X.

Die feindlichen Schwestern. Der Brief.

Jetzt mischten sich natürliche wirkliche Dinge in meine Verhältnisse;

wie denn zu jedem Traume -- wozu ich viel Mehreres rechne als man

glaubt -- ein ~natürlicher~, wirklicher schlafender Mensch gehört;

wie zu einem Spiegelbild ~der Spiegel~, und zum Opiumtraume das

~Mohnhaupt~, was Niemand genug bedenkt. Nämlich, als ich eines

Vormittags drüben in Westfrei Herrn von Heiligenhahn besuchte, fuhren

drei Englische Reisewagen mit landesherrlichen Pferdebeinen vor. Ein

Diener meldete den Baronet _N_. Angenommen. Er trat ein. Jeder der zu

Fremden die fremde Sprache spricht, wird nur sein eigener Uebersetzer,

während der Fremde durch Freiheit und Geist sich ergehend und ergießend

dem höflichen Radebrechern der fremden Sprache überlegen wird. Obgleich

Herr von Sangallo vortrefflich Englisch verstand und sprach, zwang er

nicht sowohl aus Stolz, sondern aus Klugheit den Baronet ~deutsch~ zu

sprechen. Der englische Irländer war ~der leibhafte Mann von fünfzig

Jahren~, dieser wirkliche arme ~ewige Jude der Männer~, der in jedem

Geschlecht aber in tausend Exemplaren erscheint, und reeller als

jener, wirklich bis zum jüngsten Tage umherwandern muß. Schön gewesen

und noch bedauerbar, trug er die Spuren der Gefallsucht und des

Gefallens schöner Weiber an ihm, sichtbar als hagere blasse Wangen,

düsteren Blick, gezwungene Gradhaltung. Man sah ihm an, daß er nicht

wußte, warum oder wonach er nur noch die Hände ausstrecken sollte;

was als vornehme Ruhe erschien. Und doch sprachen seine Züge jetzt

von wirklichem ehrlichen Kummer und schwerer Sorge, die aber wie eine

Strafe auf ihm lag; wie ein Pilger aussieht, der um seiner Sünden

willen nach Mekka wallfahrtet. So sagte der eben gegenwärtige Herr von

Stifter, der wohl der Mann war ihn zu erkennen.

Es entspann sich nun folgendes Gespräch zwischen dem Baronet und Herrn

von Heiligenhahn:

_Haven Ihr effectiv tweiandwenzig Dachters?_

Achtzehn, Ja, Sir.

_Nein: Mylord! Eich forgas darauf, thats mein Bruther begraven is. Ihr

seyn famos für habing soltsch ein Nummer, van Dachters. Eich bin kurios

sie tu sihn._

Sie sind keine Curiositäten.

_Wheirum willen Ihr sie natcht schonen?_

Zeigen? Wollen Sie Eine heirathen?

_No! Thank, Sir,.... Willen Ihr Wanne af mein sieven Dachters? Ihr sind

Widofer!_

Nein, Dank! sprach der Generalvater; aber er rief seine Schaar Nereïden.

Der Lord, unwillig die Töchter nicht sehen zu sollen, sprach auf

Englisch vor sich hin: Ich habe Eile; meine Frau stirbt mir sonst,

ehe ich in das Seebad nach Peisa komme! Hilft doch ein Herrscher, ein

Priester dem Andern mit Rath und That. Soll ~ein Vater~ dem Andern

nicht rathen? Ist das deutsch? So thun wir Irländer nicht! -- Aber,

sprach er, _Sie Holycock, expecten Sie! expecten Sie!_ und eilte

hinaus an die Wagen. Darauf führte er uns seine Töchter herein, etwas

scheue Wesen von über der See, an denen man wohl bewundern konnte, was

der liebe Gott, oder der Gott, der wahren Liebe auch da, wo man gar

nicht hindenkt, für allerliebste Dinge macht! Die gegenwärtigen sieben

Exemplare standen im Alter von drei bis zu achtzehn Jahren und trugen

selbst auf der Reise schneeweiße Kleider mit kornblumenblauen Bändern

um den Leib und die Hüte; so daß ich die bildschöne stillgefolgte

Kammerjungfer bedauerte, wenn ich nur dachte, wie schon meine einzige

rechtschaffene Mutter auf Reisen ihr Mädchen schor, welches, wenn

sie selber schlief, waschen und plätten mußte, und dann am Tage auf

dem Bocke schlafen sollte und einmal hinuntergestürzt war, worauf

meine rechtschaffene Mutter ihr meinen Platz im Wagen eingab. „Das

Mädchen für Sieben“ glühte jedoch über und über wie eine Rose in der

Abendsonnengluth, und hielt sich heimlich die Stirn vor Unwohlsein.

Der Baronet hatte zuerst Augen dafür, sprach mit ihr, bat uns dann

einen Arzt holen zu lassen; und ich sandte nach meinem Salomon. Seine

älteste Tochter _Dolly_ (Dorothea) hatte der _Nolly_ (Helena) aber

beim Aussteigen auf das Kleid getreten, wodurch sie es sich aus den

Falten gerissen; und obgleich hier im Zimmer von Fremden, ermordeten

sie sich bald mit den Augen und führten einen kaum moderirten Zank

untereinander, wie Fischweiber etwa während es fürchterlich blitzt und

donnert.

Da sehen und hören sie, sprach der Baronet außer sich, weswegen ich

Sie um Rath fragen wollte, da ich im Hause meines Banquiers in Hamburg

zufällig von Ihrem Schwiegersohn erfahren, mit wie viel Töchtern Sie

Gott begabt; zur Strafe oder zum Lohn -- wage ich armer Siebenvater

nur eines Siebengestirns von Mädchen nicht mehr zu sagen. Mein Bruder,

lange General in Indien, lachte mich aus und sagte nur kurz: Alles

geschieht „_right and noble_;“ Strafe und Lohn sind nur die Empfindung

der Weltfiguren in rechten oder ignobeln Menschen; so daß dieselbe

Figur Zweien, ja Tausenden verschiedene Gesichter schneidet! „Ein

gutes Gewissen ist die wahre Freiheit, und erlöst von allen indischen

Propheten und Götzen und Bonzen und ihren den Menschen gemachten

Aengsten jetzt und in Ewigkeit.“ -- Aber was da! Sind Ihnen unter

so vielen Töchtern nicht „~die feindlichen Schwestern~“ aufgelebt?

wie mir! Nach allen vergeblichen Zucht-Worten habe ich mich zu ihrem

ferneren Bessern nicht entblödet, den Bischof sie admoniren zu lassen.

Aber Sie redeten ~ihn~ stumm ja sprachlos! -- Ich habe sie Jahre lang

getrennt. -- Doch in der ersten Stunde des Wiedersehens war der Streit

ärger wie je! Ich habe sie beide hungern lassen, und in den polnischen

Bock gespannt. Seit der Zeit war es gar aus; denn Eine schreibt ~der

Andern~ ihr Unglück und ihre Schande zu, nicht ~sich~! nicht mir! Am

liebsten hätte ich sie verheirathet, beide, oder nur Eine. Aber in

meiner Umgebung nahm sie Keiner; denn in der That darf sich kein Mann

allein getrauen, was Vater und Mutter nicht im Stande gewesen. Ich

besuchte zwei _Seasons_ die Bälle in London. Aber ihr Ruf war ihnen in

Gestalt einer verrätherischen Nachbarin vorausgeeilt. Und wer seine

Töchter auf jenen großen Mädchenmarkt in zwei Jahren nicht verthan,

der ist lächerlich wenn er mit Töchtern wiederkommt, als käm’ er mit

großschnablichen Ritterdamen-Schuhen aus der ~neuern Fabelwelt~. Mein

Bruder fand die feindlichen Schwestern beide sehr schön und meinte,

ihre Feindschaft komme nur daher, daß Eine ~Sommer~sprossen habe, die

andere ~Winter~sprossen, die auch im Winter blieben. Aber er irrte,

sie waren schon Feindinnen als Kinder. Vielleicht haben Sie selbst nun

auch so ein Paar Hauszerrütterinnen gehabt, und Sie schlagen mir gewiß

nicht ab, das Mittel mitzutheilen, durch welches Sie den Unglücklichen

selbst, den fünf Schwestern, der Mutter, mir und dem ganzen Hause den

Frieden und die Ruhe, früh, bei Tische und zu Nacht als gründlicher

Vater wiedergeben!

So sprach der Lord auf englisch; und bat sich die Antwort deutsch

aus; da der Hauptgewinn, fremde Sprachen zu wissen, nur darin liege:

die Fremden zu verstehen ~und~ in seiner Muttersprache verstanden

zu werden, so daß ~Jeder~ aus vollem Herzen mit allen Vortheilen

des Ausdrucks, allem Reichthum seines Wissens sprechen könne. Etwas

verstehen, sei in allen Dingen aber leichter als es selber machen, und

die Menschen hätten jetzt zwanzigmal mehr zu lernen, als ein alter

Aegyptier, Grieche oder Jude, da die alten Goldbarren des Wissens

täglich zu unzähligen Goldschlägerblättchen geschlagen würden.

Unser Herr von Holycock erwiederte ihm, daß er ihm gern die wenigen

Lehren mittheilen wolle, wodurch er seine Töchter hoffentlich gut

erzogen, und die, aber ~unermüdlich angewandt~, wahrscheinlich

ausreichten in den Hauptsachen, um aller Welt Töchter mehr als nur

untadlich zu machen. Lieber Herr College, sprach er, wie ich gern sage

und gesagt, ich habe mein Amt begriffen und ~übernommen~; denn Ehemann

sein, ist ein Amt der wahren Liebe; Vater sein, ist ein Amt der Treue,

dem keins vorgeht, als Mutter sein. Neben diesen Aemtern darf jeder

Mensch, der Aermste wie der Reichste durchaus kein anderes übernehmen,

als so weit es sich mit diesen einzigen wahren Menschenämtern verträgt,

sonst wird er unglücklich und macht unglücklich, über alle Maaßen, auf

mehre Geschlechter. Ich bin fest überzeugt, daß auf vernünftigeren

Gestirnen schlechte Väter und Mütter enthauptet werden; denn Waisen

gerathen besser als verzogene Kinder. Ich bin aber auch überzeugt,

daß in jener Welt, die wir alle Abend und die ganze Nacht vor Augen

sehen, auch Anstalten sind, wo junge liebe Leute zu guten Eheleuten,

guten Väter und Müttern besonders erzogen werden; Anstalten die bei

uns ~auf der Erde~ noch gänzlich fehlen, als auf einem ~noch ziemlich

albernen Planeten~; und die doch nöthiger sind als alle Zuchthäuser und

Irrenhäuser, welche _post festum_ die Uebel zudecken. Wir armen Thoren

fangen alles am Ende an, wie mit der ewigen Seligkeit. Eine der Früchte

meiner paar Lehren sehen Sie schon eben dadurch -- daß Sie meine

Töchter nicht schon hier sehen.

Wie so? fragte der Lord.

Ich habe ihre Neugierde nur auf die wahren Dinge gerichtet, weil ich

behaupte: Eher sind die Menschen nicht glücklich, ruhig, noch belehrt

und erzogen, bis z. B. kein Mensch mehr nur von der Arbeit wegsieht,

und, wenn Sieben Päbste und Acht Kaiser in Parade durch die Straßen

ziehen. Diese Ruhe bei allen elenden Vorgängen habe ich meinen Kindern

am ~gestirnten~ Himmel gelehrt.

Wir wollen doch sehen! versetzte der Lord, und ging hinaus. Und bald

trug er auf den Armen eine kleine Araberin herein, eine Zwergin von 17

Jahren, die, wie er nachher sagte, ihm sein Bruder aus Aden mitgebracht

hatte. Das unvergleichlich schöne Quasi-Kind mit seinen großen Augen,

seiner wie nur angehauchten Farbe vom schwächsten Ton aus Schwarz und

Braun gemischt, seine kleinen Händchen mit Fingerchen und Nägelchen,

die der schönste Affe nicht zierlicher haben konnte, ein weißer Turban

mit Perlen umwunden, die Füßchen, die unter den weiten weißen Höschen

kaum Füßchen zu nennen waren, der himmelblaue Kafftan, der silberne

Gürtel, sogar die kostbare, im Verhältniß sehr lang zu nennende

Tabakspfeife; und die zwei so kleinen Chinesischen Zwerghündchen, daß

sie gegen den Newfoundländer füglich Infusionshunde zu nennen waren

-- das alles hatte die Töchter des Hauses gereizt, hinter dem Fenster

hervor und hinaus zu treten; und nun begleiteten sie das liebe Kind

Gottes in Jubel herein, wo es sein Herr mitten auf den runden Tisch

stellte, aber auch gern die Neugier entschuldigte, welcher sogar „ihre

Königin“ nicht widerstanden habe.

In diesen Wirrwarr kam der Herr Postmeister von Rizzi mit seinen

Töchtern, um die Eine als Braut, bis zur möglichen Heirath, mit dem

ihn begleitenden Postschreiber vorzustellen. -- Nun Gott sei gedankt,

sprach er in aufrichtiger aber etwas plumper Weise, hier geht es zu

Frauenzimmern! -- Aber das feine Benehmen des Irländers legte ihm

Anstand auf, und er verstand zu schweigen, was sein -- wie aller jetzt

klugen Leute -- größter Verstand war. Die reizende Gouvernante, Miss

_Denny_ (Isabella) brachte aus dem Wagen auch Lady _Pat_ (Martha), ihre

kranke blasse Herrin hereingeführt, die nach den Begrüßungen sehnlich

wünschte, die Frau vom Hause, die glückliche Mutter so vieler Töchter

zu sehen und zu sprechen!

Das Verlangen rührte uns alle tief. Denn sie lag in der Gruft in einem

weißmarmornen Sarkophage. Und obschon die sonderbaren und wahren Worte

mit goldenen Buchstaben über dem Eingange standen:

„~Es giebt keine Todten!~“

so empfanden wir Bekannte doch bang ~die Abgeschiedenheit der

Gestorbenen~; und es ward ernste Stille. Der Wittwer versprach ihr das

Bild auch immer noch seiner „Wittwe im Himmel“ in der Gruft zu zeigen,

was er nur bei feierlichen Anlässen oder an Geburtstagen, und nur dem

Kinde sich satt schauen ließ, dessen Geburtstag war, um es heilig zu

halten.

Indessen hatte Afanasia schon sich den Schlüssel zur Gruft geholt;

denn der Hofmeister des Baronet, ein, um wirklich schön zu sein, nur

zu langer junger Mann, mit zu schmaler Stirn, hatte ihr für den Vater

einen Brief aus Hamburg übergeben. Da sie zumeist die Nachrichten von

dort betrafen, hatte sie heimlich und schnell den Inhalt gelesen:

_P. P._ Hamburg, d. 18. Juni 184--

Wir avisiren Sie hierdurch, daß Schiff Kalypso, Capitain Ellis,

welches Ihren Herrn Sohn oder Schwiegersohn nach London überfahren

sollen, wie man sagt „mit Mann und Maus“ untergegangen ist. Die

Stürme waren zu groß, und auch wir haben empfindlichen Schaden

gelitten.

Hamster und Comp.

Nachdem die arme Afanasia sich zur Wittwe gelesen, und eine Zeit

ohnmächtig gelegen, hatte sie der ambulante Geistliche so gefunden und

zu sich gebracht. Sie hatte ihn mit einer schrecklichen Lache von sich

gestoßen, ihm den Brief hingeworfen, und sich zur Mutter geflüchtet.

Auf unserem Zuge zur Gruft -- denn ein Zug war es -- führten die

feindlichen Schwestern die Mutter, die ihre Gesundheit über sie

beide verloren. Denn beide liebten ~die Mutter~, wenigstens jetzt,

wirklich rührend. Die Aelteste litt an Kopfweh, sie überwand sich

aber, um mit der Mutter zu gehen. Der Baronet führte sich mit Herrn

von Sangallo; die wunderschöne Zwergin ~Aïscha~ mit der kleinsten

Tochter; Herr von Rizzi konnte sich nicht enthalten zu fragen: Ob

die kleine „Apfelsinerin,“ oder „glückliche Araberin“ denn gar nicht

zu verkaufen wäre? Er wüßte jemand, der den höchsten Preis für

dieselbe bezahlen würde. Er habe die Ehre den Verstorbenen manchmal zu

kennen, der Personen und Verhältnissen, selber der Natur gern einen

unschuldigen Zopf anhänge. Diesem würde nichts willkommener sein, als

eine Zwergenhochzeit, nebst fürstlich gefeiertem Brautlagerchen, und

als dann ein winziges Kindtaufen und eine neukindische Menschenrace,

da er schon den Stammhalter, den kleinen Adam zu dieser Eva in

seinem Schlosse besäße, oder zu Mann und Vater geliehen bekomme; den

reizendsten kleinen Hampelmann, der je drei Käse hoch gewesen. Ihm

thue der kleine -- doch auch Mensch -- leid, welcher sogar in dieser

mädchensteinreichen Zeit, kein Mädchen, nicht einmal eine arme Wittwe

zur Frau finden könne.

Die beiden Väter aber wandelten langsam in ihr Gespräch vertieft.

Herr von Sangallo sagte ihm, in Bezug auf die feindlichen Schwestern,

deren fast in allen Häusern wären: „Von der Geburt des Kindes muß ~die

Erziehung~ anfangen; dann sind Vater und Mutter mit dem dritten Jahre

in allen Hauptsachen damit fertig. Kenntnisse und Erfahrungen sind ein

Anderes; diese gehen ihm dann von Menschen und Welt zu. In den ersten

Jahren müssen Neigungen und Abneigungen, Scham und Ehre, Recht und

Unrecht, schon entschieden gestimmt und gerichtet werden. Wer das

Gute zu erregen, hervorzutreiben und entfalten versteht, was jedem

Menschenkinde eingeboren ist, der hat sogar nicht Irriges oder Arges

nieder zu halten -- es erscheint da gar nicht! Eltern, Geschwister,

Beispiele sind die entscheidendsten unaustilgbaren freien Lehrer des

Menschen nach seiner Epiphanie, oder Erscheinung auf Erden. Aber da

denkt man: Was ist schon so einem stummen dummen Wurme zu lehren? Das

kleine Männchen oder Weibchen zermalmen wir sogar immer noch! Es hört

nicht, es sieht nicht, es ist kein Geist aus dem Himmel. Zu spät,

ist Erziehung -- unmöglich. Jedoch will ich Ihnen sagen, was mir in

ähnlichem, eingeschlichenem Falle geholfen. Ich bin mit meinen Kindern

krank gewesen, mit tausend Vaterleiden; Ich bin mit ihnen gesund

geworden, mit tausend Freuden. Meine Kinder sind mir, wie Blumen, alle

wie fühlbar in der Brust gewachsen, und stehen noch darin. Ich bin auch

mit ihnen krank an Gemüthe gewesen; und ich habe immer Denen zumeist

und einige Zeit ausschließlich gehört, die den Vater bedurften, während

mein Auge die andern nur leicht überwachte. Verlassen Sie sich in allen

Dingen in der Welt am liebsten auf die ~bessern~ Menschen. Das ist

kürzer und sicher. Denn ist von Zweien schon nur ~Eins~ vernünftig und

fest, dann müßte das Andere ein Wolf sein, wenn es den Treuen, Sanften

noch anfiele! Ich habe mit der ~sanftmüthigeren~ Tochter der beiden

„feindlichen“ hinlängliche Zeit allein gewohnt, von früh bis zu Nacht

und wieder zum Morgen, und kaum etwas anderes gethan, als ihr ihre

Fehler in allem Unrecht, in allen Folgen recht klar gemacht; aber ohne

Hinterhalt klar und wahr. Und als die Ueberzeugung davon sich in ihr

~befestigt~, entließ ich sie mit der Lehre: „~Sage und thue deiner

Schwester nur das, was ihr gut und lieb ist.~“ Auch ~das~ überwachte

ich einige Zeit, ~half es ihr ausführen~ -- und ich hatte nicht nur

zwei Herzen gewonnen, sondern alle bemühten sich noch eifriger sie zu

übertreffen! Die ~schlimmere~ Schwester besiegte die Scham, und nach

mancher noch heimlichen Thräne, war sie mein liebstes Kind!“

Also haben Sie auch ein liebstes Kind? Das freut mich! sprach der

Baronet.

„Ach, das, ~dem die Mutter gefehlt hatte~! Diesem mußte ich mich ja,

billig und recht, mehr hingeben! Ich denke immer, wer Männern treue

verständige Weiber, und Kindern liebevolle glückliche Mütter erzogen,

der hat mehr gethan, als der Bildhauer Bernini, Thorwaldson oder --

Cornelius, deren Werke nicht weiter zeugen, nicht Gefühl und Seele

haben, wie die Türken sagen, ~noch glücklich sind~. ~Die Lebendigen~

sind die wahren Kunstwerke, denn sie leben, statt in der Vorhölle,

gewiß in dem Vorhimmel, wenn nicht geradezu einzig und allein in dem

~wahren~ Himmel. Meine Tage, meine Nächte, meine Arbeit und Sorge ruhen

in meinen Kindern, sie sind in die übergegangen, sie sterben nicht mehr

mit mir, nicht mit ihnen; sie stehen in vielen noch auf. Das ist die

Auferstehung des Geistes.“

In einer Gesellschaft werden viele Interessen zu gleicher Zeit

verfolgt; Reisende müssen Augen und Ohren immer offen haben, um jede

Gelegenheit zu ergreifen; und so hatte die Gouvernante und der lange

Pädagog sich zuerst an die demüthige kleinlaute ~Brigitte~ gewandt, und

bald von ihr herausgebracht, daß sie gern die Stelle einer Kammerfrau

bei der Lady ersetzen und mit nach Italien gehen wolle, schon weil

sie da in der Fremde diente und vor ihren Bekannten nicht zu Schanden

geworden erschien. Sie hatte sich aber hohen Gehalt bedungen, welcher

dem Vater in voraus hier ausgezahlt werden und erlöschen sollte,

auch wenn sie, ohne ihn abverdient zu haben, in der Fremde ~stürbe~.

Das gute arme Kind! ~Das~ mußte es wohl vermuthen! So mußte rasch

verhandelt worden sein; denn jetzt traten, Lehrer und Lehrerin, beides

Deutsche und Protestanten, mit dem schönen glühenden Opferthiere vor

den Baronet, es ihm vorzustellen. Er genehmigte alles, wenn Brigitte

seiner Frau gefiele -- (ob die Frau ~ihr~ gefiele, davon war keine

Rede) -- und wenn wir, namentlich ich, ihr ein gutes Zeugniß gäbe! --

Das verwirrte mich, und mein mündliches Zeugniß mochte wohl so feurig

und wundersam ausgefallen sein, daß mich Herr von Stifter zupfte, und

mir darauf bei Seite sagte: Mit Erstaunen habe ich Sie den schönen

Pädagogen mit grimmiger Eifersucht betrachten ja beneiden gesehen! Sie

hätten ihn lieber ermordet! Lieber junger Freund, wie viel Schönes

müssen wir Andern in der Welt überlassen! Ja wenn wir Einzelnen alle in

tausendfacher Gestalt lebten, so würden wir noch nicht glauben: Arme

und Lippen genug zu haben! Wir scheitern alle an der Unmöglichkeit.

Aber Eifersucht und Neid vollenden oft das, was die Liebe nicht thut;

denn was wir glauben auch entbehren zu können, ~das wollen wir doch

keinem Andern lassen~, zu solchem Besitz, woran nur zu denken uns Angst

macht!

Heute verstand ich ihn noch nicht; und wozu mich der Tag für Tag

ängstlicher werdende Mann gern erwecken wollte, und manchmal wiederum

nicht; aber da sah ihm der Schelm aus den Augen. Ich sah jetzt nur

wirklich mit Neid und Leid das arme Mädchen der Lady vorstellen.

Ihr voriges Gespräch fortsetzend ersuchte der Irländer jetzt einen

„Collegen“ Herrn Holycock, ihm diejenigen Hausregeln zu sagen, die er

bei seinen Töchtern bewährt gefunden.

Ohne Auslegung ist das mißlich; antwortete ihm der Hausvater. Doch will

ich Ihnen bewährte Worte sagen. Es sind etwa nur ihrer Zehn:

1) Mutter und Vater müssen sich lieben, innig und gesund sein und

Verstand haben!

2) Bei Tische darf nichts Unangenehmes des Hauses ausgethan werden.

Essen ist ein wichtiges Werk.

3) Mutter und Vater dürfen in Gegenwart der Kinder sich nie

widersprechen, daß beide heilige Götterbilder bleiben.

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle · 第 15 / 18 题