treuer Vater
~B. v. Kopernik~.“
Weint denn der Mensch auch, wenn er soll glücklich werden? nicht blos
wenn er unglücklich werden soll! So fragte ich mich, als ich Tropfen
auf den Himmelsbrief fallen sah. Ich glühte. Solchen treuen, wahren,
mächtig überzeugenden Worten war nur sich hinzugeben, da sie mir
die Welt in neuem freundlichem freudigem Lichte zeigten, das gewiß
auf allen Gestirnen leuchtet, das schon die Alten, die alten Juden,
die alten Aegypter, die alten Griechen, gekannt und danach gelebt
hatten. Darauf war das Beste, der Kern und das Leben der Welt, bei den
himmlischen Seelen, ein mißliches Geheimniß, das unausrottbare Stück
Heidenthum, ein Punkt der Duldung geworden; bis ~jetzt~ die Menschen
nun endlich von göttlichen Geistern erlöst, mit dem einzigen Gewinn von
zwei zerstiebenden Jahrtausenden, einem reinen gönnendern Empfinden
und Behandeln auch der Nebenmenschen, wieder zu den ~alten ewigen~
Schätzen greifen, die ihnen kein Zepter noch Bischofsstab mehr aus den
Händen schlagen kann, und mit voller Ueberzeugung auch nicht mag; denn
die Schätze sind ihnen selbst zu herrlich und schön und nützlich und
wahr. Was Herrschsucht und Eigennutz nicht stört, hat freien Eingang;
besonders Ansichten, die nie selbst zu erscheinen brauchen, und wodurch
jeder nur die alten unklaren Dinge als Carricatur sieht. Das ~Gute~ vom
Altem besteht ja dabei, und das Ewige erhält ein Recht.
Meine Mutter winkte mir an das große bunte Glasfenster zu kommen,
hinter dem ich unbemerkt die 18 Töchter durch die rosenrothe,
goldgelbe, blaue, grüne oder schwarze Scheiben sehen konnte, -- und sie
zupfte den Pastor, als sie bemerkte, daß ich nach den, als schön und
besonders schön gewachsen berühmten Jungfrauen, durch die ~rosenrothe~
Scheibe sah! -- „Er folgt dem Vater!“ lispelte sie hinter meinem Rücken
ihm zu, doch mir nicht leise genug.
Und sonderbar, ich suchte die Mädchen -- ~am Himmel~! jetzt freilich
mit Unrecht, da sie ja schon daraus auf die Erde eingeblüht waren,
aber mit Recht, da jede Blüthe vom Himmel gewebt und gewirkt wird.
Das war meiner Begeisterung jetzt sonnenklar. Aber ich sah nur im
Fluge eine milde unsäglich schöne Rose am Himmel, statt Sonne! Wehende
Rosenblätter statt Wolken! Drunten den See, wo ich nun suchte, als
einen großen Spiegel aus flüßigen Rosendiamanten gegossen, und noch
glimmend und schimmernd -- und noch heller flammend den schmalen
glitzernden Sonnensteg darauf, und Kähne voll festlich gekleideter
stehender Menschen, alte Männer, kleine Mädchen an der Hand; alte
Weiber, Knäbchen an der Hand; junge Männer und Weiber und Jungfrauen
mit Büchern unter dem Arm -- alles von fernen, wie chinesischen
Zwergbuchen und Zwergeichen und Rebenhügeln umgeben -- und von dem
Klange der in reinen Dreiklang gestimmten Glocken überhallt. Das alles
ergriff ich mit Augen und Ohren wie im Fluge. Aber Sangallo’s achtzehn
Töchter, sie sah ich nun schon zwischen den glimmenden Leichensteinen,
mit wie aufgeglühten alten Rittergestalten, in die Mauer der Kirche
nach und nach verschwinden! Keine sah sich um. Aber da waren sie mir
in ihrer neuen vergrößerten Loge gefangen! und meine Loge war gegenüber!
Der Schulmeister kam den Pastor abzuholen und zu begleiten. Ich
begleitete meine Mutter -- und hinter uns kam in die, mit duftenden
grünen Maien geschmückte Loge, wer? der arme Herr ~von Hase~, mit
seinem einzigen armen Häschen, Brigitten. Sie betete erst still; dann
trat sie vor mich, verneigte sich und bat: „Sie erlauben uns doch noch,
daß wir hieher kommen?“ -- Und ohne Antwort abzuwarten, zog sie sich
zu ihrem Vater auf den Sitz im Hintergrunde zurück. Ja, mir nichts dir
nichts, sangen sie auch getrost, doch sanft.
Ueber der Loge des Herrn Sangallo stand das in Stein gehauene
in schönen Farben prangende Wappen, ein silberner Hahn mit dem
Heiligenschein in himmelblauem Felde. Erst neulich sagte mir ein
Franzose: wir alle haben den Hahn als Sinnbild der Verehrung der
Frauen im Wappen, und führen ihn alle im Kopf. -- Da drüben war er im
Himmel! Doch das träumte mir jetzt nur; wie denn der Mensch immer von
tausend Gedanken als Dämonen und Sylphen umschwebt und umflüstert ist.
Wenn der Mensch die Geister nahen läßt, wie der Dichter, dann reden
und vielleicht auch fühlen sie für ihn, und bilden ihm das Gedicht:
~das Leben~! Ich verneigte mich, ~verehrungsvoll~ hinübergrüßend, und
Sangallo verneigte sich wieder, und seine 18 Töchter -- wie an einem
Faden. Das hätte mir noch gestern etwas Lächerliches gehabt. Aber die
Mädchen blieben in der Würde, und flüsterten auch nachher sich kein
Wörtchen zu. Welche Erziehung oder welche anständige Natur. Und wie sie
sangen! das war die edelste Schule, das war geoffenbartes, tönendes
Herz. -- Da sagte mir meine rechtschaffene Mutter: Lieber Armin, siehe
nur, das prachtvolle Altartuch haben sie auch gestickt, in den Zipfeln
ihr Wappen und an den Goldborten ihre Namen umher, die alle Achtzehn
mit _A_ anfangen; du siehst da gerade „_ARMINIA_“. -- Die Kanzeldecke
aber hat, ~zum Andenken~ das arme Häschen gestickt und geschenkt. Das
arme Häschen! So bleibt doch ihr Wappen und ~redender~ Namen, der Hase,
an der Kanzel zu unserem Andenken und aller künftigen Geistlichen.
Als Doctor Schleyerlöser, mit Recht ~ohne~ sich gegen uns Herrschaften
zu verneigen -- woran ihr im Herzen mitgebrachter Inhalt die
Liebediener verhindern sollte, und ohne an unterschiedene Menschen
an ihrer Stelle auch nur zu denken, auf die Kanzel getreten war,
überraschte es mich angenehm bittersüß, in seiner Person die Urgestalt
der Juden zu sehen, die Rom und ganz Europa so tief besiegt haben,
daß auch wir Deutsche nur gepfropfte Juden sind, bis nun unser alter
ursprünglicher Germanen-Stamm aus ureigener göttlicher Wurzel den
heiligen Sproß treibt, so daß der ~gepfropfte~ allmälig nothwendig
eingeht, nach Naturgesetz. Noch mehr überraschte mich die Wendung
und Nutzanwendung, die er vom Pfingstevangelium zu machen verstand,
indem er zur Gemeinde -- „von dem Geist der zur Ehe treibt“ sprach,
ja sich des Ausdrucks meines Vaters bediente: „von der Verheirathung
zur rechten frühen Tageszeit!“ Dann stellte er den Niedrigen und Armen
ihr Glück vor, daß ihre Jünglinge über Prinzen und ihre Jungfrauen
über Prinzessinnen auch der mächtigsten Kaiser, frei und glücklich
darin wären, zur rechten frühen schönen einzig richtigen Tageszeit
heirathen zu können, weil kein Zwang sie hindere, kein Warten ihnen
nutze, und sie allein nur durch glückliche freie Liebe, und zur
rechten Zeit geschlossene Ehen so froh seien bei der geringsten
Ursache; so ungebeugt und unbeugbar bei Leid, so fast übermenschlich
geduldig; -- daß nur ihr kräftiges Geschlecht auf Erden bleiben werde;
-- daß aus allen „Spät“ also immer zu spät Verheiratheten allmälig
nur ein trauriges, schlechterzogenes, verwahrlosetes, allem Laster
und Unglück zum Opfer freigegebenes Volk erwachsen werde, und müsse,
wenn nicht die tausend äußeren und inneren Hindernisse der Ehe „zur
rechten frühen Tageszeit“ mit aller Gewalt ausgetilgt würden; gegen
welche Verbesserung alle Reichs- und Volksverbesserungen nur Eitelwerk,
vergebliche Mühe und Tappen der Blinden nach Schätzen wären. Und
mit erhobner feierlicher Stimme sprach er: Der gesunde, vollendete
Zustand eines Volkes und der Menschheit hat nur Ein Zeichen: die Ehe
zur rechten frühen Tageszeit. Wo sie allgemein ist und sein kann, da
ist der Naturzustand neben aller menschlichen nöthigen Bildung erst
wieder erreicht. -- Das führte er aus, das bewies er sonnenklar und
Gottesmächtig. Nach welchen Wünschen er Amen sprach, -- zu welchem
Amen der Himmel, wie bestellt, donnerte, daß die ganze Gemeinde und
meine Mutter betroffen aufsah -- will ich nicht wiederholen; aber ich
erstaunte: was wahre Geistliche alles sagen dürfen ja müssen, ohne daß
ihnen Jemand anders als ein Unsinniger, Schändlicher, ein Haar krümmen
darf: wenn sie nur Geist und Herz und Muth haben. Aber sehr viele sind
Feiglinge geworden. Von den Mädchen schaute während der Predigt keine
auf, oder gar von drüben Eine herüber! Auch Brigitte regte sich nicht,
oder nahm gar Stellung und Miene an, wie solche, die nur voraussetzen,
man wird sie jetzt ansehen. Auch Herr von Hase hustete nicht, oder
niesete gar!
Diese Mädchen, so über Blumen bescheiden, -- die doch noch im Hauche
der Luft den Bienen ihre Gegenwart verrathen -- rührten mich innig zur
männlichen Bewunderung von solcher Geduld in gewiß liebeschwervollen
Herzen! vor solcher Sicherheit: sie seien gewiß einem Liebenden
heraus auf die Erde gesandt; vor solchem Vertrauen auf sich: weil
sie alle Huld und Wonne tragen, werden ihre Blüthentage, ihre Zeit
der Früchte kommen! werde gewiß doch ~der Eine~ Augen und Herz und
ein Häuschen und ein Bettchen für sie haben, den sie in heiligen
Naturschweigen erwarten. Wen gäbe es wohl so Unverschämten: diese
Mädchen bei Jünglingen umher auf die Heirath zu schicken! Aber ihr
Nein ist der Jungfrau gegeben, um des Jünglings und ihr eigenes Glück
nicht vergeuden ja opfern zu müssen. Denn selbst an Liebende wirft sich
noch die Nichtliebende weg; wenn ihm die Wiederliebende erst ein Glück
bringt.
Neben mir in der Loge der Herrschaft des Gutes Westfrei („Dorf“, lassen
die Leute weg) befand sich Herr von Stifter, mit seiner kinderlosen
Frau und seinen vier Nebensöhnen, jungen wie Engel schönen Männern, die
mir, ich weiß, nicht, welche Eifersucht erregten! Sie zerbrachen sich
bald die Rücken bei den Abschiedsverbeugungen zu den Mädchen hinüber!
Ihnen hatte ich auf morgen meinen ersten Besuch in Westfrei ansagen
lassen; dem Herrn von Sangallo in Ostfrei aber auf heute Vormittag. Ich
sah ihn daher mit seinen Töchtern nach dem Segen -- nach dem stillen
Vaterunser -- und nach achtzehn Verbeugungen, mit einer gewissen
Sicherheit fortgehen, nicht heimeilen.
Im Schlosse legte meine rechtschaffene Mutter noch großen Staat
und ihren schönsten Schmuck an; ich gab ihr den Mantel um, wegen
wahrscheinlicher Zugluft auf dem See, nahm den meinen um, und
wir stiegen in unsere mit Maien geschmückte Prachtgondel, unsern
Bucentoro, als gerade der Doctor Schleyerlöser mit seiner Frau in
seinen Abendmahlkahn (für Berichten, Krankenbesuche und Hauskindtaufen
bestimmt) nebst meinem Schulmeister einsteigen wollte. Auf meine
Einladung kamen sie, zur Gesellschaft auf der halbstündigen Ueberfahrt,
in unsern Kahn. Der „Chirurgus von der letzten Sorte“ fuhr rasch an
uns vorüber und voraus, und antwortete auf meine Frage: wohin? immer
entfernter: „Geschwind nach Ostfrei hinüber!“ Ein Junge ist von der
Maistange gefallen. Unter der Kirche ist er heimlich nach einem
Tuche gestiegen. Er soll ~alle~ Arme gebrochen haben, wie der alte
Dorfwächter hier sagte. Gesunde Nachkunft! -- „Es steht ein Gewitter am
Himmel!“ schrie er noch, schon von weitem zurück.
Wir sahen hinauf, und allerdings! Aber meine Mutter hatte das
Schwurprotokoll! Ich hatte Seesturm und dreitägige und dreimächtige
Verfolgung und Getöse von hallenden Seegewittern überlebt; und es ist
gut: die ~größten~ Unannehmlichkeiten aller Art überstanden zu haben;
denn damit hat man alle folgenden ~kleinen~ im Geist überwunden und
sich leicht gemacht. Was konnte hier werden in 30 Minuten? -- Und doch!