Deinem

glücklichen Manne

L. v. Rheingraf.

Afanasia weinte. Die Schwestern schwiegen betreten. Selbst der

Generalvater bedauerte, daß er nicht gleich den Schwiegersohn zu sich

genommen, wie ein alter Patriarch. Wir beritten nach einigen Tagen die

näheren, angenehm gelegenen Gehöfte am See, am Wald und an den Bergen,

die er auch aus ältern Gebäuden hatte zu freundlichen bequemen, ja

geräumigen Familienwohnungen einrichten lassen, welche aber alle noch

nicht völlig ausgebaut, nur unter Dach standen. Jeder dieser Villen,

hatte er den Namen von einer seiner Töchter beigelegt; und so sahen

wir von früh bis Abend die reizenden Höfe: Amalienhof, Alwinenhof,

Antonienhof, ja sogar einen ~Armidenhof~, der mir überflüssig schien,

und die anderen; bis wir bei Sonnenuntergang in Afanasienhof am

längsten verweilten, in dessen, im venezianischen Styl erbauten

Wohnhause nur noch die Möbel fehlten. Aber schon die Spiegel standen

unausgepackt da, und die Teppiche zusammengerollt. Er zuckte die

Achseln und wir ritten heim. Da war schon wieder ein Brief aus Hamburg

von Rheingraf an Afanasia gekommen, im Comptoir des Banquier Hamster

und Comp. geschrieben, aber abrupt, phantastisch, mit einer unendlichen

Abschweifung über den Namen ~Kalypso~, über schöne englische Mädchen

und eine Zwergin. Mein Chirurgus Salomon, um Armida willen freilich

nicht mehr mein Freund, der gegenwärtig war, flüsterte mir dennoch

ins Ohr: Der Brief ist nicht geheuer! oder ~der~ wohl, doch nicht der

Briefsteller! -- Die Freude über die mitgesendeten Geschenke aber ließ

alles vergessen.

Darauf kein Brief von London! In 14 Tagen kein Rheingraf. In 4 Wochen

keiner! Da weinten die beiden Wittwen wieder. Afanasia kam blaß, mit

verweinten Augen. Sie saß mit den Wittwen spät bis in die Nacht an

der marmornen Pforte; oder sie gingen alle Drei den Weg weit hinaus in

die Kornfelder bei Wachtelschlag ihren Erwarteten entgegen. Aber die

Schwestern hüteten sich wohl, Afanasia schon durch das Lied zu betrüben:

Hier bist Du hinaus gegangen --

Wann kommst Du hier wieder herein?

Denn der ambulante Pastor stärkte sie durch den Trost: Ohne Probe, ohne

Bewährung keine geistliche noch weltliche Medizin! Jetzt ist eben die

Zeit des Glaubens! Auch Armida und Brigitte hielten sich jetzt fast

geheimnißvoll zusammen. Sie sah mich zuweilen verstohlen an; sie ward

immer stiller, ja dienstbarer, aber dagegen nur strenger, ich möchte

sagen enthaltsamer gegen mich. Alles war ja so natürlich; alles war so

natürlich zugegangen, treu und tüchtig, wahr und offen -- und nur ~der

Ambulante~, der Nox, war der Narr; und Narren stecken an wie Kranke.

~Das~ will man ~nicht glauben~, oder gerade hoffen so Manche von dieser

Ansteckung die Weltrettung! Wenn nun auch Rheingrafs Ueberfahrtschiff

in den letzten Stürmen mit Mann und Maus im sogenannten deutschen

Meere untergegangen wäre, sprach mein Pastor zu mir, dann ist alles

und jedes wohl und weise hergebracht, und Ursach- und folgerecht

durch- und ausgeführt; so daß, wer den Vorgang durchschaute, jeden

Wassertropfen, jeden Windeshauch dabei heilig sprechen müßte. Aber,

aber -- Sie, mein theurer Herr Patron, sind wahrscheinlich als

Brautwerber und Junggesell schon ein Wittwer! Denn obgleich diese

Anhäufung einerlei Geschickes mehrer Schwestern in einem Hause nichts

ist, als für Jede Einzelngeschehenes und gewiß nicht geschehen, um

uns auf’s Neue zu Narren zu machen; so ist die Sache den Schwestern

doch aufgefallen. Sie wissen, der Vater ist nach Auskunft, aber ohne

Auskunft zu erhalten, mit ~Afanasia~ zum Herrn in unser Hauptstädtchen,

_vulgo_ Residenz, gereiset. Warum hat sich ihr ~Arminia~ vor allen zur

Begleiterin aufgedrängt? Aus Herzensdrang mein’ ich. Auch sind sie

auf ihren Betrieb auf dem Heimweg über G.... gereiset, die angebliche

Geburtsstadt des Pabstes Gaganelli. Dort hat sie sich etwas in der

Apotheke gekauft, um sich zu überzeugen, daß der Apotheker als ein

redlicher Bruder alle seine Schwestern bei sich im Hause hat, deren

Dreien die Männer alle in den Honigwochen gestorben sind; und nun

heirathen die andern drei Schwestern durchaus nicht, weil sie sich als

eine Art schöner Tod oder süße Mörderinnen vorkommen. ~Das~ ist wahr,

_sub fide pastorali_, und Sie können sich von der Sache durch eine

kleine Reise dahin, alle Tage überzeugen und die reichen armen Wittwen

und schönen armen Nonnen sehen und sprechen. Auch wissen es alle Leute.

Und nun sind für Sie die albernen Folgen: Liebt Arminia Sie ~nicht~,

so sagt sie Ihnen nicht das kleine _a_! ~Liebt~ sie Sie, so sagt sie

das kleine _a_ ~noch weniger~. Dazwischen werden Sie zu zweifeln

haben, und vom wahren Grunde nie Gewißheit erlangen. Auch gefällt

meiner scharfsehenden Frau gar nicht der Haß, den Arminia und Herr von

Stifter so verwunderlich gegen einander hegen. Meine Frau schüttelt

den Kopf. Ich muß es Ihnen sagen.... und mögen es die kommenden Monde

nicht erklären: Sie hat Arminia, die Hände vor der gesenkten Stirn

verwendet, stehen gesehen, und der Stifter hat mit rollendem Auge in

die Ferne sehend, sich mit zwei Fingern die Unterlippe gestrichen; das

bedeutet große Verlegenheit. Das Bewundertwerden, das Angebetetwerden

erweicht Steine; und gerade ~Sünder reißen Göttinnen aus dem Himmel~

--, und berufene selbst ältere Sünder sind Engeln aus Phantasie

croquanter als junge unschuldige Engel. Zwar, Tropfen höhlen Steine

aus, aber Ueberraschung sprengt Felsen. Das Unglück ~kommt~ rasch,

aber es ~bleibt~ unermüdlich lange. -- ~Zwei~ Weiber irren schwer! Ihm

soll wohl eine Scheidung alles tilgen. ~Folglich~ würden Sie dann wohl

ihre Freundin Brigitte ~heirathen~, alles thun und alles empfangen,

was dieses reichste aller Wörter der Menschen in sich faßt. Meine Frau

meint: das edle arme schöne Kind liebt sie von Herzen. Uebrigens, _ad

hoc_, etwas Neues im Dorfe: Die alte Mutter Heidemann ist mit Händen

und Füßen, wahrscheinlich auch mit der Zunge dagegen gewesen, daß ihre

Tochter ~Siegemunde~ einen armen lieben jungen Menschen im Dorf, den

Ehrenfried, hat heirathen dürfen -- heute morgen haben die Fischer die

Tochter todt aus dem See gezogen! Sie liegt noch am Ufer, und der arme

Ehrenfried und Siegemundens Bruder Bernhard sitzen da neben ihr weinen.

Hier haben Sie das Fernrohr.

Durch das Fernrohr sah ich nun die blasse Todte mit grünem langen

Grase in den langen Haaren -- und die Weinenden. Auch die Mutter kam,

blieb unter einem Baume stehen, sah mit finsterm Gesicht hin, ob es

möglich, ob es wahr sei? und trug das erstarrte Gesicht auf den alten

wankenden Beinen in den vielgrünen sonnigen Wald. Und mein Pastor sagte

mir: In dem mehr als man geglaubt verständigen China würde Ich, sammt

Ihnen und vielen Obern jetzt abgesetzt, weil wir auf solche Dinge des

Hauses nicht Acht gegeben; weil wir unsere Leute nicht gekannt. Die

Mutter geht nun frei aus; denn bei uns, bei mir und Ihnen hat sie

Nichts begangen! Aber sein Sie versichert, es ist der erste Fall,

der, oder ähnlicher Art in meiner Gemeinde. Ich fühle, was alles ein

evangelischer Geistlicher sein kann und soll. Jetzt essen wir unser

Brot fast mit Sünden. Uns fehlt die Kenntniß, der nahe Verkehr mit den

Menschen, die Einwirkung ~zur rechten Zeit~; denn was Alle ~überhaupt~

sollen, das wissen alle Menschen jetzt auswendig! Wir sind in Trägheit

versunken, weil wir die Dinge erwarten, die da kommen sollen! Wir

sitzen da wie arme Leute, denen das Haus abgebrannt ist. Das kann und

wird kein Verständiger läugnen.

Er war kaum fort, als der arme Herr von Hase zu mir kam, mir zu sagen,

daß er mit Brigitten mein Haus verlassen werde. Ihn werde sein Bruder

zu sich nehmen. Brigitte hoffe einen Dienst zu finden. -- Konnt’ ich

das hindern? Hätte ich sogar ihm sein Gut wiedergeschenkt, so fühlte

er sich erst recht bedrückt. O wer bedenkt das Wort: Erst der Arme und

Unglückliche bedarf erst recht der Freiheit, der Ruhe der Seele.

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle · 第 14 / 18 题