Lars sollte erst mit dem Frühschiff nach der Stadt, so kam er noch
gerade zur Schule zurecht. Der Onkel hatte es diesmal so gewünscht.
Der Vollmond stand schon am Himmel, als er über die Koppeln nach
Onkels Hause schlenderte. Die grünschimmerige nordische Dämmerung und
das milde Mondgespinst aus gelblichem Geflimmer hatten alle Dinge
verzaubert. Lars sah sich um, blieb stehn und sah sich wieder um, und
ein Verwundern war in seinen Augen. Er kannte jeden Busch und jeden
Stein, und doch war heute so etwas Sonderbares ringsum. Es sah ihn
alles an so groß und feierlich und so in seltsam tiefe Zauberfarben
getaucht. Es wallte etwas in ihm auf, er wußte nicht, war es Lust
oder Leid, ein wonnig heißes Empfinden, die Liebe zu dieser stillen,
großen, geheimnisvoll-farbenglühenden Heimatwelt. -- Er warf sich in
den saftig-feuchten Klee und wälzte sich da wie ein Tier vor schierem
drängenden Behagen. Dann sprang er auf, sah bedenklich auf den
zerquetschten Klee und lief den ganzen Weg bis zu Onkel Gusts Haus;
denn es war spät, und er sollte eigentlich zum Abendbrot da sein.
Wie er sich scheu durch die Hintertür ins Haus drückte, zogen ihm
zugleich mit den herrlichen Wohlgerüchen zornig laute Töne aus der
Küche entgegen. Die Tante beklagte sich bei der Mamsell, daß das gute
Abendbrot verdarb, denn Onkel Gust hatte die Zeit wieder am Stammtisch
verpaßt.
Da schlug Lars die Mütze eilig über den Haken und setzte sich in die
Wohnstube, mit einem Gesicht, als säße er schon eine halbe Stunde auf
dem nämlichen Stuhl. Es dauerte auch nur kurz, da klang die Haustür
mit schrillem Geläut und laut redende Stimmen kamen die Treppe herauf.
Das Essen wurde auf den Tisch gestellt, und Miete half diensteifrig
beim Rücken und Richten; Lars aber fand, daß Tante Jettes Zorn
gerechtfertigt war, denn die Wohlgerüche hatten nicht getrogen. Sie
saßen um den runden Tisch unter der traulichen Hängelampe, und das
dänische Gespräch floß leicht und fröhlich. Onkel Gust hatte einen
fremden Herrn mitgebracht, der gewandt und höflich sprach und eine echt
dänische Ausdrucksweise hatte.
Die Teller wurden abgeräumt, und die Herren steckten ihre Zigarren
an, und Lars wunderte sich, wie schnell und treffend Tante Jettes
Bemerkungen über ihre feine Häkelei weg nach dem Tisch zu klangen, nun
sich die Rede zur Politik gewandt hatte.
Der fremde Herr kehrte sich oft zu dem stillen Jungen mit den großen
achtsamen Augen. Und mit der Zeit fühlte sich Lars geschmeichelt über
des fremden Herrn Freundlichkeit. Allmählich aber dämmerte in ihm eine
Ahnung davon auf, wer dieser Mann mit der gewandten höflichen Redeweise
war.
Vor bald einem Jahr war es einmal geschehn, daß Peter Lassen eine
Zeitung mitgebracht hatte, die sein Vater hielt. Sie lag auf dem Tisch,
an dem Großvater saß, und seine Augen fielen darauf. Er rückte langsam
herum, setzte seine Brille auf und fuhr mit dem Finger die Zeilen
entlang. Und während er las, zogen sich die buschigen, grauen Brauen
immer tiefer zusammen, daß sich die beiden Jungen schweigend an die
Wand drückten und Mutters Hände mit der Arbeit in den Schoß sanken. Da
kam es. -- Der alte Mann schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es
dumpf aufdröhnte. Und dumpf wie ein Gewittergrollen und unbeholfen und
stoßweise kamen die Worte: „Unser Lied, unser Lied, was wir gesungen
haben in Lust, wie wenn der Morgen kam, -- und in Not und Tod, -- daß
es uns war, rein wie ein Gebet, -- das machen uns die Halunken von
Agitatoren schlecht und nennen es ein Aufrührerlied! -- Schämen sollte
sich dein Vater, Peter, daß er so ein Schandblatt hält -- das sollst
du ihm man gern sagen, Junge. -- Wir stammen nur drüben von der andern
Seite der Bucht, aber wir haben das im Herzen und wissen, wie tief die
deutsche Art im Volk sitzt, daß sie selbst das Blut nicht herauswäscht
und all’ die elende Quälerei sie nicht herauskriegt, ebenso wenig
wie die fetten Lockköder. -- Nur ihr hier von der Grenze, euch hat
man hin- und hergeworfen, und die Fürsten haben mit euch gespielt,
wie Kinder mit einem Ball, -- da ist euer echtes Herz dabei flöten
gegangen, daß ihr nichts mehr deutlich und stark fühlen könnt und
mit jedem lauft, der euch winkt. Schade ist’s um euch und das schöne
Stückchen Land, jammerschade, -- und das kannst du gern deinem Vater
sagen, min Jung’, das kannst du gern sagen.“ -- Dann hatte der Alte mit
seinem feierlichen Gesicht das Blatt durchgerissen und war auf seinen
Pantoffeln zum Ofen hingeschurrt und hatte es da hinein gestoßen, und
dann hatte er langsam sein Harmonium aufgeschlossen, und schwer und
mächtig hatte er die Akkorde angeschlagen, und es hatte nicht lange
gedauert, da hatten sie alle mit eingestimmt, sogar die Mutter, in das
Lied, -- sein Lied, -- ihr Lied --, und es war ihnen allen ein Druck
in den Hals gekommen, der ihnen feucht in die Augen steigen wollte.
Und ein Nachklingen von den großen, schweren Akkorden war Lars immer
irgendwo im Winkel des Herzens geblieben.
Und jetzt, unter der traulichen Hängelampe bei dem leicht und gefällig
hinfließenden Gespräch war es Lars irgendwie zum Bewußtsein gekommen,
daß der höfliche Mann und das Blatt, das in Großvaters Ofen brannte,
zusammen gehörten. Und das Lied klang lauter durch seine Seele, und
die Antworten des Jungen wurden immer einsilbiger, bis Tante Jette
ihn ansah und Onkel Gust mit mißbilligendem Lachen sagte: „Geh’ man
lieber zu Bett, du dummer Bengel. Deine Zunge ist ja wohl rein schon
eingeschlafen.“
Da stand er auf und sagte Gute Nacht. Aber Mietes Kinn war ordentlich
spitz geworden vor Stolz, daß sie noch mit den Großen aufbleiben
durfte. --