Die Häuser des Marktes, vom Widerschein gerötet, schienen schon zu
glühen, drohend sich jeden Augenblick zu entzünden und in Flammen
aufzuschlagen; unten wütete das Element unaufhaltsam, die Bretter
prasselten, die Latten knackten, Leinwand flog auf, und ihre düstern,
an den Enden flammend ausgezackten Fetzen trieben in der Höhe sich
umher, als wenn die bösen Geister in ihrem Elemente, um und um
gestaltet, sich mutwillig tanzend verzehren und da und dort aus den
Gluten wieder auftauchen wollten.
Dann aber mit kreischendem Geheul rettete jeder, was zur Hand lag;
Diener und Knechte mit den Herren bemühten sich, von Flammen
ergriffene Ballen fortzuschleppen, von dem brennenden Gestell noch
einiges wegzureißen, um es in die Kiste zu packen, die sie denn doch
zuletzt den eilenden Flammen zum Raube lassen mußten.
Wie mancher wünschte nur einen Augenblick Stillstand dem
heranprasselnden Feuer, nach der Möglichkeit einer Besinnung sich
umsehend, und er war mit aller seiner Habe schon ergriffen; an der
einen Seite brannte, glühte schon, was an der andern noch in finsterer
Nacht stand.
Hartnäckige Charaktere, willensstarke Menschen widersetzten sich
grimmig dem grimmigen Feinde und retteten manches mit Verlust ihrer
Augenbraunen und Haare.
Leider nun erneuerte sich vor dem schönen Geiste der Fürstin der wüste
Wirrwarr, nun schien der heitere morgendliche Gesichtskreis umnebelt,
ihre Augen verdüstert; Wald und Wiese hatten einen wunderbaren,
bänglichen Anschein.
In das friedliche Tal einreitend, seiner labenden Kühle nicht achtend,
waren sie kaum einige Schritte von der lebhaften Quelle des nahen
fließenden Baches herab, als die Fürstin ganz unten im Gebüsche des
Wiesentals etwas Seltsames erblickte, das sie alsobald für den Tiger
erkannte; heranspringend, wie sie ihn vor kurzem gemalt gesehen, kam
er entgegen, und dieses Bild zu den furchtbaren Bildern, die sie
soeben beschäftigten, machte den wundersamsten Eindruck.
"Flieht! Gnädige Frau", rief Honorio, "flieht!". Sie wandte das
Pferd um, dem steilen Berg zu, wo sie herabgekommen waren.
Der Jüngling aber, dem Untier entgegen, zog die Pistole und schoß, als
er sich nahe genug glaubte.
Leider jedoch war gefehlt; der Tiger sprang seitwärts, das Pferd
stutzte, das ergrimmte Tier aber verfolgte seinen Weg aufwärts,
unmittelbar der Fürstin nach.
Sie sprengte, was das Pferd vermochte, die steile, steinige Strecke
hinan, kaum fürchtend, daß ein zartes Geschöpf, solcher Anstrengung
ungewohnt, sie nicht aushalten werde.
Es übernahm sich, von der bedrängten Reiterin angeregt, stieß am
kleinen Gerölle des Hanges an und wieder an und stürzte zuletzt nach
heftigem Bestreben kraftlos zu Boden.
Die schöne Dame, entschlossen und gewandt, verfehlte nicht, sich
strack auf ihre Füße zu stellen, auch das Pferd richtete sich auf,
aber der Tiger nahte schon, obgleich nicht mit heftiger Schnelle; der
ungleiche Boden, die scharfen Steine schienen seinen Antrieb zu
hindern, und nur daß Honorio unmittelbar hinter ihm herflog, neben ihm
gemäßigt heraufritt, schien seine Kraft aufs neue anzuspornen und zu
reizen.
Beide Renner erreichten zugleich den Ort, wo die Fürstin am Pferde
stand; der Ritter beugte sich herab, schoß und traf mit der zweiten
Pistole das Ungeheuer durch den Kopf, daß es sogleich niederstürzte
und ausgestreckt in seiner Länge erst recht die Macht und
Furchtbarkeit sehen ließ, von der nur noch das Körperliche
übriggeblieben dalag.
Honorio war vom Pferde gesprungen und kniete schon auf dem Tiere,
dämpfte seine letzten Bewegungen und hielt den gezogenen Hirschfänger
in der rechten Hand.
Der Jüngling war schön, er war herangesprengt, wie ihn die Fürstin oft
im Lanzen- und Ringelspiel gesehen hatte.
Ebenso traf in der Reitbahn seine Kugel im Vorbeisprengen den
Türkenkopf auf dem Pfahl gerade unter dem Turban in die Stirne, ebenso
spießte er, flüchtig heransprengend, mit dem blanken Säbel das
Mohrenhaupt vom Boden auf.
In allen solchen Künsten war er gewandt und glücklich, hier kam beides
zustatten.
"Gebt ihm den Rest", sagte die Fürstin; "ich fürchte, er beschädigt
Euch noch mit den Krallen".--"Verzeiht!" erwiderte der Jüngling, "er
ist schon tot genug, und ich mag das Fell nicht verderben, das
nächsten Winter auf Eurem Schlitten glänzen soll".--"Frevelt nicht!"
sagte die Fürstin; "alles, was von Frömmigkeit im tiefen Herzen wohnt,
entfaltet sich in solchem Augenblick".--"Auch ich", rief Honorio,
"war nie frömmer als jetzt eben; deshalb aber denk ich ans Freudigste;
ich blicke dieses Fell nur an, wie es Euch zur Lust begleiten kann".
--"Es würde mich immer an diesen schrecklichen Augenblick erinnern",
versetzte sie.
"Ist es doch", erwiderte der Jüngling mit glühender Wange, "ein
unschuldigeres Triumphzeichen, als wenn die Waffen erschlagener Feinde
vor dem Sieger her zur Schau getragen wurden".--"Ich werde mich an
Eure Kühnheit und Gewandtheit dabei erinnern und darf nicht
hinzusetzen, daß Ihr auf meinen Dank und auf die Gnade des Fürsten
lebenslänglich rechnen könnt.
Aber steht auf!
Schon ist kein Leben mehr im Tiere.
Bedenken wir das Weitere!
Vor allen Dingen steht auf!"--"Da ich nun einmal kniee", versetzte der
Jüngling, "da ich mich in einer Stellung befinde, die mir auf jede
andere Weise untersagt wäre, so laßt mich bitten, von der Gunst und
von der Gnade, die Ihr mir zuwendet, in diesem Augenblick versichert
zu werden.
Ich habe schon so oft Euren hohen Gemahl gebeten um Urlaub und
Vergünstigung einer weitern Reise.
Wer das Glück hat, an Eurer Tafel zu sitzen, wen Ihr beehrt, Eure
Gesellschaft unterhalten zu dürfen, der muß die Welt gesehen haben.
Reisende strömen von allen Orten her, und wenn von einer Stadt, von
einem wichtigen Punkte irgendeines Weltteils gesprochen wird, ergeht
an den Eurigen jedesmal die Frage, ob er daselbst gewesen sei.
Niemanden traut man Verstand zu, als wer das alles gesehen hat; es ist,
als wenn man sich nur für andere zu unterrichten hätte".
"Steht auf!" wiederholte die Fürstin; "ich möchte nicht gern gegen die
überzeugung meines Gemahls irgend etwas wünschen und bitten; allein
wenn ich nicht irre, so ist die Ursache, warum er Euch bisher
zurückhielt, bald gehoben.
Seine Absicht war, Euch zum selbständigen Edelmann herangereift zu
sehen, der sich und ihm auch auswärts Ehre machte wie bisher am Hofe,
und ich dächte, Eure Tat wäre ein so empfehlender Reisepaß, als ein
junger Mann nur in die Welt mitnehmen kann".
Daß anstatt einer jugendlichen Freude eine gewisse Trauer über sein
Gesicht zog, hatte die Fürstin nicht Zeit zu bemerken, noch er seiner
Empfindung Raum zu geben; denn hastig den Berg herauf, einen Knaben an
der Hand, kam eine Frau geradezu auf die Gruppe los, die wir kennen,
und kaum war Honorio, sich besinnend, aufgestanden, als sie sich
heulend und schreiend über den Leichnam herwarf und an dieser Handlung
sowie an einer obgleich reinlich anständigen, doch bunten und
seltsamen Kleidung sogleich erraten ließ, sie sei die Meisterin und
Wärterin dieses dahingestreckten Geschöpfes, wie denn der
schwarzaugige, schwarzlockige Knabe, der eine Flöte in der Hand hielt,
gleich der Mutter weinend, weniger heftig, aber tief gerührt neben ihr
kniete.