Kapitel XVII

Das Gespräch mit Jakob Lind hatte Lars zu denken gegeben. Woher hatte

er denn das Recht, von sich zu glauben, daß er etwas leisten könnte im

Leben? Er war am Ende zu weiter nichts da, als zum Fische fangen und

so ein feines, blondes Mädchen, wie diese kleine Miete, ganz fest in

seinen Armen zu halten. Sonst würde er doch stark und fest auf seinem

Wege geblieben sein und nicht ihrem ersten Rufe gefolgt sein, zurück

zu den behaglichen Leuten, zu denen er nicht gehörte. Er wußte ja noch

immer nicht, was sie von ihm wollte. Und dann stieg es ganz leise

in ihm auf: -- er wußte es doch -- längst wußte er, was sie von ihm

wollte. Sie wollte ihn ganz sachte wieder zurückziehen in ihre Kreise.

Und wie ihm bei dem Gedanken ein Unbehagen aufsteigen wollte, da stand

auch gleich der andere Gedanke daneben: Das tat sie ja nur, weil sie

ihn liebte! Ganz gewiß, sie liebte ihn. Er hatte es in ihren Augen

gesehen, und er fühlte es in ihrer warmen Nähe. Sie sehnte sich nach

seinen Armen, wie er sich sehnte, sie da an seiner Brust zu halten. Und

dann kam es wie eine heiße Welle, daß er nicht mehr sinnend darüber

grübeln konnte und nur das eine fühlte, er mußte -- er mußte sie erst

an sich reißen; dann wollte er weiter denken und kämpfen.

Aber wenn Lars auch im wilden Strudel der Leidenschaft nur sein heißes

Verlangen und daneben seine willenlose Ohnmacht empfand, so saß doch

tief im Grunde seines Wesens ihm selbst unbewußt die stille Kraft. Im

sparsamen Haushalt der großen Ordnung durfte die Kraft nicht nutzlos

verdämmern. Darum stand das Leben selbst auf, um den schlafenden Lars

aufzuschütteln.

Bald darauf war Sonntag, und Lars kam in der Dämmerung in das hohe,

graue Haus.

Er fand Miete wieder allein am Fensterplatz. Da tat sein Herz gleichsam

einen hohen Sprung und blieb dann einen Augenblick stehen.

Sein Reden war zuerst ein wenig atemlos, als er sich zu ihr setzte.

Aber sie sprach auch nicht viel und träumte, zurückgelehnt, in den

grauen Abend hinaus, und es war wie eine Schwüle in dem Zimmer. Sie

trug eine weiche Bluse, die schmiegte sich um die jungen, schlanken

Formen, und die Hände hatte sie hinter dem Kopf verschränkt.

Von Zeit zu Zeit sagte eines ein paar Worte mit halber Stimme und

ohne rechten Sinn. Und was sie in Wahrheit miteinander redeten, das

sprachen sie nicht mit Worten.

Sie wußten nachher beide nicht, wie es geschehen war, daß sein Arm sie

umschlungen hielt und sie zu ihm hingeglitten war, bis ihr Kopf auf

seiner Schulter lag. Es war fast dunkel in der Stube, und als sein Mund

ihre weichen Lippen fand, da war es, als höbe sich die ganze Welt um

ihn her in heißen Wogen und schlüge über ihm zusammen, und er versänke

im glühenden Taumel. --

Sie fuhren auseinander, als Tante Jette mit der Lampe kam.

Aber dann ging er bald, denn er fühlte, daß er seiner selbst nicht

mächtig war.

Unten stand Trina auf einem Stuhl und zündete die Flurlampe an.

Er sah sie gar nicht. Sein innerstes Wesen zitterte noch in heißer

Wonne. Er klinkte schon die Haustür auf.

„Lars,“ klang es da leise und bittend hinter ihm. Er wandte sich und

sah mit leerem, verständnislosem Blick in die ernsten, bittenden Augen.

„Ach, Lars, ich weiß ja gar nicht mehr -- es ist doch so schrecklich.

Kannst du denn nicht helfen -- ich -- ich“ -- da brach sie plötzlich

ab. „Du hörst mich ja gar nicht, Lars.“

Das klang gar nicht wie Klein-Trinas Stimme, so verwundert und

vorwurfsvoll. Aber es drang bis zu Lars’ Seele, und mit einem

verzweifelten Ruck holte er sie aus blütenschwerdunstigen Fernen

zurück. -- Helfen? hatte sie gesagt, und er sah wieder die Augen mit

der großen Not. -- „So, so, Klein-Trina, hab’ keine Angst, nun höre ich

ja, sag nur alles!“

Da sah sie herauf in die wechselfarbigen Augen, die so aussahen wie die

See, und erkannte wieder den warmen, ernsten Blick und sah noch ein

anderes, ihrer Not Verwandtes, etwas, das aussah wie Leid und Kampf.

-- Und es war zu viel für Klein-Trina gewesen. -- Sie mußte jemand

haben, der mit ihr trug. Und da sagte sie ihm alles: er hatte sich

auf die Treppenstufen gesetzt, und sie stand vor ihm, und von Zeit zu

Zeit nahm sie die Schürze vor das Gesicht. „Sag’ nur immer los,“ sagte

er dann ermunternd oder fast ungeduldig. „Weiter, weiter.“ So erfuhr

er es von Trina Lassens schwerem Kampf in all den langen Jahren mit

Onkel Gust und von dem Mißtrauen der Tante Jette, und wie schwer es

gehalten hatte, rein und ordentlich zu bleiben. Aber andere, wie die

arme Dora Nielsen, hatten es noch schwerer gehabt. Sie hatte keine

Eltern und keine einzige Seele, die ihr half. Peter zum Trotz war

sie damals Meiereimädchen geworden. Und dann war es eben so gekommen

mit ihr wie mit den andern Mädchen dort, und nun warfen die Leute

mit Steinen nach ihr. Aber das mochte ja wohl so sein, wenn man eine

Schuld begangen hatte, daß man dafür büßen müßte. Aber dann den andern

nicht helfen zu können, die man lieb hatte, das war hart. Doras kleine

Geschwister, die hatten es sehr schlecht. Der kleine Bruder, das arme

Kind, kriegte nicht satt zu essen, weil der Armenrat ihn zu den ärmsten

Leuten im Flecken gegeben hatte mit seinem kärglichen Kostgeld. Aber

das Schlimmste hatten sie mit der kleinen Schwester getan. Das hübsche

Mädchen hatten sie zu Kajens gegeben, und Lars wußte ja wohl, was

Kajens für Leute waren, und was das Kind da zu sehen kriegte. Aber wenn

Dora bat und weinte, dann lachte Herr Asmussen und die andern Herrn

vom Armenrat und neckten sie, daß sie fortlief in ihrer Not und Scham.

Wenn es nicht um der Kinder willen gewesen wäre, hätte sie sich am Ende

schon ein Leid angetan.

Wie Trina erzählte, da wurden Lars’ Augen dunkel im Zorn, und wie sie

ihre Hand auf seinen Ärmel legte, „Lars, lieber Lars, hilf wenigstens

den beiden Nielsenkindern, -- und Dora, kannst du ihr nicht helfen?“

Da stand er auf, langsam, als habe sie ihm eine Last aufgelegt. „Ich

verspreche dir, Trina, ich will tun, was ich kann.“ --

* *

*

Bei Klaas Klaaßen in der Nebenstube stand neben dem Spinnrad ein

Webstuhl. Der hatte der alten Stine-Marie gehört. Aber Mutter Stina

hatte auch weben gelernt. Wenn die Männer auf See waren, klang der

rasselnde, klappernde Ton durchs Haus. Aber in dieser Zeit stockte er

manchmal eine ganze Weile, eh er dann mit doppelter Macht einsetzte.

Dann stand Mutter Stina, stützte die Hände auf den Webstuhl und sah

lange still vor sich hin. Und es war eine Trauer in dem stillen Gesicht.

Sie sah es nun schon viele Tage, und sie durfte doch nicht danach

fragen. Aber wenn Lars sich quälte, dann quälte sich Mutter Stina mit.

Er blieb fast keinen Augenblick im Hause, und er sprach auch kein Wort

mit ihnen. Aber zu Onkel Gust ging er auch nicht oder zu Jakob Lind.

Wenn er nicht arbeitete, stand er auf dem Rick und sah ins Wasser, und

wenn er in die Stube kam, dann saß es in seinen Augen wie damals im

Anfang, als er die Schmerzen im Rücken und in den Händen verschwieg,

-- nur noch viel dunkler im Schmerz saß der Blick, und eine Unruhe war

dabei.

So stand die Sorge eine lange Zeit in Mutter Stinas Augen geschrieben.

Da war einen Tag Jakob Lind in das Fischerhaus gekommen und hatte sich

gleich auf den alten Platz wie in früherer Zeit gesetzt und hatte sich

durchaus nicht zum guten Stuhl überreden lassen. Und Jakob Lind hatte

gefühlt, daß da irgend etwas nicht in der rechten Ordnung war wie in

alter Zeit. Aber Jakob wollte gern alles hell haben um sich herum. Und

er hatte gesehen, daß die dunkelste Wolke auf Lars’ Stirn saß, der

da an der Wand lehnte, ganz ohne zu reden, mit dem großen Blick zum

Fenster hinaus über die Weite.

Da nahm er ihn für den Abend einfach mit nach Aalby. Und nachdem ging

Lars da öfter hin, wenn er Zeit hatte. Und es war sonderbar, er hatte

Jakob Lind kein Wort von dem wirren Durcheinander erzählt, das sich

nicht ordnen lassen wollte in seiner Seele. Aber zwischen den klaren,

fröhlichen Augen im Schulhause wurde auch das trübe Gewoge stiller,

daß er den Weg, den er gehen mußte, klar und unerbittlich vor sich sah.

In dieser Zeit sprach er auch wohl mit Jakob von seinem Zorn über den

Zwang, der von allen Seiten am kleinen Manne schob und drängte, daß er

in seiner Unruhe nicht mehr wußte wohin.

„Ja,“ sagte Jakob, „wenn sie auch satt und gut zu essen haben, sie

kommen nicht zur Ruhe, und hier bei uns fängt ein Teil des Kampfes erst

an. Aber es ist auch wieder schön, Lars, so ein Drängen und Werden. Und

in unserer Zeit redet gerade das Werdende das größte Wort. Du solltest

es nur hören, Lars, auf den Universitäten und überall, wo die Leute

wach und lebendig sind. -- Das ist ein Bewegen nach vorwärts. In der

Kunst brechen sie neue Bahnen und in der Wissenschaft, und es weht

frische Luft überall. Es wird auch das „Zeitalter des Kindes“ genannt,

weil so viel Denken und Sorgen für das kommende Geschlecht wohl früher

niemals gewesen ist. Und weißt du, Lars, der Arbeiter, der ist auch

noch ein Kind; ihm gehört die Zukunft, darum ist es eben sein Zeitalter

jetzt.“

„Ja, das ist wohl eine schöne Zeit, Jakob,“ sagte Lars und sah vor sich

hin. „Aber gerade darum möchte man doch auch selber mit Hand anlegen.“

Aber Jakobs freie Zeit war nicht immer dieselbe wie bei Lars. Und wenn

er fort mußte, dann saß Lars manchmal noch eine kleine Weile gemütlich

bei der lustigen, runden Frau Lind, oder die junge Stütze setzte sich

einen Augenblick mit ihrer Arbeit zu ihm. Sie sprachen beide nicht

viel, aber sie verstanden sich gut. Und wenn Karen ihn mit ihren

weiten, klaren Augen ansah, war es, als klänge ihm endlich nach langer

Unrast sein eigenster Ton klar und fast feierlich in der Seele auf. Er

verstand das aber selber nicht. Er wußte nur, daß ihm wieder klar und

ruhig zumute wurde.

Wenn er den Fußweg durch die Felder nach Hause schritt, dann stand

Karen oft an ihrem Kammerfenster und sah ihm nach. Und nach einer Weile

seufzte sie auf, zog dann aber fast ärgerlich die Stirne kraus und ging

an ihre Arbeit. Aber von dem allen wußte er nichts.

Aber mit der Zeit wurde sie ein wenig zutraulicher. Und als der

Frühling gekommen war und die feinen, jungen Blätter der Laube goldig

schimmerten, saßen sie dort manchmal zusammen, wenn Jakob gegangen

war. Und sie erzählte ihm von dem großen Bauernhof daheim und von

der schlichten, ernsten Mutter, der keine Arbeit zu schlecht war und

keine Tagelöhnernot zu klein, daß sie nicht zugriff und half mit ihren

starken Händen und ihrem klaren, ernsten Sinn. Und sie sprach von der

schwarzen Zeit, als die Eltern gestorben waren und sie hinaus mußte in

die Fremde.

Sie hatte ganz allmählich angefangen, ihm solche Dinge zu erzählen, und

sie war immer noch scheu dabei und so, als bäte sie ihn um Verzeihung.

Aber wenn sie in seine stillen, traurigen Augen sah, wie sie jedes Wort

in den tiefen, dunklen Seelengrund, der hinter ihnen schlummerte, wie

in einen weiten See hinein tranken, dann sprach sie weiter.

Und stockend sagte sie auch von dem einen, was sie aus dem schlichten

Elternhause mitgebracht hatte, und was ihre Heimat geblieben war, wie

alles andre von ihr ging. Und die Sonne lag in ihren lichten, großen

Augen, als schimmere es von innen hervor wie ein Siegesglanz.

Und dann kam die runde, fröhliche Frau Lind mit ihrer Näherei heraus.

Und Karen stand auf und ging an die Arbeit. Lars aber hörte nicht recht

auf das lustige Geschwätz, denn im Gemüsegarten lag Karen auf den

Knien, die große, weiße Sonnenhaube über dem hellen Haar. Und ihre hohe

biegsame Gestalt wandte sich eifrig hierhin und dorthin bei der Arbeit.

Und seine Augen lagen sinnend auf ihr, und das, was sie ihm erzählt

hatte, ging durch seine Gedanken. Und die kleine Frau Lind merkte es

wohl, und sie freute sich.

Durch den Nebel: Roman · 第 71 / 90 题