Verwickelungen.
.... Und ich konnte trinken! darüber trank mir wieder der schon
innerliche Schwiegervater zu. Die Mittagstafel war aber zugleich
Verlobungsfest der ~Afanasia~ mit dem Postsecretair ~Rheingraf~, einem
allerliebsten jungen feingebildeten mit Sprachen und Wissenschaften
reich versehenem Adligen, der sich der Einpferchung und Einstellung zum
Schwiegersohn seines, an schönen und guten Töchtern, so wie an Gelde
reichen Postmeisters, heimlich und glücklich entzogen hatte.
Eine Verlobung erregt anderer Mädchen Herzen, erweicht sie, zieht
sie an, und macht sie handgiebig. Besonders wenn eine Schwester des
Hauses Braut ist, oder gar geheirathet hat, dann sind alle leichter
zu erwerben. Denn ein leiser Neid erweckt mit Recht ein Begehren
nach den göttlichen Dingen. So auch hatten die Herren Referendarien,
Candidaten und Offiziere heute das Leben sehr süß und hoffnungsreich!
Aber da ich ihnen, durch Vater und Tochter gewiß schon als künftiger
siebenzehnfacher Schwager im Herzen lebte, so war doch auf keinem der
schönen Gesichter ein Zug des Neides, ein Zürnen über Zurücksetzung
wahrzunehmen. ~Wie schön~, dacht’ ich, auch, wann -- ~Schwestern~, ein
Haus voll, ~so einträchtiglich und gönnend~ bei einander ~wohnen~!
Was für Arbeit und Mühe, Pflege und Lehren des Vaters und der Mutter
stecken doch in Kindern, wie in einem Nelkenflor der Gärtner steckt.
Nur unsere ~Brigitte~ aß auch nicht, sondern sah ihre Freundin Arminia
mit den allerzärtlichsten, ja wirklich liebebeladenen Blicken an. Sie
bewunderte sie; sie erblaßte und erröthete vor ihr, daß ich nicht
wagte, das arme Häschen anzusehen. Aber wie zärtlich streichelte sie
auch den sammtenen Kopf ~meines~ Hundes, der als ein stummer, aber
gewiß tiefaufmerksamer Beobachter und Kundiger der Seele seines Herrn
neben ~Brigitten~ saß! Versteht sich, auf der Erde. Der Psycholog!
Der Herzenkenner! Konnte mir nicht eine Stimme vom Himmel damals
zuflüstern, was später einmal der Weiberkenner Herr von Stifter mir
sagte: „Liebende Weiber lieben alles, was ihr Geliebter liebt, sogar
seine Geliebte. Sie allein finden den Weg: sich selber quasi zu lieben!
Ja, im Morgenlande finden Männer-schwärmerisch-liebende ~Frauen~
zuletzt jedes schöne Weib zum Anbeten schön!“ -- Mir geschah nur, daß
ich einen Augenblick denken mußte: „wenn Du ~Brigitten~ so aus dem
Grabe gezogen!“ -- Darüber mußte ich wenigstens mit dem Stuhle rücken,
um nicht gar aufzustehen. Da erblickte ich mir gegenüber die blasse
unglückliche Frau von Stifter, und ich war vollständig retabliert.
Fast ein jeder Bräutigam soll noch in der Entscheidungsstunde einen
solchen ~Abschiedsanfall~ haben, wo ihm alles geschauete Schöne und
Liebe noch einmal -- zur Prüfung -- vor Augen erscheint. Dann macht die
Phantasie ihr Bilderbuch zu, und die ernste Liebe tritt heran. Denn die
Liebe, sie, die allein wahre, die alles Leben hervorbringende, alles
berauschende Glut aller Welt, ist das ernsteste und lebensgefährlichste
Wesen zugleich. Verwandelt, zersetzt, zerstört und nur leise gekränkt,
ist sie Gift und Tod, wie kein anderes Schrecken. Arminien betrafen
meine Augen auf einem langen finstern wie recht zürnendem Blick
nach mir. -- Das lobte mir Herr von Stifter, der heimlich mich gern
rasch zur Verheirathung mit Arminien drängen wollte, mit den Worten:
„Finstere Mädchen, lohende Herzen. Heiter lachende Mädchen machen
finstere Männer. Ich möchte wohl wissen, worauf die Finstern so zürnen?
Denn es ist keine Verstellung. Ich glaube, wenn ihnen ~ein Mann~
verkündigt wird, das ist kein Scherz!“
„Gewiß nicht“ sprach seine Frau gegenüber in ihrer Rede mit dem
Nachbar, und Herr von Stifter ward über das unwillkührliche Orakelwort
finster und stumm. Weil man ihn ~Barnabas Habakuk Gallus~ getauft
hatte, deswegen war er ein Todfeind von Kalendernamen und hatte
seinen Söhnen, nach Art der Alten, bedeutende und mahnende, nicht zu
Tode abgetragene Namen gegeben, die ich über Tische im Gespräch von
ihm nennen hörte: Ehrenfest, Wohlgemuth, Fürchtenichts, Freimund.
Wie wohlthätig wären auch zeitlebens sie erinnernde Namen, sagte er,
statt hohler unverständlicher, nichtssagender, heiliger, weil sie alte
Schafe schon getragen haben; ~jeder besondere Mensch ist seinen eigenen
Namen werth~. Doch still! Wo bliebe sonst das Brigittenfest etc.! Doch
ernstlich, auch vom Kalender müssen wir uns emancipiren, besonders
von Krebs, Scorpion; Zusammenkunft, Drachenkopf und Drachenschwanz,
Erdfinsternissen; denn die Sonne wird nicht finster, und von den
Schaltjahren! Ich sehe, Sie freuen sich über meine Söhne, die einen
König freuen würden, die armen Menschen! Bei den abscheulichen
unchristlichen Türken wären sie nach ihrem Gesetz ~Menschen, wahre
Söhne, Erben -- ehrliche Leute~! bei uns über alle Türken bis zum
Himmel erhabenen künftigen Seligen, gilt ihre Sohnschaft und meine
Vaterschaft -- nichts. Welche Schande für alle Götter, selbst für die
als albern bekannte Erde! die Türken ehren und achten jeder Mutter
Kind dem andern gleich; jedes Frauenzimmer ist also bei ihnen in der
Hauptsache emancipiert, und die ärmste Schöne kann Kaiserin werden, und
Mutter sein mit Ehren und ~mit Gerechtigkeit~. Dort ist, Gott sei Dank,
kein unschuldiges Kind, kein Fehlender ~mit dem Fehler~ verachtet.
Jetzt wurden Gesundheiten getrunken und wir alle sammt und sonders auf
Sonntag über acht Tage zu Afanasia’s Hochzeit geladen.
Mit einem eintretenden Bedienten war Arminias Reh mit hereingekommen,
und wollte den Braut-Strauß von Afanasias Busen sich kapern, aber er
war zu fest, dagegen erwischt’ es Arminias Strauß. So ein Thier! ~Sie
ließ ihm die Blätter, da es die Blumen zerrupft hatte~. Das war ein
Characterzug, den ich mir merkte.
Meine rechtschaffene Mutter zog eine traurige Miene zu dem Orakel. Wir
hatten sehr lange getafelt, und als wir im Begriff waren aufzustehen,
meldete der Bediente dem Verlobungsvater, den Herrn von Rizzi. So
blieben wir noch an der splendiden Tafel sitzen. Denn mein gewünschter
Schwiegervater sprach: Ach, mein eigener, oder mein Stroh-, Hafer- und
Heufreund, der redliche liebe Postmeister vom alten Geschlecht der
Rizzi!
Der lange hagere feingebildete Mann trat ein und überschaute sein
Unglück.
Wahrscheinlich in seiner letzten Angst hieher nachgefahren, um noch
geheim ein Wort an ~seinen~ Rheingraf zu verlieren, hatte er sich
hinter das Heu versteckt, das er zu handeln kam; und wohl empfangen
als gütiger braver Mann und Duzbruder aller Welt, mußte er sich
jetzt der Fräulein Afanasia als eines Rheingrafens verlobter Braut
vorstellen.... sich mit seinen fünf Töchtern zur Hochzeit einladen
lassen, und des „überraschendrasch“ verlobten Brautpaares Gesundheit
in, ihm wahrscheinlich wie pures bloßes Wasser oder bittere Tisane
schmeckenden Champagner trinken. Denn mein Nachbar von Stifter machte
mich aufmerksam, daß dem Herrn von Rizzi dabei die Thränen im Auge
standen und hatte die Worte gehört, die er beim Niedersetzen dem
Brautvater zugemurmelt: ~Dir~ kann niemand etwas verdenken! Du hast
angeborene vielfache Vorrechte vor uns allen. Du bleibst dennoch uns
andern Vätern allen der liebe Leidenstrost, die lebendige Altar- und
Taufstein-Hoffnung! Meine Paar Rizzi’s werde ich vor meiner Ruhe schon
noch an ~Folgende~ anbringen. Denn hoffentlich wirst Du nun deinen
Rheingraf poussiren; ich gratulire Dir also von Herzen! denn eines
rechtschaffenen Vaters Noth ist groß, die fahren sechs Beiwagen nicht!
Darauf trank er ein „~Hurrah~“ dem Rheingrafen, Herrn von Postmeister!
-- wie er sich in seiner sich sedimentirenden Verlegenheit noch
versprach, statt dem Postmeister, Herrn von Rheingraf.
Aber -- kein ~Hurrah~ im gebildeten Europa! sagte höflich der tapfere
bildschöne Offizier von P....., nachdem Herr von Rheingraf sich für
die Gesundheit bedankt; ~Hurrah~ ist von Praga und Suwaroff her, ein
garstiges russisches Wort! Hurrah ist auch ganz unverständlich, ja
eine zu freimüthe Assonanz, ganz unaussprechbar vor manchem „hohen
Balkone,“ ~wie Schiller sagt~. Dieses schnarrende, trommelnde Wort ist
das offenbar allein unedle von unserem ganzen Soldatenleben. Ich bin
kein Sprach- sondern ~Herzens-Purist~! Wir Deutschen haben ja unser
schönes ~Glück auf~; oder klingt das zu unterirdisch, oder wie der
Wunsch: Glück ~aus~, so haben wir das: ~Glück zu~: oder das „Heil“;
gewiß aber immer das schöne „Lebe hoch“ -- hoch, hoch in allen Lüften!
was -- Viele so Vielen wünschen. Aus wohlmeinendem Scherz tranken nun
alle dem Herrn von Rizzi ein Glück ~zu~.... (zu ~was~, das ward nur
angedeutet) und noch Eins und zum dritten und letzten Mal Eins, dem
ganzen Geschlecht der Rizzi; wofür er sich, als aus Italien stammend,
aber der Italienischen Sprache vergessen, sich für uns zur innerlichen
Freude überaus feierlich bedankte.
Der gute Vater weinte aber, da er seinen einzigen unvergeßlichen Sohn
verloren, und wir küßten ihn ruhig.
Nach aufgehobener Tafel zerstreuten wir uns in den Garten, und
das junge Volk entwickelte und sonderte sich allmälig in Paare und
entfernte sich im Gespräch. Aber alle wandelten wir übersehbar im
Schatten der Bäume; und auf dem weiten Wege im Kreise begegneten Alle
in kleineren und größeren Zwischenräumen Allen. Das nannte Herr von
Stifter eine große Liebespolonaise. So war ich zuletzt mit Brigitten
und Arminien allein stehen geblieben. Die Freundinnen führten sich
jetzt, so daß ich bald dieser, bald jener zur Seite gehen mußte. Als
wir aber zu den beiden jungfräulichen Wittwen, zu Antonien und Augusten
gekommen, die, ihre verlobte Schwester Afanasia in der Mitte, im
heimlichen Gespräch auf einer Gartenbank saßen, und leise Brigitten
winkten, beurlaubte sie sich von mir; die drei Schwestern standen
auf und alle Vier gingen weit hinter nach dem Gartenpförtchen. Der
Bräutigam wollte ihnen folgen, aber Afanasia bat ihn zu bleiben.
Ihre Stimme klang wie eine Geisterstimme, sprach ich zu Arminia.
Eine so betretene Braut habe ich kaum gesehen! Wenn sie über Tisch
ihren Bräutigam anblickte, verwandelte sich ihre Farbe in Blässe. Daß
Antonie, daß Auguste heute aus Erinnerung ihres Glückes, oder --
verzeihen Sie -- ihrer todten Männer, zu keiner Freude kamen, oder
vielmehr erst recht in Trauer versanken, das finde ich so wahr und treu
und lieb, daß es mich selbst innig gerührt. Aber ~Afanasia~ -- -- doch
ich habe kein Recht zu fragen und wünschte es so -- so -- so über alles
in der Welt, denn nur ein....., ach, kann es mir geben!
Wer? fragte Arminia.
Und auch ich mußte es ihr sagen: ein Engel, eine Göttin, meine Göttin.
Und sie freute sich ächtweiblich. Und warum soll ein schönes Mädchen
nicht auch hören, was sie ist! Denn ~der tiefsten Wahrheit~ gemäß, ist
ihre Gestalt ja eben nicht erst so lange vom Himmel, ist auf Erden
das Schönste -- und bleibt nicht so lange, wie ja die Sonne weiß.
Auch flüsterte mir Herr von Stifter bei Tische ins Ohr: „Es ist doch
von Dalailama und allen Petern unläugbar: ~Kein Mann von allen möchte
einen Geist heirathen!~ Kein Geistlicher selbst! Säßen diese schönen
Jungfrauen hier alle ~als Geister~ -- hui, wie nähmen die Herren alle
Extrapost und Courierpferde bei Nacht und Nebel, kämen nie wieder,
verwünschten das Schloß und sprächen: darinnen spuckt es! Also was zu
beweisen war, also heirathen alle Männer: ~Leiber~, wo möglich mit
Geist, aber wenn nur ~mit Liebe~, vor allem gern ~schöne~ Leiber, und
solche, die Weiber heißen und sind.“ -- Darauf ließ er mich die schönen
Mädchen alle bewundern, besonders Brigitten und ~Arminien~, wozu ich
schon vom ~Himmel~ am Probegrabe Gelegenheit gehabt.
Gelegenheit, Miteinanderalleinsein und gepreßtes gedecktes Gespräch
also thaten auch an mir das Wunder, dem Herzen Sprache zu geben. Wie
ich weiter an den Engel und die Göttin anknüpfte, was ich weiter
stammelte oder ausströmte -- ich weiß es nicht mehr -- denn ich bin
kein Göthe, der sich selbst und sein lebendiges Präparat der Liebe
behorcht, wie ein Tonsetzer vor dem Instrument, um ~Studien~ zu machen.
Ich, war hingerissen! Das Ergebniß meiner Worte war die Antwort von
Arminia: In sechs Wochen nach meiner dritten Schwester Afanasia
Hochzeit bereiten Sie sich auf meine Entscheidung. ~Bis dahin~ gebe ich
Ihnen alle mögliche Hoffnung, selber schon das Jot vom a, so daß Sie
nur noch das kleine a zu der ganzen A...rmini...a zu erwarten haben.
Wir standen zufällig vor dem Beet, wo sie in der Erde gelegen. Sie
erröthete, verneigte sich mit gesenktem Gesicht, wandte sich rasch
und ging zum Vater. Und ich sah ihr nach, sah sie hingehen, mit
welcher Bezauberung von ihrer Gestalt, ja Erstaunen vor ihrem „in der
Welt sein!“ Mit welchem Entzücken der Ahndung, solch ein Wesen, das
so gewöhnlich „ein Weib“ heißt, zu -- besitzen. O welche Göttinnen
schlafen und schliefen schon alle im Himmelblau! Nun sind sie hier,
sie sind da -- und in Einer sind alle dein. -- Das mußt’ ich der Sonne
sagen, und sagt’ es ihr leise hinauf. Aber sie schwieg.
Da trat Brigitte wieder vor mich hin, und lächelte mich an. Ich fragte
sie nicht, sie gestand mir nichts. Sie fragte nicht, ich gestand ihr
nichts, aber sie sah mich so wehmüthig an. Jetzt ging ich mit ihr zu
dem offenstehenden Gartenpförtchen. Eine schwarzeiserne Thür in weißem
Marmor. Drüber auf himmelblauer Marmortafel mit goldenen Buchstaben:
~Hier bist du hinausgegangen --
Wann kommst du hier wieder herein?~
Ich erfuhr aber nichts, als das sei das Ende eines Liedes. Und
sie sang mir die Melodie. Sie stammt aus Rom vom Capitol, und ist
uralt, sagte sie dazu. Ich mußte nur rathen, daß die Männer der
beiden jungen Weiber zu demselben Gartenpförtchen hinausgegangen und
nicht wieder hereingekommen waren, aus Ursachen, die am Ende allen
bevorstehen, vielen zu Anfang und in der Mitte; nicht nach irgend einem
Unglücks-Gesetz, sondern nach dem alle Augenblicke neuem ~Ergebniß~
aller Himmelskräfte -- ~nach dem Wetter der Welt~.
Den Sonnenuntergang feierten die Töchter durch Musik, die große Sonate
zu 44 Händen. Der Vater entschuldigte zuvor die nur ~hinreichende~
Fertigkeit, da sie keine Virtuosen wären, die alle nur aus Eitelkeit
oder Gewinnsucht reisten, als musikalische Riesen. Alle Hauswesen,
alle Gefühle würden zerrüttet, wenn alle sich so aufblasen wollten wie
Frösche um den -- morgenländischen ~Dreschern~ zu gleichen. (Auch den
Sängern soll man nicht den Mund verbinden.) Zuletzt sangen sie die
Nänie von Schiller „~Auch das Schöne muß sterben~“, dies allerhöchste
und schönste Gedicht der Welt, dieser unendlichen und unermeßlichen
Elegie, und Göthes eben so schöne als traurige Antwort darauf:
Warum bin ich vergänglich, o Zeus? so fragte die Schönheit,
Macht’ ich doch (sagte der Gott) nur das Vergängliche schön.
Und die Liebe, die Blumen, der Thau und die Jugend vernahmen’s,
Alle gingen sie weg, weinend von Jupiters Thron.
Leben muß man und lieben; es endet Leben und Liebe,
Schnittest du, Parze, doch nur beiden die Fäden zugleich.
Hören Sie, der Vater läßt Ihnen allen vorsingen: „~Geschwind~
zugegriffen! Sie können es! sprach Herr von Stifter und sagte dazu:
Sonst hielt ich ein schönes Weib auf einem schönen Pferde für alles
Schönste vereinigt, was es geben kann überall. Heute erfahre ich:
Schöner Gesang aus schöner Frauen Munde, die die Seele der Welt
auszuhauchen scheinen -- das ist das Befriedigendste! ~Dabei, danach~
rührt sich kein Wunsch. Auf solche Klage giebt es keine Klage! Ich bin
kein Mensch mehr; ich glaube, wenn mich Jemand schnitte, ich blutete
nicht, oder ich sänke aus dem Kahn in den See, und rührte keine Hand zu
meiner Rettung. -- Kommt essen, rief er auf einmal laut, daß man wieder
zum Menschen wird, der Steuern und Gaben bezahlen muß!
Nach dem Essen fuhren wir Westfreien spät im Mondenglanz nach Hause.
Wir schwiegen zu Anfang; keiner wollte den Schein haben, das Haus zu
bereden, oder die Fremden. Aber endlich brach denn doch die Frau Pastor
aus und sprach: Stecken uns die Fische an? So stumm sein, nach so viel
Geschautem und Gehörtem ist doch unmenschlich. Es ist zu natürlich, daß
alle aus einer Gesellschaft nach Hause Gehenden, das Haus, die Speise
und Getränke, die Bedienung, den Koch, das Geschirr bei Veranlassung
des kleinsten Fehlers bereden, aus Besserwissen oder Besserhaben
oder Besserwünschen tadeln; die Heuchler aber alles in ~Bedauern~
einkleiden. Dann kommen die Herren und Frauen Gäste daran, welche unter
der Maske redlicher Theilnahme wieder bedauert werden. Dann scheidet
eine Gesellschaft, eine Familie unterwegs von der anderen, und nun
beredet jede besonders wieder die Anderen nach gehöriger Entfernung.
So mögen auch wir jetzt beredet werden, denn mir klangen die Ohren,
und wie!
Wohl nur von der Zugluft auf dem See; sprach ich, wie allen nach Hause
Gehenden leicht nach der Erhitzung durch Zimmer, Getränk und Gespräch.
Oder.. so wären es gar die Götter selbst, die das Klatschen erfunden,
indem sie durch Ohrenklingen zur Rache erinnern! Da muß ich etwas
erzählen: Als ich jüngst in der Hauptstadt war, hörte ich, daß ein
vornehmer Wirth, der loyalste prächtigste Mann, nach einem in Wahrheit
übersplendidem Fest schändlich war beredet worden, von den Heuchlern,
daß er, wie Pyrrhus, nach mehreren solchen ~gewonnenen~ Terrinen- und
Bouteillen-Schlachten das Feld werde räumen müssen. Er hatte daher zum
folgenden Fest im reizenden Boudoir einen kostbaren kleinen Schrein
in einer Ecke angebracht, auf die Thür desselben das Wort „verbotene
Frucht vom Baum der Erkenntniß“ setzen -- und den kleinen goldenen
Schlüssel daran stecken lassen. Das hieß eine schöne Eva reizen -- und
lesen. Bald winkte sie einem Legationsrath, der gelesen; und Andere
zum Schränkchen schickte. So schickte auch Einer mich hin, und ich
las: „Ein freundlicher Wirth giebt alles von Herzen gern allen Magen
ohne Dank zu erwarten. Aber Undank thut weh! Möchte doch Jede und
Jeder mir gnädig ihn aufsparen bis nach dem Fest bei einem Anderen,
und Diesem wieder so lange! Denn ich habe 100 solche Schränkchen
unsern vorzüglichsten Festgebern zum Geschenk gemacht. Wo Sie also ein
solches Schränkchen oder großes Buch mit der Aufschrift „Verboten“
erblicken, da bitte ich, sich meiner großgünstigt zu erinnern, auch
wenn der Hausherr schonend ~die Inschrift~, als jetzt notorisch nicht
ausgestellt hätte. Noch melde ich, daß auch zwei kleine kostbare
Schwur-Boudoirs für Herren und Damen besonders eingerichtet sind,
welche vor Eintritt in die Gesellschaft schwören wollen: ~einander~
nicht zu bereden, oder moralisch todt zu schlagen. Der Zugang dazu ist
geheim, so daß jeder von dem anderen annehmen kann: er habe geschworen,
und nun sicher von ihm nicht beredet zu werden, ihn auch durchläßt.
Gezeichnet: Graf _N._
Wir lachten und schwiegen. Nach langer Zeit erst setzte ich mich zu dem
alten guten Herrn von Hase und fragte ihn theilnehmend, warum er denn
gar so still, so unaufgeweckt von anderer Freude sei?
Die Türken haben einmal einen braven Mann gehabt, sprach er seufzend,
der hat Mezzo morto, der Halbtodte geheißen. Der bin ich wieder.
Meine Freunde in der Stadt haben für mich gesorgt, und ich kann
Bogenschreiber werden, zu 3 Kreuzer den Bogen. Aber meine Hand will
nicht mehr fort, weil meine Seele vom Unglück gelähmt ist. Ich habe
keinen Trost, ~als daß meine Frau gestorben ist, ohne meine Lage
zu erfahren~! Denken Sie, ~so etwas~ muß mein Trost sein! Aber es
ist ein großer Fehler, daß ein Mann alle seine Geschäfte geheim
hält und allein betreibt, um seiner Frau die vorübergehenden Sorgen
und Gedanken zu ersparen! Denn die Weiber wissen den besten Rath,
haben viel unbrauchbare Einfälle, aber ihr Herz entdeckt auch den
rechten, wie durch Eingebung; sie trösten gewiß, und so sind sie
getrost und getröstet. Für meine Liebe ist meine Frau nun ganz- und
ich bin halbtodt, und mein armes Häschen, das lebt und möchte leben.
Unglück ohne Aussicht, auch wenn man Blitze zu Blicken hätte, lähmt
völlig. Denn es ist alles vergebens zu sinnen, zu reden, zu thun.
Warum ich esse und trinke, ist mir unbekannt. Ich sehe völlig klar:
alles Menschenthun ist nur ein Streben nach einem inneren Ziel; ich
beneide Niemanden, ich beklage Niemanden, selbst mich nicht. Am
liebsten schlafe ich, oder sitze mit gefalteten Händen. Ich würde doch
entlassen als Bogenschreiber! Nur drei Bemerkungen möchte ich zum
allgemeinen Besten niederschreiben. Wenn ein Gut sieben bis achtmal
verkauft wird, so hat die Landeskasse den ganzen Werth dafür baar durch
Verschreibungskosten, Lehnwaare, Stempel und Taxen. Das hieße also:
Behaltet was ihr habt, kauft und verkauft nicht so oft! Güterhändler
sollten unerschwingliche Gewerbsteuer zahlen, statt frei davon zu sein.
Dann: Wann ein Käufer offenbar über die Hälfte betrogen ist, dann
sollte ihm ein Jahr lang der freie Rücktritt zustehen. Die Clausel der
Verzicht über oder unter die Hälfte, sollte nicht gelten. Und zuletzt:
Wenn zwei Jahr dürre Zeit und allgegenwärtiger Mißwachs im Lande sein
wird, dann hilft Gott dem Volke ohne Mühe zu allem Erwünschten; wie er
mit 29 Grad Kälte, Deutschlands unüberwindlichen stolzen Feind mit der
großen Armee in Rußland nur weghauchte. Das prophezeihe ich, nämlich
Gottes Hilfe allein und gewiß. Nur partielles Unglück ist Unglück, das
hab’ ich erfahren.
Er schwieg eine Weile, dann ergriff er meine Hand und sprach leiser:
Haben Sie nur noch einige Zeit Geduld mit uns! Nehmen Sie nur nicht
übel, daß so oft allerlei Weiber und Mädchen aus unsern Dörfern in Ihr
Schloß kommen, und mit Bündeln! Ich bitte sie alle, nur ja recht leise
aufzutreten! Und sein Sie nur nicht böse, daß meine Tochter so oft und
vielmal hintereinander, leider so laut, ~in die Hände klatscht~! Sie
stärkt Wäsche für die Leute, Hauben, Bänder, Tücher. Es geht wirklich
nicht anders! Ich habe es selbst auf alle Arten versucht! Und dann,
daß sie den armen Staat, zwar hinter den Fliedersträuchern, doch immer
in Ihrem Garten aufhängt! Die Nacht aber trocknet die Wäsche nicht;
sie wird thaunaß! Wir haben versucht, die Wäsche in unserm Gewölbe zu
trocknen, und haben eingeheizt; aber lieber Herr von Kopernick, da
haben wir uns bald zu Tode geschwitzt, und der Schlag hätte mich bald
gerührt; doch kam ich mit Zahnschmerzen weg! Lieber Himmel, da hatte
ich doch wieder einen Wunsch, daß mir die Zähne wehe zu thun aufhörten,
wie man sagt, oder daß mir die Bratwurst wieder von der Nase fiel!
Verkennen Sie mich nicht, daß ich einmal scherze. Aber wie gesagt, das
arme Mädchen ernährt mich mit der lieben Wäsche, und wenn sie so in die
Hände klatscht, da denken Sie gütigst nur, sie klatscht mir Brot und
sich -- Dank. Mein neues Halstuch, daß Sie freilich in der Nacht nicht
als neu zu erkennen vermögen, aber es ist wirklich neu, das hat mir das
arme Häschen auch -- -- -- --
Brigitte hatte aber des Vaters Worte gehört, kam, hielt ihm den Mund
zu, und sprach nur leise: „Vater!“ Der Vater zog sie an sich, und
sprach: Schilt den Vater nicht, der sein Kind ehrt! Du bist doch mein
gutes Häschen!
Es war kühl. Ich gab dem alten Manne meinen Mantel um, und in ihren
Gefühlen verloren, nahmen beide das so an, und sie hüllte ihn dicht
darin ein.
Um uns aus der weichen Scene zu bringen, fragte mich der Pastor: Aber
was sagen Sie zu dem guten Postmeister von Rizzi, der seine schon
auf Jahre voraus verlobten Töchter vor Freude schon immer gnädige
Frau nennt! -- Mich rührt das tief! Der sorgliche treue Vater ist
ein Repräsentant so vieler Väter jetzt im Vaterlande, die zu solchen
Mitteln greifen müssen, die Tänzer auf Bällen auffordern zu gehen,
um mit ihren Töchtern zu tanzen; die jungen Männer, die in Jahren
erst ein Weib nehmen und ernähren können, in Beschlag zu nehmen, sie
buchstäblich am Aermel zu führen; nach der Verlobung: „Gott sei Dank“
zu sagen; dem Herrn Bräutigam Anstellungen zu verschaffen durch goldene
Sorge; den amtlos oder kleinbeamtet Vermählten jährliche, so zu sagen,
Pensionen zu ertheilen, daß jeder Vater zuletzt selbst „Oel geben“
möchte! Das ist die wahre reine heilige Vaterliebe im gerechtesten
Widerstreit mit der, ~den jungen Männern allen jetzt zu spät möglichen
Ehe~! Weiter nichts, nicht lächerlich, sondern zum Weinen tragisch.
~An späten Ehen geht ein ganzes großes Volk unter~; jedes Land
verdirbt dadurch, weil ~es entsittlicht~ wird, indem es ~lieblos~
gemacht wird. Denn wie ist das Leben der meisten Spätverheiratheten
Männer! und wie muß es fast sein! Alle spät, das heißt immer zu spät
verheiratheten Candidaten, Beamten u. s. w. ~müssen~ verdorben sein,
ihre Weiber unglücklich, oder doch ~nicht~ glücklich, wozu sie das
himmelschreiendste Recht haben! Die Ehe ist in so späten Jahren eine
Spekulation; die Braut muß nur reich sein; ~dann~ muß sie passen, wohl
oder übel; sie muß die ~Kosten~ ersetzen, die ~Schulden~ decken, als
~Wittwe~ leben können und die paar ~Waisen erziehen~! ~Alte~ Männer
wollen reiche Weiber. Ein liebender ~junger~ Mann ist mit einer jungen
Frau allein zufrieden, ja wenn sie kein Bett mit brächte! kein Kleid
auf dem Leibe hätte! ~Das~ ist die einzigrechte Zeit zum Heirathen!
Das ist Glück! Das ist Ehe! Und nun wie voreilig, wie unvorbereitet:
~die~ Ehen unauflöslich machen zu ~wollen~ -- denn geschehen wird es
nicht, weil es nicht kann -- welche Grausamkeit! Da habe ich gehört von
einer Gesellschaft von _Sanct Francis de Regis_ (nicht _de Regibus_),
die in Belgien armen Leuten mit unehelichen Kindern die Verheirathung
bezahle, damit ihre Kinder eheliche Kinder werden, ehrliche Kinder wie
Schneekönigskinder im Märchen! Wieder die Pferde hinter den Wagen
gespannt! Die Ehen müssen erst ~möglich~ gemacht werden; es müssen
nur Leute einander heirathen, ~die ohne einander nicht leben können~;
sich lieber das Leben nehmen möchten, als einander entbehren; die so
wohlerzogen sind, so duldend, beschieden und bescheiden, so durch
Kinderliebe gefesselt, so einander ehrend, daß man sie zerhauen müßte,
um sie auseinander zu reißen. Jammer, Schande, Elend, Verzweiflung
unauflöslich machen, das heißt die Hölle unsterblich machen wollen,
was wir nur dem sogenannten Teufel zutrauen. ~Welche~ Einzelne geben
gute Paare? Das ist die Frage! Und wie können sie sich vereinigen?
~Das~ aber will Niemand fragen, aus Furcht der Arbeit mit Umwandlung
so vieler Formen! Da habe ich mir die jungen Herren Offiziere so
recht herzinnig beschaut, ihnen zugehört. Welche Vaterlandsliebende
-- also gewiß bis auf das Herzblut tapfere Männer! Wie gebildet,
wie gelehrt in ihrem Fach, wie schönes junges deutsches armes Blut!
Und wie sind sie mitten im Leben aus dem Leben verbannt! -- Und die
Herren Candidaten! solche junge Männer machen dem Lande, das sie
hervorgebracht, Ehre. Und ~wann~ werden sie das gelobte -- Pfarrhaus
erblicken! -- Und die Herren Referendäre, die mehr Gerechtigkeit im
Herzen tragen, als in allen Büchern steht, ~wann~ werden sie ihre
Bräute heimführen? frühverliebt alle, manche frühverlobt, tritt ein
vergelbtes sehnsuchtverdorrtes Paar vor den Altar, woran junge Leute
wie Adam und Eva gehören, die übrigens gar nicht getraut wurden, und
doch ihre Kinder liebten. Denn ich wüßte kein ehrenrührigeres Gebot,
als:
„Jüngling! du sollst eine Jungfrau lieben und zu dir nehmen zum
Weibe!“
und:
Mutter! du sollst deine Kinder lieben!
Der alte Herr von Hase bejahte das alles immerfort! Unter diesen und
andern Gesprächen waren wir nach Hause gekommen, und schieden mit
dem: gute Nacht! Am andern Tage ließ meine rechtschaffene Mutter den
armen Betjungen begraben; und ich beschloß, ihm, der Nachwelt zur
Nachricht, was es heut zu Tage für untergegangengewähnte Träume in
sogenannter Menschengestalt gegeben, ein Monument setzen zu lassen;
verfaßte die Inschrift und bestellte es sogleich. Ich besuchte
darauf auch den in einer Dachkammer meines Schlosses sitzenden armen
Schelm, den Betmeister Nox (nicht etwa Knox) der seiner Ersäufung
vergessen, wieder ganz wohlgemuth dasaß! Auf dem Gange zu ihm hatte
ich Brigitten begegnet, die feuerroth vor mir geworden war. Ihn fand
ich wie einen Zauberer, über dem Buche Tobias brüten. Er war ein
weitläuftiger Verwandter von Heiligenhahns, darum schonte ich ihn; ja
ich gab ihm Taschengeld und Speise und Trank. In den folgenden Tagen
sah ich ihn Würmer suchen und angeln am See, wo er alle Arten Fische,
auch in weidenen Reußen fing. Die ~Fische~ schenkte er weg, und ich
bekam erst eine Ahndung davon, wozu er sie fing, als ich eines Abends
zu meinem offenen Fenster herein große Lamentation aus dem Garten
vernahm, daß die Sperlinge ihm seine, auf Horden zum Trocknen und
Dorren ausgestellte ~Lebern~ verzehrt! „Er will den Engel des Herrn
von Heiligenhahn spielen und den Eheteufel Asmodi verräuchern“, sprach
nach unauslöschlichem Gelächter mein Pastor. Er ist aber doch nicht
rechtgläubig -- er schreibt einem gewissen Fisch, also atheistisch und
glaubenlos der Natur ~höhere Kraft~ zu, als dem Engel selbst und der
Begehung des Opfers, weil er von allen erlangbaren Fischen die Leber
nimmt, um die rechte ja dabei zu erwischen! Da können ja aber die
andern das Rezept verderben! Es ist zum Lachen und Weinen: aber auch
zum Trost: ~Denn die Verwirrung zeigt aller Dinge Ende an~, vom Thurm
zu Babel bis zur Schlacht bei _Belle alliance_; ja die Verwirrung ist
schon ~die Verwesung~; wenn dagegen eines ~lebendigen~ Baumes nackte
Wurzeln sogar nicht in der feuchten Erde verfaulen!
Eins aber will ich denn doch gestehen, mußte ich meinem Pastor sagen;
wenn ich eine Jungfrau wäre, und mir Sieben liebe schöne junge Männer
vor dem Brautbette weggestorben wären, was ja möglich ist, so würde ich
doch kopfscheu und brautbettscheu werden, und einen Achten, der mich
verlangte, aus Liebe zu ihm und zu ~mir~ doch erst wohlmeinend zu den
sieben Gräbern führen!
Das möchten Sie als zaghaftes Mädchen thun, sprach der Pastor. Aber
wäre ich auf gut Pythagoräisch mit meinem Pastoral-Verstande der achte
Bräutigam, so würde ich eine solche betrübte Siebenmännerwittwe gar
nicht nehmen, als nunmehr mit Herzen und Gedanken unerwerbbar, darauf
ihre siebenfach erschütterte Liebe und siebenfacher Tod liegt; aber
getrost jede Andre; ~obgleich~ vielen jungen Bräuten und jungen Frauen
die Männer wegsterben. Daß aber ~Einem oft~ geschieht, was allen
tausendmal geschieht, das ist kein Wunder, kein Fluch, kein Bann --
nur eine Art Conglomerat oder Cumulat -- eine Anhäufung. Die ganze,
und ganz triftige Ursache, daß es jetzt so viel Gläubige giebt, ist
die: daß die Menschen jetzt von allerhand Verzweiflung und Schmach
getrieben, so viele und schwere ~fromme Wünsche~ haben! Da sie ihnen
Niemand realisirt, so realisiren sie sich sie selbst; wie der Dichter
sein Gedicht abfaßt, drucken, mit Bildern versehen läßt, und mit
Selbstgenüge und Frohlocken als fromme Scarteken in Städten und Dörfern
vom durchfahrenden Wagen verliert. ~Aus Kinderaugen schaut auch die
Mutterliebe heraus~; was schaut aus unseren, aus den Augen des Volkes?
Meine rechtschaffene Mutter mußte mich aber darauf zu meiner Beschämung
erst erinnern, doch dem alten Herrn von Hase sein voriges Wohnzimmer
wiederzugeben! Das arme Häschen hatte kein Hochzeitkleid zu Afanasias
Trauung, und hatte endlich eins zusammengenäht und aufgefärbt, das
meine Mutter mit Erbarmen gesehen. Nun hatte sie auch nichts, gar
nichts zu einem Hochzeitgeschenk für sich oder den Vater, da sie alles
daran verwandt, dem Vater Güte zu thun. Meine rechtschaffene Mutter
ließ ihr alles für sie und den Vater neu und prächtig aus der Stadt
kommen; hatte ihr 100 helle Dukaten in den Strickbeutel gesteckt und
sie damit zu ihrem in der Stille verweinten Geburtstage beschenkt, an
welchem der Vater sich seinen Trauring vom Finger gezogen -- und sie
gebeten, die Augen zuzumachen, die Finger auszuspreizen und ihr den
weiten Ring -- auf Zuwachs -- indessen auf den Daumen gesteckt. Der
Mutter Geschenk aber schien sie gebeugt zu haben; sie schämte sich vor
mir, und wenn ich vorüber ging, blieb sie mit niedergeschlagenen Augen
und angehaltenem Athem stehen. ~Wie ungern erscheint die Schönheit
doch arm... oder die Liebe.~ Nur eine Bitte wagte sie nach mehren
Tagen an mich: sie brachte eine neue verschriebene Jagdflinte und bat
mich, dem Vater für dieselbe seine alte liebe Jagdflinte aus nun
meinem Gewehrschranke zu geben! -- Wie thut doch angethanes Unrecht
die Seele auf, und die Augen! Aber um mich nicht zu verrathen, gab ich
ihr zwar die alte Flinte, aber nahm die neue dafür. Wer enträthselt
die Lust selbst in bessern Menschen, andern schönen und gar so guten
Menschen ~hart, schneidend hart zu sein~? Mir war ganz wohl auf die
That! Was ging in mir vor, als ihr die Thränen in den Augen standen?
Wie verdrossen war ich, als sie mit Freuden davon eilte! Ich sah sie
darauf im Kahn mit dem Vater, der wilde Enten schoß, die sie ehrlich
ablieferte. Und auch die Enten ließ ich ~alle~ liegen, ohne ihr Eine
wiederzugeben. Aber sie dankte sehr für die Freude, die der Vater
wieder gehabt! Dann sah ich sie wieder mit ihrem heraufgesteckten
Schürzchen und ihrem Töpfchen Milch über den Hof kommen.
Natürlich war ich diese Tage oft drüben in Schloß Westfrei; aber ich
bat um das bewußte kleine a umsonst, auch nur um ein großes K, ein
kleines u und ein ss von Arminia! Ich beschwerte mich bei Brigitten;
ich befragte sie auch über den Engel Tobiä. -- „Sie sind recht
grausam, Armin!“ antwortete sie finster-bös. Armin nannte sie mich?
Spricht sie im Traum? redet sie aus dem vertrauten Gespräch mit der
Freundin?
Am Hochzeittage kam Brigitte in völligem Staat mit dem Vater in neuen
Kleidern, um sich bei meiner rechtschaffenen Mutter zu bedanken. Sie
war so schön, daß sie meine Mutter -- vorsichtig, um sie nicht zu
verderben, als ihre Schöpfung, an’s Herz drückte. Sie besah sie dann
mit Freuden und Lob. Nur irgend ein Ring fehlte am Finger. Die Mutter
langte ihr Ringfutteral herbei und bot es mir dar, um daraus der
guten Tochter einen Ring an den Finger zu stecken. Brigitte mußte es
geschehen lassen und bebte innerlich dabei, daß ihr die Finger sich
leise regten.
Wir fuhren dann alle in’s Brauthaus, wo wir den Engel Tobiä obendrauf
und mit innerer Ueberhobenheit über uns alle, als faiseur des Tages
und der Nacht, der Hochzeitnacht, umhergehend fanden. Er stand
Niemandem Rede. Der Zug zu Wasser in den rosenbekränzten Kirchkähnen
war schön, über dem Wasser, und drunten. Freude und Sicherheit schaute
aus aller Augen. Nur, vor der Thür meiner Kirche hatte die Braut den
Trauring verloren. Ein oft sich erneuernder Fall, der aber allemal nur
eine unaufmerksame, also zerstreute oder versonnene Braut beweiset,
welche Eigenschaften die Leute der Braut dann für ihre immerwährende
Eigenschaften annehmen, und ihr Unglück prophezeihen, ohne Recht oder
Unrecht zu haben, wie in allen Glaubenssachen mit und ohne Aber; sagte
Doctor Schleyerlöser den Tag nachher zu meiner rechtschaffenen Mutter.
Zur Hochzeit waren billig alle Bekannten, oft oder selten gesehenen
Freunde und Nachbarn, auch die in der That sehr wohlerzogenen,
herzensguten und außerordentlich wirthschaftlich vom Vater gerühmten
Töchter, Schwestern von Rizzi. Nur eine Amazone -- das vormalige _Non
plus ultra_ der Schöpfung für Herrn Barnabas Habakuk Gallus von Stifter
-- war dem Hochzeitvater auf ihrem Rosse unwillkommen, die junge
Gräfin _N..._ und er äußerte seinen Abscheu heimlich gegen uns; worauf
ihm Herr von Stifter, heute höflich Recht gebend, sagte: „Die Männer
verderben die Weiber und machen sie zu ihren Puppen und englischen
Bereiterinnen sogar, nur zu ihrem nie laut aussprechbaren Vergnügen.
Und in der That, das Roß ist für Frauen oder gar Mädchen nicht geboren,
eher noch eine Jumarte, oder geradezu der wahre leibhafte einfache
geduldige Esel. ~Quer~reiten -- wie widersinnig! nach vorn zu geritten,
aber zur Seite gesessen und gesehen! Und, nach dem technischen
Ausdrucke, „_à la fourchette_“ reiten, ist eigentlich gotteslästerlich;
und nicht _à la fourchette_ reiten, zeigt doch klar: warum sie nicht _à
la fourchette_ reiten! Kurz jedenfalls ist ein reitendes Frauenzimmer
blamiert, ausgenommen die Schamlose, bei Schamlosen.“ -- So sprach er
laut, ja vor Zuhörern.
Ich kenne Sie an ihren Worten nicht wieder! entgegnete Herr von
Heiligenhahn.
Das macht, versetzte der schlauverstellte Herr von Stifter: Ich habe
vier mannbare, richtiger: ~weibbare~ Söhne, und da sehe ich schon ihre
Bräute vor Augen, und sehe sie reiten! Sehe aber zum Glück auch meine
Hetzpeitsche, Herr Nachbar! Man lernt verständige Leute erst verstehen
-- wenn man die Jugend mit ihrer Lust ablegt und Andere an seine Stelle
rücken sieht. Ich denke aber auch, daß meine Söhne wohl, sehr wohl,
hochwohlerzogen sind -- weil ich sie mit allen meinen bittersüßen
tiefen und weiten Erfahrungen, zum ehemaligen vergessenen Gegentheil
von mir, erzogen habe. Ich darf wahrscheinlich -- deswegen -- um ~nur
Vier~ von Ihren Töchtern anhalten, und gestatten Sie meinen Söhnen
ihren bekannten Weg zu machen: ob ihre Töchter sie leiden und lieben?
Schlag ein, Alter! Greif zu, Vater! sprach Herr von Rizzi! Vier Töchter
auf einmal los zu werden, los ~vom Herzen~! Das sollte ~mir~ Einer
bieten!
Freilich vom Herzen! da liegen sie alle darauf! bestätigte ihm der
Hochzeitvater. Ich hörte und sah das, und mußte alle die drei guten
Väter ehren und lieb gewinnen. Der Postmeister nahm mich unter den
Arm und führte mich zu Tische „zu Ihrer Arminia“ sagte er mir, und
zu ihr: „ich bringe Ihnen Ihren Armin!“ Und so saß ich zwischen
Arminia und ihrer Freundin Brigitte. Die Betretenheit der Braut
Afanasia löste sich in einen Freudenschrei, als ihr der Engel Tobiä
in einem verdeckten Becher ihren gefundenen Trauring überreichte. Zu
Nacht sollte sogar getanzt werden, wozu aber keine Veranstaltung
getroffen war. Die Herren Offiziere und Andere mit ihnen bestürmten
den Hochzeitvater. Aber er sagte zum Herrn von Rheingraf und zu mir:
Wenn Sie nach meinem gehörten Worte dennoch tanzen wollen, so überlaß’
ich Ihnen den Sonntagssaal; denn der Musiksaal ist den Fremden zur
Nacht eingerichtet. Aber -- wenn Sie bedenken, und wenn die Mädchen
wüßten, ~wie~ schädlich ihnen das Tanzen ist, ~blos schon~ als das
Leiblich-sich-hingeben an junge Männer in solcher nahen Berührung; wenn
sie wüßten, wie mancher sich blos satt mit- und an ihnen ~tanzt~ --
wie ~unberührbar~ sie Jedem sein und bleiben müßten, der sie heirathen
soll, sie würden nicht so zum Tanz und im Tanz rasen. Aber leider
wollen und müssen sich viele Mädchen selbst auch mit und an andern
jungen Männern in so naher Berührung einmal doch -- satt ~tanzen~! Aber
auch dieses Geheimniß ist nun offenbar worden; und dies üble Verhältniß
hieße, wenn es ein Buch gewesen, jetzt gewiß auch desgleichen mit Recht
„das entdeckte Tanzthum“ oder „der Tanz der Zukunft.“ Von ~Liebenden~
aber sagt die Schrift Göthe’s:
Laß du uns wandeln, und laß du sie tanzen,
Wandeln der Liebe ist himmlischer Tanz!
Die Herren ~Candidaten~ stimmten ihm bei. Die Herren Referendäre
blieben stumm; die Herren Postsecretaire aber vermittelten die Sache
mit den Herren Offizieren dahin, daß doch Brautpolonaise und Menuett
getanzt werde. Und das geschahe denn überraschend neu, nach der Orgel
im Saal, wozu „der Engel“ die Bälge trat. Braut und Bräutigam erharrten
so Mitternacht.
Vor ihnen aber entwich schon der Engel, gewiß ~in die Brautkammer~...
dem Bräutigam den Tod zu verbannen.
Denn nach einiger Zeit verbreitete sich im ganzen Schloß ein
auffälliger ~unerhörter~ Geruch, (da ein ~ungerochner~ Geruch zu
sagen nicht üblich ist, auch wir ihn alle riechen mußten!) Uns
Eingeweihten war kein Zweifel, daß der Engel unfehlbar mit dem
Räucherpulver betrogen worden sei! Es entstand nach und nach ein kaum
mehr zu unterdrückendes Gelächter, blos über den uneinathmenbaren
pestilenzialischen Geruch. Viele Damen bissen sich bald die Zunge weg,
oder in die gestickten Taschentücher; selbst meine rechtschaffene
Mutter beklagte sich vor Lachen über Stiche im Magen; allen stand das
Wasser in den Augen, und glücklich der, der in einem Winkel, hinter
einer Thür, einem Vorhang oder dem Rücken eines andern das Gelächter
einmal ausschütten konnte. Dann hielten sie sich die Seiten und weinten
noch. Und wenn der Tod darauf gestanden hätte, da war kein Verhehlen
mehr! Die Hunde, die sich hereingeschlichen, wurden _pro forma_
hinausgepfiffen, selbst das Reh ward hinaustransportirt: zum Schein
wurden in Wahrheit alle Lampen revidirt; Fenster aufgemacht, Thüren
zugeschlossen; von den Bedienten auf glühenden eleganten Schäufelchen
mit _Eau d’une million de fleures_ geräuchert -- alles umsonst!
nur erst recht zum Todtlachen -- wir mußten scheiden. Es geschah
_grandement_ und mit Anstand. Doch geschah’ es. Einige Töchter waren
roth, Brigitte außer sich. Der entschieden Heiterste und Gehaltenste
von allen war Sangallo. Ich verdenke Ihnen nichts! sprach er; und wenn
~Dergleichen~ einmal durch einen Mephistopheles von ~Kometen~ auf
Erden geschieht, so läuft die ganze Menschheit davon -- und der große
Hochzeitvater bleibt allein. Bedauern sie ihn -- und vor der Hand
mich. Auf Wiedersehen!
Der Postmeister bot uns eine Dose, und wünschte uns eine gute -- Nase,
am liebsten gar keine. Ich lachte noch im Bett, daß ich keinen Athem
hatte. Der arme Bräutigam! die arme Braut!