Novelle, Kapitel 3

Der grimmig ungeheure Tiger sprang auf einen Mohren los, im Begriff

ihn zu zerreißen, ein Löwe stand ernsthaft majestätisch, als wenn er

keine Beute seiner würdig vor sich sähe; andere wunderliche, bunte

Geschöpfe verdienten neben diesen mächtigen weniger Aufmerksamkeit.

"Wir wollen", sagte die Fürstin, "bei unserer Rückkehr absteigen und

die seltenen Gäste näher betrachten!"--"Es ist wunderbar", versetzte

der Fürst, "daß der Mensch durch Schreckliches immer aufgeregt sein

will.

Drinnen liegt der Tiger ganz ruhig in seinem Kerker, und hier muß er

grimmig auf einen Mohren losfahren, damit man glaube, dergleichen

inwendig ebenfalls zu sehen; es ist an Mord und Totschlag noch nicht

genug, an Brand und Untergang: die Bänkelsänger müssen es an jeder

Ecke wiederholen.

Die guten Menschen wollen eingeschüchtert sein, um hinterdrein erst

recht zu fühlen, wie schön und löblich es sei, frei Atem zu holen".

Was denn aber auch Bängliches von solchen Schreckensbildern mochte

übriggeblieben sein, alles und jedes war sogleich ausgelöscht, als man,

zum Tore hinausgelangt, in die heiterste Gegend eintrat.

Der Weg führte zuerst am Flusse hinan, an einem zwar noch schmalen,

nur leichte Kähne tragenden Wasser, das aber nach und nach als größter

Strom seinen Namen behalten und ferne Länder beleben sollte.

Dann ging es weiter durch wohlversorgte Frucht- und Lustgärten sachte

hinaufwärts, und man sah sich nach und nach in der aufgetanen,

wohlbewohnten Gegend um, bis erst ein Busch, sodann ein Wäldchen die

Gesellschaft aufnahm und die anmutigsten örtlichkeiten ihren Blick

begrenzten und erquickten.

Ein aufwärts leitendes Wiesental, erst vor kurzem zum zweiten Male

gemäht, sammetähnlich anzusehen, von einer oberwärts lebhaft auf

einmal reich entspringenden Quelle gewässert, empfing sie freundlich,

und so zogen sie einem höheren, freieren Standpunkt entgegen, den sie,

aus dem Walde sich bewegend, nach einem lebhaften Stieg erreichten,

alsdann aber vor sich noch in bedeutender Entfernung über neuen

Baumgruppen das alte Schloß, den Zielpunkt ihrer Wallfahrt, als Fels-

und Waldgipfel hervorragen sahen.

Rückwärts aber--denn niemals gelangte man hierher, ohne sich

umzukehren--erblickten sie durch zufällige Lücken der hohen Bäume das

fürstliche Schloß links, von der Morgensonne beleuchtet, den

wohlgebauten höhern Teil der Stadt, von leichten Rauchwolken gedämpft,

und so fort nach der Rechten zu die untere Stadt, den Fluß in einigen

Krümmungen mit seinen Wiesen und Mühlen, gegenüber eine weite

nahrhafte Gegend.

nachdem sie sich an dem Anblick ersättigt oder vielmehr, wie es uns

bei dem Umblick auf so hoher Stelle zu geschehen pflegt, erst recht

verlangend geworden nach einer weitern, weniger begrenzten Aussicht,

ritten sie eine steinige, breite Fläche hinan, wo ihnen die mächtige

Ruine als ein grüngekrönter Gipfel entgegenstand, wenig alte Bäume

tief unten um seinen Fuß; sie ritten hindurch, und so fanden sie sich

gerade vor der steilsten, unzugänglichsten Seite.

Mächtige Felsen standen von Urzeiten her, jedem Wechsel unangetastet,

fest, wohlgegründet voran, und so türmte sichs aufwärts; das

sazwischen Herabgestürzte lag in mächtigen Platten und Trümmern

unregelmäßig übereinander und schien dem Kühnsten jeden Angriff zu

verbieten.

Aber das Steile, Jähe scheint der Jugend zuzusagen; dies zu

unternehmen, zu erstürmen, zu erobern, ist jungen Gliedern ein Genuß.

Die Fürstin bezeigte Neigung zu einem Versuch, Honorio war bei der

Hand, der fürstliche Oheim, wenn schon bequemer, ließ sichs gefallen

und wollte sich doch auch nicht unkräftig zeigen; die Pferde sollten

am Fuß unter den Bäumen halten, und man wollte bis zu einem gewissen

Punkte gelangen, wo ein vorstehender mächtiger Fels einen Flächenraum

darbot, von wo man eine Aussicht hatte, die zwar schon in den Blick

des Vogels überging, aber sich doch noch malerisch genug

hintereinander schob.

Die Sonne, beinahe auf ihrer höchsten Stelle, verlieh die klarste

Beleuchtung; das fürstliche Schloß mit seinen Teilen, Hauptgebäuden,

Flügeln, Kuppeln und Türmen erschien gar stattlich, die obere Stadt in

ihrer völligen Ausdehnung; auch in die untere konnte man bequem

hineinsehen, ja durch das Fernrohr auf dem Markte sogar die Buden

unterscheiden.

Honorio war immer gewohnt, ein so förderliches Werkzeug

überzuschnallen; man schaute den Fluß hinauf und hinab, diesseits das

bergartig terrassenweis unterbrochene, jenseits das aufgleitende

flache und in mäßigen Hügeln abwechselnde fruchtbare Land, Ortschaften

unzählige; denn es war längst herkömmlich, über die Zahl zu streiten,

wieviel man deren von hier oben gewahr werde.

über die große Weite lag eine heitere Stille, wie es am Mittag zu sein

pflegt, wo die Alten sagten, Pan schlafe und alle Natur halte den Atem

an, um ihn nicht aufzuwecken.

"Es ist nicht das erstemal", sagte die Fürstin, "daß ich auf so hoher,

weitumschauender Stelle die Betrachtung machte, wie doch die klare

Natur so reinlich und friedlich aussieht und den Eindruck verleiht,

als wenn gar nichts Widerwärtiges in der Welt sein könne, und wenn man

denn wieder in die Menschenwohnung zurückkehrt, sie sei hoch oder

niedrig, weit oder eng, so gibts immer etwas zu kämpfen, zu streiten,

zu schlichten und zurechtzulegen".

Honorio, der indessen durch das Sehrohr nach der Stadt geschaut hatte,

rief: "seht hin! Seht hin! Auf dem Markte fängt es an zu brennen!".

Sie sahen hin und bemerkten wenigen Rauch; die Flamme dämpfte der Tag.

"Das Feuer greift weiter um sich!" rief man, immer durch die Gläser

schauend; auch wurde das Unheil den guten, unbewaffneten Augen der

Fürstin bemerklich.

Von Zeit zu Zeit erkannte man eine rote Flammenglut, der Dampf stieg

empor, und Fürst Oheim sprach: "laßt uns zurückkehren! Das ist nicht

gut! Ich fürchtete immer, das Unglück zum zweiten Male zu erleben".

Als sie, herabgekommen, den Pferden wieder zugingen, sagte die Fürstin

zu dem alten Herrn: "reiten Sie hinein, eilig, aber nicht ohne den

Reitknecht! Lassen Sie mir Honorio! Wir folgen sogleich".

Der Oheim fühlte das Vernünftige, ja das Notwendige dieser Worte und

ritt, so eilig als der Boden erlaubte, den wüsten, steinigen Hang

hinunter.

Als die Fürstin aufsaß, sagte Honorio: "reiten Euer Durchlaucht, ich

bitte, langsam!

In der Stadt wie auf dem Schloß sind die Feueranstalten in bester

Ordnung, man wird sich durch einen so unerwartet außerordentlichen

Fall nicht irre machen lassen.

Hier aber ist ein böser Boden, kleine Steine und kurzes Gras,

schnelles Reiten ist unsicher; ohnehin, bis wir hineinkommen, wird das

Feuer schon nieder sein".

Die Fürstin glaube nicht daran; sie sah den Rauch sich verbreiten, sie

glaubte einen aufflammenden Blitz gesehen, einen Schlag gehört zu

haben, und nun bewegten sich in ihrer Einbildungskraft alle die

Schreckbilder, welche des trefflichen Oheims wiederholte Erzählung von

dem erlebten Jahrmarktsbrande leider nur zu tief eingesenkt hatte.

Fürchterlich wohl war jener Fall, überraschend und eindringlich genug,

um zeitlebens eine Ahnung und Vorstellung wiederkehrenden Unglücks

ängstlich zurückzulassen, als zur Nachtzeit auf dem großen,

budenreichen Marktraum ein plötzlicher Brand Laden auf Laden ergriffen

hatte, ehe noch die in und an diesen leichten Hütten Schlafenden aus

tiefen Träumen geschüttelt wurden, der Fürst selbst als ein ermüdet

angelangter, erst eingeschlafener Fremder ans Fenster sprang, alles

fürchterlich erleuchtet sah, Flamme nach Flamme, rechts und links sich

überspringend, ihm entgegenzüngelte.

Novelle(#2320) · 第 4 / 8 题