Die jetzt verführte Jugend.
Sie wollten sie fortführen, aber sie war noch fühllos wie ein Kind,
das zum erstenmal wagen will ein Schrittchen allein zu thun. Endlich
kam der Vater -- wie er meinen mochte ~herbeigestürzt~; aber er
konnte kaum die Füße heben, wie ein alter schwacher Greis, und mußte
noch auf dem kurzen Wege vielmal stehen bleiben, Athem schöpfen und
ausruhen von der himmlischen Müdigkeit. „O würde doch allen Armen und
Unglücklichen auf der Erde vor Freude der Weg so sauer! Müßten sie
doch solchen Athem schöpfen! Gingen sie alle doch einem solchen Glücke
entgegen;“ sagte mein Pastor Doctor Schleyerlöser, als ich ihm des
Vaters Gang erzählte. Meine rechtschaffene Mutter schenkte ihm für
diesen Regentenwunsch einen fetten Ochsen, den er -- redlich unter die
Armen vertheilte. Auch das Geld für das Leder. Nicht die Zunge hat er
behalten. _Stupor in -- gentibus!_ auf Deutsch: ein weißer Sperling
unter den schwarzen oder schäckigen.
So eilte der Vater herzu. Sie machten ihm Platz und reiheten sich zum
schönsten Spalier in der Welt! Sie riefen: der Vater! der Vater! Sie
starrte hin. Er nahte. Sie war nicht gelähmt, sie lief ihm entgegen!
Sie war nicht stumm geworden: sie rief: „Mein Vater! mein Vater.... o
mein Vater!“ Der Vater konnte nicht sagen: O mein einziges Kind! Aber
er schloß sie in seine Arme.
Da brachen alle in Thränen aus! Da waren alle -- was man sonst Engel
nannte --: selige Geister in Wundergestalt! mit Haupt und Haar! Denn
nicht das Unglück rührt am tiefsten, wie unser biedere, auch an
Geist colossale Rückert sagt; denn das Unglück ist der Abscheu, das
Unwürdige, das verhaßte Ungethüm der Natur. ~Das Glück~ erhebt uns
zu Göttern, in unsern wahren Stand! Nicht das unermeßliche Unglück
der Deutschen in dem Kriege für die Freiheit der Könige rührt uns
so. Aber wenn ich Varnhagen’s kostbares „Leben Blüchers“ lese, und
dahin gelange, wo Blücher nach England kommt, und er vor Freuden
über das Glück von den Menschen fast erdrückt und zerzauset wird. --
~Da schluchz’ ich~ vor unermeßlicher Wonne! Denn doch die Ehre, das
Bewußtsein der Kraft haben wir Deutschen wieder; und das ist, ~das
erwirbt alles~.
So vor Freude weinend führten sie mir den Vater mit der Tochter in das
Haus. Der Himmel glänzte wieder blau und klar -- der Schelm! -- die
Vögel sangen wieder, der Kukkuk rief. Eine Schaar Studenten, die im
Gasthaus den Regen verpaßt und vertrunken, jetzt wieder flott hinaus
auf ihre Pfingstreise ziehend, sangen auf dem Wege längs des Gartens
vorüber. Und süßer wie dem Freiheit liebenden Volke im Theater nach des
Landvoigts Falle der Gesang der fahrenden Bettelmönche ertönt, ertönten
mir aus ihrem Liede mit unvergleichlich schöner Melodie gerade jetzt
die Worte:
-- -- -- „auf’s Wohlsein deiner Schönen,
„Die deiner Jugend Traum erhellt!“
Mir -- schwebte dabei Arminia vor. Ich hatte, wenn auch wie im Traume,
im Eifer der Rettung genug gesehen, um mir entweder überhaupt ein Weib
zu wünschen; oder insonderheit dieses wider Willen bestaunte schöne
Wesen zum Weibe. Das konnte mein summendes Haupt nicht unterscheiden.
Den väterlichen Befehl zum Heirathen hatte ich in der Tasche, was ich
merkte.... da ich wirklich danach fühlte, um ein Zeichen vom Himmel,
_à la Sangallo_, zu haben: ob höchst derselbe vielleicht auch meinte
-- (ich hatte gestern erst vielleicht die aufrichtigste kleine Schrift
über Göthe gelesen) -- daß ich „~diese Person~“ heirathen solle, wie
er seine todte Frau im Wagen genannt, und sie auch „nach Hause fahren“
solle? So kann Ich jetzt nur schreiben. Damals konnte ich nicht so
denken. Denn Brigitte, die mich allein stehen und nicht folgen gesehen,
kam zu mir und führte mich ganz Betäubten.
Ach Gott, sprach sie, hätte ich Ihnen nur vorhin nicht die Worte
gesagt! Vergessen Sie alles! Ich bin außer mir! Das trübt mir die
Freude darüber, daß sie wieder lebendig ist. Wir haben uns so lieb; wir
gönnten Eine der Andern das Herz aus dem Leibe. Aber die Liebe verräth
sich nicht! Sie ist der Jungfraun Geheimniß -- und das Räthsel der
Andern!
Ich beruhigte sie damit, daß ~ihr Gönnen~, ja keine Gewalt über ihrer
Freundin und Niemandes Herz habe! Sie lächelte mich noch geschwind
dankbar an, und wir betraten das Haus. Der Pastor kam uns mit meiner
rechtschaffenen Mutter entgegen und sagte: „Ich habe uns beurlaubt!
Heilige Feste, ich meine alle, soll und kann nur der Mensch in seinem
Hause feiern; sie leiden durch die Prostitution, das heißt hier:
wenn sie ~Vorstellungen~ für Andere werden. Wir Anderen sind ja so
glücklich, daß unsere ächten Erben nicht vor Zeugen müssen geboren
werden; unsere Lieben nicht vor Zeugen sterben müssen; wir sind der
_chambre ardente_, der Beilager, der öffentlichen Bewillkommung unserer
Lieben in Gnaden überhoben; wir dürfen nicht erst beweisen, daß wir
umarmen und weinen können. Der Vater Sangallo bat uns kurz, morgen zum
Mittagsessen und Trinken wiederzukommen. Den Herrn von Hase sollen wir
ja mitbringen, Fräulein von Hase! Arminia ist im Bade und wird von den
Nereïden bedient.“
Brigitte sah mich leicht an, und sprang zu ihr in das Bad. Ein
vornehmes mir fremdes Fräulein brachte mir meinen Mantel, in den ich
mich mit süßem Schauder hüllte, als würde ich ~die Prinzessin mit der
Schwanenhaut~! Ich dankte ihr überaus beschämt vor ihrer Herablassung.
Sie ging. Der Pastor lachte und sprach im Fortgehen zu mir: Herr von
Heiligenhahn kennt zwischen den Frauen keinen Unterschied. ~Jung~
ist einmal jede. Schön, wohlgekleidet will jede sein. Und so gehen
die dienenden Mädchen in seinem Hause wie arme Prinzessinnen; alles
schön in ~Form~, rein, solid, nur ohne falschen Schmuck, und vom Stoff
ihrer Kleider kostet die Elle zehn Kreuzer. Er statuirt nur einen
Beutelunterschied zwischen den Mädchen, der denn wirklich existirt
und groß genug ist. Alle andern Naturrechte und Menschenrechte und
Ansprüche auf Freude an sich und der Welt gesteht er gerade erst recht
allen armen und allgemeinen Volke zu; gesteht er ihnen zu -- als
Wundern Gottes. Er sagt laut, ~man muß auf alle mögliche Art das Volk
heben~, daß es die falschen niederträchtigen Ehrfurchten verliert,
damit es die Hochträchtigkeit verliert, wenn Albernes, Hohles,
Verderbliches ihm nicht hoch, sondern ausrottungswerth erscheint. Er
sagt: es ist möglich, daß ein ganzes Volk blos an Rang- und Titelsucht
untergeht, zum Beispiel, das deutsche; wenn selbst die besten Männer,
das Salz des Volkes, für einen Titel oder Orden von Gesinnung und Gott
abfallen. Doch man kennt jetzt die Wege des Herrn. Mit Erkenntniß und
Urtheil ist allem Volke geholfen.
An der Stiege zum See holte uns der Noth-Doctor Salomon ein. Geschwind
nehmen Sie mich mit, forderte er mehr als er bat. Ein neues Unglück
oder Glück!
Nun? fragten wir, schon fahrend.
-- Der Betjunge ist auf der Hinfahrt ersoffen! Er hat aus dem Kahn
einen großen Karpfen richtig ergriffen, aber das Uebergewicht verloren.
Der geistliche Herr hat, nach seiner Art Todte zu retten, nur den
Ersoffenen erwischt. Dem soll ich nun ~eine neue Seele~ einblasen!
Wenn das jetzt möglich wäre, dann wäre ich über alle Potentaten.
Wie sich der Vater und die Schwestern bei mir bedankten -- bei mir
Naturpfuscher! Bei der Natur hätte man sich nur für ihre Eigenschaften
bedanken sollen, so wie der Inhaber einer Nase dafür, daß sie riecht,
und dergleichen. Doch dergleichen kommt aus der Mode. Hier die 100
blanken Dukaten habe ich dafür, daß ich die Satyre auf den Tod --: das
Begraben als Mittel wußte, und daß es anschlug, nämlich daß es wieder
einschlug! Das war ~mein~ Glück! Die Natur verklärte mich! ~Sie zeugte
für die Wissenschaft!~ Der Vagabundus hat nun ~historisch~ das Wunder
an Arminia nicht gethan, und prostituiert, wird er nun wohl nach Tyrus
und Sidon entweichen! Nur der arme verführte Junge thut mir leid. Darum
geschwind!
Gott, wozu wird jetzt die Jugend gemißbraucht! seufzte der Pastor.
Klage Jemand noch Zigeuner und ~Englische~ Bereiter an!
Er und ich halfen nun rudern bis zum Angstschweiß. Der arme Junge lag
in meinem Dorfe im geöffneten Spritzenhause. -- Er blieb tod. Seinem
Führer mußte eine Erleuchtung gekommen sein: er hatte sich in der Nacht
ersäuft, wie die Teichwächter sagten.
Am andern Tage zu Mittag standen wir wieder in der Halle von Westfrei.
Diesmal der arme Herr von Hase, in seinem letzten wohlausgebürsteten
Rock mit uns.