Die Vorstellung.
Er blieb sitzen, als ich eintrat. Ich verneigte mich vor ihm, wie man
es vor dem Unglücklichen aus Ehrfurcht und einer heimlichen Scheu thut,
indem man in ihm den Träger, Leider und Darsteller einer gar nicht zu
verachtenden, wenn auch meist unerfreulichen Macht sieht; und wahrlich
eben sowohl ~diese Macht bedauert~, als ihren Schauspieler. Und die
Macht wird nur in unserer Seele vom Hasse los, sie wird gleichgültig,
ja sie wird etwas werth, wie Eisen, daraus ein Meister ein angenehm
schönes Kunstwerk, auch nur eine Spielerei gegossen; oder wie ein
tückischer Strom, woran ein Kind ein Glockenspiel aufgestellt -- und
die Glöckchen klingen! sie spielen gar:
„Freut euch des Lebens!“
So geschah mir vor dem, noch schönen ernsten Manne; ein Mann von 50
Jahren, dem Leibe nach, dessen Geist aber heute so alt und gefaßt und
ruhig wie die Welt, die schweigsame Welt schien. Denn er lächelte.
Er reichte mir die Hand und „nannte mich bei Namen“ wie Homer sagt.
Ich nannte ihn aber nicht bei Namen, um ihn nicht aufzuwecken -- wie
einen vor Schmerz jetzt Mond- oder Sonnensüchtigen, dessen Gefühle
und Gedanken durch alle Himmel schweiften und nach allen Ursachen,
Geheimnissen und Seligkeiten forschen und verlangen mochten.
Er deutete mir, mich zu ihm zu setzen. Er holte tief Athem. Lange
darauf erst sprach er unter dem leisen Donner: „Welches große, durch
Endlosigkeit grause ~Muß~, das da Welt heißt, das vielleicht in einer
fürchterlichen Einsamkeit so hangen und weben muß! Das nie auf seinen
Tod hoffen darf, wie doch wir, die wir.... einzeln.... nacheinander....
ihn ~für~ dasselbe sterben. Und so quält es sich selbst, ohne alles
andere mögliche Ergebniß ab, als daß es sterbend, verwandelt, so fort
~lebt~! ~O wie heilig ist das Leben!~“ Mir ist heute und vielleicht
auf immer der Humor zerstört, dieser ~süße~ Duft aus bitterem
Aloeholz; das höchste Rauchopfer, das wahrsagende singende Kind aus
dem Zauberkessel! Ich gedachte jetzt an das, was mir einst mein Lehrer
-- der jetzt noch sogenannte, aber dem Blitz und Donner und allen
Sternen unbekannte, äußerstgeheime, verborgene Oberconsistorialrath
_X...._, dem ich die Paulus’sche Ausgabe des Spinoza brachte --
heimlich in der Laube seines Gartens sagte, als höchsten Lebensrath:
„Thue alles; nur nimm kein Weib!“ -- Damit meinte er sein ~treuloses~
Weib -- also ~kein~ wahres Weib. Ich wußte sein Leid. Treulosigkeit ist
Lieblosigkeit; ja, Untreue mag einem Weibe darum noch angenehm sein.
Die einmal ~so~ Leichtsinnige, wird sich vielleicht auch leichtsinnig
trösten; aber dem liebenden Manne ist mit ihr alle Schmach, Schande,
alle tiefste Verachtung angethan. Und warum ~ihm~? Er hatte dieselbe
Schmach einem Andern angethan. Schlimm, wer ~Vergeltung~ zu fürchten,
ja zu hoffen hat, daß seine Seele Ruhe gewinnt; denn die Vergeltung
kann nie ausbleiben. Wenn sein Weib auch nichts davon wußte, Er wußte
es; Er war kein Mann, der sein Leben ursprünglich vom wahren allein
gesegneten Anfang mit seiner Frau angefangen hatte. Das ~Leben
zusammen~ rein und freudig anfangen, das allein ist der hinlängliche
feste Grund zur Ehe. Allen andern ist die Möglichkeit zur Ruhe und
Glück voraus schon abgeschnitten. Ich bin strenger, als alle Stoiker
und möglichen und gewesenen Sittenlehrer, nur aus Seelenkunde, ja
aus ~Chemie~! Auf welche, welche erstaunende Reinlichkeit muß der
Scheidekünstler halten, der viel richtiger ein ~Verbindungs~künstler
heißt. -- Ich nun, ich hatte das Leben, die Ehe, mit meinem Weib rein
und ursprünglich angefangen -- mein treues Weib, die unabwehrbar
fleißige Hausfrau, die liebende Mutter ist rein wie ein Engel von mir
geschieden. Das heimtückischeste Unglück hat mich glücklichen ~Mann~
nicht getroffen -- auch pries ich mich als den glücklichsten ~Vater~:
~mir war kein Kind gestorben~! Mir verlief die Natur nach ihrem Gesetz:
„~die Eltern sterben vor den Kindern~.“ Aber wie wahr sagt der in allen
andern so ungewöhnlich glückliche, in den Hauptstücken des Lebens, an
Weib und Kind aber unglückliche Göthe aus tiefer Brust ein Wort, wie
aus der Brust Gottes als Stimme des Weltalls:
„Ein jeder hat, er sei auch wer er mag,
Ein letztes Glück und einen letzten Tag!“
Ich habe ~mein einziges~ Kind verloren: ~ein einziges~ Kind. Nur ~sie~
war sie. Keine gleicht ihr nur, Keine ersetzt sie. ~Sie~ ist hinweg!
Schneiden Sie Jemandem nur eine Zehe, einen Finger weg, er fühlt nur
die schmerzende Stelle, keinen der gebliebenen Finger. Ein Vater hat
für jedes Kind ein ganzes Herz, die volle Liebe! Das ist für alle
meine Töchter so wahr, daß ich einmal ganz überrascht wurde von einem
aus der Türkei zurückgekehrten Freunde, der behauptete: „So kann
ein Türke -- also auch ein Mann, ein Mensch auch seine mehre Weiber
lieben, und alle mit ganzer Liebe! und sie alle nur ihn.“ Aber wir
Deutschen haben nicht Wörter genug, um, wie Blumengeschlechter, alle
Gattungen der Neigungen des Herzens zu unterscheiden, und stecken alle
im Rummel in den Sacknamen „~Liebe~.“ Glauben Sie, ich ehrte meine
Töchter, weil sie wie wandelnde Gefäße der ~höchsten schönsten~ Glut,
der seligsten und beseligendsten fähig sind. Und Arminia ist dahin.
~Der Mensch soll auch, was er liebt, noch beweinen, noch beklagen, um
die ganze Wunderbarkeit und Ewigkeit desselben, seinen ganzen Himmel
sich aufzuschließen.~ Wir haben schon die Priester der künftigen Welt.
In welchem alten Buche, in welchem Gesangbuch stehen da Worte, wie
Schillers heiliges Machtwort in dem himmlischen Requiem über alle
Todten; wie der aus der Messe seliger Geister tröstliche Text für alle
Welt, (da Jedem sein Tag kommt) wie das göttliche Wort:
Laß rinnen der Thränen ~vergeblichen~ Lauf!
Es wecke die Klage den Todten ~nicht~ auf!
Das süßeste Glück für die trauernde Brust
Nach der schönen Liebe verschwundenen Lust
Sind der Liebe ~Schmerzen~ und ~Klagen~. --
Und nun weinte er bitterlich hinter seinen Händen.
Was war da zu sagen? Was an dem Mann zu trösten, ~der auch die Leiden
der Liebe als Leben erkannt~, als zuletzt jedes Menschen stilleres
inniges Leben! Ich lernte an dem Manne künftige Fassung. Es gereute
mich nicht, ich gelobte mir, es nie zu bereuen: nach Deutschland
gekommen zu sein.
Darauf kamen einzeln seine Töchter um ihm Bericht von Arminia
abzustatten. Er fragte jede nur stumm mit den Augen. Aber jede bewegte
nur leise das Haupt zur Verneinung, und faltete die Hände. Ehe sie sich
dann setzten, nannte er mir nur jede bei Namen. Und so erschienen,
nach und nach in Zwischenräumen: eine schwarzhaarige ~Adda~ -- eine
blonde ~Adelheid~, eine braune ~Alma~, eine gedrungene ~Aurelie~
-- eine schlanke ~Amalie~, eine glutäugige ~Anna~ -- schwebende
~Angelika~ -- feurige ~Armida~ --; dann eine hagere ~Alexandra~ --
blauäugige ~Alwina~ -- kleine ~Armgard~ -- hohe ~Adele~ -- sanfte
~Agnes~ -- lockige ~Apollonia~ -- dann die ~jungfräulichen~ Wittwen,
die Sympathievögel ~Antonie~ und ~Auguste~, in der Mitte die bräutliche
~Afanasia~. Bei ihrer Verschiedenheit an Haar, Farbe, Gesicht, Augen,
Mund, Wuchs und Gang, Charakter und Stimme, drängte es sich auf, daß
in ihnen viele alte Großmütter und alte Muhmen wieder auf der Welt
erschienen waren, um sich aufs neue umzusehen! Die Heimlichkeit des
Ortes; die blassen Gesichter, daraus nur Augen sich zuwinkten; die
Stille; das bisweilige Flüstern, das eintönige Tröpfeln des Regens auf
die Blätter der hohen Bäume; dann wieder ein leises Murren der Wolken,
die wie berauschte oder gutmüthige Wahnsinnige im Schlafe murmelten;
ein rosiges Aufthun des ganzen Himmels; Schrecken in den Gliedern,
den Tod im Sinn, und selber die ~Verdoppelung~ aller Gestalten in dem
deckenhohen breiten Spiegel -- dem foppenden Echo der Augen, wie das
Echo der redende Affe der Natur -- das Alles machten uns alle zu Traum
und zu Bild, das in der traurigen düsteren Stunde bis zum märchen- und
fabelhaft Wahrem nachdunkelte! O wie unendlich Süßes und Schönes giebt
diese vergänglich gescholtene Welt zu fühlen, zu leben, zu sein! Und
nur weil sie vergänglich ist, kein starrer Himmel.
Jetzt rief ~der Kukkuk~ auf den Bäumen über uns. Und der Vater sprach:
Ich nehme alle Zeichen der Natur nicht als Orakel, aber als Mahnungen
stets ~mir~ an. Mir fliegt keine Biene, daß ich als Mensch nicht
aufgeweckt zu meiner Arbeit eile. Gehen Sie, lieber Nachbar, sehen Sie
noch einmal nach; dann wollen wir das liebe Kind bis zu seiner Ruhe bei
uns bewahren.
Ich ging in meinem Mantel. Aber ich fand, daß der Regen ganz aufgehört
hatte. Die Sonne brach durch die zerrissenen Wolken, die noch wie
wunderliche Thiere über den Himmel zogen. Bei Arminia lagen die treuen
Hunde noch wachsam, sahen mich an, setzten sich auf und schüttelten
sich den Regen ab. Das Reh lag noch auf ihren Kleidern und blickte
mich an, aber stand nicht auf. Nur von einer Fingerspitze hatte, wie
von einem weißen Keime, der Regen die Erde abgespült. Ihr Gesicht
überflog die hervorblitzende Sonne. Aber da zuckte kein Auge, keine
Lippe! So niederblickend, und mit dem allerhöchsten bitterwonnigen
Gefühle der ganzen Natur „das Schöne todt zu schauen“ ganz überladen,
wie die Blumen umher von Gewitter-Ichor, zuckten meine Augen kaum von
einem plötzlich niederfallenden Blitz; aber von dem herniederstürzenden
Donner, krachend als bräche der ganze Himmel ein, knickte ich wie ein
Rohr, und fiel auf meine Kniee. Der Schooß der Erde hüpfte von der
Erschütterung ordentlich auf, und ein Zittern lief durch die Glieder
der heiligen Mutter. Ich besann mich wieder durch das plötzliche
Aufflammen eines Strohdaches mit Fischernetzen am Ufer des See’s. Aber
-- vor mir fuhr die nackend Begrabene empor! Ihre Hände langten über
ihr Haupt, wie in die rollenden Wolken hinauf. Sie saß. Die nasse Erde
fiel ihr von Hals und Nacken und Schulter und Brust in den Schooß. Vor
Erstaunen, das noch nicht Entzücken zu werden vermochte, starrte ich
sie an. Ihre Augenlieder bedeckten noch die Augen und zuckten.... ihre
Lippen zuckten; ihre Wangen überströmte eine Rosengluth; auch ihre
Stirn ward wie sonnenabendroth, ihre Gestalt zitterte; die wie nach mir
ausgestreckten Arme bebten, daß die Steine der Ringe an ihren Fingern
im Sonnenstrahl blitzten wie Thau. Ich griff ihr unter die Arme, ich
hob sie an meiner Brust aus dem Grabe empor. Sie ruhte an mir wie ein
verschlafenes Kind, das aufstehen soll zu einer Reise, und legte den
Kopf auf meine Schulter. So, mit ihr stehend, löste ich das Schloß des
Mantels, umhüllte sie allein damit, und befestigte das Schloß ihr unter
dem Halse. So hielt ich die Wankende, die ohne mich gefallen wäre,
während das Reh an ihr heraufsprang, und die Hunde sie wie rasend vor
Freude umbellten. Jetzt schlug sie die Augen auf. Welcher Gestirne
Aufgang ist irgend wo schöner in der ganzen Welt!
Wie die Schaar Nereïden, umgaben uns die herbeigesprungenen Schwestern
und drängten mir die Schwester ab. Arminia! -- Arminia! -- Arminia!
rief es, sie weckend, sie ermunternd und ermunternder. Sie wandte die
Augensterne nach ihnen; aber ihre Lippen konnten nur zucken.