Kapitel XX

Der alte Klaas Klaaßen hat recht, es sind die Menschen, die einen

Tüter[4] in die große, wunderbare Ordnung machen.

Manch einer ist geboren in so einer wunderlichen Nacht um Sonnenwend

oder wenn die feine Mondsichel über die wachsenden Knospen wacht oder

wenn der Vollmond dem scheidenden Jahre leuchtet. Da haben die tiefen

Glocken im Grunde der Dinge heraufgeklungen und der Quell, der da unten

verborgen aufwallt, hat gerauscht.

Der Mensch geht dann mit ernsten Augen über die Erde, und seine Ohren

sind feiner als anderer Leute Gehör. Und wenn er still hält und

aufhorcht, kommt ihm ein Ahnen von dem, wie es hätte sein sollen. --

So ein feines, tastendes Fühlen ist es, wie es Kindern im Traume redet

oder die Wandervögel durch die Lüfte führt oder die Flut zum Lande

drängt. -- Und er könnte weinen, wenn er den großen Tüter sieht, den

die Menschen hineinbringen. Es ist, als triebe sie eine dunkle Macht,

daß sie in die große Ordnung hineingreifen und ihr Gewebe zerreißen.

Aber so, wie die Natur selbst immer strebt, zu begleichen und mit

Schönheit zu umhüllen, so strebt auch die Ordnung selbst, die Dinge in

ihren Wohlklang zurückzubilden. Es fürchtet sich aber der Mensch oft

vor ihrem Wege, denn er geht am öftesten durch die Nacht.

Hat eines ihrer Kinder aber im lärmenden Geklirr des Unverstandes ihre

Stimme überhört und ist den falschen Weg gelaufen, -- wenn er sich nur

zu ihr hält, so bringt sie ihn immer wieder zurecht. An ihrem Faden muß

er spinnen, wenn er es selber nicht glaubt. Und er kommt dennoch zum

Ziel.

Lars hatte einen Tüter gemacht in sein Leben.

„Ich gehöre zu den schlichten, arbeitenden Leuten,“ sagte er zu Jakob

Lind. „Da bin ich am Platz. Dies ist das Wahre im Leben, Jakob, was

sich auf die Arbeit gründet. Das andere ist unecht.“

„Recht hast du, Lars Asmussen,“ sagte Jakob Lind, „aber du bist übers

Ziel geschossen.“

Er suchte seine Freunde unter den einfachen Leuten, und die Linds mied

er in dieser Zeit. Er sollte mit seiner Frau in einem neuen Hause ein

wenig weiter ab vom Strande wohnen.

Das war das einzige Haus, das in der Nähe zu haben war, und vor dem

Herbste, eh’ der Heringsfang wieder anfing, sollte geheiratet werden.

Mutter Lassen war eine tüchtige Frau, und Trinas Aussteuer lag schon

lange sauber in der Lade. So konnte Lars es haben, wie er wollte.

Da war er gar nicht mehr zum Nachdenken gekommen. Am neuen Hause war

noch manches zu tun, ehe er einziehen konnte, und das Boot war noch

nicht ganz fertig. Auch hatten sie noch nicht alles wegen der Männer in

Ordnung, die mit ihnen fischen sollten. Lars wollte gern Kords in sein

Boot haben. Mit Kords Hand ging es besser, und er hatte seit fast einem

Jahr auf der Werft gearbeitet.

Aber nun war er plötzlich nach Hause gekommen, ohne Geld und mit einer

kranken Frau. Das wußte Lars, und er wollte ihn nun für seine Arbeit

anwerben.

Die Arbeit war jetzt Lars’ einziger Gedanke. -- Wie es in ihm selbst

aussah, das wollte er nicht sehn. Er war sich dumpf bewußt, daß, wenn

er anhielt im Schaffen und sich Zeit ließ, einmal hinein zu horchen

in die eigene Seele, er da einen unerträglich brennenden Schmerz

fand. Aber schon um Klein-Trinas willen wollte er sich einreden, daß

er zufrieden sei. Es war auch wirklich wieder eine größere Sicherheit

in Lars, seit er in sein Innerstes hineingeschnitten und Miete

herausgerissen hatte. Indem er sich an Trina Lassen band, hatte er die

Tür hinter sich verschlossen. Nun konnte er nie mehr zurück!

Er trat fest auf, wie ein Mann, der ein Ziel vor Augen hat. So ging

er auch am Strande entlang nach Wanbyll, um mit Kords zu sprechen.

Aber bei allem festen Schreiten lag es doch wie eine Wolke auf seiner

Stirn und über seiner Seele wie ein dumpfer Traum. Auch in der grauen,

schwülen Sommerluft war kein frischer Atem, der ihn aufweckte. Die See

lag unheimlich still und schwarz. Nur an manchen Stellen glitzerte

es silberig auf. Tief hinein spiegelten sich die scharf geformten

Ufer, und greifbar nah lagen sie. In einer kleinen, einsamen Bucht

zwischen kantigen, grauen Steinen war ein blendendes Geflatter weißer

Möwenflügel. Das gellende Möwenschreien klang unheimlich über der

lautlos harrenden Weite. Als Lars herankam, kreischten sie jäh auf,

als sollte die große Stille in Stücke zerreißen, dann ein glitzerndes

Gewoge, und sie waren fort.

Weiter draußen auf dem grauen Steine saß noch eine Möwe allein.

Blendend weiß spiegelte sich ihr Bild im schwarzen Grunde.

Und wieder umhüllte die unheimliche Stille den schreitenden Mann wie

ein finsterer Traum. Und es lag auch immerfort über ihm in dieser Zeit,

als handle und rede er im Traum. Und er setzte die Füße gleichmäßig und

sah gerade vor sich hin.

In Wanbyll am Strande zwischen den aufgehängten Fischnetzen stand Kords

mit andern Männern.

Als er Lars sah, lachte er ihm hart entgegen. „Na, da bin ich wieder

mit der kranken Frau und den brüllenden Gören.“

„Warum denn?“ fragte Lars.

„Na, ihr könnt das ja denn auch noch einmal hören,“ sagte Kords. „Das

war nämlich so: Du weißt ja, daß ich schon immer zu den Genossen

gehört habe. Na, da sollte das ja nun ordentlich vorwärts gehn mit der

Arbeit dort unter all den Brüdern. Und bei dem guten Verdienst wollte

ich auch ordentlich abbezahlen an den Schulden von der Krankheit her

und dem Umzug.“ Er lachte wieder laut auf, und das grelle, gelbliche

Gewitterlicht lag auf seinem harten, finsteren Gesicht. „Das ging ja

auch ganz fein die erste Zeit. Dann mußten wir streiken, das machte

ich gerne mit um der Sache willen, wenn’s mich auch zurück brachte.

Dann kam aber bald wieder ein Streik und jetzt vor ein paar Wochen

der dritte. Und ich sage dir, Lars Asmussen, das war ein Unsinn mit

dem letzten Streik. Ich erkläre euch das nicht, das versteht ihr doch

nicht. -- Das habe ich den Führern auch gesagt: Das ist ein Unsinn, da

mache ich nicht mit. Aber denkst du, sie hätten mich tun lassen, wie

ich wollte? Nein, streiken sollte ich und mußte ich, und besonders die

ganz jungen Grünschnäbel verlangten das am lautesten.“

„Na, da hatten die Kerls am Ende gar nicht so unrecht,“ meinte Lars

bedächtig dazwischen. „Wenn du nun einmal eingetreten warst, mußtest du

schon mitmachen. So mit den Brüdern und all den schönen Geschichten,

wie du dir das denkst, so ist das ja wohl nirgends in der Welt. Das

wäre fein, wenn man das so einrichten könnte. So lange ich aber immer

nur merke, daß mich die fremden Führer an der Nase rumziehen, bleibe

ich lieber mein eigener Herr. Und wenn du deine eigene Meinung behalten

wolltest und ein freier Mann bleiben, warum bist du da überhaupt

eingetreten?“

„Tünn nicht so, Lars, das verstehst du ja alles gar nicht. Ich hab’

mir auch keine Vorschriften machen lassen, nee, nun ging ich gerade

zur Arbeit schon aus Trotz. Da wird mir auch noch die Frau krank, und

ich muß den Doktor holen, und eine andere mußte ich bezahlen, die nach

den kleinsten Würmern sieht. Und mit der kranken Frau und den kleinen

Kindern, ich sage dir, Lars, ein Elend war’s. Na, ich komme den einen

Morgen früh aus dem Hause, und es ist mir schon trübselig genug.

Die Straße ist auch ganz still. Auf einmal saust da etwas aus einem

Hausflur heraus und prallt mir gegen den Kopf, daß mir erst ganz düsig

wird, und ich mich an die Wand lehnen muß. Dann merke ich, hat mir

einer mit dem Stein den Kopf blutig geworfen. Ich reiße mich also hoch

und in den Hausflur rein, aber der Kerl war schon durch den Hof und

fort. Da konnte ich nach Hause gehn und mir das Blut abwaschen und im

Bett liegen.“

Da standen die Männer eine Weile still und sahen über die See, und die

unheimlichen weißen Wolkenarme langten immer höher herauf. Das Licht

lag wechselnd scharf und wieder trübe über den wetterharten Gestalten

und den knochig stillen Gesichtern.

„Na und die andern Verheirateten, was machen die denn?“ fragte Lars,

„streiken die alle mit, wenn sie gut bei der Arbeit sind?“

„Aus Angst streiken sie, wenn sie sich noch so sehr ärgern, die

Däsköpfe. Und die jungen Schreier ziehen dann fort, und sie sitzen da

mit ihren heulenden Gören und den paar Gnadenpfennigen.“

„Warum sind sie so dumm und überlegen sich’s nicht vorher, was man da

von ihnen verlangt. Laufen sie gleich mit, wenn ihnen ein fremder Kerl

was vorschnackt. Wenn die ruhigen Leute alle zusammenhielten, dann

müßte auch jeder seinen eigenen Weg gehen können, ohne sich weder von

den Reichen noch von fremden Parteigeschichten herumkommandieren zu

lassen.“

Lars stand sehr lang und hoch da und sah ein wenig über Kords weg, als

er sprach. Da wurde es ganz dunkel auf Kords Stirn, und er fuhr auf:

„Ich hab’ deine guten Lehren satt, Lars Asmussen, hast du das gehört?“

schrie er. „Ich bin übrigens gleich am nächsten Tage ausgetreten, und

dann bin ich mit der kranken Frau und den brüllenden Gören nach Hause

gereist, ob sie alle wollten oder nicht. In dem verfluchten Nest bleibe

ich nicht. Hol’ sie alle der Teufel mit ihrem Zukunftsstaat!“

„Ja, und die Frau wäre beinah dran gestorben, und Geld hat er nun auch

keins,“ sagte Christen Matthies mit seiner schleppend traurigen Art.

Kords wollte wieder auffahren, aber Lars fing bedächtig an von seinem

Boot zu reden und Kords anzuwerben für die Winterarbeit. Kords aber

hatte weder Boot noch Netze und brauchte Arbeit. Darum wurde er still

und grunzte nur noch zustimmend. Und dann schwiegen die Männer alle

wieder und sahen über See. Und als der erste Regen fiel, da gingen sie

in Kords elende Hütte, wo beinah gar nichts stand als das Bett mit der

kranken Frau, denn alle guten Möbel hatten sie versetzen müssen. Die

schmutzigen Kinder jagte er vor die Tür. Und dann machten sie alles

fest ab miteinander.

Für Christen Matthies hatte Lars einen Auftrag von Peter Lassen.

Christen Matthies aber sah vor sich hin und sagte, er müßte sich’s erst

überlegen.

Zwei große, starke Söhne waren vor ihm hingestorben, und er hatte

noch mehr Trauriges erlebt. Davon waren seine Haare frühzeitig weiß

und seine Art langsam geworden, als lohne es sich nicht der Mühe. Er

arbeitete aber still und fleißig, und seine alte Frau ging mit hinaus

und half ihm beim Fischen.

Als sie zu Ende waren, hatte auch der Regen aufgehört, und die Männer

traten mit Lars heraus. Die Sonne war hinter den Wolken im Sinken und

zwischen den finstern Schichten hervor fiel ein blutroter Schein über

das dunkle Wasser, daß es tiefblau schien neben der breiten, roten

Straße. Scharf und hell standen drüben die Türme der Stadt gegen den

Himmel.

„Du hast das schon weit gebracht, Lars, für deine Jahre. Du kannst mir

helfen, daß wir denen da drüben was antun für ihre Niedertracht,“ sagte

Kords und drohte mit der Faust über das Wasser nach der Stadt hin. Der

rote Trollsen stand auch dabei und lachte laut auf.

Aber Christen Matthies sagte: „Er sollte lieber den kleinen Leuten

helfen, wenn er so klug ist.“

Das klang Lars noch im Ohr, als er nach Hause ging.

[4] Verwirrung im Tauwerk.

Durch den Nebel: Roman · 第 75 / 90 题