So hatte Lars dann noch vor der Zeit des Heringfangs geheiratet und
war in das neue Haus gezogen. Nun fuhren sie zusammen hinaus in die
heulenden Herbststürme, Lars und Kords und Peter mit Christen Matthies.
Der Herbst war stürmisch, aber er blieb lange warm. Darum konnten die
Fischer von draußen ihre Stellnetze nicht setzen, und die Fischer in
der Bucht hatten einen guten Verdienst. Aber als dann der erste Frost
kam und die Stellnetze wieder die Bucht absperrten, war der Unterschied
fühlbar hart, und die Fischer brauchten zornige Worte.
Lars war mit Kords ein paarmal ins Wirtshaus gegangen statt zu Herrn
Asmussen oder den Linds. Peter sagte nichts darüber, aber er ging mit
finsterm Gesicht um Lars herum. Im Wirtshaus saß Lars meist mit seinem
unbeweglichen Gesicht zwischen den dicken Tabakswolken, fast als wenn
er schliefe, und sagte nur selten ein Wort.
Als sie mit den Fäusten auf den Tisch schlugen und laut auf die Fischer
von draußen fluchten, da hatte er sich einmal aufgerichtet: „Das ist,
weil ihr euch hier nicht einig werden könnt bei uns. Anderswo haben
die Fischer Vereinigungen, da machen sie die Sachen untereinander aus.“
„Ach was, Vereinigungen,“ sagte der rote Trollsen, „damit man mir
vorschreibt, daß ich heute fischen muß, ob ich will oder nicht, und
nicht mehr mein eigener Herr sein darf.“
„So eine Vereinigung müßte das eben sein, wo jeder ruhig seinen eigenen
Weg gehen könnte und sie sich gegenseitig schützten gegen den Zwang
von außen. Da können sie auch wohl zusammen ihre eigenen Interessen
schützen.“
Der rote Trollsen schüttelte mit dem Kopf, aber sie wagten doch alle
nicht recht, etwas zu sagen; denn Lars’ stille Art und sein sicheres,
ruhiges Fortarbeiten zwang ihnen allen Achtung ab.
Zum Frühling hatte er auch so viel Geld verdient, daß er sich ein Stück
Kartoffelland hinter dem Hause kaufen konnte. Er schritt nun wieder
aufrecht daher und sein Blick ging zufrieden geradeaus. Zu seinen
Schreiner- und Holzarbeiten bekamen die Leute immer mehr Vertrauen, und
er mußte Fischkasten bauen und ihnen die schadhaften Boote bessern.
Wenn er so für sie arbeitete, so lernten sie ihn mit der Zeit besser
kennen und bekamen immer mehr Achtung vor seinem stetig-kraftvollen
Schaffen. Und als das Jahr herum war, da war ihm die Arbeit stetig
zugewachsen. Und für die er gearbeitet hatte, die beredeten ihn oft,
daß er nach der Arbeit mit ihnen ins Wirtshaus kam. Und weil er auf ihr
Zureden gekommen war, und sie sich an seiner Arbeit gefreut hatten,
meinten sie, ein Anrecht auf ihn zu haben, und waren gleichsam stolz
auf sein verständiges Reden. Ihr Beifall aber zog die andern mit.
So kam es, daß in diesem Jahr viele mit großem Vertrauen auf Lars
hörten. Und Lars merkte es wohl, und es war, als gäbe ihm das alles
eine Kraft. Und es kam eine Freude in ihn, daß die Gedanken leichter
und fröhlicher in ihm umgingen. Er machte Pläne von einer großartigen
Fischereivereinigung, die er gründen wollte. Wenn die Gedanken und
Pläne bisher auch weder Hand noch Fuß hatten, so gaben sie Lars doch
einen frohen Stolz, daß er hochaufgerichtet und sicher einherging.
Aber einen Kummer hatte Lars dabei; denn wie die Monate dahinrollten,
schien Großvater immer weniger Anteil an seinem Tun zu nehmen.
Großvaters tiefe Augen sahen unter den schweren, weißen Brauen heraus
auf Lars’ neue Wege, aber er schwieg dazu. Er schwieg jetzt fast immer,
und wenn er sprach, war es ein halbverständliches Murmeln. Seit er
nicht mehr auf die See ging, saß er am Fenster der Hinterstube, wo
Mutters Webstuhl stand, und sah still auf das Meer hinaus. Den weißen
buschigen Kopf senkte er bis auf die Brust, aber in den Augen war immer
noch waches, sinnendes Leben. Aber es hatte fast den Anschein, als sei
all das Neue, das in Lars’ Leben gekommen war, gar nicht bis in die
fast gleichgültige Stille gedrungen, in der Großvater jetzt lebte.
Manchmal hockte sich Lars auf den Schemel, der dort bei Großvater
stand, und versuchte, ihm langsam und deutlich zu erzählen. Dann ließ
der Alte die sinnenden Augen kurz über den langen, ernsten Fischer
hingehn. Er wischte sich mit der schweren, großen Hand über Mund und
Bart. Aber dann sah er nach seiner Gewohnheit wieder zum Fenster hinaus
und gab keine Antwort. Und Lars stand auf, und wenn er sich umdrehte,
saß eine tiefe Falte zwischen seinen Augenbrauen.
Da war es aber doch noch einmal gekommen, daß Großvater zu etwas
aufwachte, was Lars anging.
Als das grüne Herbstlicht die Welt mit Klarheit zu überfluten begann,
da trat Mutter Stina in die Hinterstube mit einem hellen Schein über
dem stillen Gesicht. Und sie legte behutsam Lars’ kleinen Sohn in
Großvaters Arme. Und es war, als schimmerte es feucht in Großvaters
alten Augen, und er fing an, vor sich hinzumurmeln, und es klang wie
ein Segen. Lars stand dabei und sah still auf die beiden. Er sagte
weiter nichts, aber er wollte von da ab, daß sie dem Alten das Kind
häufig brachten. Und Großvater hielt es in den Armen, und manchmal
murmelte er ihm Worte zu. Und der kleine Klaus war lange still in
Großvaters Armen und schlief dort fast ruhiger als bei seiner Mutter
daheim.
Auch Lars saß oft sinnend auf seinem alten Platz. Und von Zeit zu Zeit
wechselte er ein Wort mit Mutter Stina, und auf Mutter Stinas Gesicht
lag der seltene, helle Schein, wenn sie ihn und den kleinen Klaus unter
dem Strohdach hatte.
Dann war es an einem Frühlingsmorgen. In Lars’ Hause war großes
Reinemachen. Da hatte Trina das Kind in aller Frühe zu Mutter Stina
hinübergebracht.
Die Sonne stand noch tief und sandte blitzende Strahlenbündel aus
den mächtigen Wolkentoren hervor über See und Land. Die riesigen,
quellenden Wolkengebilde lagen im rötlichen Schein, und vom Lande,
wo ein Schatten über die See fiel, war sie wie von blauen Schleiern
überhangen.
Großvater saß am Fenster, das Kind im Arm, und sah auf Lars und Peter
hin, die mit ihrem Boote nicht weit vom Ufer lagen.
Als Mutter Stina nach einer Weile zu den beiden in die Hinterstube
sah, verwunderte sie sich, wie tief Großvaters Kinn auf das Kind
heruntergesunken war. Da sah sie aufmerksam hin. --
Das sinnende Licht war in den alten Augen erloschen.
In der Morgensonne war Großvaters standhafte Seele über die See
hinausgewandert in die große Ewigkeit hinein. --
* *
*
Als der Platz am Fenster leer war und der tiefe, sinnende Blick ihm
nirgends mehr begegnete, da fühlte Lars doch ringsum eine große Öde. Es
zog ihn wieder zu Jakob Lind hin. -- Still und in sich gekehrt saß er
dort manchmal, und die kleine Frau Lind wußte nicht recht, was sie mit
ihm anfangen sollte.
Aber wenn er mit Jakob oder mit Karen allein war, dann sprach er ein
wenig. Und er erzählte ihr von Großvater und seiner stillen Art. Wie er
sich immer gleich blieb und seinen eigenen Weg ging, ohne zu wanken, ob
es bergauf gegangen war oder bergab.
„Solche Leute sollten sie zu Führern haben, die Arbeitenden,“ sagte
Lars und wurde eifriger dabei. „Solche Leute aus ihrer Mitte, die sie
kennen und achten und die auf sicheren, festen Füßen stehen, Leute von
den Ordentlichen, die sich schon bewährt haben. Sie müssen ja wohl
hinter irgend jemand herlaufen. Jetzt führt sie der, der am lautesten
schreit; aber hier zwischen unsern ruhigen Leuten müßte es anders sein.“
Und Karen nickte, und ihre weiten hellen Augen gaben ihm Antwort.
Da hatte Lars einen Ersatz für Großvaters schweigendes Verstehen
gefunden und ging wieder zufriedener an seine Arbeit.