Der betrogene Freier.
Ich weiß nicht, was mein Schwiegervater in spe zu dieser Wiederholung
alter verschollener Wunderlichkeiten gesagt, da ein wegen seiner
Armuth an Geist und Geld schonenswerther Anverwandter sie wieder in
das neueste klare Leben eingeführt, „weil er der Meinung gewesen und
noch war und blieb: daß alle alten Wunder auch für uns Neue geschehen
seien, bei uns eben so gut wie jemals geschehen könnten, ja müßten.“ So
referirte mir mein Pastor und setzte hinzu: Auf der Nachhochzeit fand
ich den Herrn Engel Tobiä mitten unter den Candidaten triumphirend im
Garten. Ich hatte da zweimal zu erstaunen. Einmal über ihn, der sein
Unternehmen für wahr und bewiesen hielt, da es Gläubige gefunden; und
er habe es nur „auf vielfaches hohes Begehren ausgeübt.“ Er klagte
sich dabei selbst seiner Freigeisterei an, da er es mit der Leber
des rechten Fisches nicht so genau genommen; aber die Leber könne
doch nicht der wahre Wunderthäter sein, als eine bloße verächtliche
Natursache! Uebrigens müsse die Religion dem Menschen in allen
Fährlichkeiten, wo kein anderes Mittel ausreiche noch ausreichen könne,
ja eben Hilfe bringen! Besser Etwas als Nichts! Ja der Glaube erfülle
das Nichts, der Glaube sei etwas allein für sich selbst, und wenn
ihm die ganze Welt geradezu widerspräche. Und hier sei sichtbar, daß
die lieben besorgten Mädchen nun getrost freien, und zuversichtlich
ihre Liebhaber zu Männern nehmen würden, wovon sie außerdem eine
unerklärliche zwar, aber durch die Vorgänge der Todesfälle der Männer
der schon verheiratheten Schwestern unläugbar über sie gekommene
Furcht gerade um so mehr abgehalten haben würde, je mehr sie ihren
Bräutigam geliebt. Denn das sei doch keinem, nur einigermaßen es mit
ihrem Geliebten und sich selbst wohlmeinenden Mädchen anzumuthen,
daß sie gerade durch ihre Heirath, als dem alles hingebenden, alles
ihr erwerbendem Act des Lebens, ihren Mann umbringen wolle! Und aus
allen diesen Gründen bitte er sich von sämmtlichen Herren Freiern der
schönen Mädchen einen guten Kuppelpelz aus, deren einer ein wirklicher
Schafpelz sein könne, da ein alter mit sibirischer Katze gefütterter,
und einst anständig vorgestoßener, zu nichts mehr tauge als auf das
Backfaß zu decken.
Das Zweitemal war mein Pastor über die unirrbare Sicherheit und die
vollkommene Duldung der Herren Candidaten erstaunt. Die überaus nobeln
jungen Männer, erzählte er mir, lächelten aus ihrer wohlerrungenen
Sicherheit des Geistes, sie zuckten nicht einmal die Achseln, eine
Geberde, die jetzt oft sogar in Gesellschaft hoher Personen heimlich
geübt, mit Schadenfreude bemerkt wird. „Der liebenswürdige Herr
Markwort, Lehrer bei dem Präsidenten, sprach nur: Es ist weit gekommen;
aber ~es giebt kein Rückwärts~. Es wird ~noch weiter~ kommen; aber
es giebt noch keinen Weg in die Vorzeit, ~nur in die Zukunft~. Kein
Greis ist mehr zu einem Kinde zu machen, als im Lande der Poesie --
in Nirgendheim, wo bekanntlich alle Alten, Männer und Weiber, jung
gemahlen werden. Unser armer Freund ist ~ein Poet~; er gehört zu jenen
lieben Menschenkindern, welche die Poesie ins Leben einführen, als
Leben ausführen wollen.“
„Nichts wäre trauriger, sprach sein Freund, Herr Mährhold, Lehrer bei
dem Superintendenten, als die Poesie aus der Seele vertilgen ~wollen~;
denn das ~Können~ widerlegt jedes neugeborene Kind ~bis ins Zehnte
Jahr~. Auch wir Erwachsene glauben dem Homer, wenn er uns in seine
Tage versetzt hat, und das sind wir in Constantinopel so fähig wie in
Rom. Wir glauben dem Sophokles ~im Theater~ von Berlin so gut wie in
Paris; wir glauben dem Schiller, einer Jungfrau, einem Posa, einer
Braut von Messina in Dresden so gut wie in Wien. Alle ohne Ausnahme
in Prag und München glauben ihm, ja selber der Papst in Rom glaubte
ihm, wenn er deutsch verstünde. Aber Poesie ist Poesie in allen Dingen
ohne Ausnahme. Und der ~große Prozeß, den die Deutschen führen~ und
unfehlbar glorreich ~gewinnen~, ist der Prozeß: ~Poesie und Wahrheit
zu scheiden~, und jede einzeln hoch und herrlich und heilig den
Menschen aufzustellen, oder doch die Piedestale dazu zu gründen und zu
bauen. Woran aber auch nur ein Mensch ~mit Grund~ zweifelt, das ist
nicht Wahrheit. Was der ganzen Welt unmöglich, ihren Gesetzen zuwider
ist, das ist Winkelwahrheit, nicht einmal Poesie. Ist denn nun die
nicht mehr aufhaltbare Scheidung ein Unglück, da die Menschheit beide
geschiedenen Dinge wie zuvor ~behält~, ja noch herrlicher, reiner,
himmlischer in Besitz nimmt! Wer kann da von Unheil sprechen? Wem lähmt
sein verlachtes Bemühen nicht Geist und Hand? -- Es ist kein Ernst,
kein heiliger Ernst in dem Wort: „Rückwärts! -- Werdet alt!“ „Werdet
Kinder.“ -- Die Verlachung lauscht schon im Schweigen.“
„Der Dritte, Herr Wöllner, unvergeßlichen Namens, jetzt Lehrer bei dem
General, sprach: Was wollen, was sollen, was können die Menschen? Was
bedürfen sie alle und Jeder? ~Das Leben!~ nichts weiter. Zum Leben aber
die Lehre, um es schön und rein und richtig zu leben. Aber auch ohne
Todesfurcht. Gegen diese aber nur Vertrauen, Ueberzeugung: daß sie
sind und daß die ganze Welt ist und bleibt. ~Die Poesie~ hat zu dem
rein „richtig“ und sicher zu leben alle Kraft verloren, oder vielmehr
sie nie dazu besessen; nur zum schönen frohen Leben. Das Volk, denn
in das Volk ist schon die Kunde vom größeren ewigen Himmel und seinen
Folgen auf Erden gedrungen, und bei ihm nie mehr auszurotten: Das Volk
könnte leicht Alles mit Allem verwerfen. Darum bedarf es jetzt nur der
Wiederanknüpfung ~der Sittlichkeit, als des Höchstnothwendigen~ zu
einem würdigen Leben, an den ewigen Geist; und dazu nur der Erkenntniß:
daß aller Geist, Geist Gottes ist. So ist die Verpflichtung, die neue
Vereidung vollbracht.“
„Und sie wird vollbracht werden, hat der Vierte, Herr Wolkamp,
Lehrer bei dem Herrn Geheimrath gesagt. Endlich, nach vielen
Widerwärtigkeiten, vielleicht Gefahren, und tausend bitteren
Erfahrungen unserer Feinde, vielleicht eher als sie und wir es
vermeinen, dürfen wir auf die Anerkennung der Legitimität auch ~der
Vernunft~ hoffen. Wenn dann die Einsicht klar und in allen siegreich
geworden: Auf den unzählbaren großen Gestirnen giebt es Billionen
Religionen mit Trillionen Bekennern, deren Jeder dennoch auf seine
eigene Weise den Geist der Welt und die Welt, in seinem Geiste
versteht, mit göttlicher Berechtigung; und: Gott hat keine Armee
Gläubiger mit gleichfarbiger Uniform und derselben Parole; sondern
jeder Geist ist freier ewiger Geist der Welt selbst; dann werden
wir armen oder reichen, viel reicheren Geister erscheinen dürfen;
~wer Recht thut~, wird frei sein mit Hand und Zunge zum Bekenntniß.
Jeder wird den Anderen helfen zu leben wie Geschwistern, aber ihren
Wahn wird er ihnen vorstellen dürfen, sanft und treu, und unverfolgt
und ungefangen. Denn keine Unwahrheit ist heilig; jeder Irrthum und
Aberglaube ist Seelentodtschädlich, unwürdig und ~überflüssig~.
Nichts Ungewisses, Bezweifelbares, Verdächtiges kann die Grundlage
des Lebens sein. Das Aufgeben aller Vernunft, die Verzweiflung führt
nimmer zur Ruhe und Seligkeit. Eine Verzichtung auf den lebendigen,
heutlebenden und ewig sich offenbarenden Gott und seine Verläugnung
trägt ihren Fluch. Eine Absperrung in ein von Fanatikern mit Brettern
wohlvernageltes Haus mit künstlicher Lampe, worein kein einziger
anderer Sonnenstrahl hineindringen soll, ist durch seine Idee schon
das Haus der Angst und des Todes und des sicheren Verfalls. Ja, es ist
der Menschheit besser, daß Jeder dem Andern zu Leben und Glück und
Freude von Herzen hilfe, und weniger stolzüberhoben zu sein, ja sich
weniger sicher zu dünken -- als Andere zu hassen, verachten, verfolgen,
ihr Vaterland zu unterwühlen, ihr Lebensglück zu bedrohen, und blos
darum, damit sie dereinst nicht auf göttlichem unfehlbarem heiligem
Wege, sondern nur auf ihre besondere Methode in den Himmel gekommen
erscheinen. Aber nur Gott giebt Erde und Himmel, Gott giebt das jetzige
Leben so gut wie das ewige. Doch Geduld! Meine Deutschen alle sind ein
unüberwindliches Volk; sie kennen, wie die Aegyptier, keine heiligen
Ochsen, und ziehen still wie Rinder sacht aber stet und unablässig
ihren Strang.“ --
„Da hat ihm der Fünfte, Herr Haltaus, der Lehrer des Consistorialraths
gesagt: Ein Volk ist langlebig, und hat mit Recht Geduld. Wir Menschen
brauchen alles schon in unserem Leben und haben die Ungeduld nicht
ganz mit Unrecht. Unter zehn Jahren nach unserer Würdigerklärung für
das Amt finden Wenige ihre Werkstatt. Uns insonderheit aber bleibt
nichts übrig als unsere Anwartschaft aufzugeben, und anders wie im
Volke zu nutzen. Auch erkläre ich ehrlich und fest: ~Ich will mein
Weib nicht einer Albernheit verdanken~; so gut wie mein Amt nicht,
meiner, um Brot an den Nagel gehangenen, in der Tiefe der Seele
verwundeten Ueberzeugung; einem bösen Gewissen, einem falschen Schwur.
Es ist schändlich seine „Obern“ zu betrügen, schändlicher, das Volk;
am schändlichsten ein Betrüger zu sein. Die Erde hat noch Brot für
aufrichtige redliche Männer. Das Land zwingt keinen zum geistlichen
Stande, was aber mit dieser Zeit nöthig werden könnte. Wer sonst zu
allem zu dumm war, ward Theolog, oder Oekonom. Jetzt möchten und müssen
das die ausgezeichnetsten Köpfe sein. Aber nur die Reichen können
fortan studiren. Vielleicht schade um die Köpfe der Armen, deren Genie
ihr stupender Reichthum ist. Aber welche Aussicht für die Reichen!
Welche feine Anstalt: sie zur Bildung und Arbeit zu zwingen! Darum
spreche ich gern wie Du „doch Geduld.“
Und so haben sie das Gespräch mit einem stillen feinen Lächeln
beschlossen, wozu der ambulante Geistliche ein frommes Lied bald leise,
bald laut gesungen. „Das rührte mich, aber berührte mich nicht; und
klug ist, der Welt ihren Lauf zu lassen.“ So referirte mir mein Pastor.
Mir war eigen zu Muthe -- ich liebte! Dessen war ich gewiß. Denn wer
ein Mädchen wirklich liebt, der fühlt die äußerste Ehrfurcht vor ihr,
so, als schwebe sie als Göttin um ihn, und schaue ihm immer zu. Er
lebt im höchsten Anstand. Wer seiner Geliebten gegenüber ungeheuer
essen kann, von dem glaube sie ja nicht daß er sie liebe. Er ist
aller Dinge satt, von allen Dingen selig. Kaum ein Wort kann er ihr
stammeln, als sei jedes unwerth der Schönheit und des Himmels, in dem
er mit ihr zu wandeln hofft, selige Jahre lang. Wer einem Mädchen
vermag, Schmeicheleien vor Andern freilich ihr am bestechendsten, in
das Angesicht zu sagen, der liebt sie nicht, der will sie nicht ~ganz~,
nur ~Etwas~ von ihr, der erscheint nur ein bezauberter holder Betrüger
des holden Menschenkindes. Doch mir erging es eigen. Ich konnte auch
der schönen ~Brigitte~ Wörtchen sagen! Auch ihr gegenüber war mir die
Brust so voll! Geschah mir das, weil sie Arminias Freundin war? Oder:
wem Eine Jungfrau als ein göttliches Wunderwerk in aller Herrlichkeit
erschienen ist, dem ist dadurch jede Jungfrau, jedes Weib, als heilig
einem Andern, heilig geworden, und jedes Kind, als ein Menschenkind,
wunderbar und theuer? Wenn die wahre enge gefangene und befangene Liebe
~zu Einem~ auf Erden solche Freude ausgießt über die ganze Welt, uns
alle Anderen so glücklich und himmlisch erscheinen läßt -- o, welcher
andern Liebe bedarf da es noch, als ~dieser~ Liebe zwischen Jüngling
und Jungfrau, daraus Mann und Weib wird, die Kinder werden, und das
ganze gesegnete Menschengeschlecht!
Ich mußte diese Stelle aus meinem Tagebuche, oder wahrer gesagt: aus
meinem geheimen ~Nächtebuche~ hieher setzen, um darzulegen, welche
meine Empfindungen bei den nun folgenden Ereignissen waren, und wie
sie mir halfen klar zu sehen und zu meinem guten Weibe zu gelangen. Um
aber von mir zu erzählen, muß ich von einem Stück Welt oder einem Stück
Leben Anderer erzählen. Denn der Wind der uns hier umsauset, ist ~in
der Ferne~ bereitet; die Wolken, die heute über uns ziehen und regnen,
sind weit im ~Weitem~ gemacht; und die Rose die heute aufblüht, war
gestern eine Knospe!
Der gute Herr unseres kleinen Vaterländchens hatte nun eine
treuauszurichtende Versendung nach England. Niemand war ihm empfohlener
als ~Rheingraf~, leider der neue Ehemann, der eine Nachtpoststelle
bekleidend, alle Morgen zu seiner Frau Afanasia gekommen, alle Abende
von ihr geritten war.
Uns Brautwerbern ward an dem geplagten Freunde die jetzt noch so
geplagte Männerwelt recht deutlich und innig leid. Die größte Sclaverei
ist wohl, um Brot seine Zeit, seine einzigen Tage mit Seufzen
hinzugeben. Wer nicht Herr seiner Zeit ist, der ist der Unglücklichste.
Und wie viele treibt nur die Noth, ~nicht der innere Beruf~: Weib
und Kinder am Morgen früh zu verlassen, am Abend spät erst müd’ und
verdrossen wiederzusehen; verheirathet zu sein -- wie ohne Weib;
Vater zu sein -- wie ohne Kinder; sie nicht lehren und erziehen zu
können. Offenbar ein noch nicht wohleingerichtetes Verhältniß, das
seiner Ausgleichung harrt. Wie viel glücklicher als alle dergleichen
scheinbarreichen aber wahrhaftarmen Leute, ist das allgemeine Volk
auch darin! Der ganze Stand der Handwerker, welcher Stiefeln, Kleider,
Töpfe, umgeben von Weib und Kindern, macht; das Landvolk, das mit
Frau und Kindern zufrieden sich müht; denen vereint die Tage des
Lebens vergehen, das jede Stunde des Lebens mit ihnen genossen. Indeß
tröstet die Andern der Stolz, das Geld, die Ehre, die Macht, und
die Einbildung: Herren und Köche des Lebens zu sein; oder die Opfer
für alle Unmündigen, Unverständigen und Argen. Was überhaupt noch
unentbehrlich erscheint, ist ihnen eine freiwillig übernommene Pflicht.
Schweigen wir vor ihnen ja von dem Glücke: „seines Lebens fleißige
weise Herren zu sein.“
Zu diesem Bedauern kam bald darauf ein kleines Billet vom Postsecretair
Rheingraf an Afanasia aus der Stadt. Sie hatte es dem Generalvater,
wie wir den Hausherrn nannten, mitgetheilt, dieser den Schwestern,
diese dem Engel Tobiä, dieser ließ uns, mit Stolz auf seine Kunst, die
wenigen Worte lesen:
Liebes Weib!
Ich komme 14 Tage längstens nicht. Der Herr versendet mich nach
London. Er selbst war so huldreich bei der Abfertigung! und
was ist denn heut zu Tag Reisen? Er versprach mir die nächste
Postmeisterstelle und lächelnd bis dahin eine Tagpost. Dann komme
ich alle Abend! Ich bin mit allem wohlversorgt. Bleibe indessen
gesund und treu