Sie ließ die Hände sinken. „Es geht auch nicht mehr.“

Es war eine Weichheit über der ganzen lässig hingelehnten jungen

Gestalt. Lars saß vorgebeugt, den Kopf in die Hand gestützt, und seine

Augen ließen nicht von ihr.

Sie schwiegen beide.

Dann wandte sie den Kopf, und er fühlte mehr ihren Blick in der

Dämmerung, als er ihn sah.

„Könntest du wohl etwas für mich tun, Lars?“ fragte sie, und es war,

als ob sie ihn streichelte mit ihrer Stimme.

Er konnte nicht gleich antworten. Er richtete sich auf und atmete tief,

dann rückte er noch näher zu ihr. „Das weißt du selbst, klein’ Deern,“

seine Stimme klang leise und atemlos.

„Nein Lars, ich möchte doch wissen“ --

Da ging die Tür, und Lars lehnte sich im Stuhl zurück. „Seh da, Lars,“

sagte Onkel Gusts dicke wohlwollende Stimme. „Ich dachte doch auch, du

würdest heute kommen. Aber ein verfluchtes Sonntagswetter. Komm, wir

wollen uns mit ’nem kleinen Grog wärmen gehn.“

Lars antwortete nicht gleich.

Aber auf einmal lachte Onkel Gust behaglich in sich hinein: „Ach so --

ach so,“ sagte er.

Miete aber gab Lars einen kleinen Stoß. Da stand er auf. „Na denn man

zu, Onkel.“

Er tat es für sie, sagte sich Lars und folgte Onkel Gust durch die

Dämmerung nach dem Gasthause.

Würdevoll und in sich gefestigt mit hallenden Tritten ging Herr

Asmussen voraus. Lars blieb lässig ein wenig zurück, denn er kam

widerwillig. Er wußte, was Onkel Gust von ihm wollte. Er sah immer

vor sich hin, wo die großen Wasserpfützen heller auf dem dunklen Weg

schimmerten; aber vor sich sah er Aage Michelsens dickes Gesicht. Das

hatte jetzt einen roten Schnurrbart und würdige Falten. Denn Aage war

Herrn Tiensens Mitarbeiter geworden. Er verdiente ein schönes Geld.

Sein Bruder Swend hatte es Lars damals, als er Soldat war, selbst

gesagt.

„Wir Dänen mögen die Sorte auch nicht,“ hatte Swend fast höhnisch

gelacht. „Drüben kriegt er Geld fürs Jammern und hier fürs Schimpfen!“

Aber Herr Asmussen hatte eine große Bewunderung für Aage Michelsen, und

er wollte, daß Lars ihn reden hören sollte. Lars war auch schon ein

paarmal mitgewesen um Mietes willen. Und in Gedanken sah er sie alle

im blauen Tabaksqualm sitzen um den Stammtisch, und das häßlich grelle

Wirtshauslicht flirrte über all die selbstzufriedenen Gesichter und

über die behaglich würdigen Falten der dunklen, zuverlässigen Anzüge.

Lars ärgerte sich, wenn er daran dachte, und stapfte mitten durch die

Wasserpfützen, daß es patschte.

Aber er wollte so gern darüber hinaus über das Einerlei des

Fischefangens, und er wußte doch einmal keinen Weg. Und das wußte er,

Miete wollte es so, daß er sich zu Onkel Gusts Freunden halten solle.

Aber mit eins, wie sie auf den Damm kamen, packte die beiden der

Nordost, wie mit wilden, mutwilligen Fäusten. Herr Asmussen griff

hastig nach seinem Hut.

Der kleine Meeresarm, den der Damm vom Wiesenland trennte, lag heute

nicht wie vergessen zwischen seinen grünen Ufern. Heute wußte er es

wieder, daß er ein Teil war von der Kraft, die stärker ist als der

Mensch. Die schwarzen Arme langten von unten herauf und griffen in den

Damm, und aus der Tiefe kam ein fauchendes Geheul.

An der Schleuse wogte es dunkel hin und her über den Damm. Da

arbeiteten die Männer. Einer faßte hart an Larsens Arm. „Wir brauchen

mehr Hände zur Hilfe, Lars, sonst bricht der Damm, und es fehlt auch

die Aufsicht.“ Das war Kords Stimme. Lars sah schnell nach den kleinen

Häusern in der Wiese hin und dann auf Onkel Gust.

„Ja wo ist denn der Ortsvorsteher?“ fragte der.

„Der hat heute morgen früh über Land gemußt,“ sagte Kords.

„Merkwürdig, diese deutschen Beamten!“ sagte Herr Asmussen. „Komm, mein

Jung, das geht uns nix an.“ -- Schweigend, mit der tiefen Falte mitten

auf der Stirn, ging Lars bis an die Wirtshaustür. Er sah über Onkel

Gusts Schulter in den warmen, hellen Raum, und die Stimmen klangen Lars

wie schnurrendes Behagen in die finstere Nacht hinaus. Sie saßen fast

alle da wie immer -- am dänischen und am deutschen Tisch. Da schlug

er die Tür hart hinter Onkel Gust zu, und der Sturm packte ihn in der

Dunkelheit mit wildem Geheul.

„Es geht nicht, Lars,“ brüllte ihm Kords zu, als er wieder bei ihm war,

„mein Arm will noch nicht, und wir brauchen alle Kräfte.“ Und von unten

aus der Finsternis klang es wie höhnendes Geheul zu den Männern herauf,

aber sie verstanden nicht, was das Meer ihnen sagte, und packten zu mit

ganzer Kraft.

Sie zündeten große Feuer auf dem Damm an und arbeiteten im flackernden

Schein. Und die schwarzen hastenden Gestalten mit ihren jähen, großen

Bewegungen warfen lange, unheimliche Schatten über den Damm.

Und das Meer griff herauf und biß sich in den Damm und brüllte und

kreischte vor Wut.

„Her mit den Sandsäcken,“ kam Lars’ Stimme tief und laut über das

Getöse. Und er hob sie, und klatschend versanken sie im weißen Gischt,

und kalt und naß spritzte es ihm ins Gesicht. Und Kords hob den Hammer

mit seinem einen Arm und holte weit über seinem Kopfe aus und ließ ihn

auf die starken Pfähle niedersausen.

Aber die See langte mit weißen Fingern am Pfahl herauf und riß und

lockerte an seinem Grund und heulte und lachte dazu mit klatschendem

Jauchzen.

„Kords, das Ding haftet nicht mehr,“ sagte ein alter Arbeiter und

spuckte in das wirbelnde schwarze Wasser. Aber Kords fluchte vor sich

hin und arbeitete weiter.

„Komm weg, Lars, das kann hier jeden Augenblick brechen, und es nützt

ja jetzt nix mehr,“ schrie einer Lars in die Ohren. Aber Lars biß die

Lippen aufeinander und sagte kein Wort.

Immer die unheimlichen, weißen Finger voraus kam sie heraufgekrochen,

und der schwarze, wogende, ringelnde Leib preßte sich an den Damm, und

wo eine schwache Stelle war, da biß sie hinein und nagte, wuchs und

wuchs.

Und endlich mußten sie zur Seite stehen und warten. Und das rote

flackernde Feuerlicht zuckte auf ihren finsteren unbeweglichen

Gesichtern hin und her, und der Wind kam aus der Finsternis gefahren

und schrie und zerrte um sie, und sie standen und warteten.

Und es kroch herauf, immer herauf, und sie konnten nichts, als stehen

und warten. Manchmal fluchte einer und sah nach den kleinen ärmlichen

Häusern hinüber, wo die Lichter ängstlich hin und her tanzten. Aber

meist standen sie ganz still, die Hände in den Hosentaschen mit

zornigen Augen. Und die stillen, wetterharten Gestalten im roten

Flackerlicht und der jaulend zornige Wind und der schwarze kriechende

Feind mit seinem lachenden Geheul hielten zusammen die Wacht.

Und die Minuten rannen hin und die Viertelstunden, und es war ihnen,

als ginge die Nacht darüber hin.

Durch den Nebel: Roman · 第 68 / 90 题