Das Gespräch mit Jakob Lind hatte Lars zu denken gegeben. Woher hatte
er denn das Recht, von sich zu glauben, daß er etwas leisten könnte im
Leben? Er war am Ende zu weiter nichts da, als zum Fische fangen und
so ein feines, blondes Mädchen, wie diese kleine Miete, ganz fest in
seinen Armen zu halten. Sonst würde er doch stark und fest auf seinem
Wege geblieben sein und nicht ihrem ersten Rufe gefolgt sein, zurück
zu den behaglichen Leuten, zu denen er nicht gehörte. Er wußte ja noch
immer nicht, was sie von ihm wollte. Und dann stieg es ganz leise
in ihm auf: -- er wußte es doch -- längst wußte er, was sie von ihm
wollte. Sie wollte ihn ganz sachte wieder zurückziehen in ihre Kreise.
Und wie ihm bei dem Gedanken ein Unbehagen aufsteigen wollte, da stand
auch gleich der andere Gedanke daneben: Das tat sie ja nur, weil sie
ihn liebte! Ganz gewiß, sie liebte ihn. Er hatte es in ihren Augen
gesehen, und er fühlte es in ihrer warmen Nähe. Sie sehnte sich nach
seinen Armen, wie er sich sehnte, sie da an seiner Brust zu halten. Und
dann kam es wie eine heiße Welle, daß er nicht mehr sinnend darüber
grübeln konnte und nur das eine fühlte, er mußte -- er mußte sie erst
an sich reißen; dann wollte er weiter denken und kämpfen.
Aber wenn Lars auch im wilden Strudel der Leidenschaft nur sein heißes
Verlangen und daneben seine willenlose Ohnmacht empfand, so saß doch
tief im Grunde seines Wesens ihm selbst unbewußt die stille Kraft. Im
sparsamen Haushalt der großen Ordnung durfte die Kraft nicht nutzlos
verdämmern. Darum stand das Leben selbst auf, um den schlafenden Lars
aufzuschütteln.
Bald darauf war Sonntag, und Lars kam in der Dämmerung in das hohe,
graue Haus.
Er fand Miete wieder allein am Fensterplatz. Da tat sein Herz gleichsam
einen hohen Sprung und blieb dann einen Augenblick stehen.
Sein Reden war zuerst ein wenig atemlos, als er sich zu ihr setzte.
Aber sie sprach auch nicht viel und träumte, zurückgelehnt, in den
grauen Abend hinaus, und es war wie eine Schwüle in dem Zimmer. Sie
trug eine weiche Bluse, die schmiegte sich um die jungen, schlanken
Formen, und die Hände hatte sie hinter dem Kopf verschränkt.
Von Zeit zu Zeit sagte eines ein paar Worte mit halber Stimme und
ohne rechten Sinn. Und was sie in Wahrheit miteinander redeten, das
sprachen sie nicht mit Worten.
Sie wußten nachher beide nicht, wie es geschehen war, daß sein Arm sie
umschlungen hielt und sie zu ihm hingeglitten war, bis ihr Kopf auf
seiner Schulter lag. Es war fast dunkel in der Stube, und als sein Mund
ihre weichen Lippen fand, da war es, als höbe sich die ganze Welt um
ihn her in heißen Wogen und schlüge über ihm zusammen, und er versänke
im glühenden Taumel. --
Sie fuhren auseinander, als Tante Jette mit der Lampe kam.
Aber dann ging er bald, denn er fühlte, daß er seiner selbst nicht
mächtig war.
Unten stand Trina auf einem Stuhl und zündete die Flurlampe an.
Er sah sie gar nicht. Sein innerstes Wesen zitterte noch in heißer
Wonne. Er klinkte schon die Haustür auf.
„Lars,“ klang es da leise und bittend hinter ihm. Er wandte sich und
sah mit leerem, verständnislosem Blick in die ernsten, bittenden Augen.
„Ach, Lars, ich weiß ja gar nicht mehr -- es ist doch so schrecklich.
Kannst du denn nicht helfen -- ich -- ich“ -- da brach sie plötzlich
ab. „Du hörst mich ja gar nicht, Lars.“
Das klang gar nicht wie Klein-Trinas Stimme, so verwundert und
vorwurfsvoll. Aber es drang bis zu Lars’ Seele, und mit einem
verzweifelten Ruck holte er sie aus blütenschwerdunstigen Fernen
zurück. -- Helfen? hatte sie gesagt, und er sah wieder die Augen mit
der großen Not. -- „So, so, Klein-Trina, hab’ keine Angst, nun höre ich
ja, sag nur alles!“
Da sah sie herauf in die wechselfarbigen Augen, die so aussahen wie die
See, und erkannte wieder den warmen, ernsten Blick und sah noch ein
anderes, ihrer Not Verwandtes, etwas, das aussah wie Leid und Kampf.
-- Und es war zu viel für Klein-Trina gewesen. -- Sie mußte jemand
haben, der mit ihr trug. Und da sagte sie ihm alles: er hatte sich
auf die Treppenstufen gesetzt, und sie stand vor ihm, und von Zeit zu
Zeit nahm sie die Schürze vor das Gesicht. „Sag’ nur immer los,“ sagte
er dann ermunternd oder fast ungeduldig. „Weiter, weiter.“ So erfuhr
er es von Trina Lassens schwerem Kampf in all den langen Jahren mit
Onkel Gust und von dem Mißtrauen der Tante Jette, und wie schwer es
gehalten hatte, rein und ordentlich zu bleiben. Aber andere, wie die
arme Dora Nielsen, hatten es noch schwerer gehabt. Sie hatte keine
Eltern und keine einzige Seele, die ihr half. Peter zum Trotz war
sie damals Meiereimädchen geworden. Und dann war es eben so gekommen
mit ihr wie mit den andern Mädchen dort, und nun warfen die Leute
mit Steinen nach ihr. Aber das mochte ja wohl so sein, wenn man eine
Schuld begangen hatte, daß man dafür büßen müßte. Aber dann den andern
nicht helfen zu können, die man lieb hatte, das war hart. Doras kleine
Geschwister, die hatten es sehr schlecht. Der kleine Bruder, das arme
Kind, kriegte nicht satt zu essen, weil der Armenrat ihn zu den ärmsten
Leuten im Flecken gegeben hatte mit seinem kärglichen Kostgeld. Aber
das Schlimmste hatten sie mit der kleinen Schwester getan. Das hübsche
Mädchen hatten sie zu Kajens gegeben, und Lars wußte ja wohl, was
Kajens für Leute waren, und was das Kind da zu sehen kriegte. Aber wenn
Dora bat und weinte, dann lachte Herr Asmussen und die andern Herrn
vom Armenrat und neckten sie, daß sie fortlief in ihrer Not und Scham.
Wenn es nicht um der Kinder willen gewesen wäre, hätte sie sich am Ende
schon ein Leid angetan.
Wie Trina erzählte, da wurden Lars’ Augen dunkel im Zorn, und wie sie
ihre Hand auf seinen Ärmel legte, „Lars, lieber Lars, hilf wenigstens
den beiden Nielsenkindern, -- und Dora, kannst du ihr nicht helfen?“
Da stand er auf, langsam, als habe sie ihm eine Last aufgelegt. „Ich
verspreche dir, Trina, ich will tun, was ich kann.“ --
* *
*
Bei Klaas Klaaßen in der Nebenstube stand neben dem Spinnrad ein
Webstuhl. Der hatte der alten Stine-Marie gehört. Aber Mutter Stina
hatte auch weben gelernt. Wenn die Männer auf See waren, klang der
rasselnde, klappernde Ton durchs Haus. Aber in dieser Zeit stockte er
manchmal eine ganze Weile, eh er dann mit doppelter Macht einsetzte.
Dann stand Mutter Stina, stützte die Hände auf den Webstuhl und sah
lange still vor sich hin. Und es war eine Trauer in dem stillen Gesicht.
Sie sah es nun schon viele Tage, und sie durfte doch nicht danach
fragen. Aber wenn Lars sich quälte, dann quälte sich Mutter Stina mit.
Er blieb fast keinen Augenblick im Hause, und er sprach auch kein Wort
mit ihnen. Aber zu Onkel Gust ging er auch nicht oder zu Jakob Lind.
Wenn er nicht arbeitete, stand er auf dem Rick und sah ins Wasser, und
wenn er in die Stube kam, dann saß es in seinen Augen wie damals im
Anfang, als er die Schmerzen im Rücken und in den Händen verschwieg,
-- nur noch viel dunkler im Schmerz saß der Blick, und eine Unruhe war
dabei.
So stand die Sorge eine lange Zeit in Mutter Stinas Augen geschrieben.
Da war einen Tag Jakob Lind in das Fischerhaus gekommen und hatte sich
gleich auf den alten Platz wie in früherer Zeit gesetzt und hatte sich
durchaus nicht zum guten Stuhl überreden lassen. Und Jakob Lind hatte
gefühlt, daß da irgend etwas nicht in der rechten Ordnung war wie in
alter Zeit. Aber Jakob wollte gern alles hell haben um sich herum. Und
er hatte gesehen, daß die dunkelste Wolke auf Lars’ Stirn saß, der
da an der Wand lehnte, ganz ohne zu reden, mit dem großen Blick zum
Fenster hinaus über die Weite.
Da nahm er ihn für den Abend einfach mit nach Aalby. Und nachdem ging
Lars da öfter hin, wenn er Zeit hatte. Und es war sonderbar, er hatte
Jakob Lind kein Wort von dem wirren Durcheinander erzählt, das sich
nicht ordnen lassen wollte in seiner Seele. Aber zwischen den klaren,
fröhlichen Augen im Schulhause wurde auch das trübe Gewoge stiller,
daß er den Weg, den er gehen mußte, klar und unerbittlich vor sich sah.
In dieser Zeit sprach er auch wohl mit Jakob von seinem Zorn über den
Zwang, der von allen Seiten am kleinen Manne schob und drängte, daß er
in seiner Unruhe nicht mehr wußte wohin.
„Ja,“ sagte Jakob, „wenn sie auch satt und gut zu essen haben, sie
kommen nicht zur Ruhe, und hier bei uns fängt ein Teil des Kampfes erst
an. Aber es ist auch wieder schön, Lars, so ein Drängen und Werden. Und
in unserer Zeit redet gerade das Werdende das größte Wort. Du solltest
es nur hören, Lars, auf den Universitäten und überall, wo die Leute
wach und lebendig sind. -- Das ist ein Bewegen nach vorwärts. In der
Kunst brechen sie neue Bahnen und in der Wissenschaft, und es weht
frische Luft überall. Es wird auch das „Zeitalter des Kindes“ genannt,
weil so viel Denken und Sorgen für das kommende Geschlecht wohl früher
niemals gewesen ist. Und weißt du, Lars, der Arbeiter, der ist auch
noch ein Kind; ihm gehört die Zukunft, darum ist es eben sein Zeitalter
jetzt.“
„Ja, das ist wohl eine schöne Zeit, Jakob,“ sagte Lars und sah vor sich
hin. „Aber gerade darum möchte man doch auch selber mit Hand anlegen.“
Aber Jakobs freie Zeit war nicht immer dieselbe wie bei Lars. Und wenn
er fort mußte, dann saß Lars manchmal noch eine kleine Weile gemütlich
bei der lustigen, runden Frau Lind, oder die junge Stütze setzte sich
einen Augenblick mit ihrer Arbeit zu ihm. Sie sprachen beide nicht
viel, aber sie verstanden sich gut. Und wenn Karen ihn mit ihren
weiten, klaren Augen ansah, war es, als klänge ihm endlich nach langer
Unrast sein eigenster Ton klar und fast feierlich in der Seele auf. Er
verstand das aber selber nicht. Er wußte nur, daß ihm wieder klar und
ruhig zumute wurde.
Wenn er den Fußweg durch die Felder nach Hause schritt, dann stand
Karen oft an ihrem Kammerfenster und sah ihm nach. Und nach einer Weile
seufzte sie auf, zog dann aber fast ärgerlich die Stirne kraus und ging
an ihre Arbeit. Aber von dem allen wußte er nichts.
Aber mit der Zeit wurde sie ein wenig zutraulicher. Und als der
Frühling gekommen war und die feinen, jungen Blätter der Laube goldig
schimmerten, saßen sie dort manchmal zusammen, wenn Jakob gegangen
war. Und sie erzählte ihm von dem großen Bauernhof daheim und von
der schlichten, ernsten Mutter, der keine Arbeit zu schlecht war und
keine Tagelöhnernot zu klein, daß sie nicht zugriff und half mit ihren
starken Händen und ihrem klaren, ernsten Sinn. Und sie sprach von der
schwarzen Zeit, als die Eltern gestorben waren und sie hinaus mußte in
die Fremde.
Sie hatte ganz allmählich angefangen, ihm solche Dinge zu erzählen, und
sie war immer noch scheu dabei und so, als bäte sie ihn um Verzeihung.
Aber wenn sie in seine stillen, traurigen Augen sah, wie sie jedes Wort
in den tiefen, dunklen Seelengrund, der hinter ihnen schlummerte, wie
in einen weiten See hinein tranken, dann sprach sie weiter.
Und stockend sagte sie auch von dem einen, was sie aus dem schlichten
Elternhause mitgebracht hatte, und was ihre Heimat geblieben war, wie
alles andre von ihr ging. Und die Sonne lag in ihren lichten, großen
Augen, als schimmere es von innen hervor wie ein Siegesglanz.
Und dann kam die runde, fröhliche Frau Lind mit ihrer Näherei heraus.
Und Karen stand auf und ging an die Arbeit. Lars aber hörte nicht recht
auf das lustige Geschwätz, denn im Gemüsegarten lag Karen auf den
Knien, die große, weiße Sonnenhaube über dem hellen Haar. Und ihre hohe
biegsame Gestalt wandte sich eifrig hierhin und dorthin bei der Arbeit.
Und seine Augen lagen sinnend auf ihr, und das, was sie ihm erzählt
hatte, ging durch seine Gedanken. Und die kleine Frau Lind merkte es
wohl, und sie freute sich.