~, der in jedem
Geschlecht aber in tausend Exemplaren erscheint, und reeller als
jener, wirklich bis zum jüngsten Tage umherwandern muß. Schön gewesen
und noch bedauerbar, trug er die Spuren der Gefallsucht und des
Gefallens schöner Weiber an ihm, sichtbar als hagere blasse Wangen,
düsteren Blick, gezwungene Gradhaltung. Man sah ihm an, daß er nicht
wußte, warum oder wonach er nur noch die Hände ausstrecken sollte;
was als vornehme Ruhe erschien. Und doch sprachen seine Züge jetzt
von wirklichem ehrlichen Kummer und schwerer Sorge, die aber wie eine
Strafe auf ihm lag; wie ein Pilger aussieht, der um seiner Sünden
willen nach Mekka wallfahrtet. So sagte der eben gegenwärtige Herr von
Stifter, der wohl der Mann war ihn zu erkennen.
Es entspann sich nun folgendes Gespräch zwischen dem Baronet und Herrn
von Heiligenhahn:
_Haven Ihr effectiv tweiandwenzig Dachters?_
Achtzehn, Ja, Sir.
_Nein: Mylord! Eich forgas darauf, thats mein Bruther begraven is. Ihr
seyn famos für habing soltsch ein Nummer, van Dachters. Eich bin kurios
sie tu sihn._
Sie sind keine Curiositäten.
_Wheirum willen Ihr sie natcht schonen?_
Zeigen? Wollen Sie Eine heirathen?
_No! Thank, Sir,.... Willen Ihr Wanne af mein sieven Dachters? Ihr sind
Widofer!_
Nein, Dank! sprach der Generalvater; aber er rief seine Schaar Nereïden.
Der Lord, unwillig die Töchter nicht sehen zu sollen, sprach auf
Englisch vor sich hin: Ich habe Eile; meine Frau stirbt mir sonst,
ehe ich in das Seebad nach Peisa komme! Hilft doch ein Herrscher, ein
Priester dem Andern mit Rath und That. Soll ~ein Vater~ dem Andern
nicht rathen? Ist das deutsch? So thun wir Irländer nicht! -- Aber,
sprach er, _Sie Holycock, expecten Sie! expecten Sie!_ und eilte
hinaus an die Wagen. Darauf führte er uns seine Töchter herein, etwas
scheue Wesen von über der See, an denen man wohl bewundern konnte, was
der liebe Gott, oder der Gott, der wahren Liebe auch da, wo man gar
nicht hindenkt, für allerliebste Dinge macht! Die gegenwärtigen sieben
Exemplare standen im Alter von drei bis zu achtzehn Jahren und trugen
selbst auf der Reise schneeweiße Kleider mit kornblumenblauen Bändern
um den Leib und die Hüte; so daß ich die bildschöne stillgefolgte
Kammerjungfer bedauerte, wenn ich nur dachte, wie schon meine einzige
rechtschaffene Mutter auf Reisen ihr Mädchen schor, welches, wenn
sie selber schlief, waschen und plätten mußte, und dann am Tage auf
dem Bocke schlafen sollte und einmal hinuntergestürzt war, worauf
meine rechtschaffene Mutter ihr meinen Platz im Wagen eingab. „Das
Mädchen für Sieben“ glühte jedoch über und über wie eine Rose in der
Abendsonnengluth, und hielt sich heimlich die Stirn vor Unwohlsein.
Der Baronet hatte zuerst Augen dafür, sprach mit ihr, bat uns dann
einen Arzt holen zu lassen; und ich sandte nach meinem Salomon. Seine
älteste Tochter _Dolly_ (Dorothea) hatte der _Nolly_ (Helena) aber
beim Aussteigen auf das Kleid getreten, wodurch sie es sich aus den
Falten gerissen; und obgleich hier im Zimmer von Fremden, ermordeten
sie sich bald mit den Augen und führten einen kaum moderirten Zank
untereinander, wie Fischweiber etwa während es fürchterlich blitzt und
donnert.
Da sehen und hören sie, sprach der Baronet außer sich, weswegen ich
Sie um Rath fragen wollte, da ich im Hause meines Banquiers in Hamburg
zufällig von Ihrem Schwiegersohn erfahren, mit wie viel Töchtern Sie
Gott begabt; zur Strafe oder zum Lohn -- wage ich armer Siebenvater
nur eines Siebengestirns von Mädchen nicht mehr zu sagen. Mein Bruder,
lange General in Indien, lachte mich aus und sagte nur kurz: Alles
geschieht „_right and noble_;“ Strafe und Lohn sind nur die Empfindung
der Weltfiguren in rechten oder ignobeln Menschen; so daß dieselbe
Figur Zweien, ja Tausenden verschiedene Gesichter schneidet! „Ein
gutes Gewissen ist die wahre Freiheit, und erlöst von allen indischen
Propheten und Götzen und Bonzen und ihren den Menschen gemachten
Aengsten jetzt und in Ewigkeit.“ -- Aber was da! Sind Ihnen unter
so vielen Töchtern nicht „~die feindlichen Schwestern~“ aufgelebt?
wie mir! Nach allen vergeblichen Zucht-Worten habe ich mich zu ihrem
ferneren Bessern nicht entblödet, den Bischof sie admoniren zu lassen.
Aber Sie redeten ~ihn~ stumm ja sprachlos! -- Ich habe sie Jahre lang
getrennt. -- Doch in der ersten Stunde des Wiedersehens war der Streit
ärger wie je! Ich habe sie beide hungern lassen, und in den polnischen
Bock gespannt. Seit der Zeit war es gar aus; denn Eine schreibt ~der
Andern~ ihr Unglück und ihre Schande zu, nicht ~sich~! nicht mir! Am
liebsten hätte ich sie verheirathet, beide, oder nur Eine. Aber in
meiner Umgebung nahm sie Keiner; denn in der That darf sich kein Mann
allein getrauen, was Vater und Mutter nicht im Stande gewesen. Ich
besuchte zwei _Seasons_ die Bälle in London. Aber ihr Ruf war ihnen in
Gestalt einer verrätherischen Nachbarin vorausgeeilt. Und wer seine
Töchter auf jenen großen Mädchenmarkt in zwei Jahren nicht verthan,
der ist lächerlich wenn er mit Töchtern wiederkommt, als käm’ er mit
großschnablichen Ritterdamen-Schuhen aus der ~neuern Fabelwelt~. Mein
Bruder fand die feindlichen Schwestern beide sehr schön und meinte,
ihre Feindschaft komme nur daher, daß Eine ~Sommer~sprossen habe, die
andere ~Winter~sprossen, die auch im Winter blieben. Aber er irrte,
sie waren schon Feindinnen als Kinder. Vielleicht haben Sie selbst nun
auch so ein Paar Hauszerrütterinnen gehabt, und Sie schlagen mir gewiß
nicht ab, das Mittel mitzutheilen, durch welches Sie den Unglücklichen
selbst, den fünf Schwestern, der Mutter, mir und dem ganzen Hause den
Frieden und die Ruhe, früh, bei Tische und zu Nacht als gründlicher
Vater wiedergeben!
So sprach der Lord auf englisch; und bat sich die Antwort deutsch
aus; da der Hauptgewinn, fremde Sprachen zu wissen, nur darin liege:
die Fremden zu verstehen ~und~ in seiner Muttersprache verstanden
zu werden, so daß ~Jeder~ aus vollem Herzen mit allen Vortheilen
des Ausdrucks, allem Reichthum seines Wissens sprechen könne. Etwas
verstehen, sei in allen Dingen aber leichter als es selber machen, und
die Menschen hätten jetzt zwanzigmal mehr zu lernen, als ein alter
Aegyptier, Grieche oder Jude, da die alten Goldbarren des Wissens
täglich zu unzähligen Goldschlägerblättchen geschlagen würden.
Unser Herr von Holycock erwiederte ihm, daß er ihm gern die wenigen
Lehren mittheilen wolle, wodurch er seine Töchter hoffentlich gut
erzogen, und die, aber ~unermüdlich angewandt~, wahrscheinlich
ausreichten in den Hauptsachen, um aller Welt Töchter mehr als nur
untadlich zu machen. Lieber Herr College, sprach er, wie ich gern sage
und gesagt, ich habe mein Amt begriffen und ~übernommen~; denn Ehemann
sein, ist ein Amt der wahren Liebe; Vater sein, ist ein Amt der Treue,
dem keins vorgeht, als Mutter sein. Neben diesen Aemtern darf jeder
Mensch, der Aermste wie der Reichste durchaus kein anderes übernehmen,
als so weit es sich mit diesen einzigen wahren Menschenämtern verträgt,
sonst wird er unglücklich und macht unglücklich, über alle Maaßen, auf
mehre Geschlechter. Ich bin fest überzeugt, daß auf vernünftigeren
Gestirnen schlechte Väter und Mütter enthauptet werden; denn Waisen
gerathen besser als verzogene Kinder. Ich bin aber auch überzeugt,
daß in jener Welt, die wir alle Abend und die ganze Nacht vor Augen
sehen, auch Anstalten sind, wo junge liebe Leute zu guten Eheleuten,
guten Väter und Müttern besonders erzogen werden; Anstalten die bei
uns ~auf der Erde~ noch gänzlich fehlen, als auf einem ~noch ziemlich
albernen Planeten~; und die doch nöthiger sind als alle Zuchthäuser und
Irrenhäuser, welche _post festum_ die Uebel zudecken. Wir armen Thoren
fangen alles am Ende an, wie mit der ewigen Seligkeit. Eine der Früchte
meiner paar Lehren sehen Sie schon eben dadurch -- daß Sie meine
Töchter nicht schon hier sehen.
Wie so? fragte der Lord.
Ich habe ihre Neugierde nur auf die wahren Dinge gerichtet, weil ich
behaupte: Eher sind die Menschen nicht glücklich, ruhig, noch belehrt
und erzogen, bis z. B. kein Mensch mehr nur von der Arbeit wegsieht,
und, wenn Sieben Päbste und Acht Kaiser in Parade durch die Straßen
ziehen. Diese Ruhe bei allen elenden Vorgängen habe ich meinen Kindern
am ~gestirnten~ Himmel gelehrt.
Wir wollen doch sehen! versetzte der Lord, und ging hinaus. Und bald
trug er auf den Armen eine kleine Araberin herein, eine Zwergin von 17
Jahren, die, wie er nachher sagte, ihm sein Bruder aus Aden mitgebracht
hatte. Das unvergleichlich schöne Quasi-Kind mit seinen großen Augen,
seiner wie nur angehauchten Farbe vom schwächsten Ton aus Schwarz und
Braun gemischt, seine kleinen Händchen mit Fingerchen und Nägelchen,
die der schönste Affe nicht zierlicher haben konnte, ein weißer Turban
mit Perlen umwunden, die Füßchen, die unter den weiten weißen Höschen
kaum Füßchen zu nennen waren, der himmelblaue Kafftan, der silberne
Gürtel, sogar die kostbare, im Verhältniß sehr lang zu nennende
Tabakspfeife; und die zwei so kleinen Chinesischen Zwerghündchen, daß
sie gegen den Newfoundländer füglich Infusionshunde zu nennen waren
-- das alles hatte die Töchter des Hauses gereizt, hinter dem Fenster
hervor und hinaus zu treten; und nun begleiteten sie das liebe Kind
Gottes in Jubel herein, wo es sein Herr mitten auf den runden Tisch
stellte, aber auch gern die Neugier entschuldigte, welcher sogar „ihre
Königin“ nicht widerstanden habe.
In diesen Wirrwarr kam der Herr Postmeister von Rizzi mit seinen
Töchtern, um die Eine als Braut, bis zur möglichen Heirath, mit dem
ihn begleitenden Postschreiber vorzustellen. -- Nun Gott sei gedankt,
sprach er in aufrichtiger aber etwas plumper Weise, hier geht es zu
Frauenzimmern! -- Aber das feine Benehmen des Irländers legte ihm
Anstand auf, und er verstand zu schweigen, was sein -- wie aller jetzt
klugen Leute -- größter Verstand war. Die reizende Gouvernante, Miss
_Denny_ (Isabella) brachte aus dem Wagen auch Lady _Pat_ (Martha), ihre
kranke blasse Herrin hereingeführt, die nach den Begrüßungen sehnlich
wünschte, die Frau vom Hause, die glückliche Mutter so vieler Töchter
zu sehen und zu sprechen!
Das Verlangen rührte uns alle tief. Denn sie lag in der Gruft in einem
weißmarmornen Sarkophage. Und obschon die sonderbaren und wahren Worte
mit goldenen Buchstaben über dem Eingange standen:
„~Es giebt keine Todten!~“
so empfanden wir Bekannte doch bang ~die Abgeschiedenheit der
Gestorbenen~; und es ward ernste Stille. Der Wittwer versprach ihr das
Bild auch immer noch seiner „Wittwe im Himmel“ in der Gruft zu zeigen,
was er nur bei feierlichen Anlässen oder an Geburtstagen, und nur dem
Kinde sich satt schauen ließ, dessen Geburtstag war, um es heilig zu
halten.
Indessen hatte Afanasia schon sich den Schlüssel zur Gruft geholt;
denn der Hofmeister des Baronet, ein, um wirklich schön zu sein, nur
zu langer junger Mann, mit zu schmaler Stirn, hatte ihr für den Vater
einen Brief aus Hamburg übergeben. Da sie zumeist die Nachrichten von
dort betrafen, hatte sie heimlich und schnell den Inhalt gelesen:
_P. P._ Hamburg, d. 18. Juni 184--
Wir avisiren Sie hierdurch, daß Schiff Kalypso, Capitain Ellis,
welches Ihren Herrn Sohn oder Schwiegersohn nach London überfahren
sollen, wie man sagt „mit Mann und Maus“ untergegangen ist. Die
Stürme waren zu groß, und auch wir haben empfindlichen Schaden
gelitten.
Hamster und Comp.
Nachdem die arme Afanasia sich zur Wittwe gelesen, und eine Zeit
ohnmächtig gelegen, hatte sie der ambulante Geistliche so gefunden und
zu sich gebracht. Sie hatte ihn mit einer schrecklichen Lache von sich
gestoßen, ihm den Brief hingeworfen, und sich zur Mutter geflüchtet.
Auf unserem Zuge zur Gruft -- denn ein Zug war es -- führten die
feindlichen Schwestern die Mutter, die ihre Gesundheit über sie
beide verloren. Denn beide liebten ~die Mutter~, wenigstens jetzt,
wirklich rührend. Die Aelteste litt an Kopfweh, sie überwand sich
aber, um mit der Mutter zu gehen. Der Baronet führte sich mit Herrn
von Sangallo; die wunderschöne Zwergin ~Aïscha~ mit der kleinsten
Tochter; Herr von Rizzi konnte sich nicht enthalten zu fragen: Ob
die kleine „Apfelsinerin,“ oder „glückliche Araberin“ denn gar nicht
zu verkaufen wäre? Er wüßte jemand, der den höchsten Preis für
dieselbe bezahlen würde. Er habe die Ehre den Verstorbenen manchmal zu
kennen, der Personen und Verhältnissen, selber der Natur gern einen
unschuldigen Zopf anhänge. Diesem würde nichts willkommener sein, als
eine Zwergenhochzeit, nebst fürstlich gefeiertem Brautlagerchen, und
als dann ein winziges Kindtaufen und eine neukindische Menschenrace,
da er schon den Stammhalter, den kleinen Adam zu dieser Eva in
seinem Schlosse besäße, oder zu Mann und Vater geliehen bekomme; den
reizendsten kleinen Hampelmann, der je drei Käse hoch gewesen. Ihm
thue der kleine -- doch auch Mensch -- leid, welcher sogar in dieser
mädchensteinreichen Zeit, kein Mädchen, nicht einmal eine arme Wittwe
zur Frau finden könne.
Die beiden Väter aber wandelten langsam in ihr Gespräch vertieft.
Herr von Sangallo sagte ihm, in Bezug auf die feindlichen Schwestern,
deren fast in allen Häusern wären: „Von der Geburt des Kindes muß ~die
Erziehung~ anfangen; dann sind Vater und Mutter mit dem dritten Jahre
in allen Hauptsachen damit fertig. Kenntnisse und Erfahrungen sind ein
Anderes; diese gehen ihm dann von Menschen und Welt zu. In den ersten
Jahren müssen Neigungen und Abneigungen, Scham und Ehre, Recht und
Unrecht, schon entschieden gestimmt und gerichtet werden. Wer das
Gute zu erregen, hervorzutreiben und entfalten versteht, was jedem
Menschenkinde eingeboren ist, der hat sogar nicht Irriges oder Arges
nieder zu halten -- es erscheint da gar nicht! Eltern, Geschwister,
Beispiele sind die entscheidendsten unaustilgbaren freien Lehrer des
Menschen nach seiner Epiphanie, oder Erscheinung auf Erden. Aber da
denkt man: Was ist schon so einem stummen dummen Wurme zu lehren? Das
kleine Männchen oder Weibchen zermalmen wir sogar immer noch! Es hört
nicht, es sieht nicht, es ist kein Geist aus dem Himmel. Zu spät,
ist Erziehung -- unmöglich. Jedoch will ich Ihnen sagen, was mir in
ähnlichem, eingeschlichenem Falle geholfen. Ich bin mit meinen Kindern
krank gewesen, mit tausend Vaterleiden; Ich bin mit ihnen gesund
geworden, mit tausend Freuden. Meine Kinder sind mir, wie Blumen, alle
wie fühlbar in der Brust gewachsen, und stehen noch darin. Ich bin auch
mit ihnen krank an Gemüthe gewesen; und ich habe immer Denen zumeist
und einige Zeit ausschließlich gehört, die den Vater bedurften, während
mein Auge die andern nur leicht überwachte. Verlassen Sie sich in allen
Dingen in der Welt am liebsten auf die ~bessern~ Menschen. Das ist
kürzer und sicher. Denn ist von Zweien schon nur ~Eins~ vernünftig und
fest, dann müßte das Andere ein Wolf sein, wenn es den Treuen, Sanften
noch anfiele! Ich habe mit der ~sanftmüthigeren~ Tochter der beiden
„feindlichen“ hinlängliche Zeit allein gewohnt, von früh bis zu Nacht
und wieder zum Morgen, und kaum etwas anderes gethan, als ihr ihre
Fehler in allem Unrecht, in allen Folgen recht klar gemacht; aber ohne
Hinterhalt klar und wahr. Und als die Ueberzeugung davon sich in ihr
~befestigt~, entließ ich sie mit der Lehre: „~Sage und thue deiner
Schwester nur das, was ihr gut und lieb ist.~“ Auch ~das~ überwachte
ich einige Zeit, ~half es ihr ausführen~ -- und ich hatte nicht nur
zwei Herzen gewonnen, sondern alle bemühten sich noch eifriger sie zu
übertreffen! Die ~schlimmere~ Schwester besiegte die Scham, und nach
mancher noch heimlichen Thräne, war sie mein liebstes Kind!“
Also haben Sie auch ein liebstes Kind? Das freut mich! sprach der
Baronet.
„Ach, das, ~dem die Mutter gefehlt hatte~! Diesem mußte ich mich ja,
billig und recht, mehr hingeben! Ich denke immer, wer Männern treue
verständige Weiber, und Kindern liebevolle glückliche Mütter erzogen,
der hat mehr gethan, als der Bildhauer Bernini, Thorwaldson oder --
Cornelius, deren Werke nicht weiter zeugen, nicht Gefühl und Seele
haben, wie die Türken sagen, ~noch glücklich sind~. ~Die Lebendigen~
sind die wahren Kunstwerke, denn sie leben, statt in der Vorhölle,
gewiß in dem Vorhimmel, wenn nicht geradezu einzig und allein in dem
~wahren~ Himmel. Meine Tage, meine Nächte, meine Arbeit und Sorge ruhen
in meinen Kindern, sie sind in die übergegangen, sie sterben nicht mehr
mit mir, nicht mit ihnen; sie stehen in vielen noch auf. Das ist die
Auferstehung des Geistes.“
In einer Gesellschaft werden viele Interessen zu gleicher Zeit
verfolgt; Reisende müssen Augen und Ohren immer offen haben, um jede
Gelegenheit zu ergreifen; und so hatte die Gouvernante und der lange
Pädagog sich zuerst an die demüthige kleinlaute ~Brigitte~ gewandt, und
bald von ihr herausgebracht, daß sie gern die Stelle einer Kammerfrau
bei der Lady ersetzen und mit nach Italien gehen wolle, schon weil
sie da in der Fremde diente und vor ihren Bekannten nicht zu Schanden
geworden erschien. Sie hatte sich aber hohen Gehalt bedungen, welcher
dem Vater in voraus hier ausgezahlt werden und erlöschen sollte,
auch wenn sie, ohne ihn abverdient zu haben, in der Fremde ~stürbe~.
Das gute arme Kind! ~Das~ mußte es wohl vermuthen! So mußte rasch
verhandelt worden sein; denn jetzt traten, Lehrer und Lehrerin, beides
Deutsche und Protestanten, mit dem schönen glühenden Opferthiere vor
den Baronet, es ihm vorzustellen. Er genehmigte alles, wenn Brigitte
seiner Frau gefiele -- (ob die Frau ~ihr~ gefiele, davon war keine
Rede) -- und wenn wir, namentlich ich, ihr ein gutes Zeugniß gäbe! --
Das verwirrte mich, und mein mündliches Zeugniß mochte wohl so feurig
und wundersam ausgefallen sein, daß mich Herr von Stifter zupfte, und
mir darauf bei Seite sagte: Mit Erstaunen habe ich Sie den schönen
Pädagogen mit grimmiger Eifersucht betrachten ja beneiden gesehen! Sie
hätten ihn lieber ermordet! Lieber junger Freund, wie viel Schönes
müssen wir Andern in der Welt überlassen! Ja wenn wir Einzelnen alle in
tausendfacher Gestalt lebten, so würden wir noch nicht glauben: Arme
und Lippen genug zu haben! Wir scheitern alle an der Unmöglichkeit.
Aber Eifersucht und Neid vollenden oft das, was die Liebe nicht thut;
denn was wir glauben auch entbehren zu können, ~das wollen wir doch
keinem Andern lassen~, zu solchem Besitz, woran nur zu denken uns Angst
macht!
Heute verstand ich ihn noch nicht; und wozu mich der Tag für Tag
ängstlicher werdende Mann gern erwecken wollte, und manchmal wiederum
nicht; aber da sah ihm der Schelm aus den Augen. Ich sah jetzt nur
wirklich mit Neid und Leid das arme Mädchen der Lady vorstellen.
Ihr voriges Gespräch fortsetzend ersuchte der Irländer jetzt einen
„Collegen“ Herrn Holycock, ihm diejenigen Hausregeln zu sagen, die er
bei seinen Töchtern bewährt gefunden.
Ohne Auslegung ist das mißlich; antwortete ihm der Hausvater. Doch will
ich Ihnen bewährte Worte sagen. Es sind etwa nur ihrer Zehn:
1) Mutter und Vater müssen sich lieben, innig und gesund sein und
Verstand haben!
2) Bei Tische darf nichts Unangenehmes des Hauses ausgethan werden.
Essen ist ein wichtiges Werk.
3) Mutter und Vater dürfen in Gegenwart der Kinder sich nie
widersprechen, daß beide heilige Götterbilder bleiben.