Den gewaltsamen Ausbrüchen der Leidenschaft dieses unglücklichen
Weibes folgte, zwar unterbrochen, stoßweise ein Strom von Worten, wie
ein Bach sich in Absätzen von Felsen zu Felsen stürzt.
Eine natürliche Sprache, kurz und abgebrochen, machte sich
eindringlich und rührend.
Vergebens würde man sie in unsern Mundarten übersetzen wollen; den
ungefähren Inhalt dürfen wir nicht verfehlen: "sie haben dich ermordet,
armes Tier!
Ermordet ohne Not!
Du warst zahm und hättest dich gern ruhig niedergelassen und auf uns
gewartet; denn deine Fußballen schmerzten dich, und deine Krallen
hatten keine Kraft mehr!
Die heiße Sonne fehlte dir, sie zu reifen.
Du warst der Schönste deinesgleichen; wer hat je einen königlichen
Tiger so herrlich ausgestreckt im Schlaf gesehen, wie du nun hier
liegst, tot, um nicht wieder aufzustehen!
Wenn du des Morgens aufwachtest beim frühen Tagschein und den Rachen
aufsperrtest, ausstreckend die rote Zunge, so schienst du uns zu
lächeln, und wenn schon brüllend, nahmst du doch spielend dein Futter
aus den Händen einer Frau, von den Fingern eines Kindes!
Wie lange begleiteten wir dich auf deinen Fahrten, wie lange war deine
Gesellschaft uns wichtig und fruchtbar!
Uns, uns ganz eigentlich kam die Speise von den Fressern und süße
Labung von den Starken.
So wird es nicht mehr sein!
Wehe!
Wehe! "Sie hatte nicht ausgeklagt, als über die mittlere Höhe des
Bergs am Schlosse herab Reiter heransprengten, die alsobald für das
Jagdgefolge des Fürsten erkannt wurden, er selbst voran.
Sie hatten, in den hintern Gebirgen jagend, die Brandwolken aufsteigen
sehen und durch Täler und Schluchten, wie auf gewaltsam hetzender Jagd,
den geraden Weg nach diesem traurigen Zeichen genommen.
über die steinige Blöße einhersprengend, stutzten und starrten sie,
nun die unerwartete Gruppe gewahr werdend, die sich auf der leeren
Fläche merkwürdig auszeichnete.
Nach dem ersten Erkennen verstummte man, und nach einigem Erholen ward,
was der Anblick nicht selbst ergab, mit wenigen Worten erläutert.
So stand der Fürst vor dem seltsamen, unerhörten Ereignis, einen Kreis
umher von Reitern und Nacheilenden zu Fuße.
Unschlüssig war man nicht, was zu tun sei; anzuordnen, auszuführen war
der Fürst beschäftigt, als ein Mann sich in den Kreis drängte, groß
von Gestalt, bunt und wunderlich gekleidet wie Frau und Kind.
Und nun gab die Familie zusammen Schmerz und überraschung zu erkennen.
Der Mann aber, gefaßt, stand in ehrfurchtsvoller Entfernung vor dem
Fürsten und sagte: "es ist nicht Klagenszeit; ach, mein Herr und
mächtiger Jäger, auch der Löwe ist los, auch hier nach dem Gebirg ist
er hin, aber schont ihn, habt Barmherzigkeit, daß er nicht umkomme wie
dies gute Tier!"
"Der Löwe?" sagte der Fürst,"hast du seine Spur?" "Ja, Herr! Ein
Bauer dort unten, der sich ohne Not auf einen Baum gerettet hatte,
wies mich weiter hier links hinauf, aber ich sah den großen Trupp
Menschen und Pferde vor mir, neugierig und hilfsbedürftig eilt ich
hierher".--"Also", beorderte der Fürst, "muß die Jagd sich auf diese
Seite ziehen; ihr ladet eure Gewehre, geht sachte zu Werk, es ist kein
Unglück, wenn ihr ihn in die tiefen Wälder treibt.--Aber am Ende,
guter Mann, werden wir euer Geschöpf nicht schonen können; warum wart
ihr unvorsichtig genug, sie entkommen zu lassen!"--"Das Feuer brach
aus", versetzte jener; "wir hielten uns still und gespannt; es
verbreitete sich schnell, aber fern von uns.
Wir hatten Wasser genug zu unserer Verteidigung, aber ein Pulverschlag
flog auf und warf die Brände bis an uns heran, über uns weg; wir
übereilten uns und sind nun unglückliche Leute".
Noch war der Fürst mit Anordnungen beschäftigt, aber einen Augenblick
schien alles zu stocken, als oben vom alten Schloß herab eilig ein
Mann heranspringend gesehen ward, den man bald für den angestellten
Wächter erkannte, der die Werkstätte des Malers bewachte, indem er
darin seine Wohnung nahm und die Arbeiter beaufsichtigte.
Er kam außer Atem springend, doch hatte er bald mit wenigen Worten
angezeigt: oben hinter der höhern Ringmauer habe sich der Löwe im
Sonnenschein gelagert, am Fuße einer hundertjährigen Buche, und
verhalte sich ganz ruhig.
ärgerlich aber schloß der Mann: "warum habe ich gestern meine Büchse
in die Stadt getragen, um sie ausputzen zu lassen!
Hätte ich sie bei der Hand gehabt, er wäre nicht wieder aufgestanden,
das Fell wäre doch mein gewesen, und ich hätte mich dessen, wie billig,
zeitlebens gebrüstet".
Der Fürst, dem seine militärischen Erfahrungen auch hier zustatten
kamen, da er sich wohl schon in Fällen gefunden hatte, wo von mehreren
Seiten unvermeidliches übel herandrohte, sagte hierauf: "welche
Bürgschaft gebt Ihr mir, daß, wenn wir Eures Löwen schonen, er nicht
im Lande unter den Meinigen Verderben anrichtet? "
"Hier diese Frau und dieses Kind", erwiderte der Vater hastig,
"erbieten sich, ihn zu zähmen, ihn ruhig zu erhalten, bis ich den
beschlagenen Kasten heraufschaffe, da wir ihn denn unschädlich und
unbeschädigt wieder zurückbringen werden".
Der Knabe schien seine Flöte versuchen zu wollen, ein Instrument von
der Art, das man sonst die sanfte, süße Flöte zu nennen pflegte; sie
war kurz geschnäbelt wie die Pfeifen; wer es verstand, wußte die
anmutigsten Töne daraus hervorzulocken.
Indes hatte der Fürst den Wärtel gefragt, wie der Löwe hinaufgekommen.
Dieser aber versetzte: "durch den Hohlweg, der, auf beiden Seiten
vermauert, von jeher der einzige Zugang war und der einzige bleiben
soll; zwei Fußpfade, die noch hinaufführten, haben wir dergestalt
entstellt, daß niemand als durch jenen ersten engen Anweg zu dem
Zauberschlosse gelangen könne, wozu es Fürst Friedrichs Geist und
Geschmack ausbilden will".
Nach einigem Nachdenken, wobei sich der Fürst nach dem Kinde umsah,
das immer sanft gleichsam zu präludieren fortgefahren hatte, wendete
er sich zu Honorio und sagte: "du hast heute viel geleistet, vollende
das Tagwerk!
Besetze den schmalen Weg!--Haltet eure Büchsen bereit, aber schießt
nicht eher, als bis ihr das Geschöpf nicht sonst zurückscheuchen könnt;
allenfalls macht ein Feuer an, vor dem er sich fürchtet, wenn er
herunter will!
Mann und Frau möge für das übrige stehen".
Eilig schickte Honorio sich an, die Befehle zu vollführen.