Ein Schultag hatte sich an den andern gereiht mit Verbum und
Fallgesetzen, Extemporalien und Spektralanalysen. Herz und Muskel
erstarkten in prächtigen Schlägereien und der Sinn, der nach Innen
lauscht, in träumenden Wanderungen über schlickigen Ufersand.
Und Sonntag war dem Sonntag nachgerollt, keiner konnte sagen wohin.
Stille Viertelstunden neben der blonden Miete waren verronnen und immer
dringender werdende Gespräche mit Onkel Gust und seinem Freunde aus der
Stadt.
Und stille Sonntage mit ernstem, breitem Tönen aus dem alten Harmonium
und ernster, stockender Weisheit von Großvaters Lippen und dem alten,
klatschenden Getön der jauchzenden, schluchzenden, lockenden, zürnenden
Wellen.
Aus den schreienden, lachenden kleinen Quintanern waren langbeinige
eifrige Quartaner und endlich große ernste Tertianer geworden, die in
den Konfirmandenunterricht gingen.
Für Peter Lassen hatte sich das Leben verändert. Der große, starke
Mensch hatte alles das, was das Vaterland ihm an Bildung mitzugeben
gedachte, empfangen, und die Zeit der Arbeit schlug. Fischer Lassen
fischte seit Jahren mit in des alten Klaas Klaaßens Boot. Für einen
Dritten war weder Boot noch Fischgefährte da. So senkte denn Peter den
Kopf, daß ihm keiner in die wachen Blauaugen sehen konnte, und ging
aufs trockne Land als Ziegeleiarbeiter.
* *
*
Es war Ostermontag.
Die drei Freunde waren Palmarum eingesegnet worden. Sie gingen auf
den gelben Kieswegen auf und ab, und der Frühlingswind wischte
ihnen das Haar aus der Stirn. Es lag eine Feierlichkeit in den
Falten ihrer schwarzen Anzüge, und eine Feierlichkeit saß auf den
jungen Stirnen. Aber sie sprachen nicht viel über das, was tief im
Herzen vor sich ging, diese nordischen Jungen. Sie gingen eine Weile
still nebeneinander durch Onkel Gusts Garten in der weichen, warmen
Frühlingssonne.
Jakob Lind blieb manchmal stehn und sah auf das Krokusbeet nieder.
Die langen, feinen Blätter lüfteten sich von den Knospen und ließen
vereinzelt die Sonnenstrahlen einen Blick in das farbentiefe
Blüteninnere tun.
Jetzt blieb auch Hans stehn und schnitt mit dem Taschenmesser einen
Kerb in die junge Buche. -- „Weißt du, ich habe jetzt mit meinem Alten
gesprochen, Lars, und er erlaubt es.“
„Was denn?“ fragte Lars wie aus der Ferne.
„Na, daß ich nach dem Reifezeugnis auf das Polytechnikum darf. Was soll
unsereins denn mit dem ganzen gelehrten Kram. Vorwärts mit der Zeit
und ihren Entdeckungen, den greifbaren, praktischen!“ Er schnitt einen
großen Kerb in die Buche und sah sich dann triumphierend um. -- „Und du
Lars, hast du schon gesprochen?“
„Nein,“ sagte Lars und machte mit dem Fuß Zeichen in den Kies.
„Was will er denn sprechen?“ fragte Jakob.
„Na, doch natürlich, daß er auch aufs Polytechnikum möchte und Schiffe
bauen. Aber du, alter Jakob du, hast noch mächtig dicht gehalten mit
dem, was du werden willst, oder weißt du’s noch nicht?“
„Doch, und Lars weiß auch.“ Jakob sah fest vor sich hin.
„Na?“ fragte Hans.
„Theologie will er studieren,“ Lars scharrte noch im Sande. „Soo“ --
sagte Hans. -- Dann waren sie still und nahmen ihre Wanderung wieder
auf.
Oben am Fenster erschien von Zeit zu Zeit die Rückseite von Aages
rotem Kopf und gegenüber, mehr im Dämmern der Stube, das weiße
Spitzenhäubchen von Tante Jette. Es wippte auf und nieder, und sie
schienen eifrig zu reden. Tante Jette wollte ihnen allen einen
Osterschmaus machen. Sie hatte es mit einer so großartigen Würde
ausgesprochen, wie keine Königin zu ihrem Feste lud.
Jetzt klirrte das Fenster. Onkel Gust sah in den Garten: „Lars,“ rief
er, „Lars!“ Der lange steife Junge machte ein paar große Sätze ins Haus
hinein, und seine langen Beine nahmen immer gleich drei von den steilen
Treppenstufen. Aber oben blieb er einen Augenblick auf der dunklen
Treppe stehen, eh’ er die Klinke aufdrückte. Es hatte ihn auf einmal
etwas überkommen, das ihn umwehte, wie ein großer Ernst.
In der vorderen Stube ging Onkel Gust auf und nieder. Er war allein.
Durch die offene Tür konnte man Tante Jette und Aage am Fenster sitzen
sehn. Lars war bei der Tür stehen geblieben.
„Setz dich, mein Jung’, setz dich,“ sagte Onkel Gust. Da setzte er
sich auf den Stuhl bei der Tür. Und Onkel Gust ging auf und ab, die
Hände in den Hosentaschen. -- Man hörte, daß sich Tante Jette nebenan
räusperte.
„Ja, also mein Jung’, wir sind ja sehr zufrieden mit dir, und deine
Lehrer auch, besonders mit deinen Aufsätzen. Im Sprechen bist du
ja langsam, aber das Schreiben ist gut -- auch das andere --, aber
besonders das Schreiben, Herr Tiensen hat es auch gesagt.“
„Herr Tiensen?“ fragte Lars aus seiner Ecke. Herr Tiensen war der
höfliche Herr vom dänischen Blatt.
Lars hatte keine Ahnung, wo der Onkel hinwollte. „Ja, mein Junge, --
Herr Tiensen, gerade Herr Tiensen.“ Er war vor Lars stehen geblieben.
Jetzt spielte er mit der schweren, goldenen Uhrkette. „Und was ich
noch sagen wollte, -- wir möchten uns doch alle nützlich machen,
wo wir können, und der guten Sache dienen. Ich tue das ja auch, so
weit es in meinen Kräften steht, das weiß auch jeder.“ Es schimmerte
ordentlich feucht in Herrn Asmussens Augen, und die Stimme kam tief und
überzeugungsvoll aus seinem Fett herauf. „Und ich habe +schwer+
darunter gelitten, daß ich keinen Sohn hatte, den ich in den Dienst der
guten Sache stellen konnte. Und nun Herr Tiensen es bestätigt, daß du
begabt bist und einen guten Stil schreibst, ist es mir wie eine Gabe
des Himmels.“ Herrn Asmussens Augen ruhten in feuchter Rührung auf dem
Neffen. Aber der Neffe saß stumm und stocksteif im dunklen Winkel. „Ich
möchte, daß du von jetzt ab noch ganz besonders Gewicht darauf legst in
deinem Studium, -- besonders auf den Aufsatz, auf den Stil.“ --
„Aber so sag es ihm doch endlich,“ klang es scharf aus der Nebenstube.
„Ja, mein Jung’, denke dir, welch’ ein Glück für dich: Herr Tiensen
hält eine Stelle in der Redaktion seines Blattes für dich offen. Herr
Tiensen ist sehr mit Arbeit überlastet. Du weißt ja, mit der Agitation
und seiner Arbeit im Reichstag und was sonst, und er hofft nach allem,
was er gehört hat, daß du dich rasch heraufarbeiten wirst und bald eine
der oberen Stellen einnehmen und ihm in seiner großen, schönen Arbeit
zur Hand gehn wirst.“
Jetzt richtete sich der Junge langsam auf. Nun stand er da in seiner
ganzen Länge. Der Onkel trat rasch einen Schritt näher und legte ihm
die Hand auf die Schulter. „Ich weiß, ich weiß, mein Jung’, dein
Großvater hat dir manches dumme Zeug in den Kopf gesteckt. Aber nun
bist du groß und vernünftig geworden, und ich habe dir schon manche
klugen Schriften über unsere geschichtliche Entwicklung zu lesen
gegeben und dann über die wirtschaftlichen Vorteile und schließlich, du
bist jetzt alt genug, daß du eine ehrenvolle, sichere Versorgung nicht
mehr von der Hand weisen wirst. Es soll ja auch nicht gleich sein. --
Du hast ja noch Zeit. Aber du sollst dich darauf vorbereiten, du sollst
--“
„Nein, Onkel!“