Lars Asmussen und Jakob Lind hatten recht. Es sitzt eine heilende
Kraft im Anpacken. Der Mensch treibt mit seiner frischen Tat den Nebel
vor sich her, daß er nicht mehr vor seinen Augen liegt wie eine trübe
Wand. Und während er noch mit aller Kraft bei seinem Werke ist, hat
sich leise, leise der Nebel geteilt, und der erste keusche Sonnenstrahl
tastet sich durch das trübe Grau. -- Dann kommt wohl irgendeine treue
Hand und rührt ihn an und sagt: „Da ist das Licht!“ Und er sieht auf
und wagt fast noch nicht, sich zu freuen. Dann aber hebt er den Kopf in
den Sonnenschein und zieht auf seiner eigenen Straße nach dem Ziel, das
ihm in der großen Ordnung gesteckt ist.
Und vielleicht ist es gar nicht fern.
Aber das gilt ihm gleich, denn er sieht wieder, daß es auf einem hohen
Berg gelegen ist und daß die Sonne scheint.
Der arme, kleine Mensch -- nicht einmal den Nebel kann er selbst
vertreiben, um wieder seinen eigenen Weg in der großen Ordnung zu
sehen! Nur tapfer handeln kann er, seiner Art getreu, und warten, bis
der Nebel weicht. --
Lars war zu einem Entschlusse gekommen. Nicht, daß ihm Jakobs Raten
viel genützt hätte. -- Guter Rat hat wohl noch keinen Mann aus dem
Brunnen gezogen. Und gerade einem aus dem eigenwilligen nordischen
Volke wäre es ein hartes Ringen gegen seine Art gewesen, auf fremdes
Wort zu hören. -- Nein, der Rat tut’s selten, aber die Liebe tut es.
-- Da ist es, als schlösse der andere Mensch ein Fenster in seiner
Seele auf. Mancher tut’s schnell, als stieße er mit Kraft die beiden
Flügel auf, der andere drückt und stemmt und bringt die rostigen Angeln
nur mühsam auseinander. Aber wie es auch ist, und manchmal war es nur
ein unbehilflich Wort -- aber von da innen aus der verschlossenen
Seelentiefe sehen dann so wunderlich strahlende Dinge hervor, die
man nicht nennen kann und nicht ausrechnend wägen. Aber für kurze
Augenblicke hat sie der in der großen Not gesehen, und ganz leise,
wie von fern kommt es ihm wie Lerchenglaube, daß da Licht sein könnte
hinter dem Nebel. --
Lars hatte eins verstanden: Da war ein Mensch, der glaubte noch an ihn.
Da wußte er, daß er wieder Mut fassen konnte, wenn er sich aufraffte.
Und er schämte sich seiner Tatenlosigkeit. Er ging durch Haus und
Gartenland und sah, daß überall Arbeit wartete. Und wie er erst
anzupacken begann, begriff er nicht mehr, daß er es hatte so weit
kommen lassen. Es war zurückgegangen in Lars’ Wirtschaft. Und nun
faßte ihn die Arbeit wie ein Fieber. Peter wurde es fast zu viel, weil
Lars Stunde um Stunde draußen bei der Arbeit bleiben wollte. Und wenn
er dann vom Fischen kam, machte er sich an die Kartoffeln, und Trina
half ihm tüchtig beim Ausmachen. Und er besserte und hämmerte überall.
Und dann machte er sich mit dem Dachdecker daran und setzte ein neues
Strohdach auf Mutter Stinas Haus. Er wurde mager in diesem Sommer über
all dem harten Arbeiten; aber als der Herbst herankam, war fast alles
wieder so gut imstande in den beiden Häusern und dem Gartenland wie
sonst, und das viele Arbeiten hatte auch Trina gut getan, und sie war
so gesund und ruhig, daß Mutter Lassen zu ihrer zweiten Tochter ziehen
konnte, wo eben wieder ein Kind geboren war.
In seinem Hause war es nun stiller und klarer geworden. Lars war kaum
zum Nachdenken gekommen. Er wußte nicht recht, wie ihm selbst zumute
war. Aber unbewußt war es auch klarer und ruhiger in ihm, und da war
auch allmählich ein Entschluß gereift. Er wußte wohl, daß er die Unrast
erst ganz los wurde, wenn er es sich ganz unmöglich machte, Karen
wiederzusehen. Das wollte er ihr nun sagen. -- Es mußte ein Abschluß
gemacht sein.
Es war ein warmer Sonntagnachmittag für den beginnenden Herbst. Lars
ging nach Aalby. Als er in den Lehrergarten trat, sah er gleich, daß
Karen hinten unter dem Apfelbaum stand. Die schweren Äste hatten viele
Stützen, und doch bogen die rotbackigen Äpfel die Zweige fast bis zum
saftiglangen Grase hinunter. Zwei hellhaarige, kleine Lehrerskinder
standen neben Karen und hielten den großen Korb. Den kleinen
Zweijährigen hob sie nach den bunten Äpfeln hinauf, und er patschte mit
den dicken Armen in die vollen Äste hinein und riß von den lustigen
Früchten herunter. Karen nahm sie ihm ab und warf sie in den Korb.
Zwischen den Blättern aber lachten die hellen Sonnenlichter hindurch
und schillerten auf all den hellhaarigen Köpfen und lagen wie goldene
Flecke im schattig bläulichen Grase. Es war wie ein Zittern in der Luft
von hellen, lachenden Kinderstimmen und warmen Sonnenlichtern.
Als Karen die Schritte hörte und sich umsah, ging es wie ein ernster
Schatten über die frohen Augen. -- „Gleich,“ sagte sie, „wenn ich hier
fertig bin, will ich mit Ihnen sprechen.“ Dann setzte sie das Kind zur
Erde und zog ihm die kleine Schürze zurecht. Es wollte weinen, aber sie
gab ihm einen bunten Apfel zum Spielen und faßte dann selbst in die
roten Früchte hinein. Der Korb war bald gefüllt, und sie schickte die
Kinder damit ins Haus. Dann setzte sie sich zu Lars auf die Bank unter
dem Apfelbaum und hob den Zweijährigen auf ihren Schoß. Lars aber sah
immer unverwandt mit dem ernsten Gesicht vor sich hin, so als merke er
gar nichts von der lachenden, reifenden Fülle ringsum, sondern sähn nur
tief in sich hinein auf einen steten, festen Punkt.
„Nun?“ fragte Karen endlich und sah auf das Kind hinunter.
„Ich habe mir das überlegt,“ sagte Lars, und er sprach es eintönig, wie
eingelernt, vor sich hin. „Es ist besser, ich komme nicht mehr hierher.
Ich wollte aber gern, daß Sie das wüßten. Und ich wollte Ihnen auch
gern Lebewohl sagen -- für immer“ -- setzte er leiser hinzu.
Sie hob den Kopf und sah ihn fest an. -- „Das habe ich schon immer
gedacht. Ich gehe auch zum ersten Januar nach Hamburg in eine andere
Stellung. Sie brauchten aber gar nicht erst zu kommen, ich hätte das
schon so gewußt, warum.“
„Vielleicht wollten Sie auch nichts mehr von mir wissen -- jetzt!“ Es
lag finster über seinem Gesicht und wie eine Bitte.
Es war einen Augenblick still. Ein Apfel fiel mit dumpfem Klang ins
Gras. Auf dem schmalen Fußsteig hüpfte eine Amsel mit ihren Jungen und
fütterte sie aus einem alten Apfel. Karen zeigte sie dem Kinde, und es
lachte und streckte die Arme nach den Vögeln. Da sah sie Lars wieder
fest in die Augen. „Ich wußte, daß es nicht so bleiben würde, wie die
Zeit im Winter. Ich wußte, daß Sie wieder zurecht kommen würden, Lars
Asmussen.“ Die Sonne lag ihr wieder in den Augen.
„Warum wußten Sie das?“
„Das weiß ich nicht, aber ich weiß auch, daß alles wieder ganz hell
wird in Ihnen. Gott wird Sie noch brauchen, Lars Asmussen.“
Lars hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und sah tief ins lange
Gras hinunter. „Wenn man aber nichts merkt und nichts fühlt.“ -- Er
stockte.
„Sie fühlen es ja schon wieder, sonst wären Sie gar nicht so weit.
Sie haben nur geschlafen bis jetzt.“ Sie war ganz rot geworden, solche
Anstrengung war es ihr, so zu sprechen.
Er sah sie wieder an. „Vielleicht ist es so. -- Es muß wohl etwas
sein“ -- er sprach nicht fertig, sondern stand langsam auf. Sie stand
auch vor ihm. Das Kind hatte sie auf die Erde gleiten lassen, und es
trottete zu den kreischenden jungen Amseln hinüber. Einen Augenblick
ging es wie eine heiße Welle über sein Gesicht. Aber sie sah ihm fest
in die Augen und gab ihm die Hand. Da hielt er sie fest in seiner
schweren Arbeitsfaust, dann drehte er sich um und ging hinaus, und sein
Gesicht war so ruhig wie sonst.
Auf den Koppeln stand fast überall das Korn in Hocken. Es knisterte
förmlich in der warmen Sonne. Die Luft war sehr still. Hier und da
schnarrte der metallene Grillenklang zwischen den glänzenden Stoppeln
herauf. Lars stand und sah auf die strahlend weißen Wolken, wie sie
hinter den Koppeln riesenhaft heraufwuchsen im tiefen Blau. Es war eine
Stille in Lars Asmussen.
Er hatte vor den großen Rätseln gestanden und in die unergründliche
Nacht gesehen. Aber er hatte mit Taten auf das Dunkel losgeschlagen.
Und nun begann es, sachte, ganz sachte zu tagen. Und in Lars’ Seele
war es so, wie zu der feierlichen Stunde, wenn der ernste Morgenwind
vom kommenden Lichte raunt. Die letzten Jahre hatten harte Linien in
sein Gesicht gegraben. Aber er ging wieder wie sonst fest und aufrecht
seiner Arbeit zu.