IX.

Der betrogene Freier.

Ich weiß nicht, was mein Schwiegervater in spe zu dieser Wiederholung

alter verschollener Wunderlichkeiten gesagt, da ein wegen seiner

Armuth an Geist und Geld schonenswerther Anverwandter sie wieder in

das neueste klare Leben eingeführt, „weil er der Meinung gewesen und

noch war und blieb: daß alle alten Wunder auch für uns Neue geschehen

seien, bei uns eben so gut wie jemals geschehen könnten, ja müßten.“ So

referirte mir mein Pastor und setzte hinzu: Auf der Nachhochzeit fand

ich den Herrn Engel Tobiä mitten unter den Candidaten triumphirend im

Garten. Ich hatte da zweimal zu erstaunen. Einmal über ihn, der sein

Unternehmen für wahr und bewiesen hielt, da es Gläubige gefunden; und

er habe es nur „auf vielfaches hohes Begehren ausgeübt.“ Er klagte

sich dabei selbst seiner Freigeisterei an, da er es mit der Leber

des rechten Fisches nicht so genau genommen; aber die Leber könne

doch nicht der wahre Wunderthäter sein, als eine bloße verächtliche

Natursache! Uebrigens müsse die Religion dem Menschen in allen

Fährlichkeiten, wo kein anderes Mittel ausreiche noch ausreichen könne,

ja eben Hilfe bringen! Besser Etwas als Nichts! Ja der Glaube erfülle

das Nichts, der Glaube sei etwas allein für sich selbst, und wenn

ihm die ganze Welt geradezu widerspräche. Und hier sei sichtbar, daß

die lieben besorgten Mädchen nun getrost freien, und zuversichtlich

ihre Liebhaber zu Männern nehmen würden, wovon sie außerdem eine

unerklärliche zwar, aber durch die Vorgänge der Todesfälle der Männer

der schon verheiratheten Schwestern unläugbar über sie gekommene

Furcht gerade um so mehr abgehalten haben würde, je mehr sie ihren

Bräutigam geliebt. Denn das sei doch keinem, nur einigermaßen es mit

ihrem Geliebten und sich selbst wohlmeinenden Mädchen anzumuthen,

daß sie gerade durch ihre Heirath, als dem alles hingebenden, alles

ihr erwerbendem Act des Lebens, ihren Mann umbringen wolle! Und aus

allen diesen Gründen bitte er sich von sämmtlichen Herren Freiern der

schönen Mädchen einen guten Kuppelpelz aus, deren einer ein wirklicher

Schafpelz sein könne, da ein alter mit sibirischer Katze gefütterter,

und einst anständig vorgestoßener, zu nichts mehr tauge als auf das

Backfaß zu decken.

Das Zweitemal war mein Pastor über die unirrbare Sicherheit und die

vollkommene Duldung der Herren Candidaten erstaunt. Die überaus nobeln

jungen Männer, erzählte er mir, lächelten aus ihrer wohlerrungenen

Sicherheit des Geistes, sie zuckten nicht einmal die Achseln, eine

Geberde, die jetzt oft sogar in Gesellschaft hoher Personen heimlich

geübt, mit Schadenfreude bemerkt wird. „Der liebenswürdige Herr

Markwort, Lehrer bei dem Präsidenten, sprach nur: Es ist weit gekommen;

aber ~es giebt kein Rückwärts~. Es wird ~noch weiter~ kommen; aber

es giebt noch keinen Weg in die Vorzeit, ~nur in die Zukunft~. Kein

Greis ist mehr zu einem Kinde zu machen, als im Lande der Poesie --

in Nirgendheim, wo bekanntlich alle Alten, Männer und Weiber, jung

gemahlen werden. Unser armer Freund ist ~ein Poet~; er gehört zu jenen

lieben Menschenkindern, welche die Poesie ins Leben einführen, als

Leben ausführen wollen.“

„Nichts wäre trauriger, sprach sein Freund, Herr Mährhold, Lehrer bei

dem Superintendenten, als die Poesie aus der Seele vertilgen ~wollen~;

denn das ~Können~ widerlegt jedes neugeborene Kind ~bis ins Zehnte

Jahr~. Auch wir Erwachsene glauben dem Homer, wenn er uns in seine

Tage versetzt hat, und das sind wir in Constantinopel so fähig wie in

Rom. Wir glauben dem Sophokles ~im Theater~ von Berlin so gut wie in

Paris; wir glauben dem Schiller, einer Jungfrau, einem Posa, einer

Braut von Messina in Dresden so gut wie in Wien. Alle ohne Ausnahme

in Prag und München glauben ihm, ja selber der Papst in Rom glaubte

ihm, wenn er deutsch verstünde. Aber Poesie ist Poesie in allen Dingen

ohne Ausnahme. Und der ~große Prozeß, den die Deutschen führen~ und

unfehlbar glorreich ~gewinnen~, ist der Prozeß: ~Poesie und Wahrheit

zu scheiden~, und jede einzeln hoch und herrlich und heilig den

Menschen aufzustellen, oder doch die Piedestale dazu zu gründen und zu

bauen. Woran aber auch nur ein Mensch ~mit Grund~ zweifelt, das ist

nicht Wahrheit. Was der ganzen Welt unmöglich, ihren Gesetzen zuwider

ist, das ist Winkelwahrheit, nicht einmal Poesie. Ist denn nun die

nicht mehr aufhaltbare Scheidung ein Unglück, da die Menschheit beide

geschiedenen Dinge wie zuvor ~behält~, ja noch herrlicher, reiner,

himmlischer in Besitz nimmt! Wer kann da von Unheil sprechen? Wem lähmt

sein verlachtes Bemühen nicht Geist und Hand? -- Es ist kein Ernst,

kein heiliger Ernst in dem Wort: „Rückwärts! -- Werdet alt!“ „Werdet

Kinder.“ -- Die Verlachung lauscht schon im Schweigen.“

„Der Dritte, Herr Wöllner, unvergeßlichen Namens, jetzt Lehrer bei dem

General, sprach: Was wollen, was sollen, was können die Menschen? Was

bedürfen sie alle und Jeder? ~Das Leben!~ nichts weiter. Zum Leben aber

die Lehre, um es schön und rein und richtig zu leben. Aber auch ohne

Todesfurcht. Gegen diese aber nur Vertrauen, Ueberzeugung: daß sie

sind und daß die ganze Welt ist und bleibt. ~Die Poesie~ hat zu dem

rein „richtig“ und sicher zu leben alle Kraft verloren, oder vielmehr

sie nie dazu besessen; nur zum schönen frohen Leben. Das Volk, denn

in das Volk ist schon die Kunde vom größeren ewigen Himmel und seinen

Folgen auf Erden gedrungen, und bei ihm nie mehr auszurotten: Das Volk

könnte leicht Alles mit Allem verwerfen. Darum bedarf es jetzt nur der

Wiederanknüpfung ~der Sittlichkeit, als des Höchstnothwendigen~ zu

einem würdigen Leben, an den ewigen Geist; und dazu nur der Erkenntniß:

daß aller Geist, Geist Gottes ist. So ist die Verpflichtung, die neue

Vereidung vollbracht.“

„Und sie wird vollbracht werden, hat der Vierte, Herr Wolkamp,

Lehrer bei dem Herrn Geheimrath gesagt. Endlich, nach vielen

Widerwärtigkeiten, vielleicht Gefahren, und tausend bitteren

Erfahrungen unserer Feinde, vielleicht eher als sie und wir es

vermeinen, dürfen wir auf die Anerkennung der Legitimität auch ~der

Vernunft~ hoffen. Wenn dann die Einsicht klar und in allen siegreich

geworden: Auf den unzählbaren großen Gestirnen giebt es Billionen

Religionen mit Trillionen Bekennern, deren Jeder dennoch auf seine

eigene Weise den Geist der Welt und die Welt, in seinem Geiste

versteht, mit göttlicher Berechtigung; und: Gott hat keine Armee

Gläubiger mit gleichfarbiger Uniform und derselben Parole; sondern

jeder Geist ist freier ewiger Geist der Welt selbst; dann werden

wir armen oder reichen, viel reicheren Geister erscheinen dürfen;

~wer Recht thut~, wird frei sein mit Hand und Zunge zum Bekenntniß.

Jeder wird den Anderen helfen zu leben wie Geschwistern, aber ihren

Wahn wird er ihnen vorstellen dürfen, sanft und treu, und unverfolgt

und ungefangen. Denn keine Unwahrheit ist heilig; jeder Irrthum und

Aberglaube ist Seelentodtschädlich, unwürdig und ~überflüssig~.

Nichts Ungewisses, Bezweifelbares, Verdächtiges kann die Grundlage

des Lebens sein. Das Aufgeben aller Vernunft, die Verzweiflung führt

nimmer zur Ruhe und Seligkeit. Eine Verzichtung auf den lebendigen,

heutlebenden und ewig sich offenbarenden Gott und seine Verläugnung

trägt ihren Fluch. Eine Absperrung in ein von Fanatikern mit Brettern

wohlvernageltes Haus mit künstlicher Lampe, worein kein einziger

anderer Sonnenstrahl hineindringen soll, ist durch seine Idee schon

das Haus der Angst und des Todes und des sicheren Verfalls. Ja, es ist

der Menschheit besser, daß Jeder dem Andern zu Leben und Glück und

Freude von Herzen hilfe, und weniger stolzüberhoben zu sein, ja sich

weniger sicher zu dünken -- als Andere zu hassen, verachten, verfolgen,

ihr Vaterland zu unterwühlen, ihr Lebensglück zu bedrohen, und blos

darum, damit sie dereinst nicht auf göttlichem unfehlbarem heiligem

Wege, sondern nur auf ihre besondere Methode in den Himmel gekommen

erscheinen. Aber nur Gott giebt Erde und Himmel, Gott giebt das jetzige

Leben so gut wie das ewige. Doch Geduld! Meine Deutschen alle sind ein

unüberwindliches Volk; sie kennen, wie die Aegyptier, keine heiligen

Ochsen, und ziehen still wie Rinder sacht aber stet und unablässig

ihren Strang.“ --

„Da hat ihm der Fünfte, Herr Haltaus, der Lehrer des Consistorialraths

gesagt: Ein Volk ist langlebig, und hat mit Recht Geduld. Wir Menschen

brauchen alles schon in unserem Leben und haben die Ungeduld nicht

ganz mit Unrecht. Unter zehn Jahren nach unserer Würdigerklärung für

das Amt finden Wenige ihre Werkstatt. Uns insonderheit aber bleibt

nichts übrig als unsere Anwartschaft aufzugeben, und anders wie im

Volke zu nutzen. Auch erkläre ich ehrlich und fest: ~Ich will mein

Weib nicht einer Albernheit verdanken~; so gut wie mein Amt nicht,

meiner, um Brot an den Nagel gehangenen, in der Tiefe der Seele

verwundeten Ueberzeugung; einem bösen Gewissen, einem falschen Schwur.

Es ist schändlich seine „Obern“ zu betrügen, schändlicher, das Volk;

am schändlichsten ein Betrüger zu sein. Die Erde hat noch Brot für

aufrichtige redliche Männer. Das Land zwingt keinen zum geistlichen

Stande, was aber mit dieser Zeit nöthig werden könnte. Wer sonst zu

allem zu dumm war, ward Theolog, oder Oekonom. Jetzt möchten und müssen

das die ausgezeichnetsten Köpfe sein. Aber nur die Reichen können

fortan studiren. Vielleicht schade um die Köpfe der Armen, deren Genie

ihr stupender Reichthum ist. Aber welche Aussicht für die Reichen!

Welche feine Anstalt: sie zur Bildung und Arbeit zu zwingen! Darum

spreche ich gern wie Du „doch Geduld.“

Und so haben sie das Gespräch mit einem stillen feinen Lächeln

beschlossen, wozu der ambulante Geistliche ein frommes Lied bald leise,

bald laut gesungen. „Das rührte mich, aber berührte mich nicht; und

klug ist, der Welt ihren Lauf zu lassen.“ So referirte mir mein Pastor.

Mir war eigen zu Muthe -- ich liebte! Dessen war ich gewiß. Denn wer

ein Mädchen wirklich liebt, der fühlt die äußerste Ehrfurcht vor ihr,

so, als schwebe sie als Göttin um ihn, und schaue ihm immer zu. Er

lebt im höchsten Anstand. Wer seiner Geliebten gegenüber ungeheuer

essen kann, von dem glaube sie ja nicht daß er sie liebe. Er ist

aller Dinge satt, von allen Dingen selig. Kaum ein Wort kann er ihr

stammeln, als sei jedes unwerth der Schönheit und des Himmels, in dem

er mit ihr zu wandeln hofft, selige Jahre lang. Wer einem Mädchen

vermag, Schmeicheleien vor Andern freilich ihr am bestechendsten, in

das Angesicht zu sagen, der liebt sie nicht, der will sie nicht ~ganz~,

nur ~Etwas~ von ihr, der erscheint nur ein bezauberter holder Betrüger

des holden Menschenkindes. Doch mir erging es eigen. Ich konnte auch

der schönen ~Brigitte~ Wörtchen sagen! Auch ihr gegenüber war mir die

Brust so voll! Geschah mir das, weil sie Arminias Freundin war? Oder:

wem Eine Jungfrau als ein göttliches Wunderwerk in aller Herrlichkeit

erschienen ist, dem ist dadurch jede Jungfrau, jedes Weib, als heilig

einem Andern, heilig geworden, und jedes Kind, als ein Menschenkind,

wunderbar und theuer? Wenn die wahre enge gefangene und befangene Liebe

~zu Einem~ auf Erden solche Freude ausgießt über die ganze Welt, uns

alle Anderen so glücklich und himmlisch erscheinen läßt -- o, welcher

andern Liebe bedarf da es noch, als ~dieser~ Liebe zwischen Jüngling

und Jungfrau, daraus Mann und Weib wird, die Kinder werden, und das

ganze gesegnete Menschengeschlecht!

Ich mußte diese Stelle aus meinem Tagebuche, oder wahrer gesagt: aus

meinem geheimen ~Nächtebuche~ hieher setzen, um darzulegen, welche

meine Empfindungen bei den nun folgenden Ereignissen waren, und wie

sie mir halfen klar zu sehen und zu meinem guten Weibe zu gelangen. Um

aber von mir zu erzählen, muß ich von einem Stück Welt oder einem Stück

Leben Anderer erzählen. Denn der Wind der uns hier umsauset, ist ~in

der Ferne~ bereitet; die Wolken, die heute über uns ziehen und regnen,

sind weit im ~Weitem~ gemacht; und die Rose die heute aufblüht, war

gestern eine Knospe!

Der gute Herr unseres kleinen Vaterländchens hatte nun eine

treuauszurichtende Versendung nach England. Niemand war ihm empfohlener

als ~Rheingraf~, leider der neue Ehemann, der eine Nachtpoststelle

bekleidend, alle Morgen zu seiner Frau Afanasia gekommen, alle Abende

von ihr geritten war.

Uns Brautwerbern ward an dem geplagten Freunde die jetzt noch so

geplagte Männerwelt recht deutlich und innig leid. Die größte Sclaverei

ist wohl, um Brot seine Zeit, seine einzigen Tage mit Seufzen

hinzugeben. Wer nicht Herr seiner Zeit ist, der ist der Unglücklichste.

Und wie viele treibt nur die Noth, ~nicht der innere Beruf~: Weib

und Kinder am Morgen früh zu verlassen, am Abend spät erst müd’ und

verdrossen wiederzusehen; verheirathet zu sein -- wie ohne Weib;

Vater zu sein -- wie ohne Kinder; sie nicht lehren und erziehen zu

können. Offenbar ein noch nicht wohleingerichtetes Verhältniß, das

seiner Ausgleichung harrt. Wie viel glücklicher als alle dergleichen

scheinbarreichen aber wahrhaftarmen Leute, ist das allgemeine Volk

auch darin! Der ganze Stand der Handwerker, welcher Stiefeln, Kleider,

Töpfe, umgeben von Weib und Kindern, macht; das Landvolk, das mit

Frau und Kindern zufrieden sich müht; denen vereint die Tage des

Lebens vergehen, das jede Stunde des Lebens mit ihnen genossen. Indeß

tröstet die Andern der Stolz, das Geld, die Ehre, die Macht, und

die Einbildung: Herren und Köche des Lebens zu sein; oder die Opfer

für alle Unmündigen, Unverständigen und Argen. Was überhaupt noch

unentbehrlich erscheint, ist ihnen eine freiwillig übernommene Pflicht.

Schweigen wir vor ihnen ja von dem Glücke: „seines Lebens fleißige

weise Herren zu sein.“

Zu diesem Bedauern kam bald darauf ein kleines Billet vom Postsecretair

Rheingraf an Afanasia aus der Stadt. Sie hatte es dem Generalvater,

wie wir den Hausherrn nannten, mitgetheilt, dieser den Schwestern,

diese dem Engel Tobiä, dieser ließ uns, mit Stolz auf seine Kunst, die

wenigen Worte lesen:

Liebes Weib!

Ich komme 14 Tage längstens nicht. Der Herr versendet mich nach

London. Er selbst war so huldreich bei der Abfertigung! und

was ist denn heut zu Tag Reisen? Er versprach mir die nächste

Postmeisterstelle und lächelnd bis dahin eine Tagpost. Dann komme

ich alle Abend! Ich bin mit allem wohlversorgt. Bleibe indessen

gesund und treu

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle · 第 13 / 18 题