Novelle, Kapitel 4

Die Häuser des Marktes, vom Widerschein gerötet, schienen schon zu

glühen, drohend sich jeden Augenblick zu entzünden und in Flammen

aufzuschlagen; unten wütete das Element unaufhaltsam, die Bretter

prasselten, die Latten knackten, Leinwand flog auf, und ihre düstern,

an den Enden flammend ausgezackten Fetzen trieben in der Höhe sich

umher, als wenn die bösen Geister in ihrem Elemente, um und um

gestaltet, sich mutwillig tanzend verzehren und da und dort aus den

Gluten wieder auftauchen wollten.

Dann aber mit kreischendem Geheul rettete jeder, was zur Hand lag;

Diener und Knechte mit den Herren bemühten sich, von Flammen

ergriffene Ballen fortzuschleppen, von dem brennenden Gestell noch

einiges wegzureißen, um es in die Kiste zu packen, die sie denn doch

zuletzt den eilenden Flammen zum Raube lassen mußten.

Wie mancher wünschte nur einen Augenblick Stillstand dem

heranprasselnden Feuer, nach der Möglichkeit einer Besinnung sich

umsehend, und er war mit aller seiner Habe schon ergriffen; an der

einen Seite brannte, glühte schon, was an der andern noch in finsterer

Nacht stand.

Hartnäckige Charaktere, willensstarke Menschen widersetzten sich

grimmig dem grimmigen Feinde und retteten manches mit Verlust ihrer

Augenbraunen und Haare.

Leider nun erneuerte sich vor dem schönen Geiste der Fürstin der wüste

Wirrwarr, nun schien der heitere morgendliche Gesichtskreis umnebelt,

ihre Augen verdüstert; Wald und Wiese hatten einen wunderbaren,

bänglichen Anschein.

In das friedliche Tal einreitend, seiner labenden Kühle nicht achtend,

waren sie kaum einige Schritte von der lebhaften Quelle des nahen

fließenden Baches herab, als die Fürstin ganz unten im Gebüsche des

Wiesentals etwas Seltsames erblickte, das sie alsobald für den Tiger

erkannte; heranspringend, wie sie ihn vor kurzem gemalt gesehen, kam

er entgegen, und dieses Bild zu den furchtbaren Bildern, die sie

soeben beschäftigten, machte den wundersamsten Eindruck.

"Flieht! Gnädige Frau", rief Honorio, "flieht!". Sie wandte das

Pferd um, dem steilen Berg zu, wo sie herabgekommen waren.

Der Jüngling aber, dem Untier entgegen, zog die Pistole und schoß, als

er sich nahe genug glaubte.

Leider jedoch war gefehlt; der Tiger sprang seitwärts, das Pferd

stutzte, das ergrimmte Tier aber verfolgte seinen Weg aufwärts,

unmittelbar der Fürstin nach.

Sie sprengte, was das Pferd vermochte, die steile, steinige Strecke

hinan, kaum fürchtend, daß ein zartes Geschöpf, solcher Anstrengung

ungewohnt, sie nicht aushalten werde.

Es übernahm sich, von der bedrängten Reiterin angeregt, stieß am

kleinen Gerölle des Hanges an und wieder an und stürzte zuletzt nach

heftigem Bestreben kraftlos zu Boden.

Die schöne Dame, entschlossen und gewandt, verfehlte nicht, sich

strack auf ihre Füße zu stellen, auch das Pferd richtete sich auf,

aber der Tiger nahte schon, obgleich nicht mit heftiger Schnelle; der

ungleiche Boden, die scharfen Steine schienen seinen Antrieb zu

hindern, und nur daß Honorio unmittelbar hinter ihm herflog, neben ihm

gemäßigt heraufritt, schien seine Kraft aufs neue anzuspornen und zu

reizen.

Beide Renner erreichten zugleich den Ort, wo die Fürstin am Pferde

stand; der Ritter beugte sich herab, schoß und traf mit der zweiten

Pistole das Ungeheuer durch den Kopf, daß es sogleich niederstürzte

und ausgestreckt in seiner Länge erst recht die Macht und

Furchtbarkeit sehen ließ, von der nur noch das Körperliche

übriggeblieben dalag.

Honorio war vom Pferde gesprungen und kniete schon auf dem Tiere,

dämpfte seine letzten Bewegungen und hielt den gezogenen Hirschfänger

in der rechten Hand.

Der Jüngling war schön, er war herangesprengt, wie ihn die Fürstin oft

im Lanzen- und Ringelspiel gesehen hatte.

Ebenso traf in der Reitbahn seine Kugel im Vorbeisprengen den

Türkenkopf auf dem Pfahl gerade unter dem Turban in die Stirne, ebenso

spießte er, flüchtig heransprengend, mit dem blanken Säbel das

Mohrenhaupt vom Boden auf.

In allen solchen Künsten war er gewandt und glücklich, hier kam beides

zustatten.

"Gebt ihm den Rest", sagte die Fürstin; "ich fürchte, er beschädigt

Euch noch mit den Krallen".--"Verzeiht!" erwiderte der Jüngling, "er

ist schon tot genug, und ich mag das Fell nicht verderben, das

nächsten Winter auf Eurem Schlitten glänzen soll".--"Frevelt nicht!"

sagte die Fürstin; "alles, was von Frömmigkeit im tiefen Herzen wohnt,

entfaltet sich in solchem Augenblick".--"Auch ich", rief Honorio,

"war nie frömmer als jetzt eben; deshalb aber denk ich ans Freudigste;

ich blicke dieses Fell nur an, wie es Euch zur Lust begleiten kann".

--"Es würde mich immer an diesen schrecklichen Augenblick erinnern",

versetzte sie.

"Ist es doch", erwiderte der Jüngling mit glühender Wange, "ein

unschuldigeres Triumphzeichen, als wenn die Waffen erschlagener Feinde

vor dem Sieger her zur Schau getragen wurden".--"Ich werde mich an

Eure Kühnheit und Gewandtheit dabei erinnern und darf nicht

hinzusetzen, daß Ihr auf meinen Dank und auf die Gnade des Fürsten

lebenslänglich rechnen könnt.

Aber steht auf!

Schon ist kein Leben mehr im Tiere.

Bedenken wir das Weitere!

Vor allen Dingen steht auf!"--"Da ich nun einmal kniee", versetzte der

Jüngling, "da ich mich in einer Stellung befinde, die mir auf jede

andere Weise untersagt wäre, so laßt mich bitten, von der Gunst und

von der Gnade, die Ihr mir zuwendet, in diesem Augenblick versichert

zu werden.

Ich habe schon so oft Euren hohen Gemahl gebeten um Urlaub und

Vergünstigung einer weitern Reise.

Wer das Glück hat, an Eurer Tafel zu sitzen, wen Ihr beehrt, Eure

Gesellschaft unterhalten zu dürfen, der muß die Welt gesehen haben.

Reisende strömen von allen Orten her, und wenn von einer Stadt, von

einem wichtigen Punkte irgendeines Weltteils gesprochen wird, ergeht

an den Eurigen jedesmal die Frage, ob er daselbst gewesen sei.

Niemanden traut man Verstand zu, als wer das alles gesehen hat; es ist,

als wenn man sich nur für andere zu unterrichten hätte".

"Steht auf!" wiederholte die Fürstin; "ich möchte nicht gern gegen die

überzeugung meines Gemahls irgend etwas wünschen und bitten; allein

wenn ich nicht irre, so ist die Ursache, warum er Euch bisher

zurückhielt, bald gehoben.

Seine Absicht war, Euch zum selbständigen Edelmann herangereift zu

sehen, der sich und ihm auch auswärts Ehre machte wie bisher am Hofe,

und ich dächte, Eure Tat wäre ein so empfehlender Reisepaß, als ein

junger Mann nur in die Welt mitnehmen kann".

Daß anstatt einer jugendlichen Freude eine gewisse Trauer über sein

Gesicht zog, hatte die Fürstin nicht Zeit zu bemerken, noch er seiner

Empfindung Raum zu geben; denn hastig den Berg herauf, einen Knaben an

der Hand, kam eine Frau geradezu auf die Gruppe los, die wir kennen,

und kaum war Honorio, sich besinnend, aufgestanden, als sie sich

heulend und schreiend über den Leichnam herwarf und an dieser Handlung

sowie an einer obgleich reinlich anständigen, doch bunten und

seltsamen Kleidung sogleich erraten ließ, sie sei die Meisterin und

Wärterin dieses dahingestreckten Geschöpfes, wie denn der

schwarzaugige, schwarzlockige Knabe, der eine Flöte in der Hand hielt,

gleich der Mutter weinend, weniger heftig, aber tief gerührt neben ihr

kniete.

Novelle(#2320) · 第 5 / 8 题