„Der Damm bricht!“ schrie Kords Stimme über das Getöse.
Da sprangen sie alle in die Wiese hinunter und liefen nach den kleinen
Häusern hin.
Aber hinter ihnen von der Schleuse her dröhnte es auf -- ein donnernd
lachendes Brüllen.
Sie schrie ihren Sieg hinaus in die Nacht, und mit den schwarzen Armen
und den vortastenden weißen Fingern packte sie in das Land hinter
dem Damm und nahm es zu eigen. Schneller, immer schneller kamen die
weißen Finger heran und griffen aus der Finsternis hinter den laufenden
Männern her. Schon ging ihnen das Wasser fast bis zum Knie.
Bei den kleinen Häusern war es ein Wühlen, Rennen und Rufen. Und die
schwarzen Arme waren schon heran, und klatschend griffen die weißen
Finger an den Mauern herauf.
Die Männer wateten knietief im Wasser, als sie die Ziegen und Schweine
herausschleppten.
Maurer Nissens Frau jammerte laut und aufgeregt. Jetzt packte sie Lars
beim Arm: „Nu seh! Nu seh! Ach, mein Gott, da ist das Wasser halb die
Stalltür herauf und das gute Schwein, das gute Schwein -- oha, oha! --
Kannst du’s nicht retten, Lars, mein Lieber? Ach, mein Gott!“
Lars hatte ein Kind auf dem Arm und zerrte eine Kuh hinter sich her.
Er schüttelte den Kopf. „Soll ich denn wohl mitsamt Ihrem Schwein
versaufen?“
Da stockte auf einmal Frau Nissens lautes Gejammer, und sie blieb
stehen, wie angewurzelt.
„Na was nu?“ fragte Kords.
„Großvater ist noch drin!“
„Mensch, is sie verrückt?“
„Großvater is manchmal so bockig und kann nich hören, und er wollte
nich aufbleiben mit uns und wachen. Und taub is er auch. Nu liegt er in
der Dachkammer und schläft.“
Da fing sie laut an zu heulen.
Aber Lars war schon umgekehrt. Jetzt ging ihm das Wasser bis an die
Hüften. Er wußte, wo dicht bei am Damm sonst ein Boot lag. Aber es war
nicht leicht, sich zurechtzufinden in der heulenden Finsternis.
Und die schwarzen Arme zerrten und hielten, und die weißen Finger
leckten hoch und immer höher. Da kam das Etwas aus der Tiefe seiner
Seele heraufgequollen, was so weit unten im Grunde schlief und über dem
das träumerische Wesen gebreitet lag, wie eine dichte Nebelschicht. Es
war wie eine heiße Kraft und ein ganz unbändiges Wollen, daß er, den
Kopf vorgestreckt, wie ein böser Stier gegen den wütenden, schreienden
Sturm und die schwarzen Arme rang.
Jetzt brüllte sie ihm das alte Lied in die Ohren, das er als kleines
Kind schon gehört: „Mein bist du!“
Aber sein Manneswillen war stärker als sie.
Und jetzt hatte er es erreicht.
Er schwang sich hinein und schnitt die Stricke los. Aber um Gottes
willen die Riemen!
Es waren keine Riemen in dem Boot.
Er tastete mit der Hand. Eine Stange lag unten am Boden. So mußte er
denn staken.
Das ging nicht gut, denn das Wasser stieg und stieg, und der Wind war
stark.
Wie er näher zum Hause kam, hörte er die jammernde Stimme des Alten. Er
wollte ihm zuschreien, daß Hilfe kam, aber ihm fiel ein, daß Großvater
taub war.
Schon stand das Wasser bis ans Dach. Großvater sah zur Luke heraus und
jammerte laut.
„Gammel[3] Nissen! Großvater!“ schrie Lars und hielt sich am Dachrand
fest. Aber der Alte sah in die Finsternis und jammerte fort.
Da nahm Lars seine Stange und stieß nach der Luke.
Das half.
Ein gurgelndes Lallen der Freude klang herunter. Er hielt die Stange
oben fest und tastete damit im Boot herum. Aber er schien noch nicht
ganz beruhigt, ging murmelnd in die Kammer zurück und zündete ein Licht
an.
„Schnell, schnell!“ schrie Lars hinauf.
Gammel Nissen leuchtete zum Fenster heraus. „Puh“ sagte der Wind. Da
war es dunkel. Aber er hatte doch genug gesehn.
So laut, als sei Lars selbst taub, brüllte er hinunter. Dann kam er
über das Dach gerutscht.
Mit dem einen Arm fing ihn Lars auf und setzte ihn ins Boot. -- Dann
riß er ein paar Duchten heraus. Die eine drückte er dem Alten in die
Hand, die andere nahm er selbst. So ruderten sie mühselig vorwärts.
Zuweilen stakte er.
Und endlich hatten sie die andern erreicht.
Er ging nicht mit, um trockenes Zeug anzuziehn. Er stürzte nur einen
Schnaps hinunter, den sie ihm boten. Dann stürmte er nach Hause. Aber
als er bei Onkel Gusts Hause vorbei lief, kam der gerade gemächlich die
Straße herauf. „Lars,“ rief er, „halt, Lars, wo willst du hin in dem
nassen Zeug? Komm herauf, ich hab’ gehört, du hast dich ja großartig
gemacht da beim Dammbruch. Du kannst trocknes Zeug von mir kriegen,
komm nur!“
Lars war einen Augenblick mit finsterm Gesicht stehn geblieben; nun
drehte er sich ohne Wort herum und lief weiter.
„Wohin rennst du bloß?“ rief Onkel Gust.
Da rief er über die Schulter: „Dahin, wo ich hingehöre, nach Hause. Ich
muß sehn, wie es dort steht. Hier wohne ich nicht!“
Onkel Gust starrte ihm nach. Dann schüttelte er den Kopf, und dann
lächelte er. Und so trat er gemächlich in seine Haustür, und der warme
Lichtschein fiel auf die Straße. --
[3] alter.