Lars war noch einsilbiger nach der Sturmnacht. Als er sie da behaglich
im warmen Wirtshauslicht hatte sitzen sehn, die ehrbar satten
Bürgersleute, da hatte es mitten in der heulenden Dunkelheit um ihn
wie in grellem Licht gestanden. „Da gehörst du nicht hin.“ Darum
arbeitete er zu Hause jetzt hart, und zu Onkel Gust ging er nicht.
Lars hatte Arbeit, denn das Wasser hatte viel zerstört, wenn auch der
Strohdachhütte selbst nichts geschehen war.
Aber das Sehnen war schrecklich. Denn alles Denken und Träumen in
ihm hatte jetzt den einzigen Weg genommen hin zu dem feinen, blonden
Mädchen. Nur sie sah er, wenn er an den Riemen zog und über die See
blickte. Nur nach ihr griff er, wenn er ins braune Netzwerk faßte. Sie
quälte ihn, daß er nach der schweren Arbeit Stunde um Stunde wach lag
in der dunklen Nacht. Aber doch, er gehörte zu den schlichten, kleinen
Leuten und ihrer Not.
Und er ging nicht in den Flecken.
Da kam eine Postkarte von Miete, darauf stand: „Du willst es also nicht
tun. Deine Marie Asmussen.“ Da kämpfte er ein paar Tage mit sich, dann
hielt er es nicht mehr aus. Er wollte nur sehen, was sie eigentlich
von ihm wollte, -- sagte er sich. Und Sonntag nachmittag ging er doch
hinauf.
Ganz steif und feierlich kam er die Treppe herauf. Als er in der
Vorderstube Stimmen hörte, machte er die Tür zur Nebenstube auf. Miete
deckte dort mit Trina den Tisch.
Miete war es, als füllte seine große Gestalt das ganze Zimmer, und sein
widerspenstiger Ernst schüchterte sie beinah ein. Aber sie tat, als sei
er gestern erst hier gewesen, und lachte ihn lustig an. Als er Trina
die Hand gab, traf es ihn wie ein höhnischer Blitz seitwärts von Mietes
hübschen Augen. Dann setzte er sich langsam und folgte ihr mit den
Blicken, wie sie mit ihrem leichten, sichern Bewegen die blinkernden
Dinge auf das weiße Leintuch setzte und der rötliche Lampenschein und
der dunkle Schatten über sie hin und her glitten. Seine Blicke trieben
ihr das Blut in die Backen. „Rate, wer dort drin ist!“ sagte sie.
„Wie soll ich das wissen?“
„Hast du nicht gehört, daß wir in Aalby einen neuen Lehrer haben?“
„Was geht der mich an, die Fische kann ich doch nicht in die Schule
schicken.“
„Du sollst ihn aber sehen!“
„Herr Lehrer!“
„Miete, bist du verrückt?“
Da trat der Lehrer wirklich in die Tür, und Lars mußte wieder aufstehen
langsam und widerwillig. -- Es war ein schmächtiger Mann mit einem
braunen Vollbart. Und nun trat er vor Lars hin, und er lachte dabei.
Da erkannte der ihn an den Augen. „Jakob Lind!“ rief er. Dann wurde er
gleich wieder steif und dachte daran, daß er nur ein Fischer geblieben
war.
Aber Jakob Lind hatte die schwere Arbeitshand gefaßt und schüttelte
sie. „Du dummer Kerl!“ sagte er, und Lars sah, daß Jakob immer noch
die guten, geraden Augen hatte. Da taute er langsam auf, und beim
Abendbrot kamen sie allmählich auf die alten Geschichten, und der dicke
Aage und der laute Herr Braun mit der goldenen Brille und Hans Todtsen
mit seinen großen Worten, sie mußten alle heran, und Lars hatte fast
ganz vergessen, wo er war, und hatte laut mitgelacht über die alten
Geschichten.
Als das Essen zu Ende war und der blaue Zigarrenqualm um die Hängelampe
zog, hatte Jakob Lars gebeten, mit ihm zu gehen.
Da sah Lars von der Seite auf den hellen Kopf, der neben ihm über die
feine Stickerei gebeugt war. „Geh doch mit ihm!“ sagte Miete Asmussen.
Da stand er auf und trat mit Jakob aus dem Hause.
Es war eine milde Nacht für den beginnenden Winter. Durch die grauen
Wolken drang ein verschwommenes, bleiches Schimmern, und von Zeit zu
Zeit ward die gelbe Mondscheibe sichtbar. Die kahlen Zweige ragten wie
angstvoll gespreizte Finger. Und hier und da schrie eine Eule in ödem
Klageton nach dem Genossen.
Wie ins Unendliche hinein dehnten sich die kahlen Felder. Vor ihnen lag
wie ein massiger, schwarzer Klumpen der Wald. Am Wege standen nur hier
und da einsam ragende, schwarze Bäume. Manchmal rieben sich die dürren
Zweigenden raschelnd, oder ein Nachtvogel flog mit schwer klappendem
Flügelschlag in das weite Dunkel hinaus.
Es war wie ein Warten in der Luft auf ein wunderlich Verborgenes. Als
müsse das Wort zu finden sein, mit dem die heimlichen Tiefen sich
aufschließen und man hineinblickt in den Wurzelgrund des Seins.
So eine Nacht war es, die den Menschen aus sich heraushebt, daß er
seines kleinen Selbst vergißt.
Die zwei Männer hatten sich viel zu sagen. Es waren nicht nur die alten
Erinnerungen, es war noch ein anderes, das sie zusammenzog. -- Wer kann
den Finger auf die Stelle der Seele legen, aus der es aufklingt wie
tiefer Glockenton und das Echo aus der anderen Seele weckt?
Sie wußten es auch nicht, was die Dinge aus ihrer Seele heraufrief, die
sonst schweigend im Unbewußten ruhten.
Sie fingen an und erzählten von den vergangenen Jahren, so gut sie
konnten; denn sie waren beide langsame Menschen, und ihr Denken und
Grübeln lag oft tief, ihnen selbst fast verborgen.
Jakob hatte sich mühsam mit seinen geringen Mitteln bis zur Universität
gearbeitet. Als er erst wenige Semester dort war, starb sein Vater,
und es galt, schnell Geld verdienen für die Mutter und die kleinen
Geschwister; denn sie waren sehr arme Leute.
„Da bin ich Lehrer geworden,“ sagte er.
Dann war er still, und Lars hörte, wie es in den trockenen
Buchenblättern klappernd raschelte.
„Aber es ist mir gar nicht so schwer geworden,“ fing er dann wieder
an. „Weißt du, Lars, das ist so: erst kommen sie da mit tausend Fragen
und Meinungen, und man wird ganz wirr, und die ganze Welt ist zuletzt
schwarz und tot und gibt auf nichts mehr Antwort. Und wenn man dann
still ist und die Augen aufmacht, dann wächst es doch wieder wie ein
Licht aus dem Finstern.
Und das schien mir immer das Herrlichste, von +dem+ Licht den
armen, geplagten Menschen hintragen zu dürfen. Aber daraus ein Amt zu
machen mit Regeln und Würden, das war mir ganz zuwider. Und da ist es
mir ganz recht, daß ich nur ein Schulmeister geworden bin.“
Das konnte Lars wohl verstehen, und dann fing Jakob an und fragte
ihn, wie es bei ihm gewesen war mit dem schlichten Arbeiterleben.
Und allmählich kam Lars in das Erzählen, und Jakob erfuhr von den
ersten harten Arbeitsjahren und vom ersten jungen Stolz beim Bauen
der eigenen Boote und von den Jahren als Soldat und der Möglichkeit,
heraufzukommen. Aber immer wieder klang es durch, daß er frei sein
wolle und bleiben wolle, so wie es ihm selbst gefiel.
Und dann schwiegen sie wieder, und sie hörten den Klang ihrer eigenen
Füße auf der harten Straße und hörten vom nahen Wald ein Käuzchen
schreien, und im trüben Mondgedämmer lag rings wie in heimlichen
Schleiern das weite Land.
Lars wußte selbst nicht, wie es geschah, aber in der wunderlichen
Nachtstille trotz all der heißen, wühlenden Unrast in seiner Seele
fühlte er doch wieder das Sehnen nach etwas Besserem aus dem Grunde
aufsteigen, und mit knappen, halb verständlichen Worten sagte er Jakob
auch von dem.
„Ja,“ sagte da Jakob Lind, „es war ein alter Professor an der
Universität, der war uns Jungen ein lieber Freund. Den fragte ich mal
so was Ähnliches. ‚Den Drang haltet nur wach,‘ sagte der. ‚Der lügt
euch nie. Die Arbeit kommt von selbst, wenn ihr reif seid. Vielleicht
daß ihr sie tut, ohne daß ihrs selber wißt.‘“
„Das hätte Großvater wohl ähnlich denken können,“ meinte Lars.
Sie waren zusammen bis Aalby gewandert.
„Nun mußt du mit hereinkommen und meine Frau sehen,“ sagte Jakob.
Sie standen vor dem niederen, grünumwachsenen Hause. Lars blieb scheu
zurück. Aber Jakob trat in den Flur, und dann klinkte er gleich die
Tür zur Wohnstube auf, und eine behagliche Flut von Licht und Wärme
wallte Lars entgegen. Er sah in die lange Stube hinein. Hinten am Tisch
im warmen Lampenschein saß eine runde, frische, junge Frau über die
große Näharbeit gebeugt, und ein großes, blondes Mädchen saß geradeüber.
Als Jakob eintrat, sprang die Frau auf und gleich an seinen Hals. --
„Endlich!“ rief sie, und ihre Stimme hatte einen hellen, warmen Klang.
„Wir haben schon so lange gewartet!“
Lars war im Halbdunkel bei der Tür stehn geblieben und drehte an seiner
Mütze.
Da wandte sie sich zu ihm. „Ist das Lars?“ fragte sie und faßte ihn
gleich bei der Hand. Da wurde ihm ein wenig behaglicher zumute. „Karen
und ich haben schon gedacht, ob du ihn mitbringst.“
Lars sah auf die andere. Die war hoch gewachsen und stand da sehr
still, und ihre hellen Augen sahen prüfend tief in ihn hinein, daß es
ihm fast wieder unbehaglich wurde bei dem forschend ernsten Blick.
Aber die kleine Frau Lind ließ ihm keine Zeit dazu. Sie zog ihn an
den Tisch, und er mußte sich zwischen sie und Jakob setzen in den
traulichen Lampenschein. Sie fragte ihn über die Schuljahre mit Jakob
aus. So etwas war ihm noch nie begegnet, wie die freundliche Art der
kleinen Frau Lind mit ihrer fröhlich schwatzenden Munterkeit. Und
dazwischen kamen Jakobs verständige Worte, die so klangen, als ob
sie einen Luftzug aus der fernen, versunkenen Welt des Wissens und
Forschens herüber brächten.
Erst war es, als passe Lars nicht recht da auf den Lehnstuhl zwischen
die beiden Lehrersleute mit seinen großen, verarbeiteten Gliedern,
dann aber setzte er sich ordentlich behaglich zurecht, er wußte selbst
nicht warum. Ohne daß er es ahnte, war sacht eine Tür in seiner Seele
aufgegangen. Wenn er jetzt aufsah, dann traf er den ernsten, prüfenden
Blick des blonden Mädchens. Aber die forschenden Augen waren ihm nun
nicht mehr unbehaglich. Dies klare Schauen gehörte wohl mit zu der
lebendig-fröhlichen Wärme, wie sie hier im Schulhaus wohnte.
Und als Lars endlich über die dunklen Koppeln nach Hause ging, da war
etwas Fröhliches in ihm, was er sonst nicht kannte.