Novelle, Kapitel 7

"Du schaust nach Abend", rief die Frau; "du tust wohl daran, dort

gibts viel zu tun; eile nur, säume nicht, du wirst überwinden.

Aber zuerst überwinde dich selbst!" Hierauf schien er zu lächeln; die

Frau stieg weiter, konnte sich aber nicht enthalten, nach dem

Zurückbleibenden nochmals umzublicken; eine rötliche Sonne überschien

sein Gesicht, sie glaubte nie einen schöhern Jüngling gesehen zu haben.

"Wenn Euer Kind", sagte nunmehr der Wärtel, "flötend und singend, wie

Ihr überzeugt seid, den Löwen anlocken und beruhigen kann, so werden

wir uns desselben sehr leicht bemeistern, da sich das gewaltige Tier

ganz nah an die durchbrochenen Gewölbe hingelagert hat, durch die wir,

da das Haupttor verschüttet ist, einen Eingang in den Schloßhof

gewonnen haben.

Lockt ihn das Kind hinein, so kann ich die öffnung mit leichter Mühe

schließen, und der Knabe, wenn es ihm gut deucht, durch eine der

kleinen Wendeltreppen, die er in der Ecke sieht, dem Tiere

entschlüpfen.

Wir wollen uns verbergen; aber ich werde mich so stellen, daß meine

Kugel jeden Augenblick dem Kinde zu Hülfe kommen kann".

"Die Umstände sind alle nicht nötig; Gott und Kunst, Frömmigkeit und

Glück müssen das Beste tun".--"Es sei", versetzte der Wärtel; "aber

ich kenne meine Pflichten.

Erst führ ich Euch durch einen beschwerlichen Stieg auf das Gemäuer

hinauf, gerade dem Eingang gegenüber, den ich erwähnt habe; das Kind

mag hinabsteigen, gleichsam in die Arena des Schauspiels, und das

besänftigte Tier dort hereinlocken!" Das geschah; Wärtel und Mutter

sahen versteckt von oben herab, wie das Kind die Wendeltreppen

hinunter in dem klaren Hofraum sich zeigte und in der düstern öffnung

gegenüber verschwand, aber sogleich seinen Flötenton hören ließ, der

sich nach und nach verlor und verstummte.

Die Pause war ahnungsvoll genug; den alten, mit Gefahr bekannten Jäger

beengte der seltene menschliche Fall.

Er sagte sich, daß er lieber persönlich dem gefährlichen Tiere

entgegenginge; die Mutter jedoch, mit heiterem Gesicht, übergebogen

horchend, ließ nicht die mindeste Unruhe bemerken.

Endlich hörte man die Flöte wieder; das Kind trat aus der Höhle hervor

mit glänzend befriedigten Augen, der Löwe hinter ihm drein, aber

langsam und, wie es schien, mit einiger Beschwerde.

Er zeigte hie und da Lust, sich niederzulegen; doch der Knabe führte

ihn im Halbkreise durch die wenig entblätterten, buntbelaubten Bäume,

bis er sich endlich in den letzten Strahlen der Sonne, die sie durch

eine Ruinenlücke hereinsandte, wie verklärt niedersetzte und sein

beschwichtigendes Lied abermals begann, dessen Wiederholung wir uns

auch nicht entziehen können: "aus den Gruben, hier im Graben hör ich

des Propheten Sang; Engel schweben, ihn zu laben, wäre da dem Guten

bang?

Löw und Löwin, hin und wider, schmiegen sich um ihn heran; ja, die

sanften, frommen Lieder habens ihnen angetan!" Indessen hatte sich

der Löwe ganz knapp an das Kind hingelegt und ihm die schwere rechte

Vordertatze auf dem Schoß gehoben, die der Knabe fortsingend anmutig

streichelte, aber gar bald bemerkte, daß ein scharfer Dornzweig

zwischen die Ballen eingestochen war.

Sorgfältig zog er die verletzende Spitze hervor, nahm lächelnd sein

buntseidenes Halstuch vom Nacken und verband die greuliche Tatze des

Untiers, sodaß die Mutter sich vor Freuden mit ausgestreckten Armen

zurückbog und vielleicht angewohnterweise Beifall gerufen und

geklatscht hätte, wäre sie nicht durch einen derben Faustgriff des

Wärtels erinnert worden, daß die Gefahr nicht vorüber sei.

Glorreich sang das Kind weiter, nachdem es mit wenigen Tönen

vorgespielt hatte: "denn der Ewge herrscht auf Erden, über Meere

herrscht sein Blick; Löwen sollen Lämmer werden, und die Welle

schwankt zurück.

Blankes Schwert erstarrt im Hiebe, Glaub und Hoffnung sind erfüllt;

wundertätig ist die Liebe, die sich im Gebet enthüllt".

Ist es möglich zu denken, daß man in den Zügen eines so grimmigen

Geschöpfes, des Tyrannen der Wälder, des Despoten des Tierreiches,

einen Ausdruck von Freundlichkeit, von dankbarer Zufriedenheit habe

spüren können, so geschah es hier, und wirklich sah das Kind in seiner

Verklärung aus wie ein mächtiger, siegreicher überwinder, jener zwar

nicht wie der überwundene, denn seine Kraft blieb in ihm verborgen,

aber doch wie der Gezähmte, wie der dem eigenen friedlichen Willen

Anheimgegebene.

Das Kind flötete und sang so weiter, nach seiner Art die Zeilen

verschränkend und neue hinzufügend: "und so geht mit guten Kindern

selger Engel gern zu Rat, böses Wollen zu verhindern, zu befördern

schöne Tat.

So beschwören, fest zu bannen liebem Sohn ans zarte Knie ihn, des

Waldes Hochtyrannen, frommer Sinn und Melodie".

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Novelle" auf Goethe.

Novelle(#2320) · 第 8 / 8 题