III.

Der Donner als Brautwerber.

Der Pastor erklärte mir den Zweck seiner Reise -- eine Magenreise!

Mein und meiner Frau Magen fahren zum Diner! ~Weihnachten~ muß ich die

Ehre genießen, bei Ihnen in Südfrei unsere Magen einzustellen, laut

Vocation; Ostern in Ostfrei; Pfingsten in Westfrei; und also dermalen

bei Herrn von Sangallo, dessen Vater schon ein Muster aller kleinen und

~größeren~ Herren war; die großen haben oder leiden kein Muster, so wie

sie denn wenig ihres Gleichen haben. Der selige Herr von Heiligenhahn,

der den Heiligenschein, als bei ihm eine Wahrheit, verdient, was hat

er gethan? Denken Sie! Freuen Sie sich, daß Sie und keiner Ihrer so

gottwilligen Erben es nun zu thun braucht; oder bedauern Sie, daß er

Ihnen solche Thaten, nach denen kein Hahn kräht, weggenommen hat! Und

fühlen Sie die Beraubung, so ersinnt Ihr Herz gewiß ein Neues Gute;

oder räumt ein anderes, auf den Menschen lastendes Uebel weg, wovon zur

Freude aller Arbeitslustigen noch Bergevoll und Bergehoch zu beliebiger

Auswahl vorhanden und vor Augen liegt. Das hilft aber nichts, bis etwas

den Leuten vor -- Herzen kommt, oder die ~Buße~ wieder Mode wird, oder

von hohem Ort wieder Mode gemacht wird; und der Buße allein verdanken

wir die meisten Kirchen und Hospitäler! Alte christliche Ritter, die

aber unbeschadet ihres riesenfesten Glaubens, schlimmer wie die Heiden

lebten, verstanden das Wort „Kirchenbuße und Klosterbann“ so: daß

sie ~mit~ Kirchen und ~mit~ Klöstern büßten! Gott, welche Sünden und

Verbrechen stehen da gemauert in unserm heiligen Deutschland umher,

und die Glocken ~lallen~ sie unverständlich zum Schrecken; wie Kinder,

welche die schändliche Mutter noch nicht dem Vater verrathen können.

Und was stiftete Er? fragte ich.

Kirchen- und Schulfreiheit! Hochzeit- und Kindtaufenfreiheit in Ost-,

West- und Südfrei; ~Nord~frei gibt es nicht, versetzte der Pastor.

Wie in Amerika? fragte ich, erstaunt über Deutschland; wie dort, wo man

Alles unversehrt lehren kann und lehrt, wo erst ~Menschen~ eine Kirche

bilden -- können, wenn sie wollen, und nicht eine Kirche: Menschen!

Sie wissen nicht, woran wir absterben, wenn nicht sollen, doch werden;

sprach mein Pastor. Herr von Sangallo konnte es nur plump thun. Er hat

Gestifte gemacht: Hier giebt kein Mensch ~in Ewigkeit~ -- verzeihen Sie

den unprophetischen Ausdruck -- etwas zu Kirche oder Schule, für Pastor

oder Schullehrer; freier Unterricht, freier Gottestisch, freie Hochzeit

-- um die Trauung so zu nennen -- frei Taufen, freies Begräbniß! Also

alle göttliche Dinge -- Sonne, Mond und Erde ausgenommen -- frei! Er

hat, freilich jetzt sehr achselbezuckt, geglaubt: ein Herr ist nicht

blos, der Dienste und Gaben von seinen Leuten, die Wolle von den

Schaafen, die Garben vom Felde, die Bäume aus dem Walde nimmt, und

alles Andere Gott überläßt; sondern ein Herr ist, wer seinen Leuten

das, wozu ihr Verstand und ihre Mittel nicht reichen, verschafft,

selbst mit Opfern. Und wie klein ist dies Opfer gewesen? Was hat so

lange Wohlthat geleistet? --: ein Stück Wald! wie ihn andere Herren oft

in einer Nacht verspielen, oder in eines Jahres Lauf vertrinken und

verschmausen. Und wie gesegnet: Dort sehen Sie die himmelanstrebenden

Fichten wieder stehen, daß einem das Herz im Leibe lacht.

-- Ich habe vor Kurzem die Berechnung eines Engländers fast beweint,

sprach mein Schulmeister, Lieutenant Groll: Wie viel Vermögen der

Völker eitel vergeudet wird, unnachgefragt, so daß nichts nachbleibt,

unnachgefragt. Aber von jetzt an doch nachgesagt und vorgesagt. --

Er hatte die bejammernswürdige Summe gezogen, was alle europäischen

Heere seit 30 Jahren kosten. Er sagt: „Deutschland feiert jetzt bald

den dreißigjährigen Frieden; keine Flinte ist gegen einen Feind

loszuschießen gewesen.“ Aber da waren: ~Welche~ Nachbarn, gegen die das

ganze Volk in Waffen stehen muß! oder ~welche~ Furcht vor den eigenen

Völkern! Und wohlgemerkt, die so theuren Heere sind nicht mehr da. Die

Soldaten waren nicht unsterblich, sondern sind gestorben, gealtert;

also soll die genossene Ruhe die Frucht sein. Aber war es möglich und

waren etwa 5 Millionen Thaler nur ~eines~ angenommenen Landes auf den

Stamm eines Heeres verwendet, andere 20 Millionen jährlich gespart

worden, also in 30 Jahren 600 Millionen Thaler, und diese 600 Millionen

Thaler wären auf Schulen, Schulmeister, wahre Heil-Anstalten aller Art,

Verbesserungen des Landes, zu Abgaben-Erlässen ganzer armer Städte;

kurz, statt auf die ~Furcht~, auf die ~Liebe~ verwendet worden -- wo

wäre da im ganzen Lande ein Unsinniger gewesen, der seinen Herrn nicht

auf Händen getragen hätte? Wo wäre ein Mensch zu Hause geblieben: um

dieses sein solches Vaterland nicht gegen Legionen Teufel glorreich zu

beschützen? Da quollen Geister aus der Erde, da stiegen begeisterte

Engel vom Himmel.

Wie eine feurige Schlange fuhr jetzt ein Blitz über den ganzen Himmel,

und Donner schmetterte hinter ihr drein.

Nicht weiter! sprach ich. Sie spielen ganz vortrefflich Orgel, Herr

Lieutenant? Wie kommt das? --

Ich bin Theologiemüder Candidat, antwortete er, und war lange

Musiklehrer der Fräulein Sangallo. Der Herr Pastor sollte Sie doch

vorher ein wenig mit diesem, seinem Schicksal gemäßlebenden Vater so

vieler Töchter bekannt machen; obgleich der Oberförster in nächster

Stadt auch schon 11 Töchter hat. Auch unser Barbier Salomon ist das

achtzehnte Kind von Einer Mutter.

Und ich vervollständigte: Ich selbst habe auf meiner Heimreise

über England in _Leeds_ bei einem Wirth logirt, der gerade sein

neunundzwanzigstes Kind taufen ließ.

Herr von Stifter, Ihr Gutsnachbar hier am See, der lange in der Levante

gereist ist, bemerkte der Pastor, hat gesehen, daß viele Türken, gewiß

nur eigene, 30 bis 40 Söhne hatten; Töchter werden da nicht gezählt. In

Sicilien sind um sein ankommendes Schiff die Kinder von nur 13 Matrosen

herbeigelaufen, ein Schwarm von 105! Aber die Erziehung! die Erziehung!

das ist die Sache; und die Verheirathung, die gute Verheirathung! Denn

die Töchter sind schon alle so so, oder so wie ihre Mutter ~Agathe~,

verheirathbar, welche gewiß dem Fürsten zu Lynar zu seinem wunderhold

naiven Gedicht, „~die Frau von sechzehn Jahren~“, das schöne Vorbild

gegeben hat, oder doch gegeben haben könnte; um dem Autor sein

Eigenthum nicht anzutasten. Mit 19 Jahren ist sie schon Mutter von 7

Kindern gewesen, laut Kirchenbuche; denn darin stehen einmal Drillinge,

zweimal Zwillinge; darauf in fünfzehn Jahren eilf einzelne Töchter.

Nur 33 Jahr jung, ist sie über die jüngste Tochter eingegangen. Jetzt

ist sie gegen 13 Jahre todt; also ist diese Jüngste schon so alt; und

die älteste erst in dem berühmten und beliebten Standjahre 29, in

welchem alle noch ältere Mädchen sich rühmen zu sein. Diese Aelteste,

~Antonie~, ist Wittwe; ~Auguste~: Wittwe. Und auffällig, beide kurz

hintereinander zu Wittwen geworden. Zwanzig Jahre auseinander wäre es

Niemandem aufgefallen. ~Antoniens~ Mann ist nicht in die Brautkammer

gekommen, weil er am Hochzeittisch an einer Fischgräte, die ihm durch

Husten den Blutsturz erregt, krank geworden. ~Auguste~ ist beim

Austritt aus der Trauung krank geworden, und ihr Mann ist vor ihrer

Genesung mit dem Pferde gestürzt und gestorben. Darum bedenkt sich die

jetzige Braut, ~Afanasia~, durch die Verheirathung ihren schönen jungen

Bräutigam, dem Postsecretaire Herrn ~von Rheingraf~ geheimnißvoll

umzubringen! Zehn andere Töchter haben jetzt Brautbewerber. -- -- --

Ich wollte mir ihre Namen so eben nennen lassen, um zu hören -- daß er

nicht ~Arminia~ darunter nenne; als es wieder furchtbar blitzte und

einschlug, am Ufer von Westfrei. Wir wußten Herrn von Sangallo mit

seinen schönen Nereïden gelandet. Wir sahen sein Schloß. Kein Rauch

quoll aus; keine Flamme stieg auf; und wir waren ruhig, bis auf meine

rechtschaffene Mutter, die in Beschwerden ausbrach und mir vorwarf:

„Da hast Du den Schwur!“ Und ich mußte mir erlauben, ihr vorzustellen:

Liebe gute Mutter, der Schwur hat sich nur auf ein Menschengedenken

~zurück~ bezogen; ~aber Niemand kann beschwören~, das nicht ferner,

oder bald bei uns ein Gewitter aufzieht und donnert und blitzt und

einschlägt! ~Ja gerade, weil noch nicht~, desto wahrscheinlicher!

Der Gewittersturm jagte uns; die Wellen drängten den Nachen; die Ufer

flogen zurück. Der herabstürzende Wind wühlte hohle Kessel im See aus;

uralte große Fische, Karpfen von 20 bis 30 Pfunden, mit bemooseten

Häuptern und gelben fleischernen Schnauzbärten wie Seehusaren,

tauchten empor; große Hechte stoben vorüber. Aus der Gegend, wo wir

fuhren, sollten alle drei Schlösser und Dörfer in den Buchten des kühn

verzogenen dreieckigen Sees zu sehen sein. Aber dichter Regen ergoß

sich uns seitwärts herab und warf Blasen auf dem Wasser. Ich will

nicht behaupten, daß die Frau Pastorin, obzwar eine getaufte Jüdin,

nicht den Messias erwartet habe; denn Er hatte sie gewiß auch darum

mit geheirathet, um im Hause im Gespräch von alten Tagen und neuen

Hoffnungen, von denen das alte Herz nie abgewaschen wird, stets in

der Seele verstanden, mit ihr reden, mit ihr leben zu können. Auch

nur Sie konnte seinen Kindern nicht die morgenländische Nase.... und

~Er~ nur auch ihr nicht die großen schönen Augen der Töchter und ihr

immerfremdes, oft linkisches, oft engelhaftes Wesen vorwerfen. Kurz sie

war voll Andacht; er war sonderbar still. Wir andern, die wir keine,

keine Hoffnung mehr haben, als das unabsehliche Weltende -- waren sehr

froh, als wir auf das Ufer sprangen.

Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle · 第 7 / 18 题