Der alte Klaas Klaaßen hat recht, es sind die Menschen, die einen
Tüter[4] in die große, wunderbare Ordnung machen.
Manch einer ist geboren in so einer wunderlichen Nacht um Sonnenwend
oder wenn die feine Mondsichel über die wachsenden Knospen wacht oder
wenn der Vollmond dem scheidenden Jahre leuchtet. Da haben die tiefen
Glocken im Grunde der Dinge heraufgeklungen und der Quell, der da unten
verborgen aufwallt, hat gerauscht.
Der Mensch geht dann mit ernsten Augen über die Erde, und seine Ohren
sind feiner als anderer Leute Gehör. Und wenn er still hält und
aufhorcht, kommt ihm ein Ahnen von dem, wie es hätte sein sollen. --
So ein feines, tastendes Fühlen ist es, wie es Kindern im Traume redet
oder die Wandervögel durch die Lüfte führt oder die Flut zum Lande
drängt. -- Und er könnte weinen, wenn er den großen Tüter sieht, den
die Menschen hineinbringen. Es ist, als triebe sie eine dunkle Macht,
daß sie in die große Ordnung hineingreifen und ihr Gewebe zerreißen.
Aber so, wie die Natur selbst immer strebt, zu begleichen und mit
Schönheit zu umhüllen, so strebt auch die Ordnung selbst, die Dinge in
ihren Wohlklang zurückzubilden. Es fürchtet sich aber der Mensch oft
vor ihrem Wege, denn er geht am öftesten durch die Nacht.
Hat eines ihrer Kinder aber im lärmenden Geklirr des Unverstandes ihre
Stimme überhört und ist den falschen Weg gelaufen, -- wenn er sich nur
zu ihr hält, so bringt sie ihn immer wieder zurecht. An ihrem Faden muß
er spinnen, wenn er es selber nicht glaubt. Und er kommt dennoch zum
Ziel.
Lars hatte einen Tüter gemacht in sein Leben.
„Ich gehöre zu den schlichten, arbeitenden Leuten,“ sagte er zu Jakob
Lind. „Da bin ich am Platz. Dies ist das Wahre im Leben, Jakob, was
sich auf die Arbeit gründet. Das andere ist unecht.“
„Recht hast du, Lars Asmussen,“ sagte Jakob Lind, „aber du bist übers
Ziel geschossen.“
Er suchte seine Freunde unter den einfachen Leuten, und die Linds mied
er in dieser Zeit. Er sollte mit seiner Frau in einem neuen Hause ein
wenig weiter ab vom Strande wohnen.
Das war das einzige Haus, das in der Nähe zu haben war, und vor dem
Herbste, eh’ der Heringsfang wieder anfing, sollte geheiratet werden.
Mutter Lassen war eine tüchtige Frau, und Trinas Aussteuer lag schon
lange sauber in der Lade. So konnte Lars es haben, wie er wollte.
Da war er gar nicht mehr zum Nachdenken gekommen. Am neuen Hause war
noch manches zu tun, ehe er einziehen konnte, und das Boot war noch
nicht ganz fertig. Auch hatten sie noch nicht alles wegen der Männer in
Ordnung, die mit ihnen fischen sollten. Lars wollte gern Kords in sein
Boot haben. Mit Kords Hand ging es besser, und er hatte seit fast einem
Jahr auf der Werft gearbeitet.
Aber nun war er plötzlich nach Hause gekommen, ohne Geld und mit einer
kranken Frau. Das wußte Lars, und er wollte ihn nun für seine Arbeit
anwerben.
Die Arbeit war jetzt Lars’ einziger Gedanke. -- Wie es in ihm selbst
aussah, das wollte er nicht sehn. Er war sich dumpf bewußt, daß, wenn
er anhielt im Schaffen und sich Zeit ließ, einmal hinein zu horchen
in die eigene Seele, er da einen unerträglich brennenden Schmerz
fand. Aber schon um Klein-Trinas willen wollte er sich einreden, daß
er zufrieden sei. Es war auch wirklich wieder eine größere Sicherheit
in Lars, seit er in sein Innerstes hineingeschnitten und Miete
herausgerissen hatte. Indem er sich an Trina Lassen band, hatte er die
Tür hinter sich verschlossen. Nun konnte er nie mehr zurück!
Er trat fest auf, wie ein Mann, der ein Ziel vor Augen hat. So ging
er auch am Strande entlang nach Wanbyll, um mit Kords zu sprechen.
Aber bei allem festen Schreiten lag es doch wie eine Wolke auf seiner
Stirn und über seiner Seele wie ein dumpfer Traum. Auch in der grauen,
schwülen Sommerluft war kein frischer Atem, der ihn aufweckte. Die See
lag unheimlich still und schwarz. Nur an manchen Stellen glitzerte
es silberig auf. Tief hinein spiegelten sich die scharf geformten
Ufer, und greifbar nah lagen sie. In einer kleinen, einsamen Bucht
zwischen kantigen, grauen Steinen war ein blendendes Geflatter weißer
Möwenflügel. Das gellende Möwenschreien klang unheimlich über der
lautlos harrenden Weite. Als Lars herankam, kreischten sie jäh auf,
als sollte die große Stille in Stücke zerreißen, dann ein glitzerndes
Gewoge, und sie waren fort.
Weiter draußen auf dem grauen Steine saß noch eine Möwe allein.
Blendend weiß spiegelte sich ihr Bild im schwarzen Grunde.
Und wieder umhüllte die unheimliche Stille den schreitenden Mann wie
ein finsterer Traum. Und es lag auch immerfort über ihm in dieser Zeit,
als handle und rede er im Traum. Und er setzte die Füße gleichmäßig und
sah gerade vor sich hin.
In Wanbyll am Strande zwischen den aufgehängten Fischnetzen stand Kords
mit andern Männern.
Als er Lars sah, lachte er ihm hart entgegen. „Na, da bin ich wieder
mit der kranken Frau und den brüllenden Gören.“
„Warum denn?“ fragte Lars.
„Na, ihr könnt das ja denn auch noch einmal hören,“ sagte Kords. „Das
war nämlich so: Du weißt ja, daß ich schon immer zu den Genossen
gehört habe. Na, da sollte das ja nun ordentlich vorwärts gehn mit der
Arbeit dort unter all den Brüdern. Und bei dem guten Verdienst wollte
ich auch ordentlich abbezahlen an den Schulden von der Krankheit her
und dem Umzug.“ Er lachte wieder laut auf, und das grelle, gelbliche
Gewitterlicht lag auf seinem harten, finsteren Gesicht. „Das ging ja
auch ganz fein die erste Zeit. Dann mußten wir streiken, das machte
ich gerne mit um der Sache willen, wenn’s mich auch zurück brachte.
Dann kam aber bald wieder ein Streik und jetzt vor ein paar Wochen
der dritte. Und ich sage dir, Lars Asmussen, das war ein Unsinn mit
dem letzten Streik. Ich erkläre euch das nicht, das versteht ihr doch
nicht. -- Das habe ich den Führern auch gesagt: Das ist ein Unsinn, da
mache ich nicht mit. Aber denkst du, sie hätten mich tun lassen, wie
ich wollte? Nein, streiken sollte ich und mußte ich, und besonders die
ganz jungen Grünschnäbel verlangten das am lautesten.“
„Na, da hatten die Kerls am Ende gar nicht so unrecht,“ meinte Lars
bedächtig dazwischen. „Wenn du nun einmal eingetreten warst, mußtest du
schon mitmachen. So mit den Brüdern und all den schönen Geschichten,
wie du dir das denkst, so ist das ja wohl nirgends in der Welt. Das
wäre fein, wenn man das so einrichten könnte. So lange ich aber immer
nur merke, daß mich die fremden Führer an der Nase rumziehen, bleibe
ich lieber mein eigener Herr. Und wenn du deine eigene Meinung behalten
wolltest und ein freier Mann bleiben, warum bist du da überhaupt
eingetreten?“
„Tünn nicht so, Lars, das verstehst du ja alles gar nicht. Ich hab’
mir auch keine Vorschriften machen lassen, nee, nun ging ich gerade
zur Arbeit schon aus Trotz. Da wird mir auch noch die Frau krank, und
ich muß den Doktor holen, und eine andere mußte ich bezahlen, die nach
den kleinsten Würmern sieht. Und mit der kranken Frau und den kleinen
Kindern, ich sage dir, Lars, ein Elend war’s. Na, ich komme den einen
Morgen früh aus dem Hause, und es ist mir schon trübselig genug.
Die Straße ist auch ganz still. Auf einmal saust da etwas aus einem
Hausflur heraus und prallt mir gegen den Kopf, daß mir erst ganz düsig
wird, und ich mich an die Wand lehnen muß. Dann merke ich, hat mir
einer mit dem Stein den Kopf blutig geworfen. Ich reiße mich also hoch
und in den Hausflur rein, aber der Kerl war schon durch den Hof und
fort. Da konnte ich nach Hause gehn und mir das Blut abwaschen und im
Bett liegen.“
Da standen die Männer eine Weile still und sahen über die See, und die
unheimlichen weißen Wolkenarme langten immer höher herauf. Das Licht
lag wechselnd scharf und wieder trübe über den wetterharten Gestalten
und den knochig stillen Gesichtern.
„Na und die andern Verheirateten, was machen die denn?“ fragte Lars,
„streiken die alle mit, wenn sie gut bei der Arbeit sind?“
„Aus Angst streiken sie, wenn sie sich noch so sehr ärgern, die
Däsköpfe. Und die jungen Schreier ziehen dann fort, und sie sitzen da
mit ihren heulenden Gören und den paar Gnadenpfennigen.“
„Warum sind sie so dumm und überlegen sich’s nicht vorher, was man da
von ihnen verlangt. Laufen sie gleich mit, wenn ihnen ein fremder Kerl
was vorschnackt. Wenn die ruhigen Leute alle zusammenhielten, dann
müßte auch jeder seinen eigenen Weg gehen können, ohne sich weder von
den Reichen noch von fremden Parteigeschichten herumkommandieren zu
lassen.“
Lars stand sehr lang und hoch da und sah ein wenig über Kords weg, als
er sprach. Da wurde es ganz dunkel auf Kords Stirn, und er fuhr auf:
„Ich hab’ deine guten Lehren satt, Lars Asmussen, hast du das gehört?“
schrie er. „Ich bin übrigens gleich am nächsten Tage ausgetreten, und
dann bin ich mit der kranken Frau und den brüllenden Gören nach Hause
gereist, ob sie alle wollten oder nicht. In dem verfluchten Nest bleibe
ich nicht. Hol’ sie alle der Teufel mit ihrem Zukunftsstaat!“
„Ja, und die Frau wäre beinah dran gestorben, und Geld hat er nun auch
keins,“ sagte Christen Matthies mit seiner schleppend traurigen Art.
Kords wollte wieder auffahren, aber Lars fing bedächtig an von seinem
Boot zu reden und Kords anzuwerben für die Winterarbeit. Kords aber
hatte weder Boot noch Netze und brauchte Arbeit. Darum wurde er still
und grunzte nur noch zustimmend. Und dann schwiegen die Männer alle
wieder und sahen über See. Und als der erste Regen fiel, da gingen sie
in Kords elende Hütte, wo beinah gar nichts stand als das Bett mit der
kranken Frau, denn alle guten Möbel hatten sie versetzen müssen. Die
schmutzigen Kinder jagte er vor die Tür. Und dann machten sie alles
fest ab miteinander.
Für Christen Matthies hatte Lars einen Auftrag von Peter Lassen.
Christen Matthies aber sah vor sich hin und sagte, er müßte sich’s erst
überlegen.
Zwei große, starke Söhne waren vor ihm hingestorben, und er hatte
noch mehr Trauriges erlebt. Davon waren seine Haare frühzeitig weiß
und seine Art langsam geworden, als lohne es sich nicht der Mühe. Er
arbeitete aber still und fleißig, und seine alte Frau ging mit hinaus
und half ihm beim Fischen.
Als sie zu Ende waren, hatte auch der Regen aufgehört, und die Männer
traten mit Lars heraus. Die Sonne war hinter den Wolken im Sinken und
zwischen den finstern Schichten hervor fiel ein blutroter Schein über
das dunkle Wasser, daß es tiefblau schien neben der breiten, roten
Straße. Scharf und hell standen drüben die Türme der Stadt gegen den
Himmel.
„Du hast das schon weit gebracht, Lars, für deine Jahre. Du kannst mir
helfen, daß wir denen da drüben was antun für ihre Niedertracht,“ sagte
Kords und drohte mit der Faust über das Wasser nach der Stadt hin. Der
rote Trollsen stand auch dabei und lachte laut auf.
Aber Christen Matthies sagte: „Er sollte lieber den kleinen Leuten
helfen, wenn er so klug ist.“
Das klang Lars noch im Ohr, als er nach Hause ging.
[4] Verwirrung im Tauwerk.