VI.

Die jetzt verführte Jugend.

Sie wollten sie fortführen, aber sie war noch fühllos wie ein Kind,

das zum erstenmal wagen will ein Schrittchen allein zu thun. Endlich

kam der Vater -- wie er meinen mochte ~herbeigestürzt~; aber er

konnte kaum die Füße heben, wie ein alter schwacher Greis, und mußte

noch auf dem kurzen Wege vielmal stehen bleiben, Athem schöpfen und

ausruhen von der himmlischen Müdigkeit. „O würde doch allen Armen und

Unglücklichen auf der Erde vor Freude der Weg so sauer! Müßten sie

doch solchen Athem schöpfen! Gingen sie alle doch einem solchen Glücke

entgegen;“ sagte mein Pastor Doctor Schleyerlöser, als ich ihm des

Vaters Gang erzählte. Meine rechtschaffene Mutter schenkte ihm für

diesen Regentenwunsch einen fetten Ochsen, den er -- redlich unter die

Armen vertheilte. Auch das Geld für das Leder. Nicht die Zunge hat er

behalten. _Stupor in -- gentibus!_ auf Deutsch: ein weißer Sperling

unter den schwarzen oder schäckigen.

So eilte der Vater herzu. Sie machten ihm Platz und reiheten sich zum

schönsten Spalier in der Welt! Sie riefen: der Vater! der Vater! Sie

starrte hin. Er nahte. Sie war nicht gelähmt, sie lief ihm entgegen!

Sie war nicht stumm geworden: sie rief: „Mein Vater! mein Vater.... o

mein Vater!“ Der Vater konnte nicht sagen: O mein einziges Kind! Aber

er schloß sie in seine Arme.

Da brachen alle in Thränen aus! Da waren alle -- was man sonst Engel

nannte --: selige Geister in Wundergestalt! mit Haupt und Haar! Denn

nicht das Unglück rührt am tiefsten, wie unser biedere, auch an

Geist colossale Rückert sagt; denn das Unglück ist der Abscheu, das

Unwürdige, das verhaßte Ungethüm der Natur. ~Das Glück~ erhebt uns

zu Göttern, in unsern wahren Stand! Nicht das unermeßliche Unglück

der Deutschen in dem Kriege für die Freiheit der Könige rührt uns

so. Aber wenn ich Varnhagen’s kostbares „Leben Blüchers“ lese, und

dahin gelange, wo Blücher nach England kommt, und er vor Freuden

über das Glück von den Menschen fast erdrückt und zerzauset wird. --

~Da schluchz’ ich~ vor unermeßlicher Wonne! Denn doch die Ehre, das

Bewußtsein der Kraft haben wir Deutschen wieder; und das ist, ~das

erwirbt alles~.

So vor Freude weinend führten sie mir den Vater mit der Tochter in das

Haus. Der Himmel glänzte wieder blau und klar -- der Schelm! -- die

Vögel sangen wieder, der Kukkuk rief. Eine Schaar Studenten, die im

Gasthaus den Regen verpaßt und vertrunken, jetzt wieder flott hinaus

auf ihre Pfingstreise ziehend, sangen auf dem Wege längs des Gartens

vorüber. Und süßer wie dem Freiheit liebenden Volke im Theater nach des

Landvoigts Falle der Gesang der fahrenden Bettelmönche ertönt, ertönten

mir aus ihrem Liede mit unvergleichlich schöner Melodie gerade jetzt

die Worte:

-- -- -- „auf’s Wohlsein deiner Schönen,

„Die deiner Jugend Traum erhellt!“

Mir -- schwebte dabei Arminia vor. Ich hatte, wenn auch wie im Traume,

im Eifer der Rettung genug gesehen, um mir entweder überhaupt ein Weib

zu wünschen; oder insonderheit dieses wider Willen bestaunte schöne

Wesen zum Weibe. Das konnte mein summendes Haupt nicht unterscheiden.

Den väterlichen Befehl zum Heirathen hatte ich in der Tasche, was ich

merkte.... da ich wirklich danach fühlte, um ein Zeichen vom Himmel,

_à la Sangallo_, zu haben: ob höchst derselbe vielleicht auch meinte

-- (ich hatte gestern erst vielleicht die aufrichtigste kleine Schrift

über Göthe gelesen) -- daß ich „~diese Person~“ heirathen solle, wie

er seine todte Frau im Wagen genannt, und sie auch „nach Hause fahren“

solle? So kann Ich jetzt nur schreiben. Damals konnte ich nicht so

denken. Denn Brigitte, die mich allein stehen und nicht folgen gesehen,

kam zu mir und führte mich ganz Betäubten.

Ach Gott, sprach sie, hätte ich Ihnen nur vorhin nicht die Worte

gesagt! Vergessen Sie alles! Ich bin außer mir! Das trübt mir die

Freude darüber, daß sie wieder lebendig ist. Wir haben uns so lieb; wir

gönnten Eine der Andern das Herz aus dem Leibe. Aber die Liebe verräth

sich nicht! Sie ist der Jungfraun Geheimniß -- und das Räthsel der

Andern!

Ich beruhigte sie damit, daß ~ihr Gönnen~, ja keine Gewalt über ihrer

Freundin und Niemandes Herz habe! Sie lächelte mich noch geschwind

dankbar an, und wir betraten das Haus. Der Pastor kam uns mit meiner

rechtschaffenen Mutter entgegen und sagte: „Ich habe uns beurlaubt!

Heilige Feste, ich meine alle, soll und kann nur der Mensch in seinem

Hause feiern; sie leiden durch die Prostitution, das heißt hier:

wenn sie ~Vorstellungen~ für Andere werden. Wir Anderen sind ja so

glücklich, daß unsere ächten Erben nicht vor Zeugen müssen geboren

werden; unsere Lieben nicht vor Zeugen sterben müssen; wir sind der

_chambre ardente_, der Beilager, der öffentlichen Bewillkommung unserer

Lieben in Gnaden überhoben; wir dürfen nicht erst beweisen, daß wir

umarmen und weinen können. Der Vater Sangallo bat uns kurz, morgen zum

Mittagsessen und Trinken wiederzukommen. Den Herrn von Hase sollen wir

ja mitbringen, Fräulein von Hase! Arminia ist im Bade und wird von den

Nereïden bedient.“

Brigitte sah mich leicht an, und sprang zu ihr in das Bad. Ein

vornehmes mir fremdes Fräulein brachte mir meinen Mantel, in den ich

mich mit süßem Schauder hüllte, als würde ich ~die Prinzessin mit der

Schwanenhaut~! Ich dankte ihr überaus beschämt vor ihrer Herablassung.

Sie ging. Der Pastor lachte und sprach im Fortgehen zu mir: Herr von

Heiligenhahn kennt zwischen den Frauen keinen Unterschied. ~Jung~

ist einmal jede. Schön, wohlgekleidet will jede sein. Und so gehen

die dienenden Mädchen in seinem Hause wie arme Prinzessinnen; alles

schön in ~Form~, rein, solid, nur ohne falschen Schmuck, und vom Stoff

ihrer Kleider kostet die Elle zehn Kreuzer. Er statuirt nur einen

Beutelunterschied zwischen den Mädchen, der denn wirklich existirt

und groß genug ist. Alle andern Naturrechte und Menschenrechte und

Ansprüche auf Freude an sich und der Welt gesteht er gerade erst recht

allen armen und allgemeinen Volke zu; gesteht er ihnen zu -- als

Wundern Gottes. Er sagt laut, ~man muß auf alle mögliche Art das Volk

heben~, daß es die falschen niederträchtigen Ehrfurchten verliert,

damit es die Hochträchtigkeit verliert, wenn Albernes, Hohles,

Verderbliches ihm nicht hoch, sondern ausrottungswerth erscheint. Er

sagt: es ist möglich, daß ein ganzes Volk blos an Rang- und Titelsucht

untergeht, zum Beispiel, das deutsche; wenn selbst die besten Männer,

das Salz des Volkes, für einen Titel oder Orden von Gesinnung und Gott

abfallen. Doch man kennt jetzt die Wege des Herrn. Mit Erkenntniß und

Urtheil ist allem Volke geholfen.

An der Stiege zum See holte uns der Noth-Doctor Salomon ein. Geschwind

nehmen Sie mich mit, forderte er mehr als er bat. Ein neues Unglück

oder Glück!

Nun? fragten wir, schon fahrend.

-- Der Betjunge ist auf der Hinfahrt ersoffen! Er hat aus dem Kahn

einen großen Karpfen richtig ergriffen, aber das Uebergewicht verloren.

Der geistliche Herr hat, nach seiner Art Todte zu retten, nur den

Ersoffenen erwischt. Dem soll ich nun ~eine neue Seele~ einblasen!

Wenn das jetzt möglich wäre, dann wäre ich über alle Potentaten.

Wie sich der Vater und die Schwestern bei mir bedankten -- bei mir

Naturpfuscher! Bei der Natur hätte man sich nur für ihre Eigenschaften

bedanken sollen, so wie der Inhaber einer Nase dafür, daß sie riecht,

und dergleichen. Doch dergleichen kommt aus der Mode. Hier die 100

blanken Dukaten habe ich dafür, daß ich die Satyre auf den Tod --: das

Begraben als Mittel wußte, und daß es anschlug, nämlich daß es wieder

einschlug! Das war ~mein~ Glück! Die Natur verklärte mich! ~Sie zeugte

für die Wissenschaft!~ Der Vagabundus hat nun ~historisch~ das Wunder

an Arminia nicht gethan, und prostituiert, wird er nun wohl nach Tyrus

und Sidon entweichen! Nur der arme verführte Junge thut mir leid. Darum

geschwind!

Gott, wozu wird jetzt die Jugend gemißbraucht! seufzte der Pastor.

Klage Jemand noch Zigeuner und ~Englische~ Bereiter an!

Er und ich halfen nun rudern bis zum Angstschweiß. Der arme Junge lag

in meinem Dorfe im geöffneten Spritzenhause. -- Er blieb tod. Seinem

Führer mußte eine Erleuchtung gekommen sein: er hatte sich in der Nacht

ersäuft, wie die Teichwächter sagten.

Am andern Tage zu Mittag standen wir wieder in der Halle von Westfrei.

Diesmal der arme Herr von Hase, in seinem letzten wohlausgebürsteten

Rock mit uns.

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle · 第 10 / 18 题