Kapitel XXII

Immer schaffte Trina still und emsig um Lars her, aber er hatte nicht

viel acht auf sie. Sie war ja wohl auch zufrieden, meinte er. --

Der kleine Klaus war nun fast drei Jahre und hatte ganz seines Vaters

Art, nur ungezogener war der kleine Klaus. Trina hatte ihre liebe

Not. Wie er sich selbständig fortbewegen konnte, da lief er ihr fort

und suchte sich den Weg zu Großmutters Strohdachhaus. Und wenn nach

ängstlichem Suchen Trina ihn stolz bei Großmutter sitzen fand, ein

großes Stück Zucker in der Backe, dann durfte sie ihn nicht schelten,

sonst wachte Großmutter aus ihrer Stille auf und kam beinahe in Zorn.

Aber in diesem Sommer war Trinas Schritt langsam und mühsam geworden,

und ihre Augen sahen trübe aus. Es hatte nur keiner recht acht darauf.

Und es kam ein Morgen, an dem sie immer wieder versuchte, sich

aufzurichten; aber es gelang ihr nicht mehr.

Lars kam spät vom Fischen heim. Da fand er den kleinen Klaus

unangekleidet am Boden sitzen und weinen. Trina aber lag im Bett mit

fieberheißen Backen und trüben, teilnahmlosen Augen.

Da legte Lars seine harte Hand vorsichtig auf die glühende Stirn, und

es wachte etwas in ihm auf wie eine große Sorglichkeit. Fast wie ein

Vater für sein Kind, so übersann er, was zu tun sei für Klein-Trina.

Erst ging er zu Dora hinüber, und die Helle machte nicht viel Umstände.

Sie klopfte Peter aus dem behaglichen Wandbett heraus, in dem er seit

einer halben Stunde schnarchte. Die kleine Schwester, die jetzt bei

ihnen wohnte, holte eben Milch drüben auf dem Hoekhof. -- Darum hieß

sie Peter auf die drei Kinder achten. Dem Säugling gab sie noch zu

trinken, dann ging sie zu Trina Asmussen.

Lars hatte den Arzt geholt.

„Das ist der Typhus,“ sagte der Arzt; „die Gegend hier herum ist

verseucht.“

Sie konnten nicht viel für sie tun, Helle-Dora und Lars, so gut sie es

auch meinten. Klein-Trina lag meist dumpf und stumpf und verlangte nur

nach Ruhe für ihren schmerzenden Kopf.

Später kamen Nächte, wo sie sich in heißer Unrast wälzte und aus der

Dunkelheit ein namenloses Fürchten stieg. Nur wenn sie Lars’ große,

stille Hand hielt, dann überkam es sie wie Ruhe.

So saß er denn halbe Nächte lang bei der abgezehrten Kranken, und

sein unbewegliches Gesicht schimmerte wie gemeißelt in der fahlen,

nordischen Dämmerung, die zum Fenster hereinsah. Und sie achteten beide

auf die unheimlichen Geräusche der Nacht, und der dunkle Todesengel

hielt hinter ihnen Wache.

Wundersame Dinge waren es, die Trina sah auf der dunklen Straße

zwischen Leben und Tod. Und Klein-Trina, die Ängstliche, -- in den

feierlichen Nachtstunden, da fand sie den Mut und sagte ihrem Manne

davon. Und wenn Lars nicht ihre Hand hielt, dann faltete er manchmal

die schweren, harten Finger.

* *

*

Eines Tages sagte ihnen der Arzt, daß die Gefahr vorüber sei. Da

lachte Helle-Dora über das ganze Gesicht, und aus Lars’ unbeweglichen

Zügen schimmerten die Augen auf, als sei irgendwo in seiner Seele ein

Licht angezündet worden. Er hatte vieles gut zu machen, der lange Lars

Asmussen, nun sollte die Zeit kommen.

Trina war sehr still gewesen in der Krankheit, aber nun begann sie

viel zu sprechen. Helle-Dora setzte sich zu ihr aufs Bett, aber wie sie

sich auch zu ihr beugte, sie konnte sie nicht verstehen.

Lars und Dora schüttelten den Kopf, denn nun das Fieber vorüber war,

fing Trina an, wirres Zeug zu reden.

Es war an einem sonnigen Morgen, als sie zum erstenmal aufstand. Dora

und Lars waren beide bei ihr.

Als Trina die Füße aufsetzte, sahen sich Lars und Dora entsetzt an,

weil sie so wild und laut aufgelacht hatte.

Es zog sich noch ein paar Tage hin, dann sagte ihnen der Arzt, daß

Trina den Verstand verloren habe. Es sei nicht selten nach dieser

Krankheit, aber es sei heilbar.

Als sie ein wenig kräftiger geworden war, fuhr eine Pflegerin mit ihr

in die Landesirrenanstalt.

Dora Lassen weinte bitterlich an dem Tage, aber Lars sagte kein Wort.

Mutter Stina saß und hielt mit der einen Hand Larsens und mit der

andern Klein-Klausens Hand.

* *

*

Es waren nur wenige Monate, bis Trina wiederkam. Es sei eine

entschiedene Besserung, sagten die Ärzte, aber es müsse noch auf sie

geachtet werden.

Als sie Lars und ihr Kind sah, kam wieder das laute, breite Lachen,

und Lars zog die Brauen zusammen wie in körperlichem Schmerz. Aber der

Kleine sah sie mit großen, fragenden Augen an.

Auch Trinas Züge waren nicht dieselben geblieben. Sie waren breiter

geworden, und es war fast etwas Rohes in ihnen.

Lars konnte nicht auf Arbeit gehen, Trina folgte ihm auf Schritt und

Tritt, fast wie ein Hund, und wenn sie ihn nicht sah, geriet sie in

Aufregung.

Und der kleine Klaus verlernte das Lachen dabei.

Es war wieder Frühling geworden darüber. -- Die weißen Wolken zogen

durch das weiche Blau, kleiner und kleiner werdend in der duftigen

Ferne, daß ein unnennbares Sehnen in den Menschen aufstieg, wenn

sie hinausblickten in den weitausgespannten Raum oder über die See

mit ihrem weichen blauen Schleier. Die Stachelbeerbüsche streckten

vorschnelle, grüne Finger in die Luft, und im ersten warmen Strahle

flügelten gelbe Falter zwischen den weißen Anemonen und den kleinen

farbensatten Veilchen. Und weiterhin nach der Hölzung zu machten die

gelben Primeln ihre weiten Sonnenaugen auf, und ein paar Rotkehlchen

jauchzten sich zu, als müsse die Lust die kleine Kehle sprengen.

Unterhalb von Mutter Stinas Garten saß Trina am Strande und strickte.

Die Sonne blinkerte auf den Stricknadeln.

Dicht vor ihr auf dem Rick arbeitete Lars an den Netzen. Von den

großen, schwarzbraunen Geweben sickerte das Wasser in silbersprühenden

Tropfen. Außer dem Vogelgezwitscher klangen von Zeit zu Zeit seine

schweren Holzschuhe dumpf von den Brettern herüber.

Auf einmal drehte er schnell den Kopf nach Trina hin. Sie hatte so

sonderbar gerufen. -- Da sah er, wie sie aufsprang und das Strickzeug

von sich in die See warf. So schnell sie laufen konnte, stürmte sie

den Strand entlang; kaum konnte der lange Lars ihr folgen. Auf einmal

machte sie eine Wendung nach der See hin und lief in das Wasser hinein,

daß es aufspritzte.

Lars war noch nicht heran, da hatte sie sich hineingeworfen.

Es war dort nicht tief genug, um gefährlich zu sein. Aber sie war

durchnäßt und beschmutzt, als Lars sie ans Ufer zurückführte, und der

rote Trollsen, der gerade vom Fischen kam, blieb stehen und sah ihnen

nach.

Das alte Strohdachhaus war das nächste. Mutter Stina brachte sie zu

Bett, und ihre leise, freundliche Stimme redete der Kranken gut zu. Da

wurde sie ein wenig ruhiger, aber sie verlangte immer nach Lars.

Sie hatten ihr nasse Tücher auf die Stirn gelegt, und Lars saß bei

ihr mit seinem stillen Gesicht, in das der Kummer scharfe Linien zu

graben begann. Ein schummerig-grünliches Licht war in der Kammer, und

allmählich kam Trina in Schlaf, und Stunde um Stunde saß Lars und

wachte bei ihr.

Aber in der Hinterstube auf Großvaters Fensterplatz saß Mutter Stina,

und bei ihr ganz still der kleine Klaus am Boden. Und ganz langsam

tropften die Tränen aus Mutter Stinas alten Augen.

Zum Fenster herein kam das helle Gejubel des Rotkehlchens.

Durch den Nebel: Roman · 第 77 / 90 题