Der grimmig ungeheure Tiger sprang auf einen Mohren los, im Begriff
ihn zu zerreißen, ein Löwe stand ernsthaft majestätisch, als wenn er
keine Beute seiner würdig vor sich sähe; andere wunderliche, bunte
Geschöpfe verdienten neben diesen mächtigen weniger Aufmerksamkeit.
"Wir wollen", sagte die Fürstin, "bei unserer Rückkehr absteigen und
die seltenen Gäste näher betrachten!"--"Es ist wunderbar", versetzte
der Fürst, "daß der Mensch durch Schreckliches immer aufgeregt sein
will.
Drinnen liegt der Tiger ganz ruhig in seinem Kerker, und hier muß er
grimmig auf einen Mohren losfahren, damit man glaube, dergleichen
inwendig ebenfalls zu sehen; es ist an Mord und Totschlag noch nicht
genug, an Brand und Untergang: die Bänkelsänger müssen es an jeder
Ecke wiederholen.
Die guten Menschen wollen eingeschüchtert sein, um hinterdrein erst
recht zu fühlen, wie schön und löblich es sei, frei Atem zu holen".
Was denn aber auch Bängliches von solchen Schreckensbildern mochte
übriggeblieben sein, alles und jedes war sogleich ausgelöscht, als man,
zum Tore hinausgelangt, in die heiterste Gegend eintrat.
Der Weg führte zuerst am Flusse hinan, an einem zwar noch schmalen,
nur leichte Kähne tragenden Wasser, das aber nach und nach als größter
Strom seinen Namen behalten und ferne Länder beleben sollte.
Dann ging es weiter durch wohlversorgte Frucht- und Lustgärten sachte
hinaufwärts, und man sah sich nach und nach in der aufgetanen,
wohlbewohnten Gegend um, bis erst ein Busch, sodann ein Wäldchen die
Gesellschaft aufnahm und die anmutigsten örtlichkeiten ihren Blick
begrenzten und erquickten.
Ein aufwärts leitendes Wiesental, erst vor kurzem zum zweiten Male
gemäht, sammetähnlich anzusehen, von einer oberwärts lebhaft auf
einmal reich entspringenden Quelle gewässert, empfing sie freundlich,
und so zogen sie einem höheren, freieren Standpunkt entgegen, den sie,
aus dem Walde sich bewegend, nach einem lebhaften Stieg erreichten,
alsdann aber vor sich noch in bedeutender Entfernung über neuen
Baumgruppen das alte Schloß, den Zielpunkt ihrer Wallfahrt, als Fels-
und Waldgipfel hervorragen sahen.
Rückwärts aber--denn niemals gelangte man hierher, ohne sich
umzukehren--erblickten sie durch zufällige Lücken der hohen Bäume das
fürstliche Schloß links, von der Morgensonne beleuchtet, den
wohlgebauten höhern Teil der Stadt, von leichten Rauchwolken gedämpft,
und so fort nach der Rechten zu die untere Stadt, den Fluß in einigen
Krümmungen mit seinen Wiesen und Mühlen, gegenüber eine weite
nahrhafte Gegend.
nachdem sie sich an dem Anblick ersättigt oder vielmehr, wie es uns
bei dem Umblick auf so hoher Stelle zu geschehen pflegt, erst recht
verlangend geworden nach einer weitern, weniger begrenzten Aussicht,
ritten sie eine steinige, breite Fläche hinan, wo ihnen die mächtige
Ruine als ein grüngekrönter Gipfel entgegenstand, wenig alte Bäume
tief unten um seinen Fuß; sie ritten hindurch, und so fanden sie sich
gerade vor der steilsten, unzugänglichsten Seite.
Mächtige Felsen standen von Urzeiten her, jedem Wechsel unangetastet,
fest, wohlgegründet voran, und so türmte sichs aufwärts; das
sazwischen Herabgestürzte lag in mächtigen Platten und Trümmern
unregelmäßig übereinander und schien dem Kühnsten jeden Angriff zu
verbieten.
Aber das Steile, Jähe scheint der Jugend zuzusagen; dies zu
unternehmen, zu erstürmen, zu erobern, ist jungen Gliedern ein Genuß.
Die Fürstin bezeigte Neigung zu einem Versuch, Honorio war bei der
Hand, der fürstliche Oheim, wenn schon bequemer, ließ sichs gefallen
und wollte sich doch auch nicht unkräftig zeigen; die Pferde sollten
am Fuß unter den Bäumen halten, und man wollte bis zu einem gewissen
Punkte gelangen, wo ein vorstehender mächtiger Fels einen Flächenraum
darbot, von wo man eine Aussicht hatte, die zwar schon in den Blick
des Vogels überging, aber sich doch noch malerisch genug
hintereinander schob.
Die Sonne, beinahe auf ihrer höchsten Stelle, verlieh die klarste
Beleuchtung; das fürstliche Schloß mit seinen Teilen, Hauptgebäuden,
Flügeln, Kuppeln und Türmen erschien gar stattlich, die obere Stadt in
ihrer völligen Ausdehnung; auch in die untere konnte man bequem
hineinsehen, ja durch das Fernrohr auf dem Markte sogar die Buden
unterscheiden.
Honorio war immer gewohnt, ein so förderliches Werkzeug
überzuschnallen; man schaute den Fluß hinauf und hinab, diesseits das
bergartig terrassenweis unterbrochene, jenseits das aufgleitende
flache und in mäßigen Hügeln abwechselnde fruchtbare Land, Ortschaften
unzählige; denn es war längst herkömmlich, über die Zahl zu streiten,
wieviel man deren von hier oben gewahr werde.
über die große Weite lag eine heitere Stille, wie es am Mittag zu sein
pflegt, wo die Alten sagten, Pan schlafe und alle Natur halte den Atem
an, um ihn nicht aufzuwecken.
"Es ist nicht das erstemal", sagte die Fürstin, "daß ich auf so hoher,
weitumschauender Stelle die Betrachtung machte, wie doch die klare
Natur so reinlich und friedlich aussieht und den Eindruck verleiht,
als wenn gar nichts Widerwärtiges in der Welt sein könne, und wenn man
denn wieder in die Menschenwohnung zurückkehrt, sie sei hoch oder
niedrig, weit oder eng, so gibts immer etwas zu kämpfen, zu streiten,
zu schlichten und zurechtzulegen".
Honorio, der indessen durch das Sehrohr nach der Stadt geschaut hatte,
rief: "seht hin! Seht hin! Auf dem Markte fängt es an zu brennen!".
Sie sahen hin und bemerkten wenigen Rauch; die Flamme dämpfte der Tag.
"Das Feuer greift weiter um sich!" rief man, immer durch die Gläser
schauend; auch wurde das Unheil den guten, unbewaffneten Augen der
Fürstin bemerklich.
Von Zeit zu Zeit erkannte man eine rote Flammenglut, der Dampf stieg
empor, und Fürst Oheim sprach: "laßt uns zurückkehren! Das ist nicht
gut! Ich fürchtete immer, das Unglück zum zweiten Male zu erleben".
Als sie, herabgekommen, den Pferden wieder zugingen, sagte die Fürstin
zu dem alten Herrn: "reiten Sie hinein, eilig, aber nicht ohne den
Reitknecht! Lassen Sie mir Honorio! Wir folgen sogleich".
Der Oheim fühlte das Vernünftige, ja das Notwendige dieser Worte und
ritt, so eilig als der Boden erlaubte, den wüsten, steinigen Hang
hinunter.
Als die Fürstin aufsaß, sagte Honorio: "reiten Euer Durchlaucht, ich
bitte, langsam!
In der Stadt wie auf dem Schloß sind die Feueranstalten in bester
Ordnung, man wird sich durch einen so unerwartet außerordentlichen
Fall nicht irre machen lassen.
Hier aber ist ein böser Boden, kleine Steine und kurzes Gras,
schnelles Reiten ist unsicher; ohnehin, bis wir hineinkommen, wird das
Feuer schon nieder sein".
Die Fürstin glaube nicht daran; sie sah den Rauch sich verbreiten, sie
glaubte einen aufflammenden Blitz gesehen, einen Schlag gehört zu
haben, und nun bewegten sich in ihrer Einbildungskraft alle die
Schreckbilder, welche des trefflichen Oheims wiederholte Erzählung von
dem erlebten Jahrmarktsbrande leider nur zu tief eingesenkt hatte.
Fürchterlich wohl war jener Fall, überraschend und eindringlich genug,
um zeitlebens eine Ahnung und Vorstellung wiederkehrenden Unglücks
ängstlich zurückzulassen, als zur Nachtzeit auf dem großen,
budenreichen Marktraum ein plötzlicher Brand Laden auf Laden ergriffen
hatte, ehe noch die in und an diesen leichten Hütten Schlafenden aus
tiefen Träumen geschüttelt wurden, der Fürst selbst als ein ermüdet
angelangter, erst eingeschlafener Fremder ans Fenster sprang, alles
fürchterlich erleuchtet sah, Flamme nach Flamme, rechts und links sich
überspringend, ihm entgegenzüngelte.