Christen Matthies war der erste, der im alten Vertrauen mit Lars zu
reden begann. Die andern beiden Männer behielten noch eine Weile ihre
verächtliche Art mit ihm. Aber er kehrte sich nicht an sie.
Er hatte ein paar große Aalkästen für die Räuchereien gezimmert und ein
gutes Stück Geld damit verdient. So konnte er sein Land vergrößern.
Auch brachte der Winterfang guten Verdienst. Was im Haus oder an den
Booten zu machen war, zimmerte er alles selbst, so gab er weniger aus
als die andern. Auch war Trina eine tüchtige Frau und hielt das Geld
gut zusammen. Er hielt sich viel für sich in diesem Winter. Und Trina
freute sich in ihrer stillen Art, daß er öfter bei ihr saß. Wenn er in
der Arbeit absetzte, dann gönnte er sich wieder die alte Freude und
saß hinter seinen Büchern. Er stützte dann wohl einmal die Ellbogen
auf den Tisch und sann vor sich hin. Und ganz selten, wenn Trina fort
war und Klaus in der Schule, holte er auch das dicke Bibelbuch aus der
Schublade und saß und blätterte und sann. Und dann ging er wieder in
seine Werkstatt im Schuppen hinter dem Hause und hämmerte und zimmerte
und machte sich hier und da einen Nebenverdienst mit seinen geschickten
Händen, daß sie zum Frühling endlich wieder Geld nach der Sparkasse
bringen konnten.
In dem Sommer schaffte Lars nicht mehr so fieberhaft wie im vorigen
Jahr, aber er arbeitete mit ruhiger Stetigkeit.
Das ruhelose Sehnen, das in ihm gewesen war, hatte ihn nun verlassen.
Ganz tief unten im Grunde seines Herzens, dort, wo die stillumfriedete
Stelle war, dort wohnte auch seine Liebe. Aber ebenso wie in seiner
Knabenzeit, trat er dort selten ein. Wenn er einmal ganz einsam
sonntägliche Stille um sich fühlte, dann legte sich, wie in alten
Zeiten ein knabenhaft-ernster, fast finsterer Ausdruck über das braune
Arbeitergesicht, in dem jetzt so viele harte Linien standen; dann war
Lars in sein Heiligtum getreten. Aber es war nichts Finsteres, was er
dort in der Stille fand. Da war Karens helles Bild, und da war Größeres
als Karen.
Aber einen tiefen Ernst brachte er doch immer von dort ins Leben
zurück. In dem Ernst bekamen die Dinge um ihn her ein anderes Gewicht
und Maß. Der Hohn oder die Achtung der andern kümmerten ihn nicht
viel. Darum konnte er auch Peters und Kords scharfe, harte Reden
ruhig anhören, ohne ihnen, wie sonst, mit bittern, zornigen Worten zu
antworten. Seine fast gleichgültige Schweigsamkeit machte sie stutzig,
besonders da bei seiner Arbeit nichts mehr von Gleichgültigkeit war. Da
wurde ihnen die verächtliche Art, die sie noch immer mit Lars hatten,
zuerst unbehaglich, und allmählich fielen sie unbewußt in ihren alten
Ton von den früheren Jahren zurück.
Die andern Männer, die mit ihnen zu tun hatten, empfanden die größere
Achtung in ihrer Art, mit Lars zu reden, und nahmen denselben Ton an.
Mit einem lecken Boot oder einem kaputten Fischkasten fing es an. Da
durfte er wieder raten und helfen wie in alter Zeit. Und allmählich
waren es größere Dinge als Boote und Fischkasten, wegen derer sie
zu ihm kamen. Und ganz allmählich ließen sie es zu, daß sich die
Erinnerung an Lars’ böse Zeit verwischte.
Da merkte Lars, daß er sich doch noch freuen konnte. Und wie das lange,
klare Sommerlicht wieder über dem stillen Wasser lag, da sah er mit
festem, klarem Blick hinein. Und es war wie ein Widerschein des hellen
Sommerlichts in seinen Augen, und wie er dastand, war es wie eine
unerschütterliche Sicherheit über dem ganzen Manne. Er sprach jetzt
noch seltener als sonst, und er ging auch seltener ins Wirtshaus. Aber
gerade seine große Schweigsamkeit gewann ihm das Vertrauen der Leute
noch schneller wieder.
Der Sommer war schon vorbei und der Heringsfang sollte wieder beginnen.
Da war es an einem Abend, an dem das Sägen und Hämmern unten am Strande
wieder in die große Stille hinausklang, daß Kords zu Lars herangegangen
kam. Seine Hände staken in den Hosentaschen, und seine niedere Stirn
sah noch finsterer aus als sonst.
Lars sah nicht auf von der Arbeit. „Naa?“ fragte er, als sich Kords
neben ihn stellte.
„Naa,“ sagte Kords, „wer soll das Boot haben?“
„Hinrichsen,“ sagte Lars.
„So’n Ding kriegt leicht ein Leck,“ sagte Kords.
„Warum?“ brummte Lars und hämmerte dröhnend auf die Planken.
„Naa, wenn man das rammt, so hier mit dem Vordersteven in die
Breitseite!“ Er fuhr mit der Hand an den Planken entlang und wischte
dann mit der knotigen, großen Faust durch sein Gesicht und schnaufte
dabei ein wenig verächtlich.
Lars tat noch ein paar Hammerschläge, dann richtete er sich auf und sah
Kords an. „Was ist eigentlich los?“ fragte er.
„Das habe ich gestern ausprobiert, was so’n Boot aushält, an dem da von
dem verfluchten Kerl!“
„Was für’n Kerl, nun erzähl’ vernünftig oder laß mich bei der Arbeit!“
„Na, weißt du noch, von dem, der mich dazumal mit dem Stein geschmissen
hat?“
„Na, das ist wohl öfter bei dir vorgekommen!“
Kords stand da, groß und dunkel gegen die helle See, und als stäken
die überkräftigen, verarbeiteten Glieder überall zu groß aus seinen
Kleidern hervor. Es war nichts von Spaß an ihm, nur etwas Mißmutiges,
und eine ernste Wirklichkeit sah aus seinen tiefliegenden, kleinen
Augen heraus. Als Lars ihn ansah, stellte er Hammer und Säge zur Seite
und setzte sich auf den Bootrand. „Naa?“ fragte er noch einmal ernster.
Fast zornig, als rede er wider seinen Willen, und ruckweise fing Kords
an:
„Du weißt doch, dazumal in der Stadt, als ich nicht streiten wollte
und mir der Kerl den Kopf halb einschmiß? Na, den Kerl kriegte ich
dazumal doch nicht zu packen. Aber denken konnte ich mir, wer’s war.
Da war so’n junger, bummliger Lump, der konnte mich nicht leiden und
soll nachher auch so ein paar Redensarten gemacht haben, daß man
ganz gut merken konnte, der war’s! Na, der verfluchte Kerl ist nach
Seegaade gezogen und fischt mit so ’nem andern Kumpan da draußen. Laß
ihn, hab’ ich mir gedacht, wenn ich mir auch nichts Schöneres hätte
denken können, als dem was verwischen! Nu fängt das Untier aber an,
wenn draußen zu tolle See steht, und kommt hier in die Bucht. Ich
das merken, und sobald draußen Sturm steht, leg’ ich mich mit meinem
Boot hin und laure. Ich sage dir, Lars, auf hundert Meilen kenn’ ich
das Boot! Wenn nun der Kerl um die Landspitze kreuzt, und ich merke
schon, da und dahin geht der Kurs, dann lauf’ ich vor, werf’ Anker
aus und fang’ an zu fischen, und er kann abziehen und einen andern
Platz suchen. Und wenn ich dann merke, er hält Kurs auf einen guten
Fischplatz, laufe ich noch mal vor.“ Kords lachte rauh und schlug mit
der Faust aufs Knie. „Na, gestern war das denn auch so. Du weißt ja,
jetzt im Sommer habe ich doch meinen großen Jungen mit im Boot. -- Wie
wir den fremden Kerl wieder reinlaufen sehen, gehen wir schnell Anker
hoch und laufen ihm vor. Zweimal machten wir das, da wird er wild,
kommt auf uns losgekreuzt, und wie er nah genug ist, fängt er ganz
elend an zu fluchen. Na so was kann ich nicht so gut vertragen von so
einem. -- Du weißt ja, was das für ein Nordweststurm war gestern. Der
Junge reißt das Segel hoch, und ich lege das Ruder um, so daß wir mit
toller Fahrt losgehn, und eh’ der Kerl merkt, was ich will, habe ich
ihn Steuerbord gerammt. Ich sage dir, Lars, der und sein Freund, die
mußten schöpfen, daß sie trocken ans Land kamen, und meinem Boot hat’s
kaum was gemacht!“ Kords lachte wieder fast roh heraus.
Aber Lars sah immer ganz gerade vor sich hin.
„Du mußt ihm Geld geben, daß er dich nicht verklagt,“ sagte er nach
einer Weile bedächtig.
„Das tu ich nicht, ich wollte, er wäre ganz ersoffen!“
„Dann wirst du wohl ins Gefängnis kommen, denn der andere Mann kann ja
bezeugen, daß du’s vorsätzlich tatest.“
Aber Kords stand finster da in der Dämmerung und sah nach der andern
Seite.
„Dann verklag’ ich ihn wegen Mordversuchs.“
„Aber du hast keine Zeugen.“
„Wer weiß, ob ich nicht doch noch jemand auftreibe, der ihn durch den
Hinterhof rennen sah.“
„Na,“ sagte Lars nachdenklich, „ich will’s denn mal versuchen, wenn man
ihm mit den alten Geschichten droht, vielleicht hält er reinen Mund
über diese Sache. Meinetwegen mag er mir sein kaputtes Ding bringen.
Ich werd’s flicken.“
„Schön Dank!“ sagte Kords.
Und am nächsten Sonnabend segelte Lars hinaus und brachte die Sache in
Ordnung.
Aber die Geschichte wurde doch unter den Fischern bekannt, und an den
nächsten Sonntagen im Wirtshaus sprachen sie leise darüber. Und sie
fluchten auf die Fischer von draußen, daß sie nun auch noch anfingen,
bei schlechtem Wetter an ihren Fischplätzen in der Bucht zu fischen.
Und alle freuten sich, daß Kords es dem von draußen gegeben hatte.
Über Lars aber nickten sie wohlgefällig mit dem Kopf, weil er die
Angelegenheit wieder zurechtgebracht hatte.
Da dauerte es nicht lange, daß er ihnen klar gemacht hatte, wie not es
tat, mit denen draußen zusammenzuhalten und feste Gesetze über die
Fischplätze und die Stellnetze zu machen. „Seht, wenn wir an Tagen,
wo für draußen allzuviel See steht, feste Plätze für sie hier bei uns
frei halten, werden die sich vielleicht drauf einlassen, die Stellnetze
nicht so weit vor die Bucht zu setzen.“
„Recht hast du wohl, Lars Asmussen,“ sagte Christen Matthies langsam.
„Aber wenn wir so eine Vereinigung gründen, kommt uns da nicht die
Regierung herein, und wir dürfen nicht mehr denken und sagen, was wir
wollen?“
Lars lachte still in sich herein. „Da sei ganz ruhig, Christen, du
kannst meinetwegen in deinem Herzen auf gammel Danmark schwören. Wir
wollen bloß zusammenhalten, damit jeder gerade sein kann, wie er will,
und uns keiner hereinredet.“
„Fein wäre das,“ schrie Kords auf einmal und haute mit der Faust auf
den Tisch. -- Und die andern um den Tisch nickten ernsthaft mit dem
Kopf, und allmählich gingen sie alle darauf ein. Und da im Tabaksdunst
der Wirtsstube taten sich die ersten zusammen.
Zuhause mit Peter hatte Lars noch länger zu reden, eh’ er bereit war,
mitzumachen.
Dora hatte das Gute viel schneller gefaßt. „Warum denn +nur+ die
Fischer, Lars, die Arbeiter auf dem Lande brauchen auch so was. Laß sie
auch mitkommen, und dann können sie untereinander auch für ihre eigenen
Kranken und die Waisen sorgen.“