Herr Asmussen trat einen Schritt zurück. „Was meinst du eigentlich?“

„Ich will nicht für die dänische Sache arbeiten. Ich bin deutsch.“

„Und alles, was wir für dich getan haben, und alle Hoffnungen, die wir

auf dich gesetzt haben?“ -- Herrn Asmussens Stimme schlug um. --

Da stand Frau Henriette Asmussen wie hingezaubert. Und ihre stahlharten

hellen Augen sprühten. „Damit du’s immer weißt, -- dein Onkel macht

wieder so viele unnütze Worte. -- Wir haben dich an Sohnesstatt

erzogen, damit du der guten Sache dienst, und wir werden auch weiter

an dir handeln, wie an unserm leiblichen Sohn, wenn du zu uns stehst.

Wir bieten dir einen schönen, reichen Beruf. Da kannst du dich

heraufarbeiten, ein Führer von vielen und ein reicher Mann werden. --

Wenn du aber bei deinem Undank bleibst, und wir haben alle Wohltaten an

dich verschwendet, dann ist da die Tür!“ -- Sie stand da, groß und mit

den kalten, glitzerigen Augen. Herr Asmussen saß am Tisch und hatte den

Kopf in die Hand gestützt.

Und alle die großartigen Worte und die großartige Art hatten etwas

so Sonderbares zwischen dem Nippschrank und dem guten Plüschsofa und

den biederen Gesichtern der alten Asmussen in den schwarzen runden

Rahmen. Und die enge, muffige Stube und die großartigen Worte und der

unbarmherzige Zwang, der überall herauslugte wie ein böses, langarmiges

Tier, krochen an Lars heran wie eine große Bangigkeit. Es hatte alles

vom ersten Tage an auf ihm gelastet, und je älter er wurde, je klarer

hatte er es gefühlt, aber es hatte unter der Gewohnheit versteckt

gelegen, und er hatte so dahingelebt in seiner Traumwelt, ohne sich

davon Rechenschaft zu geben. Jetzt hatte er nur ein Bewußtsein zorniger

Verhärtung. Man hatte ihm die Wohltaten vorgehalten wie einem Bettler.

Aber aus dem Zorn wuchs ein klarer Gedanke herauf, wie wenn ein

Sonnenstrahl in eine dunkle Stube fällt: „Jetzt bin ich frei.“

Beide, Onkel Gust und Tante Jette, sahen noch ganz verblüfft auf die

Stelle, wo Lars eben gestanden hatte, und dann auf die geschlossene Tür.

„Das hast du nun wieder mit deiner bissigen Art. Es ist doch

schließlich auch der Sohn von meinem einzigen Bruder.“ Onkel Gust war

noch immer in der gerührten Stimmung. Tante Jette aber sah noch hart

auf die geschlossene Tür. „Undankbares Krott,“ sagte sie.

* *

*

Die Krokus waren lange verblüht. An den Buchen waren die kleinen,

feinen Blättchen herausgekommen und schimmerten silberig in ihrem

schleierhaft zarten Duftegrün. Und die Fischer dachten an den Aalfang.

--

Das war erst ein helles Träumen gewesen. Auf dem Rick hatte er gesessen

und die Beine über dem Wasser hängen lassen, und Mutter und Großvater

ließen ihn, denn dort machte er Pläne für seine Zukunft. Und wie das

Wasser unter ihm hinfloß, eine grüne Welle nach der andern, -- über

der andern, -- in der andern, -- immer und immer wieder, so kamen die

Gedanken und gingen wieder gemächlich und glitten zurück ins Unbewußte,

und es war ein angenehmes Dämmern, und es kam nicht von der Stelle.

Und endlich fuhren sie nach der Stadt, um Herrn Braun zu fragen. Herr

Braun war der Hauswirt, bei dem die Gymnasiasten wohnten. Er war ein

Preuße mit einer lauten Stimme und einer knappen, selbstbewußten Art.

Sie hatten ernste, unbewegliche Gesichter, der alte Klaas Klaaßen und

der junge Lars Asmussen, als sie langsam hintereinander die Treppe

zu Herrn Brauns Wohnung hinaufstiegen. Sie sahen bedenklich auf das

glänzende Türschild, auf dem Herrn Brauns Name und Würden standen.

Als sie aber wieder die Treppe hinunter stiegen, waren die Gesichter

noch unbeweglicher, und die Augen suchten tief im Innern eine Welt, die

sich nicht mehr finden lassen wollte.

Er hatte laut und unumwunden gesprochen, mit kurzen, eindringlichen

Bewegungen, und der alte Fischer hatte zugehört mit seinen stillen,

klugen Augen und nur manchmal mit dem großen, grauen Kopfe langsam

genickt.

Was bot die große, bunte Welt mit ihren glitzernden Glücksstraßen dem

langgliedrigen, unbeholfenen Jungen mit den Träumeraugen und der

breiten Stirn? -- Ein Tertianer ohne einen Groschen Geld und noch dazu

ein Träumer, -- Herr Braun hatte nicht viel Hoffnung. -- Da war die

Subalternkarriere bei der Post; oder er konnte Kommis werden, oder er

ging zur See.

Konnte er sich da Geld sparen und schließlich zum Polytechnikum kommen

irgendwie oder sich sonst heraufarbeiten? Lars’ Augen waren weit und

dunkel.

Herr Braun zuckte die Achseln. Es hatte ja schon mancher so etwas

erreicht, so ein strammer Strebsamer. „Du bist ja begabt, Lars, aber du

bist langsam und verdöst. Mach dir lieber keine vergebliche Hoffnung!“

Und wie sie auf der Treppe standen, da überkam es ihn auf einmal, daß

ihm das Leben das Buch vor der Nase zugeschlagen hatte.

Dann waren sie doch noch durch eine schwere Stadthaustür nach der

andern gegangen und hatten gefragt und wieder gefragt in ihrer

langsamen Weise. Lars hatte meistens das Wort geführt und ein Blick

unter Großvaters dicken Brauen hatte den Ausschlag gegeben. Aber es war

nichts gewesen. In den großen Kaufhäusern hatten sie den unbeholfenen

Fünfzehnjährigen, der nicht einmal eine gute Handschrift schrieb,

nicht gewollt; in den kleinen Läden war der Gehalt zu jämmerlich. Bei

der Post war gerade keine Stelle in der Nähe frei, und es lockte Lars

auch ganz und gar nicht.

So traten sie schon im Dunkeln wieder in die niedrige Tür, wo Mutter

das Abendbrot noch bereit hielt, und sagten ihr, daß Lars Seemann

werden müßte.

Da geschah es zum erstenmal, so lange Lars denken konnte, daß das große

Schweigen von Mutters Gesicht zurückglitt und sie seine beiden Hände

packte. Sie reichte ihm jetzt nur ein wenig über die Schulter. Einmal

hatte sie ihn fortgegeben, ihren Einzigen. Nun kämpfte sie hart, daß er

jetzt nicht hinauszog über die große, graue Weite, die so harte Lieder

sang vor den Fenstern und nicht danach fragte, wer es war, den sie

behielt. „Nein, nein! Nicht Seemann! Nein, Lars! Nein, Vater!“

Da gaben sie sich bald darein; sie waren ja nur in der Not darauf

verfallen. Sie waren alle nicht für das Ringen bis aufs Blut; und sich

hineinzuzwängen in den Lebenskampf, war ihrer Art fremd.

Und so blieb nur noch eins übrig, und das war Lars im Grunde das

Liebste.

Durch den Nebel: Roman · 第 58 / 90 题