Kapitel VIII

Ein Schultag hatte sich an den andern gereiht mit Verbum und

Fallgesetzen, Extemporalien und Spektralanalysen. Herz und Muskel

erstarkten in prächtigen Schlägereien und der Sinn, der nach Innen

lauscht, in träumenden Wanderungen über schlickigen Ufersand.

Und Sonntag war dem Sonntag nachgerollt, keiner konnte sagen wohin.

Stille Viertelstunden neben der blonden Miete waren verronnen und immer

dringender werdende Gespräche mit Onkel Gust und seinem Freunde aus der

Stadt.

Und stille Sonntage mit ernstem, breitem Tönen aus dem alten Harmonium

und ernster, stockender Weisheit von Großvaters Lippen und dem alten,

klatschenden Getön der jauchzenden, schluchzenden, lockenden, zürnenden

Wellen.

Aus den schreienden, lachenden kleinen Quintanern waren langbeinige

eifrige Quartaner und endlich große ernste Tertianer geworden, die in

den Konfirmandenunterricht gingen.

Für Peter Lassen hatte sich das Leben verändert. Der große, starke

Mensch hatte alles das, was das Vaterland ihm an Bildung mitzugeben

gedachte, empfangen, und die Zeit der Arbeit schlug. Fischer Lassen

fischte seit Jahren mit in des alten Klaas Klaaßens Boot. Für einen

Dritten war weder Boot noch Fischgefährte da. So senkte denn Peter den

Kopf, daß ihm keiner in die wachen Blauaugen sehen konnte, und ging

aufs trockne Land als Ziegeleiarbeiter.

* *

*

Es war Ostermontag.

Die drei Freunde waren Palmarum eingesegnet worden. Sie gingen auf

den gelben Kieswegen auf und ab, und der Frühlingswind wischte

ihnen das Haar aus der Stirn. Es lag eine Feierlichkeit in den

Falten ihrer schwarzen Anzüge, und eine Feierlichkeit saß auf den

jungen Stirnen. Aber sie sprachen nicht viel über das, was tief im

Herzen vor sich ging, diese nordischen Jungen. Sie gingen eine Weile

still nebeneinander durch Onkel Gusts Garten in der weichen, warmen

Frühlingssonne.

Jakob Lind blieb manchmal stehn und sah auf das Krokusbeet nieder.

Die langen, feinen Blätter lüfteten sich von den Knospen und ließen

vereinzelt die Sonnenstrahlen einen Blick in das farbentiefe

Blüteninnere tun.

Jetzt blieb auch Hans stehn und schnitt mit dem Taschenmesser einen

Kerb in die junge Buche. -- „Weißt du, ich habe jetzt mit meinem Alten

gesprochen, Lars, und er erlaubt es.“

„Was denn?“ fragte Lars wie aus der Ferne.

„Na, daß ich nach dem Reifezeugnis auf das Polytechnikum darf. Was soll

unsereins denn mit dem ganzen gelehrten Kram. Vorwärts mit der Zeit

und ihren Entdeckungen, den greifbaren, praktischen!“ Er schnitt einen

großen Kerb in die Buche und sah sich dann triumphierend um. -- „Und du

Lars, hast du schon gesprochen?“

„Nein,“ sagte Lars und machte mit dem Fuß Zeichen in den Kies.

„Was will er denn sprechen?“ fragte Jakob.

„Na, doch natürlich, daß er auch aufs Polytechnikum möchte und Schiffe

bauen. Aber du, alter Jakob du, hast noch mächtig dicht gehalten mit

dem, was du werden willst, oder weißt du’s noch nicht?“

„Doch, und Lars weiß auch.“ Jakob sah fest vor sich hin.

„Na?“ fragte Hans.

„Theologie will er studieren,“ Lars scharrte noch im Sande. „Soo“ --

sagte Hans. -- Dann waren sie still und nahmen ihre Wanderung wieder

auf.

Oben am Fenster erschien von Zeit zu Zeit die Rückseite von Aages

rotem Kopf und gegenüber, mehr im Dämmern der Stube, das weiße

Spitzenhäubchen von Tante Jette. Es wippte auf und nieder, und sie

schienen eifrig zu reden. Tante Jette wollte ihnen allen einen

Osterschmaus machen. Sie hatte es mit einer so großartigen Würde

ausgesprochen, wie keine Königin zu ihrem Feste lud.

Jetzt klirrte das Fenster. Onkel Gust sah in den Garten: „Lars,“ rief

er, „Lars!“ Der lange steife Junge machte ein paar große Sätze ins Haus

hinein, und seine langen Beine nahmen immer gleich drei von den steilen

Treppenstufen. Aber oben blieb er einen Augenblick auf der dunklen

Treppe stehen, eh’ er die Klinke aufdrückte. Es hatte ihn auf einmal

etwas überkommen, das ihn umwehte, wie ein großer Ernst.

In der vorderen Stube ging Onkel Gust auf und nieder. Er war allein.

Durch die offene Tür konnte man Tante Jette und Aage am Fenster sitzen

sehn. Lars war bei der Tür stehen geblieben.

„Setz dich, mein Jung’, setz dich,“ sagte Onkel Gust. Da setzte er

sich auf den Stuhl bei der Tür. Und Onkel Gust ging auf und ab, die

Hände in den Hosentaschen. -- Man hörte, daß sich Tante Jette nebenan

räusperte.

„Ja, also mein Jung’, wir sind ja sehr zufrieden mit dir, und deine

Lehrer auch, besonders mit deinen Aufsätzen. Im Sprechen bist du

ja langsam, aber das Schreiben ist gut -- auch das andere --, aber

besonders das Schreiben, Herr Tiensen hat es auch gesagt.“

„Herr Tiensen?“ fragte Lars aus seiner Ecke. Herr Tiensen war der

höfliche Herr vom dänischen Blatt.

Lars hatte keine Ahnung, wo der Onkel hinwollte. „Ja, mein Junge, --

Herr Tiensen, gerade Herr Tiensen.“ Er war vor Lars stehen geblieben.

Jetzt spielte er mit der schweren, goldenen Uhrkette. „Und was ich

noch sagen wollte, -- wir möchten uns doch alle nützlich machen,

wo wir können, und der guten Sache dienen. Ich tue das ja auch, so

weit es in meinen Kräften steht, das weiß auch jeder.“ Es schimmerte

ordentlich feucht in Herrn Asmussens Augen, und die Stimme kam tief und

überzeugungsvoll aus seinem Fett herauf. „Und ich habe +schwer+

darunter gelitten, daß ich keinen Sohn hatte, den ich in den Dienst der

guten Sache stellen konnte. Und nun Herr Tiensen es bestätigt, daß du

begabt bist und einen guten Stil schreibst, ist es mir wie eine Gabe

des Himmels.“ Herrn Asmussens Augen ruhten in feuchter Rührung auf dem

Neffen. Aber der Neffe saß stumm und stocksteif im dunklen Winkel. „Ich

möchte, daß du von jetzt ab noch ganz besonders Gewicht darauf legst in

deinem Studium, -- besonders auf den Aufsatz, auf den Stil.“ --

„Aber so sag es ihm doch endlich,“ klang es scharf aus der Nebenstube.

„Ja, mein Jung’, denke dir, welch’ ein Glück für dich: Herr Tiensen

hält eine Stelle in der Redaktion seines Blattes für dich offen. Herr

Tiensen ist sehr mit Arbeit überlastet. Du weißt ja, mit der Agitation

und seiner Arbeit im Reichstag und was sonst, und er hofft nach allem,

was er gehört hat, daß du dich rasch heraufarbeiten wirst und bald eine

der oberen Stellen einnehmen und ihm in seiner großen, schönen Arbeit

zur Hand gehn wirst.“

Jetzt richtete sich der Junge langsam auf. Nun stand er da in seiner

ganzen Länge. Der Onkel trat rasch einen Schritt näher und legte ihm

die Hand auf die Schulter. „Ich weiß, ich weiß, mein Jung’, dein

Großvater hat dir manches dumme Zeug in den Kopf gesteckt. Aber nun

bist du groß und vernünftig geworden, und ich habe dir schon manche

klugen Schriften über unsere geschichtliche Entwicklung zu lesen

gegeben und dann über die wirtschaftlichen Vorteile und schließlich, du

bist jetzt alt genug, daß du eine ehrenvolle, sichere Versorgung nicht

mehr von der Hand weisen wirst. Es soll ja auch nicht gleich sein. --

Du hast ja noch Zeit. Aber du sollst dich darauf vorbereiten, du sollst

--“

„Nein, Onkel!“

Durch den Nebel: Roman · 第 57 / 90 题