Kapitel XXVIII

Christen Matthies war der erste, der im alten Vertrauen mit Lars zu

reden begann. Die andern beiden Männer behielten noch eine Weile ihre

verächtliche Art mit ihm. Aber er kehrte sich nicht an sie.

Er hatte ein paar große Aalkästen für die Räuchereien gezimmert und ein

gutes Stück Geld damit verdient. So konnte er sein Land vergrößern.

Auch brachte der Winterfang guten Verdienst. Was im Haus oder an den

Booten zu machen war, zimmerte er alles selbst, so gab er weniger aus

als die andern. Auch war Trina eine tüchtige Frau und hielt das Geld

gut zusammen. Er hielt sich viel für sich in diesem Winter. Und Trina

freute sich in ihrer stillen Art, daß er öfter bei ihr saß. Wenn er in

der Arbeit absetzte, dann gönnte er sich wieder die alte Freude und

saß hinter seinen Büchern. Er stützte dann wohl einmal die Ellbogen

auf den Tisch und sann vor sich hin. Und ganz selten, wenn Trina fort

war und Klaus in der Schule, holte er auch das dicke Bibelbuch aus der

Schublade und saß und blätterte und sann. Und dann ging er wieder in

seine Werkstatt im Schuppen hinter dem Hause und hämmerte und zimmerte

und machte sich hier und da einen Nebenverdienst mit seinen geschickten

Händen, daß sie zum Frühling endlich wieder Geld nach der Sparkasse

bringen konnten.

In dem Sommer schaffte Lars nicht mehr so fieberhaft wie im vorigen

Jahr, aber er arbeitete mit ruhiger Stetigkeit.

Das ruhelose Sehnen, das in ihm gewesen war, hatte ihn nun verlassen.

Ganz tief unten im Grunde seines Herzens, dort, wo die stillumfriedete

Stelle war, dort wohnte auch seine Liebe. Aber ebenso wie in seiner

Knabenzeit, trat er dort selten ein. Wenn er einmal ganz einsam

sonntägliche Stille um sich fühlte, dann legte sich, wie in alten

Zeiten ein knabenhaft-ernster, fast finsterer Ausdruck über das braune

Arbeitergesicht, in dem jetzt so viele harte Linien standen; dann war

Lars in sein Heiligtum getreten. Aber es war nichts Finsteres, was er

dort in der Stille fand. Da war Karens helles Bild, und da war Größeres

als Karen.

Aber einen tiefen Ernst brachte er doch immer von dort ins Leben

zurück. In dem Ernst bekamen die Dinge um ihn her ein anderes Gewicht

und Maß. Der Hohn oder die Achtung der andern kümmerten ihn nicht

viel. Darum konnte er auch Peters und Kords scharfe, harte Reden

ruhig anhören, ohne ihnen, wie sonst, mit bittern, zornigen Worten zu

antworten. Seine fast gleichgültige Schweigsamkeit machte sie stutzig,

besonders da bei seiner Arbeit nichts mehr von Gleichgültigkeit war. Da

wurde ihnen die verächtliche Art, die sie noch immer mit Lars hatten,

zuerst unbehaglich, und allmählich fielen sie unbewußt in ihren alten

Ton von den früheren Jahren zurück.

Die andern Männer, die mit ihnen zu tun hatten, empfanden die größere

Achtung in ihrer Art, mit Lars zu reden, und nahmen denselben Ton an.

Mit einem lecken Boot oder einem kaputten Fischkasten fing es an. Da

durfte er wieder raten und helfen wie in alter Zeit. Und allmählich

waren es größere Dinge als Boote und Fischkasten, wegen derer sie

zu ihm kamen. Und ganz allmählich ließen sie es zu, daß sich die

Erinnerung an Lars’ böse Zeit verwischte.

Da merkte Lars, daß er sich doch noch freuen konnte. Und wie das lange,

klare Sommerlicht wieder über dem stillen Wasser lag, da sah er mit

festem, klarem Blick hinein. Und es war wie ein Widerschein des hellen

Sommerlichts in seinen Augen, und wie er dastand, war es wie eine

unerschütterliche Sicherheit über dem ganzen Manne. Er sprach jetzt

noch seltener als sonst, und er ging auch seltener ins Wirtshaus. Aber

gerade seine große Schweigsamkeit gewann ihm das Vertrauen der Leute

noch schneller wieder.

Der Sommer war schon vorbei und der Heringsfang sollte wieder beginnen.

Da war es an einem Abend, an dem das Sägen und Hämmern unten am Strande

wieder in die große Stille hinausklang, daß Kords zu Lars herangegangen

kam. Seine Hände staken in den Hosentaschen, und seine niedere Stirn

sah noch finsterer aus als sonst.

Lars sah nicht auf von der Arbeit. „Naa?“ fragte er, als sich Kords

neben ihn stellte.

„Naa,“ sagte Kords, „wer soll das Boot haben?“

„Hinrichsen,“ sagte Lars.

„So’n Ding kriegt leicht ein Leck,“ sagte Kords.

„Warum?“ brummte Lars und hämmerte dröhnend auf die Planken.

„Naa, wenn man das rammt, so hier mit dem Vordersteven in die

Breitseite!“ Er fuhr mit der Hand an den Planken entlang und wischte

dann mit der knotigen, großen Faust durch sein Gesicht und schnaufte

dabei ein wenig verächtlich.

Lars tat noch ein paar Hammerschläge, dann richtete er sich auf und sah

Kords an. „Was ist eigentlich los?“ fragte er.

„Das habe ich gestern ausprobiert, was so’n Boot aushält, an dem da von

dem verfluchten Kerl!“

„Was für’n Kerl, nun erzähl’ vernünftig oder laß mich bei der Arbeit!“

„Na, weißt du noch, von dem, der mich dazumal mit dem Stein geschmissen

hat?“

„Na, das ist wohl öfter bei dir vorgekommen!“

Kords stand da, groß und dunkel gegen die helle See, und als stäken

die überkräftigen, verarbeiteten Glieder überall zu groß aus seinen

Kleidern hervor. Es war nichts von Spaß an ihm, nur etwas Mißmutiges,

und eine ernste Wirklichkeit sah aus seinen tiefliegenden, kleinen

Augen heraus. Als Lars ihn ansah, stellte er Hammer und Säge zur Seite

und setzte sich auf den Bootrand. „Naa?“ fragte er noch einmal ernster.

Fast zornig, als rede er wider seinen Willen, und ruckweise fing Kords

an:

„Du weißt doch, dazumal in der Stadt, als ich nicht streiten wollte

und mir der Kerl den Kopf halb einschmiß? Na, den Kerl kriegte ich

dazumal doch nicht zu packen. Aber denken konnte ich mir, wer’s war.

Da war so’n junger, bummliger Lump, der konnte mich nicht leiden und

soll nachher auch so ein paar Redensarten gemacht haben, daß man

ganz gut merken konnte, der war’s! Na, der verfluchte Kerl ist nach

Seegaade gezogen und fischt mit so ’nem andern Kumpan da draußen. Laß

ihn, hab’ ich mir gedacht, wenn ich mir auch nichts Schöneres hätte

denken können, als dem was verwischen! Nu fängt das Untier aber an,

wenn draußen zu tolle See steht, und kommt hier in die Bucht. Ich

das merken, und sobald draußen Sturm steht, leg’ ich mich mit meinem

Boot hin und laure. Ich sage dir, Lars, auf hundert Meilen kenn’ ich

das Boot! Wenn nun der Kerl um die Landspitze kreuzt, und ich merke

schon, da und dahin geht der Kurs, dann lauf’ ich vor, werf’ Anker

aus und fang’ an zu fischen, und er kann abziehen und einen andern

Platz suchen. Und wenn ich dann merke, er hält Kurs auf einen guten

Fischplatz, laufe ich noch mal vor.“ Kords lachte rauh und schlug mit

der Faust aufs Knie. „Na, gestern war das denn auch so. Du weißt ja,

jetzt im Sommer habe ich doch meinen großen Jungen mit im Boot. -- Wie

wir den fremden Kerl wieder reinlaufen sehen, gehen wir schnell Anker

hoch und laufen ihm vor. Zweimal machten wir das, da wird er wild,

kommt auf uns losgekreuzt, und wie er nah genug ist, fängt er ganz

elend an zu fluchen. Na so was kann ich nicht so gut vertragen von so

einem. -- Du weißt ja, was das für ein Nordweststurm war gestern. Der

Junge reißt das Segel hoch, und ich lege das Ruder um, so daß wir mit

toller Fahrt losgehn, und eh’ der Kerl merkt, was ich will, habe ich

ihn Steuerbord gerammt. Ich sage dir, Lars, der und sein Freund, die

mußten schöpfen, daß sie trocken ans Land kamen, und meinem Boot hat’s

kaum was gemacht!“ Kords lachte wieder fast roh heraus.

Aber Lars sah immer ganz gerade vor sich hin.

„Du mußt ihm Geld geben, daß er dich nicht verklagt,“ sagte er nach

einer Weile bedächtig.

„Das tu ich nicht, ich wollte, er wäre ganz ersoffen!“

„Dann wirst du wohl ins Gefängnis kommen, denn der andere Mann kann ja

bezeugen, daß du’s vorsätzlich tatest.“

Aber Kords stand finster da in der Dämmerung und sah nach der andern

Seite.

„Dann verklag’ ich ihn wegen Mordversuchs.“

„Aber du hast keine Zeugen.“

„Wer weiß, ob ich nicht doch noch jemand auftreibe, der ihn durch den

Hinterhof rennen sah.“

„Na,“ sagte Lars nachdenklich, „ich will’s denn mal versuchen, wenn man

ihm mit den alten Geschichten droht, vielleicht hält er reinen Mund

über diese Sache. Meinetwegen mag er mir sein kaputtes Ding bringen.

Ich werd’s flicken.“

„Schön Dank!“ sagte Kords.

Und am nächsten Sonnabend segelte Lars hinaus und brachte die Sache in

Ordnung.

Aber die Geschichte wurde doch unter den Fischern bekannt, und an den

nächsten Sonntagen im Wirtshaus sprachen sie leise darüber. Und sie

fluchten auf die Fischer von draußen, daß sie nun auch noch anfingen,

bei schlechtem Wetter an ihren Fischplätzen in der Bucht zu fischen.

Und alle freuten sich, daß Kords es dem von draußen gegeben hatte.

Über Lars aber nickten sie wohlgefällig mit dem Kopf, weil er die

Angelegenheit wieder zurechtgebracht hatte.

Da dauerte es nicht lange, daß er ihnen klar gemacht hatte, wie not es

tat, mit denen draußen zusammenzuhalten und feste Gesetze über die

Fischplätze und die Stellnetze zu machen. „Seht, wenn wir an Tagen,

wo für draußen allzuviel See steht, feste Plätze für sie hier bei uns

frei halten, werden die sich vielleicht drauf einlassen, die Stellnetze

nicht so weit vor die Bucht zu setzen.“

„Recht hast du wohl, Lars Asmussen,“ sagte Christen Matthies langsam.

„Aber wenn wir so eine Vereinigung gründen, kommt uns da nicht die

Regierung herein, und wir dürfen nicht mehr denken und sagen, was wir

wollen?“

Lars lachte still in sich herein. „Da sei ganz ruhig, Christen, du

kannst meinetwegen in deinem Herzen auf gammel Danmark schwören. Wir

wollen bloß zusammenhalten, damit jeder gerade sein kann, wie er will,

und uns keiner hereinredet.“

„Fein wäre das,“ schrie Kords auf einmal und haute mit der Faust auf

den Tisch. -- Und die andern um den Tisch nickten ernsthaft mit dem

Kopf, und allmählich gingen sie alle darauf ein. Und da im Tabaksdunst

der Wirtsstube taten sich die ersten zusammen.

Zuhause mit Peter hatte Lars noch länger zu reden, eh’ er bereit war,

mitzumachen.

Dora hatte das Gute viel schneller gefaßt. „Warum denn +nur+ die

Fischer, Lars, die Arbeiter auf dem Lande brauchen auch so was. Laß sie

auch mitkommen, und dann können sie untereinander auch für ihre eigenen

Kranken und die Waisen sorgen.“

Durch den Nebel: Roman · 第 85 / 90 题