IV.

Das einzige Kind.

Aber noch weit vom Ufer hatten wir eine Geistererscheinung auf dem

Wasser; denn es ging nicht, sondern es fuhr ein aufrecht stehender

dürrer blasser Mann mit einem krank aussehenden Jungen, nur von einem

alten Landmann gerudert, an uns vorüber nach meinem Kirchhof zu.

Ein Gespenst! sprach der Pastor zürnend, als er sich von seinem

Erstaunen erholt hatte.

Wer war das? fragte meine rechtschaffene Mutter.

Sie können sich rühmen etwas Wunderbares, ein grassirendes Wunder

gesehen zu haben! Das war ein Patentirter! eine neue Art Reisender, der

„in Gebeten“ und verwandten Artikeln ~macht~, nach dem Kunstausdrucke;

kurz der früher abgesetzte, jetzt scheu-belobte Pastor mit seinem

Bet-Jungen.

Aber, mein Gott, sprach meine rechtschaffene Mutter, würden Sie denn

Luthern einstecken oder verbrennen wollen, wenn Er heute umherzöge und

auch zu Ihnen käme, und Sie Macht hätten?

Die Niemand mehr hat! versetzte der Pastor. Aber, erlauben Sie, es ist

ein großer Unterschied zwischen den Zeiten. Wie nützlich, zum Beispiel,

war nicht die Sündfluth zu ihrer Zeit! Aber was soll uns Noah jetzt mit

seinem Kasten voll Thiere, in welchem, laut Oken und ausgerechneter

Maaßen, nicht der zwanzigste Theil der Ehepaare aller ersaufbaren

bekannten lieben Thiere Platz gehabt hätten. Aber das ist ja eben das

Wunder! so gut wie die 11,000 Jungfrauen nicht in ihren Paar Schiffchen

Platz gehabt hätten. Aber das schadet nichts: das ist eben das Wunder!

sonst wäre es ja keins, und Wunder müssen ja sein! ~Die~ sind besser

als die ganze Welt; sie bereichern sie und machen die Welt und den

Menschen erst vollkommen. Verzeihen Sie den Abstecher in die aschgraue

Unmöglichkeit, in das Eldorado der Gläubigen. Himmel, was gäben wir

alle darum, wenn jetzt wieder ~ein~ Luther käme! der alle weitere

Offenbarung des Geistes dem Volke gestattet. Und er kommt gewiß und

sein Melanchton dazu. Aber die ernsthaftesten Ursachen sind oft nicht

ohne die spaßhaftesten Folgen, und die lächerlichsten Wirkungen nicht

ohne die traurigsten Ursachen -- der eilende schuhmacher-blasse und

doch kochende Mann will gewiß mit seinem Betjungen ein Wunder thun in

meiner Kirche; denn uns handwerkmäßigen Pastoren pfuschert, bei auch

geistlicher Gewerbefreiheit, jeder ins Handwerk; ~es ist also gewiß

in Ostfrei ein Unglück geschehen~! Feuer, da wir keins sehen, ist es

nicht! zu Hause will ich Ihnen eine kleine Schrift mittheilen: „Das

Popenland“, woraus ein Blinder sehen kann, wie gräßlich sich die Herren

die eigenen Hände binden, welche ihre Leute suchen unter das Joch der

Popen aller Art zu bringen. Denn sie selbst am meisten und die Leute

brauchen zum künftigen Leben ~auf dieser Welt~ die freie Wissenschaft.

Nicht zurück! sondern ~noch~ klüger und noch besser! das wahrhaft

aufgeklärte Volk ist das treuste! Vom Glück und dem Recht ein Mensch zu

sein, gar nicht zu reden.

Man hatte mich in Amerika theils bedauert, theils ausgelacht: daß ich

nach Europa wolle, nach Deutschland. Aber ich freute mich im Herzen

meines unverwüstlichen Vaterlandes voll herrlicher Männer, groß und

stark wie Saamenbäume, und über das frische kräftige junge Gehege voll

singender Vögel!

Am Ufer hörten wir nun wirklich sogleich ein verworrenes Geräusch.

Rechts, aber weit ab von dem Wege zum Schlosse des Herrn von Sangallo

standen die bunten Kirchleute, Männer und Weiber und Kinder, die

vor uns über den See nach Hause gefahren, noch ihre Bücher unter

dem Arm, und sahen durch den hohen lichtblauen Gitterzaun in den

herrschaftlichen Garten. Es fing an zu tröpfeln. Ich eilte mit meiner

rechtschaffenen Mutter und Pastors nach dem Schlosse, in welches ich

voraus meinen goldbetressten Jäger zur Meldung sandte. Wir eilten

nach. Kein Jäger kam zurück. Wir traten in die Halle. Niemand da. Alle

Thüren offen. Auch die Thür nach dem Garten. Dort sah ich zwischen

großen Linden um ein erhöhtes abgeblühtes Hyazinthen-Quartier viele

Menschen stehen. Ich hatte die erste Visite im Kopfe, was mir verbot

gegen den Anstand zu handeln, ob ich gleich wie die Andern vor Ungeduld

der Neugier brannte und vor Furcht eines Ungeheuern mich fröstelte. Da

stürmte der Chirurgus Salomon in das Haus um hindurch zu eilen.

Ich vertrat ihm den Weg und fragte: Was ist?

„Das fragt sich erst!“ antwortete er eben so hastig.

Was scheint?

„Jemand vom Blitz erschlagen.“

Herr von Sangallo?

„Möglich!“

Oder die Fräulein? Alle?

„Das geschieht auch den Schafen.“

Fort! rief ich und drängte ihn rasch in den Garten.

Der Pastor schlich nach. Ich endlich dem Pastor. Warum nicht? Aber

langsam. Ich blieb stehen, denn alle unnöthigen Zugaffer, auch mein

Jäger, wurden zurück getrieben. So standen wir Viele auf den Gängen in

der Ferne. Ich fragte, wer denn todt sei?

Eine Tochter vom Hause, antwortete der Jäger, die allerschönste, die

allerbeste!

Welche?

Die ~Arminia~!

Das durchzuckte mich. Nie sie gesehen; und auf Sie schien mir der

Wechselbrief vom Vater gestellt. Man verliebt sich schon voraus,

vorher, ehe man Jemand sieht, hört, anrührt! Und doch nicht: hatte

mich nicht schon viele Tage zuvor das Wort gerührt, das ich heute nur

wieder hörte: „die Allerschönste, die Allerbeste!“ Herr von Stifter,

ein nur zu bekannter Weiberkenner, hatte das Wort gesagt. Und wußte Ich

von Natur nicht: was ein Mädchen ~überhaupt~ ist, was jeder Jüngling

von Natur? und Jeder würde die Gestalt des Weibes zeitlebens vermissen,

wenn kein Weib auf der Welt wäre. Was sie ihm aber ~besonders~ sein und

werden soll, o das weiß er erst recht. Und von welchem naturadligen

schönem Geschlechte auch die ~Arminia~ sein mußte, das hatte ich heute

an Siebzehn ihrer Schwestern gesehen, vielleicht an ihr selbst!

Merke wohl: wie hier der Himmel dich im Voraus lehrte: sie zu

entbehren, sie nicht zu besitzen! Aber das Wort, besitzen von einer

Geliebten oder einem Weibe gesagt, ist doch zu abscheulich und sollte

nie von jemand gebraucht werden, der seine Ausdrücke gemalt, von der

Phantasie illustriert und ausgeführt vor Augen sieht. Ein anderer

Tropus statt besitzen, eines Engels, wäre aber noch unziemlicher,

obgleich das Wort besitzen auf ewig nur dem Alp zu vermachen ist.

Jetzt wurden auch die Hunde, Neufundländer, zu uns gejagt. Sogar zwei

zahme Kraniche und Störche. Das thaten die Schwestern, die jetzt einen

Kreis um die in ihrem weißen Kleide daliegende Todte schlossen, aber

den Rücken auf sie zugekehrt, die blassen Gesichter nach außen. Sie

trockneten sich manchmal die Thränen selbst, oder auch Eine der Andern.

Doch sah ich noch, daß der Pastor dem Chirurgus mit einem weißen Tuche

die Augen verband, dann Herr von Sangallo dem Chirurgus. Darauf kam der

Vater selbst aus dem Kreise hervor.

Was machten sie nur? Ich hatte keinen Teller mit Blut von einem Aderlaß

wegtragen sehen. Die Frau Pastorin meinte: vielleicht ist das eine

Bezauberung, die der vagabundirende Pastor angeordnet hat. Aber da gäbe

sich mein Mann ja nicht dazu her! Vielleicht eine magnetische Kur aus

der Ferne; meinte ein Herr.

Darauf fing es zu regnen an, warmen befruchtenden Regen in großen

Tropfen. Ich hörte freudige Stimmen. Der Kreis der Schwestern löste

sich auf; aber sie blieben zerstreut, oder hier Drei, wie Grazien;

dort Neun, wie Musen; dort wieder zwei in der Nähe stehen, so daß ich

nun durch die Lücken deutlich sah: die beiden Männer nahmen sich die

Binden von den Augen, und mit ihren Schaufeln schaufelten sie noch hie

und da. Dann standen sie, auf die Geräthe gelehnt, bis der Pastor sein

Grabscheid in die Erde stach, seine Frau holen kam, die mit ihm näher

hinging, dann mir winkte, zu folgen.

Ich nahte mich. Von dem großen eirunden schwarzen lockeren Blumenbeet

waren alle Blumen ausgerissen, und in der Mitte lag Arminia begraben;

leicht, doch sorgsam bedeckt. Nur ihr dem Himmel zugekehrtes bloßes

Antlitz blinkte aus der schwarzen Erde. Die Augenlieder bedeckten

die Augen, die Lippen die Zähne. Kein Hals, keine Schultern, kein

Arm erschien. Es sah aus, als wenn man einen Engel aus einem Bilde

begraben hätte, der ohne Leib war. Und wenn dieses schöne Antlitz mit

diesen schwarzen Haaren allein lebendig gewesen, allein liebte, redete,

blickte -- wäre das: ~das Weib~? das ganze Weib? Ich lachte bald der

Thoren, und lächelte wirklich; und empfand in meinem ganzen Wesen von

Jammer entzückt und von Wonne durchjagt: ein Weib ist ~mehr~ wie ein

Engel. -- Und da lag sie begraben -- wenn der Himmel noch seine Wunder

könne, um aufzuerstehen von den Todten! Wie der Erdschooß das erste

Weib hervorgequollen, so sollte er sie heute, groß und vollendet, noch

einmal zur Welt bringen.

Welche Wunder geschehen vielleicht jetzt! sprach Doctor Schleyerlöser.

Weil das Volk keinen wahren Begriff von den wahren alle Tage

geschehenden Wundern hat, weil ihm Sonne, Mond und Sterne bloß

nützliches oder schönes Gaukelspiel, der Wind mäßiges überflüßiges

Gesause dünkt, und Geburt eines Kindes nur ein Anlaß zu einem Schmause

ist; weil alle gerade zu erstickt und ersoffen in Wundern sind, weil

sie selbst -- sie die elenden Schlucker und elenden Schluckerinnen --

deren Eins eine bekannte Prinzessin, das Andre eine Frau Besenbinderin,

oder Frau Justizräthin, wieder ein anderer ein Schornsteinfeger oder

ein bekannter Fürst ist -- weil sie Selbst nicht allein ein Wunder mit

sein sollen, sondern sogar Eins der größten Wunder -- darum verlangen

die Zeichen und Wunder; darum halten sie Unsinniges und Unmögliches für

mehr, ja für heilig und allein für göttliche Religionspflicht es zu

glauben, weil es ~ihr~ Verstand und also jeder Verstand nicht faßte.

Soll man nun diese Menschen ~beneiden~, daß sie Etwas ~mehr~ haben als

alle Andere? oder sie verlachen und verspotten? Ich meine: Keins von

beiden; aber sie belehren und belehren ~lassen~ -- und auch dazu reicht

die einzige Freiheit, außer der wir nichts mehr bedürfen, (als die

große Mutter der Götter und Menschen) -- die Preßfreiheit.

Ich sah aber, wie dem armen Mädchen vom Regen die Augenwinkel, wie von

gesammelten Thränen voll Wasser standen, das von Stirn und Wangen da

zusammenfloß, und über die blassen Wangen ab.

Mein Chirurgus Salomon trat noch hoffnungsvoll zu mir, und sagte: Sie

verwandelt sich nicht! Sie hat sich nicht verwandelt. Sie hatte im

Augenblicke des Getroffenwerdens Ernstes gedacht -- und ihre Züge sind

noch ernst! Wäre sie todt, so müßte ihr immer heiteres Wesen wieder

aufschlagen; sie müßte freundlich sein, wie sie war! Aber wer ist in

der Noth zuverläßig? Konnten die Schwestern vor Zittern und Zagen die

eigene Schwester entkleiden? nicht möglich! Konnte der Vater, oder

wollte er seinem Kinde das Letzte vom Leibe ziehen? Wir mußten es

blind thun; wir, sie in die Erde zu Bett legen! Er brachte nichts

hervor als immer nur: „~Mein einziges Kind! Mein einziges Kind!~“ und

man durfte nicht einmal sagen, daß er noch Siebzehn Töchter hat. Der

Regen soll, wie den tausend Apfelbaumknospen, auch ihr die Augen wohl

wieder aufthun!

Wohl? sagen Sie, sprach ich. Das klingt übel!

Versehrt ist sie nirgend am ganzen Leibe. ~Blau~ aber kann man nicht

~fühlen~; der klügste Blinde kann das nicht; ich hätte sie sehen

müssen; doch eine der getrostesten Schwestern, Wittwe Antonie, sagte

nein; sie ist so weiß wie Schnee. Und gegen das Lebendigbegrabenwerden

ist kein anderes Mittel, ~als den Menschen zu begraben~! Auch zum

Auferstehen soll es allein helfen. Mir, als Juden, war immer am meisten

davor Angst, nämlich nicht gerade vor dem Auferstehen, aber vor dem

Lebendigbegrabenwerden, (das nun ausgerottet ist), indem gewiß mehr

Juden nur lebendig begraben worden sind, als Christen glauben.

Doctor Schleyerlöser drohte ihm mit dem Finger.

Mir aber sagte Salomon näher und leise: Ich muß nur auf jeden Fall

nach dem warmen Bade sehen! Auf den besten Fall aber darf ich mir ein

gutes schönes liebes Sostrum versprechen! Herr von Sangallo hat einen

Geniestreich vor: alle seine Töchter zu verheirathen und vielleicht,

ja wahrscheinlich schließt er mich mit darein; wie denn bei großen

Gelegenheiten allemal viel Kleines mit durchgeht. Arminia’s Liebe

schläft noch in ihr, es hat sie ihr noch Niemand angezündet. Weiber

halten oft Dank für Liebe; wo sie belohnen wollen, glauben sie es

nicht höher und lieber thun zu können, als geradezu mit ihrer ganzen

Person! Mein Bruder, der Doctor David in der Stadt, der keinen goldenen

oder silbernen, leiblichen oder geistigen Profit von der Hand weiset,

hat mir Wunderdinge erzählt, wie überaus dankbar kurirte Frauen sind!

Nach überstandener Todesgefahr sollte jeder hübsche oder gar schöne

Doctor sogleich abgedankt werden; das ersparte auch das Mahnen des

Liquidationsbetrages. In unserem vernünftigen Ländchen dürfte auch

Keiner von uns „changiren.“ Kein Leib eines Weibes oder Mannes ist

katholisch oder reformirt, keine Liebe ist türkisch oder jüdisch, und

~Leib~ und ~Liebe~ ist einzig zum Ehestande tauglich und genüglich.

Diese schwere Weisheit haben sie jetzt zu Tage gebracht, und es ist

wirklich Hoffnung, daß man so klug werden wird -- wie alberne Kinder.

Das Andere ist Angewohnheit, und Vieles, Vieles ist nicht mehr -- als

nur noch ~Gewohnheit~, und wird nur noch der ~Bequemlichkeit~ wegen

gebraucht. Möchten Sie daraus sehen, daß ich nicht ganz dumm bin! Ich

bin ein guter ehrlicher Kerl, für den Sie wohl ein Wort mit verlieren

sollten!

„Verlieren“, wollte ich, von Eifersucht selbst aus dem Grabe

angehaucht, entgegnen; als er schon fortsprang. Denn indessen war

uns eine Gestalt in braunem Mantel genaht, die Kapuze über den Kopf

gezogen. Kleine Händchen öffneten die Kapuze vorn ein wenig, wie einen

Heiligenschrein, darin ein Muttergottesbild schimmert. Das wehmüthig

freundliche Gesicht gehörte unserer ~Brigitte~; die Ruhe, Gelassenheit

und unmerkliche Wehmuth in ihren Zügen war aus Umständen ihre

Alltagsmaske. Pfui doch, Maske! Es war ihre sichtbarerscheinende Seele,

ihres Herzens treue leider wahre Empfindung!

Uns nimmt der Himmel alles Liebe und Gute; nun auch meine einzige

beste Freundin Arminia! sprach sie zu mir mit jener ~Ergebenheit~,

welche weit über alle Schicksale, Entbehrungen und den bittersten

Mangel erhaben ist, und statt ~Ergebenheit~ einzig richtig nur „freies

Bewußtsein, reiner Göttergeist, Herrschaft über die immer unsichere

unvergänglichen Erscheinungen“ heißen sollte. ~Aber~ es glühte, oder

~doch~ glühte in ihrem Wort eine Neigung, eine Gunst und Liebe zu

~dem~, ~was~ ihr der Himmel alles genommen, daß sie es mit Entzücken

und Jubel wieder empfangen hätte! ~Dieser Widerstreit~ im Geiste, oder

diese doppelte Eigenschaft macht alle Seligkeit und alle Schmerzen der

Liebe, kurz, den Inhalt des ganzen menschlichen Lebens aus. Daher war

mir ohngefähr so, als wenn Jemand des Andern warme Hand in seine Hand

nähme und auf meine bloße Brust legte; aber der Jemand zuletzt mir eine

eigene Hand daneben sogar ~auf das Herz~ legte, als Brigitte leise mir

anvertraute: Arminia wird nicht mehr aufstehen, und immer darf ich es

sagen: „~Ihnen hatte ich sie zugedacht; als das Beste was ich kenne~,

was ~mich~ am liebsten hatte, und was ich“ --

Die kleinen Hände verschlossen wieder den Heiligenschrein mit dem Mund

der Liebe; und die braune Gestalt knieete zu ihrer Freundin, beugte

sich über sie, schwebte mit Augen und mit den halb ausgebreiteten

Händen über ihr, dann mit der Stirn auf ihrer Stirn ruhend, nahm sie

Abschied und schlich hinweg.

Warum kommt nun ~in einen Mantel~ verborgen, wie in ein Nachtgewölk

verhüllt, uns Sprache, Worte und Geist der Liebe so geisterhaft vor?

Was hat die schöne ~Gestalt~, die Menschengestalt, was haben Füße,

Brust und Hände, was hat sogar das Antlitz und seine Sterne, die

Augen, was haben sie so Gemeines, Alltägliches -- daß wir sogar über

~Kleider~, ja über eine ~Haube~, das Weib, die Seele vergessen! Oder

wissen das die Weiber? und treiben sie durch Putz und Lappen und Bänder

und Schnüre Spott mit dem Himmlischen -- um das Himmlische alltäglich,

umgänglich, angreifbar zu machen? oder den Kindertand himmlisch und

ewig! -- „Schändlich! Räthselhaft!“ sprach ich dem verschwebenden

~Mantel~ nach, welcher allein mir jetzt die ganze Brigitte schien!

Doch wenn ich zuvor durch des Pastors Kanzelwort „von der Heirath

zur rechten frühen Tageszeit“ ein Verständniß desselben mit meiner

rechtschaffenen Mutter, oder eine Mittheilung anzunehmen mir erlauben

durfte; wenn mir Brigitte, als Vermittlerin, noch mehr Gedanken

machte, so lag doch die vom Blitz Getroffene, die Begrabene, außer

aller Berechnung. ~Der Himmel conspirirt nicht~; er hält auch keine

Conferenzen, und verfolgt keinen, der seine Geheimnisse verräth.

Vor Trauer und Regen hatten sich die Schwestern verloren, um sich

ihr Leid zu klagen, zu hoffen und zu fürchten. Die Diener waren in

Geschäften; nur die treuen Hunde hatten sich wieder als Wächter der

Begrabenen eingefunden; Arminia’s Reh kam auch, umwitterte ihr so

stilles stummes Gesicht, schüttelte die silbernen Schellen am Halsband

von Silbertressen und legte sich ihr dann zu Häupten. Herr von Sangallo

war in den Gartensaal gegangen, wo ich ihn von weitem durch die hohen

offenen Glasthüren, unter dem großen Spiegel mit goldenen Rahmen, auf

einem rothen Sopha sitzen sah. Ich ging zu dem armen Vater. Eine bange

Stunde mußte entscheiden. Die wollt’ ich ihm überstehen helfen.

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle · 第 8 / 18 题