Es war wieder ein Sonntag, und durch die kleinen Scheiben des breiten
Fensters tanzte ein warmer, goldener Strahl über den braunen Tisch
und die bunten Schiebetüren von Klaas Klaaßens Bett. Aber Klaas
Klaaßen hatte den guten, dunkelblauen Anzug an und saß im Lehnstuhl
beim Tisch und spielte, in Gedanken verloren, mit den Zuckerstückchen
in der Zuckerdose mitten auf dem Tisch, und gegenüber saß Fischer
Lassen, auch in seinem blauen Sonntagszeug und hatte die Hände auf die
Knie gebreitet. Und Peter Lassen saß an der Wand, ein wenig lässig
hingerekelt. Der Sonntagsanzug war schon wieder ein wenig kurz und
eng geworden für den großen Menschen, und er sah gleichgültig in die
Stube hinein, aber die scharfen Augen gaben gut acht. Und Lars lehnte
am Türpfosten und sah vor sich auf die Erde. Aber Mutters Augen gingen
schnell von einem zum andern wie in angstvollem Fragen.
Die Männer sogen an ihren kurzen Pfeifen, und Mutter nahm ihr
Strickzeug wieder auf, und die Sonnenstrahlen reisten weiter, die
grünliche Wand entlang.
In Lars gingen die Gedanken auf und nieder wie die Wellen am
Steindamm. Er hatte viel erlebt in der Zeit, seit die ersten Krokus
in Onkel Gusts Garten aufblühten.
Es war eine Weile still gewesen in der Fischerhütte. Da zog Klaas
Klaaßen die Pfeife aus dem Mundwinkel und strich mit der Hand über den
Tisch, als lägen Krumen darauf. Er war aber ganz blank. „Ja, denn is
das wohl nich anders, wenn sie doch beide Lust zu haben.“
Hans Peter Lassen, der Vater, nahm die Pfeife heraus und spuckte zur
Seite. „Ja, denn soll das wohl so sein,“ sagte er, und nach einer
Weile: „Aber Geld gehört da auch zu.“
Peter Lassens Augen hatten immerfort acht gegeben, nun waren sie
hellwach. „Ich weiß ein Boot, das ist billig zu kaufen. Am Strand, gar
nicht weit von unserer Ziegelei, sitzt doch der alte Hinrich Maaß,
der so doll dänisch is. Ein bißchen dumm im Kopf ist der alte Kerl
auch schon. Er will sein Boot los werden und weiß nicht, wie viel es
noch wert ist.“ Peter lachte und fuhr sich mit der Hand über seine
kurzen Haare. „Ich hab’ ihm schon immer vorgeredet: Das alte Ding ist
nichts mehr wert. Und dachte, wer weiß, ob man’s nicht mal braucht.
Achtzig bis neunzig Mark, sagt’ ich ihm, mehr gibt ihm keiner für den
Klapperkasten. Aber es ist noch ein ganz gutes Boot, hat in Eckernförde
seine 200 Mark gut gekostet. Das wär doch dann mal das Sommerboot!“
Peter steckte die Daumen in die Achsellöcher, zeigte die weite Reihe
seiner weißen Zähne und sah von einem zum andern. Er hatte eine
Siegermiene, und Lars warf einen schnellen, bewundernden Blick nach ihm
hin. -- Die Alten nickten mit dem Kopf und sahen gerade aus.
„Und dann die Netze und was dazu gehört,“ sagte Hans Peter Lassen.
Klaas Klaaßen sah noch tiefer auf seine Pantoffel und tat ein paar
tüchtige Züge. Und so, mit dem Rauch zum Mundwinkel heraus, und nicht
ganz deutlich kamen die Worte: „Meine alte Stine-Marie hat ja ein gut
Teil zurückgelegt. -- Etwas hat Justina bei der Hochzeit mitgekriegt,
-- das hat ja Asmussen alles vermöbelt, -- aber etwas ist da noch, was
sie nach mein’m Tod gekriegt hätte. -- Recht wird’s ihr ja sein. -- Na
und denn“ -- Eine Handbewegung machte den Schluß. --
„Jaa,“ sagte Hans Peter Lassen und wiegte den Kopf hin und her. „Jaa,
aber ich hab’ noch nich so viel zurücklegen können, und mit den drei
Gören, die da noch sind zu Hause.“ -- Er sah starr nach der Wand
gegenüber und hielt die Hände breit auf den Knien.
Großvater zog die Pfeife wieder heraus, drehte den großen, grauen
Kopf nach Lassen hin und kniff ein Auge zu: „Naa, Hans Peter -- ~min
ven~,[2] uns machst du nix vor. Wir machen das ordentlich zu gleichen
Teilen, daß die Jungens sich nix vorzuwerfen haben und alles seine
Ordnung hat.“
Hans Peter zog die Mütze in die Stirn, setzte sich noch behaglicher
zurecht und brummte ein wenig in den struppigen Bart. Aber die Sache
war nun abgemacht, und Mutter ging, den Kaffee zu holen.
An dem Sonntag abend war das Meer ringsum wie eine zitternde
Perlmutterfläche. Und zwischen dem Wunderglänzen saß Lars in Großvaters
Boot und träumte. Das Boot war fest am Pfahl, und ganz leise glucksten
die Wellen daran, wie ein schläfriges Flüstern der ewig atmenden
Sehnsucht. Die Welt war goldenrötlich und glasig-licht bis hin zu den
fern verschwimmendsten Ufern. Und wunderlich still und rein war die
Welt. -- Und selbst die Möwen schienen es zu fühlen und glitten leise
dahin auf sonngebadeten Fittichen. -- Und groß und heilig zogen die
Leuchtewolken daher auf ihrer geheimnisvollen Bahn.
Lars sah ihnen nach, und es stieg ein Ahnen seines eigenen Lebens in
ihm auf. So glitt es hin. Wer sagte: „Dort liegt dein Ziel?“ -- Fern --
fern im Perlmutterglanz des Unerkannten, Unergründlichen mochte es sein.
Am Strande aber, eh’ er nach Hause ging, war noch eines in ihm wach
geworden. Er sah hinaus über die stille, schimmernde Weite, und es
läutete in ihm, wie von Glocken. Nun gehörte er +ihr+. --
* *
*
Bald darauf hatten sie alles mit Hinrich Maaß wegen des Bootes in
Ordnung gebracht. Auch das Netzwerk war beschafft worden, wie Großvater
es haben wollte. Und nun waren sie schon ein paarmal draußen gewesen.
Und sie hatten ganz gute Arbeit gemacht.
Das war ein Tag unmäßigen Stolzes gewesen, als sie zum erstenmal im
eigenen Boote hinausfuhren. Sie hatten Gesichter aufgesetzt, als sei
es eine alltägliche Beschäftigung. Ganz gleichgültig gingen sie mit
den Rudern und Netzen über der Schulter im Ölzeug zum Strand hinunter,
obgleich es sehr wenig regnete. Und die beiden hohen, jungen Gestalten
mit den lachenden Augen in den gleichgültigen Gesichtern sahen aus, daß
es eine Freude war im grauen Morgenlicht.
Und die Arbeit war eine Lust gewesen die ersten Male, und nur eine Lust.
Als aber die nassen Taue ihre Hände durchgezogen hatten und sie
die harte Arbeit in jedem Gliede spürten, da war es ein ander Ding
geworden. Peter Lassen hatte auch in der Ziegelei schwer gearbeitet,
und nur das Ungewohnte war zu überwinden. Aber Lars’ Körper war noch
weicher, und die Last war fast zu groß.
Peter Lassen zog den Mund manchmal ein wenig auseinander und zeigte die
weißen Zähne, wenn Lars unversehens nach seinem schmerzenden Rücken
langte oder aufzuckte, wenn ihm das Seil durch die offnen Wunden in
der Hand glitt. Dann zog Lars zornig die Brauen zusammen und tat seine
Arbeit ohne Klage. Aber nachts im Bett stöhnte er manchmal auf vor
Schmerz.
Mutter sah es wohl, aber sie wußte, daß sie ihm nicht davon reden
durfte.
Lars drückte die Lippen hart aufeinander, und in dieser Zeit setzte
sich auf seinem Gesicht der hölzern-unbewegliche, fast finstere
Ausdruck fest. Aber hinter den stillen Zügen, da arbeitete es. Wenn
die harte Arbeit ihn losließ, dann kam er ins Grübeln, denn er war
nicht im gleichmäßigen Einerlei von saurer Arbeit und müdem Behagen
aufgewachsen. Sein Geist war wachgerüttelt worden, und das weiche,
schlafende Land seiner Seele war nun schon manches Jahr bebaut
worden. Und grade jetzt war der bewußte Drang nach Wissen in seiner
schweigenden Jungenseele aufgestanden und hatte sich nach dem Fernen
-- Unbekannten gedehnt. Und es war etwas in ihm wach geworden, wie ein
Hunger nach einem Großen, das er nicht kannte, und nach Taten, die
ihm keiner hätte nennen können. Auch machten ihn jetzt die übergroße
Müdigkeit und die schmerzenden Glieder noch mißmutig. Er konnte mit
keinem von diesem sehnenden Leiden reden. Sie hätten ihn alle nicht
verstanden, und Peter Lassen hätte womöglich noch gelacht. Und daß er
alles so einsam trug, machte es noch schlimmer. Darum wuchs es in ihm
zu einem Haß auf gegen diejenigen, die ihn so herumgeworfen hatten zu
ihren selbstischen Zwecken. Wenn er an den fetten Onkel Gust dachte,
oder gar an Tante Jette, dann ballte er die Fäuste.
Aber in Lars’ Seele war zu viel Leben, als daß sie hätte in Kummer
und Grimm stecken bleiben können. Als das Rudern, Segeln und Fischen
und der Stolz des ersten eigenen Verdienstes ihren Reiz verloren
hatten, suchte er nach etwas Neuem, um seine überschüssige Kraft daran
zu erproben. Das Zimmern und Bauen hatte ihm von je her mehr Freude
gemacht als alles andere. Auch hatte er in der Stadt oft in seinen
freien Stunden bei einem alten Bootbauer herumgesessen. Nun kroch er
immer um Großvaters Winterboot, wenn er Zeit hatte, und befühlte es und
hockte sich daneben und sann.
So ging der Frühling herum und ein Teil des Sommers.
An einem Sonntagmorgen, als die andern alle fort waren, saß er wieder
bei Großvaters Boot, und die weich verschwommenen Sonnenstrahlen und
die großen Wolkenschatten liefen über ihn hin.
Mit einem großen Seufzer stand er auf und ging nach Hause. Durchs
Fenster sah er Mutter am Tisch sitzen; vor ihr lag die Bibel und das
Sonntagsblatt. Die Sonne lief über ihr Gesicht und glänzte auf den
weißen Strähnen in ihren Haaren. Wie viele Runzeln jetzt in dem
Gesichte waren, kam es ihm so in den Sinn! Er ging nun sehr langsam
und vorsichtig auf die Tür zu, denn er wußte, daß Mutter ihren Sonntag
feierte, weil sie die Männer weit weg glaubte. Und unklar empfand er
die herbe Würde in dem stillen Gesicht. Wie sie so dasaß und las,
lag es über der alternden Frau fast wie eine vornehme Unberührtheit.
Linkisch und fast verlegen bückte sich Lars zur Haustür herein. Sie
schob die Bibel zur Seite, und ihm war, als habe er die Mutter nicht
recht bekleidet überrascht.
Er holte sein Handwerkszeug und ging wieder hinaus. Aber es wollte
nicht mehr recht gehen mit dem Messen und Probieren. Mutters
Sonntagsruhe war mit herausgekommen und schwamm ringsum in der milden
Sommerluft.
Großvaters Boot war hoch auf den Strand gezogen, fast unter die
letzten Buchenbäume der Hölzung. Reglos starrten die Blätter in die
graue Luft, nur manchmal war es, als rinne ein Zittern durch den Baum
bis in das äußerste feinste Geäst. Ein Silberflimmerschein lag über
dem Wasser, und von Zeit zu Zeit lachte drüben das andere Ufer in
Sonnenleuchtefarben aus dem Grau.
Er fühlte nun auf einmal die feierliche Ruhe ringsum. Da paßte er
nicht hinein mit dem zornigen Mißmut, der immer wieder in ihm aufquoll
wie eine trübe Welle. Warum ihn dies Gefühl überkam, konnte er nicht
sagen. -- Zur Kirche gingen sie hier nicht oft, der Weg dorthin war
viel zu weit. Aber bei manchen von ihnen war ganz tief unten in ihren
wetterharten Seelen eine keuschumfriedete Stelle; dort wohnte die
Sonntagsstille. Da war Lars jetzt hineingetreten. Er schämte sich
des Hasses und Mißmuts, die nicht klingen wollten mit der stillen
Sonnenwelt. Er saß auf dem Bootrand, den Kopf ein wenig vorgebeugt, die
Lider tief über den Augen, mit dem feierlich, fast finstern Ausdruck
über dem Gesicht, wie er sonst in der Kirche darüber liegen mochte.
Denn in der sonntäglichen Stille war es über ihn gekommen, daß er dicht
um sich her eine große heilige Nähe fühlte, in der sein Denken und
Fühlen ein Echo fand. „Du dummer Lars,“ klang es ihm, und er beugte den
Kopf noch tiefer, -- „mit deinem Sorgen und Grämen und Zürnen! Es ist
ja alles für dich besorgt und das Wegziel gesteckt. Geh’ nur tapfer
geradeaus, du dummer Lars!“ --
[2] Mein Freund.