Tief drin im untersten Grunde wühlte und bohrte es in Lars’ Seele. Die
ruhige, klare Art in Jakob Linds Hause machte ihm den eigenen unklaren
Zustand immer unbehaglicher. Jakob und die hohe stille Karen gingen so
fest und sicher vor sich hin, und um die kleine tätige Frau Lind war es
am allermeisten wie eine frische, gesunde Luft bewußten Frohsinns.
Und immer ließ ihn Trinas Not und ihr großes Zutrauen nicht los. Er
sann und sann und konnte es doch nicht in Einklang bringen, seine
behagliche Freundschaft mit den Asmussens und das ganze Elend, von dem
ihm Klein-Trina auf der Treppe erzählt hatte.
Und doch tobte und kochte die Leidenschaft in ihm noch stärker als
vorher. Bis er sich einen Entschluß abgerungen hatte, durfte er seinen
Mund nicht wieder auf die weichen Lippen drücken; der Gedanke packte
ihn wie verzweifelte Qual.
Einstweilen wollte er da anfangen, wo er erst einmal ein Stückchen Weg
vor sich sah. Er wollte versuchen, etwas für Dora zu tun.
In einer nebeldicken Morgenfrühe begann er Peter Lassen im Boot von ihr
zu reden. Und er sagte ihm alles, was er von Trina gehört hatte. Von
Doras einsamem Kampf und ihrer Not, und wie die Verachtung der Leute
und die große Scham sie jetzt fast erdrückten und doch keine einzige
helfende Hand da war, die sie aufrichtete. Und die kleinen Geschwister,
die sie gern mit dem eigenen Leibe vor allen Gefahren gedeckt hätte,
blieben doch unbeschützt, und keiner wollte ihres Notrufs achten.
Es tat Lars wohl, etwas von dem, was ihn drückte, von der Seele zu
reden. Aber Peter sah zur Seite und keiner konnte sagen, was in ihm
vorging.
Sich selbst aber hatte Lars geholfen. Er hatte einen Anfang gemacht.
Nun wußte er, daß Klarheit werden mußte. Onkel Gust sollte erfahren,
wie er dachte, und Miete wollte er hinüberreißen in seine schlichte,
reinliche Welt. Für sie konnte er sich dann wohl aufraffen und sich aus
dem armselig-engen Kreise heraufarbeiten. Sie liebte ihn, so wie er sie
liebte, darum würde sie auf ihn warten.
So kam es endlich, daß er gerade aufgerichtet und zuversichtlich über
die Koppeln zu Herrn Asmussens Hause ging.
Im hohen grauen Hause auf der Treppe traf er Trina Lassen. Es war ihm
fast wie ein Schreck, so leuchteten ihre Augen auf bei seinem Anblick.
Da blieb er bei ihr stehen und fragte nach Doras Geschwistern und
anderem mehr, und sie sah ihm fest in die Augen und erzählte schlicht
und voll großem Vertrauen.
Dann ging er mit schweren Tritten die Treppe hinauf. Das vordere Zimmer
war leer. Im zweiten fand er Onkel Gust in dicken Tabakswolken hinter
der Zeitung.
Da drückte er die Lippen fest aufeinander, daß sein Gesicht wieder
aussah, wie aus Holz geschnitten, und trat dicht vor ihn hin.
Onkel Gust wehte mit der Zeitung die blauen Wolken auseinander. „Sieh
da Lars, -- endlich läßt du dich sehen,“ sagte er gütig.
„Onkel, ich habe mancherlei zu sagen,“ brachte Lars mit harter Stimme
heraus.
Zum Lesen brauchte Herr Asmussen einen Kneifer. Über den Kneifer hinweg
sah er seitwärts nach Lars hin. „Setz’ dich, setz’ dich, min Jung!“ Und
dann: „Na?“ sagte er erwartungsvoll.
Lars saß an der andern Seite vom Tisch, nun legte er die Arme darauf
und beugte sich zu Herrn Asmussen hinüber, und er sprach ganz deutlich
und langsam, und Herr Asmussen rückte an seinem Kneifer.
„Ich weiß gar nicht, was du überhaupt meinst,“ sagte er und putzte den
Kneifer vorsichtig mit dem Taschentuch ab.
Aber Lars blieb ruhig dabei und sprach von Trina Lassen und was die
Leute ihm sagten von Onkel Gust.
„Was geht das dich überhaupt an?!“ Und Onkel Gust lehnte sich im
Lehnstuhl zurück und suchte beleidigt auf Lars zu blicken.
Aber Lars achtete gar nicht darauf, und als er auf Dora Nielsen zu
reden kam und ihre Geschwister, da rückte Onkel Gust ein wenig auf
seinem Stuhl herum und lachte verlegen. „Naa“ sagte er begütigend und
zwinkerte Lars zu. Aber Lars redete weiter, und er redete sich in Zorn
und sprach von denen, die keine Hilfe fänden und keinen Schutz, weil
die andern, welche die Kraft hatten und die Pflicht zu sorgen, im
Wirtshaus saßen und faule Witze rissen.
Da wurde es Onkel Gust zu bunt. „Grünschnabel, geh’ und predige deinen
Fischen!“ schrie er und setzte den Kneifer wieder auf.
„Ja,“ sagte Lars da auf einmal in einem ganz anderen Ton, „ich bin
weiter nichts als ein Fischer, und ich habe kein Recht, zu sprechen,
aber es kann sein, daß es heute das letztemal ist, daß ich hier sitze,
und eh’ Ihr euch entschließt, solltet Ihr wissen, wie ich denke.“
Da legte Onkel Gust die Zeitung schnell wieder hin und sah Lars mit
einem Ausdruck ins Gesicht, der fast dumm ausgesehen hätte, wenn es
eben nicht Herr Asmussen gewesen wäre.
Lars schwieg einen Augenblick, und sein hartgeschnittenes Gesicht war
unter der Wetterbräune blaß geworden.