Novelle, Kapitel 6

Das Kind verfolgte seine Melodie, die keine war, eine Tonfolge ohne

Gesetz, und vielleicht eben deswegen so herzergreifend; die

Umstehenden schienen wie bezaubert von der Bewegung einer

liederartigen Weise, als der Vater mit anständigem Enthusiasmus zu

reden anfing und fortfuhr: "Gott hat dem Fürsten Weisheit gegeben und

zugleich die Erkenntnis, daß alle Gotteswerke weise sind, jedes nach

seiner Art.

Seht den Felsen, wie er fest steht und sich nicht rührt, der Witterung

trotzt und dem Sonnenschein!

Uralte Bäume zieren sein Haupt, und so gekrönt schaut er weit umher;

stürzt aber ein Teil herunter, so will es nicht bleiben, was es war:

es fällt zertrümmert in viele Stücke und bedeckt die Seite des Hanges.

Aber auch da wollen sie nicht verharren, mutwillig springen sie tief

hinab, der Bach nimmt sie auf, zum Flusse trägt er sie.

Nicht widerstehend, nicht widerspenstig, eckig, nein, glatt und

abgerundet gewinnen sie schneller ihren Weg und gelangen von Fluß zu

Fluß, endlich zum Ozean, wo die Riesen in Scharen daherziehen und in

der Tiefe die Zwerge wimmeln.

Doch wer preist den Ruhm des Herrn, den die Sterne loben von Ewigkeit

zu Ewigkeit!

Warum seht ihr aber im Fernen umher?

Betrachtet hier die Biene!

Noch spät im Herbst sammelt sie emsig und baut sich ein Haus, winkel-

und waagerecht, als Meister und Geselle.

Schaut die Ameise da!

Sie kennt ihren Weg und verliert ihn nicht, sie baut sich eine Wohnung

aus Grashalmen, Erdbröslein und Kiefernadeln, sie baut es in die Höhe

und wölbet es zu; aber sie hat umsonst gearbeitet, denn das Pferd

stampft und scharrt alles auseinander.

Sehr hin!

Es zertritt ihre Balken und zerstreut ihre Planken, ungeduldig

schnaubt es und kann nicht rasten, denn der Herr hat das Roß zum

Gesellen des Windes gemacht und zum Gefährten des Sturmes, daß es den

Mann dahin trage, wohin er will, und die Frau, wohin sie begehrt.

Aber im Palmenwald trat er auf, der Löwe, ernsten Schrittes durchzog

er die Wüste, dort herrscht er über alles Getier, und nichts

widersteht ihm.

Doch der Mensch weiß ihn zu zähmen, und das grausamste der Geschöpfe

hat Ehrfurcht vor dem Ebenbilde Gottes, wornach auch die Engel gemacht

sind, die dem Herrn dienen und seinen Dienern.

Denn in der Löwengrube scheute sich Daniel nicht; er blieb fest und

getrost, und das wilde Brüllen unterbrach nicht seinen frommen Gesang".

Diese mit dem Ausdruck eines natürlichen Enthusiasmus gehaltene Rede

begleitete das Kind hie und da mit anmutigen Tönen; als aber der Vater

geendigt hatte, fing es mit reiner Kehle, heller Stimme und

geschickten Läufen zu intonieren an, worauf der Vater die Flöte

ergriff, im Einklang sich hören ließ, das Kind aber sang: "aus den

Gruben, hier im Graben hör ich des Propheten Sang; Engel schweben, ihn

zu laben, wäre da dem Guten bang?

Löw und Löwin, hin und wider, schmiegen sich um ihn heran; ja, die

sanften, frommen Lieder habens ihnen angetan!" Der Vater fuhr fort,

die Strophe mit der Flöte zu begleiten; die Mutter trat hie und da als

zweite Stimme mit ein.

Eindringlich aber ganz besonders war, daß das Kind die Zeilen der

Strophe nunmehr zu anderer Ordnung durcheinander schob und dadurch, wo

nicht einen neuen Sinn hervorbrachte, doch das Gefühl in und durch

sich selbst aufregend erhöhte.

"Engel schweben auf und nieder, uns in Tönen zu erlaben, welch ein

himmlischer Gesang!

In den Gruben, in dem Graben wäre da dem Kinde bang?

Diese sanften, frommen Lieder lassen Unglück nicht heran; Engel

schweben hin und wider, und so ist es schon getan".

Hierauf mit Kraft und Erhebung begannen alle drei: "denn der Ewge

herrscht auf Erden, über Meere herrscht sein Blick; Löwen sollen

Lämmer werden, und die Welle schwankt zurück.

Blankes Schwert erstarrt im Hiebe, Glaub und Hoffnung sind erfüllt;

wundertätig ist die Liebe, die sich im Gebet enthüllt".

Alles war still, hörte, horchte, und nur erst, als die Töne verhallten,

konnte man den Eindruck bemerken und allenfalls beobachten.

Alles war wie beschwichtigt, jeder in seiner Art gerührt.

Der Fürst, als wenn er erst jetzt das Unheil übersähe, das ihn vor

kurzem bedroht hatte, blickte nieder auf seine Gemahlin, die, an ihn

gelehnt, sich nicht versagte, das gestickte Tüchlein hervorzuziehen

und die Augen damit zu bedecken.

Es tat ihr wohl, die jugendliche Brust von dem Druck erleichtert zu

fühlen, mit dem die vorhergehenden Minuten sie belastet hatten.

Eine vollkommene Stille beherrschte die Menge; man schien die Gefahren

vergessen zu haben, unten den Brand und von oben das Erstehen eines

bedenklich ruhenden Löwen.

Durch einen Wink, die Pferde näher herbeizuführen, brachte der Fürst

zuerst wieder in die Gruppe Bewegung; dann wendete er sich zu dem

Weibe und sagte: "Ihr glaubt also, daß Ihr den entsprungenen Löwen, wo

Ihr ihn antrefft, durch Euren Gesang, durch den Gesang dieses Kindes,

mit Hülfe dieser Flötentöne beschwichtigen und ihn sodann unschädlich

sowie unbeschädigt in seinem Verschluß wieder zurückbringen könntet?"

Sie bejahten es, versichernd und beteuernd; der Kastellan wurde ihnen

als Wegweiser zugegeben.

Nun entfernte der Fürst mit wenigen sich eiligst, die Fürstin folgte

langsamer mit dem übrigen Gefolge; Mutter aber und Sohn stiegen, von

dem Wärtel, der sich eines Gewehrs bemächtigt hatte, begleitet,

steiler gegen den Berg hinan.

Vor dem Eintritt in den Hohlweg, der den Zugang zu dem Schloß

eröffnete, fanden sie die Jäger beschäftigt, dürres Reisig zu häufen,

damit sie auf jeden Fall ein großes Feuer anzünden könnten.

"Es ist nicht not", sagte die Frau; "es wird ohne das alles in Güte

geschehen".

Weiter hin, auf einem Mauerstücke sitzend, erblickten sie Honorio,

seine Doppelbüchse in den Schoß gelegt, auf einem Posten als wie zu

jedem Ereignis gefaßt.

Aber die Herankommenden schien er kaum zu bemerken; er saß wie in

tiefen Gedanken versunken, er sah umher wie zerstreut.

Die Frau sprach ihn an mit Bitte, das Feuer nicht anzünden zu lassen;

er schien jedoch ihrer Rede wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Sie redete lebhaft fort und rief: "schöner junger Mann, du hast meinen

Tiger erschlagen, ich fluche dir nicht; schone meinen Löwen, guter

junger Mann!

Ich segne dich".

Honorio schaute gerad vor sich hin, dorthin, wo die Sonne auf ihrer

Bahn sich zu senken begann.

Novelle(#2320) · 第 7 / 8 题