Der Vater und das Kinderhaus.
Herr von Sangallo in der Mitte der beiden jungfräulichen Wittwen
empfing uns sechs Gäste. Brigitte nahm sogleich ihr Väterchen in
Beschlag; die zwei Töchter, meine Mutter und die Frau Pastorin, um sie
zu Arminia zu führen. Der Schulmeister ward gebeten, das Pianoforte
zu stimmen; der Pastor hörte von angekommenen Candidaten und ging sie
aufzusuchen. Ich bat meinen Nachbar Sangallo, mir bis zur Tischzeit
sein Haus zu zeigen.
Da hängt zwar der Riß, sprach er. Aber der Weltbaumeister schickt uns
auch lieber selbst in seinem Hause umher, und läßt alle _par terre_
wohnen. Ich habe auch nur _par terre_ gebaut. Hohe Häuser mit vielen
Stockwerken sind Nothställe; Treppen sind Lungenverderber, Dienerund
Köchinnenplagen, Marterwerkzeuge der Alten, Zeitdiebe, Buckelmacher
und Beinbrecher der Kinder, und Leichenpein! Wer baut, muß für alle
Alter und alle Vorkommenheiten sorgen. Ich habe meiner Frau und den
Kindern alles auf ebener Erde hergerichtet. Glücklich, wer Raum hat!
Diese große Halle ist -- das Atrium der Alten, nur nordisch nöthig
mit Glas, mit bunten Scheiben gedeckt, ist der Hof in der Mitte des
Hauses. Vier Flügel mit Zimmern liegen umher, groß und klein; Küche,
Gewölbe und Kammern. Ich wohne bequemer, gesünder, wie jeder König.
Ich brauche keine Treppen der Ehre, worauf sich die Menschen erst --
klopfende Herzen ersteigen müssen oder sollen. Freilich mußte ich,
endlich überschwemmt von Kindern, den Schlafsaal oben anlegen; aber Sie
sollen sehen, wie sicher und bequem. Sie sind doch einmal neugierig,
und wohlgesinnten Nachbarn müssen wir uns zeigen, wie wir sind, damit
sie uns gegen böse Zungen mit vertreten.
Er öffnete eine Thür, sah in einen Saal, wollte sie mit dem Ausruf
„aha!“ wieder zudrücken, aber sagte: Desto besser! Und so fand ich
darin auf einer Seite den Schuhmachermeister, den Schneidermeister
auf der andern, die beide auf Stühlen und Tischen ihre mitgebrachten
Arbeiten auslegten. Ich ging stumm mit dem Vater daran hinunter, und
zählte 72 neue Schuhe und 72 neue Frauenkleider; an jedes Stück den
Namen der Tochter gesteckt.
„Auf das Sommerhalbjahr!“ Ostern ist zu früh in Deutschland,
sich anders zu kleiden; erklärte er mir. Jeder Tochter ein Paar
Sonntagsschuhe und ein Paar Wochentagsschuhe; ein Sonntagskleid und
ein Wochentagskleid. Zum Winter, um die Fischzeit, geht es mir wieder
so! Ich sehe, ich bin wirklich ein lächerlicher Vater für andere
in der ganzen Gegend; für mich oft ein weinerlicher! sagte er aber
seelenvergnügt und heute wieder ~in vollem Glanze~ einer zufriedenen
glücklichen Seele. Die Sommerkleider bezahle ich mit grünen Gurken oder
Kirschen; die Winterkleider mit sauren Gurken oder Pfeffergürkchen.
Er entließ die beiden Lieferanten bis nach dem Anprobiren der neuen
Sachen, und sprach: Wie viel hundert solcher, erst winzigen, dann
immer größern, besseren Schuhe hat die gute Mutter Erde schon für mich
bezahlt! Gut ist’s, wenn in einem Haushalt Jedes zu Etwas besonders
angewiesen ist, als seiner Quelle, seiner Möglichkeit! Wie hält man da
auf alles! Sie sollten nur sehen meine Kinder Melonen pflegen, (denn
das sind -- Brusttücher) die wälschen Nüsse klopfen, (denn das sind
Bücher und Musikalien) -- die Champignons suchen, (denn das sind Zwirn,
Nähnadeln und Stecknadeln) die Gänsefedern und Kielen sammeln (denn
das sind Bücher, Papier, Siegellack und Postgeld). Einer ~mißrathenen~
Kasse darf eine der reichlich gerathenen ihre Wohlthätigkeit beweisen.
Als ich anfing lächerlich zu werden, wollte ich dazu zu lachen
scheinen, und fuhr -- wie man meine Kutschen ins groteske Deutsch
übersetzte -- mit drei Heuwagen voll Mädchen auf den Ball. Wie Ich
geärgert ward, so ärgerte ich einige Töchterbegabte Väter wieder,
und bat die weitläuftigen Freier derselben auch zu uns zu Gaste! Und
dergleichen, und dergleichen. Denn es ist thöricht, von beschwerlichen,
ja gefährlichen Dingen nicht auch den Scherz und die Genugthuung zu
erndten! Meine Töchter bekamen den übelsten Stand; sie sollten nicht
zu sehr gefällig erscheinen, wie Mädchen aus dem Kinderliede „fünfzehn
um ein Strohseil“; und, wie alle Fehler leicht in ihr Gegentheil
umsetzen, gab ich acht, und es gelang mir: daß sie aus Haltung und
sehr gemessenem Wesen nicht stolz wurden; wie es einem Vater mit 10
großen Töchtern und einem Sohne in der nahen Stadt L...... ergangen
ist, denen eigentlich die vielen barocken Anecdoten zukommen, welche
die Sage -- nun auch von meinem Hause umherträgt. Sie werden sehen und
unterscheiden.
Jetzt sah ich durch das Fenster; Vier Lieutenants kamen ~geritten~.
„Jeder auf einem Pferde“ setze ich der Folge wegen hinzu. Der Vater
fuhr fort:
In welche seltene Lage hat mich der himmlische Vater hineingesegnet,
mich, der ich doch fortwährend meinte: doch endlich einen Sohn in
der Ehestandslotterie gewinnen zu müssen; das war mein tragischer
Fehler. Da ist mir mein Schicksalstrotz vergolten! Ich leide gerechte
Strafe, der ich doch kein Majorat habe, die Niemand mehr Mode machen
wird, weil vernünftige, alle ihre Kinder gleichliebende Eltern
nicht um Einen Gesegneten die andern so zu sagen verdammen wollen:
sich in der Welt herumstoßen zu lassen als allerhand Gethier. Denn
Sinecuren, Befehlshaberstellen in aller Welt, käufliche Hauptmanns- und
Majorpatente sind wir ~nicht zu haben~ so glücklich wie die Engländer.
Ich allein kann noch reich heißen; meine Töchter eher arm; soll ich
Siebenzehen von ihnen selbst mit dem Blitz erschlagen? ~Reichthum~
hilft so schlimm wie nichts: Töchter an Männer zu bringen. Denn von
~nur~ 10 schönen Töchtern, deren jede eine Zehntel-, vielleicht eine
Fünftelmillion Mitgift erhält, hat mein hochverehrter polnischer
Freund, Graf N...., jetzt in D.... erst Eine an Mann gebracht; während
Tausend arme Mädchen umher Tausend von Männern im Lande geheirathet
haben. Auch ~Schönheit~ hilft nicht zur Heirath, möchte ich sagen
dürfen. ~Gute Wirthinnen~ sein -- gar nichts. ~Angesehene Verwandte~
haben -- gar nichts. ~Gesundsein~ -- nichts. Selbst Bucklige,
Küchenignorantinnen, den Scharfrichter zum Vetter, versorgt Hymen.
Jetzt kamen Vier Herren in Einem Wagen ~gefahren~. „Referendarien“;
bemerkte der Vater, und sprach weiter:
In die Bäder -- diese vornehmen Gesindevermiethungs-Märkte -- zu
fahren mit so vielen Töchtern, wäre rasend! Auf Messen und Jahrmärkte
mit den angreifischesten Artikeln, unklug! Auf Bälle Eine oder
Zwei, ist fruchtlos. Kein Mädchen ertanzt sich einen Mann. Ja,
viele vertanzen sich die Nehmer. Denn schon die jetzigen rasenden
Tänze machen die schönsten Gestalten, Gesichter, Kleider -- im
Schwunge geradezu ~unsichtbar~; alle Grazie weicht vor der Wuth; und
nach dem Tanze steht ein keuchendes, pustendes, krebsrothes oder
todtenblasses bedauernswürdiges Wesen (das nur die Wiener mit dem
Wort Pamperlätschen bezeichnen können), da, von den Herren bedauert,
weil es Grazie, Gesundheit, Schaamhaftigkeit durch den privilegirten
schaamlosen Ballanzug wegwirft -- um einen Mann zu ertanzen. Das soll
ein Vater mit anhören und ansehen! Etwa Ich! Meine Töchter tanzen
nicht, bis die reizendste Pantomime von der Welt, die Minuett wieder
Mode wird, und das schöne Steyerisch, wozu wohl noch die steyrische
Mädchentracht gehörte. Und nur nach den vergeblichen Fischzügen und
Angelhakenauswerfen und Reißenlegen ängstlicher Eltern, was bleibt
noch: als ehrsame, wohlerzogene Mädchen im Hause aufsuchen zu lassen!
Aber da müßte man wieder eine große vergißmeinnicht-blaue Tafel
auswendig über die Hausthür setzen lassen mit den großen goldenen
Worten: „Suchet, so werdet Ihr finden“ (das „~Ihr~“ ja höflichst mit
dem großen I!) „Klopfet an, so wird Euch aufgethan;“ und die Tafel
inwendig Abends zum Fortgehn illuminiert: „Vergeßt das Wiederkommen
nicht, theuerste Freunde!“
Jetzt, sahen wir, kamen fünf schwarzgekleidete Predigtamtscandidaten
jeder auf seinen Füßen ~gelaufen~!
„Sie sehen, sprach er, an Heirathscandidaten fehlt es nicht. Gott, wer
Gefühl hat, will nicht heirathen? Jedes Mädchen ist gleich bezaubert
und gebannt von dem Wort: Wollen Sie ~heirathen~? Denn in dem Wort
steckt Alles, was Jugend und Phantasie nur wünschen und träumen. Erst
bei der Frage: Wollen Sie ~mich~ heirathen, sehen sie sich „den Mann
auf Tod und Leben“ etwas genauer an, und haben den Freier sogleich
ganz und gar auf einmal weg auf ewige Zeiten; richtiger, wie ein
Wechsler die Wichtigkeit eines Dukaten oder die Aechtheit eines Steines
nach drei Tagen Probe. Diese Sicherheit, diese Schärfe eines fast
augenblicklich summarischen Urtheils ist die wahre Gottesgabe der
Mädchen! So beurtheilt die junge Biene schwebend jede Blume vollkommen
wahr ~für sich~. Zuletzt, glaub’ ich, das Wahre getroffen zu haben:
mannbare Töchter müssen Eltern weder verbergen noch vorführen, also in
anständigem Verkehr bleiben mit der Nachbarschaft, mein Herr Nachbar!
Was Niemand sieht noch kennt, kann Niemand liebgewinnen und wählen.
~Guter Ruf der Eltern~ empfiehlt die Kinder weit genug umher. Denken
Sie aber, ~wie viel~ müßten mir Freier kommen, wenn meine _deux fois
neuf_-Mädchen, zweifachen Musen und sechsfachen Grazien schnippisch
und kostbar auswählen sollten; mein Herr Nachbar? Wie wohlerzogen und
schön müssen sie alle sein, daß sie alle jeden Gekommenen hinreißen --
wie Göthes „feuchtes Weib“ den Fischer, mein Herr Nachbar. Ich stelle
also aus väterlicher Weisheit den Herren, welche kommen, höchstens
Drei, besser Zwei, am richtigsten nur Eine meiner Nereïden vor. Zu
viel Liebes verwirrt; jedes Weib ist des Andern Vernichterin, Eine
hebt die Andere auf. ~Einzeln~ ist jede ein Kleinod. Wie würde etwa
Robinson Crusoe schon über die Fräulein Po...... in Berlin oder das
berühmte aufsätzige „~Kind~“ entzückt gewesen sein! Müßte aber vor
~jedem~ jungen Manne, der ein Weib nehmen will, der ganze unendliche
Zug von Mädchen auf der ganzen Erde in Putz, oder ohne allen Putz,
vorüber ziehen -- welcher Parademarsch[1] von den hundert Millionen
Hindostanerinnen, Perserinnen, Cirkassierinnen, und so aller anderen,
in geziemendem anständig langsamem Schritt, der ein Schauen, Lächeln
und Zulächeln gestattete, und freilich mehrere höchst angenehm
verständerte Monate ausdauern dürfte, -- so würde der unglückliche
Heirathskandidat, wenn sie alle vorüber marschiert wären, wenigstens
wahllos, rathlos und verwirrt geworden sein. So ist eine Bildergallerie
eine Bildermords-Anstalt, wo nicht nur ~einzelne~ leidliche, reizende
Bilder, sondern selbst die besten alle Tage ermordet werden.“
[1] Hiezu erscheint hoffentlich eine Illustration.
Jetzt kam in einer blasenden Extrapost (die ganze Erscheinung für ein
von Menschen geschaffenes Thier angesehen und angehört) ein an seiner
Uniform als Postsecretair erkenntlicher, sehr angenehmer junger Mann.
„Meine der Natur nachgemachte List, sprach Herr von Heiligenhahn,
hat Früchte getragen; denn wie die vorigen Gäste, so ist auch
dieser ein an der Natur, als an schön blühender _Venus muscipula_
Klebengebliebener; kein Freier, sondern ein ~Nehmer~; ein furchtbarer,
oft ehrenräuberischer, manchmal sogar tödtlicher Unterschied! Denn
die ~geradezu göttliche Kraft~ der Weiber: in ~Einem~ ihre Welt zu
schauen, diese wohlerdachte Eigenschaft: überschwenglich glücklich zu
werden, wird auch durch die Maske der Liebe, die ein blos lüsternes,
betrügerisches, von der Natur auf den Kauf gemachtes Männchen vornimmt,
der Weiber äußerstes Unglück, die dann verstandlos wähnen, gar keines
Mannes werth zu sein, wenn ein Betrüger ~ihrer~ unwerth war! So
unsinnig sind sie aus Herzentzündung!“
Mein Herr Nachbar, der mir, ich wußte nicht wie, eine Respectsperson
geworden, schwieg, setzte sich, und eine Falte, die sehr oft
seine Stirn gefurcht haben mußte, furchte sich wieder, und tief.
Doch lächelte er dabei und schielte unter den Wimpern tiefsinnig
hervor. Seine Reden waren so wahr! Aber ~daß~ er so offen solche
Hausgeheimnisse redete, die wohl vielen tausend Vätern das Herz
bedrücken, das machte mir den Mann unheimlich. Es fiel mir ein, daß
er um die Zeit, wo er sein erstes Gut verkaufen müssen, ~tiefsinnig~
gewesen sein soll, und dann wieder, als er sein ~zweites~ Gut um die
Erziehung der Kinder willen -- verstoßen. Doch soll sich der Tiefsinn
nicht schlimmer als nur dadurch geäußert haben, daß er an seinem
Pianoforte die Melodie von „~Freut Euch des Lebens~“ mit Einem Finger
gespielt; oder einige Male Hölty’s schönstes Lied also gesungen:
und weiche ~keine Meile~ weit
von Vaters Wegen ab!
Ich besah mir indeß einige Bilder an der Wand dieses Ankleidezimmers
und fand unter colorirten Modejournalbildern, worauf Mädchen und
Mütter mit kleinen Mädchen und Knaben freilich bejammernswürdig
zum Muster gekleidet da standen, wie die neuentdeckte ~hundertste~
Art Familienaffen, oder Affenfamilien. Darunter stand die Schrift:
„Putzaffen“ und der Vers, angeblich von Logau:
„Du edles deutsches Weib, wie bist du angethan!
Um andern gleich zu sein, dem Höll’entstiegnen Wahn;
Zerputzt, belappt, beschnürt, der Aeffin gleich gemacht,
Doch als ein menschlich Weib, so schön, mit Recht verlacht;
Der Gute aber weint ob solch verstellter Zier,
Die Dich zur Geckin macht, zum bunten Sclaventhier.“
Unter einem Bilde mit sogenannten Wespentaillen „Weibern,“ stand:
„Schämt Euch, Männer, hier über dies Weib, der Erbärmlichkeit
Tochter!
Weint, daß die Herzlose Glück, Güter und ~Liebe~ verputzt.
Ist es denn wahr „„Gebt täglich dem Weib: Schmuck! Spitzen und
Kleider!
Und nie frägt sie nach Mann, Kinder und Himmel und Gott?““ --
Nein! das ist Lug! Denn kost’ es dem Mann Gut, Ehr’ -- Ihr das
Leben,
Fragt sie noch dann nach -- Hut, Schleier und Hauben und Band!“
Er sah mich lesen und sprach: „Das war ein schwerer Punkt, der
Mode trotzen lehren: Achtzehn junge Weiber im Hause! Ich mußte zu
den bittersten Räucherungsmitteln greifen: die Wespen zu Tode zu
räuchern! Was ist schöner, und den edelsten Marmor-Götterbildern
gleicher als ein ~ohne Bänder~ aufgewachsenes Mädchen! Von allem das
Verführerischeste sind am Weibe ~die Hüften~, und ich beschuldigte alle
~Wespen~weiber offenbarer Verführung zu -- dem schwer von einem Vater
vor seinen Kindern auszusprechendem Worte -- Wollust. Sie erblaßten
vor Schaam. Ihre ~reine Seele~ war besiegt -- das Uebrige that ein
Seitenstück zum Bilde eines Trinker~magens~, das Bild einer, an der
Schnürbrust, elend und schmerzlich gestorbenen Apothekerstochter in
S****. Den herzgewinnenden Ausschlag aber geben die Pariser Abgüsse
der unvergleichlich schönen griechischen Marmorbilder der Frauen,
die dem Bildhauer zur Medizeïschen und der Capitolinischen Venus
Modell gestanden -- mit ~vollen~ Taillen. Jener Nachtwächter hatte
Unrecht, die Frauen lassen sich schon etwas sagen, aber nicht mit
Worten auf der Gasse, sondern mit reizenden Dingen. Die Sinne der
Frauen müssen besiegt sein, dann ist es ihr Verstand. Wir reden das
unter uns. Vatersein, Muttersein ist ~ein Amt~, das einzige, höchste,
göttliche, und das süßeste, belohnendste! ~Dieses treu~ zu erfüllen,
bin ich weiter nichts geworden als ~ein Vater~. Ich hoffe aber:
eine Schaar Töchter, künftige Gattinnen und künftige Mütter wohl
und schön ausarbeiten, wie ein Bildhauer in Fleisch und Geist, das
heißt viele Männer glücklich machen, eine Heerschaar weise ins Leben
geführter Kinder und Enkel in heiliger Stille säen! Ich habe nur Einen
Wunsch: Endlich auf meiner jüngsten Tochter Hochzeit tanz’ ich den
Großvatertanz, davon glücklich ermüdet schleich ich zu Bett, und -- bin
todt. --
In solchen Worten schaute ich keinen Unsinn, keinen eingeschlichenen
Gedanken; und wir gingen durch saubere freundliche Arbeitszimmer der
Mädchen, worin er mir kurz sagte: „~Leibliche Arbeit muß mit geistiger
Freude bedeckt werden~“, wie den Kameelen ihr saurer Weg durch frohe
Schalmei! Darum ist die Zeit gewonnen, nicht verloren, die Eine dazu
verwendet, Allen vorzulesen. Was? steht dort im kleinen Bücherschrank.“
--
Das war eine Aufforderung. Aber ich will nicht verrathen, welche Bücher
ich dort ~nicht~ fand. Es könnte es manche Celebrität übelnehmen. Eins
aber sage ich: ich erstaunte, wie viel Kernbücher schon die Deutschen
in aller Stille aus freier göttlicher Seele geschrieben haben! Die
Deutschen werden ~mit Völkerrecht~ auch ihre deutsche Bibel haben,
damit es wieder etwas Neues zum Verbieten und zum Verbrennen giebt.
„Wenn ich ein Kaiser oder nur ein König wäre, zu welcher Schule des
Lebens wollte ich die jahrelange Versammlung der Jugendblüthe des
Volkes machen, welche „Soldaten“ heißt! O Gott, welche Gelegenheiten
werden versäumt, auf ewig versäumt; „~denn auch die Jahre des Volkes
sind gezählt~!“ Das sagt’ er stöhnend und auf der Stirn furchte sich
seine düstere Falte. Ich fand auch deutsche Journale, wozu er sagte:
Fast in jedem Journal stehen schöne, wahre, oft für immer merkwürdige
Aufsätze oder Stellen, an welchen die mächtigsten Magen zu verdauen
haben. Diese, nämlich die schönsten Stellen aus den jährlichen
Journalen, müssen gesammelt und dem Volk als Bücher gegeben werden. Die
Weiber, da sie gerade das größte Interesse am öffentlichen Volksleben
haben, um nicht ~im Hause~ die öffentlichen Sünden zu büßen, oder
ihre Söhne und Brüder zuletzt einer Verwirrung zum Opfer zu geben,
die Weiber müssen in das Volksleben gezogen werden, um miturtheilen
und mit den Männern Stimmung geben zu können; darum muß die Jugend,
die heranwachsende Mutterschaft schon Kenntniß erhalten, und ein
deutsches edles Weib doch so viel, wie jede Höckerfrau in England!
Wo Volksverlangen und Volkswohl ein Geheimniß ist, da wird es auch
unsichtbar bleiben. Sela! nicht etwa Amen! Aber wie fällt ~meine~
deutsche Jugend über die Wahrsagungen und Prophetenstimmen her! Der
morgende Tag, das morgende Brot auf dem Tische ist ihr nicht so
wichtig, wie ihre ~Zukunft~ auf Erden, in welche sich die vormalige
ewige Seligkeit verwandelt hat. Aber kommen Sie in den Musiksaal!“
Darin nun überzählte ich 10 Pianoforte, außer dem Directionsflügel,
einer herrlichen „Repetition“ von Breitkopf und Härtel in Leipzig,
mit einer Claviatur, elastisch und Händebeflügelnd zur Wonne! von
einem Tone, erst in der Ferne recht laut und klar. Mein Schulmeister
stimmte nur ~eine~ Saite, wie er sagte. ~Vor~ Abend, sprach der Vater
-- denn bei Licht Noten lesen ist bei Cassation den Augen der Meinen
verboten -- werden wir Ihnen und den Gästen eine Sonate _à quarante
quatre mains_ vortragen. Warum setzt man unserem deutschen Schröder,
der durch das Pianoforte die Musik vom Himmel in alle Häuser getragen
hat, nicht auch ein Monument! Wem verdanken unsere, ~als Muster~ aus
jedem Hause zu werfende Pianofortekünstler ihren Ruhm und ihr Gold?
Schrödern! Also Ihm als Tantieme ein Conzert von Jedem! dazu legt
jeder Pianoforte-Spieler Einen Pfennig -- und so ist das Monument
erbaut. ~Ohne Musik kein deutsches Leben mehr.~ Musik ist unsere halbe
Religion, unser Herzenscultus des Himmlischen allen in der Natur.
Der Conzertsaal ist der Tempel der Gefühle, wie an jedem Musikherd,
dem Pianoforte -- diesem hölzernen Engel, und doch einem Engel! Wer
hat schon ermessen, welche Ströme Andacht durch die Musik neben der
Kirche vorbeifließen! Wer ermißt die Tiefen ~der Musik ohne Text~,
der Jeder frei weltprotestantisch ~sein Herz~ unterlegen kann und
unterlegt; selbst die Ultramontanen und unsere Citramontanen thun
das, die gar nicht wissen: ~wie frei~ sie die Musik macht, sonst
wäre sie längst verboten, und jede Liedertafel wie eine Herzen- und
Seelen-Freimaurerloge, auch noch verboten. Aber den Deutschen die
Musik zu nehmen, daran scheiterte endlich Alles. Und wie die Musik die
Gemüther erhebt! wie Beethoven die Männer ~stählt~ und ~stolz~ und
~feuerfest~ macht, wie Prometheus! Aber vergeblich war der Schwalbe
Warnung an die Vögel: den blühenden Lein auszureißen! die Vögel kannten
die Stricke und Netze daraus nicht; „die Vögel lachten;“ Gott regiert
die Welt durch Wetter und Wind, und auch die Musik ist so ein Wind!
jeder kraftreiche seelenvolle Tonsetzer ist sein Untergott. Aber still,
daß wir nicht Kaffeeriecher -- Tonlauscher bekommen, deren freilich
die unmögliche Zahl von ein Paar Millionen zu besolden wären. Auch ein
Quartett ~von Haydn~ werden wir Ihnen vortragen. Denn selbst Mozart hat
aus so ~kindlich großem~ Herzen kein Quartett geschrieben: Haydn ist
unser tiefer Orpheus und klarer Homer zugleich. Blos den Quartetten
Haydn’s verdanke ich den Besitz meines Herzens, und dadurch der ganzen
seligen Welt, von Thau und Blume bis Mensch. Mit seinen Adagio’s und
Andante’s darin, getraue ich mich einen vollkommnen ~sittlichen~
Menschen zu bilden, ~ohne~ jedes Buch, ohne ~alles~ „Wort“. Denn Worte
sind auch nur in Laute übersetzte ~Gefühle~. Bloße sittliche Worte
kenne ich aber nicht.
Mein Schulmeister und Lieutenant spielte jetzt den ersten Satz der
~einzigschönen~ Sonate Beethovens, _Op. 18_ aus _C moll_, während ich
die Musikalien musterte, die endlich so bequem aufgestellt waren, daß
sie nicht unter den andern aus dem Stoß durften hervorgezogen werden.
Welch ein Reichthum, und nur ~von den schönsten Werken~, unserer
Meister! Lohn’ Euch Gott, ihr Künstler! betete ich fast; da ich
bedachte: der ächte Künstler arbeitet für die ganze Menschheit, für
alle folgenden Geschlechter. Wie viele dieser Werke schon in Amerika,
in Ostindien, auf den Inseln oft an schönen Tagen und Nächten ihre
Blüthe entfalten und duften, so werden sie die Runde um die ganze Erde
machen! Ich brach aber die Hände, nun ich hinaus sah, und ahndete:
Alle ~diese Blätter~ wird einst die Natur wie Baumblätter verwehen,
begraben! Das alles wird nicht mehr sein! Ich klagte das laut. Aber
Herr von Sangallo sprach, das bedeutet uns Freude! Was auch andere
Sterne in dem großen chemischen Wetterglase das Welt heißt, des Schönen
besitzen: Helena und Homer haben Wir allein! nur Wir haben in aller
Welt: die schöne Venus und den Apollon, Göthe und Schiller, selber das
Wort „~und~“ haben wir allein! Das ist auch etwas werth: ~einzige~
Schätze besitzen! Und ~die größten Deutschen werden erst kommen~,
wir sind berechtigt sie erst zu erwarten; so wie das ganze deutsche
Volk, nach den Frühlingsstürmen, in herrlicher Blüthe mit reichlichen
Früchten in seinem heiteren ruhigen Herbst! Amen, das heißt: das
Werdewahr! --
Durch das Frühstückszimmer gingen wir dann in das Ankleidezimmer. Ich
durfte durch eine halb mir geöffnete Thür einen Augenblick in das leere
Bad der Nereïden sehen. Dann ladete der Vater mich in einem Cabinet
auf ein Sopha zum Sitzen ein; er setzte sich mir gegenüber, zog an
einer Schnur, und leis und rasch schwebten wir hinauf -- auf seiner
früher angedeuteten Treppe, die sich wieder senkte -- und landeten
gleichsam droben in dem freundlichen Schlafsaal mit den schneeweißen
Lagerstellen der Mädchen. Eine kleine, kleine gothische Kirche mit
Thürmen, aus Gyps geformt, mit bunten Glasfenstern, nannte der Vater
-- die Nachtlampe. „Den Schwestern liest Eine aus den ~neuesten~
Religionsbüchern vor; dann spielt sie ihre Seelen durch die schändlich
im Volke vergessene Glasharmonika in den Schlaf. Früh erweckt sie
sie so, und liest ihnen und sich dann Leben und Tag überschauend,
weihende Worte.“ Unter den „~neuen~“ Büchern fand ich Astronomische und
auserlesene Poesien. Nur Eins hat mir Mühe gemacht, sprach er lachend:
~das Frühaufstehn~! Ich mußte zu dem verzweifelten Mittel greifen,
am hellen Morgen den Nachtwächter vor dem Fenster der süß und fest
schlafenden Mädchen ein Horn blasen und singen zu lassen. Das war wohl
Schande! Doch nur in der Meinung der Verschlafenen. Der Nachtwächter
aber wußte von mir nicht anders, als er solle mir den Haushund
gewöhnen, daß er über sein Horn nicht heule; welche Abgewöhnung ich
nicht in der Nacht vornehmen wolle. Ein Hauptfehler wäre: Kindern durch
Ausplaudern ihrer kurzen vergänglichen Fehler, Schande oder Nachrede
~auf Lebenszeit~ zu machen! Der Fehler wird verbessert, selber die
Kinder und Eltern vergessen ihn. Aber Nachrede bleibt. Die Sache
mit dem Nachtwächter ist wahr; aber von einem Andern auf mich, als
eisernen Erzieher übertragen ist die Begebenheit: Ich hätte meine stets
unvorsichtige und ungeduldige große Tochter Armida in kurzer Zeit von
~Ungeduld~ und ~Unvorsichtigkeit~ dadurch kurirt, daß ich ihr für ein
Tag und Nacht im Busen ausgebrütetes Ei 100 Louisd’or gegeben. Was
hilft, ist ein Mittel; und es sieht mir ähnlich! Denn Vorsichtigkeit
und Geduld einer Frau sind wohl Goldes werth, und mit 100 Louisd’or
durchaus nicht zu theuer bezahlt!
Darauf führte er mich in die ~Kinderschatzkammer~ -- in das ~grüne
Gewölbe der Jugend~, wie er sagte. Aber eine weiße Gestalt war uns
leise nachgekommen, nur von mir bemerkt. Sie blieb in der Thür stehen,
erröthete vor mir und schlug die Augen nieder. Das war wohl lieblich!
Ich erkannte ~Arminia~! Mir klopfte das Herz auf. Ihr gewiß auch. Aber
wer anders war da sie zu retten bei ihr in der Noth, als Ich? Denn
die letzte Schwester war, verzweifelnd an ihrer Auferstehung, zum
Vater gekommen. Wer müßte der sein, der ihr ~nicht~ geholfen! Ich
fühlte: wie heimlich vertraut wir einander geworden waren und blieben.
Sie that keinen Schritt; sie blieb stumm. Und der Vater forderte
mich auf zu sehen: die vielen kleinen Jahresschuhe der Kinder! unter
durchsichtigen Florstaubschleier. Das war wohl liebliche Waare! Dann
eben so die schneeweißen kleinen Strümpfchen, wie für Lämmchen; dann
die kleinen Kinderhäubchen alle; rosig, himmelblau, grasgrün, golden
-- und die Schneeweißchen, Tauf- oder Westerhemdchen mit Spitzen.
Lieblich! -- Dann mußte ich die Reihe Puppen sehen, zerspielt, mit
ernsten Gesichtchen: jede ihren Namen aus dem Kinderparadiese,
großgeschrieben in der ausgestreckten steifen Hand! -- Hier, das erste
Gestricke der Kleinen! Dort das erste gesponnene Garn, vom Vater
Katzengarn genannt. Und von der Decke hingen die Christbäume alle,
jeder mit seiner Jahrzahl, vertrocknet, fast nadellos; die paar Nadeln
daran gelb und braun, wie Haare in einer Gruft! Auf den Zweigen noch
die Enden der Wachstocklichtchen, die goldenen und bunten Rosen, und
die Zuckermännchen und Weibchen. -- Dann wieder die ausgestopften
Vögel, die einstige Freude der Kinder: Rothkehlchen!... Zeisig!...
Staar!... Kanarienvogel! Dabei ein Lämmchen, ein kleines Hündchen,
ein Eichhörnchen. Das war wohl lieblich! Mir war so, als wäre ich
in den Himmel gekommen, in das Zimmer, worin der Kindervater seinen
unsterblichen Vorrath hat, und daraus immer den Menschenkindern
herabfliegen, herabbringen läßt, was ihnen Freude macht. Aber da
lagen noch im Sonnenschimmer auf blauer Seide gebettet, unter hellen
Glasglocken, die ~Kinderhärchen~! Das war wohl lieblich! Rings umher
aus den goldenen Rahmen aber sahen noch ~die Bilder~ der Kleinen
lächelnd in ihre Kindertage! Und so stand auch der Vater, der jetzt
Arminia erblickte und sie zu uns winkte. Sie kam. Der Kukuk rief wieder
-- dieser Schutzheilige, Allgegenwärtige in den Frühlingen der Jugend
und des Alters, der Vogel der Hoffnung und der Erinnerung -- und
erweckte uns die Gefühle von gestern.
Sie stand vor uns. Aber nicht etwa ein Lächeln war unter ihrem Gesicht
verborgen. Und der Vater sprach:... Und Tochter, Du dankst nicht
unserem Freunde?
Ihre Glieder regten sich zu einer Bewegung, die gleichsam im Keime, im
Hervorbrechen erstickte. Doch reichte sie mir die Hand und bemühte sich
mir in die Augen zu sehen.
Das ist schon mein Weib! sprach meine Seele heimlich jauchzend zu mir.
Der Vater aber entschuldigte sie mit den Worten: die Begrabene fühlte
sich, wie alle ihres Gleichen, durch den Todesschlaf ~der Angst
überhoben~, die wir alle um sie trugen -- nun fühlt ~sie~ unsere Angst
nach!
Sie lehnte sich an den Vater: sie küßte Ihn -- ein himmlisches Zeichen
zu Gunsten meiner -- dann bat sie ihn zu Tisch zu kommen, wo mich und
ihn die Anderen schon lange erwarteten.
Ist der alte General da? fragte er.
Auch; antwortete sie, sich die Lippe beißend; und ~Herr von Stifter~
mit seiner Frau und den vier Söhnen? Sie verneigte sich ~ganz erblaßt~
und ging. Er sah ihr nach und meinte dann: Wie gern seh’ ich meine
Tochter noch in ihrem Frieden, so noch ungedungen! unbezwungen von
Augen und Herz und eigener Himmelsgewalt. Aber ich muß des Nordlichtes
schon gedenken, das bald in ihre Blüthen, auf ihre Früchte, in ihre
Nächte fällt.
Aus allem diesem nahm ich ab, ich solle abnehmen: daß sicher noch
Niemand Anwartschaft auf Arminia habe. Ich blickte zur Sonne, um mich
zu stärken, mit Muth zu erfüllen, indem ich mir an ihrer Ewigkeit alles
zu Traum verschweben lassen wollte, nur Arminia eben nicht! Dann sprach
ich wahrscheinlich -- denn ich hörte nichts von meinen Worten --:
Geben Sie mir dies Mädchen zum Weibe!
Kurz darauf setzte ich hinzu: Gestern, als sie begraben war, hätten sie
mir sie gegönnt!
Er lächelte, als dächt’ er: heute lebt sie; dann antwortete er mir:
Herkömmlich ist es, sich für die Ehre zu bedanken.... die ich nicht
begreife. Sie scheinen zu lieben; das würde Ihr Glück sein, wenn ihre
Liebe -- -- ~Liebe~ ist; (mir fehlt ein Gleichniß, ein Beiwort, denn
der Liebe gleicht Nichts). Prüfen Sie sich. Daß Sie aber meine Tochter
von ~mir~, dem Vater, verlangen, bei mir um sie anhalten, das erlaubt
drei Antworten auf drei Voraussetzungen. Eine, die: Ich sitze, wie
ein Mann in der Bude, überhäuft von Waare. Ich muß losschlagen -- mit
Schaden --; und meine Töchter sind so wohlerzogen, so dankbar und
mir ~so~ gehorsam, daß Ich nur ja sagen darf. Aber meinetwegen in
allen Dingen, ~nur in der Liebe keinen Gehorsam~! Das heißt ~mit~ der
Liebe. Das ist ja eben die bittere Erfahrung, die jetzt viele Tausende
~machen~: die Liebe läßt sich nicht befehlen; nur das, mit Zwang
ja mit Abscheu „~Thun~“ -- zur Noth. So aber meint der reiche alte
General -- der gestern um meine ~Arminia~ angehalten hat, und heute
kommt, mein Jawort zu holen. Hier ist ein Brief. Er ist wahrscheinlich
kein Frommer, der sich auch den Glauben und das Beten hat zum Schein
befehlen lassen, und denkt: Ich und Er werden mit ~dem Schein~, also
mit der Heuchelei zufrieden sein, weil er hochgestellt und reich ist.
Ich werde nach Tisch ihm die Antwort schriftlich zusagen, und ~Sie~
sollen die Antwort concipiren! Auf gleiche Bedürfnisse schließt man
~weltliche~ Bündnisse, und Verträge mit Denen, die ~gegen~ unsere
Bedürfnisse fanatisch denken und handeln. Also muß der Brief ein
~Concordat~ mit ihm sein. Das wirksame Gefühl dazu geben Ihnen etwa
die Sätze: Alle goldenen Schätze und Kreuze, ja Kronen eines ~Alten~,
wiegen nicht ~die jungen Jahre~ eines Mädchens auf. Das ärmste
Bauermädchen, das den alten uns bekannten Dalailama heirathete, wäre
schändlich um das betrogen, was die ganze Welt Einem nur einmal zu
geben hat, um die Jahre, das Leben! Der Werth der jungen Jahre ist
unermeßlich! Dagegen ist aller Reichthum der Reichen nichts, gar
nichts; aller Rang und Stand der Berangten ist dagegen nichts, gar
nichts. Denn die Jahre sind die einzigen Gaben der Welt an Jeden, sein
eigener schönster und höchster Besitz, die Blüthe der Zeit, die Frucht
der Ewigkeit. O möchten doch alle vermeintlich armen Mädchen einsehen,
was sie besitzen mit ihrer Jugend! Aber ~die Unschuld~ nur giebt uns
Achtung vor uns selbst und Werthgefühl unserer selbst, jeden Haares an
unserem heiligen Leibe, heiliger, als Reste von Todtenknochen, und wenn
Gott selbst der Todte wäre! Ein Alter, der ein junges Mädchen liebt,
wie er ~seine~ Anfechtungen nennt, hat den Weltverstand verloren und
meint, was ihm tausend Fälle bestätigen: die Mädchen denken: „lieber
~äußerlich~ glücklich, als ~doch~ nicht innerlich! Lieber Pein und
Strafe, als Leere! Lieber schlecht und kurz geheirathet, als gar
nicht.“ Solchen Unverstand müssen Eltern mit Gewalt brechen. Stellen
Sie sich vor, junger Mann und hoffentlicher Herr Schwiegersohn: ~eine
alte Frau will Sie zum Manne haben~; und mit ~der~ Erbitterung gegen
diese ehrwürdige Dame, verfassen Sie dem alten reichen hohen Herrn den
Absagebrief, aber so artig, als wenn die Begehrte -- Arminia wäre.“
Ich versicherte meinen ganzen Kopf und mein ganzes Herz auf den Brief
zu verwenden.
Die Zweite Antwort ~für Sie~ wäre: Sie ahnden und ehren den Verlust,
den ein Vater leidet, wenn er ein Kind hingeben soll! Die gediehene
Fruchtpalme seiner Sorge und Mühe, seine als holde Lebendige
auferstandene Lehre, Liebe und Treue, einen Hauptgewinn seines Lebens
-- da Sie dem alten Stamme die grünen Zweige abhauen, daß er kahl
und leer stehen soll, bis er eingeht. Mögen Sie dafür einst mit
der freudigen Wehmuth belohnt werden: dem heiligen Gange der Welt
sich hoffnungsvoll zu fügen. Eine Tochter glaubt man wegzugeben, zu
verlieren -- ein Sohn scheint etwas zu nehmen, zu gewinnen -- eine
Frau. Aber beide sind verloren; doch ~wenn die Kinder gewinnen, dann
werden gute Eltern reich~. _Dr._ ~Troxler~ hat mich versichert,
meine Herren Schwiegersöhne würden fast lauter Söhne haben. Der
Familientypus, der Mensch bleibt: „Mädchen und Knaben sind nur Revers
und Avers derselben Goldmünze der „~Geister-Falschmünzerei~““ --
spricht unser Nachbar ~von Stifter~ darein; weil seine gute Frau,
die bei ihm zum bleichen Gespenst sich verzehrt hat, ihm gar keine
Kinder gebracht; und seine Verwandten ihn verhindern, daß auch nur
Einer seiner Nebensöhne legitimiert werde, um sein nicht fern von hier
liegendes großes Majorat zu erben. Deswegen ist er schon bei Lebenszeit
nach Ostfrei gezogen, das seiner Frau verschrieben ist. Sie werden
die Unglückliche sehen, die so gut ist, wie ein homerisches Weib, das
seines Mannes natürliche Kinder mit solcher Liebe und Eifersucht, und
solchem Neid und Gram erzogen, daß sie bald zu den Schatten steigen
wird. Und stellen Sie sich vor, diese Unglückliche wird in weitem
Kreise hiehin und dahin ~als wunderthätiges~ Bild geholt! -- eingeladen
von Frauen schon oder noch wankender _Greluchons_. Und ihr Anblick,
ihr Schweigen, ihre himmlische Geduld, ein leichtentschlüpftes Wort,
ihr widerwilliges leises tiefes Aufathmen, das ein Seufzen oder Gebet
schien, hat nach ihrem Abschied die verstocktesten, verblendetsten
Männer ihren Frauen zu Füßen geworfen.
Trotz meiner Rührung freute ich mich; denn welchem Schwiegersohne kann
man eine einschneidendere Warnung geben, als er that; und noch mehr
dadurch, daß er mich darauf bei Tisch der wie vom Tode erstandenen
blassen armen Frau gegenüber setzte, von der ich schon bei meinem
heutigen ersten Besuch vor Jammer fast übereilt geschieden war. Er
zahlte mir also schon Gold „auf den Schwiegersohn“ aus!
„Meine dritte Antwort an Sie wäre, fuhr er fort: Sie haben den weisen
Vorsatz: Du mußt dir die Liebe der Geliebten gewinnen. ~Ohne zu lieben
heirathen, ein dich nicht liebendes Weib nehmen, ist Todsünde~, weil
es nicht das wahre göttliche ~Leben~ bringt. Liebe ist ja die ganze
Sache dabei. Mit Begeisterung muß alles geschehen. Die Begeisterung
ist alles selbst. Ob einander Liebende dann verstehen ~die Liebe zu
erhalten~, das ist ein Anderes. Darum ist ein Herrnhutisches Losen
und Gelost werden die Austreibung -- des höchsten Wesens! Darum ist
Weibergemeinschaft: Erniedrigung unter den Elephanten! ~Nur Jüngling
und Mädchen lieben einander mit der Liebe, die einzig den Namen
Liebe verdient! Sie nur macht Weib und Mann glücklich, glücklich die
Kinder. Nur unter Weib, Mann und Kindern ist Liebe~ -- gegen ~Andere
alle~ ist nur: Agape, und von ihnen ist auch nur Agape zu verlangen,
Anderen wohlzuwollen, wie sie uns; aber Niemand kann sich selber
~lieben~, also auch nicht ~alle~ Anderen. Aber alle Anderen ~lieben
sich untereinander~, aber alle ~nur als Mann und Weib und Kinder~. Und
das thut der Eisbär! Das, die Vögel alle in allen Nestern! Das, die
Blumen und Blüthen alle! -- Das ist der Geist der Welt und ist das, was
man sonst die Seligkeit nannte, aber was sie allein überall wirklich
und ewig ~ist~. Andere sollte man nur agapiren ~wie~ sich -- aber alle
Liebende lieben den geliebten Anderen ~mehr wie sich~! Die Schlange
läßt das Leben für ihre Kleinen! Die Menschenmutter stirbt für ihre
Kinder -- und mit Freuden! mit Freuden! Glücklicher kann der Geist der
Welt in keiner Gestalt werden. Ich wünsche meine Tochter glücklich.
„Darum, heißt es, soll Dich die Tochter ~lieben~; wenn der Vater, als
Hausverstand sie Dir geben soll! Zwinge sie also dazu dadurch, daß Du
ein Mann bist, durch alles was und wie Du da bist und was Du hast. Denn
das alles eben bist Du. Nur hüte Dich, daß die Geliebte nicht blos
~Deine Liebe~ liebt, und sich Dir aus Rührung, Eitelkeit, Mitleid oder
Weiblichkeit nur ergiebt. ~Ihre Liebe~ muß nach Dir heimlich weinen!“
-- Aber zu dem allen spreche ich, und gebe Ihnen ein Zeichen: Wenn
Arminia zögert und ihr Jawort zu geben hinausschiebt, dann gerade liebt
sie Sie. Denn jedes Haus und jedes Herz hat seine eigene Religion! Ich
werde ihr von Ihrem gottseligen Vorhaben sagen, und wenn sie bei Tische
nicht ißt -- dann trinken Sie auf meine Gesundheit! --“