Kapitel VII

Lars sollte erst mit dem Frühschiff nach der Stadt, so kam er noch

gerade zur Schule zurecht. Der Onkel hatte es diesmal so gewünscht.

Der Vollmond stand schon am Himmel, als er über die Koppeln nach

Onkels Hause schlenderte. Die grünschimmerige nordische Dämmerung und

das milde Mondgespinst aus gelblichem Geflimmer hatten alle Dinge

verzaubert. Lars sah sich um, blieb stehn und sah sich wieder um, und

ein Verwundern war in seinen Augen. Er kannte jeden Busch und jeden

Stein, und doch war heute so etwas Sonderbares ringsum. Es sah ihn

alles an so groß und feierlich und so in seltsam tiefe Zauberfarben

getaucht. Es wallte etwas in ihm auf, er wußte nicht, war es Lust

oder Leid, ein wonnig heißes Empfinden, die Liebe zu dieser stillen,

großen, geheimnisvoll-farbenglühenden Heimatwelt. -- Er warf sich in

den saftig-feuchten Klee und wälzte sich da wie ein Tier vor schierem

drängenden Behagen. Dann sprang er auf, sah bedenklich auf den

zerquetschten Klee und lief den ganzen Weg bis zu Onkel Gusts Haus;

denn es war spät, und er sollte eigentlich zum Abendbrot da sein.

Wie er sich scheu durch die Hintertür ins Haus drückte, zogen ihm

zugleich mit den herrlichen Wohlgerüchen zornig laute Töne aus der

Küche entgegen. Die Tante beklagte sich bei der Mamsell, daß das gute

Abendbrot verdarb, denn Onkel Gust hatte die Zeit wieder am Stammtisch

verpaßt.

Da schlug Lars die Mütze eilig über den Haken und setzte sich in die

Wohnstube, mit einem Gesicht, als säße er schon eine halbe Stunde auf

dem nämlichen Stuhl. Es dauerte auch nur kurz, da klang die Haustür

mit schrillem Geläut und laut redende Stimmen kamen die Treppe herauf.

Das Essen wurde auf den Tisch gestellt, und Miete half diensteifrig

beim Rücken und Richten; Lars aber fand, daß Tante Jettes Zorn

gerechtfertigt war, denn die Wohlgerüche hatten nicht getrogen. Sie

saßen um den runden Tisch unter der traulichen Hängelampe, und das

dänische Gespräch floß leicht und fröhlich. Onkel Gust hatte einen

fremden Herrn mitgebracht, der gewandt und höflich sprach und eine echt

dänische Ausdrucksweise hatte.

Die Teller wurden abgeräumt, und die Herren steckten ihre Zigarren

an, und Lars wunderte sich, wie schnell und treffend Tante Jettes

Bemerkungen über ihre feine Häkelei weg nach dem Tisch zu klangen, nun

sich die Rede zur Politik gewandt hatte.

Der fremde Herr kehrte sich oft zu dem stillen Jungen mit den großen

achtsamen Augen. Und mit der Zeit fühlte sich Lars geschmeichelt über

des fremden Herrn Freundlichkeit. Allmählich aber dämmerte in ihm eine

Ahnung davon auf, wer dieser Mann mit der gewandten höflichen Redeweise

war.

Vor bald einem Jahr war es einmal geschehn, daß Peter Lassen eine

Zeitung mitgebracht hatte, die sein Vater hielt. Sie lag auf dem Tisch,

an dem Großvater saß, und seine Augen fielen darauf. Er rückte langsam

herum, setzte seine Brille auf und fuhr mit dem Finger die Zeilen

entlang. Und während er las, zogen sich die buschigen, grauen Brauen

immer tiefer zusammen, daß sich die beiden Jungen schweigend an die

Wand drückten und Mutters Hände mit der Arbeit in den Schoß sanken. Da

kam es. -- Der alte Mann schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es

dumpf aufdröhnte. Und dumpf wie ein Gewittergrollen und unbeholfen und

stoßweise kamen die Worte: „Unser Lied, unser Lied, was wir gesungen

haben in Lust, wie wenn der Morgen kam, -- und in Not und Tod, -- daß

es uns war, rein wie ein Gebet, -- das machen uns die Halunken von

Agitatoren schlecht und nennen es ein Aufrührerlied! -- Schämen sollte

sich dein Vater, Peter, daß er so ein Schandblatt hält -- das sollst

du ihm man gern sagen, Junge. -- Wir stammen nur drüben von der andern

Seite der Bucht, aber wir haben das im Herzen und wissen, wie tief die

deutsche Art im Volk sitzt, daß sie selbst das Blut nicht herauswäscht

und all’ die elende Quälerei sie nicht herauskriegt, ebenso wenig

wie die fetten Lockköder. -- Nur ihr hier von der Grenze, euch hat

man hin- und hergeworfen, und die Fürsten haben mit euch gespielt,

wie Kinder mit einem Ball, -- da ist euer echtes Herz dabei flöten

gegangen, daß ihr nichts mehr deutlich und stark fühlen könnt und

mit jedem lauft, der euch winkt. Schade ist’s um euch und das schöne

Stückchen Land, jammerschade, -- und das kannst du gern deinem Vater

sagen, min Jung’, das kannst du gern sagen.“ -- Dann hatte der Alte mit

seinem feierlichen Gesicht das Blatt durchgerissen und war auf seinen

Pantoffeln zum Ofen hingeschurrt und hatte es da hinein gestoßen, und

dann hatte er langsam sein Harmonium aufgeschlossen, und schwer und

mächtig hatte er die Akkorde angeschlagen, und es hatte nicht lange

gedauert, da hatten sie alle mit eingestimmt, sogar die Mutter, in das

Lied, -- sein Lied, -- ihr Lied --, und es war ihnen allen ein Druck

in den Hals gekommen, der ihnen feucht in die Augen steigen wollte.

Und ein Nachklingen von den großen, schweren Akkorden war Lars immer

irgendwo im Winkel des Herzens geblieben.

Und jetzt, unter der traulichen Hängelampe bei dem leicht und gefällig

hinfließenden Gespräch war es Lars irgendwie zum Bewußtsein gekommen,

daß der höfliche Mann und das Blatt, das in Großvaters Ofen brannte,

zusammen gehörten. Und das Lied klang lauter durch seine Seele, und

die Antworten des Jungen wurden immer einsilbiger, bis Tante Jette

ihn ansah und Onkel Gust mit mißbilligendem Lachen sagte: „Geh’ man

lieber zu Bett, du dummer Bengel. Deine Zunge ist ja wohl rein schon

eingeschlafen.“

Da stand er auf und sagte Gute Nacht. Aber Mietes Kinn war ordentlich

spitz geworden vor Stolz, daß sie noch mit den Großen aufbleiben

durfte. --

Durch den Nebel: Roman · 第 56 / 90 题