Das waren böse Tage, die nun für Lars Asmussen gekommen waren. Es lag
alles im Trüben und hatte keinen rechten Sinn. Und er fühlte nur, daß
es wund war in ihm. Aber da hatte ihm eines Tags Peter Lassen etwas
erzählt, das brachte eine Weile so ein klares, ruhiges Fühlen in ihn,
wie wenn Karen mit ihm redete.
Was Peter ihm aber erzählte, war so gekommen:
Peter kam einmal im Sonnenschein über die Koppeln. Er ging aufrecht und
trat fest auf und pfiff laut und fröhlich. Peter war zufrieden mit dem
frischen, starken Wind und vor allem mit Peter Lassen. Er rechnete den
Verdienst der letzten Woche zusammen, und auch damit war er zufrieden.
Auf einmal blieb er vor dem Knickloch stehen und sah auf die Koppel
dahinter.
„Jetzt schon Kühe!“ sagte er. „Hoekskoppel“ nickte er vor sich hin. „Da
kriechen die Küken auch eher aus dem Ei als bei andern Leuten.“
Er wollte eben weitergehen, da trat ein Mädchen von der andern Seite
auf die Koppel. Sie ging zu den Kühen hin und sah kein einziges Mal
vom Boden auf. Und die feinen, starren Schlehdornzweige, mit den weißen
Blüten, standen hoch gegen die milde blaue Luft und dahinter stand
Peter und sah auf das Mädchen hin. Und Peter hatte lange aufgehört
zu pfeifen und der zufriedene Schimmer war nicht mehr in den Augen,
sondern ein unruhiges Licht war darin; fast gequält blickten sie
zwischen den Blüten hindurch auf das Mädchen. Das hatte sich ganz ruhig
auf den Melkschemel gesetzt und war bald fertig mit der ersten Kuh.
Da machte Peter eine Bewegung, als wollte er auf die Koppel steigen,
aber er zog die Brauen zusammen und blieb, wo er war. -- Nun
ging sie zur zweiten Kuh, aber Peter stand noch immer hinter den
Schlehdornzweigen. Und das Gequälte in seinen Augen war noch stärker.
Sie gab der letzten Kuh einen kleinen Stoß, daß sie weiter ging, und
dann legte das Mädchen die Hände auf die Knie und den Kopf in die Hände
und blieb so zusammengebeugt auf dem niederen Schemel, so wie zerdrückt
von einer großen Last. Und der weiche Frühlingssonnenschein lag auf
ihren hellen Haaren, daß sie gleißten, und über der Koppel lag der
weiche warme Frühlingsfrieden.
Da seufzte Peter tief auf und trat auf die Koppel hinaus. Die Falte
hatte er noch zwischen den Brauen, und in seinem aufrechten Gang lag es
wie lauter Rechtlichkeit. -- „Guten Tag, Dora,“ sagte er.
Da sah sie schnell zu ihm auf, und das Blut stieg ihr bis an die
Haarwurzeln. „Guten Tag, Peter Lassen,“ sagte sie leise.
„Eine schöne Kuh,“ sagte Peter und klopfte der Roten auf den Rücken.
Dora aber sah ihm ins Gesicht mit einer großen Bangigkeit in den Augen
und sagte kein Wort. -- Da räusperte sich Peter und stützte sich mit
dem Ellbogen gegen die Kuh. Aber er fand immer noch nicht die rechten
Worte. Und hoch oben in der weichverschwimmenden Bläue zitterte die
Luft vom hellen Lerchenjubel.
Da stand sie langsam auf und hob den Melkschemel vom Boden. „Dora,“
sagte Peter, „wart’ einmal. -- Dora, es ist dir nicht so gut gegangen,
du hättest mal lieber auf mich hören sollen. -- Nun tust du das
vielleicht eher, Dora,“ -- er holte tief Atem und dann hastig: „wir
wollen uns doch lieber heiraten jetzt.“
Da kam es ganz anders, als Peter dachte. Dora hatte sich aufgerichtet.
Und mit einem Male war es wieder die große Helle, die vor ihm stand.
Aus den Augen blitzte und flackerte es. „Ja, du hast recht, mir ist
das schlecht gegangen, Peter Lassen, und ich bin jetzt so eine, mit
der niemand mehr viel Umstände macht. Aber so demütig bin ich dabei
doch nicht geworden, Peter Lassen, daß ich jeden Gnadenbissen annehme,
den du mir hinwirfst.“ Sie nahm ihren Schemel unter den Arm und ging,
und ihr Rock streifte die blühenden Margueriten. Dann blieb sie stehn
und rief über die Schulter: „Wenn du das nächste Mal mit mir sprichst,
vergiß nicht, daß du mir etwas abzubitten hast, Peter Lassen.“
Dann war sie fort, und Peter starrte ihr nach. -- Er gab der Kuh
einen zornigen Stoß und ging nach dem Fußsteig zurück. -- „Es ist
gut,“ dachte er, „nun habe ich getan, was ich mußte. -- Die hätte nie
zu unsereins gepaßt. Weiß Gott, was Mutter gesagt hätte -- und alle
andern ordentlichen Leute. -- Bewahre, was hätte der rote Trollsen und
der alte Mazen gelacht. Und die jungen dummen Henigsens hätten sich
gefreut.“ Und Peter sagte sich immer wieder, wie gut es sich traf, daß
Dora Nielsen so unvernünftig war. -- Aber er sah gar nicht vergnügt
aus dabei, und alle Augenblicke blieb er stehen und sah sich um. Aber
es war rein gar nichts zu sehn auf den sonnigen Koppeln, als nur
glänzende rote Kühe.
Da ging er weiter, aber den Kopf hielt er ein wenig gebeugt.
Sie wußten nicht, was Peter hatte. Von denen zu Hause kam keiner mehr
mit ihm zurecht. Er war viel schweigsamer als sonst, und wenn er
sprach, war es, um irgend jemand anzufahren.
Lars rang und kämpfte selbst mit seiner großen Not. Aber er merkte
doch, daß auf dem andern eine Last lag, und manchmal sah er ihn mit
seinen tiefen Augen fragend an. Dann drehte Peter den Kopf zur Seite
und begann zu pfeifen, aber er hörte bald wieder auf.
Und immer wieder sagte er sich, daß es gut wäre. Aber so wie die große
Helle vor ihm gestanden hatte in der warmen Frühlingssonne, so stand
sie ihm immer vor der Seele. Er wurde sie nicht los. Und er fing an,
sich wieder und wieder die Worte zu sagen, die sie gesprochen hatte.
Und er tat etwas, was Peter Lassen noch nie getan hatte, er versuchte,
sich auszudenken, wie ihr zumute war, daß sie gerade diese Worte
hätte sagen müssen, und ob sie Peter Lassen wohl nicht mehr leiden
konnte. Und wenn er das dachte, dann zog sich sein Herz ganz fest
zusammen, daß es war wie ein körperlicher Schmerz. Und auf einmal, an
einem Sonntagmorgen, als er lange auf Klaas Klaaßens umgekehrtem Boot
gesessen hatte und wunderliche neue Gedanken in ihm aufgedämmert waren
und wieder versunken, da wußte er, wie Dora Nielsen zumute gewesen war,
und Dora Nielsen tat ihm im innersten Herzen so bitter leid, daß er
sich im Zorn mit der Faust aufs Knie schlug. Dann stand er auf und ging
nach Hause.
Als ihn nach einer Weile die kleinere Schwester Lena fragte, wo er im
guten Sonntagszeug hingehen wollte, fuhr er sie erschrecklich an und
hätte sie beinahe geohrfeigt.
Auf dem Hoekhof fragte er mit bitterbösem Gesicht nach Dora Nielsen.
Die stattliche Hoektochter sah neugierig zum Fenster heraus, als er in
den Kuhstall ging.
Dora war bei den Kälbern. Sie hatte etwas Weiches, Mütterliches, wie
sie das trinkende Kalb streichelte. -- Sie fuhr so stark zusammen, als
sie Peter erblickte, daß das Kalb zur Seite sprang.
Peter stand vor ihr und drehte an seiner Mütze. Er sah zur Seite, und
es war etwas Jungenhaftes an dem großen Menschen. „Verzeih mir die
Ohrfeige,“ brachte er endlich mit seiner tiefen Stimme heraus.
Dora sah ihn groß an, sie zitterte ein wenig. -- Da blickte er ihr fest
ins Gesicht. Und in seinen guten Blauaugen stand etwas, daß Dora die
Hände vors Gesicht schlug und laut aufweinte. „Ich bin’s nicht wert --
ich bin’s ja nicht wert,“ schluchzte sie.
Da fühlte sie seine starken Arme um ihren Leib, und nun wußte die große
Helle, daß sie endlich nach Hause gefunden hatte.
* *
*
Daß alles zwischen den beiden so gekommen war, dazu hatte Lars’
Erzählung damals im Boot mitgeholfen, das wußte er. Eine kurze Zeit
war ihm der Gedanke eine Art Trost. Aber die Qual der Sehnsucht blieb.
Da flüchtete er sich immer mehr in die Arbeit. Und es gab jetzt gerade
genug zu tun für die beiden Jungen. Jeder hatte in seiner eigenen
Heimhütte schon eine Weile den Alten mit eigenen Gedanken zugesehen.
Hans Peter Lassen hatte ein Magenleiden und saß verfallen und
schweigsamer als je in seinem kleinen Hause. Und seine Frau jammerte
laut. So mußte Großvater allein hinausgehen. Mühsam drehte der alte
Mann mit seiner Winde das Netz herauf, und sein Fang war jämmerlich
gering. Aber er wollte selbstverdientes Brot essen, und er klagte
nicht, wenn er nach der Arbeit ganz matt in sich zusammensank. Den
Frauen hatten Lars und Peter nur mürrisch kurze Antworten gegeben, wenn
die darauf zu sprechen kommen wollten. Aber Lars und Peter kamen doch
zusammen und berieten, was zu tun sei. Die Jungen waren sich einig, daß
keiner von den beiden Alten bei der harten Winterarbeit mehr aushalten
könnte. Da hatten sie ausgemacht, daß Lars und Peter jeder in einem
eigenen Boote hinausgehen und einen Mann zur Hilfe mitnehmen sollte,
und der hatte dann geringeren Anteil am Verdienst. Großvaters altes
Winterboot war nicht mehr viel wert. So mußte im Sommer ein neues Boot
gebaut werden.
Mit dem Aalfang war es in dieser Zeit überhaupt nicht gut gewesen, so
daß sie oft an einem Tage zweimal hinausmußten. Und in den Stunden,
wo sie sonst schliefen, stand Lars und zimmerte und hämmerte an dem
neuen Boot. Und wenn die Späne flogen und die Säge ächzte oder der
Hammer dröhnte, dann wurde ihm wohler. Und wenn das heiße Sehnen in ihm
aufstieg wie ein körperlicher Schmerz, dann ließ er das Holz kreischen
und dröhnen, und fort und fort sagten ihm die Töne dasselbe: frei
wollte er bleiben und unabhängig von den behaglichen, satten Leuten
dort oben. Nach +seiner+ Art, frei, frei. --
Als es gar zu lange währte, daß er sich nicht sehen ließ, kam Jakob
Lind einmal den Strand entlang, wo Lars vor dem Feuer stand mit
schwarzen Händen und beschmiertem Zeug.
„Die Arbeit ist der rechte Grund zum Bauen, hat Großvater gesagt, und
da hat er recht. Laß mich man, Jakob Lind!“
Und Lars blieb bei seiner Arbeit und ging nicht zu Jakob Lind. Wenn er
einmal einen Augenblick absetzen mußte nach stundenlangem Quälen und
es war nicht gerade Schlafenszeit, dann stand er totstill am Ende des
Ricks und sah ins Wasser. Aber dies einsame Sinnen mit der großen Qual
im Herzen brachte ihn nicht vorwärts, sondern er saß im Nebel fest.
So kam wieder einmal ein Sonntag, aber er lastete grau und schwül über
dem trägen, öligen Wasser.
Es war Trina Lassens freier Nachmittag gewesen, und sie trat aus der
Haustür, um nach dem Flecken zurückzugehen.
Da sah sie Lars auf dem Rick stehen. Die reglose dunkle Gestalt vor der
weiten, öden See hatte etwas Tieftrauriges für die Augen der kleinen
Trina, denn sie wußte, wie es ihm im hohen grauen Hause ergangen war,
und er tat ihr so leid, der starke, große Lars.
Schritt vor Schritt, als ob sie einen im Schlafe störe, ging sie
zaghaft aufs Rick hinaus. Ganz leise, kaum hätte man es der Arbeitshand
zugetraut, legte sie die Finger auf seinen Arm. „Lars, ich wollte bloß
danken,“ sagte sie.
„Wofür?“ fragte er.
„Da drin sitzt Helle-Dora bei Peter, und sie sind so froh. Das hast du
getan.“
Da sah er ihr mit sonderbarem Blick in die Augen. Dann strich er ihr
freundlich über die Hand. „Du findest wohl das Rechte, Trina, Kind.“
Sie sah dankbar zu ihm auf.
„Ist es immer noch so schwer da drüben?“ fragte er.
„Es geht schon“, sagte sie.
„Und Miete -- hilft sie dir nicht?“ Seine Stimme klang fast hart.
„Sie kann wohl nicht,“ sagte Trina und sah zur Seite. Sie hatte den
Kopf vorgebeugt, daß ein paar dunkle Haarsträhnen ihr über die Stirn
hingen.
„Warum bleibst du denn dort?“
„Ich weiß nicht, aber es ist wohl überall schwer, und hier bin ich doch
nah bei den Eltern. Sie sagen, in Hamburg oder so wäre es besser, aber
ich fürchte mich.“
Da faßte er sie auf einmal bei der Hand. „Sieh mal, Trina, wir sind
beide nicht so froh, und wir kennen uns von klein auf und könnten gewiß
gut zusammen arbeiten, was meinst du, wollen wir’s nicht zusammen
versuchen?“
Sie wurde flammend rot und dann wieder blaß und sah ihn an, als wenn er
in fremder Sprache gesprochen hätte. Da fragte er noch einmal:
„Wollen wir uns heiraten, Klein-Trina?“
Da sah sie zu ihm auf mit hell strahlendem Glück in den Augen, daß er
sie bei der Hand nahm und mit ihr zu Mutter Stina ging. Und sie merkte
es gar nicht, daß er nicht so froh aussah. --
* *
*
Der nächste Sonntag, an dem es Jakob Lind erfuhr, war wieder ein
klarer, stiller Frühsommertag, und er hatte mit seiner Frau und
Karen einen Weg über Land gemacht. Die Nachmittagssonne lag über dem
kleinen Landsee, und jeder Schilfhalm hob sich lautlos in den goldenen
Frieden hinauf, nur die Libellen schwirrten durchs Schilf und setzten
sich auf die großen, roten Blumen. Zwischen den Kastanienblättern
fielen die goldenen Lichter bis auf den grünen Wassergrund, wo sich
die wunderlichen Schlinggewächse wanden. -- Und aus dem blauen
Schatten glitten lautlose weiße Schwäne ins goldene Licht hinaus, und
ihr weißes Gefieder schimmerte bläulich und gleißte wieder auf in
goldig-weißem Schein. -- Und aus der Hölzung träumte auf langgezogenen
Sehnsuchtsklängen die Drossel und jauchzte wieder auf von goldenen
Sonnenträumen, und manchmal -- leise tief aus grüner Dämmerheimlichkeit
rief lockend der Kuckuck ins Kinderland.
Auf dem Seeweg ging Jakob Lind, und an seinem Arme hing seine kleine
Frau.
Karen war ein Stück zurückgeblieben. Hier und da beugte sie sich zum
dunklen Wasser und brach die hohen, gelben Iris zum Strauße. Und die
grüngoldenen Sonnenlichter tanzten über ihr helles Kleid.
Dann träumte sie in den märchenstillen Sonnenfrieden hinaus, und es
war ihr, als ginge der große, ernste Fischer immer neben ihr, und als
ob er etwas von ihr wollte. Was sollte sie tun? Was sie war, gehörte
ihm; ihr schien, das war von immerher sein Recht. War denn eine Zeit
gewesen, wo sie ihn noch nicht kannte? Im tiefsten Seelengrunde hatte
sie so wie ein Bild von seinem Wesen wohl immer schon geträumt. Denn
wie verstand sie sonst, bis in ihr innerstes Empfinden, die ernste,
grüblerische Art und diese Kraft, die doch so schwer war zur frischen,
starken Tat? Wer ihn aufrütteln durfte aus seinen Träumen! Hatte Gott
ihr diese Seele in die Hände gelegt, weil sie allein sein innerstes
Empfinden verstand?
Sie lehnte am gewunden-rötlichen Kastanienstamm und sah hinauf nach dem
Mückenschwarm, der da im goldenen Strahle tanzte, und wieder war der
helle Siegesschein in ihren weiten, klaren Augen.
Als sie in den Flecken kamen, sagte ihnen jemand, daß Lars Asmussen mit
Trina Lassen versprochen sei. Da stampfte die kleine Frau Lind mit dem
Fuße auf. „Das hat er nur getan, um die abscheuliche Miete zu ärgern,
der dumme, dumme Mensch!“
„Ich fürchte, es war Feigheit,“ sagte Jakob Lind.
Aber Karen ging still weiter.